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Donnerstag, 21. November 2013

Super-sized Bullshit


Keine Ahnung, was neuerdings in diese asozialen Pfeffersäcke gefahren ist. Vielleicht kann mir das mal jemand erklären?
Einstweilen neige ich zu einer ganz übelriechenden Verschwörungstheorie, und die geht so:

Diese räudigen Typen haben sich zusammengerottet zu einer Art spätkapitalistischem Grand Prix, zu einem hochleistungssportlichen Soziopathen-Turnier in der Disziplin "Wer kackt den größten Bullshithaufen?", in der jeder auf den Haufen seines Vorgängers einen noch größeren Haufen türmt.

Sieger nach Punkten, dachte ich erst kürzlich, ist vorläufig der Pfeffersackchampion Walmart, weil ich dachte, dessen dampfende Haufenhinterlassenschaft würde so schnell nicht zu toppen sein.

Wieder mal voll daneben gelegen.

Weil, der Globalkacker, ähm, -player McDonalds hat noch eine Schippe draufgepackt. Man muss nur seiner Nase nach gehen, dann riecht man sofort, aus welcher Ecke die nächste ultimative Stinkbombe gefeuert wird. Jetzt hat also Mäckdo seinen neuesten weltmeisterlichen Auswurf in aller Öffentlichkeit plaziert, und was ist? Bei jedem wild in der Gegend herumkackenden Köter würde man empört einschreiten und sagen, ey, geh gefälligst aufs Hundeklo statt den Bürgersteig vollzusauen - aber der Mäckdo, der darf das, platsch, einfach so, wollt ihr alle mal an meinem neuen großen Aso-Haufen schnuppern?

Also bitte, Nase zuhalten und durch, sonst droht demnächst das finale Bullshitkoma:
McDonalds' McResource Line,
(McResource Line, Achtung, bereits an dieser Stelle sollte die Bullshitalarm-Klammer fest auf der Nase sitzen!)
eine engagierte Website, betrieben von der weltweit größten Fast-Food-Kette, um ihre 1,8 Millionen Angestellten mit finanz- und gesundheitsrelevanten Tipps zu versorgen, bietet eine ganzseitige Ratgeberrubrik namens "Wie man sich am eigenen Schopf aus weihnachtlichen Engpässen herausziehen kann".
Also, ich wüsste ja einen brillianten finanzrelevanten Tipp, wie man gar nicht erst in einen weihnachtlichen Engpass reinkommt, aber mich fragt ja keiner. Dabei wäre der Trick ein ganz simpler: Zahlt euren Leuten einen Lohn, von dem sie leben können, dann müsstet ihr sie nicht kurz vor Weihnachten zukacken mit hanebüchenen Auswegen aus irgendwelchen Engpässen. Aber gut.

Es weihnachtet, da menschelt's. Da muss Nächstenliebe haufenweise ausgeschieden werden - schließlich hat Walmart die Latte hochgelegt -, da sind die Konzerneingeweide so zum Bersten gefüllt mit Empathie gegenüber ihren Niedriglohnsklaven, dass es zu einer nicht mehr kontrollierbaren Bullshit-Inkontinenz kommt. Gesundheitsrelevante Kostprobe gefällig?
"Sing den Stress einfach weg: Das Mitsingen von Lieblingssongs kann deinen Blutdruck senken."
Großartig. Ich hab sofort angefangen 'Oh du fröhliche' zu trällern, wenn auch etwas nasal klingend, aber das kommt von den Risiken und Nebenwirkungen eines zugehaltenen Riechkolbens. Blutdruck im Keller, leider  auch das Weihnachtsbudget, darum ebenfalls die Stimmung. Was tun?
"Hör auf zu jammern: Die Stresshormonwerte steigen um 15 Prozent an nach nur zehn Minuten Jammern."
Au weia. Nach fünf Minuten habe ich schleunigst das Jammern eingestellt, weil, niedriger Blutdruck bei hohen Stresshormonwerten, das kann nicht gut gehen, damit vergraule ich den Weihnachtsmann, no go!, ich brauche doch dringend dem seine Geschenke - und damit zu den finanzrelevanten Tipps:
"Verkaufe deine unwillkommenen Weihnachtsgeschenke bei Ebay, damit kannst du schnell zu Geld kommen."
Meine Stimmung bessert sich merklich. Zack, rein mit Tante Ottilies Häkeltopflappen ins verkaufsoffene Internet, ruck-zuck raus aus dem finanziellen Engpass! Ja-ha, ihr selbstgehäkelten Jammerlappen, so schnell kommt ihr zu einem Extrataschengeld, mit dem ihr euch dann was Nettes, Feines, Kleines zum Naschen leisten könnt. Wie, keine Sau war an den blöden Häkeldingern interessiert? Na, na, nicht gleich wieder jammern! Ihr werdet trotzdem nicht darben müssen, versprochen! Euer freundlicher McRatgeber weiß, wie's geht, selbst wenn Flaute in Kühlschrank und Geldbeutel herrscht - und damit zum ultimativen, alle Rekorde brechenden super-size-Bullshithaufen.

Nase immer noch fest zu? Gut:
"Lebensmittel in kleine Stückchen zu zerteilen führt dazu, dass du weniger isst und dich trotzdem satt fühlst."
Ist das ein Wort? Let them eat small pieces of cake. Zur Not kannst du auch herzhaft in ein Stück Doppelwhopper-Verpackungskarton beißen, gut einspeicheln, lange darauf herumkauen, in kleinen Stückchen runterwürgen - sättigt ungemein. Versprochen.

Was ich befürchte: Bis Weihnachten sind es immerhin noch gut vier Wochen. Viel, viel Zeit für die dauerkackenden Marathonpfeffersäcke, ihren humanitären Bullshit in kleine Stückchen zu zerteilen und uns häppchenweise damit durchzufüttern, was dazu führt, dass mir bereits jetzt vor lauter Sättigungsgefühl zum Kotzen zumute und noch nicht mal Advent ist.

Nicht jammern. Weitersingen. Brot brechen. Oh du fröhliche.

Dienstag, 21. Mai 2013

Wohin mit dem ganzen Müll?


Allmählich bahnen sich Lösungen an.

Saubere, endgültige Lösungen mit einem für alle klar verständlichen, eindeutigen Schlusstrich: Lösungen, die radikal Schluss machen mit den lästigen Problemen von Armut, Alter, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit. Endlösungen eben.

Die magische Formel heißt: Macht sie alle zu Kriminellen!

Wie das gehen soll? Ganz einfach: durch neue Gesetze. Radikale Lösungen erfordern nun mal radikale Gesetzesentwürfe, und sind die erst mal in Papier gegossen, lösen sich die lästigen Probleme wie von selbst.

Der neueste Hit zur großflächigen Verbrechensbekämpfung - hier: Verfolgung antisozialer Kleinkrimineller - nennt sich Anti-Social Behaviour, Crime and Policing Bill, kommt aus Großbritannien und reißt die strafrechtliche Deutungshoheit an sich über alles, was im öffentlichen Raum so kreucht, fleucht, flucht, krakeelt und herumlungert. Vorzugsweise im Visier: auf der Straße abhängende, meist arbeitslose Jugendliche. Ganz besonders auf dem Kieker:
auf der Straße lebende, da obdachlose Menschen.

Dass es sich dabei um nichts als antisoziales Pack handelt, war eh schon die ganze Zeit klar, aber nun kann endlich juristisch reiner Tisch und die sozial auffällige Zielgruppe unschädlich gemacht werden, denn von nun an gilt per Strafgesetz die Gleichung: antisozial = kriminell. Verhaften, abführen, einbuchten, fertig. Problem gelöst. Hauptsache weg. Am besten mithilfe nächtlicher Polizeistreifen sowie geeigneter Einsatzfahrzeuge - ich stelle mir PS-starke, schußsichere Kombis vor mit großen, geräumigen fensterlosen Anhängern, so ähnlich wie die Dinger, die man von Vieh-Massentransporten kennt. Na gut, nicht bloß von Vieh-Massentransporten.

Ein großes Fassungsvermögen müssen diese Transportanhänger schon deshalb haben, weil ja die Kriminalitätsrate stetig steigt, weil ja immer mehr Menschen auf der Straße leben, weil ja immer mehr obdachlos werden, weil ja immer mehr sich die Wohnungsmieten nicht mehr leisten können, weil ja immer mehr - infolge bedroom tax und gekürzten Sozialbudgets - immer weniger Geld verfügbar und außerdem immer weniger einen Job haben. Logisch, oder? Also her mit den Viehkarren.

Wer das unlogisch findet, hat sich mit der Logik der britischen Regierung noch nicht hinlänglich vertraut gemacht. Deren Logik geht so: Im ersten Schritt schaffen wir Obdachlosigkeit, im zweiten kriminalisieren wir sie. Oder, etwas langsamer zum Mitschreiben: Im ersten Schritt besteuern wir eure Wohnungen, vertreiben euch - zweitens - so aus euren Wohnungen, zwingen euch - drittens - auf die Straße, stellen ferner - viertens - sicher, dass es keine Jobs gibt, ziehen - fünftens - ein neues Gesetz aus der Tasche, mithilfe dessen wir Obdachlosigkeit als antisozial und - siebtens - infolgedessen als illegal definieren.

Ach so, fast vergessen: Wir erklären - achtens - , das neue Endlösungsgesetz diene ausschließlich dem Schutz und der Sicherheit der Bevölkerung - also, der restlichen, noch verbliebenen, naturgemäß immer kleiner werdenden Bevölkerung, die sich aus lauter Angst vor Kriminalisierung schon nicht mehr auf die öffentlichen Plätze traut - und haben schließlich das, was uns schon immer vorschwebte: einen sauberen, sicheren, menschenleeren öffentlichen Raum. Können wir jetzt bitte endlich die erforderlichen Einsatzfahrzeuge für den Massenabtransport bestellen? Wo? Na dort, wo wir kürzlich - Stichwort: sauberer, menschenleerer öffentlicher Raum - auch diese hypermodernen Wasserwerfer bestellt und geliefert bekommen haben. Weil, dort haben sie das Knowhow, ehrlich, die wissen aus Erfahrung, wie's geht.

Wobei, muss man sagen, (im Vergleich mit den britischen) die amerikanischen Behörden mit der Kriminalisierung ihrer Obdachlosen wesentlich geschmeidiger verfahren, oder sagen wir mal: pragmatischer. The culture of the Wild West, you know. Die brauchen nicht groß irgendwelche neuen Gesetze und darum auch keine Viehkarren. Die verfrachten kurzerhand die obdachlosen Menschen von Detroit in ihre Streifenfahrzeuge, fahren sie bis weit über die Stadtgrenze, setzen sie dort aus, knöpfen ihnen sicherheitshalber vorher das eventuell vorhandene Kleingeld ab - könnten sich ja sonst in den Bus setzen und zurück in die City fahren -, haben einen Riesenspass dabei und nennen das ganze Transportunternehmen
"We take them for a ride", auf deutsch: Wir machen mit ihnen eine Spazierfahrt. So eine Gaudi! Ach ja, übrigens gibt es für We take them for a ride noch eine Slangübersetzung, die lautet: Wir verarschen sie nach Strich und Faden. Selten so gelacht auf nächtlichen Streifen in Detroit.



