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Samstag, 27. August 2011

Subjektive Objektbetreuung


Interaktiv ist, wenn alle mitmachen.
Show ist, wenn alle gaffen.
Kochen ist Kochen.

Fertig ist die interaktive Kochshow.

Gestern war ich den ganzen Tag als Nebendarstellerin in einer interaktiven Kochshow engagiert. Das geht so: In eine klitzekleine Fresshütte kommen 35 geladene Gäste und wollen den Koch beim Kochen begaffen. Zwischendrin wollen sie unbedingt ein langes scharfes Profimesser in der Hand halten und und sich vom Koch den Unterschied zwischen einer geschälten Zwiebel und einem abgehackten Finger erklären lassen. Das finden die Gäste aufregend, und deshalb gibt es die interaktive Kochshow.

Noch aufregender wird die interaktive Kochshow, wenn sie auf kleinster Fläche stattfindet, wo eigentlich schon 20 Anwesende ausreichen würden, um das Bedürfnis zu wecken, dem Nebenmann zur Rechten oder der Nebenfrau zur Linken das Profimesser in die Rippen zu jagen. Der Job der Nebendarstellerin besteht dann darin, überall gleichzeitig zu sein und dafür zu sorgen, dass am Ende tatsächlich geschmortes Kalbsfilet auf den Tellern liegt und nicht etwa frische Schlachtplatte mit geschmorten Rippen.

Darum bedarf eine interaktive Kochshow der wohlorganisierten interaktiven Vorbereitung. Um halb drei hatte es geheißen: "Um sechs kommen die Gäste, das schaffen wir locker", dabei den Umstand ignorierend, dass es um halb drei in der kleinen Fresshütte aussah wie bei Hempels unterm Sofa. Als es um halb fünf immer noch so aussah, als hätte ein Werwolf in die Hütte gerülpst, erlaubte ich mir die Frage, was das eigentlich für Leute seien, die um 18 Uhr in 35-Mann/Frau-Stärke anrücken würden. "Die Mitarbeiter von so einer Gebäudereinigungsfirma", hieß es. Aha. Augenblicklich erwachten meine Putzfraueninstinkte. Auf meine bis zum Haaransatz hochgezogenen Augenbrauen hieß es: "Nicht die Putzfrauen, sondern das Management." Ach so. "Also, das mittlere Management." Okay. Das mittlere Management einer Gebäudereinigungsfirma. Na dann.

Um 17 Uhr erschien, wie vom Himmel geschickt, eine weitere Nebendarstellerin in Gestalt einer Aushilfsputzfrau. Unteres Management, sozusagen. Eine blitzgescheite, sympathische, keineswegs auf den Mund gefallene, mit allen beruflichen Wassern gewaschene Kroatin. Ihr ist es zu verdanken, dass die Werwolfhütte um 18 Uhr aussah wie mit allen Wassern gewaschen. Die freche Bemerkung des Kochs an meine Adresse - "du machst dich gut als neue Frau Übermop" - ignorierte ich würdevoll.

Wenn 35 mittlere Manager einer Gebäudereinigungsfirma sich zu einer geschlossenen Gesellschaft versammeln, ist klar, dass den ganzen Abend beruflich gefachsimpelt wird. Selbstverständlich im branchenspezifisch geschlossenen Fachjargon. Da ich gewohnheitsmäßig mit den Ohren Maulaffen feilhalte, wurde ich schnell vertraut mit der Basisterminologie des mittleren Gebäudereinigungsmanagements: Objekte. Kräfte. Synergien. Objekteinheiten. Objektbetreuung. Von Subjekten, vulgo: Menschen, war nichts zu hören.

Als ich - mit Ohren so groß wie Garagentore - einem mittleren Managementsubjekt das Weißweinglas nachfüllte, glaubte ich mich dunkel zu erinnern, in grauer Vorzeit mal etwas von der 'Idee als Subjekt-Objekt-Einheit und als Bedingung der Wahrheit' gelesen zu haben. War das der olle Hegel? Keine Ahnung. Alles vergessen. Während der Weißwein ins Glas gluckerte und meine Ohren schlackerten, schoss mir impulsiv die Bedingung der Wahrheit durch den Kopf: Das, was du jetzt grade machst, ist ein klassischer Fall von Objektbetreuung. Vielleicht auch neoklassisch.

Einen ketterauchenden Objektexperten fragte ich höflich, ob ich mal so ganz subjektiv seinen Aschenbecher leeren dürfe, was der Objektraucher irgendwie köstlich fand. Er behielt mich für den Rest des Abends im Auge. Gegen Ende - es war schon spät, der Weißwein erstklassig, das Gewitter heftig - meldete sich beim Abräumen der vollgeregneten Aschenbecher das mittelhierarchische Gebäudereinigungssubjekt zu Wort und meinte leicht schwerenöterisch zu mir: "Ihnen merkt man an, dass Ihnen die Arbeit Spass macht!", worauf ich antwortete: "Stimmt, sogar ohne Trinkgeld!", worauf das Subjekt "Oho!" rief und mir einen Zehn-Euro-Schein zusteckte, worauf mir die Arbeit doppelt Spass machte.

Was lernen wir? Dass man sein Geld nicht geschenkt bekommt; man muss schon etwas dafür tun. Am besten irgendwas Interaktives. Weil, von nix kommt nix. Man muss ja nicht gleich dem Objekt das Messer an die Rippen setzen.


Montag, 29. November 2010

Wüst und kalt und leer


Himmelherrgottsakra war das kalt heute früh. Es war eine solche Kälte, dass ich nach zwei Minuten auf dem Fahrrad überhaupt nichts mehr gespürt habe, noch nicht mal die Kälte. Irgendwie fuhr das Rad wie ferngesteuert, so als ob es gar nichts mit mir zu tun habe, und nach etwa zehn Minuten war mir die Kälte so zu Kopf gestiegen, dass dieser sich vollkommen leer anfühlte. Also, nicht einfach bloß leer, sondern von einer geradezu metaphysischen Leere angefüllt.

Wenn man dann von Frau Übermop schräg angeschaut und gefragt wird: "Was guckst du so leer?", dann, ja, fällt einem dazu auch nichts mehr ein.

Bis auf das: Morgen früh soll es noch kälter werden.

Dienstag, 2. November 2010

Ohne Moos nix los


Manchmal, wenn es um Fragen von Zucht und Ordnung geht, geraten Frau Übermop und Mrs. Mop fürchterlich aneinander. Es fliegen dann die Fetzen.

via bookofjoe*

(Heißt, korrekt ins Deutsche übersetzt: Verarsch' dich nicht selber.)


*großklicken fürs Kleingedruckte

Freitag, 29. Oktober 2010

Aufs Brot geschmiert


"Und was kochst du heute?" werde ich oft von Frau Übermop gefragt.

Die Frage überfordert mich komplett, denn in aller Regel habe ich am Vormittag noch keinen blassen Schimmer, was ich nachmittags oder abends kochen werde. Anders Frau Übermop: Sie plant im voraus. Ich weiß seit vorgestern, dass es bei Übermops heute abend Kohlrouladen (legendär!) geben wird. Auch ist mir seit Tagen bekannt, was Frau Übermop am Samstagmittag auftischen wird, nämlich "nichts Besonderes, nur Kartoffelsalat (preisverdächtig!) mit Würstchen".

Ich selbst dagegen fange frühestens auf dem Fahrrad so gegen halb zwölf an, darüber nachzudenken, worauf ich heute Lust hätte. Was Frau Übermop in den Morgenstunden nicht davon abhält, mir die Frage stets aufs neue zu stellen. "Keine Ahnung", antworte ich dann stets aufs neue, und stets aufs neue schüttelt sie verständnislos den Kopf.

Heute fragte sie wieder. Statt "Keine Ahnung" sagte ich: "Nichts", weil mir sonnenklar war, dass ich heute bestimmt nichts kochen würde, denn gestern habe ich einen Wahnsinnslaib von einem Vollkornbrot gebacken, auf das ich mich schon den ganzen Morgen freute. Aha, meinte Frau Übermop, "also von hinten durch die kalte Küche", ein merkwürdiger Ausdruck, den ich weniger mit einer anständigen Brotzeit als vielmehr mit schwarzgelbem Getrickse assoziiere. Was ich aber für mich behielt. Erstens aus Prinzip und zweitens, weil das Telefon klingelte.

Frau Übermops Mann war dran. Wenn die beiden sich unterhalten, verstehe ich gemeinhin Bahnhof, weil Dialekt oder besser gesagt: Platt. Tiefstes, unkodierbares Platt. Fremdsprache mit sieben Siegeln. Satzkonstruktionen, die meine Ohren schlackern lassen, sofern ich überhaupt erfasse, worum es geht. Einen Satz verstehe ich inzwischen, weil er regelmäßig am Ende jedes Telefonates erfolgt; dann sagt Frau Übermop nämlich zu ihrem Mann: "Bring was für zum Kaffee mit!" Alles klar? Was. Für. Zum. Kaffee. Was sonst. Ein paar Stück Kuchen eben oder sonst irgendwas für zum Kaffee.

Auch heute trug sie, bevor sie den Hörer auflegte, ihrem Mann auf, was für zum Kaffee zu besorgen, und automatisch fing ich an zu überlegen, was ich noch besorgen könnte, um was für aufs Brot zu haben. Denn darum geht es ja: Wer ein gutes Brot hat, braucht was Gutes für aufs Brot. Versteht doch jeder. Ich stellte mir vor, wie ich an der Käsetheke stehen und zur Verkäuferin sagen würde: Ich brauch' was für aufs Brot. Kein Problem, würde die Verkäuferin erwidern, brauchen Sie vielleicht auch noch was für untern Käse, ein Brot zum Beispiel? Oder so.

Später fragte mich Frau Übermop in astreinem, fast steril klingendem Deutsch: "Und, was gibt es aufs Brot?" Keine Ahnung, gab ich bedauernd zurück - wo ich mich doch eben erst an das folkloristische Was für aufs Brot gewöhnt hatte. Es sollte aber noch besser kommen. Als ich um elf Uhr meine Sachen zusammengepackt hatte und bereits unter der Tür stand, rief sie mir nach: "Vergiss nicht, du brauchst noch was für zum aufs Brot!" Genau. Was, zum Teufel, brauche ich? Was für zum aufs Brot. Werde ich mein Lebtag nicht vergessen.

