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Donnerstag, 19. Dezember 2013
Abschied von der Schrebergartenkultur
Ich habe mich aus der Blogwelt verabschiedet, ohne die Gründe zu benennen, die mich dazu bewegt haben. Dies möchte ich nachholen.
Die Gründe liegen in einem wachsenden Unwohlsein gegenüber dem Status quo, wie ich ihn in der Szene deutscher politischer Blogs wahrnehme. Ausdrücklich nicht gemeint sind einzelne politische Blogbeiträge von hoher oder höchster Qualität, denen meine uneingeschränkte Anerkennung gilt; gemeint ist vielmehr das weitgehend beziehungslose, unverbindliche, mich selbstreferentiell dünkende Nebeneinander in der hiesigen Szene.
Dieses beziehungslose Nebeneinander halte ich nicht für zufällig, sondern von den je individuellen Bloggern - aus welchen Gründen auch immer - so gewollt, denn sonst, so denke ich, wäre aus dem beziehungslosen Nebeneinanderherdümpeln längst ein intensiver agierendes Geflecht des Miteinander geworden, bei aller Wahrung individueller Unterschiede, Eigenheiten und - nicht nur, aber auch: politischer - Interessen.
Mir drängt sich das Bild einer Schrebergartenkolonie auf, wo jeder sich in seiner eigenen Parzelle eingebunkert, um sich herum einen wehrhaften Zaun gezogen hat - fest verschlossen von einer vergitterten, nur selten einladend offenstehenden Gartentür - und misstrauisch die Nachbarparzellen beäugt, stets in Sorge, wer hat den längeren, den längsten, pardon, den dicksten Zucchini gezüchtet.
Die Kommunikation der einzelnen Parzellen untereinander geht gegen Null, wenn ich einmal absehe von sporadischen, mir eher belanglos denn substantiell erscheinenden Kommentaren. Hin und wieder, alle paar Schaltjahre mal, ein anderes Blog zu verlinken, erlebe ich nicht als Kommunikation, höchstens als Pflichtübung nach dem Motto: muss sein, weil, wie sieht das denn sonst aus? Miteinander geredet - im Sinne eines gemeinsamen politischen Anliegens, geboren aus dem unerträglich wachsenden Druck um uns herum - wird nicht. Mag sein, das passiert hinter den Kulissen, aber was hinter den Kulissen passiert, zählt nicht; was zählt, ist das Bild vorne auf der Bühne, dort, wo der Vorhang hoch- und notorisch das Visier runtergelassen wird.
Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander. Niemand kommt niemandem in die Quere. Niemand hat mit niemandem etwas zu schaffen. 'Bleib mir bloß vom Leib', scheint in unsichtbarer Schrift über den vergitterten Gartentüren zu stehen, '... und vergreif dich ja nicht an meinen Zucchini, sonst kommt mein Hund, der ist scharf und beißt dich, ist viel größer und schärfer und bissiger als dein Hund und außerdem mindestens genauso dick wie meine Zucchini, da kommst du mit deinem Scheißköter und deinen Micker-Zucchini nie ran, nie im Leben, also versuch's erst gar nicht.' Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander.
Niemand kommt niemandem in die Quere. Die Zucchini wachsen, die Zäune wachsen, die Hunde wachsen - was will man mehr. Gewachsene Strukturen. Funktioniert doch alles bestens. Funktioniert sogar von ganz allein. Funktioniert sogar regelrecht autonom und selbstbestimmt - weil von allen so gewollt - und ohne jeglichen vereinsmeierischen Wasserkopf.
Wobei, andererseits, jeder durchschnittliche, echte, deutsche, voll spießige Schrebergartenverein mehr Kooperation und Kommunikation pflegt und mehr Gemeinschaftssinn drauf hat als die vereinslose deutsche Polit-Schrebergartenkolonie. Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander. Auf keinen Fall - Allmächt! - die Zäune stutzen oder gar - horribile dictu! - einreißen. Stutzen? Einreißen? Wenn das jeder täte! Geht gar nicht. Bleib mir bloß vom Leib. Hast du meine neuen Zaunlatten gesehen? Noch länger als deine. Bildest dir ein, du hättest die dickeren Zucchini? Pah, guck dir meine Zaunlatten an. Länger geht nicht.
Still und starr ruht das Bühnenbild.
In den letzten Jahren haben mich - bloggend und überhaupt - vorwiegend die Ereignisse und Entwicklungen im Ausland beschäftigt. Hauptsächlich südeuropäisches Ausland. Spanien. Griechenland. Auch Naher Osten, Nordafrika. Viel (Nord)Amerika. Gelegentlich England. Die überall stattfindende Radikalisierung brannte mir unter den Nägeln: die Radikalisierung von Menschen, von Bewegungen, von Protesten, von Widerstand; die Radikalisierung immer unmenschlicher werdender, immer unmenschlicher zurückschlagender Systeme, deren Totalitarisierung, deren Degenerieren zu polizeistaatlichen Regimes, deren immer nackter zutage tretender Gewalt gegen Menschen, die eigentlich nur eines möchten: leben, und zwar voller Lebensfreude und ohne hungern zu müssen.
Naturgemäß stillte ich mein Informationsbedürfnis durch das systematische Suchen und Aufsuchen ausländischer Informationsquellen, in erster Linie englischsprachiger, international orientierter Blogs. Weil mein Interesse an den Entwicklungen im Ausland immer stärker wuchs, tauchte ich immer tiefer ein in die Welt dieser nichtdeutschen politischen Blogs, ihrer Art der Informationsweitergabe, ihrer Professionalität, ihrer selbstverständlichen Vernetztheit untereinander. War beeindruckt, mitunter überwältigt von der diskursiven Offenheit; von der stillschweigenden oder expliziten Übereinkunft, dem Bewusstsein, dass da ein großes, bedrohlich wachsendes Problemfeld nicht nur individuell, sondern zugleich kollektiv zu beackern ist; von dem wechselseitigen Durchdringen, Einmischen und Anregen; von den niedrigen Zäunen und den ständig offenstehenden Gartentüren. Dauernd reden die miteinander, besuchen sich in einer Tour gegenseitig, bringen irgendwas mit oder kommen mit leeren Händen, um mit vollen Händen zurückzukehren in den eigenen, mit frischem Gedankengut zu bewirtschaftenden Garten.
Diese fruchtbare, weil sich wechselseitig befruchtende, lebendige politische Diskurskultur hat mich ungemein befeuert und inspiriert.
Jedesmal, wenn ich von meinen ausgiebigen Streifzügen zurückkehrte und mich in der hiesigen Schrebergartenkolonie umschaute, befiel mich ein Gefühl klaustrophobischer Enge. Ich begann mich wie ein Fremdkörper zu fühlen und fing an zu frösteln angesichts der still und starr nebeneinander ruhenden Parzellen. Was für ein ungesunder Dauerfrostzustand der selbstgewählten Vereinzelung, des manischen Sich-Abgrenzens und -Abschottens der individuellen Profilierung zuliebe, dachte ich und zog meinen Mantel fester um mich.
Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass in der permagefrosteten Schrebergartenkolonie immer größere Eiszapfen wachsen. Eiszapfen, die es an Länge locker aufnehmen können mit den längsten, größten, dicksten, tollsten Zucchini. Ich spürte den Frost klirren.
Eines Tages fror es mich so sehr, dass ich dachte, gleich frieren mir die Finger über der Tastatur ab.
Da beschloss ich, die Flucht nach vorne anzutreten.
Dienstag, 19. November 2013
Wir tun was
Wer gedacht hat, an der Qualitäts-Bullshit-Front wäre jetzt erst mal für eine Weile Ruh', der hat falsch gedacht. Hier kommt ein Stück ausgereiften Premium-Bullshits vom Allerfeinsten, frisch serviert von der amerikanischen Firma Walmart.
Zur Erinnerung: Das Unternehmen Walmart hat einen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar und machte im letzten Jahr 17 Milliarden Dollar Profit.
Und damit zum premiumverdächtigen Bullshit des Tages - der neueste Coup jenes Lebensmittelkonzerns, der bekannt dafür ist, seinen Angestellten weniger Lohn zu bezahlen als zum Überleben erforderlich ist:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel zu spenden.Eine Meldung, die das Bullshit-o-Meter bereits heftig ausschlagen lässt - weil, wieso schreitet der Lebensmittel-Handels-Milliardär nicht selbst zur Tat und spendet Lebensmittel? Er hat doch wohl genug? Sowohl Lebensmittel als auch Geld, um sich eine karitative Spendenaktion im großen Stil leisten zu können? Ist das nicht Grund genug, sich tierisch aufzuregen? Nö.
Und zwar deshalb, weil es, einerseits, zwar zunächst eine ärgerliche Meldung ist, andererseits als Meldung lediglich Bullshit mediokrer Qualität repräsentiert - wozu sich über Standard-Kuhmist aufregen? Wo wir doch beschlossen haben, uns nur noch über echten Premium-Bullshit aufzuregen? Also nur noch dann, wenn die Bullshit-Tachonadel im obersten Segment zittert? Voilà:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere Walmart-Mitarbeiter zu spenden.Hey, da bebt die Tachonadel, da rockt die Kuhmist-Orgel in den höchsten Tönen! Können wir den Bullshit mal kurz rückübersetzen? Klar doch:
Walmart fordert seine unterbezahlten Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere, noch schlechter bezahlte Walmart-Mitarbeiter zu spenden.Habe ich zu viel versprochen? Da lacht das Herz des high-end-Bullshit-Liebhabers! Wie, hat einer den Qualitätswitz nicht verstanden? Okay, zum Mitschreiben: Walmart, "America's real welfare queen" (wie übrigens auch McDonalds), bietet seit einiger Zeit eine firmeninterne telefonische Hotline an, wo die eigenen Mitarbeiter fachkundig beraten werden, wie sie einen Antrag auf food stamps (steuerfinanzierte Lebensmittelmarken für unter der Armutsgrenze lebende Menschen) zu stellen haben, um von ihrem Walmart-Hungerlohn nicht zu verhungern.
Und weil die Walmart-Mitarbeiter trotz food stamps und wegen Hungerlohns nicht satt werden, öffnet der Handelsgigant sein großes soziales Herz und ruft seine hungernden Mitarbeiter auf, ihren hungernden Kollegen mit einer Lebensmittelspende unter die abgemagerten Arme zu greifen. Imagekampagne, you know, à la 'Wir tun was für unsere notleidenden Mitarbeiter', also, um genau zu sein, nicht wir, nämlich der Walmart-Konzern, sondern die mittleren Walmart-Sklaven-Galeeren tun was für die armen Schlucker im untersten Sklavendeck.
Doch halt! Noch vibriert die Bullshit-Tachonadel nicht im wirklichen Premiumsegment. Da geht noch was - der saisonale Emo-Hyperbonus:
via twitter #WorkingAmerica
Thanksgiving! Das traditionelle amerikanische Familienfest Ende November, wo sich alle zum opulenten Truthahn-Dinner treffen! Wo keiner ausgeschlossen sein soll, wo alle mitfeiern, miteinander essen, trinken und für ein paar gemütliche Stunden im Familienkreis ihre Alltagssorgen vergessen sollen! Geht das ans Herz?
Bitte spendet Lebensmittel, um notleidende Kollegen in den Genuss eines Thanksgiving Dinner kommen zu lassenUnd wie das ans Herz geht. Und genau hier, Freunde des herzzerreißenden social marketing, liegt der Hund begraben, nämlich der Top-Premium-Bullshit-Faktor: Kürzlich hat nämlich der big social player Walmart entschieden, seine Filialen am Thanksgiving-Feiertag bis in die späten Abendstunden zu öffnen, damit alle, wirklich alle, selbst die schlechtestbezahlten Verkäufer im untersten Deck in den Genuss eines angemessenen Thanksgiving-Feelings kommen.
Cold turkey, anyone?
Walmart verteidigte seine (Spenden)Aktion als einen Bestandteil seiner "Unternehmenskultur" der Nächstenliebe: "Wir sehen diese Aktion als ein Element der Unternehmenskultur, dass Kollegen sich untereinander solidarisieren und sich um diejenigen kümmern, die als extreme Härtefälle betroffen sind."Yeah, Nächstenliebe. Sweet charity, God bless your souls.
Das war's für heute. Mehr Premium-Bullshit geht nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.
Sonntag, 18. August 2013
Klare Ansage
Eigentlich war zu dem Thema bereits alles gesagt. Dachte ich.
Denn was gibt es noch zu sagen, wenn die griechische Regierung sich damit brüstet, immer mehr Obdachlosenheime aus dem Boden zu stampfen, während sie im Begriff ist, immer mehr Menschen in die Obdachlosigkeit zu treiben?
Doch, da gibt es durchaus noch etwas zu sagen. Das letzte Wort hat der griechische Finanzminister Yannis Stournaras.
"Wenn wir die Menschen nicht in die Obdachlosigkeit treiben, kollabieren die Banken."Hat er so natürlich nicht gesagt.
"Wir müssen die Menschen aus ihren Häusern vertreiben, sonst kollabieren die Banken."Schon eher so. War aber auch nicht der exakte Wortlaut.
"Wenn wir nicht wollen, dass die Banken sterben, müssen wir die Menschen in den Suizid treiben."Kommt der Wahrheit schon näher. Kommt aber irgendwie nicht gut.
"Um zu verhindern, dass die Banken zusammenbrechen, müssen wir zulassen, dass die Menschen zusammenbrechen."Trifft den Kern der Sache. Klingt nur so unangenehm melodramatisch. Dann doch lieber so:
"Lieber die Menschen in den Ruin treiben als die Banken."Ja, das hat was. Das hat fast Sloganqualität. Schön griffig, schön kurz, knackig auf den Punkt gebracht. Nur immer noch viel zu menschelnd. Geht's nicht ein bisschen versachlichter? Doch:
"Wenn wir keine Zwangsvollstreckungen erlauben, werden die Banken kollabieren."Genau. Jetzt ist der Faktor Menschlichkeit dort, wo er hingehört:
bei den Banken. Das weckt Mitgefühl, das geht ans Herz. Obwohl,
na ja, vielleicht noch einen Extraschuss entmenschlichender Sprachkosmetik? Einen Tick technokratischer formuliert? Unmissverständlich Prioritäten setzend? Geht da noch was? Bitte sehr:
"Wenn Hausversteigerungen nicht liberalisiert werden, werden die Banken kollabieren."Damit wäre nun wirklich alles gesagt.
Donnerstag, 9. Mai 2013
Problemgruppe auf Rädern
Problemgruppen heißen so, weil sie Probleme machen. Wer Probleme macht, macht sich nicht besonders beliebt und gehört deshalb bestraft. Nachdem hoffnungsvolle Ansätze der Problemlösung - etwa Umerziehung mit starken Strafreizen - bereits existieren für die Problemgruppe arme Kinder, oder Kinder armer Eltern, wird es Zeit, sich einer weiteren Problemgruppe zuzuwenden.
Da wäre beispielsweise die Problemgruppe alte Menschen. Gelten alte Menschen per se als Problemgruppe? Na ja, potentiell schon, spätestens seit sich das Mantra Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen auf breiter Ebene konsensual durchgesetzt hat und alte Menschen nun mal irgendwann zum Arbeiten zu alt und darum nur noch ökonomisch nutzlose Fresser sind. Okay, okay, wollen wir mal nicht so sein, schränken wir das Problemgruppenpotential wohlwollend ein und sagen: Solange alte Menschen imstande sind, ihr Essen aus eigener Kraft zu finanzieren und zuzubereiten, drücken wir ein Auge zu. Weil, die fallen ja niemandem groß zur Last, trotz verminderter ökonomischer Nutzenstiftung, sind also allenfalls als Problemgruppe zweiter Ordnung anzusehen.
