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Dienstag, 19. November 2013

Wir tun was


Wer gedacht hat, an der Qualitäts-Bullshit-Front wäre jetzt erst mal für eine Weile Ruh', der hat falsch gedacht. Hier kommt ein Stück ausgereiften Premium-Bullshits vom Allerfeinsten, frisch serviert von der amerikanischen Firma Walmart.

Zur Erinnerung: Das Unternehmen Walmart hat einen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar und machte im letzten Jahr 17 Milliarden Dollar Profit.

Und damit zum premiumverdächtigen Bullshit des Tages - der neueste Coup jenes Lebensmittelkonzerns, der bekannt dafür ist, seinen Angestellten weniger Lohn zu bezahlen als zum Überleben erforderlich ist:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel zu spenden. 
Eine Meldung, die das Bullshit-o-Meter bereits heftig ausschlagen lässt - weil, wieso schreitet der Lebensmittel-Handels-Milliardär nicht selbst zur Tat und spendet Lebensmittel? Er hat doch wohl genug? Sowohl Lebensmittel als auch Geld, um sich eine karitative Spendenaktion im großen Stil leisten zu können? Ist das nicht Grund genug, sich tierisch aufzuregen? Nö.

Und zwar deshalb, weil es, einerseits, zwar zunächst eine ärgerliche Meldung ist, andererseits als Meldung lediglich Bullshit mediokrer Qualität repräsentiert - wozu sich über Standard-Kuhmist aufregen? Wo wir doch beschlossen haben, uns nur noch über echten Premium-Bullshit aufzuregen? Also nur noch dann, wenn die Bullshit-Tachonadel im obersten Segment zittert? Voilà:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Hey, da bebt die Tachonadel, da rockt die Kuhmist-Orgel in den höchsten Tönen! Können wir den Bullshit mal kurz rückübersetzen? Klar doch:
Walmart fordert seine unterbezahlten Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere, noch schlechter bezahlte Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Habe ich zu viel versprochen? Da lacht das Herz des high-end-Bullshit-Liebhabers! Wie, hat einer den Qualitätswitz nicht verstanden? Okay, zum Mitschreiben: Walmart, "America's real welfare queen" (wie übrigens auch McDonalds), bietet seit einiger Zeit eine firmeninterne telefonische Hotline an, wo die eigenen Mitarbeiter fachkundig beraten werden, wie sie einen Antrag auf food stamps (steuerfinanzierte Lebensmittelmarken für unter der Armutsgrenze lebende Menschen) zu stellen haben, um von ihrem Walmart-Hungerlohn nicht zu verhungern.

Und weil die Walmart-Mitarbeiter trotz food stamps und wegen Hungerlohns nicht satt werden, öffnet der Handelsgigant sein großes soziales Herz und ruft seine hungernden Mitarbeiter auf, ihren hungernden Kollegen mit einer Lebensmittelspende unter die abgemagerten Arme zu greifen. Imagekampagne, you know, à la 'Wir tun was für unsere notleidenden Mitarbeiter', also, um genau zu sein, nicht wir, nämlich der Walmart-Konzern, sondern die mittleren Walmart-Sklaven-Galeeren tun was für die armen Schlucker im untersten Sklavendeck.

Doch halt! Noch vibriert die Bullshit-Tachonadel nicht im wirklichen Premiumsegment. Da geht noch was - der saisonale Emo-Hyperbonus:

via twitter #WorkingAmerica

Thanksgiving! Das traditionelle amerikanische Familienfest Ende November, wo sich alle zum opulenten Truthahn-Dinner treffen! Wo keiner ausgeschlossen sein soll, wo alle mitfeiern, miteinander essen, trinken und für ein paar gemütliche Stunden im Familienkreis ihre Alltagssorgen vergessen sollen! Geht das ans Herz?
Bitte spendet Lebensmittel, um notleidende Kollegen in den Genuss eines Thanksgiving Dinner kommen zu lassen
Und wie das ans Herz geht. Und genau hier, Freunde des herzzerreißenden social marketing, liegt der Hund begraben, nämlich der Top-Premium-Bullshit-Faktor: Kürzlich hat nämlich der big social player Walmart entschieden, seine Filialen am Thanksgiving-Feiertag bis in die späten Abendstunden zu öffnen, damit alle, wirklich alle, selbst die schlechtestbezahlten Verkäufer im untersten Deck in den Genuss eines angemessenen Thanksgiving-Feelings kommen. 
Cold turkey, anyone?
Walmart verteidigte seine (Spenden)Aktion als einen Bestandteil seiner "Unternehmenskultur" der Nächstenliebe: "Wir sehen diese Aktion als ein Element der Unternehmenskultur, dass Kollegen sich untereinander solidarisieren und sich um diejenigen kümmern, die als extreme Härtefälle betroffen sind."
Yeah, Nächstenliebe. Sweet charity, God bless your souls.
Das war's für heute. Mehr Premium-Bullshit geht nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.

Montag, 18. November 2013

Demütiger Dank den tatendurstigen Triebtätern


Wenn nicht alles täuscht, hat sich am heutigen Montag der Übergang vom Kapitalismus in den Feudalismus vollzogen. Also, jetzt mal so expressis verbis. Weil, wirklich neu ist die Erkenntnis ja nicht, dass der modernen, aufgeklärten Form von Skaverei immer mehr Reize abgewonnen werden; schließlich lässt sich mit schlecht oder gar nicht bezahlter prekärer Arbeit, gern auch unter Zwang verrichtet, ein Haufen Geld verdienen. Man muss es halt nur den unwashed masses attraktiv verkaufen, und genau dies wurde heute vollzogen, in Gestalt eines Artikels auf der ersten Seite des britischen Telegraphs.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson gab sich die Ehre:

Als Autor läutete er quasi offiziell den Anbruch des neuen feudalistischen Zeitalters ein, nachdem inzwischen die ollen neoliberalen Propaganda-Kamellen nicht mehr so richtig ziehen. Ab sofort, befahl Johnson den dauernörgelnden Untertanen, sei das notorische Bashing der Superreichen einzustellen:
"Die Leute müssen aufhören, auf die Superreichen einzuprügeln."
So gehe das nicht weiter, befand der Bürgermeister. Völlig verkehrtes Feindbild. Die Reichen seien keine Bösewichter, sondern Helden.
What the eff, Helden? Richtig:
"Sie (die Superreichen) sind die steuerzahlenden Helden."
Als solche verdienten sie Besseres als pausenlos beschimpft zu werden; vielmehr gehörten sie "bejubelt", ja "verehrt", mehr noch: Sie gehörten quasi
"... automatisch in den Adelsstand erhoben"
- statt, so Johnson weiter, "wie eine unterdrückte Minderheit" behandelt zu werden. Wie, unterdrückt? Ja. Doch. Johnson findet, die schwer bedrängte Minderheit der Superreichen sei "vergleichbarem Druck ausgesetzt wie die Minderheit der Obdachlosen", die ebenfalls ständig unter bösartigen Diskrimierungen zu leiden habe. Er, "als Bürgermeister von Amts wegen Freund und Helfer aller Minderheiten", werde es darum nicht länger tolerieren, wenn die superreiche Minderheit in einer Tour wie ein Außenseiter behandelt und schlecht gemacht werde.

Eindringlich ermahnte er das undankbare Volk, sich vor den heldenhaften superreichen Wohltätern untertänigst auf die Knie zu werfen, im Staub zu kriechen und ihnen das einzige Feedback zu geben, was diese tatsächlich "verdienten":
"Demütigen, von Herzen kommenden Dank."
Demut, Dank, what the effing eff? Wofür nochmal?
"... für deren unermüdliche, wollüstige Energie und schieren vermögensbildenden Tatendrang."
Hat er gesagt. Genau so. Alles im O-Ton nachzulesen. Im Telegraph.

Keine Ahnung, wie das zusammengestauchte, ausgeplünderte Inselvolk auf die Standpauke von oben reagiert. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass der eine oder die andere es nicht ungern sähe, wenn aus den geschmähten wollüstigen Neo-Feudalherren tatsächlich eine unterdrückte, verfolgte Minderheit würde; die erforderliche Infrastruktur ist im Norden Englands (Northumberland) vorhanden, in gut erhaltenem Zustand.

Wie sonst sollte man auf eine derart offene Kriegserklärung angemessen reagieren? Etwa strikt sachlich? Gut, von einigen britischen Bloggern wurde der Johnson'sche Ausfall nach Strich und Faden argumentativ zerpflückt; Scriptonite Daily zum Beispiel hat den feudalistischen Neusprech einem profunden Reality Check unterzogen. Das ist verdienstvoll, trifft jedoch, scheint mir, nicht den adäquaten Ton angesichts eines propagandistischen Großangriffes, den es (meines Wissens) in dieser unverblümten Form noch nicht gegeben hat.

Mir selber blieb jedenfalls vor Abscheu die Spucke weg.

Ein anderer hat seine gefunden und dagegen gehalten:

Laut. Zornig. Derb. Unsachlich. Adäquat.