Dienstag, 19. Oktober 2010

Die lieben Nachbarn


Vive La France. Nachdem ich heute früh im Radio gehört hatte, dass im Nachbarland das Benzin immer weniger und der Widerstand immer mehr werden, dachte ich: Zeit für eine kleine Umfrage. Und zwar - wo sonst? - in meinem multiethnisch prekärgeprägten Berufsumfeld. Einfach so, aus Neugierde. Weil, ich persönlich finde das schon recht fesselnd, was sich zur Zeit auf der anderen Seite des Rheins abspielt.

Auf dem Fahrrad überlegte ich mir eine passende Einstiegsfrage. Was hältst du von den Franzosen? schien mir nicht schlecht, weil a. offene Frageform, b. schön allgemein gehalten und c. jeder irgendwie eine Meinung zu den Franzosen hat. Und wie das so ist, wenn man gefesselt ist von etwas, dann denkt man automatisch, die anderen wären davon auch gefesselt. Kann aber nach hinten losgehen.

Aber erst mal von vorne: Ich kehrte gerade die Hintertreppe, da fing der jugoslawische Getränkelieferant (ein Bosnier, der es vorzieht, sich als Jugoslawen zu bezeichnen) an, seine Kästen in den Keller zu wuchten. Er nennt mich seit längerem 'Mala' - ich ihn seit kurzem 'Malo', ohne einen blassen Schimmer zu haben, was beide Worte auf Jugoslawisch bedeuten. Manchmal sagt er auch 'Maletzka'. Heute rief er "Hallo Maletzka!" über den Hof, der Besen ruhte, Malo baute sich vor mir auf (Schrank von Mann) und wollte wissen, was es Neues gäbe.

Mein Einsatz. "Malo, was hältst du von den Franzosen?", fragte ich ihn mit einem gewissen Nachdruck in der Stimme. Malo schaute mich entgeistert an. Dann zog er seine Mundwinkel verächtlich nach unten, schnappte sich mit Schwung zwei volle Kästen, hievte sie auf die XXL-Schultern, beugte sich leicht vor, knurrte: "Phhh. Die Franzosen. Die haben keine Lust zu arbeiten!" und trat den Abstieg in den Keller an. Als er mit leeren Kästen die Treppe wieder hochkam, rief er: "Faul sind die!", und als er schließlich vor mir stand, mit Nachdruck in der Stimme: "Einfach faul und sonst nichts."

Von dieser Reaktion des Malo war die Maletzka einigermaßen überrascht, und nicht nur das, sondern provoziert. Ich bekam Lust, ein wenig rumzuätzen und meinte: "Alle Achtung, du hast dich ja ganz schön germanisiert." Malo grinste. "In Bosnien wäre ich auf der Straße, verstehst du?", antwortete er, und nach einer Pause: "Verstehst du, wie ich das meine? Ich wäre auf der Straße, weil ich keinen Job hätte, und deshalb wäre ich auf der Straße, um zu protestieren." Er hievte sich die nächsten zwei Kästen auf die Schultern und fügte hinzu: "Ich lebe aber nicht in Bosnien, sondern in Deutschland - ich will arbeiten, und in Deutschland habe ich Arbeit." Maletzka verstand, wenn auch widerwillig, und dann lachte Malo und sagte: "Außerdem, die Deutschen streiken nicht. Die Deutschen? Nie im Leben!"

In dem Moment erschien Frau Übermop im Treppenhaus und kommentierte lakonisch von hinten: "In Deutschland wird nicht gestreikt!" - auch sie mit einem gewissen Nachdruck in der Stimme, so als ob sie ergänzt hätte "...und das ist auch gut so". Schwerbeladen pumpte Malo an ihr vorbei und schnaubte: "Ihr Deutschen habt dauernd Angst. Angst, dass ihr eins auf den Deckel kriegt. Deshalb rührt ihr euren Arsch nicht. Für einen Jugoslawen ist es schwer zu verstehen, vor was die Deutschen eigentlich so viel Angst haben." Es klang spöttisch und ein bisschen mitleidig.

Dann fuhr der marokkanische Gemüselieferant zum Hof herein. Ich so zur Begrüßung: "Hey, was hältst du von den Franzosen?", und er, empört und mit großem Nachdruck: "Ich bin doch kein Franzose!" und weiter: "...haben die nix anderes zu tun als Chaos im Land zu machen?" und schließlich: "Die Franzosen sind ein faules Volk." Umfragen können sich vernichtend anfühlen.

Tendentiell krawallig erinnerte ich den Marokkaner daran, dass sich 'die Franzosen' zu einem erheblichen Teil aus seinen Landsleuten rekrutierten; ob er etwa glaube, die in Frankreich lebenden Marokkaner würden aus Faulheit auf die Straße gehen? Beschwörend hob er beide Hände: Marokkaner, das sei etwas ganz anderes als Franzosen, "die schuften extrem hart in Frankreich - wenn die auf die Straße gehen, haben sie einen Grund!" Ich verstand. Aber auch wieder nicht.

Beim Kaffeetrinken fragte ich den spanischen Hausmeister, was er von den Franzosen hielte. "Überhaupt nichts", knarzte er (mit Nachdruck!), "die sind zu faul zum Arbeiten. Franzosen eben. Savoir vivre." Und nach kurzer Pause: "Die Franzosen werfen uns Spaniern immer vor, wir seien faul, weil wir unsere Siesta so lieben", obwohl doch, fuhr er fort, die Produktivität eines Menschen eindeutig gesteigert werde durch eine anständige Siesta, wie sich eben an den Spaniern beweisen ließe.

Trotzdem, machte er etwas gönnerhaft weiter, "...streiken können sie wirklich - die Franzosen wissen, wie's geht, das macht ihnen kein Land nach. Sie können zwar nicht arbeiten, dafür können sie richtig gut streiken." Er sagte dies teils anerkennend, teils abschätzig; etwa so, wie man über einen ausgebufften, erfolgreichen Kriminellen spricht, der einem imponiert.

Dann allerdings verspürte er ein dringendes Bedürfnis, sein Kompliment an die Franzosen zu relativieren: "Erst mal abwarten, ob sie es wirklich schaffen." Wie?, es?, was?, fragte ich ihn erstaunt. "Na, noch haben sie keinen Generalstreik geschafft!", erklärte der Spanier triumphierend, "das müssen sie erst mal beweisen! Erst dann spielen sie in der gleichen Liga wie wir. Vor ein paar Wochen war in ganz Spanien Generalstreik. Wenn die Franzosen das hinkriegen, habe ich Respekt vor ihnen."

Ach so. Die ganze Sache lässt sich natürlich auch sportlich nehmen, mit so einem olympisch angehauchten Grundgedanken. Für einen Moment verlor ich mich in Phantastereien, wie es wäre, wenn die Völker dieser Erde in einen edlen Wettstreit träten, welches von ihnen wohl am besten streike. Dass den Deutschen hierfür jeglicher patriotische Ehrgeiz abgeht, versteht sich von selbst. Es stimmt schon, die Franzosen und die Spanier haben es drauf, die Italiener sind auch nicht schlecht, und erst die Griechen! - hat man ja kürzlich gesehen. Halt wieder mal die üblichen Verdächtigen, all diese Südeuropäer. Obwohl, erst neulich haben die Iren es ordentlich krachen lassen, und waren es davor nicht die Isländer, die, vulkanähnlich, ihren geballten Zorn öffentlich entladen hatten? Es müssen ja nicht überall die Deutschen die Sieger sein - man kann sich auch ganz sportlich mit den anderen freuen. Hauptsache, es kommt Bewegung ins Hamsterrad.

Als ich gerade Feierabend machte, erschien einer der Weinlieferanten. Ein Deutscher. Genauer gesagt, ein Pfälzer. Eigentlich machte ich mir wenig Hoffnung, dass ausgerechnet ein deutscher Weinlieferant meine Umfragewerte noch herumreißen würde können; aber da ich weiß, dass er sein Weingut direkt an der Grenze zu Frankreich hat, dachte ich, Mensch, der ist irgendwie hautnah dran, mal sehen, was er so meint.

Ich also: "Sag mal, was hältst du von den Franzosen?", und er ließ die soeben angehobene schwere Weinkiste wieder sinken, stemmte beide Fäuste in die Seiten und antwortete voller nachdenklichem Ernst: "Willst du meine ehrliche Meinung hören?", ich so: "Klar!", und er: "Ich denke, es wird allerhöchste Zeit, dass die Leute endlich aufwachen und kapieren, dass sie nach Strich und Faden verarscht worden sind und dass sie, wenn sie das nicht kapieren, in Zukunft noch schlimmer verarscht werden. Die Franzosen haben's anscheinend kapiert."

Und nach einer Pause: "Mich freut das irgendwie." Prüfend musterte er mich, dann sagte er: "Aber nicht, dass du das jetzt falsch verstehst!" Ich musste lachen und freute mich. Ich freute mich über dasselbe wie der deutsche Weinlieferant, freute mich außerdem über den Weinlieferanten sowie darüber, dass er sich über dasselbe freute wie ich.

Seltene Momente sind das im Leben, ganz seltene. Und kostbare. Und was die Umfrageergebnisse angeht - na ja, sind vielleicht nicht exakt das, was man unter fesselnd versteht, liefern aber Stoff zum Nachdenken. Ist doch schon mal was.

Dienstag, 21. September 2010

Worte und Taten


"Die hat doch ein Rad ab!", rief der Weinlieferant, während er Zeitung las. Als ich an seinem Tisch vorbeilief, hob er den Kopf, schüttelte ihn entgeistert und wiederholte: "Die hat doch ein Rad ab!" Ich verstand nichts. Er fuhr fort: "Anders kann man sich das gar nicht erklären - die muss doch ein Rad ab haben, oder?" Ich fragte, wer ein Rad ab habe. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. "Alle", sagte er nach kurzem Innehalten, "die haben alle ein Rad ab."