Dagegen verursacht die Problemgruppe arme alte Menschen Probleme ungeahnten Ausmaßes. Die wollen essen und nichts dafür tun! Genau wie ihre Problemkollegen am anderen Ende der demographischen Skala, nur dass die armen Kinder viel leichter in den Zwangsgriff zu bekommen sind als die armen Alten. Ein echtes Problem. Wie soll man arme alte Leute bestrafen? Geht ja irgendwie nicht, weil, wie sieht das denn aus. Ein Aufschrei der rührseligen Öffentlichkeit wäre womöglich die Folge. Also, lieber nicht bestrafen. Andererseits, es muss etwas geschehen. Denn so kann es nicht weitergehen. Schließlich ist die Problemgruppe arme alte Menschen explosionsartig am Wachsen und im Begriff, unserer tüchtigen Leistungsgesellschaft die letzten Haare vom Kopf zu fressen.
Nun hat der amerikanische Kongress eine geniale Problemlösungsstrategie aus der Tasche gezogen und auch gleich ganz schnell verabschiedet. Auf die Frage: Wie lässt sich ein Problem lösen? hat er die einzig durchschlagende Antwort gefunden: indem das Problem abgeschafft wird. Mit anderen Worten: indem die Problemgruppenangehörigen abgeschafft werden. Im Falle der problematischen armen alten Menschen geht das ganz einfach und noch dazu schön unauffällig, sodass keiner etwas mitkriegt und sich niemand echauffieren muss über drakonische Sparmaßnahmen, die wie üblich die Falschen treffen: Man will die armen alten Menschen einfach aushungern.
Dazu wird zweckmäßigerweise der Hebel an Sozialprogrammen angesetzt. Essen auf Rädern? Viel zu teuer. Was hocken die auch alle zuhause herum - arm, alt, gebrechlich, gehbehindert - und warten gierig auf warme Mahlzeiten, Lieferung frei Haus, ohne die geringste Gegenleistung? Das kann so nicht weitergehen. Rabiates Kürzen der Zuschüsse ist das Mittel der Wahl. Im Einzelfall werden dann halt - statt bislang 1.500 - pro Tag 200 Mahlzeiten weniger ausgeliefert. Und ab 1. Mai die Zahl der Bedürftigen mit Anspruch auf Essenslieferung "eingefroren". Hungry, anybody? Pech gehabt. Dumm gelaufen.
Für euch. Wir müssen sparen, you know. An euch, you know.
Drum setzen wir euch alte, arme, nutzlose Fresser jetzt hübsch auf strenge Diät. Alles weitere erledigt sich von selbst. Passiert ja alles hinter verschlossenen Türen. Bei euch zuhause. Statt euch das Essen auf Rädern in die Wohnung reinzurollen, rollen wir euch in Kürze auf Rädern aus eurer Wohnung raus. Mit den Füßen voraus, wie man so schön sagt. Ist ja ganz normal, dass alte Menschen irgendwann mal sterben. Denkt sich keiner was dabei.
Außer uns: geschafft, wieder eine Problemgruppe weniger.
Montag, 8. April 2013
Pietät ohne Takt
Hier ruht Margaret Thatcher
"Die eiserne Lady"
Kumpel, fahr die Karre ran, hier gibt's Material!
Kaum ist die Frau ein paar Stunden tot, häufen sich die sarkastischen, von keinerlei Pietät getrübten Nachrufe.
Im Gegenzug häufen sich die anklagenden Stimmen der Empörten und moralisch Aufrechten, die einen respektvollen Umgang mit der Verstorbenen anmahnen:
"Über Tote redet man nicht schlecht!"
"Wie könnt ihr nur so grausam sein?"
"Keinerlei Feingefühl!"
"Wie unsensibel!"
"Euch geht jedes Gefühl von Mitmenschlichkeit ab!"
"Habt ihr denn kein Mitleid?"
Mitten in das aufgeregte Zetergeschrei meldet sich aus den Tiefen der Gruft eine Stimme zu Wort, eine Stimme in vertrauter Tonlage, die keinen Widerspruch duldet und das klar vernehmliche Statement abgibt:
"Alles Geschwätz. Mangel an Mitleid und Menschlichkeit? Unsensibel? Kein Feingefühl? Genau in meinem Sinne! So und nicht anders wollte ich es haben. Immer und ewig! Oder glaubt ihr etwa, ich sei ein Weichei geworden, bloß weil ich gestorben bin?"
Betroffenes Schweigen am Grab. Einer fragt leise seinen Nachbarn:
"Huch, ich dachte, die sei endgültig tot?"
Stimme aus der Gruft:
"Quatsch. Mein Geist lebt weiter. Der ist nicht totzukriegen."
Montag, 1. April 2013
Früchte des Zorns
Schauplatz:
Augusta im amerikanischen Bundesstaat Georgia.
Offizielle Armutsquote in Augusta:
31,6 Prozent
Anteil der Bevölkerung, die mit weniger als 50 Prozent des als offizielle Armutsgrenze geltenden Einkommens leben:
11,8 Prozent
Kinderarmut in Augusta:
45 Prozent
Letzte Woche ging in Augusta ein Supermarkt bankrott. Die Nachricht von der Zwangsräumung des Lebensmittelgeschäftes verbreitete sich schnell in den verarmten Nachbarschaftsvierteln; und so strömten am vergangenen Dienstag rund 300 Bewohner Augustas, die meisten mit leeren Plastiktüten in den Händen, zu dem Geschäft - in der Hoffnung, dass die Lebensmittelrestbestände unbürokratisch und gratis an Bedürftige verteilt und damit (aus der Sicht des Betreibers) kostenlos "entsorgt"würden. Sie wurden in ihrer Hoffnung enttäuscht.
Zwar hätten, nach dem Willen des ehemaligen (jetzt bankrotten) Pächters, die verbliebenen Lebensmittel an die Bevölkerung gespendet werden sollen. Jedoch meldete der Eigentümer der Liegenschaft - eine Bank mit dem klangvollen Namen Sun Trust Bank - als Folge des Räumungstitels Besitzanspruch auf die Lebensmittelbestände an und verfügte deren umgehende Vernichtung. Dies geschah vor den ungläubigen Augen der mit leeren Plastiktüten wartenden Menschen: Unter Polizeischutz wurden sämtliche - sowohl frische als auch konservierte - Lebensmittel auf große Abfallcontainer geworfen und abtransportiert Richtung Müll- beziehungsweise Vernichtungsanlage.
Als Begründung für die gezielte Vernichtung der Lebensmittel gab der zuständige Einsatzleiter der Polizei an, erstens, auf Anordnung des Immobilieneigentümers, zweitens, im Namen von Gesetz, Recht und Ordnung gehandelt und, drittens, angesichts der hungrig dreinschauenden Menschenmassen
"... ein extrem hohes Potential für einen Volksaufstand (riot)"erkannt zu haben, für dessen Verhütung eine im großen Stil angelegte Lebensmittelvernichtung als das Mittel der Wahl erkannt worden sei.
Das Wort hat Adam Kokesh, dem allerdings die Worte fehlen:
Mir fehlen sie auch.
Das letzte Wort hat John Steinbeck:
Lebensmittel wegzuwerfen vor den Augen hungernder Familien ruft die Worte John Steinbecks in Erinnerung, der eine ähnliche Szene in Früchte des Zorns (1939) beschrieben hat:
"Es gibt Verbrechen hier, die nicht zu schildern sind. Es gibt hier Leid, das Tränen selbst nicht sprechen lassen können. Es gibt hier Misserfolg, der all unsere Bemühungen zunichte macht. Die fruchtbare Erde, die geraden Baumreihen, die starken Stämme und die reife Frucht. Und Kinder müssen sterben, weil die Orange ihren Profit nicht verlieren darf. Und die Leichenbeschauer müssen in den Totenschein schreiben - 'starb an Unterernährung' -, weil Nahrungsmittel verrotten müssen, weil sie zum Verrotten gezwungen werden. Die Leute kommen mit Netzen, um die Kartoffeln aus dem Fluss zu fischen, aber die Wächter verbieten es ihnen ... und sie stehen still und sehen zu, wie die Kartoffeln vorbeischwimmen ... sehen die Orangenberge zu einem Fäulnisbrei zusammensinken, und in den Augen der Menschen liegt ein Scheitern; und in den Augen der Hungernden steht ein wachsender Zorn. In den Herzen der Menschen wachsen die Früchte des Zorns und werden schwer, schwer und reif zur Ernte."
Sonntag, 31. März 2013
Flohe Osteln
Auch das noch.
Als wären die klirrende österliche Kälte und der Sommerzeit-Terror nicht schon nervenzerfetzend genug, folgt jetzt auch noch der erste April auf dem Fuße. Also morgen. In genau sieben Stunden würde mir kein Mensch glauben, was ich gleich niederschreiben werde; deshalb schreibe ich es hier und jetzt mit fliegenden Fingern und hechelnder Zunge, noch im geschützten scherzfreien Raum der eiskalten Iden des Märzes, und gelobe: Es ist wahr! Es stimmt wirklich! Genau so hat es sich zugetragen!
Und zwar in einem kalten Ort namens Mechernich-Kommern, der irgendwo in der eisigen Eifel liegt, die irgendwo im nasskalten Nordrhein-Westfalen liegt, das irgendwo im durchfrorenen Deutschland liegt. Irgendwo in Mechernich-Kommern gibt es ein Freilichtmuseum. Jeder, der in diesen Tagen etwas von 'Freilichtmuseum' hört, klappert sofort mit den Zähnen, denkt an Frostbeulenfinger und schnürt den wattierten Arktik-Anorak fester um den Leib. Wer will schon an Ostern im Freilichtmuseum erfrieren?
Kein Mensch.
Natürlich hat mal wieder keiner an die frierenden Tiere gedacht. Die traurige Nachricht: 300 von ihnen sind heute im Mechernicher Freilichtmuseum jämmerlich erfroren.
Kältetod im Flohzirkus: 300 Tiere erfrierenKurz vor ihrem Auftritt hat es die kleinen Zirkustiere eiskalt erwischt. Eigentlich war die aus Bayern stammende Artistentruppe engagiert worden für ein österliches Gastspiel beim historischen Floh-, ähm, Jahrmarkt im Freilichtmuseum; doch dann verendeten die flinken Flöhe in ihrer mit Styropor geschützten Transportbox, woraus sich schließen lässt, dass es mit dem Styropor auch nicht mehr so ist, wie es mal war, als es noch zum Schutz vor kalten Temperaturen taugte.
Wie der Direktor des Flohzirkus gegenüber der Nachrichtenagentur dpa beteuert und der Direktor des Freilichtmuseums bestätigt, handele es sich um keinen Aprilscherz. Ferner ist es ebenfalls kein Aprilscherz, dass in Windeseile und arktischer Kälte eine Floh-Ersatztruppe aufgetrieben wurde, und zwar auf wundersamem Wege, nämlich dank des beherzten Engagements des Düsseldorfer Parasiten-Experten Professor Heinz Mehlhorn, der dem Zirkusdirektor schnell und unbürokratisch 50 künstlerisch ambitionierte Flöhe aus seiner Parasitensammlung vorbeibrachte. Weil, the show must go on, selbst im Flohzirkus, "sonst hätte es ja keine Vorstellung geben können", so der Museumsdirektor, und der Flohzirkusdirektor begann auf der Stelle mit der Dressur der Flohfrischlinge aus dem Parasitenstadl der Landeshauptstadt.
So nahm das Osterwunder von Mechernich seinen Lauf. Zwei volle Tage lang wurden die Neuflöhe trainiert, und siehe, die kleinen Blutsauger können inzwischen Karussells drehen, Fußball spielen und Kutschen ziehen. Ohne Aprilscherz. Nicht überliefert ist, ob sie schon so fit sind, per Salto mortale vom Hochseil sich aufs Publikum fallen zu lassen, unter dessen wattierte Arktik-Anoraks zu schlüpfen, auf der bloßen Haut Karussells zu drehen und dort genüsslich eine Blutkutschenlinie nach der anderen zu ziehen.
(Notorische Aprilscherzkekse googeln bitte zwecks Verifizierung die oben zitierte Schlagzeile; was weiß denn ich, ob die Dorstener Zeitung womöglich mit dem Leistungsschutzrecht verbandelt ist und am Ende anfängt, blutsaugermäßig mit mir irgendwelche Abmahnkarussells zu drehen.)
Freitag, 15. Februar 2013
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Uff, geschafft! Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland hat die 60-Prozentmarke geknackt. Mit rekordverdächtigen 61,7 Prozent! Aber da geht bestimmt noch was:
... angesichts der nachhaltigen Rezession, die laut den vorläufigen Daten der ELSTAT das griechische BIP im letzten Quartal 2012 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum 2011 um weitere 6 % schrumpfen ließ, kann dieser neue Höchststand der Arbeitslosigkeit jedoch keinesfalls als das "Ende der Fahnenstange" bezeichnet werden.Doch, da geht noch was. Wäre ja gelacht. Mindestens 38,2 Prozent gehen da noch. "Wir" sind nämlich auf einem guten Weg. "Wir" sind Leute vom Schlage eines Olli Rehn, Vizepräsident der Europäischen Kommission. Der Mann mit dem putzigen Vornamen lehnte eine Neuverhandlung der griechischen Austeritäts-Zwangsjacke ab, nachdem der Zwangsjackenspzialist IMF offiziell eingestanden hatte, die verordnete Zwangsjacke falsch kalkuliert, weil mit den falschen fiskalischen Multiplikatoren berechnet zu haben.
Neuverhandlungen, nur weil der IMF mit seinem Rechenschieber ins fiskalische Klo gegriffen und ein Land, eine Gesellschaft, eine Bevölkerung in den Abgrund getrieben hat? Wäre ja gelacht, kann Olli Rehn dazu nur sagen. Weil, so ein popliger Rechenfehler kann schließlich jedem mal unterlaufen, das muss doch nicht gleich auf die Goldwaage gelegt werden, nicht wahr?
Rechenfehler? Yanis Varoufakis sieht das anders. Der griechische Ökonom - sonst ein Musterbeispiel an Diplomatie und höflichem Umgangston selbst auf kontroversem Volkswirte-Parkett - verlor die Contenance und fuhr bemerkenswert aus der Haut:
"Dieser Fehler wurde vorsätzlich begangen. Das war kein buchhaltungstechnischer Irrtum des IMF, das war eine politische Entscheidung. Sie haben die Ökonomen gezwungen zu lügen. Dieser unbedarfte, feige Unterknecht will den Irrtum nicht eingestehen, denn andernfalls wäre ein sofortiger riesiger Schuldenschnitt in Griechenland fällig."Unterknecht ("understrapper"), starker Tobak, wie ist das gemeint?
So ist das gemeint:
"Als ein drittklassiger Unterknecht nimmt er (Rehn) seine Befehle entgegen und ist verpflichtet, den Fehler des IMF zu leugnen. Und er leugnet ihn."Zum Leugnen gehört zu behaupten, dass "wir" auf einem guten Weg seien. Also, die Griechen. Na ja, so ein Wort wie "die Griechen" würde ein hartgesottener Unterknecht niemals in den Mund nehmen; denn seit wann spielen in den Berechnungen eines Unterknechtes solche Faktoren wie "die Menschen" eine Rolle?
Olli Rehn zieht den inflationären Gebrauch des Begriffes "Vertrauen" vor und wird dafür von Leonidas Chrysanthopoulos aufgespießt und mit deutlichen Worten auf den Grill gelegt.
In einem offenen Brief an den Unterknecht, hm, Vizepräsidenten der Europäischen Kommission geißelt Chrysanthopoulos diesen wegen seines konsequent menschen-vernachlässigenden Brüsseler Technokraten-Kauderwelsch:
"In Ihrem Brief an die ECOFIN erwähnen sie häufig das Wort Vertrauen, Rückkehr des Vertrauens, Aushöhlung des Vertrauens, Unterstützung von Vertrauen etc. Ja, aber wessen Vertrauen? Die EU hat das Vertrauen der Menschen verloren. Das Vertrauen der Märkte bleibt erhalten? Kein einziges Mal wird das Wort "Menschen" erwähnt. Alles, was Sie erwähnen, sind prozentuale Anteile am Bruttoinlandsprodukt, aber wir sind keine prozentualen Anteile am Bruttoinlandsprodukt, wir sind Menschen."Mit "Menschen", von Mitmenschen ganz zu schweigen, stehen Unterknechte professionell auf dem Kriegsfuß.
Die griechische Unterknechts-Regierung macht dies fast täglich aufs neue unmissverständlich klar. Ihr neuester Coup:
Zensur in Griechenland: Die "verbotene" Nachricht
Seit einigen Tagen ist es in Griechenland gegen Androhung von Strafe verboten, im Fernsehen Bilder von verwahrlosten Bürgern zu zeigen. Der Medienaufsicht gemäß sollen es die Sender unterlassen, die Krisenfolgen anhand personifizierter Beispiele zu präsentieren. Dass dadurch für Medienkonsumenten ein real nicht existierendes Paralleluniversum, in dem lediglich die Parolen der Regierung vom angeblich nahenden Wirtschaftswachstum geschaffen wird, scheint dem Rundfunkrat nicht nur egal zu sein, sondern das dürfte eher beabsichtigt sein.Aus den Augen, aus dem Sinn. Über das explosionsartig grassierende menschliche Elend im öffentlichen Raum Griechenlands wurde ein Bilderverbot verhängt - eine, in der typischen Denke eines Unterknechtes, vermutlich "vertrauens"bildende Maßnahme. Der griechische Fotograf, von dem die hier gezeigten Bilder menschlichen Elends stammen, möchte lieber namentlich nicht genannt werden, "aus Angst, dass ihm etwas passieren könnte". So viel Vertrauen war selten.
Sonntag, 3. Februar 2013
Schlafzimmerblick
Andere Länder, andere Maßnahmen, gleiche Stoßrichtung:
Schrittweise Entsorgung der armen, arbeitslosen, kranken, behinderten oder sonstwie der Gesellschaft zur Last fallenden, daher nutzlosen und eben drum überflüssigen Menschen, die zwar im offiziellen Sprachgebrauch (noch) als Menschen bezeichnet, jedoch immer unverfrorener als Untermenschen gedacht und behandelt werden.
Ihnen allen hängt derselbe Makel an: Sie kosten Geld und nehmen Platz weg. Sie nehmen viel zu viel Platz weg zum Leben. Deshalb muss ihnen der Platz weggenommen werden. Räumen sie den Platz nicht freiwillig, wird ihnen halt Geld weggenommen, weil, dann können sie sich den Platz nicht mehr leisten und hauen von allein ab, und dann ist man sie endlich los, vorerst jedenfalls.
Schauplatz Großbritannien, Tatort Schlafzimmer:
Neuester Schrei der austeritätsbesoffenen konservativen Regierung:
die sogenannte "Schlafzimmer-Steuer" (bedroom-tax). Eine Schlafzimmer-Steuer! Klingt fast pikant und ein wenig oh là là; ist aber nichts weiter als ein schnödes antisozialpolitisches Instrument, das die oben genannte Zielgruppe im Visier hat, um diese zu immer enger zusammengepferchtem Wohnen zu zwingen, zu immer weniger privatem Rückzugsraum, zu immer mehr zwischenmenschlichen Kompromissen, zu immer mehr Schlafstörungen und immer mehr Alpträumen. Genau das ist der Stoff, aus dem die Schlafzimmer-Steuer gemacht ist.
Kurz gesagt: Wer in seiner Wohnung - sie möge noch so bescheiden sein - ein Zimmer hat, von dem die Regierung der Meinung ist, es werde nicht benötigt, der wird künftig (ab April 2013) um mindestens 650 Pfund (750 Euro) seines jährlichen Wohngeldzuschusses erleichtert, sprich: bestraft werden. Wer sich das nicht leisten kann, bitte, der kann ja sein demokratisches Recht wahrnehmen und woanders hinziehen.
Wer also - nur als Beispiel - von dem überzogenen Anspruchsdenken befallen ist, zwei Schlafzimmer für zwei Kinder bereitzuhalten - ein Mädchen und ein Junge, beide unter zehn Jahre alt - dem wird von Amts wegen ein Schlafzimmer zu viel bescheinigt, will heißen: der wird mit einer Geldstrafe belegt werden. Sollte jemand so vermessen sein, ein Pflegekind in seine Familie aufzunehmen und diesem auch noch ein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung zu stellen: Geht nur bei Strafe, denn Pflegekinder zählen amtlicherseits nicht als Kinder und ein Schlafzimmer für ein Pflegekind schon gar nicht, obwohl der Nachweis eines eigenen Schlafzimmers zwingend ist, um amtlicherseits überhaupt ein Pflegekind aufnehmen zu dürfen. Lustig, oder?
Es geht noch lustiger. Wer als geschiedener Elternteil ein Schlafzimmer bereithält für sein Kind, das ihn ein paarmal die Woche besuchen kommt - vergiss es, ab April darf das Kind in der Badewanne oder auf dem Dachboden übernachten, weil es keinen Anspruch mehr auf ein Schlafzimmer haben wird. Gleiches gilt für den vielversprechenden Nachwuchs, der infolge Jobmangels bei der Armee Unterschlupf gefunden hat und nach Ablauf seiner Dienstzeit - sofern er sie überlebt - in sein altes Kinderzimmer zurückkehren will: gestrichen. Nur nicht sentimental werden, meint die Regierung, können wir uns in diesen harten Zeiten nicht leisten, oder halt nur der, der es sich leisten kann, sentimental zu sein; bei Geldstrafe, wie gesagt.
Alle anderen: umziehen, aber flott. Wohin? Keine Ahnung - kleine bezahlbare Wohnungen, auch Sozialwohnungen, sind Mangelware in Großbritannien. Ist aber nicht das Problem der Regierung. Hauptsache bestrafen und irgendwie wegschaffen, den ungewaschenen, nutzlosen Pöbel. Hauptsache weg.
Lebenspartner, die es vorziehen, in getrennten Schlafzimmern zu nächtigen? Wie bitte? Wo kommen wir da hin? Geht gar nicht. Strafe! Kranke Angehörige, die wegen Ansteckungsgefahr, Krankheitsbeschwerden, Atemnot eines eigenen Schlafzimmers bedürfen? Ha, alles Einbildung, alles verwöhntes Luxusdenken, Strafe. Gestresste pflegende Angehörige, die wenigstens nachts ein paar Ruhestunden brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen? Wie, in einem eigenen Schlafzimmer? Geht's noch? Let them eat cake and sleep on the sofa! Ein extra Schlafzimmer für ein behindertes Kind, einen behinderten Lebenspartner? So weit kommt's noch. Lachhaft. Gehört bestraft. Sofort. Spätestens ab April.
Amtlicherseits heißt die Schlafzimmersteuer übrigens 'under occupancy tax', auf deutsch: Unterbelegungsabgabe. Unterbelegt geht im vom Austeritätswahn befallenen Endkapitalismus überhaupt nicht. Unterbelegt ist ein unhaltbarer Zustand, der von nicht ausgeschöpften Kapazitäten kündet, so was hat es gar nicht gern, das marode System. Deshalb fragt das System sich ständig und systematisch, ob da nicht noch was geht? Vielleicht eine Sonderzahlung auf unterbelegte Containerbaracken? Oder auf leerstehende Viehställe?
Oder, noch besser, vielleicht eine Geldstrafe auf unterbelegte Hühnerbatterie-Käfige? Solche mit weniger als zehn Hennen pro Quadratmeter? Wo noch genügend Platz wäre für ... na ja, man wird doch mal laut denken dürfen. Weil, bei der bekannt kostenbewussten Denke von Hühnerbatterie-Käfighaltern, ich meine, die sind doch zu allem bereit, bloß nicht zur Zahlung einer Geldstrafe wegen Unterbelegung, insofern ... gut, kann man ja mal im Auge behalten.
Und wenn alle Stricke reißen und alle Kapazitäten ausgeschöpft sind, gibt es ja immer noch die Straße. Da geht noch was! In britischen Birmingham zum Beispiel, da steigt die Obdachlosenrate um 400 Prozent! Im Monat! Da sind noch Kapazitäten frei! Also bitte. Irgendwie wird sich das Problem schon lösen. Am Ende wird es so aussehen, als habe es sich von selbst gelöst. Ein paar kalte Winterperioden, und gut ist.
Mittwoch, 14. November 2012
Ohne Grenzen
Rockaways, Queens (New York City)
Ärzte ohne Grenzen - wer denkt da nicht an Dritte-Welt-Länder? An wirtschaftlich unterentwickelte Staaten? An medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten? Wo war die nochmal, die sogenannte Dritte Welt? Richtig, in den industriell hoch entwickelten Industriestaaten der sogenannten Ersten Welt. Der hoch entwickelte Kapitalismus schafft es nämlich nicht mehr, in seinen eigenen Krisengebieten die humanitäre Nothilfe samt erforderlicher Koordination und Logistik bereit zu stellen. Vielleicht will er es auch gar nicht schaffen. Vielleicht scheren ihn humanitäre Notstände auf eigenem Boden noch weniger, als man bislang dachte. Jedenfalls fühlt er sich überfordert.
Im Gefolge des Hurrikans Sandy haben 'Ärzte ohne Grenzen' ihr erstes Krankenhaus in den Vereinigten Staaten errichtet. Eine Woche, nachdem Sandy über New York gestürmt war und Elektrizität und öffentlichen Nahverkehr lahmgelegt hatte, eröffneten 'Ärzte ohne Grenzen' befristete Notkliniken in den Rockaways - ein abgelegener Teil von (New Yorker Stadtteil) Queens am Atlantischen Ozean -, um sich um Bewohner von Hochhäusern zu kümmern, die immer noch ohne Strom und Heizung leben und von dem Sturm isoliert wurden.Vom Sturm isoliert wurden? Seit der Sturm die Halbinsel verwüstet hatte, wurden die Bewohner Rockaways nicht vom Sturm, sondern von jeglicher Hilfe isoliert:
Die Situation in Far Rockaways ist entsetzlich und völlig außer Kontrolle. Ans Haus gebundene alte Menschen können ihre Wohnungen nicht verlassen, weil sie keine Treppen steigen können. Sie brauchen Medikamente und ärztliche Versorgung, zusätzlich zu Essen und Wasser. Aus einem der Gebäude wurde gestern ein Leichensack gezogen. Es gibt dort keine National Guard, kein Rotes Kreuz oder sonst irgendeine Organisation für Katastrophenhilfe.- und wer es noch nicht erraten hat, der kann es sich - mithilfe seiner Desasterkapitalismus-gestählten Phantasie - fast denken: Bei den zuerst vom Sturm, dann von offizieller Hilfe isolierten Bewohnern von Rockaways handelt es sich überwiegend um arme, alte, gebrechliche oder kranke, jedenfalls hilfsbedürftige Menschen. Was soll's, um alles und alle kann er sich nun mal nicht kümmern, der hoch entwickelte Kapitalismus. Ärzte ohne Grenzen, übernehmen Sie.
Obwohl. Andererseits ist der Desasterkapitalismus US-amerikanischer Prägung um grenzwertige "einzigartige Lösungen" zur Behebung von katastrophenbedingten Notständen nicht verlegen. Allein in Staten Island (New York) haben über 5.200 Menschen infolge des Sturmes kein Dach mehr über dem Kopf. Nur rund zwei Dutzend von ihnen konnte bislang mit einer Notunterkunft geholfen werden. Wohin mit dem lästigen Rest?
Antwort: Ab in den Knast. Zu irgendeiner Zweitverwertung müssen stillgelegte Gefängnisse ja gut sein, im Kapitalismus, auch wenn diese heruntergekommen, "mit deaktivierter Infrastruktur", also ohne funktionierendes Abwassersystem und Heizung vor sich hin gammeln. Könnte sich um ein zukunftsweisendes Konzept zur "Lösung" des im hoch entwickelten Kapitalismus um sich greifenden Obdachlosenproblems handeln: endlich alle unter einem Dach. Schlecht versorgt, aber unter Kontrolle. Und, nötigenfalls, hinter Schloss und Riegel.
Was will man mehr? Musik, bitte:
Redman's Hurricane Sandy Relief Freestyle
via Animalnewyork
Sonntag, 4. November 2012
Fünf Jahre und ein bisschen Strenge
Fünf Jahre hat Angela Merkel mal eben aus dem Ärmel geschüttelt, am Samstag. Fünf Jahre werde die sogenannte Eurokrise noch dauern. Mindestens, hat sie gesagt. Wo sie das hernimmt? Na, aus ihrem Ärmel. Merkels Ärmel ist jener magische Ort, aus dem Prognosen herausgepurzelt kommen, einfach so. Prognosen, die keiner Begründung bedürfen; und wenn da jetzt ganz hemdsärmelig, schwupp, fünf Jahre herauspurzeln, dann sind das eben fünf Jahre, klar?,
und basta.
Fünf Jahre sind ein ziemlich langer Zeitraum. Innerhalb von fünf Jahren kann ziemlich viel passieren. Zum Beispiel können ziemlich viele Leute verhungern oder erfrieren oder einfach wegsterben, und wenn man Merkel heißt, kann man sich entspannt zurücklehnen und dabei fünf Jahre lang zuschauen, weil, vielleicht hat sich auf diesem Weg die sogenannte Eurokrise bis dahin von selbst erledigt und alles wird gut.
Na ja, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen streng, aber ohne ein bisschen Strenge geht es nun mal nicht, vor allem nicht voran mit der sogenannten Eurokrise. Drum hat Merkel gleich noch "ein bisschen Strenge" aus dem Füllhorn ihres Ärmels geschüttelt. Jetzt, wo klar sei, dass die sogenannte Eurokrise noch mindestens fünf Jahre dauern werde, ließ sie - an ihrem Ärmel zupfend - herauspurzeln, dass jetzt "die Zeit für ein bisschen Strenge gekommen" sei.
Vermutlich will sie damit sagen, dass alle bisherigen Knebelprogramme - strenggenommen - lediglich weicheierige Aufwärmübungen waren, denen nun endlich der eigentliche Härtetest zu folgen habe, klar?, und basta.
Da trifft es sich gut, dass der Winter naht und mit ihm die ein bisschen strengeren Temperaturen- örtlich unter zehn Grad Celsius gefallen -, was immer mehr Kommunen in Griechenland dazu veranlasst, immer mehr Schulen und Kindergärten zu schließen, weil fürs Heizen kein Geld da ist. Was müssen die griechischen Kinder auch zur Schule gehen? Erfrieren können sie genauso gut zuhause bei den Eltern, wo ebenfalls kein Geld fürs Heizen da ist. Wenn nicht dieses, dann halt nächstes oder übernächstes Jahr, wir haben ja fünf Jahre Zeit zum Erfrierenlassen. Härtetest bestanden, basta.
Gut ins Merkelsche Timing passt auch die Entscheidung des deutschen Pharmakonzerns Merck, keine Krebsmedikamente mehr nach Griechenland zu exportieren, weil die dortigen Krankenhäuser zahlungsunfähig seien. Klingt strenger als es gemeint ist, denn schließlich, so der Sprecher des Hauses Merck, könnten die Griechen ja nach wie vor Krebsmedikamente direkt aus der Apotheke beziehen, sofern sie den Kauf aus eigener Tasche finanzieren. Klar? Klar, wozu brauchen arbeitslose oder geringverdienende Griechen auch Krebsmedikamente? Alles, was sie brauchen, ist Austerität aus dem Hause Merkel, gepaart mit ein bisschen Strenge. Wird schon wieder, das mit dem Krebs. Vielleicht nicht dieses oder nächstes, sondern erst übernächstes Jahr. Ihr habt ja fünf Jahre Zeit zum Sterben.
Samstag, 25. August 2012
Im Schwitzkasten des Satans
Rechtzeitig zur demnächst stattfindenden RNC, der Versammlung der Republikanischen Partei (USA) zwecks Nominierung des Präsidentschaftskandidaten, hat der Satan höchstpersönlich Post von den Republikanern (GOP=Grand Old Party) bekommen:

Es handelt sich um ein nett verpacktes Geschenkpaket mit einem Paar Schlittschuhen darin, für den grenzunwahrscheinlichen Fall, dass irgendwann die Hölle zufrieren könnte und der Teufel trotzdem mobil bleiben möge. Der Tag X mit den höllischen Gefriertemperaturen, so geht aus dem Begleitschreiben der Republikaner hervor, werde dann anbrechen,
"... wenn wir aufhören, komplett fucking bescheuertes Zeug daherzureden über Frauen, Latinos, Schwarze, Arme, Homosexuelle und Migranten, und es irgendwie fertigbringen, trotzdem weiterhin gewählt zu werden.Mit freundlichen Grüßen,Die GOP"
Der Teufel staunt nicht schlecht, findet die Schlittschuhe ultracool, befürchtet jedoch insgeheim, dass er sie niemals wird auftragen können, weil er - Realist, der er ist - sich sagt, eher würde die Hölle zufrieren, bevor die Hölle zufriert.
Nun haben sich allerdings im sonnigen Tampa, Florida (dem Austragungsort der RNC) ein paar schlittschuhlaufende Teufel zu Wort gemeldet mit einer wohlmeinenden Message an die Republikaner: Die Männersauna vor Ort - Ybor Resort and Spa, "Tampa Bay's einziger von Schwulen betriebener Privatclub, Erholungsbetrieb und Sauna" - hatte die geniale Idee zu einer einmaligen Promotion; einem Schnäppchenangebot, adressiert an RNC-Delegierte und begrenzt auf den Zeitrahmen des republikanischen Rudeltreffs:

Freier Zutritt zum Club
einschließlich der Nutzung der neuen Sauna
und des neueröffneten Darkrooms "A Shot in The Dark"
Freier Einlass für alle RNC-Delegierten!
Dank der großzügigen Gastfreundschaft der Clubbetreiber sowie der konvenienten Lage des Clubs (unweit der RNC-Location) haben die hartleibigen Hardcore-Sittenwächter der GOP endlich Gelegenheit, sich in gastlicher Atmosphäre zu entspannen von der harten Arbeit des ganzjährigen Minderheiten-Bashings und des unermüdlichen Sicheinmischens in anderer Leute Sexualleben.
Dabei wurde an alles gedacht, um die Hemmschwelle entspannungssuchender Republikaner weitestmöglichst zu senken: Der Club bietet einen diskreten Hintereingang ("back door"), um die Privatsphäre (respektive deren Geheimhaltung) von öffentlich bekannten Delegierten zu garantieren.
Ob die räumlichen Kapazitäten der Ybor Männersauna dem erwarteten Ansturm aus den Republikanerreihen standhalten werden können, ist noch ungewiss. Böse Zungen behaupten indes durch die Hintertür, bei der Republican National Convention handele es sich um nichts anderes als um eine mobile, ganzjährig operierende faschistische Männersauna. Auf Quellenangaben wird aus Gründen der Diskretion verzichtet.
Samstag, 14. Juli 2012
Böses Blut
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Andererseits sind Schwalben nun mal Wetterboten, und wenn der Tag mit goldener Morgendämmerung beginnt, wieviel Sinn hat es dann, den Abend abzuwarten? Wenn bereits tagsüber die Einschläge dichter werden?
Vorgestern hatte eine Multimillionärin, Abgeordnete im spanischen Parlament - rechtskonservativ wäre schmeichelhaft - ihrem Überdruss an den arbeitslosen Menschen im Land Luft verschafft, indem sie zu ihrer Entsorgung aufrief. Sie bediente sich einer Wortwahl, die das geflügelte Wort von Let them eat cake des ausgehenden 18. Jahrhunderts an Verächtlichkeit in den Schatten stellte. Immerhin, dachte ich, hatten sie damals in Frankreich noch eine manierlichere Ausdrucksweise als heute in Spanien.
Sollen sie doch ausgemustert werden, die Armen, die Verlierer, die Erfolglosen, die Geächteten und all diejenigen, die sowieso nicht dazugehören. Man könnte ja schon mal anfangen, ihnen die die medizinische Behandlung zu verweigern, alles weitere erledigt sich dann von selbst, ist ja nur eine Frage der Zeit. Sollen sie doch ausbluten.
Kein griechisches Blut an die "afghanischen Messerschwinger und albanischen Tagediebe", befindet die griechische Neo-Nazi-Partei Golden Dawn in ihrer neuesten Kampagne zur restlosen Säuberung des Landes von Immigranten.
Kein Blut an - Originalton! - "Untermenschen". Mit Untermenschen sind solche "ohne Gewissen, ohne Land, ohne nationaler Kultur" gemeint. Es müssten dringend, so dämmerte donnernd das frischgebackene Parlamentsmitglied, "unverzügliche Maßnahmen eingeleitet werden, um der asymmetrischen Bedrohung durch Millionen unkontrolliert das Land überflutender illegaler Immigranten Einhalt zu gebieten".
Unverzügliche Maßnahmen wurden bereits eingeleitet: In Athener Stadtteilen hängen Plakate, auf denen Griechen aufgerufen werden, ihr Blut ausschließlich ihren griechischen Landsleuten zu spenden. Damit der reinrassige Blutaustausch auch reibungslos funktioniert, soll eine "rein-griechische Blutbank" ins Leben gerufen werden.
Die Partei - die abstreitet, eine Neo-Nazi-Partei zu sein - teilte mit, es sei ihr gelungen, eine solche Blutbank zu etablieren; sie werde betrieben in einem staatlichen Krankenhaus in Athen.
Ganz recht - was sollte daran "Nazi" sein, Rassenreinheit auf dem Weg von Blutspenden anzustreben? Eine griechische Ärztegewerkschaft nannte den Plan "krank, unwissenschaftlich, illegal und rassistisch". Irgendwo habe ich gelesen, Golden Dawn verlange den Nachweis von mindestens sieben "reinrassig" griechischen Generationen im Stammbaum, um in die Partei aufgenommen zu werden. Was sollte daran "Nazi" sein? Ein gewisser Hitler hatte sich mit dem Nachweis arischer Großeltern bereits zufriedengegeben.
Geschichte wiederholt sich nicht. Sie reimt sich nur.(Mark Twain)
Freitag, 13. Juli 2012
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt
Am Mittwoch erklärte der spanische Ministerpräsident Rajoy im Parlament, das Arbeitslosengeld kürzen zu wollen (von derzeit 60 auf 50 Prozent des Bruttogehaltes nach den ersten sechs Bezugsmonaten) und erntete nicht nur spontanen Beifall seiner Parteikollegen, sondern seitens seiner Parteikollegin und Abgeordneten Andrea Fabra auch den sensiblen Ausruf, gemünzt auf arbeitslose Menschen (25 Prozent in Spanien, Tendenz schnell steigend):
"Que se jodan!"
- eine Redewendung, die mit "Sollen sie doch zur Hölle fahren!" nur sehr subtil übersetzt wäre.
Eine kämpferische junge Frau legt nach mit einem geharnischten Rundumschlag, wer oder was ihrer Meinung nach alles zur Hölle fahren sollte. Klare Worte, die auch ohne Spanischkenntnisse unmissverständlich rüberkommen. Bravo.
Samstag, 26. Mai 2012
Hilf dir selbst
... so hilft dir Gott? Falsch. Hilf dir selbst oder fahr' zur Hölle. So muss das heißen im Jahr 2012, wo Griechen eine Lösung für ihre aussichtslose Lage finden, indem sie sich von Dächern stürzen oder sich auf öffentlichen Plätzen die Kugel geben. Manchen ist das zu radikal, die ziehen die Selbsthilfe via Müllcontainer vor, um Essbares fürs Überleben zu finden, oder setzen ihre Kinder aus, weil sie sie nicht mehr ernähren können.
Hilf dir selbst oder fahr' zur Hölle - der neueste Slogan aus dem Hause IMF und aus dem Mund dessen geschäftsführender Direktorin, Christine Lagarde.
"Ich denke, sie (die Griechen) sollten sich selbst gemeinsam helfen," sagte Frau Lagarde.
Herzlos? Aber woher denn. Frau Lagarde hat ein großes Herz, dem sie Luft macht, indem sie mitteilt, dass ihre Sympathien eher den sozial benachteiligten Kindern Afrikas gelten als den notleidenden Menschen in Griechenland:
"Ich denke viel mehr an jene kleinen Kinder einer Schule in einem kleinen Dorf im Niger, die zwei Stunden Unterricht am Tag erhalten, sich zu dritt einen Stuhl teilen und sehr bildungshungrig sind. In meinen Gedanken bin ich die ganze Zeit bei diesen Kindern."
An diesen Kindern möchten sich die Griechen doch bitte mal ein Beispiel nehmen, findet Lagarde. Die tun was. Die jammern nicht bloß herum. Warum muss Lagarde dauernd an die armen Kinder Afrikas denken?
"Weil ich denke, die brauchen mehr Hilfe als die Leute in Athen."
Ist das nicht herzzerreißend? Spricht das nicht jedem verarmtem Griechen aus der Seele, wenn ihm der IMF beisteht und sagt, es gäbe Schlimmeres als abgegraste Mülltonnen und dem Hunger überlassene Kinder?
Wenn Kinder hungern, müssen - wer sonst? - die Eltern an die Kandare genommen werden. Schließlich sind Eltern verantwortlich für ihre Kinder. Egal, wer dafür verantwortlich ist, dass in Griechenland gehungert wird.
In schroffen Worten - schroffer denn je während der zweieinhalb Jahre währenden Schuldenkrise - erklärt sie, griechische Eltern müssten die Verantwortung dafür übernehmen, wenn ihre Kinder unter den Haushaltskürzungen zu leiden hätten.
Im Klartext: Verantwortungslose Eltern sind schuld, wenn ihre Kinder hungern. Könnten ja etwas gegen das Leid ihrer Kinder tun, diese Eltern, nicht wahr? Aber sie tun es einfach nicht, und deshalb sind sie verantwortungslos. Tun was nicht?
"Eltern müssen eben ihre Steuern bezahlen," sagt sie.
Tja, Frau Lagarde, wenn das so einfach wäre mit dem Steuernzahlen. Dafür braucht man Geld, wissen Sie? Und für Geld braucht man wiederum einen Job, schon was davon gehört? Okay, Frau Lagarde denkt halt, wer in Mülltonnen nach Essbarem wühlt, der macht dies mit dem infamen Hintergedanken, auf diesem Wege Steuern zu hinterziehen.
Und deshalb findet Frau Lagarde, den Griechen müsste mal wieder ordentlich aufs Maul gehauen werden. Damit sie endlich zur Vernunft kommen, diese verantwortungslosen, untätigen, immer nur die Hand aufhaltenden Griechen, die ihren Hintern einfach nicht hochbekommen und sich an den Mülltonnen des Landes einen schönen Tag machen. Statt endlich mal die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Auf geht's, Selbsthilfe, wird's bald?
Wird schon, Frau Lagarde, keine Sorge. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, sich so bald wieder in Athen blicken zu lassen, weil, dort könnten Sie von zur Selbsthilfe schreitenden Griechen die Prügel einstecken, die Sie derart marodierend austeilen.
Apropos Selbsthilfe.
Die treibt aktuell reiche Blüten in Griechenland. Der Tag wird kommen, wo diese kreative, solidarische, gemeinschaftlich organisierte Form der Selbsthilfe denunziert werden wird - von Leuten des Schlages Lagarde, die den Griechen den Höllentrip an den Hals wünschen - als Schattenwirtschaft, Schwarzmarkt und kollektiv organisierter, bösartiger Auswuchs von Steuerhinterziehung:
Aus dem Tränengasnebel in Syntagma Square tauchte ein neue Bewältigung der Krise auf. Es handelt sich weder um Wohlfahrt noch um christliche Nächstenliebe, sondern um praktizierte Solidarität.
Nennen Sie es, wie Sie wollen, Frau Lagarde.
Wir nennen es wachsenden Widerstand.
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Dienstag, 7. Februar 2012
Moderne Eiszeiten
Vielleicht ist es ja einfach nur dieser endlose Winter.
Mit seiner spezifisch deutschen Kälte.
"Merkel demands action...""German Chancellor Angela Merkel told Greece Monday to make up its mind fast on accepting the painful terms for a new EU/IMF bailout...""Speaking in Paris, Merkel expressed the exasperation spreading among euro zone leaders at seemingly endlless arguing in Athens that has yet to produce a definitive acceptance of the austerity...""Merkel made clear that her patience was wearing thin on a deal...""In a fresh sign of mistrust, the German leader said...'We want Greece stay in the euro," - but! - 'I want to make clear once again that here can be no deal if the troika proposals are not implemented...they are on the table...something needs to happen quickly...'"
Griechenland soll jetzt bitte gefälligst spuren (Merkel: "Die Zeit drängt!") und noch dieses Jahr 15.000 staatliche Jobs streichen (cut) sowie bis 2015 weitere 150.000 Menschen auf die Straße setzen (cut), und das, wo die gesamte griechische Bevölkerung aus kaum mehr als 10 Millionen Menschen besteht. Egal, Greece is to cut..., wie es auf Troika-Sprech immer heißt, und also to be cut sind die Mindestlöhne und die Renten und, wenn das so weiter geht, vermutlich auch die Hälse jener Politiker, die sich Merkels rhetorischer Kaltfront beugen.