Okay. Das mit der Kriminalisierung der Obdachlosen wäre gebongt. Das mit dem Abtransport auch. Bis die Arbeitslosen ebenfalls per Gesetz zu Verbrechern abgestempelt und abtransportiert werden, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Weil, wenn das Gesamtkonzept erst mal greift - da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf!

Ich sage nur: Lager für die Armen und Obdachlosen, schön mit Stacheldraht und Hochspannungszaun, man muss es ja nicht KZ nennen, da fällt uns zu Tarnzwecken schon was Griffigeres ein, wie wär's mit, ähm, Sonderwohnbezirken? Asylstätten? Schutzräumen? Herbergsunterkünften? Oder vielleicht Ghettos? Na ja, Ghettos, vielleicht ein bisschen belastet der Begriff, dann doch eher so was wie Umerziehungsunterkunft. Oder Zwischeninternierung. Oder Sammellager. Oder ganz einfach: Durchgangslager! Das rockt! Durchgangslager dienen ja bekanntlich dem Zusammenstellen von Transporten von ca. 1.000 (über die Richtwerte hat man sich noch nicht geeinigt) Gefangenen. Transport wohin? Ist doch egal, Mensch, Hauptsache weg, aus den Augen, aus dem Sinn, maßgeblich sind die Vernichtungskapazitäten im Endlager, oops!, das ist uns jetzt so rausgerutscht, wollten wir eigentlich nicht so drastisch formulieren, aber gut.

Wenn da nur nicht das leidige Problem mit den Kosten wäre! Weil, so eine komfortable nationale Beherbergungsstättenkultur, die stampft man ja auch nicht von heute auf morgen aus dem Boden, das dauert seine Zeit, und dann die Kosten! Die Kosten, die so eine Infrastruktur verursacht! Jenes Land mit den hypermodernen Wasserwerfern hat es da besser, weil, also, die Infrastruktur ist ja dort vorhanden, im Prinzip jedenfalls. Gut, gegenwärtig haben die ihre ollen Lager zu Museen umdesigned, zumindest vorübergehend, aber da geht noch was, ohne Frage, denn immerhin, das ganze Schienennetz und die Straßen, alles vorhanden bei denen, also, das hat schon was.

Wie gesagt: Wir bleiben dran. Wir arbeiten konsequent an Entsorgungskonzepten für menschlichen Müll. Insbesondere denjenigen, den wir selbst produziert haben. Und sollte das mit den Lagern zu teuer kommen, bleiben uns immer noch alternative, sprich: effizientere Optionen.

Weil, vom Wasserwerferland lernen heißt siegen lernen.

Samstag, 27. April 2013

Unter Geiern


Heute basteln wir uns eine aktuelle Schlagzeile. Zum Beispiel so:
Deutschland auf dem Vormarsch
Klingt schon mal gut. Aber zu unspezifisch. Vielleicht eher so:
Deutschland startet Feldzug in den Süden
Schon besser. Obwohl, Feldzug und Deutschland, kommt vielleicht nicht so gut. Dann halt so:
Deutschland startet Feldzug ohne Blutvergießen
Klingt schon viel sympathischer. Jedenfalls das mit dem ohne Blut. Nur, Feldzug, das hat halt schon so ein Gschmäckle. Vor allem bei denen da unten im Süden. Dann schreien die alle gleich wieder, und der Herr Schäuble muss sich wieder furchtbar aufregen. Wo es doch Deutschland bloß gut meint. Mit denen da unten. Im Süden Europas. Undankbares Pack. Aber gut. Wie wär's mit
Deutschland schickt Hilfstrupp in Krisenländer Südeuropas?
Gottogott, bloß nicht, das glaubt doch keine Sau mehr, das mit der Hilfe, auch nicht mit Fragezeichen. Überhaupt, was heißt schon "Deutschland"? Wer ist Deutschland?
Deutsche Unternehmer stehen Krisenländern bei
Könnte man so stehen lassen. Klingt nur einen Tick zu altruistisch - bitte, wo leben wir denn, wenn nicht im Kapitalismus? Da muss doch niemand sich seines gesunden Eigeninteresses schämen, Deutschland schon gar nicht und deutsche Unternehmer erst recht nicht. Also, immer raus mit der Sprache:
Deutsches Unternehmertum wittert Morgenluft 
Na bitte, geht doch. Klingt positiv, klingt nach Aufbruch in neue Zeiten, klingt irgendwie dynamisch. Hat aber noch nicht das Zeug zur perfekten Schlagzeile, denn es fehlt das Wo und Warum und das ganze Drumrum. Weil, man will ja wissen, worum es geht.

Ach was. Wir nehmen jetzt einfach die Original-Schlagzeile:
Deutsche Firmen nehmen Investment in krisengeschüttelten Ländern ins Visier
So, geschafft, jetzt ist es raus, und wir müssen mit dem Rest nicht hinterm Berg halten:
Deutsche Unternehmen richten ihren Blick auf Südeuropa, denn Befürchtungen eines Auseinanderbrechens der Eurozone klingen ab, und die Wirtschaftsreformen verwandeln die krisengeschüttelte Region in einen attraktiven Standort, um erneut zu investieren.
Wie, attraktiv? Ja sicher, wirtschaftlicher Niedergang plus galoppierende Arbeitslosigkeit macht in der Summe: attraktiv. Verführerisch. Nachgerade aufreizend.
Was Südeuropa so reizvoll macht, sind die Vorteile, die aus jenen strengen Austeritätsmaßnahmen und Reformen erwachsen, auf die die Politiker der Eurozone, allen voran Deutschland, gedrängt haben als Gegenleistung für finanzielle Bailouts.
Reformen, welche? Na, diese:
... die Arbeitsmarktreformen, zu deren Implementierung die Bailout-Länder gezwungen wurden - das 'Hire-and-Fire'-Prinzip zu erleichtern und die Lohnkosten zu senken - ...
- also das, was die Rezession vertieft und die Depression verschlimmert und die Suizidraten erhöht und die Verzweiflung gesteigert und die Krise fest etabliert hat, all das ist unterm Strich: attraktiv. Fürs deutsche Unternehmertum, Abteilung Mittelstand:
"Für finanziell gut aufgestellte deutsche Mittelstandsfirmen entpuppt sich die Krise als günstige Gelegenheit."
Heißt: In Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland können marode Firmen vergleichbarer Größenordnung zu Schnäppchenpreisen aufgekauft werden. Da heißt es zugreifen, bevor andere es tun:
"Da ist Bewegung in diesen Ländern. Worauf sollen wir noch warten? Darauf, dass alle anderen das ebenfalls mitkriegen? Wir wollen mit von der Partie sein, wenn sich etwas bewegt, und wir wollen mitspielen dabei."
Also, bloß nichts anbrennen lassen -
"In vielen dieser Länder herrschen fürchterliche wirtschaftliche Strukturen, vom deutschen Standpunkt aus gesehen. Im Moment stellen wir fest, dass der Zusammenbruch dieser Strukturen für uns in diesen Ländern Chancen eröffnet."
- sondern zuschlagen:
"Spanien gerät zurück in den Fokus, insbesondere vor dem Hintergrund fallender Lohnstückkosten ..."
- sowie, selbstredend, vor dem Hintergrund rasant steigender Arbeitslosigkeit.

Da geht noch was, in diesen Ländern, da geht noch ganz viel für unternehmerisch versierte deutsche Spähpanzer, ähm, Spürnasen. Ganz ohne Blutvergießen. Aber mit viel Gewinnaussichten.

Keine Ahnung, wieso mich beim Lesen des Artikels dauernd der tierische Assoziationsbereich streifte. Typisch Hyänen, dachte ich, aasfressende Raubtiere, stürzen sich wie wild auf alles, was dem Untergang geweiht ist. Es gibt eine Hyänengattung, die fällt blutrünstig sogar über noch zuckende, lebende Organismen her, um das frische Fleisch nach Herzenslust auszuweiden. Alle Hyänensorten sind bekannt für ihren besonders fein ausgebildeten Geruchssinn; sie riechen von weitem, wo es etwas zu fressen gibt. Charakteristisch an Hyänen sind ihre markanten, an Gelächter erinnernden Laute, um ihren Artgenossen mitzuteilen, dass sie Witterung aufgenommen haben.

Es heißt, das Wesen von Hyänen stehe - übertragen auf die menschliche Gattung - für Gefräßigkeit, Gier und ungehemmten Egoismus ohne jegliche Skrupel. Das ist aber falsch. Es steht
schlicht und einfach für Kapitalismus.

Sonntag, 10. Februar 2013

Hinterm Horizont die Pizza


Mit dem Multitasking ist das so eine Sache. Nämlich keine. Die praktisch veranlagten Schwaben haben dies bereits vor langer Zeit erkannt:
I ka it Kraut hacka, scheißa ond gleichzeitig em Pfarrer d'Hand gäba. 
Äba drom erweist es sich als völlig sinnlos, wenn ich mir einbilde, parallel zum Pizzabacken im Internet ein bisschen kreuz und quer zu lesen würde meinen Horizont erweitern. Gut, die Pizza backt von allein, da lässt sich nebenher ein bisschen was für den Horizont tun, aber halt nur ein bisschen, nämlich genau so lange, bis der Horizont beim Lesen sich zu verdüstern und es aus dem Backofen komisch zu riechen beginnt.

Dieser Punkt ist erreicht, wenn die Pizzabeauftragte - minutenlang und ungläubig staunend - jene Erkenntnis zur Kenntnis nimmt, die ein sogenannter "Sonderbeauftragter der SPD für Griechenland" den krisengeschüttelten Griechen ans Herz legt, um ihnen mit wärmsten Empfehlungen den Weg aus der wirtschaftlichen Patsche zu weisen:
"Ihr müsst Maßnahmen für klarere Strukturen ergreifen. Die Gewerkschaften in Deutschland wirkten mit, als es nötig wurde, dass Reformen und Opfer erfolgen. Das fehlt in Griechenland."
Das hat gerade noch gefehlt: deutsches Erfolgsrezept, das siebenhundertdreiundachzigste, bereit zum Export. Da staunt der Grieche und die Pizza wölbt sich. Die Nasenflügel beben, der Magen knurrt und verlangt nach klaren Strukturen, und wieder mal bestätigt sich der kluge Aphorismus, wonach eine nur leicht verkohlte Pizza im Bauch besser ist als ein schwer horizontales Brett vor dem Kopf der SPD.

Mangiare. Kommen essen. Aber pronto.


Donnerstag, 23. August 2012

Suizid, weggesprüht


Pfffftt!

Niedergeschlagen? Gedrückte Stimmung? Am Tiefpunkt? Seelische Krise? Am Rande einer Depression? Lebensmüde? Von allem die Nase voll?

