Posts mit dem Label Gewöhnung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gewöhnung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 2. Dezember 2013

Der Wahrheit auf der Spur


Es geht voran. Es bewegt sich was. Doch, tatsächlich.

Deshalb wird ab sofort die Serie 'Was wir uns schon immer gedacht haben, aber stets nur hinter vorgehaltener Hand wagten undsoweiterundsobrabbelundsonörgel ...' eingestellt.
Grund: Sie ist überflüssig. Gemacht worden. Von der Gegenseite.

Weil, mittlerweile rückt die Gegenseite dermaßen offenherzig, ungeschminkt und unbeschönigt mit der Sprache heraus, dass es schon fast wieder an Wahrheit grenzt, nackte Wahrheit und nichts als die Wahrheit, allenfalls notdürftig ummäntelt von einem lasziv-schleierdünnen Paranoia-Fummel, der mehr von der Wahrheit freilegt als diese zu verhüllen, und wo früher propagandistische Feldzüge unter raffiniertesten Sprachverrenkungen um drei Ecken herum von hinten durch die kalte Küche schlichen, trampelt heute der Gegner in genagelten Kampfstiefeln ohne Umschweife durch den Vorgarten direkt zur Haustür, tritt - selbstverständlich ohne zu klingeln, so viel Subtilität war gestern - dagegen, sodass der Feind ganz ungeniert mitsamt der Tür ins Haus fallen und hochgeklappten Visieres lauthals, damit auch wirklich jeder weiß, was Sache ist, durch die Räume brüllen kann:
"Wenn Sie Ihre Ideen und Prinzipien verwirklichen wollen, sollten Sie demokratischen Prinzipien folgen, indem Sie so viel Unterstützung wie möglich gewinnen. Ich denke, die Strategie, seine Meinung lediglich aus voller Lunge herauszuschreien, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einem Akt des Terrorismus."
Haben das alle? Nein? Immer noch nicht? Na gut, dann nochmal unverhüllt und so nackt, wie Gott die Wahrheit schuf:
Bürger, die gegen das kontroverse staatliche Geheimhaltungsgesetz demonstrieren, machen sich eines Aktes des Terrorismus schuldig, gemäß dem Generalsekretär der (japanischen) Liberaldemokratischen Partei, Shigeru Ishiba.
Mir scheint, der Lack ist ab. Das System beginnt, Tacheles zu reden. Und kommt endlich auf den Punkt. Wird auch langsam Zeit.

Samstag, 30. November 2013

Japanische Peinlichkeiten


Wer weiß - womöglich gehört das Verbreiten solcher Nachrichten bald der Vergangenheit an. Weil nämlich das Verbreiten solcher und ähnlicher "nuclear-related" Nachrichten gerade vom japanischen Parlament per Gesetz kriminalisiert wird (via Washingtons's Blog):
Justizminister Masako Muri erklärte, nuclear-related Informationen seien künftig höchstwahrscheinlich als Verschlusssache einzustufen.
Warum? Zu gefährlich. Oder besser: zu "peinlich". Also, das Verbreiten solcher Informationen, nicht etwa das, worüber informiert wird:
"... um sicherzustellen, dass das Nukleardesaster in Fukushima keinen Anlass mehr bietet für Peinlichkeiten im Vorfeld der Olympischen Spiele."
Und deshalb muss ein neues Geheimhaltungsgesetz her.
Für die Regierung Abe wäre dies ein phantastischer Weg, das Problem der Tonnen verstrahlten Wassers in den Griff zu bekommen, die aus dem Fukushima Daichi Nuclear Power Plant seit der dreifachen Kernschmelze im März 2011 austreten. Zwar ist offenbar kein Ende in Sicht, wie das Austreten des giftigen Abfalls zu verhindern ist, aber die neue Gesetzgebung würde es der Regierung erlauben, das Austreten von Informationen zu verhindern.
- und, bei Zuwiderhandlung, mit bis zu zehn Jahren Gefängnis zu bestrafen.

Wenn schon die Löcher in den Reaktoren nicht zu stopfen sind, dann muss den Überbringern der schlechten Nachrichten das Maul gestopft werden. Dass dieser Vorgang ganz wörtlich zu verstehen ist, machten die Sicherheitskräfte im japanischen Parlament unmissverständlich klar. Dort bot der demnächst zu verhängende Maulkorb einigen Anlass zu Peinlichkeiten -
Ein Bürger wurde gewaltsam von der Zuschauertribüne des Parlaments, von wo aus er die Debatte des State Secrecy Protection Law im Unterhaus verfolgt hatte, entfernt, als er seinen Widerspruch zu dem Gesetz laut artikuliert hatte. Sein Mund wurde mit Tüchern zugestopft, um ihn an weiteren Ausrufen zu hindern, während er von einigen Sicherheitsbeamten gegen seinen Willen abgeführt wurde.

Tokyo Shinbun/twitter via exskf.blog

- Peinlichkeiten, die allerdings von den übrigen Zuschauern auf der Tribüne geflissentlich ignoriert wurden. Der Sitznachbar des Mannes, dem das Maul gewaltsam gestopft wurde, entzieht sich der Peinlichkeit des Zuschauens durch Wegschauen, genau in die andere Richtung.

Wegschauen war auch die Devise eines Abgeordneten, der es vorzog, seine Emails zu checken, um sich den peinlichen Anblick eines geknebelten, abgeführten Mitbürgers zu ersparen. Mir wiederum fehlen die Worte um auszudrücken, wie peinlich mir das Verhalten der wegschauenden Anwesenden ist.

Noch gibt es in Japan ungestopfte Mäuler. Hier ist ein lohnendes Video einer Pressekonferenz, wo der japanische Schauspieler und Anti-Atomkraft-Aktivist Taro Yamamoto seine kritischen Einschätzungen der aktuellen politischen Lage in Japan abgibt, ungeschminkt und ohne Maulkorb. Besonders augenöffnend sind die letzten zwei bis drei Minuten (auf japanisch, es wird alles präzise und gut verständlich ins Englische übersetzt, allerdings nicht simultan, sondern zeitversetzt, also geduldig sein!):


"Der Weg, den Japan beschreitet, ist die Neuschöpfung des faschistischen Staates."
Noch kann ein Yamamoto sich solche öffentlichen Statements erlauben, ohne drastisch bestraft zu werden. Die Frage ist, wie lange noch. Schließlich rückt Olympia (2020) näher und "im Vorfeld" der Zeitpunkt, wo sich die japanische Regierung derartige Peinlichkeiten nicht mehr bieten lassen wird.
Es scheint, das Land der aufgehenden Sonne bewegt sich auf finstere Zeiten zu.
Dunkle, mehr als nur peinliche Erinnerungen werden wach. Wer weiß - womöglich wird es rechtzeitig zu den Spielen Lager geben für Leute, die den Mund nicht halten können. Und Speziallager für solche, die den Mund nicht halten wollen.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Sprühender Bullshit


Ta-taa.

Das ist nicht der handelsübliche, alltägliche Durchschnittsbullshit.

Das ist fortgeschrittener, weiterentwickelter, zukunftsweisender Bullshit auf höchstem Niveau:

John Pike, StopfCopaZ (stoischster pfeffersprayender Polizist aller Zeiten), wird mit 38.000 Dollar belohnt. Schadensersatz, you know. Für das Leiden unter seinem beschädigten Ruf. Für Depressionen und Angstzustände infolge seiner heroisch-stoisch ausgeführten Tat, die auf Video dokumentiert wurde, um die Welt ging und ihm nicht das positive Feedback einbrachte, das er für angemessen gehalten hatte. Für die breite öffentliche Ächtung, die ihm widerfuhr. Für Drohungen und angekündigte Racheakte. All dies hat das Seelenleben des Ordnungshüters derart derangiert, dass er auf Kompensation wegen "psychiatrischer Beeinträchtigung" geklagt hatte.

Erstaunlich.

Die menschliche Sprühmaschine wirkte keinesfalls übermäßig psychiatrisch beeinträchtigt, während sie zur Tat schritt, genüsslich-demonstrativ ihr Pfefferspraygerät auf und ab schüttelte - die Wirkung ihrer Drohgebärde voll auskostend -, ungerührt die Schreie und Angstzustände ihrer Opfer  zur Kenntnis nahm, zielte, sprühte, zwischendurch immer wieder stoisch das Sprühgerät schüttelte, weiter sprühte, als ob es flächendeckendes Unkraut zu vernichten gälte, um schließlich - seelisch völlig stabil - ihr Werk befriedigt zu begutachten (Video).

Jetzt macht der sensible Sprayer vom Dienst Kasse. Hat sich doch gelohnt.
Berni Goldsmith, ein Anwalt, der die protestierenden Studenten unterstützt, teilte Associated Press mit, der juristische Vergleich "sende eine klare Botschaft an den nächsten Polizisten, der angesichts einer Gruppe passiver, unbewaffneter Studenten nervös wird: Weiter so. Hau noch mehr drauf. Tritt ihre Rechte mit Füßen. Man wird dich pfleglich behandeln."
Sag' ich doch.

Fortgeschrittener Bullshit auf höchstem Präzedenzniveau.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Neues aus der Schusslinie


Wir üben für den Ernstfall I:

Kommt ein böser vermummter Mann, bis an die Zähne bewaffnet, auf den Schulhof. Betritt ungehindert das Schulgebäude. Läuft durch die Klassenräume. Knarre im Anschlag. Einfach so. Wie das halt so ist, im Ernstfall. Schießt wild um sich. Ernstfall, Kinder, ihr versteht? Todesangst. Noch mehr Schüsse. Gebrüll. Blut. Panik. Sich auf den Boden werfen. Überall Blut. Noch mehr Schüsse. Noch mehr Todesangst. Noch mehr Ernstfall.
Textnachricht an Eltern: Hilfe, sie haben meinen Kumpel abgeknallt, bin ich als nächster dran?
Eltern so: Panik. Die Kinder. Todesangst. Ernstfall.
Schulleitung so: Überraschung! Wir wollten doch nur spielen, äh, üben. Für den Ernstfall. Möglichst realistisch, ihr versteht? Stellt euch nicht so an:
"Es ist eine dynamische Todesschützen-Übung. Wir machen das ab und zu. Wenn man die Leute vorher warnt, verliert die Simulation ihre Wirkung." 