Vor dem Lieferanten lag der aufgeschlagene Politikteil der Zeitung. Allmählich konnte ich ihm folgen. Bei "alle" war ich ganz seiner Meinung, aber wen meinte er mit "die"? "Na, die Merkel", gab er ungeduldig zurück, "wen denn sonst." Wieso gerade die ein Rad ab habe, wollte ich wissen. "Weil die", schnaubte der Mann, "für alles Verständnis hat. Man kann aber nicht für alles Verständnis haben." Weil es mir weiterhin an Verständnis fehlte, tippte er mit dem Zeigefinger auf einen Artikel auf der linken Seite: "Da steht: Sie sagt, sie hat Verständnis dafür, dass die HRE Bank ihre Mitarbeiter mit Bonuszahlungen belohnt." Dann tippte er auf einen Artikel auf der rechten Seite: "Und hier steht: Sie sagt, sie hat Verständnis dafür, dass die Bürger sich über diese Bonuszahlungen aufregen." Dann tippte er sich mit dem Finger an die Stirn: "Und ich sage: Die hat doch ein Rad ab, oder?"

Während ich ihm einen Kaffee machte, sagte ich, dass ich Verständnis dafür hätte, dass er zu diesem Befund komme. Im Vorbeigehen sagte Frau Übermop, dass sie Verständnis für Frau Merkel habe, denn die müsse es ja schließlich allen recht machen. Dafür, sagte ich, hätte ich überhaupt kein Verständnis. Worauf Frau Übermop sagte, mir fehle eben das Verständnis für Politik. Wofür wiederum der Weinlieferant kein Verständnis aufbrachte.

"Im übrigen", ergänzte er, "wer Verständnis für jemanden hat, sollte das nicht nur sagen, sondern vor allem zeigen. Durch entsprechende Taten." Während ich noch am Überlegen war, ob er damit Frau Merkel, Frau Übermop oder mich gemeint hatte, verschwand er kurz nach draußen. Bei seiner Rückkehr überreichte er mir eine wunderschöne schlanke Flasche mit schwarz-rot gemaltem Etikett, darinnen ein (wie ich mich soeben überzeugt habe) vorzüglicher selbstgekelterter Prosecco.

Ein Mann des Wortes und der Tat, denke ich mir, so einen trifft man auch nicht alle Tage. Und weil dem Wort, so es denn Wirkung haben soll, die Tat zu folgen hat, trinke ich gleich noch ein zweites Glas. Lange nicht mehr so etwas Feines genossen.

Donnerstag, 16. September 2010

Gäste


Als ich heute vom Keller hoch ins Lokal kam, saß an einem Tisch eine nette blonde Frau und wärmte sich durchfroren die Hände an einer Tasse Kaffee. Sie kam mir bekannt vor, ich wusste aber nicht, woher. Ihr schien es umgekehrt genauso zu gehen. Neugierig musterte sie mich von oben bis unten - schwarze Schürze, rote Schuhe, blaue Kapuze auf dem Kopf, alles von zweifelhafter Sauberkeit - und fragte mich: "Arbeitest du hier?"

Ich bejahte. Dunkel meinte ich mich zu erinnern, die Frau vor unendlich vielen Jahren hier im Service erlebt zu haben. Oder auch nicht. Es ist so schwer, sich an Zeiten zu erinnern, an die man sich kaum mehr erinnern kann. Ich schaute die Frau an. Die Frau schaute mich an. Ihr Gesicht war offen. Sie rührte in ihrem Kaffee und sagte halb fragend, halb feststellend: "Ich dachte, du wärst hier mal Gast gewesen?" Da musste ich aus der Tiefe meines Bauches lachen und rief: "Das dachte ich auch mal!"

Sie verstand sofort und grinste breit. Solche Menschen gibt es, aber es gibt davon viel zu wenige. Menschen, die nicht innerlich (oder auch physisch) davonlaufen, wenn sie einer Putzfrau gegenüberstehen, die sie aus einem ganz anderen früheren Leben kennen. Menschen, die da bleiben und verstehen und darin einen Grund zum Lachen erkennen. Menschen, die nicht ausweichen, sondern den Blickkontakt suchen. Solche Menschen sind eine Wohltat.

"Schlechte Zeiten, was?", antwortete sie, während sie über ihren Kaffee blies und ihre Worte nickend bekräftigte. In diesem Moment hätte ich rein gar nichts dagegen gehabt, sie als Putzkollegin an meiner Seite zu haben. Es gibt Menschen, in deren Gegenwart hebt sich die Stimmung irgendwie von allein.

Schlechte Zeiten. Mehr gab es eigentlich nicht zu sagen, und so resümierte ich: "Es is', wie's is'", was die hinterm Tresen wienernde Frau Übermop - immer noch im Krächzmodus, aber des rustikalen Reimens mächtig - zu der Bemerkung hinriss: "Schiefer Arsch,
schiefer Schiss".

Womit das Thema erschöpfend behandelt wäre.

Dienstag, 14. September 2010

Im Schweiße deines Angesichts


Eine gute Putzfrau geht putzen, auch wenn sie krank ist. So weit waren wir schon. Trotzdem ist, wenn zwei das Gleiche tun, es noch lange nicht dasselbe.

Mrs. Mop zum Beispiel fuhr in der Hochblüte ihrer Erkältung mit angezogener Handbremse und hat ihr Arbeitstempo gedrosselt. Sie hat sich in der Zeit sogar geweigert, das Kühlhaus zu putzen, weil es ihr dort zu kalt war. Keine zehn Pferde hätten sie in das verdammte Kühlhaus gebracht. Auch kein Ganzkörpergrobstrickanzug mit Sehschlitz. Auch kein dreifacher Stundenlohn. Basta.

Frau Übermop hingegen legt sich doppelt und dreifach ins Zeug. Wobei es sie, wenn wir schon am Vergleichen sind, erkältungstechnisch um einiges härter getroffen hat als mich. Dennoch schuftet sie wie zehn Pferde. Trägt unentwegt ihre Zewa-Rolle unterm Arm mit sich herum, schniefend, triefend, mit leicht fiebrigem Glanz in den Augen. Schuftet sich halbtot. Ich kann es nicht fassen.

"Du spinnst", sagte ich zu ihr in beinahe rüdem Ton. Es kam keine Antwort. Es konnte keine Antwort kommen, weil Frau Übermops Stimme in Mitleidenschaft gezogen war. Darum gab es keinen weiteren Disput. Ich stand da und konnte es nicht fassen. Sie wirkte wie ein aufgezogenes, aber entkräftetes Uhrwerk, was jeden Augenblick zusammenzubrechen droht. Schwer zu ertragen.


Montag, 13. September 2010

Übertragung


Als ich heute früh das Fahrrad vor dem Restaurant parkte, waren durch die gekippten Fenster laute, vitale Geräusche zu vernehmen. Sie klangen vertrauter als mir lieb war. Drinnen hustete, nieste und schneuzte es weltmeisterlich. Oh je, dachte ich. Jetzt hat's die Übermop erwischt. Und das, wo die Mop doch gerade mal so übern Berg ist. Ob ich noch schnell zur Nachtapotheke fahre, überlegte ich, und mir einen Mundschutz besorge? Da stand sie schon in der offenen Tür mit einer Rolle Zewa unterm Arm. Riss Blatt für Blatt ab und hörte nicht mehr auf sich zu schneuzen.

Schamlos fragte ich sie mit einer gewissen Strenge in der Stimme, warum sie um Himmels willen nicht im Bett geblieben sei? "Bist du wahnsinnig?", schnaubte es zwischen den Papiertüchern hervor, "ich kann doch den Betrieb nicht im Stich lassen." Bist du bescheuert?, wollte ich fragen, ließ es aber, weil es ja noch nicht so lange her ist, dass ich meine eigene Dummheit ventiliert habe, auch wenn meine etwas anders gelagert war als die von Frau Übermop. Trotzdem schaffte es mein Zeigefinger, ohne mein Zutun mir an die Stirn zu tippen.

Frau Übermop baute sich vor mir auf wie der leibhaftige Vorwurf: "Du bist schuld, du hast mich angesteckt!" Wer wollte da widersprechen? Die Wahrscheinlichkeit war zumindest groß. Ich entschuldigte mich und versprach, es werde nicht wieder vorkommen, weil ich bei der nächsten Erkältung im Bett bleiben würde. "Untersteh' dich!", fing sie an zu krawallen und wollte tief Luft holen, was in einen mörderischen Hustenanfall mündete. Kenn' ich alles. Ich klopfte ihr auf den Rücken, bot ihr ein Eukalyptusbonbon an und verschwand in die Küche.

Danach gaben sich die Lieferanten die Klinke in die Hand. Mop und Übermop husteten sich durch ihre Reviere. Einmal blieb sie im Kücheneingang stehen und fragte mich: "War das dein Ernst vorher?" Bevor ich bejahen konnte, klingelte das Telefon. Frau Übermop nahm krächzend Reservierungen entgegen. Dann kam der Schornsteinfeger. Nach ihm der Postbote. Schließlich einer der Geschäftsführer. Wir beschlossen, das Gespräch morgen fortzusetzen.

Donnerstag, 2. September 2010

Stichtag


Kaum ist man das eine Übel (Steuererklärung) los, überfällt einen das nächste (Wespen). Heute Zugriff im Doppelpack: Zwei Wespen stachen mich nahezu gleichzeitig in die linke Ellbogenbeuge. Im Nu glich die Ellbogenbeuge einer Ellbogenbeule. Ich brüllte wie am Spieß und wäre um ein Haar aus dem Fenster gefallen, das ich gerade am Putzen war.

Frau Übermop eilte mit frisch geschnittenen Zwiebeln herbei und erzählte umgehend von einer Fernsehsendung, die sie neulich gesehen habe: Heuer träten die Viecher besonders zahlreich auf, und als ob das nicht schon genug wäre, nein, die Tiere seien auch noch in mehreren Generationen unterwegs, und als ob das nicht schon genug wäre, nix da, sie seien dieses Jahr auch noch besonders aggressiv, was, so Frau Übermop, daher rühre, dass entweder der Winter so lange gedauert habe oder der Sommer so spät in Fahrt gekommen sei, was in meinen Augen Jacke wie Hose und mir außerdem völlig wurscht war, worauf Frau Übermop beschwichtigte, es sei ja gut, sie habe ja nur zum Ausdruck bringen wollen, dass die Wespen dieses Jahr besonders "brisant" seien, womit sie ohne jeden Zweifel recht hatte, auch wenn sie eigentlich "präsent" meinte, was mir in dem Moment aber ebenfalls Jacke wie Hose war.