Pfffftt!

Ein neuartiges Nasenspray schafft Abhilfe. Einmal hochziehen - und der Kopf ist wieder frei von schwarzen Gedanken, depressiven Dispositionen und suizidalen Anwandlungen. Und zwar sofort, denn der Weg von der Nase ins Limbische System ist ein kurzer: Ruckzuck ist die Depression ist wie weggeschnieft, das pralle Leben kann weitergehen, Selbstmord war gestern und Morden ist heute. Wer wird sich selbst umbringen wollen, wenn er dafür bezahlt wird, andere umzubringen?

Darum hat das amerikanische Pentagon keine Kosten gescheut, vielmehr das Anti-Suizid-Nasenspray-Forschungszentrum der Indiana University mit satten drei Millionen Dollar bezuschusst, nachdem ein dringender Handlungsbedarf erkannt worden war: Die Suizidrate im amerikanischen Militär hatte sich im Juli 2012 verdoppelt. "Inzwischen sterben mehr Soldaten durch eigene Hand als durch Handgreiflichkeiten von den Taliban in Afghanistan."

Eine alarmierende Entwicklung, der mit Sofortmaßnahmen Einhalt geboten werden musste. Daher die Entwicklung einer innovativen, vor tödlichen Autoimmun-Erkrankungen schützenden biologischen Waffe, eben jenes Instant-Suizidkiller-Nasensprays, frei nach dem Slogan: Du sollst dein Gewehr nicht falsch herum halten, sprüh dir besser etwas Befreiendes in die Nase, und das Abknallen fremder Menschen funktioniert wieder wie von selbst. Ohne Störgefühle, ohne Depression, ohne Trauer...


... außer natürlich bei den Hinterbliebenen derer, die du in die Luft gejagt hast. Muss dich, Soldat, aber nicht in deiner Gemütsverfassung beeinträchtigen, trägst du doch ein Fläschchen unserer speziell für dich neu entwickelten Anti-Suizid-Droge stets im Kampfanzug mit dir und weißt um die "euphorisierenden, beruhigenden, anti-depressiven Wirkungen" des neurochemischen Wirkstoffes TRH (thyrotropin-freisetzendes Hormon) auf "nanotechnologischer Basis".

Pfffftt!

Noch befindet sich der neurochemische Kampfstoff in der Testphase; zumindest so lange, bis die Euphorisierung der suizidgefährdeten Streitkräfte so weit fortgeschritten ist, dass deren Selbsttötungsrate signifikant unter den Zahlen der getöteten Feinde liegt, inklusive der getöteten Menschen aus der Zivilbevölkerung.

Apropos Zivilbevölkerung.

Beruhigend, nachgerade euphorisierend ist das Vorhaben der universitären Forscher im Auftrag der US-Armee, "eine umfassende Versuchsreihe über die nächsten Jahre zu starten, um - so die Hoffnung - das Spray nicht nur Soldaten, sondern ebenso Zivilpersonen an die Hand zu geben zu können". Das "Spray of Hope" für den täglichen Gebrauch, zur Prophylaxe der rasant ansteigenden Suizidrate in der Zivilbevölkerung der westlichen Gesellschaften!

Selten war die Rede von der 'zweiten Großen Depression' angebrachter als in Zeiten, wo immer mehr Menschen sich von der wirtschaftlichen in die seelische Depression getrieben sehen und den suizidalen Ausweg als letzte Lösung wählen. Übrigens nicht nur in Griechenland, Spanien und Italien, sondern neuerdings auch in Großbritannien.

Pfffftt!

So what? Nasenspray, um der Selbsttötung vorzubeugen. Neue Lebensqualität durch Nanotechnologie. Jedem sein individuelles Fläschchen in die Hausapotheke. Immer schön lebendig bleiben, auch wenn es euch sterbenselend zumute ist! Bei akutem Ausfall der Lebensgeister einfach sprühen, hochziehen, und gut ist!

Obwohl. Es ginge sicherlich noch effizienter. Zum Beispiel Tränengas, das ist ja auch ein kostspieliger Kampfstoff, der auf Dauer und bei wachsendem sozialen Protest ganz schön ins Geld geht - warum nicht gleich die unzufriedenen Massen mit etwas Beruhigendem, Euphorisierendem besprühen? Nie war Problemlösen leichter, als wenn die Forschung zur Entwicklung schreitet.

Überhaupt. Zu viele Suizide schaden der Ideologie. Warum nicht das ganze depressionsgeschüttelte Land/den Kontinent flächendeckend mit einer anti-depressiven Gaswolke besprühen? Zugegeben, kein wirklich neuer Gedanke. Alles schon mal dagewesen, Schöne Neue Welt, Aldous Huxley lässt grüßen.

Pfffftt!

Brauche dringend eine Ladung aus meinem Anti-Paranoia-Sprayflakon.

Mittwoch, 8. August 2012

Trag' den Müll raus


Mit jedem Tag füllt sich die Europa-Mülltonne schneller. Die schlechten Gerüche drohen zum Alltagsklima zu werden. Wenn das so weitergeht, werde ich künftig den Müll mehrmals täglich raustragen müssen, sonst helfen nur noch Mundschutz und zugehaltene Nase.

Jean-Claude Juncker, Chef des Eurogruppenfinanzminster-Klüngels, hat mal wieder zugeschlagen. Sein Thema war der zur Zeit allseits sehr populäre Grexit, also der Austritt Griechenlands aus der Eurozone:
"Aus heutiger Perspektive wäre er zu bewältigen, aber das bedeutet nicht, dass er zu wünschen ist," sagte Juncker dem Westdeutschen Rundfunk.
Schon klar. Kennt man ja. Wir könnten, wenn wir wollten, aber wir wollen nicht. Präpotentes Machogequassel, nicht zu verwechseln mit Impotenz-verschleierndem Drumherumgerede. Warum ist ein Grexit aus Sicht jenes Mannes, der einmal gesagt hat: "Wenn es ernst wird, muss man lügen", nicht wünschenswert? Darum:
"Weil er (der Grexit) besonders die normale Bevölkerung in Griechenland signifikanten Risiken aussetzen würde."
Ah. Schon wieder diese üblen Gerüche. Der alte Lügenbold hat, völlig überraschend, sein Herz für die normale Bevölkerung entdeckt. Das geht gewaltig ans Herz, aber noch strenger in die Nase.

Dann wurde er von den WDR-Reportern noch gefragt, ob er einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone kategorisch ausschließen könne? Da ließ sich der flunkernde Juncker nicht lumpen:
"Ja. Zumindest bis zum Ende des Herbstes."
Wenn das keine Perspektive ist! Bis Ende des Herbstes!
Und danach?
"Und danach auch."
Noch Fragen? Danke, nein. Juncker im gewohnt doppelzüngigen Sprechblasenmodus. Die Luft ist verpestet. Ich geh' mal eben den Müll raustragen.

Dienstag, 7. August 2012

The real funky stuff


Hilft ja alles nichts. Es muss mal wieder anständige Musik her.
Um all den üblen Gerüchen standzuhalten, die aus der Mülltonne Europa aufsteigen.

Paco Mendoza: Consciente y Positivo.


Starkes Latin-Zeugs mit durchdringendem funky Aroma.
Tief inhalieren. Durchatmen. Stark bleiben.

Donnerstag, 2. August 2012

Morgenröte und Paradies



In Athen gibt es neuerdings ethnisch reine Lebensmittel-Almosen an bedürftige Griechen. Griechen, wohlgemerkt, nur an Griechen. Gegen Vorlage des griechischen Passes. Die Passkontrolle der schlangestehenden hungrigen Menschen erfolgte durch Organisatoren der rechtsextremen Partei Golden Dawn. Mit Kartoffeln, Nudeln, Milch und Olivenöl beschenkt wurden bevorzugt arbeitslose Menschen und kinderreiche Familien. Sofern sie ihre reinrassige griechische Herkunft nachweisen konnten.

Die wohltätigen Nationalsozialisten verteilten unter dem Signum 'Für Griechen von Griechen' ausschließlich Produkte griechischer Hersteller und griechischer Landwirte. Ob den griechischen Herrenmenschen von den Lebensmittelproduzenten ebenfalls Rassenachweise vorgelegt werden mussten, ist nicht bekannt, darf aber vermutet werden; immerhin war es bei vorausgegangenen Suppenküchen - veranstaltet von Golden Dawn für arme Menschen ausschließlich griechischer Herkunft - zu unliebsamen "Fehlern" gekommen, als unter den Zutaten Produkte entdeckt wurden, die in deutschen Supermärkten gekauft worden waren.

Die jüngste Spendenaktion fand in Syntagma Square statt, direkt vor dem Gebäude des griechischen Parlamentes. Die Aufforderung (griechischer) Staats- und Polizeibeamter, "solcherart Aktionen" auf dem berühmtesten Platz Athens zu unterlassen, wurde von der Partei der aufziehenden Morgenröte ignoriert. Ilias Kasidiaris, Parlamentsmitglied von Golden Dawn,
bezeichnete den Bürgermeister von Athen als "Bürgermeister der illegalen Immigranten" und schloss in eindeutig beleidigenden Worten, dass Golden Dawn weiterhin die Entscheidungen griechischer Beamter missachten werde, genauso wie griechische Bürger dies täten.
Eine in der Warteschlange anstehende Frau gab gegenüber dem bei der Aktion anwesenden BBC channel an, diese Initiative mache "Golden Dawn um ein Vielfaches attraktiver". Betont wurde ferner von Partmitgliedern, das gespendete Essen werde aus "staatlichen Geldern" finanziert: "Unser Slogan heißt: Staatliches Geld zurück an die Bürger".

Mehr fällt mir im Moment nicht ein.

Oder doch, das hier:


Besonders interessant: ab etwa 9:30 min.
Noch interessanter:
die letzten 30 Sekunden:
Was hat er versprochen? Arbeit und Brot für die Massen, für die Millionen Arbeiter, die damals arbeitslos und hungrig waren. Heutzutage, in unserer Wohlstandsgesellschaft, haben Arbeit und Brot keine Bedeutung mehr, aber damals war es ein absolutes Grundbedürfnis. Dieses Versprechen würde heutzutage keinerlei Sinn haben, aber damals - damals klang es wie ein Versprechen aus dem Paradies.
Damals.

Freitag, 8. Juni 2012

Frischluftzufuhr


Tut mir leid, ich greife jetzt zur Selbsthilfe. Aus blanker Notwehr.