Wir üben für den Ernstfall II:

Ab sofort wird scharf geschossen, klar? Direkt auf den Körper des Feindes, klar? Nicht einfach bloß auf den Boden, damit das Gummigeschoss zurückschnellt auf die Beine und nur ein bisschen weh tut!


Ihr wollt die Leute doch nicht bloß erschrecken, ihr wollt ihnen doch nicht bloß ein bisschen Angst einjagen. Ihr wollt richtige, echte Angst sehen, Todesangst, versteht ihr? Gut auf den Körper zielen und abdrücken, fertig! Drum üben wir das jetzt. Auf unserem polizeilichen Übungsgelände. Mann gegen Mann. Also, beim Üben simulieren wir natürlich nur. Wir simulieren, dass eure Polizeischutzschilder die feindlichen Körper wären. Also, die Körper der Demonstranten. Und jetzt: eins, zwei, Schuss! Wie, das Schutzschild ist unter der Wucht des Aufpralls zerbrochen? Kann ja gar nicht sein. Schließlich gehören Gummigeschosse zu den nicht-tödlichen Waffen, das haben Studien belegt. Ihr müsst halt aus etwas mehr Abstand schießen, dann geht das Schutzschild auch nicht kaputt. Und der feindliche Demonstrant auch nicht. Müssen wir noch üben. Wird schon. Hauptsache Todesangst.

Was, die Polizeigewerkschaft protestiert? Hat sich schriftlich beim Innenminister beschwert? Das sei gegen das Gesetz in Spanien? Jetzt hört mal zu, ihr Heulsusen: Seid ihr Polizisten oder Weicheier?

Der Leiter der Trainingseinheiten "bestand unnachgiebig darauf, dass bei Polizeieinsätzen härter durchgegriffen werden müsse und drückte seine Missbilligung gegenüber 'zu sanfter' polizeilicher Performance aus". 
"Wollen Sie und Ihre Regierung Tote sehen unter denen, die gegen die Regierung protestieren?" hatte die Polizeigewerkschaft gefragt. Das Schreiben wurde vom Innenminister nicht beantwortet.

Genug geübt.

Ernstfall III:

Dieses ständige Protestieren gegen alles mögliche. Wird uns langsam zu bunt. Legen die sich doch in Nordkanada mit allen Mitteln quer, um ein gigantisches Bauprojekt zur Erschließung von Schiefergas zu verhindern. Bloß weil so ein paar Tiefbohrungen (fracking) in der Nähe ihrer Kommunen stattfinden sollen. Peanuts. Wird uns jetzt echt zu blöd. Ab sofort wir hart durchgegriffen. Mit allen Mitteln.

Twitter via The Globe and Mail

Wie, Gummigeschosse? Was seid ihr denn für Weicheier da drüben in Spanien? Nix da. Wenn, dann richtig. Mit richtigen, echten Scharfschützen aus dem Hinterhalt. Todesangst? War gestern. Viel zu sanft. Wir wollen Tote sehen. Richtige, echte Tote.


Nie war Kriegspielen schöner.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Backofengeschichten


Es war einmal im frühen 21. Jahrhundert, da gingen Hänsel und Gretel auf eine Demo.

Wofür oder wogegen hatten sie vergessen. Das kam daher, dass sie beide ziemlich benebelt waren, was daher kam, dass sie bereits vor der Startkundgebung eine gezielte Ladung Skunk Spray aus einem herumstehenden Wasserwerfer abbekommen hatten. Mitten ins Gesicht. Speiübel war ihnen davon geworden, und gestunken haben sie von oben bis unten wie, na ja, wie zwei Stinktiere halt, drum heißt das Zeug ja auch Skunk Spray.

Die Polizei sagt, das Skunk Spray sei deshalb so supereffektiv bei Demos, weil der bestialische Gestank (nach Schweinejauche hoch drei plus in Pferdepisse gereiften XXL-Fäulnisbakterien) nicht wegzuwaschen geht und in den Klamotten jahrelang hängenbleibt, quasi als Erinnerung, damit den Leuten auf lange Sicht das Demonstrieren vergeht. Andererseits, sagt die Polizei, sei diese Jauchebrühe eine völlig ungefährliche, jedenfalls keine tödliche Waffe und bestünde aus lauter natürlich-organischen Wirkstoffen wie Hefe und Backpulver. Sehr nachhaltig, lobt die Polizei, ganz tolles Zeug.

Hänsel und Gretel ließen sich jedoch nicht beirren und liefen - tapfer stinkend - bei der Demo mit, was nicht weiter auffiel, denn fast alle anderen Demonstranten stanken genauso brutal; das Skunk Spray war nämlich flächendeckend vor Beginn der Demo versprüht worden, "vorbeugend", laut polizeilicher Durchsage, damit keiner auf blöde Gedanken kommt. Man weiß ja nie, was diesen Straßenterroristen so einfällt, meint die Polizei, und wer nicht hören will, der muss eben stinken.

Mensch, Hänsel, guck mal da, sagte Gretel -


- sind das etwa diese Straßenterroristen? Quatsch, antwortete Hänsel, das sind Polizisten, die Straßenterroristen bekämpfen. Weil, erklärte Hänsel, die Polizei befürchtet, dass die Demonstranten Waffen und Sprengstoff mit sich führen, und dagegen müsste sie, die Polizei, sich schützen.

Wie, Sprengst...? wollte Gretel gerade fragen, aber da war es schon passiert: Sie war auf etwas Komisches getreten, es gab ein explosionsartiges Geräusch und mit einem Schlag flogen ihr lauter kleine Hartgummikugeln um die Ohren. Um ein Haar wäre der Gretel eine der Kugeln ins Auge geschossen, wäre sie nicht blitzschnell zur Seite gesprungen; dafür waren ihre Beine jetzt übersät mit schmerzhaften Prellungen. Musst halt besser aufpassen, riet Hänsel, du weißt doch, dass die Polizei jetzt bei Demos immer diese gut getarnten kleinen Landminen auslegt. Um sich vor Straßenterroristen zu schützen? fragte Gretel, dem Hänsel hinterherhumpelnd. Ja klar, meinte Hänsel, das haben sie im Krieg gegen Irak gelernt und nennen das Programm "Von fernen Schlachtfeldern auf heimische Straßen".

Aha, schnaubte Gretel, Landminen - bestimmt auch supereffektiv bei Demos, und völlig ungefährlich, oder? Na ja, erwiderte Hänsel, jedenfalls keine tödliche Waffe, behauptet die Polizei. Wegen den Gummigeschossen. Ist ja kein Sprengstoff, verstehst du? Kein Sprengstoff - kein Thema! zischte Gretel, nur dass mir das Gummiteil eben fast das Auge rausgeschossen hat! Ja freilich, gab Hänsel zurück, genau so ist das ja gemeint mit "keine tödliche Waffe": Sie schießen dir ein Auge raus und sagen, mit dem zweiten siehst du immer noch
g-g-gut g-g-genug.

Was ist los, Hänsel, wieso stotterst du plötzlich? fragte Gretel besorgt, du zitterst ja am ganzen Leib? M-m-mist, sie haben mich erw-w-wischt, stammelte Hänsel und zeigte schlotternd auf einen Polizisten, der gerade seine Knarre im Halfter verstaute: eine Taser-Schrotflinte, eigens zum Schutz der Polizei vor Straßenterroristen entwickelt, bestückt mit supereffektiver Elektroschocker-Kleinstmunition und jedenfalls keine tödliche Waffe.

Noch leben wir, ermunterte die humpelnde Gretel, während sie den zähneklappernden Hänsel beim Weiterdemonstrieren stützte. Ein paar Meter weiter sahen die beiden, wie einige verhaftete Demonstranten in Handschellen zu einem gepanzerten, fensterlosen Großfahrzeug geführt wurden und dabei in merkwürdige Zuckungen verfielen. Das sind ...
T-t-taser-Handschellen, stieß Hänsel mühsam hervor, 80.000 V-v-volt drauf, w-w-weißt du, aber j-j-jedenfalls ... Jedenfalls keine tödlichen Waffen, wolltest du sagen? ergänzte Gretel. Mhm-m-m, nickte Hänsel, und s-s-s ... Schon klar, winkte Gretel ab, und supereffektiv.

Nach einigen hundert Metern mühseligen, humpelnden, schlotternden Demonstrierens blieben Hänsel und Gretel plötzlich wie angewurzelt stehen. Ihre Gesichter erstarrten vor Schreck. Riechst du was? fragte Hänsel panisch. Und ob ich was rieche, antwortete die leichenblasse Gretel, das riecht wie, wie, oh nein, das darf nicht wahr sein, das riecht wie ... Beide erinnerten sich an längst vergangene Zeiten. Argwöhnisch schnüffelte Hänsel: Musst du auch an den alten Backofen denken, du weißt schon, dieser Backofen, in dem wir beide ...? Gretel zitterte wie Espenlaub: Aber solche alten Backöfen gibt es doch heute gar nicht mehr, wieso riecht es dann so nach ... nach ..., bis Hänsel es schließlich aussprach: Ich rieche, rieche Menschenfleisch!

Gretel hatte recht: kein Backofen weit und breit, stattdessen hochmoderne Open-air-"aktive Mikrowellenwaffen", installiert auf gepanzerten Kampffahrzeugen. Damit wollen sie uns rösten, ächzte Gretel, genau wie damals im Backofen! Nicht ganz, schnappte Hänsel nach Luft, nicht ganz, mit der Mikrowelle geht das viel schneller, da hast du ruckzuck Verbrennungen auf der ganzen Haut, dagegen war es in unserem ollen Backofen ja richtig gemütlich, aber diese mikrowelligen Hitzekanonen dort, die sind im Vergleich, die sind ja ... Weiß Bescheid, sagte Gretel, die sind supereffektiv, und außerdem ... Hänsel unterbrach sie misstrauisch: ... keine tödlichen Waffen?

