Donnerstag, 10. Oktober 2013

Backofengeschichten


Es war einmal im frühen 21. Jahrhundert, da gingen Hänsel und Gretel auf eine Demo.

Wofür oder wogegen hatten sie vergessen. Das kam daher, dass sie beide ziemlich benebelt waren, was daher kam, dass sie bereits vor der Startkundgebung eine gezielte Ladung Skunk Spray aus einem herumstehenden Wasserwerfer abbekommen hatten. Mitten ins Gesicht. Speiübel war ihnen davon geworden, und gestunken haben sie von oben bis unten wie, na ja, wie zwei Stinktiere halt, drum heißt das Zeug ja auch Skunk Spray.

Die Polizei sagt, das Skunk Spray sei deshalb so supereffektiv bei Demos, weil der bestialische Gestank (nach Schweinejauche hoch drei plus in Pferdepisse gereiften XXL-Fäulnisbakterien) nicht wegzuwaschen geht und in den Klamotten jahrelang hängenbleibt, quasi als Erinnerung, damit den Leuten auf lange Sicht das Demonstrieren vergeht. Andererseits, sagt die Polizei, sei diese Jauchebrühe eine völlig ungefährliche, jedenfalls keine tödliche Waffe und bestünde aus lauter natürlich-organischen Wirkstoffen wie Hefe und Backpulver. Sehr nachhaltig, lobt die Polizei, ganz tolles Zeug.

Hänsel und Gretel ließen sich jedoch nicht beirren und liefen - tapfer stinkend - bei der Demo mit, was nicht weiter auffiel, denn fast alle anderen Demonstranten stanken genauso brutal; das Skunk Spray war nämlich flächendeckend vor Beginn der Demo versprüht worden, "vorbeugend", laut polizeilicher Durchsage, damit keiner auf blöde Gedanken kommt. Man weiß ja nie, was diesen Straßenterroristen so einfällt, meint die Polizei, und wer nicht hören will, der muss eben stinken.

Mensch, Hänsel, guck mal da, sagte Gretel -


- sind das etwa diese Straßenterroristen? Quatsch, antwortete Hänsel, das sind Polizisten, die Straßenterroristen bekämpfen. Weil, erklärte Hänsel, die Polizei befürchtet, dass die Demonstranten Waffen und Sprengstoff mit sich führen, und dagegen müsste sie, die Polizei, sich schützen.

Wie, Sprengst...? wollte Gretel gerade fragen, aber da war es schon passiert: Sie war auf etwas Komisches getreten, es gab ein explosionsartiges Geräusch und mit einem Schlag flogen ihr lauter kleine Hartgummikugeln um die Ohren. Um ein Haar wäre der Gretel eine der Kugeln ins Auge geschossen, wäre sie nicht blitzschnell zur Seite gesprungen; dafür waren ihre Beine jetzt übersät mit schmerzhaften Prellungen. Musst halt besser aufpassen, riet Hänsel, du weißt doch, dass die Polizei jetzt bei Demos immer diese gut getarnten kleinen Landminen auslegt. Um sich vor Straßenterroristen zu schützen? fragte Gretel, dem Hänsel hinterherhumpelnd. Ja klar, meinte Hänsel, das haben sie im Krieg gegen Irak gelernt und nennen das Programm "Von fernen Schlachtfeldern auf heimische Straßen".

Aha, schnaubte Gretel, Landminen - bestimmt auch supereffektiv bei Demos, und völlig ungefährlich, oder? Na ja, erwiderte Hänsel, jedenfalls keine tödliche Waffe, behauptet die Polizei. Wegen den Gummigeschossen. Ist ja kein Sprengstoff, verstehst du? Kein Sprengstoff - kein Thema! zischte Gretel, nur dass mir das Gummiteil eben fast das Auge rausgeschossen hat! Ja freilich, gab Hänsel zurück, genau so ist das ja gemeint mit "keine tödliche Waffe": Sie schießen dir ein Auge raus und sagen, mit dem zweiten siehst du immer noch
g-g-gut g-g-genug.

Was ist los, Hänsel, wieso stotterst du plötzlich? fragte Gretel besorgt, du zitterst ja am ganzen Leib? M-m-mist, sie haben mich erw-w-wischt, stammelte Hänsel und zeigte schlotternd auf einen Polizisten, der gerade seine Knarre im Halfter verstaute: eine Taser-Schrotflinte, eigens zum Schutz der Polizei vor Straßenterroristen entwickelt, bestückt mit supereffektiver Elektroschocker-Kleinstmunition und jedenfalls keine tödliche Waffe.

