Sonntag, 7. April 2013

Schöne neue Klassengesellschaft


Die Meldung ließ zunächst Schlimmstes befürchten. Kam sie doch aus Großbritannien, wo seit dem 1. April 2013 ein flächendeckender, von langer Hand vorbereiteter sozialer Kahlschlag sondergleichen stattfindet.

Wird also aus einem Land wie Großbritannien gemeldet, die herkömmliche Verschubladisierung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht sei obsolet, weil empirisch nicht mehr vorfindbar, wird jeder, der sie noch halbwegs alle hat, denken: Aha, der Mittelschicht hat das Todesglöcklein endgültig geschlagen, von nun an gibt es nur noch ein Oben (schmal) und Unten (breit), so wie irgendwann mal früher, als die Dinge noch übersichtlicher waren. Zurück zur guten alten Zweiklassengesellschaft, wird er erleichtert aufatmen - uff!, endlich Schluss mit den ganzen soziologischen Verrenkungen und hirnverbrannten Wortneuschöpfungen, erfunden einzig zu dem Zweck, nicht mehr 'Unterschicht' sagen zu müssen.

Also keine Mittelschicht mehr, nirgends, ja, darf das denn wahr sein? Nein, darf es natürlich nicht. Wenn es also der alten Mittelschicht an den Kragen geht, muss dringend eine neue Mittelschicht erfunden werden, damit die Mittelschicht nicht denkt, es ginge ihr an den Kragen. Und weil bei der Mittelschicht nichts die Alarmglocken so heftig schrillen lässt wie das Stichwort Zweiklassengesellschaft, musste flugs ein neues Schubladensystem her, nämlich die - Tusch! -Siebenklassengesellschaft. Das macht die ganze Sache natürlich wieder extrem unübersichtlich, aber was soll's, genau dies dürfte ja Zweck der Übung sein.

In der schönen neuen Siebenklassengesellschaft bekommt die Mittelschicht ein extrem breites Podest eingeräumt, auf dem sie sich mit breitem Hintern und im Hochgefühl der eigenen Unkaputtbarkeit niederlassen darf:
"In der Tat ist die stabile Mittelschicht eine große Gruppe in der britischen Gesellschaft. Sie (die Mittelschicht) muss verstanden werden als abgesichert und etabliert."
- während der ehedem breite Hintern der traditionellen Arbeiterklasse längst nicht mehr das ist, was er mal war, nämlich breit -
"Das überlebende Hinterteil der traditionellen Arbeiterklasse umfasst nur noch 14 Prozent der Gesamtbevölkerung und ist außerdem ziemlich alt mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren."
- mithin akut vom Aussterben bedroht, jener abgemagerte proletarische Hintern, der sich schon immer als Arsch der Mittelschicht fühlte und dies jetzt von Forscherseite bestätigt bekommt:
"Insofern verschwindet die traditionelle Arbeiterklasse aus dem Fokus zeitgemäßen Stellenwertes und ist ganz klar weniger bedeutend als die etablierte Mittelschicht."
Dafür darf sich der Steiß der Mittelschicht jetzt extrem verbreitern auf satte vier neugeschaffene Klassen:

- die "etablierte Mittelschicht" (25 Prozent) mit Hochschulabschluss, die es zu etwas gebracht hat (typisches Berufsbild: Stadtplaner oder Beschäftigungstherapeut);

- die "technische Mittelschicht" (6 Prozent), erfolgreich und gut abgesichert (typisches Berufsbild: Röntgenassistent oder Pharmazeut);

- die "neuen Gutsituierten" (15 Prozent), zwar ohne höhere Bildung, aber in gesicherter Position (typisches Berufsbild: Installateur, Elektriker, Vertriebsassistent);

- die "aufstrebenden Servicearbeiter" (19 Prozent), oft mit Hochschulabschluss, nicht eben materiell begütert, dafür jung und kompromissbereit (typisches Berufsbild: Gastronomiearbeiter, Callcenter-Angestellte).

Man merkt schon beim Lesen der Charts von oben nach unten, dass es hier klassentechnisch von oben nach unten geht, und das soll man ja auch merken, denn wozu taugte ein siebenstufiges Klassenmodell, welches seinen Klasseninsassen nicht hinreichend Gelegenheit böte, sich als etwas Besseres als die nächstuntere Klasse zu fühlen?

Und damit keiner der aufstrebenden Gastro-, Callcenter- und sonstigen Niedriglohnsklaven sich als der ultimative Arsch auf der nach unten offenen sozialen Rangtabelle fühlen muss, findet sich an deren vorläufigem Ende, quasi als sedimentäre Ablagerungsschicht, das "Prekariat", jener nach Abschaum riechende Bodensatz, zu dem keiner gehören will, zu dem jedoch 15 Prozent der Gesamtbevölkerung gehören, Tendenz steigend:

- das "Prekariat" (15 Prozent), das wirtschaftlich, sozial, bildungs- und gebisstechnisch auf der Verliererseite steht und völlig kultur- und interesselos irgendwie vor sich hindümpelt (typisches Berufsbild: Putzfrauen, Hausmeister, Kassierer oder arbeitslos),

im Gegensatz zum oberen Ende:

- der "Elite" (6 Prozent), "sich über alle anderen sechs Klassen meilenweit erhebend", da stinkreich (typisches Berufsbild: Firmendirektor, Rechtsanwalt, und - ahem! - Zahnarzt, wobei letzterer sich bestimmt meilenweit über die Reparatur der Gebisse von mindestens vier der niederen Klassen erhebt).