Auf gar keinen Fall, trumpfte Gretel auf, die Hitzekanonen sind doch nicht zum Töten gedacht! Ach, fragte Hänsel skeptisch, wozu dann? Schließlich wurden die auch in Afghanistan eingesetzt! Aber doch nicht zum Töten, klärte Gretel ihn auf. Sondern? wollte Hänsel wissen. Na, zum Foltern, konterte Gretel, deshalb haben sie die Dinger ja ganz schnell wieder aus Afghanistan abgezogen, aus politischen Gründen, damit niemand den USA vorwerfen kann, sie würden in ihren Kriegen Foltertechnologie einsetzen.

Aber im Krieg gegen die eigene Bevölkerung dürfen sie foltern? konstatierte Hänsel. Nö, eigentlich nicht, entgegnete Gretel. Hänsel blieb hartnäckig: Und uneigentlich? Tun sie es trotzdem, sagte Gretel, nur, sie geben dem neumodischen Folterbackofen halt einen anderen Namen. Sie verwandeln ihn in ein legendenumwobenes Behältnis, dem wundersame Macht zugeschrieben wird. Macht über was? fragte Hänsel begriffsstutzig, über Menschen? Über Menschenansammlungen, korrigierte Gretel, weißt du, wie sie den Open-air-Mikrowellenbomber nennen? Hänsel wurde immer neugieriger: Sag's endlich! Und Gretel antwortete:

Der "Heilige Gral des Crowdmanagements"
("Holy Grail of Riot Control"):



Mittwoch, 18. September 2013

Faschismus auf offener Straße



Der antifaschistische Polit-Rapper Pavlos Fyssas, "Killah P", 34 Jahre alt, wurde gestern nacht in Athen erstochen. Fyssas wurde beim Verlassen eines Cafés von einer 15-köpfigen Gruppe Männer angegriffen. Laut Zeugenaussagen handelte es sich um Mitglieder der Neonazipartei Golden Dawn. Der Mörder unterhält ebenfalls enge Verbindungen zur "extremen Rechten". Ilias Kasifiaris, Abgeordneter im griechischen Parlament für Golden Dawn, bestritt eine Verantwortung seiner Partei an dem Mord und kündigte rechtliche Schritte an wegen Verleumdung (ekathimerini).

Aktuelle Umfragewerte für Golden Dawn:


Aktuelle Umfragewerte für Golden Dawn, bezogen auf Altersgruppen:

(Von links nach rechts repräsentieren die verschiedenen Farben 
New Democracy, SYRIZA, PASOK, Independent Greeks, 
Golden Dawn, Democratic Left, Communist Party, sonstige Parteien.)


Rest in Peace, Killah P

Montag, 2. September 2013

Wenn einer tritt, dann sind wir es



Mit jedem Tag verstehe ich ein bisschen mehr, warum das Ding nicht mehr so funktioniert heutzutage. Also, das Ding mit dem Singen gegen den Krieg, was gegen den Vietnamkrieg noch zu Hunderttausenden möglich war und gegen den Syrienkrieg nicht mehr möglich ist, weder für Hundert-, noch für Zehn- oder auch nur Tausende und schon gar nicht für eine einzelne Person.

Wenn nämlich die einzelne Person in einem öffentlichen Park unter einem Baum steht mit einem Banjo im Arm und ein Protestlied singt - im Rahmen einer Demonstration gegen den kommenden Militäreinsatz in Syrien -, dann kann das gar nicht funktionieren, weil so etwas nicht funktionieren darf in einem modernen Polizeistaat. Basta.

Wenn nämlich die Frau mit dem Banjo im Park singt, dann kommt die Polizei und teilt ihr freundlich mit, sie solle gefälligst aufhören zu singen und sich vom Acker machen. Wenn dann die Frau freundlich zurückfragt, wieso sie sich vom Acker machen soll, da dies doch ein öffentlicher Acker sei, gibt es für eine kurze Weile einen freundlichen, aber ziemlich repetitiven Disput: Die Polizisten wiederholen beharrlich ihre Aufforderung an die Frau, den Park zu räumen; die Frau wiederholt beharrlich ihre Gegenfrage, aus welchem Grund sie den Park räumen soll.

Das ist unklug von der Frau. Wo doch jeder weiß, dass, erstens, in einem Polizeistaat der Bürger kein Recht beansprucht auf eine solche Begründung, sowie, zweitens, Polizisten in einem Polizeistaat der festen Überzeugung sind: Wenn hier einer beharrlich ist, dann wir und sonst keiner. Klar? Deshalb hat die Frau sich mit ihrer Beharrlichkeit sehr schnell unbeliebt gemacht bei der Polizei, und deshalb wurde die Polizei auf einmal sehr unfreundlich. Unbotmäßige verbale Beharrlichkeit einer Bürgerin gilt als Widerstand gegen die Staatsgewalt und führt zur Verhaftung.

Zu dritt beugten die Polizisten die Frau mit dem Oberkörper über eine Parkbank, hielten sie fest, legten ihr Handschellen an, verrenkten ihr zu diesem Zweck den rechten Arm, worauf die Frau vor Schmerz aufschrie, was Polizisten gar nicht gern hören, weshalb sie noch ein bisschen fester zupackten und die Frau noch lauter schrie. "Wir leben in einem Polizeistaat!", schrie die Frau, und weil Polizisten in einem Polizeistaat die Wahrheit auf den Tod nicht leiden können, langten sie noch ein wenig rabiater zu.

Als die Frau in ihrer Beharrlichkeit weiter schrie: "We live in a fucking police state! Hört auf mich zu misshandeln! Stop! Hilfe! Hilfe!" und dabei, bereits gefesselt, mit den Beinen nach hinten trat wie ein eingesperrtes Pferd, wurde es der Polizei zu bunt. Wo doch jeder weiß, wie die Rollen im Polizeistaat verteilt sind: Wenn einer tritt, dann bin ich es, und wird einer getreten, dann bist du's (Kurt Weill). Zu fünft zerrten sie die gefesselte Frau übers Pflaster, dorthin, wo den aufnehmenden Kameras durch ein Gebüsch die Sicht erschwert wurde, weshalb ich nicht exakt zählen kann, ob es insgesamt sieben oder acht Polizisten waren, die eine gefesselte, am Boden liegende Frau mit Händen und Füßen in Schach hielten.

Danach wurde die Frau abgeführt an einen unbekannten Ort. Mit der Außenwelt zu kommunizieren wurde ihr untersagt. Darum weiß niemand, ob sie die Absicht hat, jemals in der Öffentlichkeit wieder ein Protestlied zu singen. Und ob überhaupt jemand sich traut, jemals in der Öffentlichkeit wieder ein Protestlied zu singen. Schließlich muss ein Polizeistaat zu etwas gut sein, und sei es zur Abschreckung und zum Angsteinflößen.



Wobei es mich irritiert, dass die polizeistaatliche Szene von zahllosen Händen mit Kameras festgehalten wurde, jedoch keine einzige Hand der um Hilfe schreienden Frau zu Hilfe kam. Wobei ich natürlich froh bin, dass es kamerahaltende Hände gab, sonst wäre die Szene gar nicht an die Öffentlichkeit gekommen. Einerseits. Aber andererseits bin ich irritiert. Und zwar gewaltig, um ehrlich zu sein.

Sonntag, 1. September 2013

One two three, what're we fighting for?


Spätstens seit gestern abend kann es keinen Zweifel mehr geben:
Der syrische Präsident al-Assad ist der schurkischste Oberschurke aller schurkischen Diktatoren sämtlicher existierender und je existiert habender Schurkenstaaten.
"Welche Botschaft verbreiten wir, wenn ein Diktator vor aller Augen Hunderte von Kindern zu Tode vergasen kann und dafür keinen Preis zahlen muss?"
Keine leichte Frage.

Einzig richtige Botschaft:
"Kein Einsatz chemischer Waffen! Wir haben sie im zweiten Weltkrieg nicht eingesetzt, Hitler hat sie nicht eingesetzt, und wir setzen sie nicht ein, das ist doch keine Frage. Obwohl wir wissen, dass Assads Vater es getan hat, und jetzt geht er hin und tut es auch."
Vergessen zu erwähnen hat das Kriegspropaganda-Großmaul des regierungstreuen Sender MSNBC, dass

erstens
der Einsatz chemischer Waffen jahrzehntelang zum Standard amerikanischer Kriegsführung gehörte,
zweitens
das amerikanische Militär zwischen 1963 und 1973 rund 400.000 Tonnen Napalm auf Vietnam, Kambodscha und Laos herabfallen ließ,
drittens
in denselben Ländern zwischen 1962 und 1971 rund 20 Millionen Gallonen (1 Gallone = 3,78 Liter) Agent Orange, vermischt mit Kerosin, versprüht wurden,
viertens
neben unzähligen "zu Tode vergasten" Kindern von den Überlebenden weitere unzählige Kinder mit physischen Deformationen, Behinderungen und Krankheiten geboren wurden (die Schätzungen gehen in die Millionen),
fünftens
die mit Deformationen, Behinderungen, Krebserkrankungen geschlagenen Überlebenden und deren Nachkommen niemals irgendeine - in welcher Form auch immer - Entschädigung erhalten oder eine solche angeboten bekommen haben von jenem Land, das die chemischen Waffen eingesetzt hatte,
sechstens
vor 30 Jahren die USA untätig und mit kaltem Kalkül zuschauten, wie Saddam Hussein chemische Waffen im großen Stil einsetzte,
siebtens
nicht Hunderte, sondern Millionen Menschen von den Nationalsozialisten "zu Tode vergast" wurden und das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B (Wirkstoff: Blausäure) mit Sicherheit in die Kategorie chemische Waffen fiele, sofern dies ein Kriegspropaganda-Großmaul auch nur am Rande interessierte,

- dafür jedoch ein für allemal klargestellt, dass
achtens
Assad der schurkischste Schurke aller Zeiten ist,
und neuntens
nicht nur im Krieg, sondern in der Kriegspropaganda alle Mittel und Lügen erlaubt sind.