Gegen all diese abgetakelten Polit-PR-Kracher, diese luschigen Feuerwerkskörper, die mit großen Geheul starten und irgendwann pfrrt! machen, diese lärmenden Verbalgeschosse, die mit zunehmender Geschwindigkeit und in exponentiell wuchernder Frequenz Umwelt wie Lebensqualität mutwillig verpesten, diese hyperventilierend abgehusteten Schlammbrocken, in alle Himmelsrichtungen geschleudert; und während all diese verschossenen Schadstoffrhetorikhülsen mitsamt ihrem kontaminierenden Restinhalt am Boden herumgammeln und sich türmen und stapeln und haufenweise zum Himmel stinken, kommt von oben unverdrossen Nachschub, wird täglich neu fabrizierter Wortdung durch die Luft geschickt, wird geblaht und gebläht ohne Ende und weit und breit kein Rettungsschirm gegen frei herumfliegende Dungbrocken und nie war der Wunsch nach freien Radikalen stärker.

Zum Frühstück gab's gequirlten rechtsdrehenden Merkelquark von unbegrenzter Haltbarkeit, gestreckt mit kuhäugig dreinblickendem Schafskäse zur leichteren Verdaulichkeit; der kommt ab sofort jeden Morgen auf den Tisch und wird dem Eurovolk so lange in den Hals gewürgt, bis er darin steckenbleibt und keiner mehr papp sagen kann oder will oder darf.
Wir sagen, wir brauchen mehr Europa. Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen auch eine so genannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine politische Union. Das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Europa abgeben, Europa auch Kontrollmöglichkeiten einräumen.
Teller leer essen, Kinder, und Kompetenzen abgeben. Weil sonst - ihr wisst ja! - sonst die Mutter blicket stumm um den ganzen Tisch herum, und dann wird's uncool beim Frühstücken. Also rein mit dem geblahten Blähstoff, zum Pupsen könnt ihr raus auf den Balkon gehen, weil, in unserem Haus herrscht ein sauberer deutscher Haushalt mit einer ordentlichen deutschen Haushaltspolitik, an der sich alle - alle! - eine Scheibe abschneiden können oder vielmehr dürfen, und wenn sie nicht wollen, dann müssen sie halt. Basta.

Es fliegt, von allen Seiten, der Dung frontal entgegen, pfeift übelriechend um die Ohren, fällt mit hässlichem Platschen auf den Kopf und man weiß nicht recht, warum der Begriff 'Fäkalunion' sich nachhaltig im vegetativen Gedächtnis einnisten möchte. Während die eine Hand schützend vors Gesicht gehalten wird, greift intuitiv die andere zur neuerdings im stand-by bereitliegenden Verdauungshilfe und fängt schon mal an zu übersetzen:
Wir sagen, wir brauchen mehr Deutschland. Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen auch eine so genannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine politische Union. Das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Deutschland abgeben, Deutschland auch Kontrollmöglichkeiten einräumen.
Na bitte, geht doch. Bisschen unsanft, aber dafür völlig flatulenzfrei. Und jetzt raus auf den Balkon. An die frische Luft.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Im Windschatten der Dorfsau


Gänsehautproduktion allerorten:

Schreckgespenst (angeblicher) "Linksradikalismus" in Griechenland.

In allen schauerlichen Farben an alle Wände gemalt. Alle wollen mitmalen, allen voran die Medien, die Märkte und, natürlich, die Merkel.
"Die griechischen Wähler müssen die gefährlichen Lügen von Syriza durchschauen"
Syriza, das ist diese angeblich linksradikale Partei auf Erfolgskurs, und deren angeblich linksradikaler Führer Tsipras muss jetzt so dringend wie flächendeckend gemobbt und der Lüge bezichtigt werden, damit den griechischen Wählern ein Licht auf- und der rechtskonservativen Partei Nea Demokratia die Wählerschaft nicht ausgehe.
"Sie müssen wissen, dass das, was ihnen von Syriza und ihrem jungen Führer Tsipras erzählt wird, eine Lüge ist."
Gut, dieser Tsipras ist ein gerissener Pokerspieler und hat schon durchblicken lassen, das entsprechende Knowhow käme ihm im Politikbetrieb sehr zugute, und vielleicht lügt er das Blaue vom Himmel runter wie alle anderen auch, aber ob er mehr lügt als Medien, Märkte, Merkel samt Muppets, ist doch eher zweifelhaft, weil, noch mehr lügen als die geht einfach nicht. Beweis?
"Die anderen griechischen Politiker kündigen an, dass sie das Austeritätspaket neu verhandeln wollen, und dass Europa inzwischen bereit sei ihnen zuzuhören."
Das waren jetzt mindestens zwei Lügen in einem Satz; für so eine Lügendichte muss selbst ein gefährliches junges Partei-Pokerface erst noch trainieren (...und er ist wirklich gefährlich" - nämlich im Gegensatz zu Francois Hollande, der von den Märkten inzwischen auf "not dangerous" heruntergestuft wurde).

Übrigens, das mit dem Neuverhandelnwollen und der neu entdeckten Lust Europas am Zuhören geht als neueste faustdicke Lüge auf das Konto von Nea Demokratia, an deren Entlarvung jedoch keine Sau im großen finanzkapitalistischen Chor der mobbenden Muppets ein Interesse hat. Entfährt einem Tsipras ein ähnlich lautendes Statement, wird auf den angeblich linksradikalen Spatz mit Kanonen geschossen - "durchgeknallte Extremisten" seien das, die von Syriza.

Das einzig Gefährliche, Durchgeknallte, Extremistische, was mir bisher bei Tsipras aufgefallen ist, ist sein Vorhaben, im Falle eines Regierungsmandates eine sogenannte "Schuldenkommission" bilden zu wollen. Eine Kommission, die die Rechtmäßigkeit des Schuldenstatus von Griechenland und dessen Bankensystem untersuchen soll, um herauszufinden, welche der Schulden auf legalem Weg aufgenommen wurden und wer jeweils davon profitiert hat, wo betrügerische Absicht dahintersteckte und wer sich dabei bereichert hat. Eine Schulden-Untersuchungskommission! Wenn das nicht durchgeknallt und extremistisch, ja, gefährlich linksradikal ist, was dann?

Mittlerweile schwillt das Kanonengetöse der schießwütigen Muppets auf die angeblichen griechischen Linksextremisten so ohrenbetäubend an, dass kaum jemand Notiz davon nimmt, was im Windschatten des ganzen Theaterdonners gerade passiert. Hinter den griechischen Parteikulissen tut sich nämlich Erstaunliches, ja, Erschreckendes, um nicht zu sagen: Extremistisches (Who's who in Greek politics: the radicalization of the right):

Und zwar im Umfeld von Nea Demokratia (angeblich "rechts-konservative Mitte"), jener Partei also, die den Griechen ungeniert Lügen auftischen darf, dass die Schwarte kracht, und keiner merkt's und keiner sagt was. In diesem Umfeld dreht sich in aller Stille ein obskures Personalkarrussell, das einem leicht den Magen verdrehen kann. Die angeblich rechts-konservative Partei der Mitte geht derzeit am äußersten rechtsextremistischen Rand politisch hausieren und erfreut sich bereits guten Zulaufs von Neo-Nazis, Faschisten und Old-School-Militärdiktatur-Liebhabern.
Die Präsenz von Persönlichkeiten mit solchem politischen Background in Nea Demokratia - die von den meisten Leuten für eine "normale" rechtsgerichtete Partei gehalten wird -, ist ein beunruhigendes Zeichen dafür, dass es in Griechenland verzeihlich wird, rechtsextremistische, neonazistische, rassistische oder extrem nationalistische Ideen zu promoten.
Das Beunruhigende, Gefährliche an der griechischen Situation, so der Autor, sei die weitaus verschwommenere Trennlinie zwischen rechtskonservativem Mainstream einerseits und extremer Rechten andererseits, verglichen mit einer (noch?) relativen Trennschärfe in Ländern wie Frankreich oder Großbritannien.

Und er bringt auf den Punkt, wo die tatsächliche Gefahr des Extremismus in Griechenland zu suchen ist - vor aller Augen, im schützenden Windschatten des hochtourigen Getöses um ein angeblich linksradikales junges Pokerface:
Die wirkliche Radikalisierung, die sich in Griechenland zuträgt, ist inzwischen für jedermann sichtbar, und es ist eine Radikalisierung der Rechten, wo Individuen mit nostalgischen Junta-Sehnsüchten, die ultranationalistische Gefühle zum Ausdruck bringen und - mehr oder weniger - offen Elemente einer faschistischen Ideologie unterstützen, zurück in den politischen Mainstream geschleust werden, unter dem Deckmantel pro-europäischer Politiker.
Übrigens, nicht nur Syriza ist auf Erfolgskurs. Auch Nea Demokratia schiebt sich, neuesten Umfragen zufolge, in der Wählergunst immer weiter nach vorn - eine Radikalisierung, die seitens der Muppets mit dröhnendem Schweigen kommentiert wird, während sie die angeblich linksradikale Sau unter Gejohle durchs Dorf treiben.

Vielleicht sollte man ein bisschen mehr darauf achten, worüber nicht geredet wird.

Sonntag, 8. Mai 2011

Happy Mother's Day



Alles kommt wieder, auch die 50er Jahre. War das nicht schön damals, als Mutti noch genau wusste, wo ihr Platz war? Und das Töchterchen frühzeitig coachte, damit auch ihm beizeiten klar wurde, an welchen Platz es einmal gehören würde?

Ist das wirklich schon so lange her? Mir scheint, die 50er Jahre waren erst gestern. Ach was - heute! Diese Anzeige des Jahres 2011 verströmt den strengen Geruch längst vergangen geglaubter Zeiten. Bereits damals meinte ein aufgepumpter Fettsack männlichen Geschlechts namens Mr. Proper den properen Hausfrauen zeigen zu müssen, wo es lang geht; er tut es heute wieder.

Mit welcher Botschaft? Herr Saubermann - das heißt: die Firma Procter&Gamble - rät den Mädels, am sogenannten Muttertag doch bitte jenen Job zu verrichten, auf den es "wirklich" ankommt. Was er damit wohl meint? Fenster putzen? Boden wischen? Oder, zur Feier des Tages - nur an diesem einzigen Tag - mal keine Fenster putzen, keinen Boden wischen, einfach mal ganz Mutter sein oder was?

"Keep scrubbing, Bitch!", interpretiert der zum Sarkasmus neigende Copyranter die Werbeaussage, nennt Mr. Clean bei seinem bürgerlichen Namen, nämlich "chauvinistic asshole" und schließt seine Exegese mit der Bemerkung: "Werbung, die nach desinfiziertem Sexismus stinkt." Goldene Worte.

Aber man wird doch wohl den sogenannten Muttertag noch stilvoll abfeiern dürfen, oder? Na klar, am besten so:
"It's a day to say: Fuck you, misogynistic Mr. Clean!"

Donnerstag, 27. Januar 2011

Butterbrot trifft Jakobsmuschel


Jakobsmuscheln. Habe ich noch nie in meinem Leben gegessen. Das sind so kinderfaustgroße knuffige Knödeldingerchen aus weißem Fleisch, die irgendwie hauchzart nach Meeresfrüchten schmecken, aber nur wenn man's weiß, sozusagen. Köstlich auf jeden Fall.