The Artist Taxi Driver:



Mittwoch, 31. Juli 2013

Hartz V für alle


Es ist still geworden um P. Hartz. In Deutschland hat sich der Erfinder der Hartz-Reformen rar gemacht; jahrelang gab er kein Interview. Doch nun bricht der Erfinder von Hartz IV sein Schweigen - und spricht zu den Franzosen.
In wohlmeinender Absicht.
Er wolle Präsident Hollande keine Lektionen erteilen.
Nur ein bisschen nachhelfen.
Jedes Land müsse sich selbst reformieren.
Schließlich sei Deutschland kein Export-Modell, und Hartz IV sei nun mal Hartz IV, das mache den Deutschen so schnell keiner nach, und wenn überhaupt, dann habe Europa, allen voran Frankreich, etwas Besseres, ähm, Neueres, ähm, Deutscheres, ähm, also, einfach was ganz anderes verdient:
... skizziert er ein Hartz V-Programm gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa.
Es geht voran. Deutschland geht voraus. 
Die jugendlichen Arbeitslosen sollen Sprachkurse erhalten, damit sie Jobs in einem anderen EU-Land (vermutlich Deutschland) annehmen können.
Deutschland, der kommende Export-Import-Weltmeister, möchte schließlich auch was abhaben vom großen europäischen Kuchen Jugendarbeitslosigkeit. Kommet her, ihr Jungverzweifelten, wie bieten euch eine Perspektive.
Doch die "Europatriatres", wie sie Hartz nennt, sollen nicht etwa selbst frei wählen.
Freizügigkeit? Als Perspektive? Für wen?
Vielmehr sollen die Unternehmen sich die benötigten Jugendlichen aussuchen - auf Grundlage einer gigantischen Datenbank, die "Big Data" auswertet.
Na endlich wird die ganze Ausspionier-Obsession einem guten Zweck zugeführt. Jetzt muss nur noch die Finanzierungsfrage geklärt werden.
Finanziert werden soll das gigantische Programm durch neue "Bildungs-Zertifikate" -
- gigantische Idee. Wer gibt die neuen Wertpapiere aus? Kann man überhaupt so dumm fragen?
- die die Banken ausgeben und die Staaten garantieren sollen.
Ah ja, natürlich, die Banken und Staaten. Alles unter einem Dach. Das hat Zukunft, das wird sich rechnen.
Nach einer Weile könnte sich daraus ein neuer Markt entwickeln, so Hartz.
Ein gigantischer neuer Markt für arbeitslose europäische Jugendliche.

Hartz V für alle.
Jobs für jeden.
Wir erschließen neue Märkte.
Krise als Chance.
Deutschland über alles.

Verarscht euch doch selber.

Montag, 6. Mai 2013

Von nichts kommt nichts



Nur wer arbeitet, soll auch essen. Nichts Neues aus dem satten Mund ehemaliger deutscher Arbeiterparteien. Nutzlose Schnorrer durchzufüttern kann (will) sich dieses System nicht leisten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sonst kommt die Jugend noch auf dumme Gedanken, wenn die Eltern ungestraft auf der faulen Haut liegen.

Neu ist, dass die martialische Moralpauke den Heranwachsenden bereits im frühen Kindesalter eingebleut werden soll. Aufgepasst, Kinder: There is no free lunch (deutsch: Nichts gibt es für umsonst). Oder habt ihr etwa gedacht, wir füttern euch mit kostenlosem Schulessen durch, bloß weil eure nutzlosen armen Eltern kein Geld haben, um euch die hungrigen Mäuler zu stopfen? Nope, könnt ihr euch abschminken, because, you know, there is no free lunch, schließlich geht ihr in die Schule, um dort fürs Leben zu lernen.
"Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir die Kinder für ihr Mittagessen arbeiten lassen: den Müll raustragen, die Treppenhäuser schrubben, den Rasen mähen - bringt ihnen bei, es (das Schulessen) sich zu verdienen. Wenn sie kein Mittagessen kriegen, werden sie in jener Nachmittagsklasse eben nicht lernen zu rechnen, sie werden nicht lernen, wie man einen Satz richtig aufbaut, sondern sie werden eine viel wichtigere Lektion lernen."
- nämlich die Lektion, dass das Versorgtwerden mit "free lunches" die "Arbeitsmoral" der Kinder verderbe und ihnen suggeriere, man "könne auf die leichte Tour" durchs Leben kommen; Zucht und Ordnung halt, kennt man ja.


Sowie - ganz wichtig - die systemerhaltende Lektion: Wer arm zur Schule geht, kommt auch arm wieder aus ihr heraus, denn das Kind armer Eltern hat frühzeitig gelernt, dass die Berufsbilder Hausmeister oder Putzfrau ihm auf den Leib geschneidert, hingegen Fähigkeiten wie Rechnen oder Schreiben für seinen Lebensweg entbehrlich sind.


Überdies lernt das Kind fast spielerisch die harte Lektion des Verdrängungswettbewerbes und der Ellbogenmentalität, denn irgendjemandem nimmt das schuftende Kind ja den bezahlten Job weg - und sei es den eigenen Eltern, die bislang als Hausmeister oder Putzfrau das wenige Geld verdient haben, von welchem sie ihren Kindern nicht genug zu essen finanzieren konnten. So bleibt quasi alles in der Familie.


Seinen Ordnungsruf wollte der republikanische Abgeordnete keinesfalls als "Bestrafungs-", vielmehr als "Erziehungsmaßnahme" verstanden wissen. Sollten die schlechterzogenen, verwöhnten und verweichlichten Kinder armer Eltern auf die innovative Erziehungsmaßnahme nicht anspringen, bleibt ihnen immer noch der Lebensweg in ein - sicherlich bald wieder in Mode kommendes - Arbeitshaus offen, wo von Armut betroffene Menschen aufgenommen und damit aus der Öffentlichkeit entfernt werden.

Die Umwandlung herumziehender Bettler in wirtschaftlich verwendbare Untertanen sollte durch Methoden der Arbeitserziehung erreicht werden.
Hat der republikanische Abgeordnete so nicht gesagt.
Aber mit Sicherheit gedacht.


Mittwoch, 1. Mai 2013

Mucke zum Aufmucken


Bereits gestern hatte er sich angekündigt, und nun ist er also da, der erste Mai, und mir ist so nach Feiern, irgendwie.

Zum Feiern gehört was Anständiges zu trinken und eine gute Grundlage, also was Fettes, zu essen, also was Anständiges vom Grill und natürlich, ganz wichtig, eine anständig fette Musik, und wer das alles unproletarisch findet, kann mir mal gestohlen bleiben, zumal am ersten Mai.

Nur, wo kriege ich fette Musik um ersten Mai her? Nicht ganz einfach. Soll ja irgendwie international sein, aber eben auch lustig und vor allem groovig, weil, man will ja dann auch anständig abtanzen, weshalb das hier schon mal ein Griff in den - wenn auch international korrekten - Eimer war.

Hab' dann ein bisschen geguckt, wie andernorts gefeiert wird. In Spanien zum Beispiel, wo der erste Mai El Dia del Trabajador genannt wird, also der 'Tag des Arbeiters', haben sie den Feiertag zu Ehren des Arbeiters sehr konsequent und mit viel Sinn fürs Absurde umgesetzt:


- weil, was ist schon ein Arbeiter gegen 6.202.700 arbeitslose Menschen? Kein Wunder, dass der Rest der Spanier dem solidarischen Grillen frönte, weil ihnen alles andere an diesem Tag als reichlich absurd erschien.

Apropos absurd. Und damit zurück zu meiner dem Feiertag angemessenen Musiksuche. Ich hab' schließlich was ganz Tolles, Fettes, Anständiges, Lustiges, Grooviges, Tanzbares gefunden: Mucke aus Apsurdistan. Apsurd ist bosnisch für 'absurd', ist also international leicht verständlich, und Apsurdistan steht nicht etwa nur für Bosnien, sondern ebenso für den durchgeknallten Rest der Welt. Schwer völkerverständigend also. Auf dem Album Apsurdistan gibt es einen Song Prvi maj (erster Mai auf bosnisch), gesungen und gespielt von Dubioza Kolektiv, und wem allein schon dabei - einem dubiosen Kollektiv aus Absurdistan - nicht das Herz lacht und die Schuhe anfangen zu qualmen, dem ist nicht mehr zu helfen.



Prvi maj ist ein fulminanter musikalischer Aufruf zu solidarischem, sinnlichem, ausschweifendem Miteinanderfeiern - "Kein Tränengas, kein Schlagstock, wir lassen uns von der Politik nicht das Feiern verderben", "der Duft von Gegrilltem kitzelt die Nasen", flankiert von "miteinander kämpfenden Pflaumenschnapsflaschen", "niemals lassen wir uns versklaven, unerschrocken feiert ein Kumpel mit dem anderen", "wer fragt nach Klassenkampf, Revolution und Pariser Commune, hier sind zehn Grillwürste zum gerechten Aufteilen!"


Auf den sensationellen Act bin ich übrigens gestoßen bei meinem Lieblingsbulgaren Todor Ovtcharov, selbsterklärter "Low-Life Experte", in Österreich lebend, sich dort über alles mögliche wundernd und darum öfters Zuflucht nehmend zur lebensfrohen Kultur des Balkans. Ovtcharov schließt mit einem Aufruf zum ersten Mai, dem ich mich vollumfänglich anschließe:
Proletarier aller Absurdistans, vereinigt euch!

Sonntag, 7. April 2013

Schöne neue Klassengesellschaft


Die Meldung ließ zunächst Schlimmstes befürchten. Kam sie doch aus Großbritannien, wo seit dem 1. April 2013 ein flächendeckender, von langer Hand vorbereiteter sozialer Kahlschlag sondergleichen stattfindet.