Aber was ist schon ein Frösteln im Vergleich zum Frieren. Erbärmliches, bitterkaltes Frieren an Herz und Hirn beim Lesen propagandistischer Zeilen vom 05. Februar, dass nämlich Angela Merkel "traumhafte Zustimmung im Volk genießt" (Kälteschauder), ja, sie ist "die Königin Europas" (Gänsehaut), denn "die Wähler spüren, dass Angela Merkel eine Position der Stärke mit Fingerspitzengefühl statt Brachialgewalt erworben hat" (akuter Frostbeulenbefall), nur müsse sie halt "in Europa unglaublich aufpassen, denn wenn Berlin Stärke zeigt, sind alte Urteile, die keineswegs nur Vorurteile sind, wieder da" (anhaltender Kälteschock).
Es muss wohl der anhaltende Kälteschock gewesen sein, der wütend protestierende Griechen heute in Athen dazu veranlasst hat, die deutsche Flagge mitsamt einer Hakenkreuzflagge unter lautem "Nazi!"-Sprechchorgesang zu verbrennen.
Der Kälteschock wich einer sich fast taub anfühlenden Gefrierstarre bei der Lektüre eines amerikanischen Blogs, dessen Autor kürzlich in Deutschland weilte, dort die Gelegenheit hatte "to meet with and question senior members of economics establishment within the German government and the broader German intelligentsia" und aus diesen Treffen ziemlich verärgert ("quite chagrined") hervorging, was seiner Zusammenfassung der gewonnenen Eindrücke deutlich anzumerken ist, wofür er sich vorab entschuldigt ("my apologies if the below evidences some degree of frustration"), um dann das vorzutragen, "what appears to be the pretty universally held German policy position":
"Yes, yes, we studied Brüning and the deflation of the early 1930s that you say really brought about the National Socialism that nearly destroyed us and resulted in global horror, but we nevertheless attribute the trouble to the Weimar inflation.Don't blame us for being incredibly productive and economically abstemious, we can't help it if we make the best cars and everyone wants to buy them. And it is not our fault that the countries of the periphery are unproductive anachronisms that make nothing anyone wants to buy at the prices they want to sell their goods for.There will be no exiting of any country from the Euro System. The System was only designed as part of a continuum leading to the full unification of greater Germ-...uh...Europe.But we are not yet in a position to support transfer of national authorities, we Germans are not prepared to surrender national sovereignty (but we really think that the suggestion for installing an Oberführer to supervise Greece was a nifty idea and aren't sure why it got people so upset).Finally, we believe in the written word - in law and in treaty. We can make more promises to each other and - unlike the last two times - we can this time honor them. Why do you doubt that?"
Eine Art German common sense, der, so der Autor, den Grundstein lege für das lauthals geführte deutsche Plädoyer für 'expansiven Sparzwang' ("expansionary austerity") ohne Rücksicht auf Verluste, Flächenarmut und Massenobdachlosigkeit.
Abgerundet wurde der unerfreuliche Zustand chronischer Unterkühlung dann durch die neueste Schlagzeile aus der griechischen Zeitung Kathimerini:
"Funds found to help Greece's homeless"(Ein Fonds wurde gegründet, um Griechenlands Obdachlosen zu helfen)"Greece is to spend 800.000 euros on housing and feeding homeless people amid concern about the growing number of people living on the streets of Athens and Thessaloniki in wet and cold conditions."
Kommentar von zerohedge:
"Forget farce. Forget tragicomedy. Frankly, we are out of words to describe what is happening in Greece, Europe, and, actually - the world.Actually, we are still out of words."
Mir geht es ebenso: Ich bin sprachlos. Mir fehlen die Worte ob der alles gefrierenden, schneidenden Kälte der Ereignisse und der Schlagzeilen. Vielleicht leben wir bereits in einer neuen Eiszeit, wissen es nur noch nicht. Vielleicht kommt aber auch bald der Frühling. Weil, mir geht da so ein heiteres Frühlingslied durch den kaltgefrorenen Kopf:
Sonntag, 5. Februar 2012
Protest, eiskalt serviert
Mit minus sieben Grad war es gestern in Frankfurt bereits klirrend kalt, aber es geht noch kälter, zum Beispiel in Stockholm, Schweden: Dort herrschten am Samstag minus 20 Grad; Temperaturen, die über tausend Stockholmer nicht davon abhielten, für ihr Recht auf Meinungsfreiheit auf die bitterkalte Straße zu gehen, um der von langer Hand und hinter verschlossenen Türen geplanten Internetzensur-Gesetzgebung ACTA den Kampf anzusagen.