Traf ich eben beim Nachhauseradeln einen Freund, der in der Gastronomie arbeitet, und als wir uns zur Begrüßung umarmten, schnüffelte er an mir herum und meinte: "Huch, wie riechst du denn?" Woher soll ich wissen, wie ich nachts um halb zwölf rieche? "Ich tippe auf Bouillabaisse", sprach er mit Kennermiene.

Völlig daneben. Die Jakobsmuscheln schwammen in trauter Eintracht mit Heilbuttstückchen und Kleinstkrabben in einer sämig-scharfen gemüsigen Sauce, angerichtet auf einem Berg pechschwarzer Tintenfischnudeln. Oh heiliger Poseidon, hat das gut geschmeckt.

"Mhm, dein Strickschal riecht nach gedünsteten Steinpilzen", fuhr der Gastro-Insider fort, womit er recht hatte, denn die Pulpo-Pasta war nur ein Zwischengang gewesen. Danach gab es ein Pilzgericht, bestehend aus Steinpilzen, Pfifferlingen und Stockschwämmchen, mit einem Fleisch dabei, was ich ebenfalls noch nie in meinem Leben gegessen hatte - Kalbsemmerolle. Keine Ahnung, ob das korrekt buchstabiert ist, jedenfalls stammt das Fleisch - schön fest und würzig - vom hinteren unteren Teil eines Kalbsoberschenkels und schmeckt so unvergleichlich gut, dass ich künftig jedes Fleischgericht stehen lassen würde, sollte mir nochmals in meinem Leben eine Kalbsemmerolle angeboten werden.

"Was gab's zum Nachtisch?", fragte der Freund nicht ohne fachkundige Gier, und ich entsann mich eines saftigen Waldbeerenkuchens auf flauschigem Biskuit, schwimmend in einer Schokoladen-Marzipan-Sauce, von einer irgendwie fast blutrünstig-sündigen Optik. Mehr als ein kleines Häppchen hat leider nicht mehr reingepasst - dieses opulente Schlemmen ist schon eine gewaltige Herausforderung für einen Magen, der sich die letzten Tage von Butterbrot, Bratkartoffeln und Polenta ernährt hat.

Sehnsuchtsvoll verdrehte ich die Augen und bedauerte, für den Nachhauseweg kein größeres Stück von dem Waldbeerensündenfall mitgenommen zu haben. Der Gastrofreund bedauerte ebenfalls. "Vielleicht beim nächsten Mal", sagte ich mit einem zufriedenen vegetativen Seufzen.

"Aha", entgegnete der Freund, "beim nächsten Mal also. Dir scheint's dort zu gefallen." Statt zu widersprechen seufzte ich nochmals. Dann fragte er: "Wie ist es denn dort so?" Ich überlegte. Mir fiel nichts ein. "Cool", seufzte ich schließlich. Der Freund hob eine Augenbraue. "Na ja", ergänzte ich, "irgendwie so zwischen edel und rustikal und frech und durchgeknallt."

"Aha", bemerkte er, "und du mittendrin?" Hm, meinte ich, könnte man vielleicht so sagen.

"Aha", sagte der Freund mit einem rustikalen Grinsen und fuhr fort, in einer unedlen Mischung aus frech und durchgeknallt, "ich verstehe - einmal Gastro-Schlampe, immer Gastro-Schlampe."

Aha. Gastro-Schlampe. Bitte, warum nicht. Soll mir auch recht sein.

Zum krönenden Abschluss und statt Nachtisch gibt es jetzt eine wundervolle Hommage an alle wundervollen Gastro-Schlampen dieser Welt:


Montag, 27. Dezember 2010

Clap Hands


Da hat er mich wieder, der frühe harte Alltag, nach einer Woche Erkältung in der gemütlich warmen Hütte, nach neuerlichem nächtlichem Neuschnee, nach gerade im Radio gehörtem "dieses Winterwetter wird uns bis Mitte März bleiben", nach weihnachtlichen Völlereien und überall liegt noch so ein schwacher gebratener-Gans-Geruch in der Wohnung...alles nicht exakt so, wie man sich das Leben wünscht.

Aber dann am frühen harten Morgen griesgrämig über so ein Video stolpern. Clap hands. Nicht nur die Hände, nein, die Messer, die Gabeln, die Teller, die Kerle, die Puppen, ich glaube, sogar der Truthahn auf dem Tisch hat gegroovt. Oder war es eine Gans? Egal. Clap hands. Yo.

PS. Wieso der Post jetzt so weit nach unten gerutscht ist und nicht mehr hochzurutschen geht, ist mir schleierhaft. Auch auch egal. Irgendwie. Clap hands.

Sonntag, 7. November 2010

Erbarmen, die Caritas kommt



Gerade eben haben sich alle meine zehn Fußnägel, einer nach dem andern, nach oben gekräuselt. Fühlte sich extrem unangenehm an. Erst dachte ich, wenn ich das Bild ganz schnell vom Bildschirm wegklicke, normalisiert sich das wieder - hat aber nichts genützt. Die Fußnägel rebellierten weiter und schabten von innen gegen die Socken. Grässlich. Es gibt halt so Fälle im Leben, wo Weggucken nicht hilft.

Ja, der Adventszyklus naht und mit ihm die kalte Jahreszeit. Bekanntlich haben dann die Menschen die Tendenz, ihr warmes Herz weit zu öffnen, auf dass der Geldbeutel dem Herzen folgen möge. Also hat sich die polnische Obdachlosen-Hilfsorganisation Caritas einen saisonal zu Herzen gehenden Werbe-Coup einfallen lassen, um die mageren Spendenkonten ein wenig aufzufetten. Es hat funktioniert: Das Spendenaufkommen ist im Vergleich zum Vorjahr um satte 100 Prozent gestiegen, wie die betreuende Agentur stolz vermerkt. Wer will da noch kleinkrämerisch-kritisch die Nase rümpfen?

Apropos Naserümpfen: Dazu hatten, möchte ich fast beschwören, die business-gestylten Warschauer Bank- und Büroangestellten keinen Grund, als sie eines Morgens ein paar schmuddelig kostümierte Obdachlosen-Mannequins auf dem Boden ihrer blankgewienerten gläsernen Lobby liegen sahen. Mit Sicherheit wurden die Models vor ihrem barmherzigen Einsatz gründlich geduscht und desodoriert, bevor man sie - geruchsneutral präpariert - in authentisch verdreckte Klamotten steckte und sie sodann in nächster Nähe von Fahrstühlen und Rezeption plazierte. Damit auch ja keiner der gepflegten Banker achtlos an den gekrümmten Gestalten vorbeilaufe oder angewidert wegschaute. Kennt man ja ansonsten aus den Fußgängerzonen, wo die meisten Passanten sich, völlig verscheuklappt vor so viel ästhetischer und olfaktorischer Zumutung, indigniert abwenden.

Mit dieser so exotischen wie - ähm - aufmerksamkeitsstarken - ähm, tja - Installation möchte die polnische Caritas auf die mehr als 300.000 obdachlosen Menschen in Polen aufmerksam machen. Auf dem braunen Schild ist zu lesen: "Ich habe die Nacht hier verbracht, weil ich draußen so gefroren habe. Meine einzige Anlaufstelle ist www.bezdomni.pl." (= die Homepage der Caritas, bezdomni heißt obdachlos.)

Wie gesagt, das Spendenaufkommen hat sich verdoppelt, die Herzen haben sich erwärmt und bestimmt haben sich alle spendierfreudigen Büromenschen sehr, sehr gut gefühlt. Weil, mit so einer Spende erleichtert man ja nicht nur sein Portemonnaie, sondern auch sein Gewissen. Alles in bester, ethisch einwandfreier Ordnung. Denn - ist es nicht so? - der gute Zweck heiligt alle nur erdenklichen Mittel.

Mich würde ja mal interessieren, wo bei manchen Zeitgenossen das Empfinden fürs Ethische - oder sagen wir mal: fürs Geschmacklose - sitzt. Sofern es überhaupt irgendwo sitzt. Bei mir, das lässt sich eindeutig sagen, sitzt es unter den Fußnägeln.

Mittwoch, 3. November 2010

Wir Müllmänner


Heute ging die Post ab. Vielmehr die Müllabfuhr. Und dann die Feuerwehr. Es war schwer was los.

Frühmorgens auf dem Fahrrad hatte ich wieder eine jener halluzinatorischen Frühlingsattacken: so früh, so hell, so warm. War mir warm! Viel zu warm. Föhnig warm. An der großen Kreuzung bei Rot riss ich mir die Mütze vom Kopf, den Schal vom Hals, die Handschuhe von den Fingern, den Anorakreißverschluss auf und machte laut "Puuh!" vor Erleichterung - da ertönte von der Mitte der Straße ein noch lauteres, männlich-zweistimmiges "Puuh!", gefolgt von einem dröhnenden Hupsignal. Die städtische Müllabfuhr, ebenfalls auf Grün wartend, hatte beobachtet, wie ich mich meiner Winterklamotten entledigte und wollte mehr sehen.

"Don't stop it, Baby!" rief es aus dem Fahrerhaus heraus. Die zwei Kerle, einer von ihnen ein alter Bekannter, kriegten sich nicht mehr ein vor Vergnügen. Sie verpassten darüber sogar die Grünphase. "Showtime!", brüllte Bongo aus dem offenen Fenster, haute animiert gegen die Fahrertür und hupte erneut. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so früh am Morgen so viel gelacht. Das mag jetzt vielleicht einem Außenstehenden schwerverständlich erscheinen, für mich war es ein bombiger Start in den Tag.

Um kurz vor acht kam das Feuer und mit ihm die Feuerwehr. Es war zwar kein Feuer, sondern ein Schwelbrand, aber die Feuerwehr rückte trotzdem an. Mit vier Löschzügen, Wiederbeatmungsgeräten, Windmaschinen, Notarzt, Polizei, allem Drum und allem Dran. Aus dem ersten Stock drangen dichte, beißende Rauchwolken. Aus allen vier Stockwerken drangen aufgeschreckte Bewohner, husteten das Treppenhaus hinab und suchten Zuflucht in der Kneipe (Brandschutztür!).

Die Feuerwehr löschte, die Polizei ermittelte. Die unfreiwillig versammelte, großteils beschlafanzugte Hausgemeinschaft trank Unmengen von Kaffee, und - wie bei solchen Gelegenheiten üblich - jeder hatte eine Story auf Lager, wie es bei ihm oder Onkel Rudi oder Tante Helga oder dem Schwager seiner Schwiegermutter auch schon mal beinahe gebrannt habe. Es stellte sich heraus, dass eine schlaflose gläubige Katholikin aus dem ersten Stock heute früh eine verspätete Allerseelenkerze entzündet hatte und darüber eingeschlafen war. Der Rest war Kokel. Menschen kamen keine zu Schaden, Sachen schon.