Wird also aus einem Land wie Großbritannien gemeldet, die herkömmliche Verschubladisierung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht sei obsolet, weil empirisch nicht mehr vorfindbar, wird jeder, der sie noch halbwegs alle hat, denken: Aha, der Mittelschicht hat das Todesglöcklein endgültig geschlagen, von nun an gibt es nur noch ein Oben (schmal) und Unten (breit), so wie irgendwann mal früher, als die Dinge noch übersichtlicher waren. Zurück zur guten alten Zweiklassengesellschaft, wird er erleichtert aufatmen - uff!, endlich Schluss mit den ganzen soziologischen Verrenkungen und hirnverbrannten Wortneuschöpfungen, erfunden einzig zu dem Zweck, nicht mehr 'Unterschicht' sagen zu müssen.

Also keine Mittelschicht mehr, nirgends, ja, darf das denn wahr sein? Nein, darf es natürlich nicht. Wenn es also der alten Mittelschicht an den Kragen geht, muss dringend eine neue Mittelschicht erfunden werden, damit die Mittelschicht nicht denkt, es ginge ihr an den Kragen. Und weil bei der Mittelschicht nichts die Alarmglocken so heftig schrillen lässt wie das Stichwort Zweiklassengesellschaft, musste flugs ein neues Schubladensystem her, nämlich die - Tusch! -Siebenklassengesellschaft. Das macht die ganze Sache natürlich wieder extrem unübersichtlich, aber was soll's, genau dies dürfte ja Zweck der Übung sein.

In der schönen neuen Siebenklassengesellschaft bekommt die Mittelschicht ein extrem breites Podest eingeräumt, auf dem sie sich mit breitem Hintern und im Hochgefühl der eigenen Unkaputtbarkeit niederlassen darf:
"In der Tat ist die stabile Mittelschicht eine große Gruppe in der britischen Gesellschaft. Sie (die Mittelschicht) muss verstanden werden als abgesichert und etabliert."
- während der ehedem breite Hintern der traditionellen Arbeiterklasse längst nicht mehr das ist, was er mal war, nämlich breit -
"Das überlebende Hinterteil der traditionellen Arbeiterklasse umfasst nur noch 14 Prozent der Gesamtbevölkerung und ist außerdem ziemlich alt mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren."
- mithin akut vom Aussterben bedroht, jener abgemagerte proletarische Hintern, der sich schon immer als Arsch der Mittelschicht fühlte und dies jetzt von Forscherseite bestätigt bekommt:
"Insofern verschwindet die traditionelle Arbeiterklasse aus dem Fokus zeitgemäßen Stellenwertes und ist ganz klar weniger bedeutend als die etablierte Mittelschicht."
Dafür darf sich der Steiß der Mittelschicht jetzt extrem verbreitern auf satte vier neugeschaffene Klassen:

- die "etablierte Mittelschicht" (25 Prozent) mit Hochschulabschluss, die es zu etwas gebracht hat (typisches Berufsbild: Stadtplaner oder Beschäftigungstherapeut);

- die "technische Mittelschicht" (6 Prozent), erfolgreich und gut abgesichert (typisches Berufsbild: Röntgenassistent oder Pharmazeut);

- die "neuen Gutsituierten" (15 Prozent), zwar ohne höhere Bildung, aber in gesicherter Position (typisches Berufsbild: Installateur, Elektriker, Vertriebsassistent);

- die "aufstrebenden Servicearbeiter" (19 Prozent), oft mit Hochschulabschluss, nicht eben materiell begütert, dafür jung und kompromissbereit (typisches Berufsbild: Gastronomiearbeiter, Callcenter-Angestellte).

Man merkt schon beim Lesen der Charts von oben nach unten, dass es hier klassentechnisch von oben nach unten geht, und das soll man ja auch merken, denn wozu taugte ein siebenstufiges Klassenmodell, welches seinen Klasseninsassen nicht hinreichend Gelegenheit böte, sich als etwas Besseres als die nächstuntere Klasse zu fühlen?

Und damit keiner der aufstrebenden Gastro-, Callcenter- und sonstigen Niedriglohnsklaven sich als der ultimative Arsch auf der nach unten offenen sozialen Rangtabelle fühlen muss, findet sich an deren vorläufigem Ende, quasi als sedimentäre Ablagerungsschicht, das "Prekariat", jener nach Abschaum riechende Bodensatz, zu dem keiner gehören will, zu dem jedoch 15 Prozent der Gesamtbevölkerung gehören, Tendenz steigend:

- das "Prekariat" (15 Prozent), das wirtschaftlich, sozial, bildungs- und gebisstechnisch auf der Verliererseite steht und völlig kultur- und interesselos irgendwie vor sich hindümpelt (typisches Berufsbild: Putzfrauen, Hausmeister, Kassierer oder arbeitslos),

im Gegensatz zum oberen Ende:

- der "Elite" (6 Prozent), "sich über alle anderen sechs Klassen meilenweit erhebend", da stinkreich (typisches Berufsbild: Firmendirektor, Rechtsanwalt, und - ahem! - Zahnarzt, wobei letzterer sich bestimmt meilenweit über die Reparatur der Gebisse von mindestens vier der niederen Klassen erhebt).

Übrigens bietet die BBC einen praktischen Online-Taschenrechner ("The Great British class calculator") an, auf dem sich jeder seine individuelle Klassenzugehörigkeit zusammendaddeln kann. Natürlich ließ mir die Neugierde keine Ruhe. Niederschmetterndes Testergebnis: trotz Hochschulabschluss, breitgefächerter kultureller Interessen und eines Gebisses, das (noch) als Mittelschicht durchgeht, kam der gnadenlose Befund "You are precariat" - also das, was ich schon die ganze Zeit wusste, aber endlich mal von der BBC offiziell bestätigt haben wollte.

Wer allerdings das vernichtende Testurteil nicht auf sich sitzen lassen möchte, muss nur den class calculator hier und da ein wenig manipulieren, zum Beispiel

- eingeben, dass sich im eigenen sozialen Umfeld mehr Rechtsanwälte und Zahnärzte tummeln als Taxifahrer, Putzfrauen, Hausmeister und Gastro-Schlampen (auch leitende Angestellte im Bekanntenkreis führen zur Aufwertung),

- behaupten, dass er/sie nicht nur gern Musik hört und Bücher liest, sondern sich häufige Theater-, Konzert- und Museumsbesuche leisten kann,

- leugnen, dass er/sie zur Miete wohnt,

- vorgeben, er/sie habe etwas auf der hohen Kante,

- behaupten, dass er/sie sich mit Vorliebe in Schlössern und herrschaftlichen Anwesen aufhält (natürlich nicht als Putzfrau oder Hausmeister, ist ja klar),

- und überhaupt so tun, als ob er/sie Geld wie Heu hätte.

Glückwunsch! Sie sind im erfolgreichen, gut abgesicherten Segment der stabilen Mittelschicht und können voller Genugtuung auf mal locker vier, wenn nicht fünf Unterschichten runterspucken! Wie, Ihnen sind vor lauter Scham über Ihre falschen Angaben noch nicht sämtliche Zähne rausgefallen? Bravo. Sie sind auf dem Weg nach ganz oben. Wer so gut lügen kann, hat einen Spitzenplatz in der Gesellschaft verdient. Machen Sie weiter so. Damit Sie auch morgen noch kraftvoll nach unten zubeißen können.

artwork by Nomerz

Montag, 18. Februar 2013

Globalisiertes Gelächter


Echte Globalisierung ist, wenn chinesische Medien über die schlechte Behandlung von Wander- und Saisonarbeitern in Deutschland ("Foxconn in Bad Hersfeld") berichten, nachdem in deutschen Medien kein gutes Haar an der schlechten Behandlung von Wander- und Saisonarbeitern in China (Foxconn, das Original) gelassen wurde.

Echte Ironie ist, wenn ein deutscher Kommentator es ironisch findet, ausgerechnet in chinesischen Medien über die schlechte Behandlung von Wander- und Saisonarbeitern in Deutschland lesen zu müssen.

Echter Humor ist, wenn ein chinesischer Kommentator sich über den deutschen Kommentator totlacht.

Echt zum Davonlaufen wird's, wenn alles so weiterläuft und uns demnächst, global gesehen, das Lachen vergehen wird.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Generation No Job


Es ist schon ein Kreuz mit der EU-Arbeitslosigkeit. Und erst mit dieser Jugendarbeitslosigkeit! Will sich einfach nicht bändigen lassen. Obwohl ihr bereits Verbote angedroht wurden, auf höchster EU-Ebene, es ist noch keine vier Wochen her. Hat nichts genützt. Sie gebärdet sich weiterhin wie ein aufsässiger Teenager, völlig außer Rand und Band, steil nach oben aus der Haut fahrend und kein Ende in Sicht:


Am Dienstag meinte EU-Sozialkommissar Laszlo Andor (das ist der mit dem Verbietenwollen von Anfang Dezember 2012) ein Machtwort sprechen und der schwer erziehbaren Jugendarbeitslosigkeit die Leviten lesen zu müssen, indem er deren Über-die-Stränge-schlagen als "unakzeptablen Höchststand" brandmarkte. Vergeblich - es sieht ganz danach aus, als ob sich der renitente Fratz nicht die Bohne darum schert, was irgendwelche festangestellten, gutdotierten EU-Nörgler für akzeptabel halten oder nicht: Er, der renitente Fratz, zeigt ungeniert seine Fratze und bleibt konstant auf Höhenflug - momentan (gesamteuropäisch) bei rund 25 Prozent, Tendenz steigend.