In ganz Schweden waren es über 10.000 Menschen, die der Kälte und dem Zensurvorhaben trotzten.
"It takes hard work, it takes tons of activism, but we know exactly what to do and how to do it, and most importantly: we know that we can win.As the rally concluded, everybody was determined to win this fight, having heard the clear message that it takes work but is perfectly doable."Rick Falvinge von der schwedischen Piratenpartei
Worte, die zuversichtlich stimmen für den kommenden Samstag, den 11. Februar:

"Just look at this map. I've never seen anything like it in terms of people all across Europe demanding their freedom of speech and being angry against backroom corporativist deals that steals their most basic civil liberties."
In Polen, wo die europäischen Proteste ihren Anfang nahmen, rudert Premierminister Tusk bereits beflissen zurück:
"Following the growing protests about ACTA in Europe, as well as signs of US meddling, Poland's prime minister is making it clear that Poland will not ratify ACTA for the time being, leading to speculation that the EU may not actually join ACTA."
- und wer sich fragt, wieso Tusk dem ACTA-Abkommen im Vorfeld zugestimmt hat, ihm nun jedoch plötzlich ablehnend gegenübersteht, dem liefert der wendige Pole eine windige Antwort:
"I share the opinions of those who from the beginning said that consultations were not complete", Tusk said, according to a report in Wirtualna Polska. The 54-year-old prime minister added that a Polish rejection of ACTA is now on the table, and admitted that he had previously approached the agreement from a "20th century" perspective, due to his age."
Aha. Im hohen Alter von 54 Jahren, so Tusk, sei er halt irgendwie in der Denkart des 20. Jahrhunderts hängengeblieben, habe den Schuss vor den Bug der Meinungsfreiheit nicht gehört und darum - frühvergreisungsbedingt - dem in politischen Hinterzimmern ausgemauschelten Zensur-Coup zugestimmt.
Und dabei völlig übersehen, dass man zum kritischen Denken und zum Protest - auch auf offener, bitterkalter Straße - niemals zu alt ist.
Hey, Tusk, alter Schwede!