Noch leben wir, ermunterte die humpelnde Gretel, während sie den zähneklappernden Hänsel beim Weiterdemonstrieren stützte. Ein paar Meter weiter sahen die beiden, wie einige verhaftete Demonstranten in Handschellen zu einem gepanzerten, fensterlosen Großfahrzeug geführt wurden und dabei in merkwürdige Zuckungen verfielen. Das sind ...
T-t-taser-Handschellen, stieß Hänsel mühsam hervor, 80.000 V-v-volt drauf, w-w-weißt du, aber j-j-jedenfalls ... Jedenfalls keine tödlichen Waffen, wolltest du sagen? ergänzte Gretel. Mhm-m-m, nickte Hänsel, und s-s-s ... Schon klar, winkte Gretel ab, und supereffektiv.

Nach einigen hundert Metern mühseligen, humpelnden, schlotternden Demonstrierens blieben Hänsel und Gretel plötzlich wie angewurzelt stehen. Ihre Gesichter erstarrten vor Schreck. Riechst du was? fragte Hänsel panisch. Und ob ich was rieche, antwortete die leichenblasse Gretel, das riecht wie, wie, oh nein, das darf nicht wahr sein, das riecht wie ... Beide erinnerten sich an längst vergangene Zeiten. Argwöhnisch schnüffelte Hänsel: Musst du auch an den alten Backofen denken, du weißt schon, dieser Backofen, in dem wir beide ...? Gretel zitterte wie Espenlaub: Aber solche alten Backöfen gibt es doch heute gar nicht mehr, wieso riecht es dann so nach ... nach ..., bis Hänsel es schließlich aussprach: Ich rieche, rieche Menschenfleisch!

Gretel hatte recht: kein Backofen weit und breit, stattdessen hochmoderne Open-air-"aktive Mikrowellenwaffen", installiert auf gepanzerten Kampffahrzeugen. Damit wollen sie uns rösten, ächzte Gretel, genau wie damals im Backofen! Nicht ganz, schnappte Hänsel nach Luft, nicht ganz, mit der Mikrowelle geht das viel schneller, da hast du ruckzuck Verbrennungen auf der ganzen Haut, dagegen war es in unserem ollen Backofen ja richtig gemütlich, aber diese mikrowelligen Hitzekanonen dort, die sind im Vergleich, die sind ja ... Weiß Bescheid, sagte Gretel, die sind supereffektiv, und außerdem ... Hänsel unterbrach sie misstrauisch: ... keine tödlichen Waffen?

Auf gar keinen Fall, trumpfte Gretel auf, die Hitzekanonen sind doch nicht zum Töten gedacht! Ach, fragte Hänsel skeptisch, wozu dann? Schließlich wurden die auch in Afghanistan eingesetzt! Aber doch nicht zum Töten, klärte Gretel ihn auf. Sondern? wollte Hänsel wissen. Na, zum Foltern, konterte Gretel, deshalb haben sie die Dinger ja ganz schnell wieder aus Afghanistan abgezogen, aus politischen Gründen, damit niemand den USA vorwerfen kann, sie würden in ihren Kriegen Foltertechnologie einsetzen.

Aber im Krieg gegen die eigene Bevölkerung dürfen sie foltern? konstatierte Hänsel. Nö, eigentlich nicht, entgegnete Gretel. Hänsel blieb hartnäckig: Und uneigentlich? Tun sie es trotzdem, sagte Gretel, nur, sie geben dem neumodischen Folterbackofen halt einen anderen Namen. Sie verwandeln ihn in ein legendenumwobenes Behältnis, dem wundersame Macht zugeschrieben wird. Macht über was? fragte Hänsel begriffsstutzig, über Menschen? Über Menschenansammlungen, korrigierte Gretel, weißt du, wie sie den Open-air-Mikrowellenbomber nennen? Hänsel wurde immer neugieriger: Sag's endlich! Und Gretel antwortete:

Der "Heilige Gral des Crowdmanagements"
("Holy Grail of Riot Control"):



Kommentare:

  1. Tja, so läuft das eben, wenn man meint, seine "Freiheitsrechte" in Anspruch nehmen zu wollen - denn dazu sind die gar nicht da.

    Die Freiheit beschränkt sich nämlich hierzulande auf's "Mitmachen dürfen", wobei das "Dürfen" zum "Müssen" mutiert. Wie beim "Wahl-Recht", welches eine "Pflicht" ist.