Einträchtig hockten Katholen, Freidenker und hartgesottene Atheisten um den Tisch und debattierten heftig über Sinn und Unsinn von Allerheiligen, Allerseelen, der Heiligen Maria sowie der brandschutztechnischen Vorteile von Grablichtern versus Haushaltskerzen. Ich kochte Kaffee und versorgte neu eintreffende Schlafanzüge mit feuchten Handtüchern, zur Beruhigung der gereizten Atemwege. Ein herbeigeeilter Geschäftsführer - so schöngeistig wie nervenstark veranlagt - rezitierte dramatische Zeilen aus dem Feuerreiter von Eduard Mörike. Es war großes Kino am frühen Morgen.

Ein Hausbewohner aus dem obersten Stockwerk - Weh! dir grinst vom Dachgestühle dort der Feind im Höllenschein (dritte Strophe Mörike) - schien meine Gedanken zu erraten: Ich überlegte, ob das Ereignis lohne darüber zu bloggen. (Der Dachgestühlbewohner liest das Blog und ist leider Gottes zu faul zum Kommentieren.) Daraufhin kreischte der hellhörige Geschäftsführer "Untersteh' dich, du olle Internetgans!" (O-Ton), woraufhin ich befand, dass es lohne. Schließlich passieren nicht alle Tage so aufregende Geschichten.

Und wo bleibt jetzt die große thematische Klammer von Müllabfuhr und Feuerwehr? Hier:


Feuerwehr- und Müllmänner gehören zu den Top Ten jener Berufsgruppen, die in der Bevölkerung allerhöchstes Ansehen genießen. Wie ich seit heute finde, sehr zu Recht. Bedauerlicherweise wurde das Ansehen von Putzfrauen nicht abgefragt, aber egal, ich rechne mich einfach mal zu den Müllmännern und freue mich über das vorzügliche Ranking: Wir sind signifikant beliebter als Studienräte, Steuerinspektoren und Sparkassenmitarbeiter!

Weit abgeschlagen auf den untersten Plätzen finden sich die Berufsgruppen Politiker, Telekom-Mitarbeiter und Werber; letztere sogar mit über die Jahre hinweg sich konstant verschlechternden Popularitätswerten, während die guten Noten für die Müllmänner ein mittelfristig stabiles Wachstum hinlegen. Was wiederum nicht verwundert, sind es doch die fabelhaften Jungs von der Müllabfuhr, die den ganzen Werbemüll dorthin verfrachten, wo er hingehört.



Sonntag, 10. Oktober 2010

Kammerjagdmagd


Mir stinkt's. Hier stinkt's. Unsäglich. Ein Gestank wie 83 Paar käsfüßige alte Socken, gefüllt mit 166 faulen Eiern, mariniert in hochprozentiger Schweinejauche, konserviert in einem undichten Güllefass, dessen Inhalt soeben frisch auf dem Boden meiner Wohnung aufgetragen wurde. Genau so stinkt es hier, seit ich heute früh auf irgend etwas getreten bin, was sich mit einem leisen Knirschen verabschiedet, jedoch - wiederauferstanden in Gestalt eines vital untoten Gestankes - beschlossen hat, mich bis ans Ende meiner Tage zu begleiten. Mein Gott, wie das stinkt.

Dem olfaktorischen Koma nahe, floh ich, Balkon sei Dank, mit einer Thermoskanne Kaffee an die frische Luft. Während die ersten Sonnenstrahlen um die Ecke bogen und mich einigermaßen reanimierten, war mein erster Gedanke: googeln! Bloß - nach was? Es wurde wärmer, ich zog die Socken aus, schloss die Augen und überlegte, wonach ich googeln könnte. Mir fiel nichts ein.

Wie ich so vor mich hin döste, fing es auf meinem linken nackten Fuß an zu kribbeln; ein mir unbekanntes Insekt machte sich an meinem großen Zeh zu schaffen. Unwirsch wischte ich es mit dem rechten Fuß beiseite und - was soll ich sagen? - es fing an mörderisch zu stinken. Das käferähnliche Objekt kroch (lebendig) über den Balkonboden und verbreitete das mir bereits bekannte Jauche-Aroma. Hellwach und alarmiert stürzte ich an den Computer, gab die Suchwörter Insekt, Käfer, Gestank ein, aber es fand sich nichts, was gepasst hätte, weder auf das Krabbeltier noch auf den Gestank.


Ich floh aus der stinkenden Wohnung zurück auf den nunmehr ebenfalls stinkenden Balkon, um den träge krabbelnden Käfer aus der Nähe zu begutachten. Er sah breit und platt aus mit einem braungesprenkelten Schild. Fliegen konnte er nicht, denn wenn ich ihn kräftig anpustete, rührte er sich nicht vom Fleck, fing aber erneut an, seine Pestwolken abzusondern. Mir wurde unheimlich.

Mit zugehaltener Nase beugte ich mich über den übelriechenden Bastard und kam widerstrebend zu dem Schluss, dass das Miststück irgendwie aussah wie eine Wanze. Widerstrebend, weil - wer gesteht sich schon gerne ein, dass er sein trautes Domizil mit einer Wanze teilt? Einer Wanze? Was wissen wir? Mir wurde schlecht.

Zurück am Computer erwies sich 'Wanze+stinken' als magisches Suchwortpaar: Ich wurde fündig. Die Gemeine Stinkwanze. Auf deutschen Websites kommt sie meist als Grüne Stinkwanze daher, was mich irritierte, denn meine war ja braungesprenkelt. Außerdem scheint sich im deutschsprachigen Raum kaum jemand wirklich einen Kopf zu machen um das stinkende Geziefer; überall heißt es beschwichtigend, wie harmlos das Tierchen sei, könne es doch weder stechen, beißen noch fliegen noch irgendwelche Krankheitserreger übertragen. Bisschen stinken täte es halt, na und.

Eigentlich kann die Stinkwanze nichts als stinken, hat aus diesem Grund keine natürlichen Feinde und Freunde höchstwahrscheinlich auch keine. Deshalb bleiben die Stinkwanzen am liebsten unter sich, um sich - ungestört - explosionsartig zu vermehren. Die einzige Waffe der Stinkwanze ist ihr Gestank, mit dem sie den Rest der Lebewesen in die Flucht schlägt, außer ihresgleichen; denn wenn Stinkwanzen etwas lieben, dann ist es ihr eigener Gestank - wo es stinkt, da lass' ich froh mich nieder. Weshalb sie aus einmal befallenen Häusern genauso schwer zu vertreiben sind wie ihr penetranter Gestank. Harmlos?

Richtig ergiebig wurde meine Onlinesuche erst, nachdem ich über die in Amerika aktuell überaus populäre brown marmorated stinkbug (Halyomorpha halys) gestolpert war. Am ärgsten scheint derzeit die Ostküste von ihr heimgesucht zu werden, aber auch der Mittlere Westen stöhnt. Die Medien sind voll mit dem Thema Invasion Of The Stinkbugs; am süffisantesten wird über jene stinkbug-Horden berichtet, die in und um die Bundeshauptstadt Washington ihr stinkendes Unwesen treiben.


In gigantischen Schwärmen fallen sie über Gärten und Häuser her. Genau gesagt, zuerst über die Gärten und dann über die Häuser, dann nämlich, wenn es abends herbstlich kühl und dunkel wird. Dann fangen die Stinkwanzen an zu frieren und suchen, genau wie die Menschen, die gemütliche Wärme und den trauten Lichtschein. (Weswegen ich eben, bei Einbruch der Dämmerung, mal kurz unterbrechen und alle Luken dicht machen musste.) Sind sie einmal eingedrungen, sollte man es tunlichst vermeiden, auf sie zu treten (sic!), sie zu erschlagen oder sonstwie zu zertrümmern - weil sie dann nämlich am meisten stinken.

Was tun?

Es gibt Leute, die halten es für eine gute Idee, (lebende) Stinkwanzen mit dem Staubsauger zu entfernen. Ich nicht. Weil nämlich die Stinkwanze den Saugstrom als Attacke interpretiert und augenblicklich ihre Abwehrdrüsen aktiviert. Was habe ich von einem stinkenden Staubsaugerbeutel? Ich habe von Leuten gelesen, die sich für smart halten, weil sie sich eigens zur Stinkwanzenbekämpfung einen Zweitstaubsauger zugelegt haben. Rasanter Humbug. Wo, bitte, parken diese Leute ihren stinkenden Wanzensauger - außer Riechweite, wohlgemerkt??

Dann las ich mehrfach den gutgemeinten Rat, eine (lebende) Stinkwanze mithilfe eines Knuddels Toilettenpapier im Klo zu versenken. Wobei ausdrücklich empfohlen wird, nachzuspülen, weil sonst das Tier nach ein bis zwei Stunden unbeeindruckt wieder aus der Kloschüssel herauskrabbelt. Nun mag das Ersäufen der Plagegeister eine probate Methode sein, diese loszuwerden - nur, bitte, wer bezahlt im Falle einer Masseninvasion meine Wasserrechnung? An die teure Ressource Klopapier gar nicht erst zu denken.


Okay, noch besteht kein Grund zur Hysterie, noch ist hier keine Masseninvasion in Sicht, noch beschränkt sich das Stinkwanzenaufkommen auf ein totes (inhäusig) und ein lebendes (Balkon) Tier. Aber für den Fall der Fälle hat man dann doch gern einen Masterplan parat.

Nachdem ich mir den Nachmittag mit Onlinerecherche zum Thema Stinkwanzenvernichtung um die Ohren geschlagen hatte, schritt ich zur Tat, und siehe, ein simples, billiges Hausmittel schafft Abhilfe im Nu: Man nehme eine Sprühflasche, befülle sie halb und halb mit Wasser und Spülmittel, schüttele kräftig und rücke damit dem Feind auf dem Balkon zu Leibe. Zweckmäßigerweise besprühe man die Wanze nicht von oben (resistenter Schildpanzer!), sondern von der sensibleren Bauchseite, lege sich also zweckmäßigerweise selbst auf den Bauch und los geht's: Ein kurzes Sprühen, ein kurzes Zischen, ein kurzes Brutzeln - Exit. Zurück bleibt ein schwacher Duft nach palmolivehafter Sauberkeit.

Man muss, habe ich gelesen, die Stinkwanzen mit ihren eigenen Waffen bekämpfen; also mit Gerüchen, die jene auf den Tod nicht leiden können. Als da wären Knoblauch, Minze, Ammoniak oder eben Seife. Vielleicht sollte ich umsatteln auf Kammerjäger.


Donnerstag, 2. September 2010

Stichtag


Kaum ist man das eine Übel (Steuererklärung) los, überfällt einen das nächste (Wespen). Heute Zugriff im Doppelpack: Zwei Wespen stachen mich nahezu gleichzeitig in die linke Ellbogenbeuge. Im Nu glich die Ellbogenbeuge einer Ellbogenbeule. Ich brüllte wie am Spieß und wäre um ein Haar aus dem Fenster gefallen, das ich gerade am Putzen war.

