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Mittwoch, 20. November 2013

Ein Wettbewerber mehr


Ich liebe Cartoons.
Weil sie mit wenigen genialen Strichen mehr sagen als tausend Worte.

wurde über Nacht angemessen visualisiert:


Die Konkurrenz schläft nicht.
Nirgends.
Der Markt wird's richten.
Wer sonst.

Dienstag, 19. November 2013

Wir tun was


Wer gedacht hat, an der Qualitäts-Bullshit-Front wäre jetzt erst mal für eine Weile Ruh', der hat falsch gedacht. Hier kommt ein Stück ausgereiften Premium-Bullshits vom Allerfeinsten, frisch serviert von der amerikanischen Firma Walmart.

Zur Erinnerung: Das Unternehmen Walmart hat einen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar und machte im letzten Jahr 17 Milliarden Dollar Profit.

Und damit zum premiumverdächtigen Bullshit des Tages - der neueste Coup jenes Lebensmittelkonzerns, der bekannt dafür ist, seinen Angestellten weniger Lohn zu bezahlen als zum Überleben erforderlich ist:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel zu spenden. 
Eine Meldung, die das Bullshit-o-Meter bereits heftig ausschlagen lässt - weil, wieso schreitet der Lebensmittel-Handels-Milliardär nicht selbst zur Tat und spendet Lebensmittel? Er hat doch wohl genug? Sowohl Lebensmittel als auch Geld, um sich eine karitative Spendenaktion im großen Stil leisten zu können? Ist das nicht Grund genug, sich tierisch aufzuregen? Nö.

Und zwar deshalb, weil es, einerseits, zwar zunächst eine ärgerliche Meldung ist, andererseits als Meldung lediglich Bullshit mediokrer Qualität repräsentiert - wozu sich über Standard-Kuhmist aufregen? Wo wir doch beschlossen haben, uns nur noch über echten Premium-Bullshit aufzuregen? Also nur noch dann, wenn die Bullshit-Tachonadel im obersten Segment zittert? Voilà:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Hey, da bebt die Tachonadel, da rockt die Kuhmist-Orgel in den höchsten Tönen! Können wir den Bullshit mal kurz rückübersetzen? Klar doch:
Walmart fordert seine unterbezahlten Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere, noch schlechter bezahlte Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Habe ich zu viel versprochen? Da lacht das Herz des high-end-Bullshit-Liebhabers! Wie, hat einer den Qualitätswitz nicht verstanden? Okay, zum Mitschreiben: Walmart, "America's real welfare queen" (wie übrigens auch McDonalds), bietet seit einiger Zeit eine firmeninterne telefonische Hotline an, wo die eigenen Mitarbeiter fachkundig beraten werden, wie sie einen Antrag auf food stamps (steuerfinanzierte Lebensmittelmarken für unter der Armutsgrenze lebende Menschen) zu stellen haben, um von ihrem Walmart-Hungerlohn nicht zu verhungern.

Und weil die Walmart-Mitarbeiter trotz food stamps und wegen Hungerlohns nicht satt werden, öffnet der Handelsgigant sein großes soziales Herz und ruft seine hungernden Mitarbeiter auf, ihren hungernden Kollegen mit einer Lebensmittelspende unter die abgemagerten Arme zu greifen. Imagekampagne, you know, à la 'Wir tun was für unsere notleidenden Mitarbeiter', also, um genau zu sein, nicht wir, nämlich der Walmart-Konzern, sondern die mittleren Walmart-Sklaven-Galeeren tun was für die armen Schlucker im untersten Sklavendeck.

Doch halt! Noch vibriert die Bullshit-Tachonadel nicht im wirklichen Premiumsegment. Da geht noch was - der saisonale Emo-Hyperbonus:

via twitter #WorkingAmerica

Thanksgiving! Das traditionelle amerikanische Familienfest Ende November, wo sich alle zum opulenten Truthahn-Dinner treffen! Wo keiner ausgeschlossen sein soll, wo alle mitfeiern, miteinander essen, trinken und für ein paar gemütliche Stunden im Familienkreis ihre Alltagssorgen vergessen sollen! Geht das ans Herz?
Bitte spendet Lebensmittel, um notleidende Kollegen in den Genuss eines Thanksgiving Dinner kommen zu lassen
Und wie das ans Herz geht. Und genau hier, Freunde des herzzerreißenden social marketing, liegt der Hund begraben, nämlich der Top-Premium-Bullshit-Faktor: Kürzlich hat nämlich der big social player Walmart entschieden, seine Filialen am Thanksgiving-Feiertag bis in die späten Abendstunden zu öffnen, damit alle, wirklich alle, selbst die schlechtestbezahlten Verkäufer im untersten Deck in den Genuss eines angemessenen Thanksgiving-Feelings kommen. 
Cold turkey, anyone?
Walmart verteidigte seine (Spenden)Aktion als einen Bestandteil seiner "Unternehmenskultur" der Nächstenliebe: "Wir sehen diese Aktion als ein Element der Unternehmenskultur, dass Kollegen sich untereinander solidarisieren und sich um diejenigen kümmern, die als extreme Härtefälle betroffen sind."
Yeah, Nächstenliebe. Sweet charity, God bless your souls.
Das war's für heute. Mehr Premium-Bullshit geht nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.

Montag, 9. September 2013

Nie war Kino größer


Amerika so: Bis nächste Woche habt ihr eure chemischen Waffen ausgehändigt, sonst gibt's Krieg!
Syrien so: Okay.
Amerika so: Was heißt hier okay?
Syrien so: Okay heißt okay.
Amerika so: Spinnt ihr oder was?
Syrien so: Nö. Wir händigen unsere chemischen Waffen aus.
Amerika so: Könnt ihr jetzt nicht bringen.
Syrien: Wieso denn nicht?
Amerika so: Spielverderber!
Syrien: Wieso das denn?
Amerika so: Weil wir das doch gar nicht so gemeint haben.
Syrien so: Wieso denn nicht?
Amerika so: Weil das doch bloß rhetorisch war.
Syrien so: Spinnt ihr oder was?
Amerika so: Nicht frech werden, klar?
Syrien so: War doch bloß rhetorisch.
Amerika so: Schnauze. Ihr vermasselt uns die Tour.
Syrien so: Aha.
Amerika so: Schnauze, klar?
Syrien so: Okay.
Amerika so: Hört mit dem blöden Okay auf, sonst gibt's Krieg.
Syrien so: Okay.
Amerika so: Wir haben euch gewarnt. Bang!

Donnerstag, 5. September 2013

Kriegsverlierer


Eine immer wieder interessante, wenn auch völlig fruchtlose Überlegung ist diese: Wo nehmen die bloß all das Geld her? Das viele Geld, das so ein Krieg (pardon: Intervention) kostet? Wächst das auf den Bäumen? Kommt es aus der Steckdose? Quatsch. Das Geld ist da. Einfach da. No need to worry. Klar? Wie ein Mitglied der Obama Administration mitteilte,
... könne eine knapp kalkulierte maßgeschneiderte Operation aus "existierenden Ressourcen des Verteidigungsministeriums" bezahlt werden.
- ließe sich also quasi aus der Kriegsportokasse finanzieren und würde "den U.S. Steuerzahler keinen Cent mehr kosten als was an Geld ohnehin bereitgestellt ist". Keinerlei zusätzliche Kosten! Ist das nicht Musik in den Ohren des amerikanischen Steuerzahlers? Hat das nicht Rhythmus, wo jeder mit muss, auf in den Krieg? Gib uns dein Jawort, Bürger, wir übernehmen die Kosten und alles weitere.

Alles weitere? Ja logisch, auch die immensen Kosten des jetzt aufflammenden, sich stündlich steigernden Propagandablitzkrieges übernehmen wir, mach dir keine Sorgen, lass dir einfach unsere unwiderstehlichen Pro-Kriegs-Argumente um die Ohren hauen, den Rest erledigen wir, denn wenn wir etwas virtuos beherrschen, dann Argumente aus dem Nichts zu zaubern, aus den Retorten unserer hochtourigen War-sells-Maschinerie, die rotiert jetzt in full swing und wehe, es meldet sich ein zaudernder Zweifler zu Wort.

Zum Beispiel so einer:
Ein anderer Bediensteter des Weißen Hauses wandte ein, ohne ein genaueres Verständnis der Operation sei es unmöglich, ein exaktes Preisschild anzubringen. 
"Who the fuck knows what it will cost? Das hängt total davon ab, was passieren wird."
What the fuck? Klingt logisch, wird aber nicht gern gehört:
"Natürlich hängt das davon ab, was wir machen werden. Aber die Mehrkosten des Krieges in Libyen waren so rund eine Milliarde, und damit sind wir ein ganzes Stück weit hingekommen. Mag sein, dass der Kongress bewilligen muss, Geld hin- und herzuschieben (innerhalb existierender Budgets), aber wirklich, da werden keine so großen Kosten auf uns zukommen."
Preisschilder.
Knapp kalkuliert.
Maßgeschneidert.
Keine Zusatzkosten.
Eventuell Mehrkosten.
Aber nicht so furchtbar doll, "wirklich", jetzt mal ganz ehrlich.
Wir werden mit dem Geld schon irgendwie hinkommen.

Und falls nicht, wozu haben wir Budgets?
Zum Hin- und Herschieben.
Zum Kürzen.
Zum Aufrüsten des Kriegs-Budgets.
Zum Herunterwirtschaften eines ganzen Landes.

