Donnerstag, 3. Oktober 2013

Mit aller Härte unter strengsten Auflagen


Die Ereignisse in Griechenland überschlagen sich. Gebannt hält man den Atem an. Was kommt als nächstes?

Gnadenlos bekämpfen werde er sie, die Faschisten, sie mit Stumpf und Stiel ausrotten, keinen von Golden Dawn gehämmerten Stein auf dem anderen lassen. Seine Regierung sei fest gewillt, "den Extremismus zu zerschlagen" und "die Parteiführung von Golden Dawn hinter Schloss und Riegel zu bringen".

Also sprach die neue Lichtgestalt des aufrechten Antifaschismus, der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras. Kaum war er fertig mit seiner kraftmeierischen Ich-bin-euer-starker-Mann-Rhetorik, wurden drei der inhaftierten Golden-Dawn-Granden auch schon wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegen Kaution, versteht sich, weil, wie sieht das denn sonst aus. Und - ganz wichtig! - unter strengen Auflagen: Keiner der drei darf das Land verlassen. Fluchtgefahr bestünde, laut Gerichtsbeschluss, keine.

Das ist großartig. Das ist etwa so, wie wenn ich beim nächtlichen Einbruch in eine Bäckerei (weil dort der Pflaumenkuchen so lecker ist) erwischt, kurzzeitig eingesperrt und ruckzuck wieder auf freien Fuß gesetzt werde unter der strengen Auflage, ich dürfe keinesfalls die Bäckerei verlassen. Herz, du pflaumenkuchenverfressenes, was willst du mehr? Fluchtgefahr, ich schwöre es, bestünde absolut keine, solange der Bäcker mir jede Nacht ein Blech mit frischgebackenen Pflaumenkuchen hinterlässt.

Ebenfalls beschwören möchte ich, dass es bei unzähligen in Griechenland lebenden Menschen bestimmt mördergut ankommt, wenn ein festgenommener GD-Faschist nach dem anderen sich wieder frei auf den Straßen und Marktplätzen des Landes bewegen darf. Wohlgemerkt, innerhalb der Grenzen dieses Landes. Obwohl es den Migranten, Prostituierten, Homosexuellen, antifaschistischen Rappern und politisch Andersdenkenden garantiert noch lieber wäre, wenn sämtliche minderheitenverfolgende Faschisten aus dem Land rausgeschmissen würden. Na ja, Unschuldsvermutung and all that jazz, schon gut - nur wüsste man für sein Leben gern, was ein unschuldiger Polit-Rapper zu der mysteriös-großzügigen Freilassung der Hintermänner seiner Ermordung sagen würde. Geht aber leider nicht, denn der unschuldige Rapper wurde ja abgestochen und kann sich daher nicht mehr äußern. Dumm gelaufen. Für Killah P.

Es kommt aber noch besser. Also, härter, oder vielmehr: strenger. Die zweifellos strengste Auflage, unter der die (mit Stumpf und Stiel ausgerotteten) Faschisten wieder frei im Land herumspazieren dürfen, besteht darin, dass sie sich einmal im Monat an offizieller Stelle melden müssen. An offizieller was? Jetzt bitte gut festhalten, am besten anschnallen, sonst brichst du vor hysterischem Gelächter zusammen: Monatlich sind die nicht überführten, wenn auch nach wie vor verdächtigten Golden-Dawn-VIPs gesetzlich verpflichtet, sich bei einer Polizeistation zu melden.

Yo bro, bei einer Polizeistation! Der Brüller schlechthin. Das ist etwa so ein Brüller, wie wenn ich, des Pflaumenkuchenraubes verdächtigt, wenn auch nicht überführt, die Pflaumenkuchenbäckerei nur noch einmal im Monat verlassen darf, um mich bei der staatlichen Pflaumenkuchenräuber-Gewerkschaft zu melden. Klar kriegst du von uns einen Meldestempel, sagen die Kumpels von der Gewerkschaft, aber nur - strenge Auflage! - wenn wir im Gegenzug von deinem nächsten geklauten Pflaumenkuchen die Hälfte abkriegen, ist das ein Deal? Yo, bro. Nieder mit dem Pflaumenkuchenextremismus. So geht das.