Als sie mit der nächsten frischen Zwiebel kam, beging sie den Fehler, beiläufig anzumerken, dass Wespen eigentlich ganz friedliche Tiere seien, "solange du ruhige, langsame Bewegungen hast". Darauf brüllte ich - nicht etwa wie von zwei Wespen, sondern von siebzehn Taranteln gestochen -, das solle sie mir bitte mal vormachen: mit ruhigen, langsamen Bewegungen die Oberlichter putzen, ein Bein drinnen auf der Heizung, ein Bein draußen auf dem Fenstersims, ein Arm nach oben gestreckt mit dem nassen Fensterleder in der Hand, in der anderen Hand den Eimer mit dem Essigwasser...ha!, Essigwasser, das war das Stichwort! Wespen lieben Essiggeruch - fiel mir ein, während ich auf das essiggetränkte Fensterleder deutete, das ich zum Zeitpunkt der Attacke auf die hübschen Zwergenastern geschmissen hatte, denen der Essig gar nicht gut zu bekommen schien, mir doch egal, jedenfalls wurden die Zwergenastern von einer kleinen Wespenflugstaffel nervös umkreist, und ich gab Frau Übermop zu verstehen, dass das mit den ruhigen Bewegungen wohl Essig sei. Hat sie dann auch eingesehen; nicht weil sie es eingesehen hat, sondern weil sie es angesichts meiner Tobsuchtsneigung für klüger hielt, so zu tun als ob. Auch dies ein Fall von Jacke wie Hose.

Eben habe ich ergoogelt, dass die große Flug- und Fresszeit der Wespen Ende August erst beginnt, um sich dann bis Anfang Oktober zu steigern und erst Mitte des Monats wieder abzuebben. In diesem Zeitraum seien die Wespen besonders gefräßig, weil sie in der Natur nicht mehr genügend Nahrung finden und darum den großstädtischen Duftlockstoffen hinterhersurren. Das kann ja heiter werden, dachte ich und beschloss auf der Stelle, bis Mitte Oktober in einen befristeten Fensterputzstreik zu treten.

Ach ja, und überall findet sich der wohlmeinende Ratschlag, sich eine einfache, aber wirkungsvolle Wespenfalle zu bauen: Ein Tellerchen voll Essigwasser wirke Wunder, indem es die Wespen magisch anlocke und von allen Zwetschgendatschis und Apfelsaftschorle dieser Welt zuverlässig ablenke. So machen wir das bis Mitte Oktober - draußen ein Tellerchen Essigwasser auf den Sims, drinnen eine Mrs. Mop am Tisch, sich von Datschi und Schorle ernährend, denn irgendwas muss sie ja tun in der Zeit, wo sie normalerweise Fenster putzt. Wobei das statt Datschi und Schorle gern auch Lammhaxe und Rotwein sein dürfen - wie schon gesagt, Jacke wie Hose.

Dienstag, 31. August 2010

Steuergeschenk


Heute früh in der Kaffeepause traf mich ein scharfer Seitenblick von Frau Übermop, gefolgt von der Frage: "Was guckst du so brummig?" Ich seufzte angenervt und antwortete, ich müsse heute noch meine Einkommenssteuererklärung erledigen. "Welches Einkommen?", fragte sie halb verwundert, halb sarkastisch weiter - damit zart andeutend, dass es zumindest in unser beider gastronomischem Wirkungsbereich noch keiner vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft habe, womit sie, wie üblich, den Nagel auf den Kopf traf.

"Wer hier arbeitet, braucht Geld" ist einer von Frau Übermops Lieblingssprüchen. Ich finde, der Spruch gehört mit bunten Kreuzstichen auf eine blütenweiße Schürze gestickt und - einem Transparent ähnlich - über den Hintereingang gehängt. Normalerweise betont sie dabei überdeutlich das Wort "Geld", um klar zu machen, worum es geht. Heute brachte sie ihren Spruch wieder aufs Tapet, diesmal mit starker Akzentuierung des Wortes "braucht", um - dem Thema Steuern angemessen - zu ergänzen mit "...der hat keins zu verschenken."

Ich finde, damit ist eigentlich alles zu meiner diesjährigen Einkommenssteuererklärung gesagt. Ausgesprochen sinnig wäre es, dem Finanzamt ein nettes Grußkärtchen mit Frau Übermops Leitspruch zu schicken, mit dem Vermerk auf dem Umschlag oben rechts "Entgelt bezahlt der Empfänger" - wenn nur das Finanzamt nicht so bekannt wäre für seine humorresistente Herangehensweise. Vermutlich hätte ich die Steuerfahndung schneller am Hals als ich meine paar Kröten auf den Kopf hauen könnte.

Nützt aber alles nichts. Ich muss da jetzt durch. Morgen ist Stichtag. Ich wünschte, es wäre übermorgen.

Montag, 30. August 2010

Wiedersehensfreude


War dann doch nicht so dramatisch wie befürchtet - mein Wiedereinstieg ins prekäre Arbeitsleben. Zwar schaufelte ich mich die erste Viertelstunde auf dem Fahrrad fluchend durch gigantische Schlammhalden, Pfützen so groß wie der Bodensee und mit einer Laune zum Davonfahren. Aber merkwürdig, etwa auf halber Strecke legte sich so eine Art Hebel in mir um, und plötzlich dachte ich: Du fährst jetzt da hin, wo du hingehörst. Irgendwie war das beruhigend. Keine Ahnung, wieso.

So richtig unwiderruflich legte sich der Hebel um, kurz nachdem Frau Übermop mir die Tür im Hinterhof zum Restaurant geöffnet hatte. Dieses allmorgendliche Türöffnen hat stets den gleichen fast ritualhaften Ablauf: Frau Übermop kommt die vier Stufen vom Restaurant herab, öffnet mit einer Hand die Tür, dreht sich bereits im Öffnen wieder ab mit dem Rücken zur Tür, stapft die vier Stufen wieder hoch, ich betrete den Hausflur und stapfe ihr hinterher, sie ruft durchs Treppenhaus "Morgen!", ich rufe zu Frau Übermops langem Rücken "Morgen!". Dann betreten wir das Lokal, erst sie, dann ich, sie geht zum Tresen, schrubbt dort irgendwas, ich stelle meinen Rucksack ab und fummele meine Sachen heraus; in der Zeit dreht sich Frau Übermop zu mir um und schaut mir zu. Erst in diesem Moment sehen wir einander zum ersten Mal an - nachdem also Frau Übermop genügend Zeit zum Mich-abchecken gehabt hat. Sie ist schon ein alter Fuchs, irgendwie.

Als sie sich heute früh vom Tresen weg zu mir umdrehte, habe ich in ihr Gesicht geschaut und gesehen, dass sie sich freute. Sie freute sich, dass ich wieder da war. Das mag jetzt nach nichts Besonderem klingen, aber bei Frau Übermop kommt das einem emotionalen Vulkanausbruch gleich; sie ist halt nun mal nicht exakt das, was man sich unter einem Emo-Knuddel vorstellt. Darum war es heute früh so etwas Besonderes, als ihr kerniges, markantes Gesicht vor Freude leuchtete. Es hat mich so froh gestimmt.

Was die Übermop selbstredend nicht davon abgehalten hat, prüfend die Augenbrauen zu heben und zu meinen: "Na, so furchtbar erholt siehst du aber nicht aus", worauf ich ihr beschied, dass es normal sei um diese Uhrzeit, unerholt auszusehen, was sie zu der Bemerkung nötigte: "Unsinn - gib's zu, du hast eine Woche lang gelumpt!", worauf ich frohgestimmt die Waffen streckte und wahrheitsgemäß "Ja" sagte.

Sie schaute mich an und freute sich. Ich mich auch.

Dienstag, 17. August 2010

Urlaubsreife


Es herbstet mit Macht. Trotzdem sind wir mitten im Hochsommer, was sich vor allem daran bemerkbar macht, dass die Alltagskonversationen von zwei Fragen beherrscht werden: 1. Warst du schon im Urlaub? und/oder 2. Wo warst du in Urlaub? Nun ist mir persönlich die erste Frage lieber. Denn ich kann sie mit einem knappen Nein beantworten, um sodann den Smalltalk umzulenken auf Themen, die mich mehr interessieren und zu denen ich mehr zu sagen habe, zum Beispiel zum aktuellen Wetter - da kann ich vollkompetent mitreden.

Bei der zweiten Frage wird es komplizierter. In aller Regel wird sie gestellt von einer Person mit stark gebräuntem Gesicht und einem für die derzeitige Witterung allzu offenherzigen Outfit, der den Blick auf ein Zuviel an weiteren braungebrannten Körperteilen ermöglicht, was mich immer etwas frösteln lässt, denn, wie gesagt, es herbstet. Das Gespräch verläuft dann häufig so:
(braungebrannte Person:) Wo warst du in Urlaub?
(ich:) Ich war nicht in Urlaub.
(braungebrannte Person:) Wann fährst du in Urlaub?
(ich:) Ich fahre nicht in Urlaub.
(braungebrannte Person:) Ach.
(ich:) Ja.
(braungebrannte Person:) Ach ja?
(ich:) Ja.
An der Stelle fällt der braungebrannten Person meistens nichts mehr ein, weshalb sie irritiert die Augenbrauen hebt und mich fragend anschaut, so als ob ich ihr eine Antwort schuldig geblieben sei; dabei habe ich doch zu allen Fragen wahrheitsgemäß und lückenlos Stellung bezogen.

