Dienstag, 21. Mai 2013
Wohin mit dem ganzen Müll?
Allmählich bahnen sich Lösungen an.
Saubere, endgültige Lösungen mit einem für alle klar verständlichen, eindeutigen Schlusstrich: Lösungen, die radikal Schluss machen mit den lästigen Problemen von Armut, Alter, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit. Endlösungen eben.
Die magische Formel heißt: Macht sie alle zu Kriminellen!
Wie das gehen soll? Ganz einfach: durch neue Gesetze. Radikale Lösungen erfordern nun mal radikale Gesetzesentwürfe, und sind die erst mal in Papier gegossen, lösen sich die lästigen Probleme wie von selbst.
Der neueste Hit zur großflächigen Verbrechensbekämpfung - hier: Verfolgung antisozialer Kleinkrimineller - nennt sich Anti-Social Behaviour, Crime and Policing Bill, kommt aus Großbritannien und reißt die strafrechtliche Deutungshoheit an sich über alles, was im öffentlichen Raum so kreucht, fleucht, flucht, krakeelt und herumlungert. Vorzugsweise im Visier: auf der Straße abhängende, meist arbeitslose Jugendliche. Ganz besonders auf dem Kieker:
auf der Straße lebende, da obdachlose Menschen.
Dass es sich dabei um nichts als antisoziales Pack handelt, war eh schon die ganze Zeit klar, aber nun kann endlich juristisch reiner Tisch und die sozial auffällige Zielgruppe unschädlich gemacht werden, denn von nun an gilt per Strafgesetz die Gleichung: antisozial = kriminell. Verhaften, abführen, einbuchten, fertig. Problem gelöst. Hauptsache weg. Am besten mithilfe nächtlicher Polizeistreifen sowie geeigneter Einsatzfahrzeuge - ich stelle mir PS-starke, schußsichere Kombis vor mit großen, geräumigen fensterlosen Anhängern, so ähnlich wie die Dinger, die man von Vieh-Massentransporten kennt. Na gut, nicht bloß von Vieh-Massentransporten.
Ein großes Fassungsvermögen müssen diese Transportanhänger schon deshalb haben, weil ja die Kriminalitätsrate stetig steigt, weil ja immer mehr Menschen auf der Straße leben, weil ja immer mehr obdachlos werden, weil ja immer mehr sich die Wohnungsmieten nicht mehr leisten können, weil ja immer mehr - infolge bedroom tax und gekürzten Sozialbudgets - immer weniger Geld verfügbar und außerdem immer weniger einen Job haben. Logisch, oder? Also her mit den Viehkarren.
Wer das unlogisch findet, hat sich mit der Logik der britischen Regierung noch nicht hinlänglich vertraut gemacht. Deren Logik geht so: Im ersten Schritt schaffen wir Obdachlosigkeit, im zweiten kriminalisieren wir sie. Oder, etwas langsamer zum Mitschreiben: Im ersten Schritt besteuern wir eure Wohnungen, vertreiben euch - zweitens - so aus euren Wohnungen, zwingen euch - drittens - auf die Straße, stellen ferner - viertens - sicher, dass es keine Jobs gibt, ziehen - fünftens - ein neues Gesetz aus der Tasche, mithilfe dessen wir Obdachlosigkeit als antisozial und - siebtens - infolgedessen als illegal definieren.
Ach so, fast vergessen: Wir erklären - achtens - , das neue Endlösungsgesetz diene ausschließlich dem Schutz und der Sicherheit der Bevölkerung - also, der restlichen, noch verbliebenen, naturgemäß immer kleiner werdenden Bevölkerung, die sich aus lauter Angst vor Kriminalisierung schon nicht mehr auf die öffentlichen Plätze traut - und haben schließlich das, was uns schon immer vorschwebte: einen sauberen, sicheren, menschenleeren öffentlichen Raum. Können wir jetzt bitte endlich die erforderlichen Einsatzfahrzeuge für den Massenabtransport bestellen? Wo? Na dort, wo wir kürzlich - Stichwort: sauberer, menschenleerer öffentlicher Raum - auch diese hypermodernen Wasserwerfer bestellt und geliefert bekommen haben. Weil, dort haben sie das Knowhow, ehrlich, die wissen aus Erfahrung, wie's geht.