Dem Herrn Sozialkommissar wurde es jetzt zu blöd. Zur Zähmung der Widerspenstigen, räsonierte er, müssten endlich mal andere, strengere Saiten aufgezogen werden. Weil, es sei ja nicht allein skandalös, dass immer mehr junge Leute in Europa arbeitslos würden, sondern - Flegelhaftigkeit sondergleichen! - dass die auch noch arbeitslos blieben, sprich zu Langzeitarbeitslosen mutierten, somit der Gesellschaft dauerhaft unverantwortlich zur Last fielen und noch nicht mal einsichtig genug seien, den Fehler dafür bei sich selbst zu suchen.

Denn, so ließ der EU-Kommissar an seinen verschrobenen Gedankengängen teilhaben, wie komme es denn zu so einem "unakzeptablen Höchststand" der Langzeitarbeitslosigkeit?
Dies liege auch an falschen Qualifikationen, sagte Andor: "In einigen Ländern, besonders in Süd- und Osteuropa, passen Fähigkeiten und Jobs nicht gut zusammen - und dies hat sich verschlechtert."
Da haben wir's: Arbeitsmarkt und Ausbildung passen heutzutage einfach nicht gut zusammen; selber schuld, wer es versäumt hat, eine marktkonforme Berufsausbildung zu absolvieren. Die gute Nachricht: Auch solchen gescheiterten Berufsanfänger-Existenzen kann geholfen werden - sofern sie bereit sind zu lernen, ihre ursprüngliche, völlig am Markt vorbei gefällte berufliche Fehlentscheidung rechtzeitig zu kompensieren. Kompensieren womit? Mit marktkonformer Flexibilität.

Wo? In Amerika machen es die frisch gescheiterten jungen Akademiker vor: Immer mehr Hausmeister, Reinigungsfachkräfte, Kellner und Parkplatzwächter können inzwischen einen Promotionsabschluss vorweisen. Na bitte, geht doch! Gut, sie brauchen zwar zusätzlich Lebensmittelmarken zum Überleben, aber - und nur darauf kommt es an - sie halten mit ihrer marktkonformen Grundeinstellung die Langzeitarbeitslosigkeit auf akzeptablem Niveau.

Mal sehen, ob der europäische Fratz sich ein Beispiel daran nehmen wird. Womöglich kommt er ja auf ganz andere Gedanken. Auf dumme. Oder so. Abwarten.


Mittwoch, 24. Oktober 2012

Taxi!


Mal ehrlich, ich wüsste nicht, was ich täte, wenn es The Artist Taxi Driver nicht gäbe. Vermutlich wäre ich aufgeschmissen, vor lauter sprach- und fassungsloser Schockstarre - etwas, was dem taxifahrenden Künstler aus London niemals passieren würde, weil, der setzt sich einfach in sein Taxi und fängt an zu randalieren. Lauthals. Irgendwann, ich schwöre es, kaufe ich mir von meinen letzten Kröten ein altes Taxi und fange auch an zu randalieren; wer mitfahren und -randalieren möchte, ist herzlich eingeladen.

Ich schaue (und höre!) mir fast jede neue Folge des genialen Taxi-Ranters an und weiß daher, was es geschlagen hat, wenn der Typ zunächst einen ganz aufgeräumten, fast harmlosen Eindruck macht und bei normaler Zimmerlautstärke seinen Rückspiegel zurechtrückt: Spätestens nach einer halben Minute läuft er adrenalintechnisch auf Hochtouren. Ab der 25. Sekunde bricht die Hölle los, die weißglühende Hölle des sich überschlagenden Wutausbruchs.



Worum geht es?

Um die alten Leute in England. Die Rentner. Die sind nämlich eine "negative Belastung für die Gesellschaft". Das "muss aufhören". Schluss mit den "nutzlosen Leistungsschnorrern". Die müssen ab sofort aktiviert werden, und zwar zu "aktiven", "nützlichen Trägern der Zivilgesellschaft". Sonst gibt's keine Rente. Basta.
"Wir sind jetzt so weit den Leuten zu sagen, wenn ihr nicht arbeitet, dann kriegt ihr von uns auch keine Rente.  Wenn ihr also alt seid und nicht irgendeine Arbeit beisteuert, dann sollte das bestraft werden. Machen wir denn von allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Gebrauch, um alte Leute zu ermuntern, nicht einfach bloß eine negative Last für den Staat zu sein, sondern ein positiver Teil der Gesellschaft?"
Der das sagt, heißt Michael Bichard, war Staatsbeamter im Ministerium für Arbeit, ging mit 54 Jahren in den Ruhestand, bekam 2010 die Adelswürde auf Lebenszeit verliehen und sitzt seither als Lord Bichard im House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments, wo er gerade seine Rentner-Wiedereingliederungs-Zwangsmaßnahme verkündet hat.

Wie gesagt, Schockstarre inklusive Spucke weg.
Wie gut, dass es Mark McGowan gibt.

Taxi!!

Freitag, 17. August 2012

Geschichten aus Schichten


Neue Studie? Find' ich gut.

Neue Studie zur Befindlichkeit der Unterschicht? Find' ich besser.

Neue Studie, wieso es der Unterschicht besser geht als gemeinhin vermutet? Find' ich am besten.

Gemeinhin wird ja vermutet, der Unterschicht gehe es schlecht, der Mittelschicht gehe es besser, und der Oberschicht gehe es am besten. Alles Mythos. Alles falsch.

Lassen wir mal das Wohlbefinden der Oberschicht für einen Moment (später dazu mehr) außer Acht, dann lehrt uns die neue Studie, dass es nicht etwa der Unterschicht, sondern der Mittelschicht am schlechtesten geht. Jetzt weniger materiell als vielmehr seelisch gesehen.

Seelisch gesehen geht es der Mittelschicht sogar richtig dreckig. Das kommt daher, dass die Mittelschicht einen beinharten Abwehrkampf zu führen hat gegen drei sie existentiell bedrohende Gefahren: Erstens will sie nicht so sein wie die Unterschicht, zweitens will sie nicht so werden wie die Unterschicht, drittens - die härteste aller Abwehrfronten - tut sie alles, um nicht selbst Unterschicht zu werden. All diese Abwehrmaßnahmen kosten die Mittelschicht nicht nur viel Zeit und Geld, sondern verzehren - was dem Wohlbefinden am abträglichsten ist - Unmengen seelischer Energie.

Das Interessante, wenn auch wenig Überraschende an der neuen Studie ist, dass dieser desolate Seelenzustand nicht etwa der Selbstauskunft der Mittelschicht zu entnehmen ist, sondern den Aussagen der Unterschicht über die Mittelschicht. Wenig überraschend insofern, als diese Zuschreibungen aus jenen Teilen der Unterschicht stammen, die sich früher einmal selbst der Mittelschicht zugehörig fühlten und von diesem heimeligen Zugehörigkeitsgefühl ein für allemal verabschiedet haben.

Trotz der vielen Herausforderungen, mit denen sich Niedrigverdiener konfrontiert sehen - so das zentrale Ergebnis der Studie -, äußern letztere ein Gefühl der Erleichterung, ja
... Dankbarkeit darüber, dass es ihnen erspart bliebe, die Härten und das Elend der überduldsamen Mittelschicht ertragen zu müssen.
Das Kernergebnis der Studie wird zum einen untermauert mit der Feststellung:
Dem Bericht zufolge sind die 46 Millionen unterhalb der Armutsgrenze lebenden Amerikaner - obwohl sie schwer zu kämpfen haben - letztlich gottfroh darüber, dass sie nicht mehr den Erwartungen eines sich rapide in Luft auflösenden 'american dream' entsprechen müssen; also aufgehört haben zu träumen von Karriereaufstiegen, von immer mehr Geldverdienen, von einer Verbesserung ihres Lebensstiles, so wie es ihre Mittelschichts-Gegenspieler nach wie vor tun.
- zum andern (da es sich um eine Studie mit qualitativer Forschungsmethodik handelt) mit zahlreichen O-Tönen aus der desillusionierten Unterschicht, die belegen, dass ein Leben, das um eine typische Mittelschichtsillusion ärmer geworden ist, durchaus seine bereichernden Aspekte haben kann.
"Die realitätsfremden Erwartungen und falschen Hoffnungen, die sie mit sich herumschleppen, müssen unerträglich sein," sagt eine Hotelbedienstete den Forschern und merkt an, zwar reiche ihr Gehalt kaum, um die monatlichen Kosten für Miete und Lebensmittel zu decken, aber wenigstens arbeite sie nicht unter der fehlerhaften Prämisse, ihre Situation würde sich jemals verbessern. "Sein Leben lang sich unaufhörlich zu stressen mit einem Sackgassen-Job, oder sich krummzulegen wegen einer 30-Jahre-Hypothek für ein Reihenhaus mit drei Schlafzimmern, das kontinuierlich an Wert verliert? Ist ja der Horror. Können Sie sich vorstellen, so leben zu müssen? Diese Leute tun mir leid."
Ein Aushilfslehrer, der mit seiner Frau und einem zweijährigen Sohn auf der Basis von Lebensmittelmarken überlebt, wird deutlicher:
"Für mich schwer zu verstehen, wie jemand sich halbtot arbeitet für eine Beförderung unter der Illusion, es jemals nach oben zu schaffen. Die Leute verschwenden damit die besten Jahre ihres Lebens, eine gottverdammte Tragödie."
Am drastischsten drückt es eine 31-jährige Kellnerin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern aus:
"Was für eine traumatische Erfahrung, erwachsen zu werden und sich wie ein Versager zu fühlen, nur weil sie sich einbilden, sie hätten Kontrolle über das, was sie im Leben erreichen können. Ich kann nur hoffen und beten, dass meine Familie sich niemals in diesem Teufelskreis aus Enttäuschungen verheddert, der unserer Mittelschicht derart zu schaffen macht."