Frau Übermop eilte mit frisch geschnittenen Zwiebeln herbei und erzählte umgehend von einer Fernsehsendung, die sie neulich gesehen habe: Heuer träten die Viecher besonders zahlreich auf, und als ob das nicht schon genug wäre, nein, die Tiere seien auch noch in mehreren Generationen unterwegs, und als ob das nicht schon genug wäre, nix da, sie seien dieses Jahr auch noch besonders aggressiv, was, so Frau Übermop, daher rühre, dass entweder der Winter so lange gedauert habe oder der Sommer so spät in Fahrt gekommen sei, was in meinen Augen Jacke wie Hose und mir außerdem völlig wurscht war, worauf Frau Übermop beschwichtigte, es sei ja gut, sie habe ja nur zum Ausdruck bringen wollen, dass die Wespen dieses Jahr besonders "brisant" seien, womit sie ohne jeden Zweifel recht hatte, auch wenn sie eigentlich "präsent" meinte, was mir in dem Moment aber ebenfalls Jacke wie Hose war.

Als sie mit der nächsten frischen Zwiebel kam, beging sie den Fehler, beiläufig anzumerken, dass Wespen eigentlich ganz friedliche Tiere seien, "solange du ruhige, langsame Bewegungen hast". Darauf brüllte ich - nicht etwa wie von zwei Wespen, sondern von siebzehn Taranteln gestochen -, das solle sie mir bitte mal vormachen: mit ruhigen, langsamen Bewegungen die Oberlichter putzen, ein Bein drinnen auf der Heizung, ein Bein draußen auf dem Fenstersims, ein Arm nach oben gestreckt mit dem nassen Fensterleder in der Hand, in der anderen Hand den Eimer mit dem Essigwasser...ha!, Essigwasser, das war das Stichwort! Wespen lieben Essiggeruch - fiel mir ein, während ich auf das essiggetränkte Fensterleder deutete, das ich zum Zeitpunkt der Attacke auf die hübschen Zwergenastern geschmissen hatte, denen der Essig gar nicht gut zu bekommen schien, mir doch egal, jedenfalls wurden die Zwergenastern von einer kleinen Wespenflugstaffel nervös umkreist, und ich gab Frau Übermop zu verstehen, dass das mit den ruhigen Bewegungen wohl Essig sei. Hat sie dann auch eingesehen; nicht weil sie es eingesehen hat, sondern weil sie es angesichts meiner Tobsuchtsneigung für klüger hielt, so zu tun als ob. Auch dies ein Fall von Jacke wie Hose.

Eben habe ich ergoogelt, dass die große Flug- und Fresszeit der Wespen Ende August erst beginnt, um sich dann bis Anfang Oktober zu steigern und erst Mitte des Monats wieder abzuebben. In diesem Zeitraum seien die Wespen besonders gefräßig, weil sie in der Natur nicht mehr genügend Nahrung finden und darum den großstädtischen Duftlockstoffen hinterhersurren. Das kann ja heiter werden, dachte ich und beschloss auf der Stelle, bis Mitte Oktober in einen befristeten Fensterputzstreik zu treten.

Ach ja, und überall findet sich der wohlmeinende Ratschlag, sich eine einfache, aber wirkungsvolle Wespenfalle zu bauen: Ein Tellerchen voll Essigwasser wirke Wunder, indem es die Wespen magisch anlocke und von allen Zwetschgendatschis und Apfelsaftschorle dieser Welt zuverlässig ablenke. So machen wir das bis Mitte Oktober - draußen ein Tellerchen Essigwasser auf den Sims, drinnen eine Mrs. Mop am Tisch, sich von Datschi und Schorle ernährend, denn irgendwas muss sie ja tun in der Zeit, wo sie normalerweise Fenster putzt. Wobei das statt Datschi und Schorle gern auch Lammhaxe und Rotwein sein dürfen - wie schon gesagt, Jacke wie Hose.

Freitag, 27. August 2010

SM wie Supermarkt


Wenn es um den Einkauf von Lebensmitteln geht, sollte die Wahl des Einkaufsortes mit Bedacht getroffen werden. Nichts ist unklüger, als unter Zeitdruck zum nächstbesten Supermarkt zu rennen, um an der Kasse festzustellen, dass das dort befindliche Reptil - vulgo: Kassenschlange - sich nicht von der Stelle rührt. Und sich, zum Stillstand gezwungen, zu fragen, warum man so blöd war, trotzdem in gerade diesen Supermarkt zu rennen, schließlich kennt man seine Pappenheimer im Stadtteil (wissenschaftlich: relevant set) und weiß aus Erfahrung, wo einen welcher Stressfaktor erwartet.

Seit ich um die Firma Rewe einen großen Bogen mache, hat sich mein relevant set verkleinert, was die Wahl des Einkaufsortes ein wenig stressfreier gestaltet, denn bekanntlich fällt jegliche Art von Auswahl - ob beim Lebensmittelkauf oder beim Lebenspartner - umso leichter, je weniger Alternativen sich anbieten.

Weil es heute in kurzen Abständen mal regnete, mal nicht, entschied ich mich für den kürzesten Weg zwischen zwei Wolkenbrüchen und strebte den nächstgelegenen Supermarkt, den Discounter Penny an; wohlwissend, dass die Penny-Filiale in meinem Stadtteil ganz unten rangiert in meinem persönlichen Supermarkt-Ranking, aus mehreren Gründen:
1. Es riecht dort immer ganz dubios. Wobei schlechte Gerüche per se unerfreulich sind, aber wenn die Geruchsmischung noch nicht einmal einem bestimmten Geruchsverursacher zuzuordnen, sondern einfach nur ein barbarischer Gestankmix ist, ist meine Toleranz ausgeschöpft.
2. Der Boden dort ist fast immer klebrig, vorzugsweise an dichtfrequentierten Stellen, so dass jeder Schritt ein hässlich schmatzend-qietschendes Geräusch produziert. Mich macht das ganz krank.
3. Die Kassenschlange ist regelmäßig hypertrophiert. Meine vergleichenden Studien haben ergeben, dass sie bei Penny am längsten brauchen, bis eine zweite oder dritte Kasse geöffnet wird - eigentlich tun sie es erst dann, wenn das Reptil sich so aufgebläht hat, dass es die Fensterfront zu sprengen droht. Den richtigen ( = kundenfreundlichen) Zeitpunkt verpennen sie regelmäßig - wahrscheinlich haben sie deshalb den Laden liebevoll 'Penny' genannt.

Egal, dachte ich heute - du hast Urlaub, also Zeit, außerdem hast du Urlaubslaune, also gute Nerven. Letztere sollten auf eine harte Probe gestellt werden. Wo? An der Kasse natürlich. Es zog sich ein buntes multiethnisches XXL-Reptil durch den halben Laden. Ich hatte das Pech, direkt vor mir eine Frau mit Kinderwagen zu haben, aus dem heraus ein mörderisches Gebrüll abgesondert wurde. Neben dem Kinderwagen standen zwei kleine Mädchen; eines von beiden versuchte den Kinderwageninhalt zu besänftigen, indem es das Gefährt ganz sachte ein wenig auf und ab schaukelte, den Zeigefinger auf die Lippen legte und leise "Psst, psst" ins Wageninnere flüsterte, was das Brüllmonster völlig ungerührt ließ. Hochtourig brüllte es weiter. Das Reptil vor und hinter mir gab schnaubende Atemgeräusche von sich.

Unsanft schubste die Brüllmonstermutter das kleine Mädchen weg vom Kinderwagen, dabei schimpfend: "Lässt du meinen kleinen Jungen in Ruhe!" Das Mädchen gehorchte sofort und wich zurück. An den erschrocken aufgerissenen Augen war abzulesen, dass es die Schwester des Brüllmonsters sein musste. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese Mutter je ihre Tochter "mein kleines Mädchen" genannt hat. Aus dem Kinderwagen randalierte es fortgesetzt. Die Mutter griff nach ihm und begann ihn sachte zu schaukeln, beugte sich über ihn und sagte in sanftem, fast zärtlichem Tonfall etwas zu ihrem kleinen Jungen, was ich nicht verstand und auch keiner mir bekannten Sprache zuordnen konnte. Die beiden kleinen Mädchen standen schweigend daneben und verfolgten die Szene. Der Kinderwagen brüllte weiter Zeter und Mordio.

Ob diese beiden Mädchen jemals so laut, so ausdauernd, so tyrannisch gebrüllt haben? Oder wurde es ihnen beizeiten ausgetrieben? Man weiß es nicht. Während sich das Reptil im Zeitlupentempo nach vorne schob, gingen meine Gedanken spazieren und kehrten zurück mit dem geschlechtssensiblen Sprichwort: "Mädchen, die pfeifen und Hühnern, die kräh'n, soll man beizeiten die Hälse umdreh'n." Halt so typische Kassenschlangen-Gedanken.

Schließlich kam ein Ende in Sicht: Die Kinderwagenmutter vor mir war mit Bezahlen dran.

"13 Euro 81 bitte."

Sie legte dem Kassierer eine Handvoll Kleingeld auf die Ablage und sagte:

"Ist genau gezählt, Sie nix nachzählen."

Der Kassierer wäre kein guter Kassierer, hielte er sich an diese Empfehlung. Er zählte nach. Das dauerte. Es waren viele 20- und 10-Centmünzen und noch viel mehr 5-, 2- und 1-Centmünzen. Endlich war er durch.

"Es fehlen ein Euro und 72 Cent."

Die Frau stellte sich in Pose, wies mit einer dramatischen Handbewegung auf die unzähligen Münzen und rief, keinen Widerspruch duldend:

"Ist genau gezählt - Sie nix können zählen?"

Der Mann an der Kasse bewahrte die Ruhe, schüttelte den Kopf, hielt die Hand auf und wiederholte:

"Noch einen Euro und 72 Cent, bitte."

Ein Schwall böser, nichtdeutscher Beschimpfungen ergoss sich über ihn; der Kinderwagen randalierte fortissimo; die Frau griff in ihren Einkaufswagen, zog eine Tüte H-Milch heraus, pfefferte sie dem Kassierer vor die Nase und rief in (wie mir schien, gut einstudierter) Erregung:

"Da, basta, jetzt zufrieden?"

Der Mann an der Kasse blieb bewundernswert cool, schüttelte den Kopf und sprach geduldig wie zu einem kleinen Kind:

"Sie wissen doch, dass ein Liter H-Milch weniger als einen Euro kostet."

Ohne Rücksicht auf Verluste zog die Drama Queen ihre Nummer weiter durch. Der Kinderwagen vibrierte vor Gebrüll. Zwei weitere Penny-Mitarbeiter wurden zu Hilfe geholt (die sich im übrigen längst hätten an eine zweite Kasse setzen können, aber - Penny ist nun mal Verpenny, wie schon erwähnt). Die ganze Prozedur zog sich in unerträgliche Länge. Das multiethnische Reptil gab deutliche Anzeichen der Gereiztheit von sich. Es wurde unruhig. Es wurde laut.