Wobei, muss man sagen, (im Vergleich mit den britischen) die amerikanischen Behörden mit der Kriminalisierung ihrer Obdachlosen wesentlich geschmeidiger verfahren, oder sagen wir mal: pragmatischer. The culture of the Wild West, you know. Die brauchen nicht groß irgendwelche neuen Gesetze und darum auch keine Viehkarren. Die verfrachten kurzerhand die obdachlosen Menschen von Detroit in ihre Streifenfahrzeuge, fahren sie bis weit über die Stadtgrenze, setzen sie dort aus, knöpfen ihnen sicherheitshalber vorher das eventuell vorhandene Kleingeld ab - könnten sich ja sonst in den Bus setzen und zurück in die City fahren -, haben einen Riesenspass dabei und nennen das ganze Transportunternehmen
"We take them for a ride", auf deutsch: Wir machen mit ihnen eine Spazierfahrt. So eine Gaudi! Ach ja, übrigens gibt es für We take them for a ride noch eine Slangübersetzung, die lautet: Wir verarschen sie nach Strich und Faden. Selten so gelacht auf nächtlichen Streifen in Detroit.
Okay. Das mit der Kriminalisierung der Obdachlosen wäre gebongt. Das mit dem Abtransport auch. Bis die Arbeitslosen ebenfalls per Gesetz zu Verbrechern abgestempelt und abtransportiert werden, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Weil, wenn das Gesamtkonzept erst mal greift - da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf!
Ich sage nur: Lager für die Armen und Obdachlosen, schön mit Stacheldraht und Hochspannungszaun, man muss es ja nicht KZ nennen, da fällt uns zu Tarnzwecken schon was Griffigeres ein, wie wär's mit, ähm, Sonderwohnbezirken? Asylstätten? Schutzräumen? Herbergsunterkünften? Oder vielleicht Ghettos? Na ja, Ghettos, vielleicht ein bisschen belastet der Begriff, dann doch eher so was wie Umerziehungsunterkunft. Oder Zwischeninternierung. Oder Sammellager. Oder ganz einfach: Durchgangslager! Das rockt! Durchgangslager dienen ja bekanntlich dem Zusammenstellen von Transporten von ca. 1.000 (über die Richtwerte hat man sich noch nicht geeinigt) Gefangenen. Transport wohin? Ist doch egal, Mensch, Hauptsache weg, aus den Augen, aus dem Sinn, maßgeblich sind die Vernichtungskapazitäten im Endlager, oops!, das ist uns jetzt so rausgerutscht, wollten wir eigentlich nicht so drastisch formulieren, aber gut.
Wenn da nur nicht das leidige Problem mit den Kosten wäre! Weil, so eine komfortable nationale Beherbergungsstättenkultur, die stampft man ja auch nicht von heute auf morgen aus dem Boden, das dauert seine Zeit, und dann die Kosten! Die Kosten, die so eine Infrastruktur verursacht! Jenes Land mit den hypermodernen Wasserwerfern hat es da besser, weil, also, die Infrastruktur ist ja dort vorhanden, im Prinzip jedenfalls. Gut, gegenwärtig haben die ihre ollen Lager zu Museen umdesigned, zumindest vorübergehend, aber da geht noch was, ohne Frage, denn immerhin, das ganze Schienennetz und die Straßen, alles vorhanden bei denen, also, das hat schon was.
Wie gesagt: Wir bleiben dran. Wir arbeiten konsequent an Entsorgungskonzepten für menschlichen Müll. Insbesondere denjenigen, den wir selbst produziert haben. Und sollte das mit den Lagern zu teuer kommen, bleiben uns immer noch alternative, sprich: effizientere Optionen.
Weil, vom Wasserwerferland lernen heißt siegen lernen.
Freitag, 17. Mai 2013
Gekonnt gekontert
Wow. Wenn ich etwas liebe, dann ein wohlplaziertes cooles Kontra. Ein scharfes, scharfzüngiges, unerbittlich mitten ins Herz des unwürdigen Gegners verabreichtes Kontra.
Besonders, wenn es aus weiblichem Mund kommt:
"Sehen Sie, und deshalb liebe ich die Oper und das Theater! Da wird sogar uns armen Frauen jenseits der 30 gestattet, mithilfe von Schminke und Beleuchtung sowie ohne Close-Ups ein würdevolles Karriereleben zu führen."Wie war nochmal die Frage?