Zehntens bin ich gerade einigermaßen von den Socken, dass es so etwas - wo nicht Hunderte, sondern Hunderttausende aufstanden und inbrünstig gegen den Vietnamkrieg gesungen haben - einmal gegeben hat und heute nicht mehr gibt, aus welchen Gründen auch immer:



Samstag, 10. August 2013

Ein' feste Wagenburg ist unser Land


Man hat sich ja an einiges gewöhnt in Griechenland.

Es reißt niemanden mehr vom internationalen Menschenrechtshocker, wenn mal wieder reinrassige Griechen bevorzugt - sei es bei der wohltätigen Vergabe von Lebensmittelpaketen oder der erzwungenen Herausgabe von Daten über Herkunft, Rasse und korrekter Blutgruppenzugehörigkeit in Kindergärten und Schulen - und im Gegenzug Immigranten und Asylanten in Massenlager deportiert werden.

Ist halt so in Griechenland. Ist ja auch ein leidgeprüftes Land, so von wegen Krise und Armut und "Rekord"arbeitslosigkeit (aktuell 65 Prozent bei Menschen unter 25, kräht auch kein Hahn mehr danach) und kaputte Wirtschaft und hohe Kriminalität und Perspektivlosigkeit und nach oben schnellende Suizidrate und all das Elend. Ist halt ein Nährboden für rassistische Auswüchse und faschistischem Parteinachwuchs, was soll man machen, typisches Krisensymptom, irgendwie. Ist halt so in Griechenland.

Aber völlig undenkbar in einem Land, das zu den reichsten der Welt (Platz 6) zählt, mit einer der niedrigsten Arbeitslosigkeitsraten (2,9 Prozent), einer der niedrigsten Einwanderungsraten (1,27 Immigranten pro 1.000 Einwohner), der niedrigsten Kriminalitätsrate der Welt und den höchsten Bergen Europas, über die sowieso kaum ein ausländischer Flüchtling kraxeln kann.

Doch was ist zu hören? Wohlstand schützt vor Apartheid nicht:
Segregation: Schweizer Städte sperren Asylanten aus bestimmten Zonen aus
Flüchtlinge dieser Welt, ihr müsst leider draußen bleiben. Kein Zutritt zu öffentlichen Schwimmbädern und Sportanlagen. Schulhöfe werden zu "Sperrgebieten" erklärt, ebenso Kindertagesstätten, Gemeindehäuser, Kirchplätze, Altenheime, Bibliotheken sowie Spielbanken(!). Natürlich haben sie in der Schweiz nicht "Sperrgebiete", sondern "sensible Zonen" aufgelistet, 32 insgesamt. Eine 33. sensible Zone ist bereits in der Diskussion, berichtet die Neue Zürcher Zeitung: In Luzern sind Kommunalpolitiker der Ansicht, Asylbewerber hätten in Restaurants nichts verloren. Im Kanton Obwalden planen die Stadtoberen, "störende Personen" aus sensiblen Stadtvierteln auszusperren. Und in den nahegelegenen sensiblen Wald dürfen sie auch nicht, die störenden Asylanten.

Apartheid, böses Wort. Hat doch alles gar nichts mit Apartheid zu tun, beteuern Schweizer Politiker. Womit dann? Reine Sicherheitsmaßnahmen, sonst nichts:
"Aus Sicherheitsgründen haben wir beschlossen, diese Zonen zu sperren, um potentielle Konflikte zu verhüten und um in erster Linie Drogenkonsum zu verhindern."
Konfliktverhütung Swiss-Style? Geht so:
Es soll vermieden werden, dass "50 Asylbewerber, alle auf einmal, ein Fußballspiel oder ein Schwimmbad besuchen".
Man beachte die sensible Sprache - "ein Schwimmbad besuchen", hat er gesagt, nicht "über ein Schwimmbad herfallen"; denn schließlich, sagt der Bürgermeister von Bremgarten weiter,
"Wir sind nicht inhuman", 
vielmehr ginge es lediglich darum,
"sich öffentlichen Besorgnissen anzupassen".
 - sowie darum, Bedingungen für ein friedliches Miteinander zu schaffen:
"Diese sensiblen Zonen haben wir ausgegrenzt im Interesse eines friedlichen Zusammenlebens zwischen der Gesellschaft und den Asylsuchenden*."
Sensibler Klartext. Ausgesprochen vom Fachmann für innere Sicherheit, Urs von Däniken, "Ex-Spion auf heikler Mission", früherer Chef des Schweizer Inlandgeheimdienstes und heute beim Bundesamt für Migration unter Vertrag.

Liebe Asylanten!
Wenn ihr nun schon mal hier bei uns seid, dann tut wenigstens was für ein reibungsloses Zusammenleben mit der Bevölkerung und haltet euch bitte fern von allen 32 sensiblen öffentlichen Zonen, im Interesse der öffentlichen und inneren Sicherheit sowie im Interesse der Gesellschaft, zu der ihr erklärtermaßen* nicht gehört. Nur so vermeidet ihr potentielle Konflikte. Wenn ihr unbedingt Fußball spielen wollt, könnt ihr das ja in irgendeinem abgelegenen Wald tun, vorausgesetzt, wir haben diesen noch nicht zur sensiblen Zone erklärt. Kann aber noch kommen, solltet ihr in 50-Mann-Stärke über unsere geschützten Waldgebiete herfallen, die wir schützen müssen aus Sicherheitsgründen, um euren Drogenkonsum zu verhindern und um uns den öffentlichen Besorgnissen anzupassen.

P.S.: Wir sind nicht inhuman. Wir finden bloß, dass ihr stört.

Samstag, 3. August 2013

Neues Lagerdenken


Mich beschäftigt die Frage: Woran ist Faschismus zu erkennen?

Bestimmt nicht daran, dass eines Tages Horden von schwarzen Stiefeln durch die Straßen knallen, an die Tür meines dunkelhäutigen/homosexuellen/arbeitslosen/behinderten Nachbarn klopfen und ihm befehlen: Los, Sie kommen jetzt mit ins Arbeitslager, und dann nehmen die schwarzen Stiefel meinen Nachbarn mit, und ich höre und sehe nie wieder etwas von ihm und ziehe daraus den Schluss, dass irgend etwas Faschistisches im Gange sein muss.

Weil, er wäre ja blöd, der Faschismus, wenn er so in seinen schwarzen Stiefeln mitsamt der Tür ins Haus fallen würde und alle würden es mitkriegen. Obwohl er es ja damals in Deutschland genauso gemacht hat und keiner hat etwas mitgekriegt. Angeblich. Oder wie auch immer.

Allerdings war der Faschismus auch damals nicht so blöd, von jetzt auf gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern hat sich gedacht: immer schön langsam, eins nach dem andern, peu à peu die Schraube anziehen, und wenn die Leute sich erst mal dran gewöhnt haben, klappt der Rest wie von selbst. Hat ja dann auch geklappt. Grade weil der Faschismus erst mal auf Samtpfoten daherkam, bevor er sich die schwarzen Stiefel überzog.

Samtpfoten hieß so viel wie: Wir wollen doch nur euer Bestes. Wir wollen euch ja nur zeigen, wo's lang geht. Wir wollen euch helfen, in die Spur zu kommen. Weil ihr das ja von allein offenbar nicht schafft. Also wollen wir ein bisschen nachhelfen. Besonders denjenigen, denen nur schwer zu helfen ist. Solltet ihr euch allerdings unseren Hilfsangeboten so dauerhaft und halsstarrig widersetzen, dass wir zu dem Schluss kommen, dass euch gar nicht mehr zu helfen ist, dann müssen wir ein bisschen mehr nachhelfen. Und ein wenig härter durchgreifen. Natürlich nicht von jetzt auf gleich. Sondern erst später. Dann, wenn alle anderen gemerkt haben, dass euch anders nicht zu helfen ist. Dann gehen wir zur Sache. Weil wir bis dahin alle anderen so weit gekriegt haben werden, dass die das ganz normal finden, das mit dem Helfen. Vor allem, wenn wir denjenigen helfen, denen sonst nur schwer zu helfen ist. Das nennen wir dann Umerziehen, und alle finden das ganz normal.

Aber, wie gesagt, peu à peu. Nichts überstürzen.

In England zum Beispiel sind seit geraumer Zeit die Samtpfoten unterwegs. Manchmal sind sie ziemlich unangenehm laut, die Samtpfoten, aber Stiefelknallen? Keine Spur. Wozu auch? Funktioniert ja auch so. Auf Samtpfoten.

Jetzt haben die Samtpfoten ein neues Programm aufgelegt. Sie nennen es
"Hilfe für diejenigen, denen am schwersten zu helfen ist". 
- und meinen damit ein sogenanntes Arbeitsprogramm ("Work Programme"), das speziell auf behinderte arbeitslose Menschen zugeschnitten ist und sich zum Ziel setzt, diese behinderten Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen ("fit for work"). Das Programm "Fit for Work" gibt es zwar bereits seit einiger Zeit, wurde jedoch bislang nicht von dem erwünschten Erfolg gekrönt, denn ein Konzept, das behinderte Menschen fit zum Arbeiten machen will, stößt gewissermaßen an natürliche Grenzen, drum musste etwas Neues her.

Das Besondere an dem neuen Hilfsangebot für behinderte arbeitslose Menschen ist, dass es sich um ein "Residential Training" handelt, also um eine Trainingsmaßnahme, die in einer speziell dafür geschaffenen Einrichtung stattfinden soll, in der die Teilnehmer wohnen, leben und für den Arbeitsmarkt trainiert werden.

Die Dauer des Arbeitstrainings ist (bislang) auf ein Jahr veranschlagt; der behinderte Mensch wird somit ein Jahr lang fernab seines Wohnorts, seiner (eventuell behindertengerecht eingerichteten) Wohnung, seiner (ihn eventuell pflegenden) Angehörigen oder Freunde, seiner (ihn betreuenden und behandelnden) Ärzte und Pflegekräfte in einer Gemeinschaftseinrichtung untergebracht sein, zusammen mit vielen anderen behinderten Menschen, die ebenfalls fernab ihrer Wohnung, ihrer Angehörigen, Freunde, Ärzte und Pflegekräfte dort untergebracht werden.