Eines Landes, dessen Lebensbedingungen noch nicht "wirklich" - jetzt mal ehrlich - auf Dritte-Welt-Niveau angekommen sind. Nur auf einem guten Weg dorthin, mit klarem Kurs und voller Kraft voraus:
In ganz Amerika zerbröckeln Brücken infolge zu niedriger Reparatur-Budgets
Laut vieler Ingenieure sind Tausende von Brücken dem Zusammenbruch nahe. Das Geld, um sie zu reparieren, wird immer knapper.
Jeden Tag fahren U.S. Pendler mehr als 200 Millionen Umwege um defekte Brücken herum.
Beamte einiger Bundesländer warnen, ohne beträchtliche Bundesmittel - solche, die kürzlich im Kongress gesperrt wurden - seien sie gezwungen, viele ihrer defekten Brücken zu schließen und es damit Autos, Fahrzeugen für den Noteinsatz und Schulbussen zu verunmöglichen, komplette Stadtteile zu erreichen.
Die bankrotte amerikanische Stadt Detroit hat kein Geld mehr, um amtliche Totenscheine auszustellen. Weil sie kein Geld hat, um das Papier zu bezahlen. Und weil der Papierlieferant sich weigert, die Stadt weiterhin auf Pump zu beliefern:
Der Tod nimmt frei als Folge des Bankrotts
Nichts leichter als zu sterben im bankrotten, oft bizarren Detroit - viel schwerer ist es zu beweisen, dass du tatsächlich tot bist.
Ohne beglaubigte Kopien von Sterbeurkunden haben Hinterbliebene keinen Zugang zu Bankkonten, Lebensversicherungen oder Testamenten.
Kurz nachdem der Verwaltung das Papier ausgegangen war, teilte sie Bestattungsunternehmern mit, sie sei nicht länger imstande, an Sonntagen Leichen aus dem Leichenschauhaus freizugeben. Die Bestattungsunternehmer sind nicht erfreut. "Der Tod kennt keine Sonn- und Feiertage. Der Tod geschieht an jedem Tag der Woche und ganz besonders an Wochenenden." 
Noch eine Drehung weiter auf der tödlichen Abwärtsspirale Detroits:
Detroit geht vor die Hunde... buchstäblich
Detroit ist auf dem Weg, zur Geisterstadt zu werden, allerdings bedeutet das Verschwinden des Homo Sapiens von den Straßen nur, dass die größte amerikanische Bankrottstadt im Begriff ist, von anderen Lebewesen beherrscht zu werden - von des Menschen ehemals bestem Freund, in Gestalt Zehntausender streunender Hunde, die meisten davon eine besonders gefährliche Rasse: Pitbulls. Step aside Motown, and say hello to Dogtown.
Um die 50.000 streunende Hunde übervölkern die Straßen und leerstehenden Häuser und verdrängen Bewohner oder bedrohen Menschen, die in ihren Häusern bleiben. Hunde, die immer hungriger werden und immer weniger domestiziert:
Die Armut tobt durch Motor City, viele Hunde wurden von ihren finanziell ruinierten Besitzern zurückgelassen, um sich alleine durchzuschlagen. 
Pitbulls sowie mit ihnen vermischte Hunderassen dominieren Detroits streunende Bevölkerung -
- und vermehren sich in unkontrollierbaren Ausmaßen. Unkontrollierbar deshalb, weil das städtische Budget für Hundefänger drastisch heruntergefahren wurde. Der Südwesten Detroits wird von Postboten nur noch mit Pepperspray betreten, um sich gegen scharenweise streunende kleine, bösartige Hunde zur Wehr setzen zu können.
Die gute Nachricht: Vorläufig handelt es sich bei den Streunern um Hunde. Wie lange wird es dauern, bis Menschen sich gezwungen sehen, andere Menschen zu jagen, unter ihnen bösartige Killer, die die Straßen bevölkern werden dort, wo auch immer der nächste und größte Fall einer bankrotten Kommune auftreten wird?
So viel zu Detroit, der ersten, aber gewiss nicht letzten bankrotten Großstadt Amerikas; eher ein menetekel-artiger Mikrokosmos dessen, worauf das gesamte Land zusteuert:
Sequester-Kürzungen treffen Arme besonders hart
Essen auf Rädern, ein Programm zur Lieferung von Mahlzeiten an alte Menschen, die zu gebrechlich sind, um ihr Haus zu verlassen. Kürzlich wurden zusätzliche 11 Prozent aus den Budgets gekürzt, für den Herbst stellt man sich auf weitere Kürzungen ein.
Es ist sechs Monate her, seit die Regierung Budget-Zwangskürzungen in Höhe von 85 Milliarden Dollar verhängte, von denen am härtesten die ärmsten Amerikaner getroffen wurden.

(Alles Meldungen aus den letzten Tagen, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.)


So viel zum sorglosen Hin- und Herschieben von Budgets, zum spendablen Aufrüsten des Kriegs-Budgets, zum mutwilligen Herunterwirtschaften eines Landes auf Dritte-Welt-Niveau.

Ein erstes, eher emotional gehaltenes Resümee:
Sorry, But Fuck Syria
Quer durch Amerika, in einer Stadt nach der anderen, in einem Bundesland nach dem anderen, werden die Grundlagen des täglichen Lebens (und des Todes) zerstört, nicht zuletzt durch unsere Unfähigkeit, Geld bereitzustellen für das, was für Amerikaner lebenswichtig ist, für das, was aus Amerika ein großartiges Land machen könnte. Eine Nation mit einer Stadt, die es sich nicht leisten kann, Geburts- und Sterbeurkunden auszustellen, weil ihr das Papier fehlt, ist eine Nation, die absolut kein Recht hat, Millionen, vielleicht Milliarden Dollars auszugeben, um Syrien zu bombardieren, nur weil der dortige wahnsinnige Präsident etwas Wahnsinniges angerichtet hat.
No, sorry, but fuck Syria. Sobald wir aufhören, Lehrern zu erzählen, sie müssten Gehaltskürzungen hinnehmen, und erst wenn wir den Kindern von Chicago zusichern können, dass sie nicht erschossen werden, erst dann können wir der Welt etwas über unsere moralische Autorität erzählen.
Ein zweites, kälteres Resümee, das mit dem Messer in die offene, offen zutage liegende Wunde stößt:
Wahnhaft gestört im Zeitalter der einzigen Supermacht
von Tom Engelhardt
Von Lateinamerika bis in den größeren Mittleren Osten zeigt sich das amerikanische System sichtbar geschwächt, während bei ihm zuhause Ungleichheit und Armut auf dem Vormarsch sind, die Infrastruktur zerbröckelt und die Politik des Landes in einem Zustand permanenten "Infarktes" verharrt.
Was sollen wir am Ende aus einem Planeten machen mit einer einzigen Supermacht, die keinerlei echten Feinde von Bedeutung hat und die, allem Anschein nach, gleichwohl einen permanenten globalen Krieg führt mit... nun gut, mit sich selbst - - und dabei zu verlieren scheint?
Die beste, scharfsinnigste Diagnose, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Amerika führt einen Krieg gegen sich selbst. Und wird ihn verlieren.

Sonntag, 18. August 2013

Klare Ansage


Eigentlich war zu dem Thema bereits alles gesagt. Dachte ich.

Denn was gibt es noch zu sagen, wenn die griechische Regierung sich damit brüstet, immer mehr Obdachlosenheime aus dem Boden zu stampfen, während sie im Begriff ist, immer mehr Menschen in die Obdachlosigkeit zu treiben?

Doch, da gibt es durchaus noch etwas zu sagen. Das letzte Wort hat der griechische Finanzminister Yannis Stournaras.
"Wenn wir die Menschen nicht in die Obdachlosigkeit treiben, kollabieren die Banken."
Hat er so natürlich nicht gesagt.
"Wir müssen die Menschen aus ihren Häusern vertreiben, sonst kollabieren die Banken."
Schon eher so. War aber auch nicht der exakte Wortlaut.
"Wenn wir nicht wollen, dass die Banken sterben, müssen wir die Menschen in den Suizid treiben."
Kommt der Wahrheit schon näher. Kommt aber irgendwie nicht gut.
"Um zu verhindern, dass die Banken zusammenbrechen, müssen wir zulassen, dass die Menschen zusammenbrechen."
Trifft den Kern der Sache. Klingt nur so unangenehm melodramatisch. Dann doch lieber so:
"Lieber die Menschen in den Ruin treiben als die Banken."
Ja, das hat was. Das hat fast Sloganqualität. Schön griffig, schön kurz, knackig auf den Punkt gebracht. Nur immer noch viel zu menschelnd. Geht's nicht ein bisschen versachlichter? Doch:
"Wenn wir keine Zwangsvollstreckungen erlauben, werden die Banken kollabieren."
Genau. Jetzt ist der Faktor Menschlichkeit dort, wo er hingehört:
bei den Banken. Das weckt Mitgefühl, das geht ans Herz. Obwohl,
na ja, vielleicht noch einen Extraschuss entmenschlichender Sprachkosmetik? Einen Tick technokratischer formuliert? Unmissverständlich Prioritäten setzend? Geht da noch was? Bitte sehr:
"Wenn Hausversteigerungen nicht liberalisiert werden, werden die Banken kollabieren."
Damit wäre nun wirklich alles gesagt.

Sonntag, 14. Juli 2013

Tit for Tat


Skandal! Eine Brust! Mit Brustwarze! Brust-war-ze! Eine weibliche Brustwarze! Auf offener Bühne! Eine weibliche Brustwarze auf offener Bühne! Ja, hat man so etwas Skandalöses schon erlebt? Mit eigenen Augen gesehen? Dass einer Frau auf offener Bühne eine Brust aus dem Büstenhalter rutscht, und zwar so weit herausrutscht, dass - horribile dictu - mit bloßem Auge die BRUSTWARZE zu erkennen ist? Haben das jetzt alle? Der ist eine BRUST herausgerutscht und man konnte die, ha ha ha, unfassbar, die BRUSTWARZE sehen! Wir brüllen es gleich nochmal in voller Lautstärke: BRUST-WAR-ZE! Wir kriegen, ha ha ha, wir kriegen uns gar nicht mehr ein! Vor lauter BRUSTWARZE!



Wer war denn die Frau?

Ist uns doch egal.

Eine Künstlerin?

Künstlerin! Die Brust ist ihr rausgerutscht! Mitsamt der Brustwarze!

Was hat die Künstlerin denn auf der Bühne gemacht?

Na, ihre Brust rausrutschen lassen! Ha ha ha!

Und sonst?

Ha ha ha, und sonst? Außer der Brust? Die Brust-war-ze! Ha!

Was war denn ihre Botschaft?

Botschaft? BRUSTWARZE, wie oft sollen wir das noch brüllen!

Wollten Sie nicht über das Konzert der Künstlerin schreiben?

Ha ha ha, tun wir doch, können Sie nicht lesen? BRUST-WAR-ZE!