"Sie sind fast 47 Jahre alt und offensichtlich nicht geliftet. In Hollywood hätten sie länger schon ziemliche Schwierigkeiten."Solcherart sensibel und unter Aufbietung allen Respektes, dessen ein schreibendes teutonisches Trampeltier mächtig ist, wird ein Interview mit der italienischen Sopranistin und Intendantin Cecilia Bartoli eröffnet. Wo? Bitte selber googeln. Links auf das Ätzniveau giftender Schmierfinken werden hier nicht gesetzt.
Lektüreempfehlungen für dreckschleudernde Schreiberlinge im besten Mannesalter (47) hingegen schon:
Und selbstverständlich auch Porträts einer großartigen, intelligenten Künstlerin voller Wärme, Inbrunst und Humor:
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Geschlechtsunterschiede
Montag, 13. Mai 2013
Kriminelle Hauptgeschäftsstelle
Frankfurt heute voll in den Negativschlagzeilen.
"Frankfurt für höchste Kriminalitätsrate bekannt"
"Frankfurt ist die gefährlichste Stadt Deutschlands"
"Frankfurt am Main bleibt Hauptstadt des Verbrechens"
"Frankfurt wird zur Verbrecher-Hochburg"
Sagen alle.
Außer manchen.
Aber sonst wirklich alle.
Muss was dran sein.
Gefährliche Stadt.
Gehört hinter Gittern.
Gut gebrüllt
Aus Anlass des zweijährigen Geburtstages
der spanischen Indignado-Bewegung 15-M
gab es gestern in Madrid
einen riesigen kollektiven stummen Schrei:
via The Guardian
Ab etwa 1:00 min entlädt der Schrei sich zu lautstarkem Jubel.
¡Felicidades, amigos indignados!
Samstag, 11. Mai 2013
Schneeballprinzip Solidarität
Wenn man nicht aufpasst wie ein Fuchs, verpasst man die tollsten Geschichten. Geschichten, die mit Fug und Recht als Erfolgsgeschichten bezeichnet werden können. Die man jedoch in den Medien vergeblich sucht, weil sie keiner jener glamourösen Erfolgsstories entsprechen, über die Medien gern berichten.
Geschichten, geschrieben von Arbeitern, die von der Arbeitslosigkeit bedroht waren.
Geschichten einer von Arbeitern besetzten (O-Ton: "Wir haben alles beschlagnahmt, alles in der Fabrik gehört uns.") bankrotten Fabrik, deren Manager sich aus dem Staub gemacht hatten ("Wir können dieses Unternehmen führen - nachdem sie's nicht können, können wir das."). Sie können es. Inzwischen führen die Arbeiter das Unternehmen.
Geschichten, erzählt ausschließlich von Arbeitern. Nicht von Gewerkschaftsfunktionären, nicht von Parteibonzen, nicht von irgendjemandem, der von höherer Warte den Arbeitern meint sagen zu müssen, wo es lang geht. Sondern von Arbeitern. Sie können es.
Geschichten, packend erzählt von der ersten bis zur letzten Minute:
via roarmag.org
(deutsche Untertitel)
Der Protagonist der Geschichte trägt einen Namen. Er heißt: Solidarität.
"Was der Kapitalismus uns vor allem anderen zu verstehen gibt: Geeint zu sein ist der wichtigste Faktor, um weiter zu kämpfen und diesen Kampf zum Erfolg zu führen. Es gab einen Zeitpunkt, wo viele Kollegen, die sich nur ungern dem Kampf anschließen wollten, ihre Meinung änderten und dazustießen.
Wir, die Arbeiter von Vio.Me, haben einen Anfang gemacht. Aber wir ruhen uns nicht darauf aus. Weitere Fabriken, gewerbliche Unternehmen, multinationale Unternehmen werden folgen. Dann werden die Bauern beginnen, die Produktion nach den Bedürfnissen der Armen zu organisieren und darauf achten, dass niemandem etwas fehlt."Dass es der Kapitalismus ist, der uns lehrt, uns zu solidarisieren - dieser Gedanke war mir ungewohnt. Wo doch der Kapitalismus uns hartnäckig belehrt, einander zu misstrauen, zu bekämpfen, zu verachten und uns lautstark überlegen zu fühlen gegenüber allen, denen wir uns überlegen fühlen. Andererseits, wer sonst sollte uns die Solidarität lehren, wenn nicht der Kapitalismus? Weil, es rettet uns ja bekanntlich sonst kein höh'res Wesen.