Das sich aufdrängende unschöne Bild eines Arbeitslagers versuchen die Samtpfoten mit allerlei plüschigen Pinselstrichen zu weichzuzeichnen: Beispielsweise wird jeder Teilnehmer am Residential Training ein eigenes Zimmer (Zelle?) bekommen - zumindest jetzt, zum verheißungsvollen Start des neuen Programmes. Beispielsweise ist die Teilnahme am Programm freiwillig und ohne Sanktionen für den, der die Teilnahme ablehnt oder das Training vorzeitig abbricht - zumindest jetzt, zum verheißungsvollen Start des neuen Programmes.

Beispielsweise, heißt es zum verheißungsvollen Start des neuen Programmes, diene das Konzept 'fernab des gewohnten Lebensumfeldes' ausschließlich dem Wohl des behinderten arbeitslosen Menschen:
"Das 'residential element' des Programmes aktiviert arbeitslose behinderte Menschen zum 'Denken neuer Gedanken' bezüglich ihrer Lebenschancen und ihrer Fähigkeit zum Arbeiten."
- eine samtige Philosophie, die dem Denken neuer Gedanken auf die Sprünge hilft, etwa dem Gedanken an ein Art Umerziehungslager für behinderte Menschen.

Vielversprechend klingt auch die bereits jetzt angekündigte Perspektive,
"... das Programm des Residential Training zu erweitern und langzeitarbeitslose nichtbehinderte Menschen mit einzubeziehen."
Das Konzept erscheint also ausbaufähig. Und weil bekanntlich alles, was ausbaufähig, auch marktfähig ist, wurde bereits der Gedanke an die Marktchancen eines zusammengepfercht lebenden Haufens von gut trainierten Billigarbeitskräften gedacht:
"Das Konzept sollte für den Markt geöffnet werden. Dieser Prozess könnte, als Testlauf, nächstes Jahr mit einer öffentlichen Ausschreibung beginnen."
- was wiederum das Denken völlig neuer Gedanken aktiviert, nämlich den Gedanken an das dem Markt innewohnende Wettbewerbsprinzip, dessen tragende Säule das Kostendämpfungsprinzip darstellt: je kostengünstiger betrieben, desto konkurrenzfähiger. Downgrading heißt das Zauberwort: goodbye, Einzelzimmer; welcome, Schlafsaal mit Mehrfach-Etagenbetten. Es muss sich ja rechnen, das neue Programm, wenn die Privatwirtschaft daran partizipieren und davon profitieren möchte.

Und weil es sich rechnen muss, sollte - wenn der Markt erst mal auf den Geschmack gekommen ist - beizeiten der Gedanke an Sanktionen gedacht werden: Bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt, verweigerst du die Teilnahme am neuen workfare-Camp, bekommst du keine Transferzahlungen mehr.

Zwangsarbeit, anybody? Arbeitslager? Umerziehung?

Behinderte und nichtbehinderte Menschen.
Hauptsache arbeitslos.
Gebrandmarkt als arbeitsscheu.
Alle unter einem Dach.

Dann vielleicht doch lieber Konzentrationslager? Weil, die Insassen sollen sich ja konzentrieren auf das Denken neuer Gedanken. Und dabei soll ihnen geholfen werden. Hört ihr? Wir wollen euch doch nur helfen. Obwohl es sich so anfühlt, als raste ein losgelassener Kampfhund mit gefletschtem Gebiss durch die Gegend, ein Kampfhund, dessen Besitzer freundlich ruft: Der will doch nur spielen.

Women in workhouse

Und deshalb beschäftigt mich die Frage, woran Faschismus zu erkennen ist. Und zwar möglichst frühzeitig. Weil, wenn es zu spät ist, ist es zu spät.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Die Straße frei den braunen Bataillonen


Griechenland, wird Finanzminister Schäuble nicht müde zu betonen, sei auf einem guten Weg. Mehr noch: auf dem richtigen Weg. Schäuble scheint den richtigen Weg zu kennen und wird wissen, weshalb er ihn unermüdlich propagiert und wiederkäut.

Zum richtigen Weg gehört flächendeckender sozialer Kahlschlag. Um diesen Kahlschlag wirklich effizient zu gestalten, muss alles aus dem (richtigen!) Weg geräumt werden, was den Kahlschlag behindern könnte. Beispielsweise Gesetze, die behinderte oder geringverdienende Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes vor Entlassung schützen sollen. Falsch, schützen sollten. Seit heute ist die sogenannte Sozialklausel ersatzlos gestrichen.

Die Gesetzesänderung erfolgte
... auf Druck der Eurogruppe, die in der Schutzklausel eine "Gefahr" für den geforderten Kahlschlag sah. Vor allem Deutschland hatte Druck gemacht und mit Hilfsentzug (=Verweigern der nächsten Kredittranche) gedroht.
Erpressung also, auf gut deutsch. Wo ein Ziel ist, ist jedes Mittel recht und ebenso jeder Weg. Halt, nein, nur der richtige Weg ist recht. Der aus deutscher Sicht richtige Weg. Ist recht. Oder rechts.

Gestern veranstaltete die faschistische Partei Golden Dawn vor den Türen ihrer Niederlassung in Athen eine politische Kundgebung. Gegen den sozialen Kahlschlag. Politik gekoppelt mit Wohltätigkeit, Nächstenliebe, Almosen. Kommt immer gut. Besonders auf dem rechten Weg.
Golden Dawn spielte eine Nazi-Hymne während einer politischen Wohltätigkeitsveranstaltung, die von den Behörden versucht worden war zu verbieten.
Versucht worden war zu verbieten. Schlug leider fehl, der Versuch. Dabei wollten sie Golden Dawn doch ausdrücklich verbieten, den griechischen Bürgern karitative Tüten mit Lebensmitteln und Kleidung auszuhändigen. Wohlgemerkt, den griechischen Bürgern. Sonst niemandem.
Parteimitglieder verteilten Nahrungspakete, nachdem sie die Ausweise der Empfänger kontrolliert hatten, um sicherzustellen, dass Nichtgriechen von der Aktion ausgeschlossen sein würden.
Hat aber leider nicht geklappt, der Versuch, die rein griechische Wohltätigskeitsaktion zu verbieten. Keine Ahnung, wieso. Vermutlich war nicht genug Druck hinter dem Versuch der Behörden, die Aktion zu verbieten. Keine Ahnung, wieso nicht. Oder doch Ahnung, ganz dumpfe, trübe Ahnung. Egal, jedenfalls hat Golden Dawn das Ding unbehelligt durchgezogen.

Zwar hat der Minister für öffentliche Ordnung, Nikos Dendias, die Aktion nicht gebilligt und am Mittwoch öffentlich verkündet, bei Golden Dawn handele es sich um "eine erbärmliche Kopie des Nazi-Totalitarismus". Finde er nicht gut, so etwas, hat der Minister gemeint. Verboten wurde die Aktion trotzdem nicht. Obwohl man es doch versucht hatte, wirklich versucht hatte. Aber gut, dass der Minister darüber gesprochen hatte.

Die Golden Dawn Partei hat das natürlich gefreut, dass es nicht gelungen war, ihre Aktion - trotz wirklicher Versuche - zu verbieten. Aus lauter Freude darüber spielte Golden Dawn während ihrer wohltätigen Aktion laute Musik. Mit Gesang. Voll aufgedreht, aus Lautsprecherboxen, die auf der Straße aufgestellt wurden.
Essensausgabe zu den Klängen des Horst-Wessel-Liedes**
Eine griechische Version des deutschen Horst-Wessel-Liedes wurde aus Lautsprechern gespielt vor den Türen des Athener Büros der Partei, wo Parteimitglieder Tüten mit Essen und Kleidung aushändigten.
Natürlich wurden die Lautsprecherboxen auch nicht verboten. Erst recht nicht das Horst-Wessel-Lied, nein, es war noch nicht einmal versucht worden, das Abspielen des Horst-Wessel-Liedes zu verbieten. Sie spielten es einfach, basta. Warum auch nicht? Ist ja nicht verboten, das Lied. In Griechenland. In Deutschland schon*. Aber Hauptsache, Griechenland ist auf einem guten Weg. Mehr noch, auf dem richtigen Weg. Den aus deutscher Sicht richtigen Weg. Mit dem passenden Soundtrack.

Fast könnte man meinen, der Weg sei das Ziel.


* Auf Ekathimerini sind drei Videos der gestrigen Veranstaltung eingebettet, inklusive des von Golden Dawn gewählten Soundtracks - "Dieses Video ist in deinem Land nicht verfügbar", heißt es dort.

** Die Überschrift dieses Posts entstammt dem Horst-Wessel-Lied. Es war zunächst ein Kampflied der SA und avancierte etwas später zur Parteihymne der NSDAP.
"Die Melodie und der Marschtritt, ein paar für sich bestehende Einzelwendungen und Phrasen, die sich an die 'heroischen Instinkte' wenden: 'Die Fahne hoch! ... Die Straße frei dem Sturmabteilungsmann ... bald flattern Hitlerfahnen ...': genügte das nicht zum Hervorrufen der beabsichtigten Stimmung?"

Sonntag, 7. Juli 2013

Mehr Diktatur wagen


Hoppla, hatte ich neulich noch gedacht, das war jetzt aber von erfrischender Offenherzigkeit, jenes ungenierte Plädoyer für die Abschaffung gewachsener demokratischer Strukturen, die dem gesunden Wachstum finanzkapitalistischer Strukturen nur im Wege stehen.

Hoppla deshalb, weil es ja durchaus ungewöhnlich ist, wenn einschlägige Kreise derart unbeschönigt mit der Sprache herausrücken - wozu gibt es schließlich aufs sprachliche Retuschieren spezialisierte PR-Apparate? Genau, damit der Normaldenker als erstes die rosarote Brille aufsetzt, bevor er sein Gehirn einschaltet, sonst würde er ja nur noch schwarz sehen oder, im Einzelfall, braun.

Hoppla, durchfuhr es mich damals also, das muss wohl ein Ausrutscher gewesen sein, ein einmaliges Entgleisen aus der gewohnheitsmäßig alles verschleiernden PR-Schiene, ein situatives Aufblitzen von Wahrhaftigkeit, frei von manipulativen Winkelzügen.