Für mich gibt es dann zwei Verhaltensoptionen, je nach meiner aktuellen Gemütslage:

Bin ich gerade stoisch drauf, hebe ich meinerseits die Augenbrauen, um zu signalisieren, dass nicht ich, sondern die braungebrannte Person an der Reihe ist weiterzufragen. Meistens geht das Gespräch dann so weiter:
(braungebrannte Person:) Äh, wie, du meinst...?
(ich:): Was?
(braungebrannte Person:) Ja gut, also, man muss ja auch nicht unbedingt jedes Jahr in Urlaub fahren.
(ich:) Stimmt.
(braungebrannte Person:) Wo warst du denn letztes Jahr in Urlaub?
(ich:) Letztes Jahr war ich auch nicht in Urlaub.
Spätestens etwa um diesen Dreh herum wird es der braungebrannten Person sehr unbehaglich, so dass sie sich bemüht, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, was mir willkommen ist, denn dann brauche ich das nicht zu tun. Wobei das Restgespräch meist außerordentlich kurz zu verlaufen pflegt, was mir dann auch recht ist.

Bin ich dagegen eher genervt, sei es von der Fragerei selbst oder von irgend etwas anderem, trachte ich danach, möglichst schnell auf den Punkt zu kommen, schließlich habe ich meine Zeit auch nicht gestohlen. Dann setzt sich das Gespräch wie folgt fort:
(ich:) Ich habe kein Geld, um in Urlaub zu fahren.
(braungebrannte Person:) Oh - äh, ah ja. Mhm. (Pause.) Das tut mir leid für dich.
(ich:) Muss dir nicht leid tun.
(braungebrannte Person:) Ähm, ja. (Pause.) Na ja, ich würde dir einen Urlaub schon gönnen.
(ich:) Das ist nett.
(braungebrannte Person:) Ja, also - Mensch, du, vielleicht klappts ja nächstes Jahr mit in Urlaub fahren!
(ich:) Glaub' ich eher nicht.
Spätestens etwa um diesen Dreh (meist aber schon früher) beende ich unverbindlich das Gespräch, worüber, wenn mich nicht alles täuscht, die braungebrannte Person irgendwie ziemlich erleichtert zu sein scheint. Ich auch.

Wer jetzt denkt, ich könne einem schönen Urlaub nichts abgewinnen, der irrt. Ende Juli habe ich nämlich spontan beschlossen, im August eine Woche Urlaub von der Putzerei zu machen und dies der Frau Übermop mitgeteilt. Das Gespräch verlief so:
(Frau Übermop:) Wo fährst du denn hin in Urlaub?
(Mrs. Mop:) Ich fahre nicht in Urlaub, ich bleibe zuhause.
(Frau Übermop:) Wie, du bleibst zuhause? Ich denke, du willst Urlaub machen?
(Mrs. Mop:) Will ich auch. Wer sagt, dass ich irgendwohin fahren muss, um Urlaub zu machen?
(Frau Übermop:) Du spinnst.
(Mrs. Mop:) Wieso?
(Frau Übermop:) Dann kannst du ja gleich hier weiterarbeiten, wenn du gar nicht wegfahren willst.
(Mrs. Mop:) Aber ich will doch Urlaub machen!
(Frau Übermop:) Kapier' ich nicht.
(Mrs. Mop:) Ich schon.
(Frau Übermop:) Du spinnst.
(Mrs. Mop:) In dem Fall nicht.
(Frau Übermop:) Doch.

Heute war, wie jeden Dienstag um 11:30 Uhr, Jour fixe für die große Besprechung von Geschäftsführung und Service. Normalerweise bin ich schon weg, wenn die ersten Teilnehmer erscheinen (frühestens um 11:45 Uhr); heute war ich ausnahmsweise noch im Restaurant und gerade im Begriff, meine Sachen zusammenzupacken. Einer der Geschäftsführer kommt mit strahlend braungebranntem Lächeln auf mich zu und ruft mit Begeisterung in der Stimme:
(Geschäftsführer:) Mensch, Mrs. Mop, du siehst ja richtig gut aus!
(Mrs. Mop:) Danke, mir geht's zur Zeit auch richtig gut.
Man ist ja dann auch blöd und lässt sich das Kompliment runtergehen wie Öl, ohne zu merken, dass von ferne eine Nachtigall angetrapst kommt.
(Geschäftsführer:) Ich habe gehört, du willst jetzt eine Woche Urlaub machen?
(Mrs. Mop:) Ja! Endlich mal!
(Geschäftsführer:) Wo fährst du denn hin in Urlaub?
(Mrs. Mop:) Ich fahre nicht in Urlaub, ich bleibe zuhause.
(Geschäftsführer:) Wie, du bleibst zuhause? Ich denke, du willst Urlaub machen?
(Mrs. Mop:) Will ich auch. Wer sagt, dass ich irgendwohin fahren muss, um Urlaub zu machen?
(Geschäftsführer:) Äh, ja - also, ich meine, dabei siehst du so gut aus - überhaupt nicht urlaubsreif!
Da hörte sogar ich die Nachtigall elefantengleich trampeln. Schnelles Reagieren war gefragt.
(Mrs. Mop:) Pass nur auf, wie gut ich erst aussehen werde, wenn ich aus dem Urlaub zurück komme!
(Geschäftsführer:) Äh, na ja, wahrscheinlich werden wir alle vor Neid erblassen. Sag' mal, äh, wenn du gar nicht wegfährst in Urlaub, könntest du dann nicht nächste Woche ein bisschen einspringen, weil, ausgerechnet nächste Woche wird es wohl ein wenig eng...
(Mrs. Mop:) Vergiss es.
(Geschäftsführer:) Aber warum denn?
(Mrs. Mop:) Ich mache Urlaub.
(Geschäftsführer:) Mein Gott, bist du stur. Man wird ja wohl noch fragen dürfen.
(Mrs. Mop:) Klar. Man wird ja wohl noch Urlaub machen dürfen.
(Geschäftsführer:) Aber warum denn ausgerechnet nächste Woche?
(Mrs. Mop:) Weil das mein Urlaub ist.
(Geschäftsführer:) Dabei siehst du so gut aus, als ob du gerade aus dem Urlaub kommst.
(Mrs. Mop:) Das kommt daher, weil ich mich so auf meinen Urlaub freue.
(Geschäftsführer:) (seufzend) Was haben wir uns bloß mit dir eingehandelt.
(Mrs. Mop:) Eine Putzfrau, die seit anderthalb Jahren keinen Urlaub gemacht hat.
(Geschäftsführer:) Mach doch, was du willst.
(Mrs. Mop:) Eben.
(Geschäftsführer:) Musst du immer das letzte Wort haben?
(Mrs. Mop:) In dem Fall schon.

Seit heute zähle ich die Tage bis nächste Woche und hol' jetzt schon mal meinen großen alten Koffer aus dem Keller. Weil, ich fahre zwar nicht in Urlaub, aber irgendwie eben doch, so unter uns. Wohin? Na, ist doch wohl klar. Psst, nicht weitersagen.


Donnerstag, 12. August 2010

Blues zu Fuß


Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Problemlösungen: Ich nehme jetzt meinen Hund Blues immer auf die Arbeit mit. Sonst werde ich zu unruhig, denn wer weiß, was mich erwartet, wenn ich nach Hause zurückkehre, unters Sofa schaue und da ist kein Hund mehr! Weil der Blues sich während meiner Abwesenheit auf dem Sofa breitgemacht hat!

Also heute früh mit dem Blues im Schlepptau aufgebrochen - ich auf dem Fahrrad, der Blues zu Fuß - und ich dachte erst noch, ob das wohl gut geht? Ist ja schon ein alter Penner, der Blues, und die Strecke zur Putzstelle ist beträchtlich, nämlich satte 40 Minuten, per Fahrrad wohlgemerkt. Ich hatte schon befürchtet, den Hund huckepack auf dem Gepäckträger transportieren zu müssen, was bei dem XXL-Format vom Blues durchaus beschwerlich hätte werden können. Aber nix da. Kaum waren wir im Freien, zischte das Tier ab wie eine Mittelstreckenrakete, so dass ich (ja, ich!) Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Rennt der Blues also mit fliegenden Ohren und weit heraushängender Zunge davon und ich genauso hinterher - hat der mich auf Trab gehalten! Ständig musste ich einen Gang höher schalten, ein ums andere Mal aus dem Sattel steigen; die Pedale waren ebenso einem Härtetest ausgesetzt wie meine Waden. Ich weiß nicht, wer von uns beiden mehr gehechelt hat. Jedenfalls, an das Denken irgendwelcher Gedanken war heute nicht zu denken.

Für den Hund war's ein echtes Erlebnis, ich sage nur: all die wilden Karnickel, die ja frühmorgens recht zahlreich rumkarnickeln. Die haben den Blues natürlich fasziniert. Allerdings hat er schnell gemerkt, dass Hakenschlagen nicht so sein Ding ist, und sich dann würdevoll zurückgehalten, denn die kleinen Flitzer hätten ihm bloß auf der Schnauze herumgetanzt, und das wollte er sich nicht bieten lassen.

Und selbstverständlich hat er erst mal Bauklötze gestaunt über die vielen frühen Gassi-Hunde. Aber wie gesagt, der Blues ist kein Dummkopf - auch das hat er gleich gerafft, dass die (überwiegend) wohlgestriegelten Mittelschichts-Wuffis in einer anderen Liga spielen als er. Also ließ er von ihnen ab. Es gab auch so noch genug zu erschnüffeln für ihn.

Richtiggehend gereizt hat er auf die rudelartig auftretenden Nordicwalker(innen) reagiert; das alberne Geklappere mit den Stöcken kann der Blues überhaupt nicht ab. Es erinnert ihn wohl irgendwie an Märsche und ähnliches Zeug, und da fährt er ganz schlecht drauf ab, mein Blues. Geknurrt hat er wie ein Kampfhund - ich habe mein verschnarchtes Haustier nicht wieder erkannt. Die Nordic-Damen traten dann auch gleich sehr respektvoll an den Wegrand (so Spalier-mäßig, was zu der Klack-Klack-Marschiererei ja gut passt) und ließen uns passieren, was, wenn ich allein auf dem Fahrrad unterwegs bin, keineswegs der Fall ist. Braver Hund.