Als erste meldete sich die - wie immer - ungeniert sprachgewaltige italienische Fraktion zu Wort:

"Eh - pronto, pronto!",

dicht gefolgt von einem spanischen Ehepaar - sie: Fäuste in die Taille gestemmt, er: heftig Richtung Kasse gestikulierend:

"Vamosnos, senora!"

Es folgten türkische und jugoslawische Ausrufe, die ich nicht verstand, aber Tonlage wie Lautstärke waren unmissverständlich - Ärger, Genervtheit, Wut. Vor allem der Reptilschwanz war stinksauer.
Draußen ergoss sich der nächste Wolkenbruch; drinnen schien sich ähnliches zusammenzubrauen.
Auf Deutsch war zunächst nur ein verhaltenes, unverständliches Murren zu vernehmen, was dadurch als deutsch zu identifizieren war, dass es eben nur ein verhaltenes, unverständliches Murren war.
Dem Spanier war solcherart Gehemmtheit fremd; wie ja überhaupt die Südländer bei angemessener Provoziertheit die expressive Selbstartikulation bevorzugen, statt sich, wie die meisten Deutschen, erst einmal ein Magengeschwür zuzuziehen, bevor sie ihrem Ärger Luft machen.

"Ay, que puta!",

brüllte der Spanier quer durch den Laden (bitte nachschlagen, so unfeine Kraftausdrücke gebe ich nur unübersetzt wieder).
Das verhaltene deutsche Murren schwoll leicht an, blieb aber immer noch im unteren Dezibelbereich.
Die jugoslawische Front schimpfte erregt und wie immer melodisch Richtung Kasse; die Türken gaben sich lautstarkem, clan-übergreifendem Fluchen hin.

"Puta estupida!!",

steigerte sich der Spanier, um schließlich mit

"Puta madre!!!"

zur Hochform aufzulaufen.

Das Reptil war am Rocken.

Wie gesagt, die Deutschen brauchen immer einen gewissen Vorlauf, bevor sie ihre Contenance aufgeben. Offenbar war jetzt endlich der point of no return erreicht. Eine junge deutsche Mutter mit Kleinkind auf dem Arm explodierte als erste.

"Haben Sie eigentlich ein Rad ab, Sie da vorne?",

schrie sie mit sich überschlagender Stimme. Der deutsche Gefühlsstau kam in Bewegung.

"Wegen Ihnen müssen wir hier alle warten, hamsiese noch alle?",

donnerte es direkt hinter mir - ein rüstiger Rentner mit Hackenporsche entlud sich. Allmählich kamen die Deutschen in Fahrt:

"Wird's bald, wird's bald - sonst helfen wir gerne nach!",

keifte es vom Schwanzende (man beachte die solidarische Wir-Form!). Aus der Ferne erkannte ich eine alte Frau, gebeugt über einen Krückstock, und der bracchiale Ton, in dem sie ihre Nachhilfe angeboten hatte, ließ keinen Zweifel offen, dass sie um die Multifunktionalität eines Krückstockes wusste.

Und ich? Ich machte Atemübungen, tagträumte von meinem Urlaub und dachte bei mir: Wie gut, dass du ein Blog hast.

Alsbald war das anfangs noch in stumm leidender Wartepose erstarrte Fossil von Kassenschlange zu einem wüst zeternden, laut brüllenden, wild fuchtelnden Reptilmonster mutiert. Der Volkszorn entlud sich so ohrenbetäubend, dass ich, die ich direkt hinter der zahlungsunfähigen Mutter samt Kinderwagen stand, basserstaunt feststellte: Im Kinderwagen war es muckmäuschenstill geworden. Was lernen wir? Vor großen Reptilmonstern haben kleine Brüllmonster Respekt. Wenn schon nicht vor Müttern und Schwestern.

Unvorsichtigerweise wagte ich, die Frau darauf aufmerksam zu machen, dass jetzt wohl ein Wort der Entschuldigung an die tobende Kassenschlange angebracht wäre, worauf sich ein bösartiger fremdsprachiger Wortschwall über mich ergoss, die Frau hoch erhobenen Hauptes den schweigenden Kinderwagen zur Tür hinausschob, gefolgt von zwei kleinen verschüchterten Mädchen, die sich noch ein paar Mal zu dem rasenden Reptil umdrehten, womit sie sich einen finalen Anschiss von ihrer Mutter einhandelten.

Ich geh' jetzt aufs Konzert. Heute wieder lange Nacht der Rumba, des Bolero und der wiegenden Hüften. Wieder multiethnisch, aber irgendwie anders, ganz anders als bei Penny.

Donnerstag, 19. August 2010

Schwarmintelligenz


Ich muss schon sagen, der große Blonde mit dem schweren Schlafsack hat Nerven wie breite Nudeln. Wie ich heute früh in den Park einbiege und mich seelisch-moralisch für einen harten Augenblick wappne, liegt der doch glatt an seinem angestammten Platz, zusammengekringelt (nix Partisanenschlafhaltung!) wie ein sattes Baby, in seinem Schlafsack und tut, als ob gestern nichts gewesen sei. Während ich mich zuerst auf dem Fahrrad, danach auf meinem Blog ausheule.

Zumindest nehme ich an, dass es sich bei der Gestalt im Schlafsack um den großen Blonden handelte - man kann ja nie wissen. Theoretisch könnte sich ein anderer Freischläfer gestern nacht das unverhofft freie Schlafplätzchen unter den Nagel gerissen haben; allerdings lag der Schlafsack exakt an derselben Position wie immer, nämlich schräg unterhalb der steinernen Tischtennisplatte (Wind- und Regenschutz!), und wie immer stand rechts neben dem Kopfende eine kleine Wasserflasche mit exakt demselben Etikett wie sonst auch. Mithin kann es kein Vertun geben - er muss es gewesen sein. Wer sonst.

Ich gebe zu, mich wie ein Kind gefreut zu haben. Als ich an ihm vorbeifuhr, wurde mir ganz giggelig zumute: Ob er wohl meine Fahrradreifen auf dem Kies knirschen hört? Im Halbschlaf? Im Traum? Ziemlich geräuschvoll zischte ich 'Psst!' zu ihm hinüber, aber das hat ihn nicht gerührt; jedenfalls hat er sich nicht gerührt. Na gut. Hauptsache, er ist wieder da, Hauptsache, ich habe mich gefreut.

Das bisschen Freude am frühen Morgen konnte ich gut gebrauchen, denn am späten Morgen gab es geschwollenen Ärger. Als ich in den Hinterhof des Restaurants trat, um leere Flaschen aus Kunststoffwannen heraus in den Flaschenboy zu deponieren, war kurz zuvor ganz überraschend die Sonne herausgekommen - auch dies ein Grund zur Freude, eigentlich. Uneigentlich hielt sich die Freude dann doch in Grenzen. Gefühlte 92 leere Flaschen lagen in der prallen Sonne, die meisten davon Rot- und Weißweinflaschen (es muss gestern abend mal wieder mächtig gebrummt haben, umsatzmäßig).

Leider erwies sich die Mehrzahl der Flaschen als nicht leer; speziell die Rotweinflaschen enthielten Rückstände an Rotwein. Mit Rückständen meine ich nicht so ein paar Tröpfchen, sondern mehrere Fingerbreit je Flasche. Gut, mich geht's ja nichts an - aber ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal auch nur eine einzige Flasche mit so vielen Weinresten drin entsorgt hätte. Bei mir wird seit Jahren nichts, absolut nichts mehr weggeworfen, was ess- oder trinkbar ist. (Sollte jetzt jemand fragen: auch nichts Verdorbenes?, nein, auch nichts Verdorbenes, denn bei mir verdirbt seit Jahren nichts mehr, weil ich alles aufesse und -trinke, bevor es verdirbt.)

Ich stand also sinnierend vor all den halbleeren Flaschen, kam mir schon vor wie Tante Hildegunde, die aus der Nachkriegszeit erzählt ("...euch geht's zu gut! Ihr wisst nicht, was Hungern heißt!"), bückte mich schließlich inmitten der warmen, alkoholdunstgeschwängerten Luft - da schwirrte ein aufgeschreckter Wespenschwarm aus der Flaschendeponie und es kam, wie es kommen musste: Ein Stich, ein Schrei - gute Laune vorbei. Innenseite linker Oberarm, da, wo die Haut besonders dünn und und der stechende Schmerz am wirkungsvollsten ist. Ich tobte. Ich fluchte. Ich verfluchte die Gastronomie mitsamt ihren verpeilten Servicekräften, von denen - zu ihrem Glück, zu meinem Leidwesen - keiner anwesend war.

Gottseidank hat die Gastronomie auch ihr Gutes, nämlich überall Zwiebeln und Zitronen zur Hand. Nach einer halben Stunde war ich wieder in einem annähernd menschenwürdigen Zustand. Noch jetzt prangt an meinem linken Arm ein fetter Flatschen, noch jetzt verströme ich einen durchdringenden Geruch nach feinsten französischen Rotzwiebeln. Roh genossen kommt der Zwiebelgestank ja immer am besten.

Was soll ich sagen? Mittlerweile bin ich - endgültig, unwiderruflich und wild entschlossen - urlaubsreif.

Freitag, 5. März 2010

Alles koscher oder was


Mein neuer Nahversorger hat in seinem kleinen Ladenlokal ein paar interessante Würste hängen. Alles koscher, klärte er mich auf, als er bemerkte, dass ich so tiefsinnig wie verständnislos auf das rosa Schild starrte, "kein Schweinefleisch, steht da drauf". Gut gewürzt und selbstgemacht, fuhr er fort, schnitt die Hälfte einer Wurst ab und verehrte sie mir. Ein netter Typ mit viel Humor im Gesicht, dessen größte Leidenschaft Billardspielen ist.

Ich verstaute die halbe Wurst im Rucksack. Als ich ihn drei Stunden später öffnete, fiel ich fast ins Koma, weil mir ein Geruch entgegenschlug, der nicht von dieser Welt war. Es roch wie mindestens sieben balkanesische Wurstgarküchen, und zwar solche, in denen sich sowohl tote Rindviecher als auch lebende Schweine aufhalten. Also sehr, sehr deftig.

Ich verpackte die halbe Wurst - sie war bereits in Papier eingewickelt gewesen - sorgfältig in mehrere Tiefkühlbeutel und legte sie in den Kühlschrank. Als ich ihn drei Stunden später öffnete, fiel ich erneut ins Koma. Dieser Geruch trotzt allen Verpackungstricks. Ich schaute die Wurst eine Weile an. Dann versenkte ich sie im Mülleimer. Dort stank sie weiter vor sich hin.

Ich trug den Müllbeutel in den Hof und versenkte ihn in der Mülltonne. Gierig sog meine Nase die frische Abendluft ein. Beim Zurückkommen in die Wohnung roch es gnadenlos nach der verfluchten Wurst. Mir wurde schlecht. Ich riss alle Fenster auf. Ich meine, der Typ in dem Laden ist schwer in Ordnung, aber seine transsylvanische Vampirvertreibungswurst ist es nicht. Puh. Ich muss noch mal an die frische Luft.