Die Sängerin und Kabarettistin Amanda Palmer schlug zurück. Mit voller Wucht und im harmlosen Dreivierteltakt trat sie - auf offener Bühne - der britischen Zeitung Daily Mail kraftvoll in die Eier. Die (anonymen) Blattschreiber hatten es für angemessen gehalten, ihre Berichterstattung über den Auftritt der Künstlerin während des Glastonbury Music Festivals auf das Malheur mit dem Büstenhalter zu reduzieren und sich einen ganzen Artikel lang an ihrer eigenen Verklemmtheit aufzugeilen.

Darauf schrieb Amanda Palmer einen offenen Brief an die Daily Mail und trug diesen am Freitagabend öffentlich in London vor. Konzertant. Im Dreivierteltakt. Im wallenden Kimono. Inklusive eines schamlosen, völlig unverklemmten Strips, der den Klemmbrüdern der Daily Mail vor lauter Scham die anonymen Eier verschrumpelt haben dürfte.

That's Tit for Tat, wie der Engländer zu sagen pflegt:



"I've decided to run hardcore with this naked/kimono theme for the rest of the UK tour."
Amanda Palmer auf Twitter 

How to reply to idiots. Bravo, Amanda.

Freitag, 24. Mai 2013

Gehen Sie ins Gefängnis


Begeben Sie sich direkt dorthin.
Gehen Sie nicht über Los.
Glauben Sie ja nicht, von uns kriegen Sie was zu essen.

Systemrelevant müsste man sein! Heißa, wäre das ein Lotterleben!
Auf Rosen gebettet, mit Samthandschuhen angefasst, stets hofiert wie ein rohes Ei, mit öffentlichen Geldern ebenso beworfen wie mit richterlicher Milde und niemals jenen Härten ausgesetzt, die einen systemirrelevanten Normalsterblichen zermalmen können, wenn er sich mal daneben benommen hat.

Systemrelevant heißt auf Englisch bekanntlich Too big to fail, also
zu groß zum Scheitern, genauer: zu groß um bankrott zu gehen, und bezieht sich auf global operierende Finanzinstitute, die allen möglichen betrügerischen Scheiß bauen, kriminelle Geschäfte im großen Stil betreiben, sich beim Zocken gewaltig überheben, ganze Volkswirtschaften (vulgo: Menschenleben) ruinieren und eben deshalb keinesfalls bankrott gehen dürfen, denn ein Bankrott, so heißt es gebetsmühlenhaft, zöge immensen Kollateralschaden nach sich und würde - na? - genau, ganze Volkswirtschaften ruinieren.

In aller Regel zieht der Blankofreibrief Too big to fail den nicht minder ein Lotterleben versprechenden Persilschein Too big to jail nach sich, also zu groß zum Einbuchten, genauer: zu groß, um strafrechtlich verfolgt werden, und bezieht sich auf besagte verbrecherische Organisationen, deren straffällig gewordene Akteure niemals einen Knast von innen sehen werden; auch davor schützt sie ihre Systemrelevanz. Und zwar mit genau derselben Begründung: Das Verknacken von systemrelevanten Investmentbankern zöge immense Kollateralschäden nach sich und könnte ganze Volkswirtschaften ruinieren.

Woraus wir erstens lernen: Egal, ob ein systemrelevanter Banker verknackt wird oder nicht - seine verbrecherische Organisation wird ganze Volkswirtschaften ruinieren, so oder so. Und zweitens: Offenbar gehört das Ruinieren ganzer Volkswirtschaften zum Geschäftsmodell global operierender Finanzinstitute und kennzeichnet im engeren Sinne das, was unter Systemrelevanz verstanden wird.

Wo wir schon beim Reimen sind und zu fail sowie jail jeder systemirrelevante Normalsterbliche das Wort bail assoziiert: Die Logik der Systemrelevanz will es, dass all jene globalen Finanzplayer, die too big to fail und daher too big to jail sind, keineswegs als too big to bail gelten, im Gegenteil: Wer systemrelevant unterwegs ist, wird für den Scheiß, den er baut, vom Staat finanziell rausgehauen, kriegt also zur Belohnung fürs Ruinieren des Lebens anderer Leute ein Bail-out, kann somit lustig dem fail weiter frönen und dem jail entgehen, derweil der Staat die Kohle fürs bail seinen Bürgern aus der Tasche zieht, vorzugsweise denen, die eh keine Kohle in der Tasche haben, was ganz prima funktioniert über das drastische Kürzen von Sozialprogrammen, vorzugsweise denen, die eigentlich dazu gedacht waren, die Armen zu unterstützen, nun aber dringend zur Unterstützung von systemrelevanten Reichen gebraucht werden.

Potztausend, da geht noch was! Da kann noch mehr eingespart werden! Da gibt es doch dieses verschwenderische Sozialprogramm namens SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program), geschaffen, um unter der Armutsgrenze lebende Menschen mit food stamps (Lebensmittelmarken) zu unterstützen, damit sie nicht verhungern. Viel zu kostspielig, dieses Programm, hat ein amerikanischer Senat vorgestern herausgefunden - da können noch ein paar Daumenschrauben angezogen werden.

Im Visier der sparwütigen Schrauber: Menschen, die, irgendwann mal straffällig geworden (fail), rechtskräftig verurteilt in den Knast (jail) gesperrt wurden, eine jahrzehntelange Strafe abgesessen haben, längst aus der Haft entlassen wurden und es seither trotzdem nicht zum Millionär gebracht haben, vielmehr für sich und ihre Familien samt Kindern(!) auf Unterstützung (bail) angewiesen sind. Ha! Erst fail, dann jail, und dann wollen die auch noch bail? Nix da. Die gehören bestraft! Die sollen doch verhungern! Die kriegen ab sofort keine food stamps mehr! Und zwar lebenslänglich! Warum nicht? Weil, ja, eben darum, weil eben: Strafe muss sein. Findet der republikanische Senator von Louisiana. Ohne Widerrede abgenickt von seinen demokratischen Kollegen im Senat von Louisiana.

Weil, Strafe muss sein. Besonders für die Menschen, die ohnehin be- und gestraft, mithin von keinerlei Systemrelevanz sind, und das sind in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal überwiegend Afro-Amerikaner. Wozu sollten die durchgefüttert werden? Die sollen hungern! Weil, je mehr sie hungern, desto größer die Chance, dass sie irgendwann vor lauter Hunger und Armut erneut straffällig und zurück in den Knast gesperrt werden. Eigentlich hätte man sie ja gleich beim ersten Mal drin lassen können. Und zwar lebenslänglich. Auch da geht bestimmt noch was.

Erfreut über die aktuelle Sozialgesetzanpassung unter dem aparten Namen "amendment" (=Nachbesserung) dürfte sich vor allem die prosperierende amerikanische Gefängnisindustrie zeigen -
"Die private Untervertragnahme von Gefangenen zur Lohnarbeit schafft finanzielle Anreize, Menschen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Gefängnisse sind auf diese Einkommensquelle angewiesen. Großaktionäre, die an Gefangenenarbeit Geld verdienen, betreiben Lobbying für längere Haftstrafen, um ihre (billigen) Arbeitskräfte zu vermehren. Dieses System ernährt sich selbst", so eine Studie der Progressive Labor Party, die die Gefängnisindustrie beschuldigt, "eine Kopie von Nazideutschland zu sein hinsichtlich Zwangssklavenarbeit und Konzentrationslagern."
- aber nicht nur die:
Der Gefängnisindstrie-Komplex ist eine der am schnellsten wachsenden Industriebranchen der Vereinigten Staaten, und ihre Investoren sind in der Wall Street beheimatet. 
Mit anderen Worten:

Just fail.
Go to jail.
We take the bail.

Sonntag, 7. April 2013

Schöne neue Klassengesellschaft


Die Meldung ließ zunächst Schlimmstes befürchten. Kam sie doch aus Großbritannien, wo seit dem 1. April 2013 ein flächendeckender, von langer Hand vorbereiteter sozialer Kahlschlag sondergleichen stattfindet.

Wird also aus einem Land wie Großbritannien gemeldet, die herkömmliche Verschubladisierung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht sei obsolet, weil empirisch nicht mehr vorfindbar, wird jeder, der sie noch halbwegs alle hat, denken: Aha, der Mittelschicht hat das Todesglöcklein endgültig geschlagen, von nun an gibt es nur noch ein Oben (schmal) und Unten (breit), so wie irgendwann mal früher, als die Dinge noch übersichtlicher waren. Zurück zur guten alten Zweiklassengesellschaft, wird er erleichtert aufatmen - uff!, endlich Schluss mit den ganzen soziologischen Verrenkungen und hirnverbrannten Wortneuschöpfungen, erfunden einzig zu dem Zweck, nicht mehr 'Unterschicht' sagen zu müssen.

Also keine Mittelschicht mehr, nirgends, ja, darf das denn wahr sein? Nein, darf es natürlich nicht. Wenn es also der alten Mittelschicht an den Kragen geht, muss dringend eine neue Mittelschicht erfunden werden, damit die Mittelschicht nicht denkt, es ginge ihr an den Kragen. Und weil bei der Mittelschicht nichts die Alarmglocken so heftig schrillen lässt wie das Stichwort Zweiklassengesellschaft, musste flugs ein neues Schubladensystem her, nämlich die - Tusch! -Siebenklassengesellschaft. Das macht die ganze Sache natürlich wieder extrem unübersichtlich, aber was soll's, genau dies dürfte ja Zweck der Übung sein.

In der schönen neuen Siebenklassengesellschaft bekommt die Mittelschicht ein extrem breites Podest eingeräumt, auf dem sie sich mit breitem Hintern und im Hochgefühl der eigenen Unkaputtbarkeit niederlassen darf:
"In der Tat ist die stabile Mittelschicht eine große Gruppe in der britischen Gesellschaft. Sie (die Mittelschicht) muss verstanden werden als abgesichert und etabliert."
- während der ehedem breite Hintern der traditionellen Arbeiterklasse längst nicht mehr das ist, was er mal war, nämlich breit -
"Das überlebende Hinterteil der traditionellen Arbeiterklasse umfasst nur noch 14 Prozent der Gesamtbevölkerung und ist außerdem ziemlich alt mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren."
- mithin akut vom Aussterben bedroht, jener abgemagerte proletarische Hintern, der sich schon immer als Arsch der Mittelschicht fühlte und dies jetzt von Forscherseite bestätigt bekommt:
"Insofern verschwindet die traditionelle Arbeiterklasse aus dem Fokus zeitgemäßen Stellenwertes und ist ganz klar weniger bedeutend als die etablierte Mittelschicht."
Dafür darf sich der Steiß der Mittelschicht jetzt extrem verbreitern auf satte vier neugeschaffene Klassen:

- die "etablierte Mittelschicht" (25 Prozent) mit Hochschulabschluss, die es zu etwas gebracht hat (typisches Berufsbild: Stadtplaner oder Beschäftigungstherapeut);

- die "technische Mittelschicht" (6 Prozent), erfolgreich und gut abgesichert (typisches Berufsbild: Röntgenassistent oder Pharmazeut);

- die "neuen Gutsituierten" (15 Prozent), zwar ohne höhere Bildung, aber in gesicherter Position (typisches Berufsbild: Installateur, Elektriker, Vertriebsassistent);

- die "aufstrebenden Servicearbeiter" (19 Prozent), oft mit Hochschulabschluss, nicht eben materiell begütert, dafür jung und kompromissbereit (typisches Berufsbild: Gastronomiearbeiter, Callcenter-Angestellte).