Was kommt als nächstes? Wo es doch der griechischen Regierung ein Herzensanliegen ist, "den Extremismus zu zerschlagen"? Kein Grund die Luft anzuhalten, denn einer der Hintermänner der Samaras-Regierung hat seinem Herzen bereits Luft gemacht und sein Gewehr in Stellung gebracht:
Die Spannungen zwischen SYRIZA und der konservativen Nea Demokratia nahmen am Dienstag zu, nachdem Failos Kranidiotis, ein Rechtsanwalt - bekannt als enger Berater von Ministerpräsident Antonis Samaras - auf Facebook verlautete, er werde "sich seine 'Kugeln' aufbewahren für den wirklichen Feind," gemeint als Hinweis auf die linken Kräfte (in Griechenland). Mit dieser Aussage reagierte Kranidiotis auf kritische Stimmen, die ihm das Versäumnis vorwarfen, die Aktivitäten von Golden Dawn zu verurteilen.
"Den Extremismus zerschlagen", jawohl, so geht das. Von welchem Extremismus war gleich nochmal die Rede? Ist doch egal, ließ Evangelos Venizelos (PASOK, stellvertretender Ministerpräsident im Kabinett von Samaras) vorgestern verlauten, Extremismus ist, wenn jemand anderer Meinung ist als wir, die Regierung:
Evangelos Venizelos: Jeder, der gegen unsere Bailout-Politik ist, ist gleichbedeutend ("equivalent of") mit Golden Dawn.
Verstanden? Wer gegen Bankenrettung, Kürzungsorgien, Kahlschlag, Verarmung, Verelendung und das damit einhergehende Erstarken faschistischer Tendenzen ist, der ist - nun ja, ein Faschist. Oder meinetwegen ein Äquivalent zum Faschismus. Damit dürfte klar sein, wer eigentlich auf der Abschussliste der Regierung steht:
Tsipras: Austerity is killing Europe
- so die extremistische Meinung des griechischen Oppositionsführers und SYRIZA-Parteivorsitzenden Alex Tsipras, mit der er sich vorgestern in Brüssel gegen die Bailout-Politik der Regierung und damit eindeutig auf Venizelos' Abschussliste positionierte.

Damit dürfte die Jagdsaison eröffnet sein.

Die Jagd auf sämtliche regierungskritischen, antifaschistischen Menschen in Griechenland (Video): Sind das nicht alles lauter zweibeinige Äquivalente zum Faschismus? Doch, ohne Frage.
Sage ich mal so als Pflaumenkuchen-Nazi.



Kommentare:

  1. Neulich kommentieret hier mal jemand, der sate, dass er immer schlechte Laune kriegt, wenn er in deinem Blog liest. Geht mir genauso.
    Weil das alles viel zu schrecklich ist um wahr zu sein, und aber doch bedauerlicherweise sowas von wahr ist, dass man als vernünftiger Mensch am liebsten den Revolver durchladen und zum Russisch Roulette ansetzen würde.

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    1. Kurioserweise hab ich nach dem Schreiben meiner Blogartikel immer sehr viel bessere Laune als vor dem Schreiben. Ihr hingegen kriegt beim Lesen meines Blogs schlechtere Laune als vor dem Lesen? Weia - ein prekärer Fall von Symptomaustausch, glaube ich, aus Sicht der Kliniker. Tut mir echt leid, ich mach das aber - ehrlich! - nicht mit Absicht. Weil, im Prinzip ist das Schreiben für mich so eine Art sublimierter Triebabfuhr: Hinterher geht's mir immer besser als vorher. Jessas na, vielleicht sollte ich mal auf die Bloggercouch?

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  2. Ach was! Mit dir scheint alles zu stimmen.
    Der Überbringer von Hiobsbotschaften ist doch häufig ganz unbeschwert. Außerdem hast du ja den Erstschock bereits hinter dir, wenn du uns die Kunde, in deiner dir eigenen, sehr lesenswerten und heiteren Art, überbringst. Wir müssen das dann erstmal verdauen, und weil es eisemharte Kost ist, bringt mich das jedes Mal auf die Roulette-Idee.
    Rate mal, wie es denen geht, denen ich das dann erzähle, nachdem ich mich wieder erholt habe.

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    1. Wie wäre es, den Revolver von dir weg zu halten und die Roulette-Option zu streichen?
      Immer diese Masochisten...

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    2. @R@iner
      Gute idee. Wenn es denn die Richtigen treffen würde. :)

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  3. Falls es denn zur Senkung der schlechten Laune beiträgt ...
    ~~~
    Passend zu Carlos Latuf's Karikatur über Samaras als neue "Lichtgestalt des Antifaschismus", und wie es in der Pflaumenkuchenräuber-Gewerkschaft so vor sich geht, ist diese Karikatur von Vangelis Papavasileiou auch nicht von schlechten Eltern.
    Bitterböse ist ebenfalls seine Karikatur vom 1.Oktober.
    [ siehe → ΕΥΠ | → NOMIMOTHTA ]
    ~~~
    ... & von weiteren Verlinkungen will ich das Kommentariat heute mal verschonen.

    Jessas na, vielleicht sollte ich mal auf die Bloggercouch?
    Δεν πειράζει!
    Und außerdem ist kein Platz mehr, da drängeln sich einige Kollegen aus der Nachbarschaft schon zu Hauf. :~)

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  4. @tikerscherk
    "Rate mal, wie es denen geht, denen ich das dann erzähle, nachdem ich mich wieder erholt habe."
    Lass mich raten: Die kriegen eine Scheißlaune, oder? Und Du - sitzt dann wieder zwitschernd auf der Gardinenstange? So läuft das mit dem Symptomaustausch, he he :)

    @Mitzerl
    Immer her mit den Gute-Laune-Dröhnungen, bitte, ein böser Cartoon hat mir schon oft den versauten Tag gerettet.

    Und überhaupt:

    "Wer lacht und singt, gehört in Therapie."
    (Alfred Adler)

    Kann man so stehen lassen, oder?

    chachacha.

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