Das stärkste Gefühl von Erleichtertsein, so die Forscher bei der Präsentation ihrer Studie, komme aus jenen Reihen der Unterschicht, die über eine nachhaltige Mittelschichtserfahrung verfügten, den sozioökonomischen Abstieg vollzogen hätten und sich nunmehr am unteren Ende der Einkommensskala befänden. Ein 42-jähriger ehemaliger IT-Techniker, der letzten April seinen Job und infolgedessen sein Haus verloren hat, bringt es auf den Punkt:
"Ehrlich, Sie glauben gar nicht, um wieviel besser ich mich heutzutage fühle: einfach zu wissen, dass ich mich nicht länger abstrampele für etwas, was komplett und absolut außer Reichweite ist, ist für mich eine unglaubliche Entlastung. Ich bin arm und werde arm bleiben, das hat etwas Befreiendes."
Alles in allem eine Studie mit gewissem Zündstoff, so viel steht fest.

Zur vorsorglichen Entschärfung und um die lebenserfahrene, wenn auch etwas vorlaute Unterschicht ein wenig aus der Schusslinie zu nehmen, holten sich die Forscher zusätzliches wissenschaftliches Back up bei einer Kontrollgruppe: Eine Parallelbefragung bei Angehörigen der Oberschicht scheint die seitens der Unterschicht geäußerten Befunde bezüglich der Mittelschicht zu bestätigen. Die befragte Kontrollgruppe legte noch eine Schicht oder vielmehr Schippe drauf, indem sie sich nicht scheute, quasi als Resonanzraum der Unterschicht aufzutreten:
Einige Angehörige der Oberschicht gaben kund, sie "empfänden gleichermaßen Dankbarkeit, dass ihnen die Härten der Mittelschicht erspart geblieben seien."

Sonntag, 3. Juni 2012

Der Truthahn kurz vor Weihnachten


Eigentlich wäre alles ganz einfach gewesen.

Eigentlich ist den Iren das Neinsagen sehr leicht gemacht worden - das Nein zum europäischen Fiskalpakt. Eigentlich sind die Iren sogar ermutigt worden zum Neinsagen. Ermutigt von den jüngsten harschen Auftritten selbsternannter Eurovertreter, allen voran IMF-Lagarde mit ihren unverhohlen sadistisch vorgetragenen Plädoyers, über peripher-europäische Leichen zu gehen. Ermutigt vom herrischen Befehlston jener Euro-Feldwebel, die - gegenüber Ländern wie Irland, Griechenland, Spanien - eine Vorliebe fürs Abwatschen und Abkanzeln hegen, allen voran die deutsche Kanzlerin samt Sado-Tross.

Eigentlich hätte es den Iren leicht fallen müssen, dem Fiscal Union Treaty ('FU Treaty') ein beherztes "FU" hinterherzuwerfen. Eigentlich.

Aber es hat zum Nein nicht gereicht. Dafür sorgte im Vorfeld schwerste Propaganda-Artillerie ("Ruin vs. Aufschwung") -


- und das bracchiale Ausspielen der apokalyptischen Panik-Karte (Achtung Satire, von der Realität nur schwer zu unterscheiden!):


In die Rubrik Realsatire fällt auch der Umstand, dass, erfahrungsgemäß, irische Referenden bei einem unerwünschten 'Nein'-Ergebnis die "Chance" auf eine Wiederholung bekommen (Lissabon!), nicht jedoch bei dem erwünschten, geplanten, manipulativ durchgezogenen 'Ja'-Ergebnis - schon witzig, aber nicht zum Lachen, denn wer nicht völlig im Tiefschlaf versunken ist, hat eh längst gemerkt, dass die EU-Elite nicht das geringste Interesse an "Demokratie" hat.

(Für unsanftes Aufwachen sorgt der fundierte Vortrag des irischen Europa-Parlamentariers Paul Murphy (Socialist Party/United Left Alliance) zum Fiskalpakt und seinen europaweiten Folgen. Wer dagegen auf Brechreiz am Sonntag steht, sollte sich den euphorischen Auswurf des sozialdemokratischen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz antun.)

Das irische Volk, schreibt der Irish Left Review, sei mit einschüchternden propagandistischen Maßnahmen in den suizidalen europäischen Fiskalpakt "hineingetreten" worden; oder, wie der Volksmund sagt: Us voting for the pact is like a turkey voting for Christmas (Ein Ja zum Pakt ist, wie wenn Truthähne für Weihnachten stimmen).

Nun mögen zwar die Truthähne bei der irischen Volksabstimmung in der Mehrheit gewesen sein; gerade deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wer sich zum Truthahn hat machen lassen und wer nicht:
Diejenigen, die am härtesten von den Austeritätsmaßnahmen - Kürzungen und Steuererhöhungen - getroffen werden, haben in großer Zahl den Fiskalpakt abgelehnt.
Aha. Es gibt also durchaus irische Menschen jenseits des Truthahn-Status, die den ganzen inszenierten Stunt durchschaut und entsprechend mit 'No' gestimmt haben. Was für Menschen waren das?
Inoffizielle Stimmenauszählungen in den reichen und armen Gebieten von Dublin und Cork, der zweitgrößten Stadt, offenbaren eine krasse klassenspezifische Kluft im irischen Wählerverhalten.
Jetzt wird's spannend.
Die mehrheitliche Zustimmung zum Fiskalpakt kamen aus solchen Wahlbezirken, wo zwischen 55 und 75 Prozent der Ja-Stimmen aus den großen mittelschichtsdominierten Vorstädten von Dublin stammten, dort, wo ein Drittel der 4,5 Millionen Iren leben.

Am massivsten war die Ablehnung des Fiskalpaktes in städtischen Arbeiterklassebezirken, wo die erdrückenden Kosten des irischen Banken-Bailout-Programmes am stärksten zu spüren sind.
Aha. Je mittelschichtiger, desto Truthahn. Essen oder gegessen werden, wen schert's?, bis Weihnachten ist schließlich noch lange hin, und solange jemand sich noch den Truthahn zu Weihnachten leisten kann, kommt er nicht so schnell auf die Idee, selber einer zu sein.

Wer sich dagegen keinen Truthahn zu Weinachten leisten kann und auch sonst nicht mehr viel zu verlieren hat, zeigt wenig Neigung, wie ein Truthahn 'Ja' zu krähen.

Sollten sich also in naher Zukunft immer weniger Truthähne einen Truthahn zu Weihnachten leisten können - wofür der europäische Fiskalpakt unter Garantie sorgen wird -, könnte endlich dem Pakt der mehrheitliche Garaus gemacht werden.

Leider wird es dann zu spät sein.

Freitag, 4. Mai 2012

Praktischer Schafskäse


Das mit der Jugendarbeitslosigkeit ist auch nicht mehr das, was es mal war. Inzwischen liegt sie in der gesamten Eurozone - den offiziellen(!) Zahlen zufolge - bei satten 22,6 Prozent, nähert sich also rapide dem Befund, dass ein Viertel der jungen - unter 25-jährigen - Europäer ohne Arbeit ist. Den Rekord halten die Länder Griechenland und Spanien mit jeweils 51 Prozent, gefolgt von Italien mit 35,9 Prozent arbeitsloser junger Menschen.

In Amerika - wo die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp unter 50 Prozent liegt - wurde gestern ein kluger Blogger (of two minds, Charles Hugh Smith: "Future Economy, Future Stability, Future Careers") von einem besorgten Vater gefragt,
... mit welchem beruflichen Werdegang unsere Kinder überhaupt existenzfähig sein könnten?
sowie, angesichts sich stetig verdüsternder Zukunftaussichten,
... wo sehen Sie Chancen für irgendeine Art beruflicher Entwicklung und Stabilität?
- worauf dem fragenden Vater geraten wurde, seine Kinder zu "grundlegenden praktischen Fähigkeiten" zu erziehen oder sie zum Erlernen solcher Fähigkeiten zu ermuntern. Beispielhaft genannt wurden Fähigkeiten wie das Zähneputzen (nicht nur die eigenen), das Reparieren altersschwacher Fahrzeuge, Anbau und Zubereitung von Gemüse oder das Organisieren von Community-Aktivitäten. Lauter praktische Fähigkeiten also, die das Alltags- und Überleben in harten und noch härter werdenden Zeiten ermöglichen.

Dies las ich mit Interesse und dachte dabei, wie gut, dass du mittlerweile über die grundlegende praktische Fähigkeit verfügst, problemlos Kartoffelsalat für 120 Leute zuzubereiten. Oder wenig Schafskäse auf viel geröstetem altem Weißbrot so anzurichten, dass es aussieht wie viel Schafskäse auf wenig Weißbrot. Oder so.

Apropos Schafskäse:

Schafskäse wächst ja bekanntlich nicht auf Bäumen, sondern wird aus Schafen gewonnen, und die Schafe müssen erstmal gezüchtet, gehütet und gepflegt werden, bevor sie ihre Milch und ihren Käse rausrücken. Deshalb gibt es den Schäfer, dessen Berufsbild so umschrieben wird:
Schlechte Bezahlung und lange Arbeitszeiten, aber dafür Jobsicherheit, viel frische Luft und so viel Pecorinokäse zu essen, wie das Herz begehrt.