Man merkt schon beim Lesen der Charts von oben nach unten, dass es hier klassentechnisch von oben nach unten geht, und das soll man ja auch merken, denn wozu taugte ein siebenstufiges Klassenmodell, welches seinen Klasseninsassen nicht hinreichend Gelegenheit böte, sich als etwas Besseres als die nächstuntere Klasse zu fühlen?

Und damit keiner der aufstrebenden Gastro-, Callcenter- und sonstigen Niedriglohnsklaven sich als der ultimative Arsch auf der nach unten offenen sozialen Rangtabelle fühlen muss, findet sich an deren vorläufigem Ende, quasi als sedimentäre Ablagerungsschicht, das "Prekariat", jener nach Abschaum riechende Bodensatz, zu dem keiner gehören will, zu dem jedoch 15 Prozent der Gesamtbevölkerung gehören, Tendenz steigend:

- das "Prekariat" (15 Prozent), das wirtschaftlich, sozial, bildungs- und gebisstechnisch auf der Verliererseite steht und völlig kultur- und interesselos irgendwie vor sich hindümpelt (typisches Berufsbild: Putzfrauen, Hausmeister, Kassierer oder arbeitslos),

im Gegensatz zum oberen Ende:

- der "Elite" (6 Prozent), "sich über alle anderen sechs Klassen meilenweit erhebend", da stinkreich (typisches Berufsbild: Firmendirektor, Rechtsanwalt, und - ahem! - Zahnarzt, wobei letzterer sich bestimmt meilenweit über die Reparatur der Gebisse von mindestens vier der niederen Klassen erhebt).

Übrigens bietet die BBC einen praktischen Online-Taschenrechner ("The Great British class calculator") an, auf dem sich jeder seine individuelle Klassenzugehörigkeit zusammendaddeln kann. Natürlich ließ mir die Neugierde keine Ruhe. Niederschmetterndes Testergebnis: trotz Hochschulabschluss, breitgefächerter kultureller Interessen und eines Gebisses, das (noch) als Mittelschicht durchgeht, kam der gnadenlose Befund "You are precariat" - also das, was ich schon die ganze Zeit wusste, aber endlich mal von der BBC offiziell bestätigt haben wollte.

Wer allerdings das vernichtende Testurteil nicht auf sich sitzen lassen möchte, muss nur den class calculator hier und da ein wenig manipulieren, zum Beispiel

- eingeben, dass sich im eigenen sozialen Umfeld mehr Rechtsanwälte und Zahnärzte tummeln als Taxifahrer, Putzfrauen, Hausmeister und Gastro-Schlampen (auch leitende Angestellte im Bekanntenkreis führen zur Aufwertung),

- behaupten, dass er/sie nicht nur gern Musik hört und Bücher liest, sondern sich häufige Theater-, Konzert- und Museumsbesuche leisten kann,

- leugnen, dass er/sie zur Miete wohnt,

- vorgeben, er/sie habe etwas auf der hohen Kante,

- behaupten, dass er/sie sich mit Vorliebe in Schlössern und herrschaftlichen Anwesen aufhält (natürlich nicht als Putzfrau oder Hausmeister, ist ja klar),

- und überhaupt so tun, als ob er/sie Geld wie Heu hätte.

Glückwunsch! Sie sind im erfolgreichen, gut abgesicherten Segment der stabilen Mittelschicht und können voller Genugtuung auf mal locker vier, wenn nicht fünf Unterschichten runterspucken! Wie, Ihnen sind vor lauter Scham über Ihre falschen Angaben noch nicht sämtliche Zähne rausgefallen? Bravo. Sie sind auf dem Weg nach ganz oben. Wer so gut lügen kann, hat einen Spitzenplatz in der Gesellschaft verdient. Machen Sie weiter so. Damit Sie auch morgen noch kraftvoll nach unten zubeißen können.

artwork by Nomerz

Montag, 1. April 2013

Früchte des Zorns


Schauplatz:
Augusta im amerikanischen Bundesstaat Georgia.

Offizielle Armutsquote in Augusta:
31,6 Prozent

Anteil der Bevölkerung, die mit weniger als 50 Prozent des als offizielle Armutsgrenze geltenden Einkommens leben:
11,8 Prozent

Kinderarmut in Augusta:
45 Prozent

Letzte Woche ging in Augusta ein Supermarkt bankrott. Die Nachricht von der Zwangsräumung des Lebensmittelgeschäftes verbreitete sich schnell in den verarmten Nachbarschaftsvierteln; und so strömten am vergangenen Dienstag rund 300 Bewohner Augustas, die meisten mit leeren Plastiktüten in den Händen, zu dem Geschäft - in der Hoffnung, dass die Lebensmittelrestbestände unbürokratisch und gratis an Bedürftige verteilt und damit (aus der Sicht des Betreibers) kostenlos "entsorgt"würden. Sie wurden in ihrer Hoffnung enttäuscht.

Zwar hätten, nach dem Willen des ehemaligen (jetzt bankrotten) Pächters, die verbliebenen Lebensmittel an die Bevölkerung gespendet werden sollen. Jedoch meldete der Eigentümer der Liegenschaft - eine Bank mit dem klangvollen Namen Sun Trust Bank - als Folge des Räumungstitels Besitzanspruch auf die Lebensmittelbestände an und verfügte deren umgehende Vernichtung. Dies geschah vor den ungläubigen Augen der mit leeren Plastiktüten wartenden Menschen: Unter Polizeischutz wurden sämtliche - sowohl frische als auch konservierte - Lebensmittel auf große Abfallcontainer geworfen und abtransportiert Richtung Müll- beziehungsweise Vernichtungsanlage.

Als Begründung für die gezielte Vernichtung der Lebensmittel gab der zuständige Einsatzleiter der Polizei an, erstens, auf Anordnung des Immobilieneigentümers, zweitens, im Namen von Gesetz, Recht und Ordnung gehandelt und, drittens, angesichts der hungrig dreinschauenden Menschenmassen
"... ein extrem hohes Potential für einen Volksaufstand (riot)"
erkannt zu haben, für dessen Verhütung eine im großen Stil angelegte Lebensmittelvernichtung als das Mittel der Wahl erkannt worden sei.

Das Wort hat Adam Kokesh, dem allerdings die Worte fehlen:



Mir fehlen sie auch.

Das letzte Wort hat John Steinbeck:
Lebensmittel wegzuwerfen vor den Augen hungernder Familien ruft die Worte John Steinbecks in Erinnerung, der eine ähnliche Szene in Früchte des Zorns (1939) beschrieben hat:
"Es gibt Verbrechen hier, die nicht zu schildern sind. Es gibt hier Leid, das Tränen selbst nicht sprechen lassen können. Es gibt hier Misserfolg, der all unsere Bemühungen zunichte macht. Die fruchtbare Erde, die geraden Baumreihen, die starken Stämme und die reife Frucht. Und Kinder müssen sterben, weil die Orange ihren Profit nicht verlieren darf. Und die Leichenbeschauer müssen in den Totenschein schreiben - 'starb an Unterernährung' -, weil Nahrungsmittel verrotten müssen, weil sie zum Verrotten gezwungen werden. Die Leute kommen mit Netzen, um die Kartoffeln aus dem Fluss zu fischen, aber die Wächter verbieten es ihnen ... und sie stehen still und sehen zu, wie die Kartoffeln vorbeischwimmen ... sehen die Orangenberge zu einem Fäulnisbrei zusammensinken, und in den Augen der Menschen liegt ein Scheitern; und in den Augen der Hungernden steht ein wachsender Zorn. In den Herzen der Menschen wachsen die Früchte des Zorns und werden schwer, schwer und reif zur Ernte."

Montag, 18. März 2013

Ende der Fahnenstange


Ja, das kommt halt davon, wenn die Banken einfach geschlossen werden am Montag, und dann auch noch bis Dienstag, und auf einmal auch bis Mittwoch und, gerüchteweise, sogar bis Donnerstag, ja, welcher Donnerstag denn jetzt, diese Woche, nächste Woche, nächsten Monat oder wann?

Jedenfalls, wenn die Banken dauernd geschlossen sind und die Leute nicht an ihr Geld kommen, dann gehen die Leute halt woanders hin, weil, irgendwohin müssen die Leute ja gehen oder vielmehr sie wollen irgendwohin gehen, und da bot sich heute eben die deutsche Botschaft in Zypern an:



Zur Kasse, Schätzchen

Merkel macht mobil:
"Jeder, der ein Bankkonto in Zypern hat, muss auch für die Zypern(vulgo: Banken-)-Rettung zur Kasse gebeten werden, denn damit werden die Verantwortlichen mit einbezogen."
Zu der Tatsache, dass damit die kleinen Leute in Zypern als die "Verantwortlichen" der Euro-Krise auf Zypern identifiziert werden, äußerte sich Merkel nicht.
Hingegen äußerte Merkel sich in einer solidarischen Botschaft an die zypriotischen Kleinsparer, das Einbeziehen der Verantwortlichen sei alternativlos:


Update:

Donnerwetter, Chapeau: Grußbotschaft zurück aus Zypern.

Cyprus strikes back:



Samstag, 16. März 2013

Vorsicht, Wirtschaftsschädlinge!