Hochinteressant fand der Blues dagegen jenen Park-Freischläfer, der mir täglich begegnet, seit ich im Frühtau zu Putze unterwegs bin. Der Hund blieb abrupt stehen und spitzte die Ohren: Die sägewerk-artigen Geräusche aus dem Schlafsack haben ihn wohl an irgend etwas erinnert - ein Fall von Seelenverwandtschaft, vermutlich. Ich musste den Blues fast mit Gewalt zum Weiterlaufen bewegen.

Viel zu früh (wegen des mörderischen Tempos) erreichten wir das Restaurant. Ich öffnete die Tür - der Hund checkte kurz die fremde Umgebung, sauste im Endspurt mit wehenden Ohren an Frau Übermops sperrangelweit geöffnetem Mund vorbei, peilte zielsicher die Ecke mit dem Klavier an, und - pardauz! - ließ sich mit einem homerischen Ächzen unterm Klavier nieder, streckte alle Viere von sich und sonderte für den Rest des Vormittags nur noch eine Schnarchfanfare ab, dass die Klavierbeine wackelten. Ich schickte ein Stoßgebet sonstwohin, dass dabei nicht das ehrwürdige Piano hoffnungslos verstimmt wurde - sonst könnte es Ärger geben.

Frau Übermop schaute erst den Hund an, dann mich, schüttelte ungläubig den Kopf und brummte dann resignierend: "Ich wusste es schon immer - du spinnst".


Mittwoch, 4. August 2010

Bongoländer


Es ist gar nicht so leicht, seinen Blues zu pflegen, wenn man in der Gastronomie arbeitet. Geht mir jedenfalls so. Zumindest heute ließ mein Umfeld mir kaum eine Chance, mein fernwehbedingtes Trübsal zu blasen, von den ersten anderthalb Stunden mal abgesehen.

Frau Übermop hatte schon gestern gecheckt, dass mich irgendein Weltschmerz plagte, verkniff sich auch heute sämtliche Fragen und ließ mich diskret in Ruhe schrubben. Fand ich sensibel von ihr. Es gibt keine bessere Kombination als Trübsinn und Toilettenputzen; danach weiß man wenigstens, dass es schlimmer kaum geht, und erfreut sich bereits an den kleinsten Dingen, sei dies eine saubere Klobrille oder ein jugoslawischer Getränkelieferant, der sich nicht traut pinkeln zu gehen, weil der Boden noch wischfeucht ist und ich mit einem Zerberusgesicht die Toilettentür im Auge behalte, weil, den Blues zu haben und zweimal den Toilettenboden zu wischen kommt überhaupt nicht in Frage.

Der Jugoslawe hat, genau wie der Ehemann der spanischen Putzfrau, die Angewohnheit, mich "Mala" zu nennen, was mir ein böhmisches Dorf ist. Okay, wenn der Spanier "Mala" - manchmal auch "Malita" - zu mir sagt, verstehe ich das irgendwie, auch wenn ich ganz tief innen drin fest davon überzeugt bin, dass ich im Prinzip ein herzensguter Mensch bin. Aber Jugoslawisch kann ich halt nicht, und der Jugoslawe kann nur ganz wenig Deutsch, gerade so viel, dass er mich an der Toilettentür verwundert angeschaut und gefragt hat: "Mala, was ist los mit dir?"

Er tat das in diesem typisch balkanesischen, weichen Singsang, was dazu führte, dass ich auf der Stelle einen Kloß in den Hals bekam und keinen Ton herausbrachte. Er sah mich aufmerksam an, schüttelte ganz sachte den Kopf und singsangte leise "Mala, Mala...". Das gab mir den Rest. Ich schaffte es gerade noch, mit wackeliger Stimme zu sagen "Geh' endlich pinkeln!" Der Toilettenboden war mir plötzlich piepegal. Ich wollte nach Kuba, konnte kein Jugoslawisch, und überhaupt. Der Getränkelieferant blieb in der Tür stehen, lächelte mich an und hörte gar nicht mehr auf zu lächeln, lächelte immer breiter (der Boden musste längst getrocknet sein), sodass ich einfach zurücklächeln musste, obwohl mir nicht die Bohne danach zumute war, aber das Lächeln war stärker.

Frau Übermop hatte die Szene aus den Augenwinkeln beobachtet.
Sie schwieg.

Dann kam der brasilianische Sprücheklopfer und Bierlieferant. Er haute mir zur Begrüßung mit seiner klodeckelgroßen Pranke auf die Schulter und rief aufgekratzt: "Hey Chica, wann kommst du mit mir nach Brasilien Samba tanzen?" Frau Übermop ging sofort dazwischen: "Samba kannst du meinetwegen auch hier im Lokal mit ihr tanzen", aber das mit Brasilien solle er sich mal aus dem Kopf schlagen, weil, "die hat doch kein Geld, die liegt dir bloß auf der Tasche", außerdem habe sie sich jetzt endlich an mich als Kollegin gewöhnt und habe keine Lust, schon wieder eine neue Putzfrau einzuarbeiten. Das klingt rauh, war aber herzlich gemeint, wenn man Frau Übermops Abneigung gegen Komplimente im allgemeinen und ihre Vorliebe für Komplimente aus echtem Schrot und Korn kennt. Ich musste lachen, obwohl ich nicht wollte.

Als ich später mit dem Flaschenboy zu den Glascontainern schipperte, überlegte ich, dass Brasilien eigentlich auch keine schlechte Wahl wäre. Brasilien steht nämlich an zweiter Stelle meiner unerfüllten Herzenswünsche. Ich rumpelte den Flaschenboy an Ort und Stelle zurecht, dachte an Bahia und Bossa, ließ es ordentlich klirren und scheppern und - fing mir unverhofft einen Heiratsantrag ein. Von Bongo.

Bongo ist bei der städtischen Müllabfuhr und heißt wirklich Bongo. Nach eigenen Angaben stammt Bongo aus - wie könnte es anders sein - "Bongoland". In Bongos Fall ist Bongoland nicht Afrika, sondern Jamaika. Wenn Bongo einen guten Tag hat, haut er immer ein paar mal mit den flachen Händen auf die geleerten Mülltonnen drauf; das ist dann sozusagen die Buschtrommel, mit der er mich begrüßt. So auch heute; nur dass ich halt gerade heute keinen besonders guten Tag hatte.

Ob ich nicht mit ihm nach Bongoland kommen wolle, fragte er. Ich dachte an Calypso und Reggae und fand das erst mal nicht schlecht, also, mal rein so an und für sich. Bongo interpretierte mein Zögern falsch und schob rasch hinterher: "Wir können ja vorher heiraten!" Oder, fuhr er fort, am besten gleich in Jamaika heiraten, dort seien Hochzeitsfeiern immer eine sehr lustige Angelegenheit. An letzterem habe ich nicht den geringsten Zweifel; trotzdem bat ich mir Bedenkzeit aus. Bongo grinste und stieg auf sein volles Müllauto. Ich gondelte mit dem leeren Flaschenboy zurück zum Restaurant.

Frau Übermop hatte die Szene vom Fenster aus beobachtet. Sie stemmte beide Fäuste auf die Hüften und sagte: "Jetzt reicht's dann aber!" Was, fragte ich. "Was wollte der Müllmann von dir? Will er dich nach Afrika mitnehmen?" Nein, nach Jamaika, antwortete ich. "Ob Afrika oder Jamaika, ist mir wurscht - du bleibst hier!" Ich schaute sie mit runden Augen an. Herausfordernd fragte sie mich: "Ist das klar?" Ich gab ihr mein Jawort.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich intensiv über Bongoländer und Scheinehen nach. Immerhin ist Jamaika gleich um die Ecke von Kuba, und falls die Reggaefreaks anfangen sollten, mich mit ihrem pseudopolitischen Hardliner-Gedöns, das sie neuerdings gern an den Tag legen, zu nerven, dann wäre es nur ein Katzensprung bis zur nächsten Insel und ich endlich am Ziel meiner Träume. Auf jeden Fall tat sich plötzlich ein zuversichtlich stimmender bunter Strauß an Optionen auf.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, empfing mich sattes Schnarchen unterm Sofa. Vielleicht war der Hund einfach nur eifersüchtig gewesen, weil er gedacht hat, ich haue ohne ihn ab nach Kuba? Dummer Hund. Wie könnte ich. Ich gehe nirgendwo hin ohne meinen Blues.

Freitag, 30. Juli 2010

Textile Geschlechterforschung


Nichts ist mehr, wie es war. Kosmische Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt: Seit das Fernsehen da war, trägt Frau Übermop schwarz. Schwarz!

Ich spreche von ihrer Schürze. Eine pechschwarze Schürze hat sie sich neuerdings um den Leib gebunden und sieht darin verdammt gut aus (Länge bis Mitte Schienbein, Bistroschürzen-Look). Unglaublich, was eine Änderung der Schürzenfarbe bewirken kann - Frau Übermop verkörpert pure Noblesse. Gravitätisch stolziert sie schwarzbeschürzt durchs Lokal und strahlt dabei eine unwiderstehliche Autorität aus, welchletzteres ihr zwar mit weißer Schürze auch stets gelungen ist, aber bei weitem nicht so elegant.

Ich selber war schon vor ein paar Monaten umgestiegen auf schwarze Schürzen, sehr zum Missfallen von Frau Übermop. Ich durfte mir wochenlanges Gelästere anhören, von wegen: Zu einer Putzfrau gehört nun mal eine weiße Schürze; man merke halt, dass ich kein Profi sei; einer guten Putzfrau gingen modische Aspekte sonstwo vorbei; eine gute Putzfrau sei nicht eitel, sondern fleißig, und dafür stünde, sozusagen symbolisch, die weiße Schürze. Punktum.

Beharrlich versuchte ich ihr klar zu machen, dass die Faktoren Fleiß und Eitelkeit in keiner Weise miteinander korrelierten, und falls sie anderer Meinung sei, möge sie das bitte nachweisen, qualitativ wie quantitativ, was ihr natürlich nie gelang, sie aber nicht vom Weiterlästern abhielt. Irgendwann hatte ich nichts mehr zu meiner Verteidigung vorzubringen, trug die schwarzen Schürzen aber weiter, und zwar bevorzugt die Kurzform (Mitte Oberschenkel), was Frau Übermop ein zweiter Dorn im Auge war (also früher, bevor das Fernsehen da war): Kurze Schürzen? Hast du sie noch alle? Geht überhaupt nicht. Wie sieht das denn aus? Du bist hier nicht im Service. Zieh dir eine anständige Schürze an. - Hat alles nichts genützt. Weil ich in puncto Sturheit der Frau Übermop mal locker das Wasser reichen kann.