Das Hoppla bleibt jedoch im Halse stecken. Weil, das war anscheinend gar kein einmaliger Ausrutscher. Denn wie es ausschaut, gehen die hammerharten, unverschnörkelten Offenbarungen der Finanzindustrie sukzessive in Serie. Unter der Überschrift
Nach dem Putsch in Kairo
schließt das Wall Street Journal sein aktuelles Editorial mit den erfrischend hammerharten Worten:
Die Ägypter hätten Glück, wenn ihre neuen herrschenden Generäle sich als aus demselben Holz geschnitzte Führungsfiguren erweisen würden wie Chiles Augusto Pinochet, der seinerzeit inmitten von Chaos die Macht übernahm und Reformkräfte anheuerte, die dem freien Markt verpflichtet waren, und so zum Geburtshelfer eines Überganges zur Demokratie wurde.
Ganz unverhohlen kommuniziert der Kapitalismus seine feuchtesten Träume, benennt Ross und Reiter sowie seine kraftvollen Kernwerte - freier Markt und Demokratie in einem Atemzug mit der Reminiszenz auf einen faschistischen Diktator -, um sein neoliberales Gedankengerüst abzusichern gleich einer Betonfestung. Das hat was. Das hat Rhythmus, wo jeder mitmuss. Rechts, zwo, drei, vier.

Kein Hoppla, diesmal. Nur ein eher vegetatives Geräusch, das dem Betroffenen entfährt, wenn der Groschen schlagartig gefallen ist. Gut zu wissen, wie ihr tickt, dort an der neoliberalen Front. Gut, dass ihr drüber gesprochen habt. Keine Fragen mehr.

Nur noch ein kleiner Song aus Chile.



Donnerstag, 27. Juni 2013

In aller Stille


Vorgestern, am 25. Juni, drehte sich ein gewisser George Orwell in seinem Grab. 

Er tat dies in aller Stille, um niemanden allzu sehr aufzuscheuchen oder gar hinter dessen Computer hervorzulocken, obwohl, dachte sich Orwell in seinem Grab, Gründe gäbe es ja weiß Gott genug, weshalb Orwell in seinem Grab seufzte "ach ja, tempora mutantur ...", was er aber nur ganz leise tat, um niemandem wegen des Wortes Doppelbedeutung auf die Füße zu treten.

Trotzdem, ein klein wenig gedreht hat der alte Orwell sich doch in seinem Grab, weil er sich gewundert hat, denn immerhin hatte er Geburtstag, noch dazu einen runden - 110 Jahre alt wäre er vorgestern geworden! Weil aber niemand davon Notiz zu nehmen schien, hat der Jubilar halt in aller Grabesstille sich ein bisschen hin- und hergedreht. 

Zumindest in der holländischen Provinz muss das leise unterirdische Gerumpel zu hören gewesen sein: Dort, in Utrecht, haben sie Orwell Geburtstag gebührend gefeiert. Dort haben sie die unzähligen öffentlichen Überwachungskameras mit lauter niedlichen kleinen Partyhütchen dekoriert und erklärt:
George Orwell ist bestens bekannt für sein Buch '1984', in dem er die Schreckensvision einer Gesellschaft beschreibt, wo die Bevölkerung ständig beobachtet wird vom Überwachungsstaat Big Brother. 
Wir wollen, dass diese unauffälligen Kameras, die wir in unserem Alltagsleben ignorieren, ins Auge fallen, um das Bewusstsein zu sensibilisieren, von wievielen Kameras wir heutzutage tatsächlich beobachtet werden und dass der von Orwell beschriebene Überwachungsstaat mehr und mehr zur Realität wird.

Lauter lustige Partyhütchen auf der Straße, um damit gegen den Überwachungsstaat zu demonstrieren -  das ist doch wenigstens etwas, sagte sich der alte Orwell. Also, zumindest besser als nichts.

Wieso allerdings keine Sau leibhaftig auf die Straße geht, um gegen den Überwachungsstaat zu demonstrieren - das hat sich der Orwell dann schon gefragt. Wie gesagt, nur ganz leise. Weil, aufschrecken wollte er ja niemanden. Er beließ es beim Seufzen.


Montag, 27. Mai 2013

Vom Hinschauen und Wegsehen


"Auf die Angriffe von Neonazis, die an Heftigkeit zunehmen, reagiert die Polizei mit Wegsehen."
Kommt einem irgendwie bekannt vor. War das nicht, ja richtig, das war doch in Griechenland, oder? Na gut, vielleicht ist war das falsche Wort, vielleicht wäre ist das zutreffendere Wort, aber okay, dann ist das halt so in Griechenland, kennt man ja inzwischen, diese Geschichten rund um die Neonazis von Golden Dawn, und dass die bei ihren öffentlichen Angriffen von der Polizei toleriert werden, ist ja nun auch nichts Neues mehr, hat man sich irgendwie dran gewöhnt, holt ja keinen Hund mehr hinterm Ofen vor, irgendwie, weil, ist halt so in Griechenland, was soll man groß machen, klar kann man sich darüber empören, aber was soll's, kann sich schließlich kein Mensch pausenlos über griechische Neonazis empören, irgendwann ist ja dann auch gut, ne, also, nee, gut ist das natürlich nicht, was da in Griechenland abläuft, aber so läuft's halt in Griechenland, ne, das mit der Krise dort und den Neonazis und der öffentlichen Jagd auf Immigranten, hat inzwischen jeder schon zum tausendsten Mal davon gehört und irgendwann interessiert es einen halt nicht mehr so dolle, weil, ist halt so in Griechenland, aber ist ja nur in Griechenland so und überhaupt, Griechenland ist ja schon ein Fall für sich, wegen der Krise dort und so, also, mehr so eine Art Spezialfall irgendwo da unten in Südeuropa, kann man doch so sagen, irgendwie, ne?

Nein. Kann man nicht sagen.

Das Zitat entstammt einem ausführlichen Bericht über die seit sieben Tagen anhaltenden schweren Straßenkämpfe in Schweden. Kämpfe von Menschen aus den ärmsten Vierteln Stockholms, meist Jugendlichen aus (mittlerweile 15) Immigrantenvierteln. Kämpfe, die sich mit jedem Tag auf mehr Städte des nordeuropäischen Landes ausbreiten.

In denselben Städten, in denselben Vierteln organisieren sich mit jedem Tag mehr Neonazi-Gruppen, die den kämpfenden Immigranten den Kampf ansagen, nur dass die Immigranten von den Neonazis nicht Immigranten genannt werden, sondern "Schweineherden", und die Neonazis sich nicht Neonazis nennen, sondern "Bürgerwehr" oder "Bürgerselbstschutzgruppen" oder "Ordnungshüter",  denn wo Schweineherden toben, müssen selbsternannte Ordnungshüter für die Sicherheit der Bürger sorgen und für, wie der Name schon sagt, "Recht und Ordnung", während die anderen Ordnungshüter, also diejenigen, die sich Polizisten nennen, "wegsehen", oder sagen wir, sie tolerieren die Kollegen von der Bürgerwehr, warum auch nicht, weil, sagen die Polizisten, die Kollegen von der Bürgerwehr "sich keines Verbrechens schuldig machen", die randalierenden Immigranten hingegen durchaus, also bitte.

Na ja, Schweden halt. Auch ziemlich weit weg, ne. Irgendwo da oben in Nordeuropa. Wie, schon seit sieben Tagen? Ist ja dann auch nichts Neues mehr, also, könnte man sich fast schon wieder dran gewöhnen, irgendwie, ne.

Nein. Kann man nicht.

Dienstag, 21. Mai 2013

Wohin mit dem ganzen Müll?


Allmählich bahnen sich Lösungen an.

Saubere, endgültige Lösungen mit einem für alle klar verständlichen, eindeutigen Schlusstrich: Lösungen, die radikal Schluss machen mit den lästigen Problemen von Armut, Alter, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit. Endlösungen eben.

Die magische Formel heißt: Macht sie alle zu Kriminellen!

Wie das gehen soll? Ganz einfach: durch neue Gesetze. Radikale Lösungen erfordern nun mal radikale Gesetzesentwürfe, und sind die erst mal in Papier gegossen, lösen sich die lästigen Probleme wie von selbst.

Der neueste Hit zur großflächigen Verbrechensbekämpfung - hier: Verfolgung antisozialer Kleinkrimineller - nennt sich Anti-Social Behaviour, Crime and Policing Bill, kommt aus Großbritannien und reißt die strafrechtliche Deutungshoheit an sich über alles, was im öffentlichen Raum so kreucht, fleucht, flucht, krakeelt und herumlungert. Vorzugsweise im Visier: auf der Straße abhängende, meist arbeitslose Jugendliche. Ganz besonders auf dem Kieker:
auf der Straße lebende, da obdachlose Menschen.

Dass es sich dabei um nichts als antisoziales Pack handelt, war eh schon die ganze Zeit klar, aber nun kann endlich juristisch reiner Tisch und die sozial auffällige Zielgruppe unschädlich gemacht werden, denn von nun an gilt per Strafgesetz die Gleichung: antisozial = kriminell. Verhaften, abführen, einbuchten, fertig. Problem gelöst. Hauptsache weg. Am besten mithilfe nächtlicher Polizeistreifen sowie geeigneter Einsatzfahrzeuge - ich stelle mir PS-starke, schußsichere Kombis vor mit großen, geräumigen fensterlosen Anhängern, so ähnlich wie die Dinger, die man von Vieh-Massentransporten kennt. Na gut, nicht bloß von Vieh-Massentransporten.

Ein großes Fassungsvermögen müssen diese Transportanhänger schon deshalb haben, weil ja die Kriminalitätsrate stetig steigt, weil ja immer mehr Menschen auf der Straße leben, weil ja immer mehr obdachlos werden, weil ja immer mehr sich die Wohnungsmieten nicht mehr leisten können, weil ja immer mehr - infolge bedroom tax und gekürzten Sozialbudgets - immer weniger Geld verfügbar und außerdem immer weniger einen Job haben. Logisch, oder? Also her mit den Viehkarren.