Ach, es könnte alles viel einfacher sein auf dieser Welt. Wie viele Krisen wären mit einem Schlag beendet, wie viele Probleme gelöst, wenn nur endlich, endlich das eine, das einzige, das alles verursachende Problem aus der Welt geschaffen wäre! Nämlich dieses leidige Problem mit der menschlichen Arbeit.

Also, nicht die menschliche Arbeit selbst, die soll natürlich keinesfalls aus der Welt geschaffen werden, wo kämen wir da hin, nein, es sind vielmehr die leidigen Kosten, die diese menschliche Arbeit verursacht, und die sind einfach viel zu hoch, diese Kosten, die kann sich ja kein Mensch mehr leisten zu bezahlen, weshalb sich kein Mensch wundern darf, dass das mit der Krisenbewältigung nichts wird und das mit der Eurorettung schon gar nicht, weswegen EZB-Präsident Mario Draghi jetzt endlich mal in die Vollen gegriffen und "die Führer der Eurozone belehrt" hat, nämlich über das Problem der zu hohen Arbeitskosten.

Ja richtig, belehrt hat er sie. Einen Late-Night-Crashkurs hat er ihnen verabreicht. Am späten Donnerstagabend um 23 Uhr. Volles Haus in Brüssel. Alle 17 Eurozonenführer saßen wie gebannt. Endlich sprach es mal einer aus:
"Die hohen Arbeitskosten sind schädlich für die Zukunftschancen der Eurozone."
Hoher Konsensfaktor bei den Zuhörern: Es gab keine Gegenrede. Alle waren sich einig, dass Draghi den Nagel auf den Kopf getroffen habe und endlich etwas getan werden müsse. Also runter mit den Arbeitskosten. Zwar schwieg sich Draghi aus über die hohen Arbeitskosten von Spitzenbankern, wurde aber auch von keinem der Anwesenden danach gefragt, weil, wer will schon einen harmonischen Gipfelkonsens inkommodieren?

Auch Eurozonenführerin Merkel zeigte sich schwer angetan von Draghis problemlösungsorientierter Power-Point-Parade. Wenn Frau Merkel etwas "sehr interessant" findet, dann weiß man, die Frau hat Feuer gefangen; lässt sich doch mithilfe der von Draghi erteilten Lektion die so gnaden- wie alternativlose Austeritätspolitik noch weiter schüren, denn, so Merkel, nicht etwa die Austeritätspolitik - nein! - sondern
"... die (zu hohen) Löhne sind verantwortlich für die hohe Arbeitslosigkeit heutzutage."
- nicht umsonst ist das Vorzeigemodell Deutschland, in dem niedrige Löhne zu niedriger Arbeitslosigkeit führen, im Begriff, international Furore zu machen.

Dass zu hohe Löhne schädlich für die Wirtschaft und darum ein Problem sind, das schleunigst gelöst gehört, hat jetzt auch das House of Lords - das Oberhaus des britischen Parlamentes - geschnallt. Das Oberhaus verfügt nämlich über eine eigene Kantine, also eine Art Szene-Wirtschaft, in der sich die Lords nach Herzenslust satt essen und gern auch mal einen über den Durst trinken können. Peers' Dining Room nennt sich das noble Etablissement, wo die Lordschaften (unter ihnen viele Millionäre) verköstigt werden.

Und zwar zu stark vergünstigten, das heißt steuerlich subventionierten Preisen, denn offenbar können Spitzenparlamentarier es sich nicht leisten, ein Mittagsgericht oder ein abendliches Besäufnis komplett aus eigener Tasche zu bezahlen - völlig unzumutbar bei einem mageren Taschengeld ("Anwesenheitsentschädigung") von 300 steuerfinanzierten Pfund pro Tag - weshalb jeder Oberhauslord eine wöchentliche Fress&Sauf-Zulage von 83,90 steuerfinanzierten Pfund erhält.

Neidisch, anyone? I wo, warum sollte so ein betuchter Oberhauslord leben wie ein Hund? Eben. Wenn schon leben wie ein Hund, dann bitte die anderen, die Underdogs im Oberhaus, die wirtschaftschädigenden Köche und Kellner und was sonst noch so kreucht in Küche und Keller, weil, you know, es muss nun mal gespart werden, it's the austerity, stupid, you know, and you're the stupid, didn't you know?

Unter der Überschrift:
Dem Küchenpersonal des House of Lords werden die Löhne gekürzt, um den Adligen weiterhin das subventionierte Speisen zu ermöglichen
ist zu erfahren, dass - wie üblich - "wir alle" den Gürtel enger schnallen müssen, allen voran das Küchenpersonal, denn die steuersubventionierten Wirtschaftskosten des Peers' Dining Room gelten als zu hoch unter der Prämisse, dass Ihre Lordschaften bitte weiterhin für einen (steuersubventionierten) Appel und ein (steuersubventioniertes) Ei gastronomisch verpflegt werden wollen. Zwar ließ der hochhäusige Adel nichts unversucht -
Ein Sprecher des House of Lords sagte: "Das House of Lords prüft sämtliche Optionen, um die Kosten für den Steuerzahler aus dem Bewirtungsbetrieb zu reduzieren."
- kam dann aber, nach Prüfung sämtlicher Optionen, doch zu dem Schluss, dass es die kochenden und kellnernden Spitzenverdiener (mit 8,55 Pfund Stundenlohn) seien, die die Bewirtungskosten für den Polit-Adel über Gebühr in die Höhe treiben und darum gekappt werden müssen. Ein freundliches Rundschreiben klärte die Kantinenbelegschaft auf, wer der Dumme sein werde - it's you, stupid! -
"Wir hoffen mit diesem Schritt auf gute Zusammenarbeit und dass sich so die erforderliche Reduktion an öffentlich verwendeten Steuergeldern erzielen lässt."
Na bitte, geht doch, wer sagt's denn? Arbeitskosten runter, Wirtschaft läuft, Problem gelöst.

Die Köche und Kellner sind über die Problemlösung, wie es heißt, not amused. Was tun? Streiken? Wird diskutiert. Oder einfach gute Miene zum bösen Spiel machen? Trotz Hungerlohn den hungrigen Lordschaften das verbilligte Essen servieren? So tun als ob nichts wäre? Mit freundlichem Gesicht?

Warum nicht. Noch weiß niemand, ob und wie sich das Personal von Peers' Dining Room zur Wehr setzen wird. Eins weiß ich aber mit Sicherheit: Wäre ich einer dieser raffzähnigen Lords, würde ich mir gut überlegen, wo ich künftig zum Essen und Trinken einkehre. Sehr gut überlegen würde ich mir das. Und unter Umständen einen großen Bogen um Peers' Dining Room machen.

Weil, unter Umständen sitzt ein geknechtetes Personal am längeren Hebel. Nicht nur in der Gastronomie. Dort aber besonders. Mahlzeit.

Sonntag, 3. Februar 2013

Schlafzimmerblick


Andere Länder, andere Maßnahmen, gleiche Stoßrichtung:

Schrittweise Entsorgung der armen, arbeitslosen, kranken, behinderten oder sonstwie der Gesellschaft zur Last fallenden, daher nutzlosen und eben drum überflüssigen Menschen, die zwar im offiziellen Sprachgebrauch (noch) als Menschen bezeichnet, jedoch immer unverfrorener als Untermenschen gedacht und behandelt werden.

Ihnen allen hängt derselbe Makel an: Sie kosten Geld und nehmen Platz weg. Sie nehmen viel zu viel Platz weg zum Leben. Deshalb muss ihnen der Platz weggenommen werden. Räumen sie den Platz nicht freiwillig, wird ihnen halt Geld weggenommen, weil, dann können sie sich den Platz nicht mehr leisten und hauen von allein ab, und dann ist man sie endlich los, vorerst jedenfalls.

Schauplatz Großbritannien, Tatort Schlafzimmer:

Neuester Schrei der austeritätsbesoffenen konservativen Regierung:
die sogenannte "Schlafzimmer-Steuer" (bedroom-tax). Eine Schlafzimmer-Steuer! Klingt fast pikant und ein wenig oh là là; ist aber nichts weiter als ein schnödes antisozialpolitisches Instrument, das die oben genannte Zielgruppe im Visier hat, um diese zu immer enger zusammengepferchtem Wohnen zu zwingen, zu immer weniger privatem Rückzugsraum, zu immer mehr zwischenmenschlichen Kompromissen, zu immer mehr Schlafstörungen und immer mehr Alpträumen. Genau das ist der Stoff, aus dem die Schlafzimmer-Steuer gemacht ist.

Kurz gesagt: Wer in seiner Wohnung - sie möge noch so bescheiden sein - ein Zimmer hat, von dem die Regierung der Meinung ist, es werde nicht benötigt, der wird künftig (ab April 2013) um mindestens 650 Pfund (750 Euro) seines jährlichen Wohngeldzuschusses erleichtert, sprich: bestraft werden. Wer sich das nicht leisten kann, bitte, der kann ja sein demokratisches Recht wahrnehmen und woanders hinziehen.

Wer also - nur als Beispiel - von dem überzogenen Anspruchsdenken befallen ist, zwei Schlafzimmer für zwei Kinder bereitzuhalten - ein Mädchen und ein Junge, beide unter zehn Jahre alt - dem wird von Amts wegen ein Schlafzimmer zu viel bescheinigt, will heißen: der wird mit einer Geldstrafe belegt werden. Sollte jemand so vermessen sein, ein Pflegekind in seine Familie aufzunehmen und diesem auch noch ein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung zu stellen: Geht nur bei Strafe, denn Pflegekinder zählen amtlicherseits nicht als Kinder und ein Schlafzimmer für ein Pflegekind schon gar nicht, obwohl der Nachweis eines eigenen Schlafzimmers zwingend ist, um amtlicherseits überhaupt ein Pflegekind aufnehmen zu dürfen. Lustig, oder?

Es geht noch lustiger. Wer als geschiedener Elternteil ein Schlafzimmer bereithält für sein Kind, das ihn ein paarmal die Woche besuchen kommt - vergiss es, ab April darf das Kind in der Badewanne oder auf dem Dachboden übernachten, weil es keinen Anspruch mehr auf ein Schlafzimmer haben wird. Gleiches gilt für den vielversprechenden Nachwuchs, der infolge Jobmangels bei der Armee Unterschlupf gefunden hat und nach Ablauf seiner Dienstzeit - sofern er sie überlebt - in sein altes Kinderzimmer zurückkehren will: gestrichen. Nur nicht sentimental werden, meint die Regierung, können wir uns in diesen harten Zeiten nicht leisten, oder halt nur der, der es sich leisten kann, sentimental zu sein; bei Geldstrafe, wie gesagt.