    Eine Gesellschaft der euphemistischen Phrasen, in der man sich mit Begrifflichkeiten zufrieden gibt. Man muss die Freiheit halt eben nur auf ein Blatt Papier kritzeln, schon hat man eine. :)

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  2. Gerade wurde ein aktueller Report des INCLO (International Network of Civil Liberties Organizations) veröffentlicht: „Take Back the Streets: Repression and Criminalization of Protest Around the World“, der die zunehmende Militarisierung der Polizei in einen globalen Kontext stellt (Massenproteste in Ägypten, Türkei, Brasilien, Südeuropa, Occupy etc.). Sehr informativer Bericht darüber hier, mit Video inklusive Transkript, und vertiefende Hintergrundinformation zum obigen Artikel, der eher so aus der Hüfte geschossen kam, nachdem ich das rt-Video (am Ende des Artikels) gesehen hatte.

    Nicht wirklich beruhigend ist in diesem Zusammenhang auch der Umstand, dass immer mehr kriegserprobte Soldaten auf der ganzen Welt von ihren Übersee-Missionen in ihre Heimatländer zurückkehren; Soldaten, die auf Kriegsführung gegen Aufständische in Städten spezialisiert sind und sich bestens integrieren lassen in eine militärisch hochgerüstete Polizei (gern auch in Söldnertruppen à la Blackwater).

    The Empire strikes back? Take back the streets!

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  3. @Mikrowellenwaffen

    absolut ungefährlich - aber wenn der Strahl ins Auge geht, dann ist das Auge [halt!] verloren...

    jedenfalls dürfen sich US-Demonstranten als auserwählte Ersttester geehrt fühlen, immerhin wurde für sie sogar der Einsatz in Baghdad vergezögert.

    ich meine aber, auch GIs wurden beim Einsatz der Dinger schwer verletzt (...?), find auf die Schnelle aber keinen Link

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    1. "... auch GIs wurden beim Einsatz der Dinger schwer verletzt", - eben drum, sag ich doch, die supereffektive Schutzkleidung für die riot police, siehe Abbildung im Artikel. Weil, bei angemessener Schutzkleidung wirken die Mikrowellenwaffen ... "jedenfalls nicht tödlich"!

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    2. pass auf, der nächste Schritt wird sein:
      wenn Demonstranten ohne Schutz-Bewaffnung ... äh, diesmal -Kleidung ... auf ne Demo gehn, waren sie "fahrlässig" & selbst schuld

      mit solchen "Polizei"kräften braucht man sich über "BW im Innern" jedenfalls keine Gedanken mehr zu machen...

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    3. Die Klage von XY wg schwerer Körperverletzung, sowie sein Antrag auf Schmerzensgeld wg verlorenem Augenlicht und Brandwunden 4. Grades im Gesicht werden abgewiesen.

      Begründung:
      Die Beamten mussten erfahrungsgemäß als selbstverständlich voraussetzen, daß die beteiligten Demonstranten schwer schutzbewaffnet waren, und dies beim Einsatz des Mikrowellen-Wirkmittels entsprechend berücksichtigen.

      Der Kläger gibt an, nicht schutzbewaffnet gewesen zu sein ... blabla ...
      Tatsächlich wurde dagegen aber festgestellt, daß der Kläger seinen Angaben zu wider schutzbewaffnet war.
      Er war zur Tatzeit mit Vermummungsmittel und Schutzwaffe der Sorte "Unterhemd, Feinripp" bewaffnet.
      Das Verstecken dieser unter seiner Kleidung am Oberkörper deutet klar auf seine böswilligen Absichten.

      Das vorsätzliche Unterlassen des Einsatzes dieser Schutzwaffe unter gegebenen Umständen kann nur darauf abgezielt haben, die Beamten zu provozieren und in heimtückischer Absicht zu überlisten.

      Der StA wird angewiesen, gg den Kläger ein Ermittlungsverfahren wg 1. Beihilfe zur schweren Körperverletzung, 2. Widerstand gg Vollstreckungsmaßnahmen und 3. falscher Verdächtigung einzuleiten.

      Im Namen des Volkes
      etc pp

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    4. "Ohne Schutzbewaffnung = fahrlässig und selber schuld", wenn du einen übergebraten kriegst; mit Schutzbewaffnung = erst recht selber schuld, wenn du einen übergebraten kriegst, denn dann hast du es ja herausgefordert, also nicht anders verdient.

      Klassischer double bind, Zweck der Übung: Abschreckung, Empfehlung: am besten an gar keiner Demo mehr teilzunehmen.

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    5. ... und am allerbesten: gar nicht erst auf die Idee zu kommen, an einer Demo teilzunehmen. Kennst du den Film ‚Minority Report‘, wo ein Polizeibeamter die Aufgabe hat, Leute einzusperren, noch bevor die überhaupt auf die Idee kamen, eventuell ein Verbrechen zu begehen? In der Türkei wird grade ein Fortsetzungsfilm gedreht, real life: Dort winken sie ein Gesetz durch, wonach Leute verhaftet werden dürfen (sollen, müssen), von denen das Risiko ausgeht, dass sie auf die Idee kommen könnten zu protestieren („risk of conducting a protest“).