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Frau Übermop in den ersten Wochen meiner damals neuen Tätigkeit, da ging es um die Farbe Weiß bei Schürzen. Schon damals hatte ich nämlich ein begehrliches Auge geworfen auf die schwarzen und dunkelroten Bistroschürzen und -schürzchen, welche ich täglich nach dem Trocknen zusammenlegte. Dekorative Teile sind das - aber no way, ich wurde zu Putzfrauenweiß verdonnert.

Wie eine weiße Schürze nach einer halben Stunde Monsterputz aussieht, kann sich jeder vorstellen, ohne dass Eitelkeit groß zum Thema erhoben werden müsste, weil, es gibt ja auch noch so etwas wie Ästhetik. Und genau das war der Punkt: Während ich für dunkelfarbige Schürzen plädierte, weil sie schmutzresistenter oder flecken'schluckender' sind, vertrat Frau Übermop den Standpunkt, gerade weil die Flecken auf einer dunklen Schürze weniger zu sehen sind, käme für eine Putzfrau nur eine weiße Schürze in Frage. Eben weil der Schürze anzusehen sein müsse, dass die Putzfrau bereits fleißig gewesen ist. Oh du edle Einfalt, mit welch stiller Größe du dich schürzest! Da muss man dann als Novizin erst mal durch.

Aber inzwischen, wie schon gesagt, tragen beide Bräute schwarz. Seit das Fernsehen da war. Mir entwich ein spontanes Kompliment: Steht dir echt gut, die Schürze. Darauf die Übermop, betont beiläufig: Was denn für eine Schürze? Ich so: Na, die schwarze. Frau Übermop, völlig unbeteiligt: Ach - die, die trage ich nur, weil die weißen alle noch im Trockner sind.
Was natürlich ein Witz mit Ohren ist, denn es stapeln sich in der Waschküche die weißen Schürzen bis unter die Decke, und natürlich weiß die Übermop, dass ich das weiß, und trotzdem zieht sie diese Nummer durch mit einem Pokerface, dass ich mich wundere, warum sie Putzfrau und keine Pressesprecherin geworden ist.

Das war gestern. Heute hat sie wieder eine schwarze Schürze getragen. Der Wäschetrockner ist, so weit ich informiert bin, intakt. Also bitte. Ich sag' dazu nichts mehr. Nur so viel: Das Fernsehen ist an allem schuld. Ist aber auch keine besonders neue Erkenntnis.


Dienstag, 27. Juli 2010

Lokalfernsehen


Das Leben schreibt Geschichten, die glaubt kein Mensch.
Sind aber wahr, ich schwöre es.

Wie ich heute früh unausgeschlafen (die gestrigen Aufwallungen haben mich senkrecht im Bett stehen lassen) aufs Restaurant zu radle, trifft mich fast der Schlag: Das Fernsehen ist da. Mit mal locker 15 bis 20 Mann (und Frau), Kameras, so weit das Auge reicht, das Lokal von außen grell von Scheinwerfern angestrahlt - bitte, um sechs Uhr morgens! -, der Wahnsinn, und zwar der helle. Es riecht nach action, so was gefällt mir immer. Ich bin wach.

Drinnen eine noch wuseligere Szenerie: Kameras, Scheinwerfer, Kabelrollen, Leinwände und Menschen, Menschen, Menschen, von denen ich nur einen einzigen kannte, nämlich Frau Übermop, und die erkannte ich sofort an ihrer wadenlangen weißen Schürze, weil beim Fernsehen offenbar konsequent schwarz getragen wird.

Beim Betreten des Restaurants steuerte mich ein wichtig aussehender TV-ler - schwarze Jeans, schwarzes Polo - an und fragte mich höflich, ob ich die Geschäftsführerin sei, was ich zu meinem Leidwesen verneinen musste, worauf er leicht schwerenöterisch weiterfragte, ob ich die Frau des Geschäftsführers sei, was ich wiederum verneinte, wenn auch nicht zu meinem Leidwesen. Daraufhin verlor das schwarze Polo das Interesse an mir. Ich strebte weiter Richtung Küche.

Auf dem Weg dorthin fing mich eine wichtig aussehende Frau mit schwarzem Jackett und schwarzer Hornbrille ab und fragte mich, ob ich die Schauspielerin sei. Da ich inzwischen, wie gesagt, hellwach war, haben mich augenblicklich meine gestrigen Bühnenphobien eingeholt und ich konnte nicht anders als zu antworten: Ja, aber ich glaube nicht die, die Sie suchen. Die Hornbrille guckte irritiert. Mir war es für einen Moment lang wurscht. Dann meinte die Hornbrille verwirrt: "Wieso, Sie sind doch genau der Typ, den wir besetzt haben", eine Bemerkung, die mir keine Spur aus meinem Hangover herausgeholfen, vielmehr mich noch tiefer in die kurze Wahnvorstellung getrieben hat, dass ja eigentlich das Fernsehen ruhig mal einen Film über eine akademische Putzfrau drehen könnte, besetzt mit einer akademischen Putzfrau.

Na ja. Lange lässt sich so eine Halluzination nicht aufrechterhalten. Ich drückte mein grundehrliches Bedauern hinsichtlich der Verwechslung aus und strebte weiter Richtung Küche. Stieg wie ein Storch über Kabelsalate. Fast hatte ich es bis zum Kücheneingang geschafft, da empfing mich hinterm Tresen eine dreiviertelwichtig aussehende Frau mit schwarzem T-Shirt, einem schwarzen Klemmbrett in der einen sowie einem - ich kann nichts dafür - schwarzen Kugelschreiber in der anderen Hand. "Sie gehören zu den Komparsen, richtig!" Richtig - sie fragte nicht, sie stellte fest.

Es half nichts, auch von dieser meiner letzten Castingchance musste ich mich verabschieden. Hach, wäre ich gern Komparse gewesen; wenigstens Komparse. Es hat nicht sollen sein. Stattdessen quetschte ich das schwarze Klemmbrett aus, was hier eigentlich abginge.

Dreharbeiten zu einem Spielfilm, erfuhr ich. Aha, deswegen waren die ganzen Brauereilogos verhängt und Sonnenschirme entfernt worden. Von wegen Schleichwerbung, Product Placement, pfui. Etwa Tatort?, fragte ich hellauf begeistert, weil, das hätte mir schon gefallen, einen regional verdichteten Krimi an meinem Arbeitsplatz zu drehen, mit so bisschen Gastrofolklore. Ich weiß von gußeisernen Pfannen, denen das Potential fliegender Untertassen nachgesagt wird.

Nein, erklärte das Klemmbrett, es handle sich um einen eher leichten Filmstoff, zwar mit Problemhintergrund, aber am Ende werde alles gut. Die Hauptfigur, eine Frau, durchlaufe ein schweres Schicksal und habe es nicht leicht im Leben (wieso ist der Stoff dann leicht?), komme am Schluss aber mit heiler Haut davon (ach so). Mehr denn je interessierte ich mich für die Rolle der Hauptdarstellerin. Hielt natürlich den Mund. Frau Übermop guckte schon, wieso die ganzen TV-ler mich anquatschten. Wahrscheinlich weil ich keine weiße Schürze trug.

Weil die Küche zu einem völlig fachfremden Kabel- und Gerätelager umfunktioniert worden war, beließ ich dort alles im Urzustand und widmete mich der Kellerreinigung. Im Keller wird man von keinem TV-ler angequatscht, kann sich vielmehr so ungestört wie methodisch dem Wahn hingeben - das entspannt.

Kurz nach acht kam der italienische Feinkostlieferant stoßatmend die Kellertreppe herunter, beladen mit dreimal so vielen Gemüsekisten wie sonst. "Muss leise sein auf der Treppe, haben die Leute vom Fernsehen gesagt", keuchte er beim Absetzen der Kisten. Kurz darauf erschien der deutsche Hähnchenmann (so nennt Frau Übermop den Geflügellieferanten), auch er ein Opfer der Lärmschutzmaßnahmen, gefolgt vom Ehemann der spanischen Putzfrau aus dem ersten Stock, der vor dem "Wahnsinnskrach dieser Fernsehleute" geflohen war. Nur wenig später kam Frau Übermop die Treppe herunter, brummte kopfschüttelnd "...die haben doch alle ein Rad ab", und hockte sich auf die unterste Kellerstufe - etwas, was Frau Übermop sonst niemals machen würde.

Der Keller füllte sich. Zehn vor neun stand die senegalesische Küchenhilfe auf der Treppe: Die Fernsehfuzzis hätten ihr gesagt, sie dürfe die nächsten zwei Stunden keine Kartoffelgratins in der Küche zubereiten, weil der Backofen dringend als Zwischenlager für Spezialkabel benötigt werde und die beiden Spülen von Ersatzstativen blockiert seien. Mit genervtem Augenaufschlag ließ sie sich längs auf der zweituntersten Kellerstufe nieder, schlug graziös die unglaublich langen Beine übereinander, stützte das Kinn in die Hand und sagte gedehnt unter schweren Lidern: "Je m'ennuie." Ich langweile mich. (Französisch ist Landessprache in Senegal.)

Ich bekam erneut einen leichten halluzinatorischen Schub und fragte sie, ob sie Marlene Dietrich kenne. Moi, je m'ennuie. Sie fragte, wer Marlene Dietrich sei. Ich antwortete: So eine wie du, bloß in weiß. Sie lachte und meinte, sie könne sich nicht vorstellen, dass "cette Marlène" sich ihr Geld mit Gemüseschneiden in einer Restaurantküche verdiene.
Da war ich wieder im richtigen Film.

Dienstag, 29. Juni 2010

Heiß und kalt


Nach gelungenem Auftakt wurde der Tag immer cooler.

