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Dienstag, 16. Juli 2013

Austerität im Vollmodus


Eigentlich ist alles gar nicht so komplex, wie immer getan wird. Eigentlich ist alles sogar ziemlich leicht verständlich, und zwar deshalb, weil es einem so leicht gemacht wird, alles zu verstehen. Weil sich ja kaum noch jemand die Mühe macht, ernsthaft zu verschleiern, worum es eigentlich geht.

Worum geht es? Erstens geht es darum, dass kein Geld da ist, zweitens geht es darum, Geld zu beschaffen, drittens geht es darum, das Geld dort zu holen, wo keines ist, um es dorthin zu transferieren, wo das Geld bereits ist. Easy, oder? Mit anderen Worten: Wer hat, der hat. Und wer nicht hat, hat auch etwas, nämlich Pech gehabt. War das jetzt unterkomplex? Meinetwegen, dann ist die Realität halt unterkomplex.

Sehr schön zu beobachten ist die unterkomplexe und darum leichtverständliche Realität aktuell in Griechenland. Bekanntlich ist in Griechenland kein Geld da. Also muss gekürzt und das Geld dort geholt werden, wo keines ist, nämlich bei den Leuten, die so wenig verdienen, dass es zum Leben nicht reicht, aber zum Steuernzahlen reicht es allemal. Findet die griechische Regierung. Hat ihr die Troika so diktiert. Weil die Troika weiß, wie Austerität buchstabiert wird: runter mit den Löhnen, rauf mit den Steuern, weg mit dem wohlfahrtsstaatlichen Sozialballast, rein ins volle Elend.

Irgendwo muss das Geld ja herkommen, sagt die Troika, also bitteschön, her mit der Kohle, und irgendwohin muss das Geld ja fließen, dankeschön, sagt die Troika, es reicht vollauf, wenn der griechische Staat euch armselige Hungerleider abkassiert und wir im Gegenzug das Privileg der Steuerfreiheit genießen, denn wir waren schon immer der Meinung, dass Nehmen seliger als Geben ist - steht doch schon in der Bibel: nimm, so wird dir gegeben -, und jetzt nix wie ab zum Relaxen auf unsere Yacht mitten in der Aegaeis, wo wir unser - wie soeben von der griechischen Regierung freundlicherweise bestätigt - steuerbefreites Luxusleben in vollen Zügen genießen können:
Die griechische Regierung hat eine Steuerbefreiungsklausel ausgearbeitet, eigens entworfen für die Mitarbeiter der EU, des IMF und der Task Force. Die bei der Troika beschäftigten Personen, besonders jene mit dauerhaftem Wohnsitz in Griechenland, sind von der Pflicht einer Steuererklärung entbunden. Sie können Villen kaufen, Luxusautos und Yachten und jene Gesetze über Bord werfen, die sie selbst den Griechen aufgezwungen haben.
"Paragraph 4, Artikel 30 der neuen Einkommens-Abgabenordnung sieht vor, dass die Bestimmungen der Artikel 31-34 dieser Ordnung, welche Angaben zu den Einkommensverhältnissen und zu dem Erwerb von Vermögenswerten betreffen, keine Anwendung finden auf jede natürliche Person, die beschäftigt ist in einer Institution der Europäischen Union beschäftigt oder derjenigen internationalen Organisation, die unter internationalem, für Griechenland gültigem Ankommen eingesetzt wurde."
Klingt nach komplexem Paragraphengeschwurbel, wird aber in der Praxis spielend leicht verständlich:
"Praktisch bedeutet dies, dass es allen ausländischen Repräsentanten der Troika und der EU Task Force ('call me Reichenbach, Horst Reichenbach') erlaubt sein wird, Villen, Luxusautos, Yachten und sogar Papiere der griechischen Aktienbörse oder griechische Staatsanleihen zu kaufen, ohne der Finanzbehörde gegenüber zu Angaben verpflichtet zu sein, wo sie das Geld für ihre 'Spielplatz-Investitionen' aufgetrieben haben."
Sozialneid, anyone? Nicht doch, ihr einkommensschwachen Griechen, kommt einfach an Bord unserer Luxusyacht, da gibt es jede Menge Billigjobs für euch, von Deckschrubben bis Thekendienst, schließlich wollen wir anständig bedient werden, selbstverständlich kostenbewusst, Prinzip Austerität, kennt ihr ja inzwischen zur Genüge.