      Ebenso werden Organisationen, die zu Demonstrationen neigen („tend to hold protests“), überwacht, und ihre Mitglieder können verhaftet werden, wenn Geheimdienste zu dem Schluss kommen, dass sie möglicherweise eine Demonstration planen. Selbstverständlich ohne richterlichen Beschluss. Dauer des Arrests: 12 bis 24 Stunden, kann „auf Wunsch verlängert“ werden. Ab sofort also Schutzhaft - bestimmt finden sie dafür noch eine geschmeidige Umschreibung.

      Zeigt exemplarisch, wie Überwachungs- und Polizeistaat sich gegenseitig die Klinke in die Hand geben. Und ist natürlich, gemessen an dem Kostenaufwand, den die zunehmende Bewaffnung der Polizei zur Unterdrückung von Protesten verursacht, enorm ressourcensparend.

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  4. der 4. Absatz hätte eigtl übrigens heißen müssen:
    "das vorsätzliche Unterlassen des Klägers, seine Schutzbewaffnung Sorte "Feinripp" anzulegen, geschah klar in der Absicht, die Ordnungskräfte in erpresserischer Weise am Einsatz des Wirkmittels Mikrowelle zu hindern..."
    dementsprechend muß natürlich auch "Nötigung" dazu kommen, die med. Behandlung ist selbstverständlich privat zu zahlen...

    das kommt davon, wenn man solche Kunstwerke in Eile verfasst... ein Frevel!! ;)
    ______

    ne, ohne Spaß...
    ich bin ja eigtl kein besonderer Freund von Nazi-Vergleichen - aber was hier mittlerweile abgeht ...

    die Türkei war zwar noch nie besonders zimperlich - z.B. im Umgang mit Journalisten, die den 'tiefen Staat' & und/oder seine Verbindungen zur "türk. 'Hizbullah'" berührten - aber das ist schon ein besonderer Level.

    vllt weißt du es, aber ein ähnliches Gesetz gibt's auch in Frankreich - wenn auch nicht Demonstranten, sondern "nur" Terror®-Verdächtige betreffend.
    Verdächtige, wohlgemerkt ... dürfen dort aber auch vorbeugend eingesperrt werden (wie befristet...? jedenfalls ist das Maß hier nicht Std sondern Jahre).

    das Spezielle dabei:
    die Hinweise dafür kommen auch mal vom Geheimdienst - und sind dann so geheim, daß nicht mal Verteidiger(!) Zugang zu den "Beweisen" bekommen, u.U. also nicht mal erfahren, warum der Mandant überhaupt sitzt...
    siehe z.B. "Adlene Hicheur"

    (eine sehr gute Arte-Doku zu den Anti-Terror-Gesetzen)

    aber wie man sieht - schlimmer geht doch wirklich immer...

    das Schlimmste MMN: seit GTMO läuft hier, Schritt für Schritt, ein schleichender Gewöhnungsprozeß ... die Richtung ist klar, und kein Ende in Sicht :(

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    1. "ein schleichender Gewöhnungsprozeß"

      Ja. Das ist das Schlimmste, du hast recht. Und das Allerschlimmste ist: bei sich selbst solche Gewöhnungsprozesse festzustellen, solche Anwandlungen von Abstumpfen in Zynismus und Abgebrühtsein, von "alles kalter Kaffee", "alles nix Neues", "es wundert einen nichts mehr", "so what?" etc. Manchmal erschreckt mich das fast zu Tode, wenn ich merke, wie ich zögere, über etwas zu bloggen, was irgendwie bereits zum Alltag zu gehören und keinen mehr vom Hocker zu reißen scheint. Deshalb taucht unter vielen meiner aktuelleren Posts oft das Label 'Gewöhnung' auf: Für mich ist das wie ein ständiges Mir-selbst-in-den-Hintern-treten - ich will mich partout nicht gewöhnen und merke doch, wie dieser Gewöhnungsprozess seinen Lauf nimmt. Es hat etwas Beängstigendes.

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    2. ohne zu lügen, in dem Sinne hab ich das Label auch vestanden.
      aber man muß sich echt Mühe geben daß das nicht passiert, weil dann hätten "sie" echt gewonnen...
      Was "schon immer" so war, wird nicht mehr hinterfragt - weil halt "normal"

      hört sich zwar leicht kitschig an, passt hier aber wirklich, also frei nach M.N.:
      Als sie die Terroristen® holten, ...
      Als sie die Demonstranten einsperrten, ...
      Als wir dran waren, war's schon so gewohnt...


      ...von daher: weiter so !! ... und auf keinen Fall dran gewöhnen! ;)

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