Traumberuf Schäfer. Für wen? Für immer mehr junge Menschen. Wo? Im Traumland Italien, wo die Jugendarbeitslosigkeit sich der 40-Prozent-Marke nähert und wo
... junge Leute scharenweise Schäfer werden wollen. Zwar ist der Beruf traditionell die Domäne alter Männer, zieht aber seit neuestem 3.000 junge Italiener an.
Deren "naturnahe" Berufswahl verdanke sich dem Umstand, dass
... ihre Berufsziele Arzt, Rechtsanwalt oder Ingenieur vereitelt werden durch Italiens geringfügiges Wirtschaftswachstum, das sich noch verschlechtert hat durch zermürbende Sparprogramme.
Der 25-jährige Davide Bortoluzzi beispielsweise hat einen Abschluss als technischer Gutachter, konnte jedoch keinen Job finden, hütet jetzt in den norditalienischen Dolomiten eine Herde von 400 Schafen und sagt, er sei zufrieden:
"Ich bin zufrieden mit meiner (Berufs)Wahl. Angefangen habe ich, indem ich mich anderen Schäfern anschloss und mich bei ihnen eingearbeitet habe. Leicht war es nicht. Aber ich machte jeden Tag Fortschritte, ohne mich allzu sehr entmutigen zu lassen davon, manchmal in strömendem Regen oder unter brennender Sonne zu arbeiten."
Ebenfalls zufrieden über die jüngste Entwicklung, sprich: die "Verjüngung eines Sektors der italienischen Landwirtschaft", äußerte sich ein Bericht des italienischen Landwirtschaftsverbandes Coldiretti, denn in den meisten Fällen hätten
... die jungen Schäfer die Qualität des produzierten Fleisches, der Wolle und des Käses verbessert.
Auch dies las ich mit Interesse und dachte, na also, alles in Butter. Der Käse reift. Die Milch macht's. Das Frischfleisch bringt's. Für wenig Geld.

Apropos Geld:

Geld wächst ja bekanntlich auch nicht auf den Bäumen, sondern wird...ja, wo kommt eigentlich das Geld her? Vor allem, wenn man keines hat und dringend welches braucht? Böse Zungen behaupten, Geld werde aus Schafen gewonnen. Weil, wenn die Schafe ordentlich gemolken werden, rücken sie die Knete raus, die von den obersten Schafhirten dann verprasst wird. Diesen Vorgang nennen die obersten Schafhirten gern 'Sparprogramm'. Die Schafe finden das (siehe oben) zermürbend, aber das ist den Schafhirten egal.

Inzwischen sind die obersten Schafhirten - also, die tonangebenden Finanzmanager - Europas am Überlegen, wie sie sonst noch an Geld rankommen könnten. Weil sie nämlich inzwischen denken: Jetzt, wo wir so ein tolles Sparprogramm haben, brauchen wir unbedingt noch ein tolles Wachstumsprogramm; nicht etwa, damit die ausgemergelten Schafe besser wachsen und gedeihen - Gott bewahre -, sondern damit das, was die Schafhirten 'Wirtschaft' nennen, besser wachsen und gedeihen kann. Und um Wirtschaftswachstum zu generieren, muss Geld generiert werden. Aber wie? Vielleicht am besten mit einer Gelddruckmaschine?

Während Europas Herrscherkaste darüber debattiert, ob es vernünftig sei, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, indem die Europäische Zentralbank die Gelddruckmaschine ankurbelt, haben einige unternehmerisch denkende Leute im städtisch-ländlichen Nordwesten von Neapel eigenständig die Initiative ergriffen, indem sie stapelweise gefälschte Euros drucken.
Porca miseria! Da behaupte noch einer, die eurotechnokratischen Schafhirten hätten keine Leitbildfunktion! Von wegen.


Während die Euro-Schafhirten noch am Debattieren sind, sind die süditalienischen Schafe - Herdenzentrum: Giugliano bei Neapel - bereits am Drucken. Nicht am Drucksen, sondern am Drucken, nicht am Kleckern, sondern am Klotzen, denn mehr als die Hälfte aller im Umlauf befindlichen gefälschten Eurobanknoten kommen aus jenem gesegneten Landstrich nordwestlich von Neapel. Es handelt sich um professionell generiertes Falschgeld allerfeinster Qualität, vor dem sogar die zuständige Polizeibehörde den Hut zieht:
"In Italien gibt es von altersher eine großartige, majestätische Traditon: Von hier kommt Falschgeld in allerbester Qualität," sagt Col. Alessandr Gentili, Leiter der italienischen Anti-Falschgeld-Währungs-Polizeieinheit in Rom. "Giugliano ist immer noch die Metropole. Dort gibt es die besten Profis."
Mit "Metropole" ist natürlich die Falschgeld-Finanzmetropole Giugliano gemeint, der Polizeichef Gentili seinen Respekt bezeugt. Und er fährt fort, dass die majestätische Tradition des Gelddruckens - ähnlich der Tradition des Winzertums, der Töpferkunst und anderer "schöner Künste" (unzweifelhaft eine Anspielung auf die Kunst der Schafskäseherstellung), für die Italien berühmt sei - traditionellerweise von den Vätern an die Söhne weitergegeben werde.

Figlio mio! In Giugliano sind es die Väter, die ihre Söhne zu grundlegenden praktischen Fähigkeiten wie der des Gelddruckens erziehen! Solche Väter bedürfen selbstverständlich keiner externen Berufsberatung für ihre Söhne.


Leider konnte ich keine regionalen Statistiken zur Jugendarbeitslosigkeit im Nordwesten Neapels ausfindig machen, möchte aber fast wetten, dass sie um einiges unter 35,9 Prozent liegt. Wobei übrigens auch die italienischen Falschgeldproduzenten alle mal klein angefangen haben, nämlich mit popeligen home-office-Tintenstrahldruckern, bevor sie ihre praktischen Fähigkeiten mit ausgereiftem technologischem Knowhow zur lukrativen Handwerkskunst professionalisierten.

All dies las ich mit großem Interesse und muss zugeben, dass ich dabei längere Zeit gedankenverloren auf meinen ollen Tintenstrahldrucker starrte; eine Art meditativer Versenkung, die mich womöglich aus alten, festgefahrenen Denkmustern befreien und mir neue, traumhafte Karrierewege erschließen wird. Einstweilen bin ich noch am Schafezählen, spüre aber, wie sich mein rechter Daumen - wenn auch nur fiktiv - zu emanzipieren beginnt.


Donnerstag, 15. September 2011

Härte gegen den harten Kern


Neue Studien sind immer gut, besonders früh morgens zum Wachwerden.
"Die Bundesagentur für Arbeit rechnet damit, dass der Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit schwieriger wird."
Schwieriger als wann?
"In einer Studie kommt sie zu dem Schluss, dass mit dem Aufschwung..."
Welchem Aufschwung?
"...die besser qualifizierten Arbeitslosen zwar wieder Stellen bekämen."
Aber?
"In den Jobcentern blieben aber jene zurück, bei denen sich eine Integration in den Arbeitsmarkt selbst in weiter Zukunft nicht abzeichne."
Jene? Etwa die sogenannten schwer vermittelbaren Arbeitslosen? Sind das nicht jene, die schon immer zurückblieben? Dumpf entsinne ich mich einer nicht mehr ganzen neuen, jedoch nicht wirklich alten Studie aus demselben Haus, die zu dem Befund gekommen war,
"...Arbeitsagenturen und Jobcenter konzentrierten sich auf die Betreuung leicht vermittelbarer Arbeitsloser und vernachlässigten Jobsucher mit geringeren Chancen am Arbeitsmarkt."
Ein Befund, der das für Hartz-IV zuständige Bundesagentur-Vorstandsmitglied Heinrich Alt seinerzeit "erstaunt" und weshalb er den "Vorwürfen" widersprochen hat.

Zurück zur neuen Studie. Was machen wir jetzt mit "jenen"? Jenen "Zurückgebliebenen"? Den vernachlässigten Sorgenkindern der Bundesagentur? Jenen, die sich partout nicht integrieren lassen (wollen), obwohl doch zu ihrer Integration so viele Mittel aufgewendet werden, doch leider vergeblich! Was machen wir mit denen?

Ganz einfach: Wir machen "jene Zurückgebliebenen" schon mal vorsorglich ein bisschen schlecht. Wozu haben wir eine neue Studie? Also geben wir "jenen" erst mal einen neuen, leicht despektierlich klingenden Namen: "dieser harte Kern". Alles weitere fügt sich dann von selbst:
"Das BA-Vorstandsmitglied Alt sagte der 'Süddeutschen Zeitung', dieser harte Kern mache etwa 20 Prozent der rund zwei Millionen Arbeitslosen im Hartz-IV-System aus..."
20 Prozent, aha, eigentlich eine noch überschaubare Zahl, wo ist das Problem? Hier:
"...benötige aber 80 Prozent der Mittel."
Kommt uns ziemlich teuer, dieser "harte Kern".

Geht da vielleicht noch was?


Nicht dass es nachher wieder heißt, die seien vernachlässigt worden.