Übrigens bietet die BBC einen praktischen Online-Taschenrechner ("The Great British class calculator") an, auf dem sich jeder seine individuelle Klassenzugehörigkeit zusammendaddeln kann. Natürlich ließ mir die Neugierde keine Ruhe. Niederschmetterndes Testergebnis: trotz Hochschulabschluss, breitgefächerter kultureller Interessen und eines Gebisses, das (noch) als Mittelschicht durchgeht, kam der gnadenlose Befund "You are precariat" - also das, was ich schon die ganze Zeit wusste, aber endlich mal von der BBC offiziell bestätigt haben wollte.

Wer allerdings das vernichtende Testurteil nicht auf sich sitzen lassen möchte, muss nur den class calculator hier und da ein wenig manipulieren, zum Beispiel

- eingeben, dass sich im eigenen sozialen Umfeld mehr Rechtsanwälte und Zahnärzte tummeln als Taxifahrer, Putzfrauen, Hausmeister und Gastro-Schlampen (auch leitende Angestellte im Bekanntenkreis führen zur Aufwertung),

- behaupten, dass er/sie nicht nur gern Musik hört und Bücher liest, sondern sich häufige Theater-, Konzert- und Museumsbesuche leisten kann,

- leugnen, dass er/sie zur Miete wohnt,

- vorgeben, er/sie habe etwas auf der hohen Kante,

- behaupten, dass er/sie sich mit Vorliebe in Schlössern und herrschaftlichen Anwesen aufhält (natürlich nicht als Putzfrau oder Hausmeister, ist ja klar),

- und überhaupt so tun, als ob er/sie Geld wie Heu hätte.

Glückwunsch! Sie sind im erfolgreichen, gut abgesicherten Segment der stabilen Mittelschicht und können voller Genugtuung auf mal locker vier, wenn nicht fünf Unterschichten runterspucken! Wie, Ihnen sind vor lauter Scham über Ihre falschen Angaben noch nicht sämtliche Zähne rausgefallen? Bravo. Sie sind auf dem Weg nach ganz oben. Wer so gut lügen kann, hat einen Spitzenplatz in der Gesellschaft verdient. Machen Sie weiter so. Damit Sie auch morgen noch kraftvoll nach unten zubeißen können.

artwork by Nomerz

Kommentare:

  1. Hm, interessanter Weise schafft man es mit 10-25 KiloPfund Familieneinkommen, geringen Ersparnissen und wenig bis keinen kulturellen Interessen ("Kinder" gab's nicht als Kategorie) bereits in die zweit-wohlhabendste Kategorie "etablierte Mittelschicht" (zumindest, wenn man das Haus unterster Kategorie als bezahlt annimmt). Für wen sind dann bloß die jeweils drei bis vier Einkommens-/Vermögens-/Besitzkategorien darüber???

    Dann reicht doch wieder die Dreiteilung: viel, bisschen, nix.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. „Dann reicht doch wieder die Dreiteilung: viel, bisschen, nix.“ Eben. Das ganze neumodische Sozio-7-Klassen-Gedöns ist lediglich ein Instrument zur Verschleierung der Tatsache, dass es immer mehr Leute gibt, die nix haben, also arm sind, und diejenigen, die ein bisschen was haben, von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht sind.

      Und was sie mit „sozialem“ bzw. „kulturellem Kapital“ meinen, wird im interaktiven Schaubild des sog. class calculator auch schnell klar: Hast du ein paar reiche Pfeffersäcke im Bekanntenkreis, schnellt dein soziales Kapital in die Höhe; gibst du einen Haufen Geld aus für Opernbesuche und Philharmoniekonzerte statt immer bloß über Kopfhörer Jazz und Rap zu hören, akkumuliert sich auf wundersame Weise dein kulturelles Kapital. Merke: Unter sozialem/kulturellem Kapital verstehen diese Bluffbüttel nichts anderes als wirtschaftliches Kapital, also ob du einen Haufen Patte auf der Naht hast oder nicht. Aber - klingt halt schicker.

      Was es mit den Begriffen „soziales“ bzw. „kulturelles Kapital“ tatsächlich auf sich hat und warum und von wem sie mit Vorliebe missbraucht werden, ist hier gut beschrieben.

      Hey, und was zum Henker sind „KiloPfund“? Synonym für schwerreich oder was ;)?

      Löschen
  2. Das Internet quillt mittlerweile über vor bösen (=sauguten) Witzen über den Great British Class Calculator.
    Mein Favorit (er bezieht sich auf das dort abgefragte „soziale Kapital“):

    „Mit welchen Leuten haben Sie sozialen Umgang?“

    (Der Befragte kreuzt sämtliche Antwortvorgaben an.)

    Testresultat:

    The class group you most closely match is:

    Drug Dealer

    Begründung:

    This class group sells drugs to everyone.

    Ich schmeiß mich weg. The Poke, sehr empfehlenswert, um mal wieder richtig gut durchzulachen.

    AntwortenLöschen