Sonntag, 29. Januar 2012
Kalte Grüße aus Davos
"People will accept austerity if we also talk about growth."
Helle Thorning-Schmidt, dänischer Premierminister,zur Zeit in Davos(Die Leute werden es schon schlucken, wenn wir sie noch tiefer in die Armut stoßen, solange wir ihnen gleichzeitig etwas von Wachstum erzählen.)
Donnerstag, 8. Dezember 2011
Winterreise
Welcome to Occupy Anchorage, Alaska.

Was dem einen sein Iglu, ist dem andern sein Zelt.

Alles paletti.

Alles Türklinke oder was.

Alles trocken.

Alles warm.

Alles sturmfreie Bude.

Welcome to Occupy Frankfurt, Germany.
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Donnerstag, 1. Dezember 2011
Pfft
Heute abend hat mich der Zufall in eine Fraktionssitzung der Linkspartei im Frankfurter Römer gespült: eine "informative" Einladung an uns, mal ein bisschen aus dem occupyfrankfurt-Nähkästchen zu plaudern. Wir waren zu fünft, gutgelaunt, vertilgten Unmengen von Keksen, fingen an zu plaudern, und die Fraktionslinken staunten Bauklötze über den frischen Wind, der da plötzlich durchs Parteibüro wehte.
Wie wir das bloß schafften, wollten sie wissen, innerhalb weniger Wochen so einen gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung zu bekommen - wo wir doch "irgendwie" und "eigentlich" ziemlich "unkonkret" in unserer "Zielsetzung", erst recht in unseren "Forderungen" seien. Tja. Was soll man dazu sagen? Vielleicht, brummte ich, läge es ja gerade daran, dass wir so unkonkret seien und eben keine Forderungen in die Welt posaunten. Hm, meinte die Linksfraktion, hm.
Weil, die Linkspartei leidet nämlich unter Mitgliederschwund und denkt womöglich, das habe irgendwas mit ihren Forderungen zu tun. Wir dagegen hängen einfach so vor der EZB rum, haben keine Forderungen und dafür irren Zulauf. Was ja irgendwie ungerecht ist, und wäre ich die Linkspartei, würde mich das auch wurmen. Weshalb ich ganz froh bin, nicht in der Linkspartei zu sein, sondern gutgelaunt drauflosquatschen zu können mit ein paar anderen gutgelaunten Kumpels vom Camp. Und endlich mal wieder auf eine anständige Toilette zu können.
Das Klopapier war kratzig, aber die Schokobrezeln waren gut und die Kaltgetränke gratis.
Danach hat es mich weiter gespült zur Podiumsdiskussion mit Oswald Metzger. Auch irgendwo im Frankfurter Römer, aber in einem schniekeren Department. Aalglatt, der Typ, und sehr gerissen. Muss man wohl sein, wenn man es von der SPD über die Grünen in die CDU geschafft hat. Die Occupy-Podiumstypen - mit Jackett und so - schlugen sich nicht schlecht, aber die Fragen aus dem Occupy-Publikum waren um Längen besser.

Einer forderte den Oswald auf, doch mal Stellung zu nehmen zur wachsenden Armut, was den Oswald zu langatmigem Geschwalle veranlasste über den Unterschied zwischen Einkommensgleichheit und Chancengleichheit, nach dem ihn keiner gefragt hatte. Darauf aufmerksam gemacht, schwallte der Oswald weiter über die - aus seiner Sicht - erfreulich positiven Erwerbstätigenstatistiken und die unerfreulich hohen Transferzahlungen an die Erwerbslosen. Er redete nicht über Armut, sondern über Zahlen. Schwer erträglich. Ich ging aufs Klo.
Das Klopapier war seidenweich und vierlagig, aber das Achtel Rotwein kostete 2,50 Euro und zu essen gab es nichts.
Wie ich das Ganze gefunden habe, fragte mich einer beim Rausgehen, und ich brummte: Pfft. Ich hätte nichts dagegen, brummte ich weiter, solche Typen wie den Oswald zum Podiumsgespräch einzuladen, aber nächstes Mal bitte nicht in einen sterilen, geheizten Sitzungssaal im Römer, sondern ins Camp. In unser ungeheiztes Sitzungszelt, da, wo immer die Asamblea stattfindet und allabendlich die Fetzen fliegen, weil keiner ein Blatt vor den Mund nimmt. Und wo die Occupy-Typen mit dick wattierten Anoraks in ausgefransten Sperrmüllsesseln rumhocken. Dem Oswald könnten wir ja eine warme Wolldecke anbieten, und ich, brummte ich, würde ihm sogar meine Wärmflasche ausleihen. Und dann könnten wir in aller Ruhe und Kälte mal über Armut diskutieren.
Pfft.

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