Montag, 5. September 2011

Arm, dumm, wertlos


Neuerdings geht's aber auch Schlag auf Schlag. Bilde ich mir das nur ein oder werden die Einschläge tatsächlich immer dichter? Jedenfalls, so viel steht fest, bei mir werden die Momente immer dichter, wo ich unterm Tisch krieche auf der Suche nach meiner Kinnlade. Letztere folgt immer häufiger der Schwerkraft, wenn mal wieder ein reaktionärer Zeitgenosse unter dem Deckmantel des Konservativismus faschistisches Gedankengut in den öffentlichen Raum emittiert.

Ich meine, man ist ja einiges gewohnt in Deutschland, so mit einem Sarrazin und Konsorten. Wo schon mal die konservative Zunge ausrutschen darf und hinterher war's gar nicht so reaktionär gemeint; wobei mittlerweile - oder täusche ich mich? - es hinterher durchaus so gemeint sein darf, wie's vorher von der Zunge gerutscht war - also, so ganz ungeniert eben und frisch von der Leber weg, und ein Blatt vor den Mund muss ebenso wenig genommen werden wie Rücksicht auf irgendwelche Randgruppen, die längst durch den gesellschaftlichen Rost gefallen sind und deswegen keine Rücksicht mehr verdienen. Speziell Randgruppen, die längst gar keine Randgruppen mehr sind, sondern auf dem besten Weg, die Mehrheit der Gesellschaft abzubilden.

Und damit hinüber nach Amerika und "the poor people". Wie, poor people? Hey, aber die sind doch gar nicht arm! Diese 43 Millionen Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, können in Wirklichkeit gar nicht arm sein, denn 99,6 Prozent von ihnen besitzen - Achtung, Kinnlade festhalten - einen Kühlschrank! Womit bewiesen ist (siehe Video), dass ein Kühlschrankbesitzer nicht arm sein kann, denn sonst besäße er ja keinen Kühlschrank. Vermutlich gehört heutzutage bereits zur Mittelschicht, wer sich Klopapier leisten kann.

Dass einer von 'denen da unten' trotz seines - sicherlich stets üppig gefüllten - Kühlschrankes arm ist, wird dabei gar nicht abgestritten, allerdings nicht weil er hungert, sondern weil er in Wahrheit - Kinnlade bitte anschnallen - arm im Geiste ist:
"Die Vorstellung, die wir von armen Leuten haben, hungernd und in ärmlichen Verhältnissen lebend, ist nicht akkurat. Viele von ihnen besitzen viele Dinge - was ihnen fehlt, ist der Reichtum an Geist (richness of spirit)."

Nie war es so einfach wie heute, seiner Verachtung für die Unterschicht freien Lauf zu lassen. Hier wird vorgemacht, wie's geht: einfach die Taktik der Entmenschlichung anwenden. Denn Menschen, die es nicht wert sind, als menschliche Wesen respektiert zu werden, sind viel leichter abzuwerten. Genauer, zu entwerten; sie nicht nur als Trash zu bezeichnen, sondern auch als Trash zu behandeln.

Sitzt die Kinnlade wieder fest? Okay. Nun zur neuesten Folge aus der Serienproduktion Human Trash Disposal, deutsch: Wie entsorge ich menschlichen Müll? An der Verachtungsschraube wurde dramaturgisch noch ein wenig gedreht; herausgekommen ist, im salonfähigen Gewand konservativer Vernunft, unverhüllt faschistische Gedankentiefe in der Onlinezeitschrift American Thinker. Die Überschrift sagt alles:
"Die Armen zum Wählen zuzulassen ist unamerikanisch."
Warum unamerikanisch? Weil die armen Leute Amerika schaden. Dem reichen Amerika.
"Ihnen (den Armen) das Wählen zu erlauben ist in etwa so, wie Kriminellen Einbruchswerkzeuge auszuhändigen. Es ist zutiefst antisozial und unamerikanisch, die nichtproduktiven Segmente der Bevölkerung zu ermächtigen, unser Land zu zerstören."
Man beachte - neben der verächtlichen, elitären Haltung gegenüber Armen - den entmenschlichenden Sprachgebrauch ("nonproductive segments of the population"), mit dessen Hilfe die Verächtlichmachung gleich viel leichter von der Hand geht.
"Wenn diejenigen, die der Gesellschaft zur Last fallen, zur Teilnahme an Wahlen aufgerufen werden, dann hilft man damit nicht den Armen. Vielmehr hilft man damit den Armen, sich an anderer Leute Geld zu vergreifen (help themselves to others' money)."
Interessant. Wenn es als unamerikanisch gilt, sich an anderer Leute Geld zu vergreifen, wüsste ich auf Anhieb eine ganze Reihe von Leuten, denen die Teilnahme an Wahlen verboten gehört, und das wären gewiss nicht die Armen. Im Gegenteil. Diesen Leuten das Wählen zu erlauben läuft auf nichts anderes hinaus, als großen Segmenten der Bevölkerung das Bailout-Geld aus der Tasche zu ziehen, bis diese verarmen und infolgedessen zu arm im Geiste sind, um noch zwischen ihrem Kühlschrank und der Wahlurne unterscheiden zu können und deshalb vom Wählen abgehalten werden müssen.

Wenn derart antisoziale Hasstiraden von geistig verarmten Zombies in einer angesehenen, als konservativ geltenden Zeitschrift ungeniert ausgespeit werden können, ist es zur offenen Menschenhatz nicht mehr weit. Das gern zitierte 'Let them eat cake' wäre dabei noch eine Verniedlichung des rhetorischen Status quo in den einschlägigen Kreisen. Hier wird unverblümt gefordert, ganze Bevölkerungsgruppen aus der Gemeinschaft auszugrenzen, ja auszustoßen.

Gemessen an der aktuellen Misere in Amerika und der absehbaren Entwicklung handelt es sich wohl bald um die Bevölkerungsmehrheit. Irgendwann wird's brenzlig für die verbleibende Minderheit. Da helfen dann auch keine Armenhäuser, Obdachlosenasyle und Arbeitslager mehr. Vielleicht doch lieber erschießen?

Samstag, 3. September 2011

Grund zum Feiern


Der Labor Day naht. Am 5. September 2011 wird der amerikanische Tag der Arbeit gefeiert. Es gibt Grund zu feiern: Soeben wurde der amerikanische Job Report für den Monat August veröffentlicht mit dem sagenhaften Ergebnis: null Wachstum auf dem Arbeitsmarkt! Und das bei einer offiziellen Arbeitslosenquote von über 9 Prozent (nach Tilgung aller offiziellen Zahlenschönfärberei mindestens 22 Prozent).

Natürlich ließe sich jetzt fragen: Wozu bedarf es eines Labor Day, wenn eh immer weniger eine Arbeit haben? Was gibt es da zu feiern? Das Fehlen von Arbeitsplätzen? Happy Lack-of-Labor-Day, folks!

Ist jetzt aber wieder mal viel zu negativ gedacht. Bestimmt lässt sich in den nächsten Tagen irgendein prominenter Politiker - zum Beispiel Präsident Obama, der am 7. September eine Rede zur Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt halten wird - feiern dafür, dass die vernichtenden Zahlen des Job Reports ja noch viel vernichtender sein könnten, hätte die Politik nicht alles in ihrer Macht Stehende getan, um ebendies zu verhindern. Oder so. Solange wir warten auf die übliche Preisverleihung für denjenigen, der zu den schlechten Job-Report-Zahlen den besten Spin abliefert - hey, spätestens dann gibt's was zu feiern! -, schauen wir uns ein wenig um.

Schließlich gibt es Labor Days oder Tage der Arbeit rund um den Globus; muss ja so sein, auf einem globalisierten Arbeitsmarkt. Also fragen wir: Wie wird der Labor Day anderswo gefeiert? Ich meine, richtig gefeiert, nicht bloß missmutig wie auf einer low-budget-Grillparty bei arbeitslosen Amerikanern, wo man sich schon denken kann, wen sie statt des Hacksteaks am liebsten auf den Grill legen würden? Wer hat denn wirklich Grund zum Feiern?

Gesucht, gefunden:
Der Labor Day, einst der innigst geliebte und ausgiebigst gefeierte Feiertag Amerikas, wurde - wie von offizieller US-Seite bestätigt - nach China ausgelagert.
Wow. Labor-Day-Outsourcing? Nach China? Tatsächlich:
Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte kommt es mit der Verlegung des Labor Day nach China zu einem kompletten Outsourcing eines Feiertags, berichten Experten.
Auf den ersten Blick eine erschütternde Nachricht, auf den zweiten jedoch durchaus logisch, dass infolge des Outsourcing von Millionen Arbeitsplätzen auch der entsprechende Feiertag nach Fernost ausgelagert wird. Was sagen die Amerikaner dazu? Denen falle dazu nicht viel ein, meint ein Universitätsprofessor in Minnesota, USA, mit Forschungsschwerpunkt auf den Feiertraditionen des Labor Day. Der gelehrige Prof wird so zitiert:
"Es ist gut vorstellbar, dass es den Amerikanern immer schwerer fällt, sich überhaupt daran zu erinnern, was Arbeit eigentlich ist."
Ein befragter US-Bürger bestätigt die akademische These, indem er aus dem arbeitslosen Nähkästchen plaudert: Früher, sagt er, habe er sich jedes Jahr auf den Labor Day gefreut. Aber, fährt er fort, um ehrlich zu sein, einen arbeitsfreien Tag zu haben sei heutzutage nicht mehr so etwas Besonderes wie in vergangenen Zeiten.

Trotzdem lässt der Befragte sich den sprichwörtlich-unverwüstlichen amerikanischen Optimismus nicht nehmen. Klar seien Labor-Day-Grillparties in China ohne amerikanische Beteiligung gewöhnungsbedürftig, jedoch:
"Vielleicht werden wir Amerikaner ja eines Tages in der Lage sein, den Chinesen die illegalen Feuerwerkskörper zum Feiern zu liefern."