Alle anderen: umziehen, aber flott. Wohin? Keine Ahnung - kleine bezahlbare Wohnungen, auch Sozialwohnungen, sind Mangelware in Großbritannien. Ist aber nicht das Problem der Regierung. Hauptsache bestrafen und irgendwie wegschaffen, den ungewaschenen, nutzlosen Pöbel. Hauptsache weg.

Lebenspartner, die es vorziehen, in getrennten Schlafzimmern zu nächtigen? Wie bitte? Wo kommen wir da hin? Geht gar nicht. Strafe! Kranke Angehörige, die wegen Ansteckungsgefahr, Krankheitsbeschwerden, Atemnot eines eigenen Schlafzimmers bedürfen? Ha, alles Einbildung, alles verwöhntes Luxusdenken, Strafe. Gestresste pflegende Angehörige, die wenigstens nachts ein paar Ruhestunden brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen? Wie, in einem eigenen Schlafzimmer? Geht's noch? Let them eat cake and sleep on the sofa! Ein extra Schlafzimmer für ein behindertes Kind, einen behinderten Lebenspartner? So weit kommt's noch. Lachhaft. Gehört bestraft. Sofort. Spätestens ab April.

Amtlicherseits heißt die Schlafzimmersteuer übrigens 'under occupancy tax', auf deutsch: Unterbelegungsabgabe. Unterbelegt geht im vom Austeritätswahn befallenen Endkapitalismus überhaupt nicht. Unterbelegt ist ein unhaltbarer Zustand, der von nicht ausgeschöpften Kapazitäten kündet, so was hat es gar nicht gern, das marode System. Deshalb fragt das System sich ständig und systematisch, ob da nicht noch was geht? Vielleicht eine Sonderzahlung auf unterbelegte Containerbaracken? Oder auf leerstehende Viehställe?

Oder, noch besser, vielleicht eine Geldstrafe auf unterbelegte Hühnerbatterie-Käfige? Solche mit weniger als zehn Hennen pro Quadratmeter? Wo noch genügend Platz wäre für ... na ja, man wird doch mal laut denken dürfen. Weil, bei der bekannt kostenbewussten Denke von Hühnerbatterie-Käfighaltern, ich meine, die sind doch zu allem bereit, bloß nicht zur Zahlung einer Geldstrafe wegen Unterbelegung, insofern ... gut, kann man ja mal im Auge behalten.

Und wenn alle Stricke reißen und alle Kapazitäten ausgeschöpft sind, gibt es ja immer noch die Straße. Da geht noch was! In britischen Birmingham zum Beispiel, da steigt die Obdachlosenrate um 400 Prozent! Im Monat! Da sind noch Kapazitäten frei! Also bitte. Irgendwie wird sich das Problem schon lösen. Am Ende wird es so aussehen, als habe es sich von selbst gelöst. Ein paar kalte Winterperioden, und gut ist.



Samstag, 19. Januar 2013

Wenn Verlierer gewinnen


Heute mal ein Abstecher in die Welt des Sports. Ist sonst nicht so mein Blogding, aber heute muss es sein.

Weil, eigentlich geht es weniger um den Sport selbst als um das Sozialverhalten im Sport, also um die Abteilung, wo's menschlich wird. Oder unmenschlich, je nachdem. Statt von 'unmenschlichem' ließe sich auch von 'unsportlichem' Sozialverhalten sprechen. Von unsportlichem Sozialverhalten kann wahrscheinlich fast jeder Sportler ein Lied singen, jedenfalls dann, wenn er es bis nach oben geschafft und seine sportlichen Siege nicht zuletzt seinem unsportlichen Sozialverhalten verdankt hat: halt so Gewinnertypen, deren Weg von Leichen gepflastert ist. Kennt man ja. Nicht nur aus der Welt des Sports.

Einer dieser Gewinnertypen heißt Lance Armstrong. Der gab neulich (anlässlich eines als Ja-ich-habe-gedopt-Geständnis-Fernsehinterview getarnten PR-Coups) tiefe Einblicke in sein gewohnheitsmäßig unsportliches Sozialverhalten:
Was jedoch interessant war (in dem Interview), war folgendes: Armstrong erweckte nicht den Eindruck, dass die Tatsache, ein selbstgerechtes Arschloch zu sein, etwas ist, weswegen er ein schlechtes Gewissen haben oder sich gar entschuldigen sollte. Er sah die Sache ganz nüchtern. (Nämlich, "Oh, keine Frage, ich war ein Riesenarschloch. Ich wollte gewinnen, koste es, was es wolle, und habe mich nicht darum geschert, wie ich andere Leute behandelt habe. Nächste Frage?" (Business Insider)
Eben. Wer auf der Gewinnerspur ist und groß rauskommen will, darf sich nicht mit gefühlig-menschelnden Petitessen aufhalten. Mit anderen Worten: Vor die Alternative gestellt, einerseits, zu gewinnen und darüber zum unsportlichen Arschloch zu werden oder, andererseits, nicht zu gewinnen, aber dafür ein anständiger Mensch zu sein, hat Armstrong sich bewusst entschieden zu gewinnen und darüber zum unsportlichen Arschloch zu werden. Vermutlich ist Armstrong darin vielen Menschen (nicht nur Sportlern) - vor dieselbe Alternative gestellt - ein leuchtendes Vorbild.

Aber nicht allen Menschen. Auch nicht allen Sportlern. Es gibt welche, die entscheiden sich für sportliches Sozialverhalten und werden darüber zum Verlierer. Von denen hört man wenig - wen interessieren schon Verlierer? -, es sei denn, man stolpert eher zufällig über sie, zum Beispiel durch eine Story bei El Pais (Link via Felix Salmon) mit der Überschrift
Die Ehrlichkeit des Langstreckenläufers
Ist Gewinnen das einzige, was zählt? Bist du dir dessen wirklich sicher?
Was folgt, ist die Geschichte des spanischen Athleten Iván Fernández Anaya: Der lief, als Zweiter, bei einem 3.000-Meter-Hindernisrennen hinter dem mit Abstand führenden kenianischen Läufer Abel Mutai. Als sich beide der Ziellinie näherten, bemerkte Anaya, dass Mutai - der sichere Gewinner des Rennens - zehn Meter vor dem Endspurt sein Tempo verlangsamte, weil er irrtümlicherweise dachte, er habe die Ziellinie bereits überschritten. Der spanische Läufer holte schnell auf; jedoch nicht etwa, um das Versehen von Mutai zu seinen Gunsten auszunutzen - vielmehr erkannte er dessen Irrtum, blieb dicht hinter ihm, gestikulierte von dort den kenianischen Läufer weiter voran in Richtung Zielline und ließ ihn als Ersten ins Ziel einlaufen.
"Ich habe es nicht verdient zu gewinnen", sagt der 24-jährige Fernández Anaya. "Ich tat, was ich zu tun hatte. Er war der verdiente Gewinner, denn er hatte einen Abstand zwischen uns beiden geschaffen, den ich niemals hätte verringern können, wäre ihm nicht dieser Fehler unterlaufen. Sobald ich sah, wie er abbremste, war mir klar, dass ich ihn nicht überholen würde."
Mit anderen Worten: Anaya entschied sich bewusst zu verlieren, aber dafür ein anständiger Mensch zu sein. Schön blöd, werden sich jetzt die Gewinnertypen denken, wie kann jemand eine so einmalige Gelegenheit nicht beim Schopf packen, den unliebsamen Konkurrenten abhängen und im Hochgefühl des "Gewinnens, koste es, was es wolle" das Siegerpodest erklimmen?

Der spanische Sportler ist anderer Meinung:
"Ich glaube, indem ich das tat, was ich getan habe, habe ich mir einen besseren Namen gemacht als wenn ich gewonnen hätte. Und das ist mir von großer Bedeutung, denn so wie die Dinge heutzutage stehen - überall, im Fußball, in der Gesellschaft, in der Politik, wo alles erlaubt zu sein scheint -, kommt eine Geste der Ehrlichkeit in der Öffentlichkeit gut an."
Finde ich ein bemerkenswertes Statement und würde es gern überschreiben mit 'Die Ehrlichkeit des Verlierers'. Obwohl, am Ende hat der spanische Läufer sogar etwas gewonnen, nämlich die Selbstachtung als Mensch, der sich einem unsportlichen Verhalten verweigert hat? Jedenfalls hat er sich klar entschieden. So wie andere sich entscheiden, ein Arschloch zu werden. Nicht nur im Sport. Nächste Frage? Keine mehr.