Neulich hatte ich ein paar kluge Zeilen gelesen über den Kapitalismus, der, indem er uns jegliches Bedürfnis nach Solidarität auszutreiben versucht, genau dieses Bedürfnis in uns wachruft.
Solidarität: ein Wort auf der Suche nach Fleisch
Der Geist der Solidarität mag sich im Exil befinden, jedoch wäre es vorschnell zu kapitulieren in der Annahme, er würde niemals zurückkehren. Er wird immer wieder zurückkehren, verstohlen, aber beharrlich. Geduldig wartet das Wort 'Solidarität' auf das Muskelfleisch, zu welchem es werden kann. Und es wird nicht aufhören, begierig und voller Leidenschaft dieses Fleisch zu begehren, bis es ihm gelingen wird.Worte, die verschüttete Saiten ausgraben und zum verstohlenen Schwingen bringen. Saiten, die vom Schwingen ins Klingen gebracht werden, wenn griechische Arbeiter solche Töne anschlagen:
"Wir sagen, dass die Arbeiter von Vio.Me, die Kollegen und Mitstreiter, nur eine Handvoll Leute sind. Sie sind nur wie eine Handvoll Schnee. Wir machen einen Schneeball daraus und werden ihn werfen. Wir werden ihn von der Klippe werfen, und er wird beginnen zu rollen, und im Runterrollen wird er wachsen, indem er mehr Schnee bekommt, mehr und mehr, und wenn der Ball wächst und noch größer wird und mehr Schnee sammelt und die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Hausfrauen, die Studenten, die Bauern an sich zieht - natürlich, Solidarität. Die Solidarität wird gewährleisten, dass der Ball nicht abstürzt und zerbricht, sodass er den Fuß der Felswand unversehrt erreicht. Und er wird so groß werden wie die Erde, und nur dann, Kollegen und Mitstreiter, werden wir sagen können, dass wir gewonnen haben."Solidarität. Ein Wort auf der Suche nach Fleisch.
Luftkampf
Wie kürzlich bekannt wurde, werden in russischen Kampfgebieten aufblasbare, täuschend echt aussehende Dummy-Panzer als Köderziele für feindliche Waffensysteme eingesetzt.
Zweck der Übung: die echte militärische Hardware vor Angriffen zu schützen.
Im Inneren der aufgeblasenen Attrappen sind Simulatoren eingebaut zur Erzeugung von Radar- und thermischer Strahlung ("gezielte Täuschungsmanöver mit wirkungsvollem Bluff-Effekt"), welche die Signaltechnik von echten russischen Panzern imitieren, um so den Feind hinters Licht zu führen.
Mithilfe einer langjährig erprobten Pumptechnologie lassen sich die Panzer-Plagiate in weniger als zehn Minuten zur Originalgröße aufblasen.
Unter feindlichem Beschuss hinterlässt die Panzer-Luftnummer nichts als heiße Luft.
Wie erst jetzt bekannt wurde, werden in deutschen Wahlkampfgebieten aufblasbare, täuschend echt aussehende Dummy-Parteipolitiker als Köderziele für feindlich gesinnte Wählereinheiten eingesetzt.
Zweck der Übung: die echten Parteipolitiker vor Angriffen zu schützen.
Im Inneren der aufgeblasenen Attrappen sind Simulatoren eingebaut zur Erzeugung von willkürlichen, zufallsgenerierten Geräuschen und standardisierten Phrasensätzen ("gezielte Täuschungsmanöver mit wirkungsvollem Bluff-Effekt"), welche die Signaltechnik von echten Parteipolitikern imitieren, um so den Wähler hinters Licht zu führen.
Mithilfe einer langjährig erprobten Pumptechnologie lassen sich die Politiker-Plagiate in weniger als zehn Minuten zu Lebensgröße aufblasen.
Unter feindlichem Beschuss hinterlässt die Politiker-Luftnummer nichts als heiße Luft.
