Freitag, 24. Mai 2013

Gehen Sie ins Gefängnis


Begeben Sie sich direkt dorthin.
Gehen Sie nicht über Los.
Glauben Sie ja nicht, von uns kriegen Sie was zu essen.

Systemrelevant müsste man sein! Heißa, wäre das ein Lotterleben!
Auf Rosen gebettet, mit Samthandschuhen angefasst, stets hofiert wie ein rohes Ei, mit öffentlichen Geldern ebenso beworfen wie mit richterlicher Milde und niemals jenen Härten ausgesetzt, die einen systemirrelevanten Normalsterblichen zermalmen können, wenn er sich mal daneben benommen hat.

Systemrelevant heißt auf Englisch bekanntlich Too big to fail, also
zu groß zum Scheitern, genauer: zu groß um bankrott zu gehen, und bezieht sich auf global operierende Finanzinstitute, die allen möglichen betrügerischen Scheiß bauen, kriminelle Geschäfte im großen Stil betreiben, sich beim Zocken gewaltig überheben, ganze Volkswirtschaften (vulgo: Menschenleben) ruinieren und eben deshalb keinesfalls bankrott gehen dürfen, denn ein Bankrott, so heißt es gebetsmühlenhaft, zöge immensen Kollateralschaden nach sich und würde - na? - genau, ganze Volkswirtschaften ruinieren.

In aller Regel zieht der Blankofreibrief Too big to fail den nicht minder ein Lotterleben versprechenden Persilschein Too big to jail nach sich, also zu groß zum Einbuchten, genauer: zu groß, um strafrechtlich verfolgt werden, und bezieht sich auf besagte verbrecherische Organisationen, deren straffällig gewordene Akteure niemals einen Knast von innen sehen werden; auch davor schützt sie ihre Systemrelevanz. Und zwar mit genau derselben Begründung: Das Verknacken von systemrelevanten Investmentbankern zöge immense Kollateralschäden nach sich und könnte ganze Volkswirtschaften ruinieren.

Woraus wir erstens lernen: Egal, ob ein systemrelevanter Banker verknackt wird oder nicht - seine verbrecherische Organisation wird ganze Volkswirtschaften ruinieren, so oder so. Und zweitens: Offenbar gehört das Ruinieren ganzer Volkswirtschaften zum Geschäftsmodell global operierender Finanzinstitute und kennzeichnet im engeren Sinne das, was unter Systemrelevanz verstanden wird.

Wo wir schon beim Reimen sind und zu fail sowie jail jeder systemirrelevante Normalsterbliche das Wort bail assoziiert: Die Logik der Systemrelevanz will es, dass all jene globalen Finanzplayer, die too big to fail und daher too big to jail sind, keineswegs als too big to bail gelten, im Gegenteil: Wer systemrelevant unterwegs ist, wird für den Scheiß, den er baut, vom Staat finanziell rausgehauen, kriegt also zur Belohnung fürs Ruinieren des Lebens anderer Leute ein Bail-out, kann somit lustig dem fail weiter frönen und dem jail entgehen, derweil der Staat die Kohle fürs bail seinen Bürgern aus der Tasche zieht, vorzugsweise denen, die eh keine Kohle in der Tasche haben, was ganz prima funktioniert über das drastische Kürzen von Sozialprogrammen, vorzugsweise denen, die eigentlich dazu gedacht waren, die Armen zu unterstützen, nun aber dringend zur Unterstützung von systemrelevanten Reichen gebraucht werden.

Potztausend, da geht noch was! Da kann noch mehr eingespart werden! Da gibt es doch dieses verschwenderische Sozialprogramm namens SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program), geschaffen, um unter der Armutsgrenze lebende Menschen mit food stamps (Lebensmittelmarken) zu unterstützen, damit sie nicht verhungern. Viel zu kostspielig, dieses Programm, hat ein amerikanischer Senat vorgestern herausgefunden - da können noch ein paar Daumenschrauben angezogen werden.

Im Visier der sparwütigen Schrauber: Menschen, die, irgendwann mal straffällig geworden (fail), rechtskräftig verurteilt in den Knast (jail) gesperrt wurden, eine jahrzehntelange Strafe abgesessen haben, längst aus der Haft entlassen wurden und es seither trotzdem nicht zum Millionär gebracht haben, vielmehr für sich und ihre Familien samt Kindern(!) auf Unterstützung (bail) angewiesen sind. Ha! Erst fail, dann jail, und dann wollen die auch noch bail? Nix da. Die gehören bestraft! Die sollen doch verhungern! Die kriegen ab sofort keine food stamps mehr! Und zwar lebenslänglich! Warum nicht? Weil, ja, eben darum, weil eben: Strafe muss sein. Findet der republikanische Senator von Louisiana. Ohne Widerrede abgenickt von seinen demokratischen Kollegen im Senat von Louisiana.

Weil, Strafe muss sein. Besonders für die Menschen, die ohnehin be- und gestraft, mithin von keinerlei Systemrelevanz sind, und das sind in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal überwiegend Afro-Amerikaner. Wozu sollten die durchgefüttert werden? Die sollen hungern! Weil, je mehr sie hungern, desto größer die Chance, dass sie irgendwann vor lauter Hunger und Armut erneut straffällig und zurück in den Knast gesperrt werden. Eigentlich hätte man sie ja gleich beim ersten Mal drin lassen können. Und zwar lebenslänglich. Auch da geht bestimmt noch was.

Erfreut über die aktuelle Sozialgesetzanpassung unter dem aparten Namen "amendment" (=Nachbesserung) dürfte sich vor allem die prosperierende amerikanische Gefängnisindustrie zeigen -
"Die private Untervertragnahme von Gefangenen zur Lohnarbeit schafft finanzielle Anreize, Menschen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Gefängnisse sind auf diese Einkommensquelle angewiesen. Großaktionäre, die an Gefangenenarbeit Geld verdienen, betreiben Lobbying für längere Haftstrafen, um ihre (billigen) Arbeitskräfte zu vermehren. Dieses System ernährt sich selbst", so eine Studie der Progressive Labor Party, die die Gefängnisindustrie beschuldigt, "eine Kopie von Nazideutschland zu sein hinsichtlich Zwangssklavenarbeit und Konzentrationslagern."
- aber nicht nur die:
Der Gefängnisindstrie-Komplex ist eine der am schnellsten wachsenden Industriebranchen der Vereinigten Staaten, und ihre Investoren sind in der Wall Street beheimatet. 
Mit anderen Worten:

Just fail.
Go to jail.
We take the bail.

Kommentare:

  1. Vor ein paar Tagen hatte fefe ne Meldung dazu. Ein Investor dieser "Corrections Corporation" sagte, die Gefängnisse seien so voll, weil die USA so ein unglaublich freies Land seien und manche halt diese Freiheit ausnutzen und kriminell werden. *Facepalm*

    Für Häftlinge in deutschen Gefängnissen besteht Arbeitspflicht, aber für später gibt es daraus keine Rentenansprüche. Selbstverständlich erfährt man aus den Medien nicht darüber.

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    1. "... weil die USA so ein unglaublich freies Land seien und manche halt diese Freiheit ausnutzen und kriminell werden":

      Da ist ja was dran, sofern man bei diesem Satzbruchstück nicht an die vielen Knackis denkt, sondern an Wall Street.

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