Sonntag, 13. Januar 2013

The Kids Are All Right


Minutenlang starre ich auf einen Text, obwohl ich ihn bereits zum dritten Mal gelesen habe, und starre nicht deshalb, weil ich ihn gerade zum vierten Mal lese, sondern weil der Text mich in eine Art Starre versetzt, weil ich wie vom Donner gerührt bin, und deshalb starre ich auf diesen Text:
Es gibt einen sehr beschränkten Persönlichkeitstyp, der sich dafür entscheidet, den ganzen Tag in einem Klassenzimmer mit Kindern zu verbringen. Die meisten Grundschullehrer sind ESFJ (-Typen). Dieser Persönlichkeitstyp hat viele Überschneidungen mit jenen Menschentypen, die auf Kindern in Horten (after school) aufpassen. Was bedeutet, dass Kinder umgeben sind von gefühlsbetonten, systemisch denkenden Leuten, die dazu neigen, in der Gegenwart zu leben statt in der Zukunft. Weil Kinder nach einer konstanten gegenwartsorientierten Zuwendung verlangen.
Könnte man so stehenlassen, ohne in Schockstarre zu verfallen - wenn da nur nicht eingangs das vernichtende Urteil "sehr beschränkt" gefällt würde. Was ist an einem Pädagogen "sehr beschränkt", wenn er sich Kindern mit einer gefühlsbetonten, systemisch denkenden, gegenwartsorientierten Haltung zuwendet? Irritiert lese ich weiter:
Das Problem dabei ist, dass die Geschäftswelt, in der die Kinder vermutlich einmal Geld verdienen werden für ihren Lebensunterhalt, praktisch keinerlei Überschneidungen hat mit diesen systemischen, fühlenden Typen. Weil nämlich die Geschäftswelt solchen Typen dermaßen die Lust am Leben austreibt, dass sie (solche Typen) aus dieser Welt aussteigen. Die Geschäftswelt wird nun mal betrieben von emotionslosen, zukunftsorientierten Rechtsbrechern. Dies sind die Leute, die zu Geld kommen.
- weshalb, so darf geschlossen werden, der beschriebene "sehr beschränkte" Persönlichkeitstyp es nie zu etwas bringen wird, geschweige denn zu Geld, und es vorziehen wird, "aus dieser Welt auszusteigen". Mit wachsender Irritation schaue ich nach, von wem dieser Text stammt: von einer selbsternannten amerikanischen Karriereberaterin, die die Zielgruppe Generation Y im Visier hat und der sie beruflich auf die Sprünge helfen will, und sei es, dass die Generation Y dabei ganz unsentimental über Leichen springen muss. Business as usual, you know, gelobt sei, was hart macht.
Warum also sperren wir unsere Kinder weg mit lauter solchen Leuten, die nicht in die reale Welt passen, und dann, nach Abschluss des Colleges, schleudern wir die Kinder in die reale Welt und erwarten von ihnen, dass sie sich anpassen? Dabei haben sie keinerlei Training für diese Anpassung erhalten.
- und dann darf - wenn ich die Autorin richtig verstehe - sich niemand wundern, wenn diesen fehlgesteuerten, in die "reale Welt geschleuderten Kindern" dermaßen "die Lust am Leben" ausgetrieben wird, dass sie "aus dieser Welt aussteigen". Und zwar nicht bloß aus der angeblich "realen" - also der Geschäftswelt - aussteigen, sondern aus der Welt schlechthin.

Einer dieser an die "reale Welt" unangepassten Angehörigen der Generation Y ist gestern aus der Welt schlechthin ausgestiegen, aus freien - also vermutlich sehr unfreien - Stücken und von eigener Hand. Die Nachricht von dem Suizid des Aaron Swartz wurde von Felix Salmon zeitgleich veröffentlicht mit dem oben zitierten Text der Generation-Y-Karrierespezialistin. Warum bin ich wie vom Donner gerührt? Weil mir, im Kontext des Todes von Aaron Swartz, der letztgenannte (erst wenige Tage alte) Text beinahe wie ein zynisch sich selbst erfüllendes Todesurteil erscheint.



"Unsere Gesellschaft sollte sich besser für die Aaron Swartz's dieser Welt entscheiden. Stattdessen jedoch kehrt sich ein großherziger, ethischer Verhaltenskodex - besonders wenn er sich mit technischer Brillianz paart -, um in etwas Schlechtangepasstes, wahrhaft Tödliches. Wäre Swartz der jüngste Investmentbanker an der Wall Street gewesen, wäre er heute noch am Leben."
(Lambert Strether, amerikanischer Blogger, via Rick Perlstein)

Mittwoch, 9. Januar 2013

Generation No Job


Es ist schon ein Kreuz mit der EU-Arbeitslosigkeit. Und erst mit dieser Jugendarbeitslosigkeit! Will sich einfach nicht bändigen lassen. Obwohl ihr bereits Verbote angedroht wurden, auf höchster EU-Ebene, es ist noch keine vier Wochen her. Hat nichts genützt. Sie gebärdet sich weiterhin wie ein aufsässiger Teenager, völlig außer Rand und Band, steil nach oben aus der Haut fahrend und kein Ende in Sicht:


Am Dienstag meinte EU-Sozialkommissar Laszlo Andor (das ist der mit dem Verbietenwollen von Anfang Dezember 2012) ein Machtwort sprechen und der schwer erziehbaren Jugendarbeitslosigkeit die Leviten lesen zu müssen, indem er deren Über-die-Stränge-schlagen als "unakzeptablen Höchststand" brandmarkte. Vergeblich - es sieht ganz danach aus, als ob sich der renitente Fratz nicht die Bohne darum schert, was irgendwelche festangestellten, gutdotierten EU-Nörgler für akzeptabel halten oder nicht: Er, der renitente Fratz, zeigt ungeniert seine Fratze und bleibt konstant auf Höhenflug - momentan (gesamteuropäisch) bei rund 25 Prozent, Tendenz steigend.

Dem Herrn Sozialkommissar wurde es jetzt zu blöd. Zur Zähmung der Widerspenstigen, räsonierte er, müssten endlich mal andere, strengere Saiten aufgezogen werden. Weil, es sei ja nicht allein skandalös, dass immer mehr junge Leute in Europa arbeitslos würden, sondern - Flegelhaftigkeit sondergleichen! - dass die auch noch arbeitslos blieben, sprich zu Langzeitarbeitslosen mutierten, somit der Gesellschaft dauerhaft unverantwortlich zur Last fielen und noch nicht mal einsichtig genug seien, den Fehler dafür bei sich selbst zu suchen.

Denn, so ließ der EU-Kommissar an seinen verschrobenen Gedankengängen teilhaben, wie komme es denn zu so einem "unakzeptablen Höchststand" der Langzeitarbeitslosigkeit?
Dies liege auch an falschen Qualifikationen, sagte Andor: "In einigen Ländern, besonders in Süd- und Osteuropa, passen Fähigkeiten und Jobs nicht gut zusammen - und dies hat sich verschlechtert."
Da haben wir's: Arbeitsmarkt und Ausbildung passen heutzutage einfach nicht gut zusammen; selber schuld, wer es versäumt hat, eine marktkonforme Berufsausbildung zu absolvieren. Die gute Nachricht: Auch solchen gescheiterten Berufsanfänger-Existenzen kann geholfen werden - sofern sie bereit sind zu lernen, ihre ursprüngliche, völlig am Markt vorbei gefällte berufliche Fehlentscheidung rechtzeitig zu kompensieren. Kompensieren womit? Mit marktkonformer Flexibilität.

Wo? In Amerika machen es die frisch gescheiterten jungen Akademiker vor: Immer mehr Hausmeister, Reinigungsfachkräfte, Kellner und Parkplatzwächter können inzwischen einen Promotionsabschluss vorweisen. Na bitte, geht doch! Gut, sie brauchen zwar zusätzlich Lebensmittelmarken zum Überleben, aber - und nur darauf kommt es an - sie halten mit ihrer marktkonformen Grundeinstellung die Langzeitarbeitslosigkeit auf akzeptablem Niveau.

Mal sehen, ob der europäische Fratz sich ein Beispiel daran nehmen wird. Womöglich kommt er ja auf ganz andere Gedanken. Auf dumme. Oder so. Abwarten.


Montag, 31. Dezember 2012

Am Schuldentresen


Ein Bier, bitte.
Für mich eine Flasche Champagner.
Wer arm ist, ist selber schuld.
Weiß doch jeder.
... der darf nicht wählerisch sein.
War schon immer so.
Und wem das Wasser bis zum Hals steht, darf erst recht nicht wählerisch sein.
Auch nichts Neues.
... der muss halt in der Brühe schwimmen, die ihm andere eingebrockt haben.
Ja klar, Eigenverantwortung übernehmen, was denn sonst.
Und wenn er dabei absäuft?
Selber schuld. Hat ihn ja keiner gezwungen, sich zu verschulden.
Und wenn er arbeitslos geworden ist?
Auch selber schuld. Schließlich gibt es ja Jobs.
Echt? Wo?
Überall. Liegen doch auf der Straße, die Jobs. Er darf halt nicht wählerisch sein. Ach übrigens, hab' ich grad in einer neuen Studie gelesen:
"Wem das Wasser bis zum Hals steht ('underwater homeowners'), der akzeptiert bereitwillig signifikant niedrigere Löhne."
Klingt wie Schuldknechtschaft.
Ach was, wir leben doch nicht mehr im Feudalismus.
Sondern?
Na ja, im Finanzkapitalismus halt.
Wo liegt der Unterschied?
Darin, dass der arme Schlucker glaubt, da wäre ein Unterschied.
Also doch Schuldknechtschaft?
Klingt irgendwie nicht nett, das Wort.
Klingt Abzocke netter?
Was heißt Abzocke, es gab da halt so 'ne Kreditblase und dann hat's den Markt gecrasht und jetzt ist er halt der Dumme, der arme Schlucker,
... und muss für einen Hungerlohn arbeiten gehen?
Tja, was soll man machen? Selber schuld.
Wer? Die Finanzkapitalisten?
Nö, die armen Schlucker. Weil, die Finanzkapitalisten brauchen nun mal niedrigere Löhne, für ihr Wachstum, da dürfen sie in der Wahl der Mittel nicht wählerisch sein.
Klingt nach von langer Hand geplanter Abzocke.
Aha. Klingt jetzt sehr verschwörungstheoretisch.
Wer steckt eigentlich hinter dieser neuen Studie?
Die wurde von der Finanzindustrie in Auftrag gegeben.
Aha. Klingt jetzt sehr verschwörungspraktisch.
Dummes Zeug.
Ach übrigens, hab' ich grad gelesen: 
"You've got to learn to think like an asshole to really see what to worry about."
Unglaublich. Wer wagt es, solche gehässigen Sprüche rauszuhauen?
Eine gewitzte amerikanische Bloggerin namens Mathbabe. Die ist Mathematikerin mit einschlägiger Berufserfahrung in der Finanzindustrie, Abteilung Hedge Fonds. Bis sie es dort nicht mehr ausgehalten hat.
Und dort hat die solch dummes Zeug gelernt?
Nö, sie sagt, dort habe sie gelernt, wie ein Arschloch zu denken.
Unglaublich!
Aber wahr. Prost.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Das große Arbeitslos gezogen


Immer diese Arbeitslosigkeit! Dabei wäre das Problem mit der Arbeitslosigkeit gar nicht so schlimm, wenn nur die vielen Arbeitslosen nicht wären. Darum will jetzt - in einem ersten Schritt - die EU die hohe Arbeitslosigkeit verbieten. Nächste, weit wirksamere - weil das Übel an der Wurzel packende - Maßnahmen sollen folgen: Wie verlautet, will die EU demnächst die Arbeitslosen selbst verbieten. Dann wird endlich Schluss sein mit der Unzufriedenheit der arbeitslosen europäischen Bevölkerung, und die EU kann sich in aller Ruhe ihrer eigentlichen Aufgabe - der Integration aller von den Arbeitslosen befreiten Länder, Völker und Wirtschaften - widmen.