Wer das unlogisch findet, hat sich mit der Logik der britischen Regierung noch nicht hinlänglich vertraut gemacht. Deren Logik geht so: Im ersten Schritt schaffen wir Obdachlosigkeit, im zweiten kriminalisieren wir sie. Oder, etwas langsamer zum Mitschreiben: Im ersten Schritt besteuern wir eure Wohnungen, vertreiben euch - zweitens - so aus euren Wohnungen, zwingen euch - drittens - auf die Straße, stellen ferner - viertens - sicher, dass es keine Jobs gibt, ziehen - fünftens - ein neues Gesetz aus der Tasche, mithilfe dessen wir Obdachlosigkeit als antisozial und - siebtens - infolgedessen als illegal definieren.

Ach so, fast vergessen: Wir erklären - achtens - , das neue Endlösungsgesetz diene ausschließlich dem Schutz und der Sicherheit der Bevölkerung - also, der restlichen, noch verbliebenen, naturgemäß immer kleiner werdenden Bevölkerung, die sich aus lauter Angst vor Kriminalisierung schon nicht mehr auf die öffentlichen Plätze traut - und haben schließlich das, was uns schon immer vorschwebte: einen sauberen, sicheren, menschenleeren öffentlichen Raum. Können wir jetzt bitte endlich die erforderlichen Einsatzfahrzeuge für den Massenabtransport bestellen? Wo? Na dort, wo wir kürzlich - Stichwort: sauberer, menschenleerer öffentlicher Raum - auch diese hypermodernen Wasserwerfer bestellt und geliefert bekommen haben. Weil, dort haben sie das Knowhow, ehrlich, die wissen aus Erfahrung, wie's geht.

Wobei, muss man sagen, (im Vergleich mit den britischen) die amerikanischen Behörden mit der Kriminalisierung ihrer Obdachlosen wesentlich geschmeidiger verfahren, oder sagen wir mal: pragmatischer. The culture of the Wild West, you know. Die brauchen nicht groß irgendwelche neuen Gesetze und darum auch keine Viehkarren. Die verfrachten kurzerhand die obdachlosen Menschen von Detroit in ihre Streifenfahrzeuge, fahren sie bis weit über die Stadtgrenze, setzen sie dort aus, knöpfen ihnen sicherheitshalber vorher das eventuell vorhandene Kleingeld ab - könnten sich ja sonst in den Bus setzen und zurück in die City fahren -, haben einen Riesenspass dabei und nennen das ganze Transportunternehmen
"We take them for a ride", auf deutsch: Wir machen mit ihnen eine Spazierfahrt. So eine Gaudi! Ach ja, übrigens gibt es für We take them for a ride noch eine Slangübersetzung, die lautet: Wir verarschen sie nach Strich und Faden. Selten so gelacht auf nächtlichen Streifen in Detroit.



Okay. Das mit der Kriminalisierung der Obdachlosen wäre gebongt. Das mit dem Abtransport auch. Bis die Arbeitslosen ebenfalls per Gesetz zu Verbrechern abgestempelt und abtransportiert werden, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Weil, wenn das Gesamtkonzept erst mal greift - da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf!

Ich sage nur: Lager für die Armen und Obdachlosen, schön mit Stacheldraht und Hochspannungszaun, man muss es ja nicht KZ nennen, da fällt uns zu Tarnzwecken schon was Griffigeres ein, wie wär's mit, ähm, Sonderwohnbezirken? Asylstätten? Schutzräumen? Herbergsunterkünften? Oder vielleicht Ghettos? Na ja, Ghettos, vielleicht ein bisschen belastet der Begriff, dann doch eher so was wie Umerziehungsunterkunft. Oder Zwischeninternierung. Oder Sammellager. Oder ganz einfach: Durchgangslager! Das rockt! Durchgangslager dienen ja bekanntlich dem Zusammenstellen von Transporten von ca. 1.000 (über die Richtwerte hat man sich noch nicht geeinigt) Gefangenen. Transport wohin? Ist doch egal, Mensch, Hauptsache weg, aus den Augen, aus dem Sinn, maßgeblich sind die Vernichtungskapazitäten im Endlager, oops!, das ist uns jetzt so rausgerutscht, wollten wir eigentlich nicht so drastisch formulieren, aber gut.

Wenn da nur nicht das leidige Problem mit den Kosten wäre! Weil, so eine komfortable nationale Beherbergungsstättenkultur, die stampft man ja auch nicht von heute auf morgen aus dem Boden, das dauert seine Zeit, und dann die Kosten! Die Kosten, die so eine Infrastruktur verursacht! Jenes Land mit den hypermodernen Wasserwerfern hat es da besser, weil, also, die Infrastruktur ist ja dort vorhanden, im Prinzip jedenfalls. Gut, gegenwärtig haben die ihre ollen Lager zu Museen umdesigned, zumindest vorübergehend, aber da geht noch was, ohne Frage, denn immerhin, das ganze Schienennetz und die Straßen, alles vorhanden bei denen, also, das hat schon was.

Wie gesagt: Wir bleiben dran. Wir arbeiten konsequent an Entsorgungskonzepten für menschlichen Müll. Insbesondere denjenigen, den wir selbst produziert haben. Und sollte das mit den Lagern zu teuer kommen, bleiben uns immer noch alternative, sprich: effizientere Optionen.

Weil, vom Wasserwerferland lernen heißt siegen lernen.

Montag, 6. Mai 2013

Von nichts kommt nichts



Nur wer arbeitet, soll auch essen. Nichts Neues aus dem satten Mund ehemaliger deutscher Arbeiterparteien. Nutzlose Schnorrer durchzufüttern kann (will) sich dieses System nicht leisten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sonst kommt die Jugend noch auf dumme Gedanken, wenn die Eltern ungestraft auf der faulen Haut liegen.

Neu ist, dass die martialische Moralpauke den Heranwachsenden bereits im frühen Kindesalter eingebleut werden soll. Aufgepasst, Kinder: There is no free lunch (deutsch: Nichts gibt es für umsonst). Oder habt ihr etwa gedacht, wir füttern euch mit kostenlosem Schulessen durch, bloß weil eure nutzlosen armen Eltern kein Geld haben, um euch die hungrigen Mäuler zu stopfen? Nope, könnt ihr euch abschminken, because, you know, there is no free lunch, schließlich geht ihr in die Schule, um dort fürs Leben zu lernen.
"Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir die Kinder für ihr Mittagessen arbeiten lassen: den Müll raustragen, die Treppenhäuser schrubben, den Rasen mähen - bringt ihnen bei, es (das Schulessen) sich zu verdienen. Wenn sie kein Mittagessen kriegen, werden sie in jener Nachmittagsklasse eben nicht lernen zu rechnen, sie werden nicht lernen, wie man einen Satz richtig aufbaut, sondern sie werden eine viel wichtigere Lektion lernen."
- nämlich die Lektion, dass das Versorgtwerden mit "free lunches" die "Arbeitsmoral" der Kinder verderbe und ihnen suggeriere, man "könne auf die leichte Tour" durchs Leben kommen; Zucht und Ordnung halt, kennt man ja.


Sowie - ganz wichtig - die systemerhaltende Lektion: Wer arm zur Schule geht, kommt auch arm wieder aus ihr heraus, denn das Kind armer Eltern hat frühzeitig gelernt, dass die Berufsbilder Hausmeister oder Putzfrau ihm auf den Leib geschneidert, hingegen Fähigkeiten wie Rechnen oder Schreiben für seinen Lebensweg entbehrlich sind.


Überdies lernt das Kind fast spielerisch die harte Lektion des Verdrängungswettbewerbes und der Ellbogenmentalität, denn irgendjemandem nimmt das schuftende Kind ja den bezahlten Job weg - und sei es den eigenen Eltern, die bislang als Hausmeister oder Putzfrau das wenige Geld verdient haben, von welchem sie ihren Kindern nicht genug zu essen finanzieren konnten. So bleibt quasi alles in der Familie.


Seinen Ordnungsruf wollte der republikanische Abgeordnete keinesfalls als "Bestrafungs-", vielmehr als "Erziehungsmaßnahme" verstanden wissen. Sollten die schlechterzogenen, verwöhnten und verweichlichten Kinder armer Eltern auf die innovative Erziehungsmaßnahme nicht anspringen, bleibt ihnen immer noch der Lebensweg in ein - sicherlich bald wieder in Mode kommendes - Arbeitshaus offen, wo von Armut betroffene Menschen aufgenommen und damit aus der Öffentlichkeit entfernt werden.

Die Umwandlung herumziehender Bettler in wirtschaftlich verwendbare Untertanen sollte durch Methoden der Arbeitserziehung erreicht werden.
Hat der republikanische Abgeordnete so nicht gesagt.
Aber mit Sicherheit gedacht.


Mittwoch, 24. April 2013

Juckt doch keine Sau



Ein schönes Bild.

Ein Bild der Ruhe und der Gelassenheit.

Ein schönes Bild, das lauter spricht als tausend schöne Worte.

Ein Bild der Abwesenheit und des Desinteresses.

Ein Bild von einer Anhörung im US-amerikanischen Kongress.

Thema der Sitzung: Langzeitarbeitslosigkeit.

Anzahl der erschienenen Abgeordneten: Einer.

Anzahl der langzeitarbeitslosen Amerikaner: 4,6 Millionen.

Ein Abgeordneter interessiert sich für 4,6 Millionen Arbeitslose.

Who cares?

Oder, wie man in Europa - bei 19 Millionen Arbeitslosen - sagt:

Wen juckt's?

Donnerstag, 21. März 2013

Die Bulldozer sind unter uns


Also, jetzt mal eins nach dem andern.

Da wäre zum einen die Revolution. Dauert womöglich noch eine Weile. Und dann wäre da der Bank Run. Dauert auch noch, kommt aber höchstwahrscheinlich vorher. Beiden, der Revolution und dem Bank Run, ist gemeinsam: They will not be televised. Auf gar keinen Fall. Weil, die Medien werden ja nicht dafür bezahlt, dass sie die Leute auf dumme Gedanken bringen. Im Gegenteil. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die Leute von solcherart systemgefährdendem Blödsinn abhalten.