Offenbar macht das Beispiel nach Asien ausgelagerter US-Feiertage allmählich Schule: Zwischenzeitlich ist von offizieller Seite zu erfahren, es sei "immer wahrscheinlicher", dass der populäre Thanksgiving Day (eine Art amerikanisches Erntedankfest) ebenfalls dem Outsourcing zum Opfer fallen werde. Wie, auch nach China? Nein, nach Indien.

Update:


(Kam grade frisch rein: cookout bei truthout)

Donnerstag, 1. September 2011

Betteln mit Bildung



Sojourner Hardeman
42 Jahre alt
ehemalige Rechtsanwaltsgehilfin
arbeitslos
wohnsitzlos
sucht Job

Bewerbungsprofil:
"Wohnsitzlos, arbeitslos;
möchte vermeiden,
mit einem Einkaufswagen
zu Bewerbungsgesprächen zu erscheinen.
Schreibgeschwindigkeit 70 Wörter pro Minute.
Word- und Excel-zertifiziert."

Sojourner Hardeman verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Betteln in der Fifth Avenue, der teuersten und exklusivsten Einkaufsstraße in New York City. An guten Tagen gelingt es ihr, sich ihr Essen, ihre Telefonrechnung, eine U-Bahnkarte und die Miete für einen Abstellraum zu finanzieren. An schlechten Tagen wird sie von der Polizei verhaftet mit der Begründung "You can't be here, this is Fifth Avenue!"

Im März wurde die festgenommen wegen angeblich ordnungswidrigen Verhaltens. Daraufhin erhob die gelernte Rechtsanwaltgehilfin Klage gegen die Polizei mit der Begründung, sie habe gegen keinerlei Gesetz verstoßen. Vor zwei Wochen befand ein Richter, es läge keine Ordnungswidrigkeit vor; seither bettelt Sojourner mit quasi höchstrichterlicher Erlaubnis.

Böse Zungen behaupten nun, Sojourner Hardeman habe sich durch ihren Mittelschichtshintergrund, ihren Bildungsvorsprung und ihr juristisches Knowhow einen Wettbewerbsvorteil verschafft gegenüber 'gemeinen' Bettlern, die nach wie vor von der Fifth Avenue vertrieben werden. Manche gehen so weit ihr zu unterstellen, sie habe es mit ihrer Klage auf eine Monopolstellung abgesehen auf dem "wahrscheinlich lukrativsten Ort der Welt zum Betteln".

Schwieriger Fall.

Mittwoch, 31. August 2011

Soziale Abwärtsmobilität


Soeben ging ein Aufschrei durch die britische Presse:
Die Mittelschicht wird obdachlos!
Weil der Aufschrei nicht durch den Boulevard, sondern durch den linksintellektuellen Guardian ging, lautete die Schlagzeile etwas differenzierter, jedoch nicht minder alarmierend:
Obdachlosigkeit könnte sich ausbreiten bis in die Mittelschicht
- immerhin mit Konjunktiv und ohne Ausrufezeichen, was die Sache aber nicht weniger beunruhigend macht. Also kochte ich mir erst mal einen Baldriantee und ließ die Überschrift auf mich wirken.

Mittelschicht und Obdachlosigkeit - geht das überhaupt? Weil, wenn die Mittelschicht obdachlos ist oder wird, dann ist sie ja keine Mittelschicht mehr. Vermutlich war sie schon lange zuvor keine Mittelschicht mehr, denn vermutlich ist sie zunächst arbeitslos geworden, dann verarmt und konnte sich schließlich kein eigenes Dach über dem Kopf mehr leisten. Irgendwo unterwegs auf diesem langen - manchmal auch kurzen - Pfad des ökonomischen Abstieges hat sie aufgehört, Mittelschicht zu sein; zumindest solange Einigkeit darüber besteht, dass Mittelschicht eine ökonomisch definierte Kategorie ist. Es ist nämlich ganz einfach so: Wer sich seinen Mittelschichts-Lebensstil nicht mehr leisten kann, ist die längste Zeit Mittelschicht gewesen. Ich spreche aus Erfahrung.

Daraus folgt, dass sich Obdachlosigkeit zwar ausbreiten kann, jedoch nie und nimmer in die Mittelschicht. Oder hält irgendjemand einen Menschen, der bei einer der Tafel-e.V.-Filialen sein Abendessen zu sich nimmt und sich hernach unter einer Eisenbahnbrücke in einem Pappkarton zur Nachtruhe legt, für einen Angehörigen der Mittelschicht? Na also.

Aber gut, dachte ich dann, vielleicht nur eine reißerische Schlagzeile - auch ein Guardian muss zusehen, wie er seine Leser anfixt - lies mal weiter, vielleicht ist alles ganz anders gemeint. Aber nein - alles ist genauso gemeint:
"Der Wirtschaftsabschwung sowie die massiven Kürzungen im Bereich der Sozialfürsorge werden die Obdachlosigkeit in den nächsten Jahren hochschnellen und ein Schreckgespenst sich erheben lassen: die Mittelschicht, die auf der Straße lebt."
Der Guardian zitiert dabei aus einer aktuellen Studie der britischen Hilfsorganisation ("homelessness charity") Crisis. Grundtenor der Crisis-Studie: Die bestehenden und künftig noch massiveren, bereits angekündigten sozialpolitischen Sparmaßnahmen werden die Armut in der Bevölkerung sprunghaft ansteigen und Obdachlosigkeit zu einem "normalen" Straßenbild in Großbritanniens Städten werden lassen. Während bislang nur "die Armen" am meisten unter der wirtschaftlichen Rezession zu leiden gehabt hätten,
"...seien nun andere Schichten der Gesellschaft in Gefahr, wenn die radikale Sozialhilfe-Kürzungs-Agenda der Regierung bei anhaltend stotternder Wirtschaft fortgesetzt werde. 'Die signifikanten Streichungen im sozialen Sicherheitsnetz, wie es die Reformen vorsehen, bringen unweigerlich das Szenario von Mittelschichts-Obdachlosigkeit immer näher.'"
Am eigentlichen Befund der Crisis-Studie - Massenarmut sowie, infolgedessen, Massenobdachlosigkeit auf dem Vormarsch - gibt es zwar nichts zu bezweifeln; aber fragen wird man schon mal dürfen, wieso es dafür einer teuren Untersuchung (mit wissenschaftlichem Back-up!) bedurfte, wo doch die sozialpolitischen Weichenstellungen seit Jahren bekannt und deren Folgen unverhüllt auf den Straßen zu besichtigen sind - zuletzt bei den meist jugendlichen Riots in London und anderen britischen Städten?

Eben. Diese Riots, das waren ja "nur" die Armen; also die, die schon immer arm waren und schon lange als abgehängt galten.
"Crisis hebt hervor, dass angesichts fehlender Perspektiven einer wirtschaftlichen Erholung bereits abzusehen ist, dass Obdachlosigkeit in britische Straßen zurückkehrt."
Was heißt hier "zurückkehrt"? War das Phänomen der Obdachlosigkeit je verschwunden? War das Phänomen der Armut je verschwunden? Waren Armut und Obdachlosigkeit vernachlässigbare Phänomene, solange sie nur jene betrafen, die schon immer arm waren; nennen wir sie working class oder Unterschicht oder Prekarisierte, Marginalisierte oder egal wie? Nach denen hat in all den Jahren kein Hahn und keine Studie gekräht. Aber hoppla, jetzt kommt die Mittelschicht in Nöte, das sind anständige Leute wie du und ich - da muss doch etwas getan werden! An die Regierung appelliert werden, an die Sozialpolitik, an die Gesellschaft!

Ach ja, die Gesellschaft. Es sieht ganz danach aus, als ob die britische Mehrheitsgesellschaft bald ihr Leben in Mehrheitsghettos fristen wird; ob das nun Notunterkünfte, Obdachlosenheime, Cardboard Cities oder Eisenbahnbrücken sein werden. Massenobdachlosigkeit, der neueste Schrei des neoliberalen Dogmas - dessen jüngste und gewiss dauerhafte Errungenschaft in der Tradition des Thatcherism. Bestimmt wird die Regierung das Problem so in den Griff kriegen, dass es kein Problem mehr sein wird.

Zum Beispiel so: Sie könnte, wenn die Mittelschicht obdachlos wird, 'Armut' einfach neu definieren. Statt wie bisher bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens könnte sie die Armutsgrenze bei Null ansetzen, weil ja eh kaum einer mehr etwas verdient. Und schon wäre das Problem gelöst, denn es gäbe offiziell keine Armut! That's magic! Das Ende der Armut in Großbritannien ist erreicht! Wie wir das geschafft haben? Na, ganz einfach, indem wir alle in die Armut gestoßen haben.

Die Mittelschicht muss sich jetzt natürlich fragen, was ihr lieber ist: auf der Straße zu schlafen oder auf die Straße zu gehen? Für beide Optionen bräuchte es nur ein und dieselbe Ausrüstung - einen Schlafsack und ein Zelt. Wie auch immer sie sich entscheiden wird: Auf der Straße wird die Mittelschicht lernen müssen, die physische Nähe zur Unterschicht zu ertragen. Und irgendwann wird sie merken, dass eine obdachlose Mittelschicht alles ist, nur eines nicht: Mittelschicht.