Bis dahin ist allerdings noch der eine oder andere arbeitslose Mensch unauffällig zum Verschwinden zu bringen. Wie das gehen soll? Ganz einfach - mit Arbeitslosen! Eine italienische Supermarktkette macht es vor: Dort gibt es nämlich Arbeitslose zu gewinnen. Teilnahmeberechtigt ist im Prinzip jeder, wobei es sich natürlich in erster Linie um Arbeitslose handelt, die an Arbeitslosen interessiert sind, ist ja klar, denn wer sonst sollte auf ein Arbeitslos scharf sein?

Ganz leicht wird es jedoch den Arbeitslosen in Italien nicht gemacht, an ein Arbeitslos ranzukommen. Wäre ja auch zu einfach! Etwas Mühe müssen die sich schon geben, bisschen Eigeninitiative zeigen und in Vorleistung gehen: Mit einem Minimumbeitrag von 30 Euro (Einkauf von Lebensmitteln) sind sie dabei, die Arbeitslosen, und dafür bekommen sie ein Arbeitslos aus der Supermarkt-Lotterie, und wenn sie Glück haben, gewinnen sie mit ihrem 30-Euro-Arbeitslos einen Arbeitsplatz im Supermarkt und sind dann mit einem Schlag ihre Arbeitslosigkeit los. Hey, wenn das keine coole Arbeitsbeschaffungs-, ähm, Arbeitslosenbeseitigungsmaßnahme ist!

Man nennt so etwas übrigens 'win-win', weil ja alle Beteiligten an der Maßnahme gewinnen: Der Arbeitslose gewinnt einen Arbeitsplatz (okay, nur einen befristeten Aushilfs-Teilzeit-Job, aber immerhin als Lagerarbeiter oder Gabelstapelfahrer, das ist doch schon mal was), und der Supermarkt gewinnt einen Haufen Geld aus dem Erlös der Losverkäufe. Übrigens auch aus dem Verkauf der Nieten, wie das halt so ist bei einer Lotterie.

Im Rahmen ihres ehrgeizigen Programmes zur restlosen Beseitigung der Arbeitslosen zeigt sich die EU  begeistert von der cleveren Übergangsmaßnahme der italienischen Händler und hat letzteren - im Gegenzug - versprochen, ihnen ein Stückchen vom EU-Friedensnobelpreiskuchen abzugeben; schließlich wird auf diese Weise in Bälde Frieden an der europäischen Arbeitslosenfront herrschen.

Bis es so weit ist, hat die EU auf ihrem jüngsten Gipfeltreffen einstimmig beschlossen, das Unwort 'arbeitslos' (sofern es nicht großgeschrieben wird) ein für alle mal auszumerzen, also zu verbieten. Wer das Unwort trotzdem weiterhin verwendet, muss zur Strafe alle europäischen Arbeitslosen auf einem (von der europäischen Kommission DIN-normierten) Gabelstapler die nächsten zehn Jahre im Kreis durch die Eurozone fahren und darf nur in solchen EU-Ländern anhalten, wo gerade mal wieder ein Fachkräftemangel™ herausposaunt wurde.

Wie berichtet, wurde in den Fuhrpark an EU-normierten Gabelstaplern bereits kräftig investiert; dieser wurde - bedarfsgerecht - um prophylaktische 11,9 Prozent ausgebaut und mit der harmonisierenden Aufschrift versehen: "Bei uns bleibt keiner auf der Strecke!"

Sonntag, 18. November 2012

Starker Stoff


In der südspanischen Stadt Cádiz muss gestern schwer was los gewesen sein. Anlässlich eines ibero-amerikanischen (Spanien, Portugal, Lateinamerika) Gipfeltreffens haben sie sich dort die Naturkräuter gegenseitig um die Ohren gehauen, dass es nur so gequalmt hat.

Der bolivianische Präsident Evo Morales wollte das Kauen von Coca-Blättern legalisiert haben, - etwas, was zuhause in den Anden sowieso jeder tut, von den Vereinten Nationen jedoch mit einem Verbot belegt ist, welches wiederum die Vereinigten Staaten von Amerika mit Zähnen und Klauen sowie dem Argument verteidigen, Coca-Blätter seien der gefährliche Rohstoff für das gefährliche Rauschgift Kokain, dessen Hauptkonsument weltweit die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Bitte gut durchkauen und auf der Zunge zergehen lassen.

Ferner ging der mexikanische Präsident Felipe Calderon auf die Barrikaden, weil ein paar US-amerikanische Bundesstaaten das Rauchen von Marijuana legalisiert haben wollen, - etwas, was in Amerika sowieso jeder tut, von Calderon jedoch mit Zähnen, Klauen sowie dem Argument bekämpft wird, "sein Land könne sich keinesfalls auch nur einen einzigen Schritt zurück leisten im Kampf gegen Drogenhandel" und die ganze Kriminalität, und außerdem mache der Genuss von Marijuana gewalttätig und überhaupt.
Bitte in angemessenes Papier rollen und tief inhalieren.

Undokumentiert ist, worauf während des festlichen Gipfel-Dinners herumgekaut und wieviele Ofenrohre anschließend zu Verdauungs- und Erleuchtungszwecken herumkreisten. Dokumentiert ist jedoch die jüngste Erleuchtung des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy; der geht nämlich auf Betteltour bei den ehemaligen spanischen Kolonien Lateinamerikas:
In einem historisch zu nennenden Rollentausch hofierten die rezessionsgeplagten Länder Spanien und Portugal die Regierungschefs ihrer ehemaligen lateinamerikanischen Kolonien - Länder mit inzwischen stärkstem Wirtschaftswachstum.
Die Lateinamerikaner, so Rajoy, sollen sich jetzt mal gefälligst erkenntlich zeigen und den Spaniern "helfen, ihre tiefe finanzielle Krise zu überwinden mithilfe von Investitionen", - jetzt, wo "die Rollen vertauscht seien", die früheren Kolonien prosperierten und also ruhig mal den krisengebeutelten Ex-Kolonialherren unter die Arme greifen könnten.
"Unsere Augen sind auf euch gerichtet: Wir brauchen mehr Lateinamerika."
- sekundierte der spanische König Juan Carlos und vergaß nicht, eindringlich hinzuzufügen, dass
"... in Spanien schwierige Situationen in Erscheinung treten, verursacht durch die finanzielle und wirtschaftliche Krise."
- womit er gewiss auf die schwierigen Situationen anspielte, die derzeit auf Spaniens Straßen in Erscheinung treten, wo Hunderttausende von Menschen gegen die ihnen aufgehalste finanzielle und wirtschaftliche Krise protestieren, sowie (zeitgleich zu dem Gipfeltreffen in Cadiz) über 5.000 gegen Kürzungsmaßnahmen in Madrid demonstrierende Polizisten, die wissen wollen, wie sie, bitteschön, weiterhin auf jene Hunderttausende einprügeln sollen, wenn ihnen, den Polizisten, die Renten gekürzt und das Weihnachtsgeld gestrichen werden?

Noch ist nicht dokumentiert, wie die früheren spanischen Überseekolonien auf den von Rajoy angetragenen Klingelbeutel reagiert haben. Fest steht nur, dass sich die herzzerreißende Betteltour gestern im symbolträchtigen Cádiz zugetragen hat, jener spanischen Hafenstadt also, die vormals in schwunghafter Blüte gestanden hatte, zu jener Zeit, als dort die erbeuteten Schätze der Azteken und Inka aus dem fernen Lateinamerika importiert worden waren.

Hoher Dröhnfaktor in Cádiz, alles in allem. Man wäre nicht ungern dabeigewesen. Schon um zu wissen, was die bei so einem Gipfel alles rauchen, wenn sie lange genug darauf herumgekaut haben.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Taxi!


Mal ehrlich, ich wüsste nicht, was ich täte, wenn es The Artist Taxi Driver nicht gäbe. Vermutlich wäre ich aufgeschmissen, vor lauter sprach- und fassungsloser Schockstarre - etwas, was dem taxifahrenden Künstler aus London niemals passieren würde, weil, der setzt sich einfach in sein Taxi und fängt an zu randalieren. Lauthals. Irgendwann, ich schwöre es, kaufe ich mir von meinen letzten Kröten ein altes Taxi und fange auch an zu randalieren; wer mitfahren und -randalieren möchte, ist herzlich eingeladen.

Ich schaue (und höre!) mir fast jede neue Folge des genialen Taxi-Ranters an und weiß daher, was es geschlagen hat, wenn der Typ zunächst einen ganz aufgeräumten, fast harmlosen Eindruck macht und bei normaler Zimmerlautstärke seinen Rückspiegel zurechtrückt: Spätestens nach einer halben Minute läuft er adrenalintechnisch auf Hochtouren. Ab der 25. Sekunde bricht die Hölle los, die weißglühende Hölle des sich überschlagenden Wutausbruchs.



Worum geht es?

Um die alten Leute in England. Die Rentner. Die sind nämlich eine "negative Belastung für die Gesellschaft". Das "muss aufhören". Schluss mit den "nutzlosen Leistungsschnorrern". Die müssen ab sofort aktiviert werden, und zwar zu "aktiven", "nützlichen Trägern der Zivilgesellschaft". Sonst gibt's keine Rente. Basta.
"Wir sind jetzt so weit den Leuten zu sagen, wenn ihr nicht arbeitet, dann kriegt ihr von uns auch keine Rente.  Wenn ihr also alt seid und nicht irgendeine Arbeit beisteuert, dann sollte das bestraft werden. Machen wir denn von allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Gebrauch, um alte Leute zu ermuntern, nicht einfach bloß eine negative Last für den Staat zu sein, sondern ein positiver Teil der Gesellschaft?"
Der das sagt, heißt Michael Bichard, war Staatsbeamter im Ministerium für Arbeit, ging mit 54 Jahren in den Ruhestand, bekam 2010 die Adelswürde auf Lebenszeit verliehen und sitzt seither als Lord Bichard im House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments, wo er gerade seine Rentner-Wiedereingliederungs-Zwangsmaßnahme verkündet hat.

Wie gesagt, Schockstarre inklusive Spucke weg.
Wie gut, dass es Mark McGowan gibt.

Taxi!!