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heiße Luft,
Wahlkampf
Donnerstag, 9. Mai 2013
Problemgruppe auf Rädern
Problemgruppen heißen so, weil sie Probleme machen. Wer Probleme macht, macht sich nicht besonders beliebt und gehört deshalb bestraft. Nachdem hoffnungsvolle Ansätze der Problemlösung - etwa Umerziehung mit starken Strafreizen - bereits existieren für die Problemgruppe arme Kinder, oder Kinder armer Eltern, wird es Zeit, sich einer weiteren Problemgruppe zuzuwenden.
Da wäre beispielsweise die Problemgruppe alte Menschen. Gelten alte Menschen per se als Problemgruppe? Na ja, potentiell schon, spätestens seit sich das Mantra Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen auf breiter Ebene konsensual durchgesetzt hat und alte Menschen nun mal irgendwann zum Arbeiten zu alt und darum nur noch ökonomisch nutzlose Fresser sind. Okay, okay, wollen wir mal nicht so sein, schränken wir das Problemgruppenpotential wohlwollend ein und sagen: Solange alte Menschen imstande sind, ihr Essen aus eigener Kraft zu finanzieren und zuzubereiten, drücken wir ein Auge zu. Weil, die fallen ja niemandem groß zur Last, trotz verminderter ökonomischer Nutzenstiftung, sind also allenfalls als Problemgruppe zweiter Ordnung anzusehen.
Dagegen verursacht die Problemgruppe arme alte Menschen Probleme ungeahnten Ausmaßes. Die wollen essen und nichts dafür tun! Genau wie ihre Problemkollegen am anderen Ende der demographischen Skala, nur dass die armen Kinder viel leichter in den Zwangsgriff zu bekommen sind als die armen Alten. Ein echtes Problem. Wie soll man arme alte Leute bestrafen? Geht ja irgendwie nicht, weil, wie sieht das denn aus. Ein Aufschrei der rührseligen Öffentlichkeit wäre womöglich die Folge. Also, lieber nicht bestrafen. Andererseits, es muss etwas geschehen. Denn so kann es nicht weitergehen. Schließlich ist die Problemgruppe arme alte Menschen explosionsartig am Wachsen und im Begriff, unserer tüchtigen Leistungsgesellschaft die letzten Haare vom Kopf zu fressen.
Nun hat der amerikanische Kongress eine geniale Problemlösungsstrategie aus der Tasche gezogen und auch gleich ganz schnell verabschiedet. Auf die Frage: Wie lässt sich ein Problem lösen? hat er die einzig durchschlagende Antwort gefunden: indem das Problem abgeschafft wird. Mit anderen Worten: indem die Problemgruppenangehörigen abgeschafft werden. Im Falle der problematischen armen alten Menschen geht das ganz einfach und noch dazu schön unauffällig, sodass keiner etwas mitkriegt und sich niemand echauffieren muss über drakonische Sparmaßnahmen, die wie üblich die Falschen treffen: Man will die armen alten Menschen einfach aushungern.
Dazu wird zweckmäßigerweise der Hebel an Sozialprogrammen angesetzt. Essen auf Rädern? Viel zu teuer. Was hocken die auch alle zuhause herum - arm, alt, gebrechlich, gehbehindert - und warten gierig auf warme Mahlzeiten, Lieferung frei Haus, ohne die geringste Gegenleistung? Das kann so nicht weitergehen. Rabiates Kürzen der Zuschüsse ist das Mittel der Wahl. Im Einzelfall werden dann halt - statt bislang 1.500 - pro Tag 200 Mahlzeiten weniger ausgeliefert. Und ab 1. Mai die Zahl der Bedürftigen mit Anspruch auf Essenslieferung "eingefroren". Hungry, anybody? Pech gehabt. Dumm gelaufen.
Für euch. Wir müssen sparen, you know. An euch, you know.
Drum setzen wir euch alte, arme, nutzlose Fresser jetzt hübsch auf strenge Diät. Alles weitere erledigt sich von selbst. Passiert ja alles hinter verschlossenen Türen. Bei euch zuhause. Statt euch das Essen auf Rädern in die Wohnung reinzurollen, rollen wir euch in Kürze auf Rädern aus eurer Wohnung raus. Mit den Füßen voraus, wie man so schön sagt. Ist ja ganz normal, dass alte Menschen irgendwann mal sterben. Denkt sich keiner was dabei.
Außer uns: geschafft, wieder eine Problemgruppe weniger.
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