Weshalb es völlig witzlos ist, vor der Glotze zu sitzen und zu zählen, wie viele Leute inzwischen vor den Bankomaten Schlange stehen. Es werden nie mehr als vier oder fünf sein. Höchstens mal der eine oder andere Bulldozer dazwischen, wie zur Zeit in Zypern, das ist dann aber schon das Höchste der Gefühle. Weil, Bulldozer vor Banken bringen Einschaltquote, und immer nur vier oder fünf Hanseln vor einem Bankomaten zu zeigen wird ja auf Dauer auch langweilig.

Nur, vor der Glotze sitzen und drauf warten, dass der Bulldozer endlich in die Schalterhalle reinbrettert - vergiss es, Baby. Bis auf weiteres wird der Bulldozer, mattscheibenfreundlich und dekorativ, vor der Bank so statisch rumstehen wie ein Brückenpfeiler aus Beton, wie ein uriges prähistorisches Requisit aus dem ZDF-Fernsehgarten, und sich nicht von der Stelle rühren; dafür sorgen die wesentlich dynamischeren Bulldozer der sogenannten Eurogroup, allen voran der Oberbulldozersturmführer Schäuble, der händereibend frohlockt, dass in den zyprischen Banken eh kein Geld zu holen sei, jedenfalls so lange nicht, wie kein böser Russe hinterm Steuer des Bulldozers sitzt, was zuverlässig daran zu erkennen sei, wenn aus dem Bulldozerauspuff ein paar stinkende Erdgaswolken entweichen -

Cartoon: Fricca

- weshalb sich Chefbulldozer Merkel - mit der russischen Materie seit Kindesbeinen vertraut - nachdrücklich verbeten hat, dass die zyprische Regierung mit irgendjemand anderem verhandelt als mit der Troika. Irgendwie ist der Bulldozerchefin dabei aus dem Blick geraten, dass sie zwar Kanzlerin von Deutschland, aber (noch) nicht von Europa ist, aber sie übt halt fleißig, man muss ihr das nachsehen.

Jedenfalls, die Sache mit dem Bank Run. Der muss, da sind sich alle einig, auf Biegen und Brechen verhindert werden. Nur, wie? Ein erster, wichtiger Schritt ist bereits gemacht: Die Banken in Zypern bleiben einfach geschlossen, fertig. Erst mal bis übers nächste Wochenende. Und weil, günstigerweise, der Montag nach dem nächsten Wochenende ein Feiertag ist ('Griechischer Unabhängigkeitstag', meine Güte, von wem sind die unabhängig? Doch wohl nicht von der Troika?), werden die Banken bis mindestens nächsten Dienstag geschlossen bleiben. Oder noch länger. Vielleicht für immer. Was natürlich, im Sinne der Unterbindung eines Bank Run, eine extrem praktische, auf allen Seiten bulldozersparende Lösung wäre.

Immerhin ist jetzt bis Dienstag genug Zeit, dem gefürchteten Bank Run prophylaktisch entgegenzuwirken, also die bewährten Propagandageschütze anzuwerfen und die Zyprioten aus allen Rohren zu beballern, dass ihr Erspartes sicher, wirklich garantiert sicher sei, aber nur und ausschließlich dann, so lange sie es auf der Bank lassen. Vorher, da sind sich alle einig, ist es völlig sinnlos, die Banken wieder zu öffnen. Sollten die zypriotischen Bankkunden weiterhin stur bleiben und partout an ihre Kohle ran wollen, bleiben die Banken halt weiterhin geschlossen, basta.

Sollten jedoch auch künftig, trotz allen guten Zuredens, die Leute einfach nicht zur Vernunft zu bringen sein, dann muss mit härteren Bandagen vorgegangen werden. Quasi mit Handschellen. Ein neues Notgesetz, das den Bank Run bei Strafe verbietet, liegt bereits in den Schubladen. Selbstverständlich etwas geschmeidiger formuliert, etwa so: Zu Ihrem Schutz und der Sicherheit Ihrer Bankeinlagen sind Sie ab sofort gehalten, pro Tag maximal 100 Euro von Ihrem Konto abzuheben oder zu überweisen; bei Zuwiderhandlung belasten wir mit einer nach oben offenen Zwangsabgabe Ihr Guthaben so lange, bis Sie keines mehr haben.

Völlig bescheuert oder was? Keine Spur. Hätte vor nur einer Woche irgendjemand erzählt, das EU-Bulldozerteam werde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Bankguthaben der Bürger eines europäischen Landes konfiszieren - alle hätte geschrien: völlig bescheuert oder was?

Das Grauen kommt auf leisen, aber schnellen Sohlen.
In kundenfreundlicher Bulldozerlautstärke.

Mittwoch, 6. März 2013

Alles ganz normal


Wie Faschismus alltagstauglich wird:

Der Film fängt Straßenszenen in Athen ein. Eine der Hauptpersonen ist Mitglied der Golden Dawn Partei und Anwärter auf einen Sitz im griechischen Parlament.

Im lockeren Plauderton und in aller Öffentlichkeit wird über Öfen, Seife und abgezogene menschliche Haut gescherzt. Passanten werden nach ihrer korrekten DNA befragt, im Brustton herrenrassiger Überlegenheit. Griechenland, so der visionäre Blick in die Zukunft, müsse "vom Schmutz befreit werden". Schließlich sei der "Schmutz" für die Krise verantwortlich. Schmutz weg, Krise weg, und alles wird wieder gut.

Der Film beginnt mit faschistischer Alltagspropaganda auf den Straßen und endet mit institutionalisierter Indoktrinierung ("Umerziehung") von Kindern und Jugendlichen.

Alles ganz normal. Im Jahr 2013. Mitten in Europa.


Freitag, 18. Januar 2013

Nur wenn es anders gar nicht geht


Zwangsbehandlung, anybody?

Das einzige, was wundert, ist, dass noch kein schickes Neusprech-Ersatzwort dafür gefunden wurde. Weil, also Zwangsbehandlung, das klingt ja schon, also, man denkt ja dann doch an, na ja, Sie wissen schon, so an früher und überhaupt, obwohl, ist ja jetzt auch schon lange her, das alles, das von damals und so, ist ja alles Schnee von gestern und vielleicht denkt da heute ja kein Mensch mehr dran, wenn er das Wort hört. Also, dieses Z-Wort.

Gut, es mag Menschen geben, die neigen - in Bezug auf das Z-Wort - zu einem, sagen wir mal, eher zwanghaften Denken, weil sie sofort an irgendwelche Geschichten denken, die man eigentlich nur aus der Geschichte kennt. So Geschichten von früher halt. Da reiten die dann drauf herum, diese zwänglerischen Zeitgenossen, und nerven einen dermaßen mit ihrem Getue von damals, dass man sie am liebsten auf der Stelle, na ja, sagen wir, wie's ist: zwangsbehandeln würde, aber so etwas darf man ja heutzutage nicht mehr einfach so zwanglos sagen.

Aber tun, tun darf man es zumindest wieder! Also, was heißt wieder, das klingt schon wieder nach sich wiederholender Geschichte, und genau dieser Eindruck sollte ja vermieden werden. Also lassen wir das wieder einfach weg und sagen, wie's ist: Seit gestern abend geht das mit der Zwangsbehandlung wieder voll in Ordnung. Halt, jetzt ist uns das wieder schon wieder rausgerutscht, das müssen wir noch üben, weil, es soll ja keiner auf die wahnhafte Idee kommen, dass sich da womöglich irgend etwas wiederholt. Also nochmal, pannenfrei: Seit gestern abend ist die Zwangsbehandlung psychisch Kranker und geistig Behinderter in trockenen Gesetzestüchern.

Selbstverständlich nur in Ausnahmefällen, damit das klar ist! Also nur in absoluten Notfällen, wenn die absolute Sicherheit bedroht ist, also die Sicherheit des Kranken oder die seines Umfeldes oder die Sicherheit des S......, na ja, lassen wir das. Jedenfalls haben wir exakt definiert, was unter einem "Notfall" zu verstehen ist, nämlich:
"wenn es anders gar nicht geht"
Und damit auch dem letzten Zwängler, eh, Zweifler klar wird, in welchen Ausnahmenotfällen die Zwangsbehandlungsmaßnahmen zum Einsatz kommen werden, haben wir sicherheitshalber und hinreichend präzise hinzugefügt:
"lediglich als allerletztes Mittel"
Sehen Sie, da kann man doch ganz zwanglos drüber sprechen und muss nicht gleich rot sehen oder schwarz oder weiß der Henker, mit welchen Farben Sie das Thema Zwangsbehandlung assoziieren. Kommen Sie mal runter von ihrem ewiggestrigen Zwangstrip, sonst kriegen Sie demnächst ein unauffälliges Pharma-Zwangsjäckchen verpasst! Wo doch wir, die Macher, also die Gesetzesmacher, das heikle Thema strikt hinter Schloss und Riegel abwickeln wollen und weitergehenden Forderungen:
"Weitergehende Forderungen aus den Landesregierungen, eine Zwangsbehandlung auch ambulant durchführen zu können, seien zurückgewiesen worden." 
- verantwortungsbewusst wie wir sind - einen Riegel vorgeschoben haben. Reicht doch völlig aus, das ganze Ding hinter dicken Klinikmauern durchzuziehen. Weil, von wegen ambulant, viel zu riskant, da haben wir ja gleich wieder die Öffentlichkeit am Hals. Oops. Ist uns doch glatt schon wieder ein wieder rausgerutscht. Soll nicht wieder vorkommen.

Ach so, ja, da war noch die Sache mit der kreativen Wortfindung. Zunächst dachten wir ja an so etwas à la "Fürsorgepflichtbewusstsein" oder "Schutz menschlichen Lebens" - aber da hätten uns die Paranoiker ja gleich die Tür eingerannt, noch bevor wir sie ..., Sie wissen schon. Also haben wir uns ein wenig umgesehen auf dem weiten Terrain der zeitgenössischen Zwangsbehandlung und wie sich der Sachverhalt geschmeidig umformulieren ließe. Sie glauben gar nicht, wie inspirierend so ein Streifzug durch die Jetztzeit ist! Gucken Sie mal, was wir gefunden haben.

Na bitte, geht doch. Ab sofort sprechen wir nur noch von: Rettungsmaßnahmen.