Nachdem ich vor der ersten Hitzewelle des Tages ins Kühlhaus geflohen war, hörte ich die Lieferanten im Keller rumoren. Zur Zeit ist der Keller ein beliebter (weil kühler) Austragungsort für Meinungsverschiedenheiten betreffs Fußball-WM; bei einem multiethnischen Lieferantenkreis ein durchaus heftiger Schlagabtausch. Der Gemüse-Marokkaner war Feuer und Flamme für Ghana ("Ich bin Afrikaner!"), der Getränke-Pole verteidigte Deutschland bis aufs Messer ("Schließlich lebe ich in Deutschland!"), worauf der deutschstämmige brasilianische Bierlieferant die Nase rümpfte und seinen Favoriten - nein, nicht Brasilien - Argentinien ins Feld führte ("...sind die einzigen mit einem gescheiten Torwart!").

Meine inzwischen bekannte persönliche Vorliebe für Ghana fand der Marokkaner zwar sympathisch, aber unverständlich ("Da machst du dir keine Freunde unter den Deutschen!"). Der Pole und der Brasilianer schüttelten nur mitleidig den Kopf und meinten "typisch Frau", was immer sie damit meinten.

Richtig hitzig wurde es erst, als Frau Übermop sich einschaltete und stimmgewaltig verkündete: "Madonna ist das Allerletzte!" Nun genießt Frau Übermop als Fußballexpertin allergrößten Respekt bei den Lieferanten, denn beim tagtäglichen Fachsimpeln kann ihr keiner das Wasser reichen, selbst wenn ihr dabei gern der eine oder andere Versprecher entrutscht. Madonna also, befand Frau Übermop im Brustton der Überzeugung, sei das Allerletzte.

Der Pole schaute den Marokkaner an, der Marokkaner schaute mich an, und alle schauten wir den Brasilianer an. Keiner von uns verzog eine Miene, obwohl uns das Lachen bis zum Halse stand. "So, so", antwortete der Brasilianer endlich, indem er sich vor Frau Übermop aufbaute, "das Allerletzte, findest du?" "Das Hintervorletzte", schnaubte sie zurück, "schau ihn dir doch an. Wie kann man sich nur so gehen lassen!" Der Brasilianer bekam gefährlich verengte Augenschlitze und eine etwas rötere Gesichtsfarbe. "Argentinien wird gewinnen", stieß er fast drohend aus, "einfach weil die Argentinier gut sind, verstehst du, so gut wie die Argentinier ist keine andere Mannschaft." Frau Übermop musterte ihn von oben bis unten und sagte schließlich versöhnlich: "Du hast recht. So gut im Foulspiel wie Argentinien ist keine andere Mannschaft."

Worauf der Brasilianer die Augen nach nach oben verdrehte und empathisch "Madonna!!" ausrief. Man wusste nicht so recht, ob es ein Fluch oder ein Gebet oder die Anrufung des argentinischen Trainers war. Er verlangte nach einem kalten Getränk. "Man sollte sich bei dem Wetter nicht allzu sehr aufregen", meinte Frau Übermop freundlich, als sie ihm eine große kalte Cola hinstellte.



Montag, 21. Juni 2010

Ghana will win


Der Afro-Ohrwurm hat mich fest in den Klauen. Auf dem Fahrrad, an den Mülltonnen, unter der Dunstabzughaube, am Glascontainer - Sa Me Na Mi Na San Ka Re Kwa, inzwischen hüpfen die Silben ohne zu stolpern, Wodka Wodka ey-hey, was soll man auch anderes singen beim Reindonnern der Leerflaschen. Singen ist überhaupt das Beste, was man tun kann, wenn keiner mit einem redet. Frau Übermop leidet noch spürbar am Serbien-Blues und ist ausgesprochen einsilbig. Also mache halt ich die Silben.

Halb neun Uhr, Auftritt ghanesische Küchenhilfe (sozusagen die Aushilfs-Küchenhilfe, weil die senegalische Küchenhilfe gerade in der Heimat weilt). Sie - Anfang 20, sonst meist schüchtern und zurückhaltend - trabt hocherhobenen Hauptes durchs Lokal in die Küche und ruft dabei mit fester Stimme: "Ghana will win!" Frau Übermop zuckt schmerzhaft zusammen, unterbricht das Tischewischen, richtet sich auf, stemmt die Fäuste in die Seiten und fragt mich im Befehlston: "WAS hat sie da gesagt?" Die Ghanesin bleibt siegessicher am Kücheneingang stehen, hebt den Arm mit der geballten Faust und senkt den ausgestreckten Daumen ein paar Mal nach unten: "Germany runter, verstehst du? Ghana will win!"

Frau Übermop hat schon vorher verstanden, aber jetzt versteht sie mehr als ihr lieb ist. Erst schnappt sie nach Luft. Dann haut sie die Knöchel der rechten Faust rhythmisch auf den Holztisch und skandiert empört: "Nie. Im. Leben. Aber nie im Leben!" Die junge Afrikanerin schaut ihr in die Augen, schüttelt stoisch den Kopf und sagt mit großem Ernst, fast ein wenig mitleidig: "You will see."
Es ging rund.

Ja, der Fußball hinterlässt seine Spuren an der multikulturellen Basis. Auffallend war, dass sich heute kein einziger italienischer Lieferant blicken ließ. Stattdessen ein marokkanischer, der abschätzig meinte, die (Italiener) hätten bei einer WM schon lange nichts mehr verloren und sollten lieber für gescheites Olivenöl sorgen, davon verstünden sie wenigstens etwas; vielleicht eine kleine marokkanische Eifersüchtelei. Frau Übermop verwickelte ihn in eine erregte Debatte über das Spiel Amerika gegen ... (hab' ich vergessen). Sie stritten heftig darüber, ob bei einem ominösen Tor ein Abseits im Spiel gewesen sei oder nicht: Übermop pro Abseits, Lieferant contra Abseits. Ich verstand Banane. Frau Übermop überzeugte durch Argumentationskraft, der Marokkaner gab sich geschlagen und meinte anerkennend, sie habe ja "echt voll die Kompetenz, dafür, dass sie eine Frau ist".

An der Stelle bog die Küchenhilfe mit einer Kiste frischer Pilze um die Ecke. "Die versteht was von Fußball", sagte der Marokkaner zu ihr und deutete auf Frau Übermop. Die Ghanesin blieb stehen, lachte lauthals, entgegnete selbstbewusst "nein, sie versteht nichts von Fußball", dann setzte sie die Kiste energisch ab und radebrechte ungerührt, dass jemand, der nicht erkennen könne, dass Ghana der Sieg schon jetzt gehöre, von Fußball nicht die geringste Ahnung habe. Sie bekam wieder dieses ernste Gesicht, als sie hinzufügte: "Wednesday I will pray for Germany!", in einer unnachahmlichen Mischung aus gefühlsbetont und herzlos.

Während ich die Küchenfenster putzte, quetschte sie mit großer Inbrunst Knoblauch, hackte wie besessen Petersilie sowie Pilze und ließ dabei ihrer nationalfußballerischen Überzeugung freien Lauf. Damit das klar ist: Was die junge Frau da zermalmte, waren weder Petersilie noch Knoblauch noch Pilze, sondern in Wirklichkeit die deutsche Nationalmannschaft. Sie war in unerschütterlicher Hochstimmung.

Um das leicht Voodoomäßige der Szene etwas abzudämpfen, versuchte ich es mit ein bisschen Wodka Wodka, ey-hey, - es funktionierte. Sie erkannte den Song, allerdings nicht als südafrikanischen Fußball-Gassenhauer, sondern als ein Stück Liedgut aus dem ghanesischen Militär, was mir zu dem Zeitpunkt dann auch wurscht war oder mir zumindest, wenn schon nicht das ghanesische Militär, so doch die ghanesischen Fußballer nicht unsympathisch gemacht hat, was wiederum, wenn mich nicht alles täuscht, dazu geführt hat, dass ich bei Frau Übermop Sympathiepunkte eingebüßt habe.


Montag, 14. Juni 2010

Und Schuss und Tor


Public Viewing allerorten. Auch an meinem Arbeitsplatz. Natürlich erst abends, wenn die Gäste da sind; außerdem, frühmorgens kickt ja kein Mensch. Weil nach dem Spiel bekanntlich vor dem Spiel ist, läuft parallel zum öffentlichen Schauen die "Wahl des attraktivsten Fußballspielers". Wohlgemerkt, gesucht wird nicht der beste, sondern der attraktivste Fußballspieler. Es liegen Stimmzettel aus, auf denen mögliche Kriterien stehen, welche Qualitäten aus einem gemeinen Kicker einen attraktiven Kicker machen; eines davon lautet "mit Beinen wie von Bildhauern geformt".


Da Frau Übermop - im Gegensatz zu mir - sich jedes WM-Spiel anschaut, kennt sie sich bestens aus mit Bauch, Beinen und Po jedes WM-Spielers. Ich fragte sie, ob sie schon jemals einen Fußballer mit Beinen wie von einem Bildhauer geformt gesehen habe. Sie wiegte den Kopf und entgegnete: "Fußballer müssen krumme Beine haben." Fand ich eine waghalsige These - wieso das denn? Die Antwort fiel erwartungsgemäß übermoppig aus: "Sonst wären es keine Fußballer." Ja, aber das mit dem Bildhauer? Darauf meinte sie, ein guter Bildhauer könne "auch aus O-Beinen noch was rausholen", eine Behauptung, die mich ansatzweise frivol anmutete, aber bestimmt hat sie es nicht so gemeint. "Außerdem", fuhr sie fort, "werden ja nicht die geradesten Fußballerbeine gesucht, sondern die schönsten."

Während ich der Ästhetik von O-Beinen hinterhergrübelte und einwarf, dann würden ja in Wirklichkeit die krummsten (krümmsten?) Fußballerbeine gesucht werden, setzte Frau Übermop unverdrossen noch einen drauf: "...weil, wenn nach den geradesten Fußballerbeinen gesucht würde, würden ja alle Leute den Torwart wählen." Das ging mir zu schnell, von der Logik. Mein Blick wurde langsam.

"Man merkt, dass du keine Ahnung hast", seufzte Frau Übermop mitleidig, "ein Torwart darf keine O-Beine haben, sonst würde ja der Ball durchfliegen."

Und tröt.