Noch unterkomplexer entwickelt sich derzeit die Realität in Spanien. Spanien? Ach ja, auch eins jener südeuropäischen Länder, von denen man in letzter Zeit verdächtig wenig hört, was nicht etwa mit dem Wahlkampf in Deutschland (bitte keinerlei Euro-Katastrophenmeldungen bis einschließlich September!) zu tun hat, sondern damit, dass es aus Spanien eh nur Gutes zu berichten gibt:
"Die Rezession ist Vergangenheit," sagt der Wirtschaftsminister
- lautet die Schlagzeile. Das geht runter wie Öl, das versteht jeder, das Leben ist schön, alles wird gut. Spanien voll in der Blüte des Aufschwungs. Sagt der zuständige Gärtner, ähm, Wirtschaftsminister:
"Was wir jetzt tun müssen, ist gut aufzupassen auf den Aufschwung, als wäre er ein kleiner Setzling in einem Gewächshaus. Und die Methode, gut darauf aufzupassen, besteht in wirtschaftlichen Reformen, die Finanzen zu verbessern sowie das Haushaltsdefizit zu reduzieren in gemäßigten Schritten."
Allerfeinster Troika-Sprech. Er hätte genauso gut sagen können: Es ist kein Geld da, wir brauchen Geld, wir holen es uns dort, wo keines ist, um es dorthin zu schaffen, wo das Geld bereits ist. Machen sie eh die ganze Zeit in Spanien.

Leider hat der fürsorgliche De Guindos ganz vergessen, in seinem Methodenmix die entscheidende Aufpass-Maßnahme zu erwähnen, mit der der kleine Setzling namens Aufschwung im großen spanischen Gewächshaus geschützt werden soll. Geschützt vor wem? Na, vor all den vielen Spaniern, die dem Minister das mit dem Aufschwung nicht abnehmen, weil sie inzwischen so wenig verdienen, dass es zum Leben nicht reicht, was den Minister nicht daran hindert, genau dort das Geld zu holen, wo keines ist, um es dorthin zu schaffen, wo ... Austerität halt: runter mit den Löhnen, rauf mit den Steuern, weg mit dem Sozialballast, rein ins volle Elend ... siehe oben. Überall dasselbe Mantra.

Jedenfalls, der Aufschwung muss geschützt werden. Sonst kommen die vielen Spanier, die ihn als Abschwung erleben, noch auf die Idee, das gläserne Gewächshaus mit Steinen zu bewerfen. Darum investiert die spanische Regierung das Geld, das sie den armen Hungerleidern abgezwackt hat, in den bewaffneten Kampf gegen die armen Hungerleider:
Während im Jahr 2012 die Ausgaben für die polizeiliche Ausrüstung zur Bekämpfung von Protesten noch 173.000 Euro betrugen, wurden für das Jahr 2013 3,26 Millionen Euro bereitgestellt. Bis zum Jahr 2016 sollen diese Ausgaben laut Plan auf mehr als 10 Millionen Euro gesteigert werden.
Interessantes Kopfrechnen: Wie hoch ist die jährliche Budget-Wachstumsrate für das Geld, das bereit steht für die militärische Aufrüstung der Polizei zum Zwecke der Bekämpfung von Unruhen in der Bevölkerung? Viel zu komplex für den kleinen Kopf, her mit dem Taschenrechner: 1.900 % in nur einem Jahr. In Worten: eintausendneunhundert Prozent mehr Geld, um den rezessionsgeschädigten Spaniern den Krieg zu erklären. Und das, wo doch die Rezession angeblich Vergangenheit ist! Ist das jetzt komplex oder unterkomplex? Weder noch. Das ist, aus Sicht der herrschenden Regierung, völlig komplexfrei. Und darum kinderleicht zu verstehen.

Noch ein Blick auf das Waffenarsenal, mit dem die spanische Polizei aufgerüstet wird, um die revoltierende eigene Bevölkerung niederzuschlagen -
Schussichere Westen, Tränengas, Schlagstöcke, Schutzschilder, Gummigeschosse ...
(... normale Härte, oder? Kein Aufregerthema? Gummigeschosse sollen laut EU-Verordnung übrigens aus dem Verkehr gezogen werden, aber wen jucken schon EU-Verordnungen?)
... Lasergewehre, die vorübergehend oder dauerhaft zur Erblindung führen
akustische bzw. Ultraschall-Waffen ("Sound-Kanonen", im amerikanischen Inlandseinsatz erprobt) 
Mikrowellengeschütze (erzeugen schwere Verbrennungen) 
elektromagnetische Waffen (sogenannte "Energiewaffen": vertreiben, paralysieren, schädigen oder vernichten) 
Kanonengeschütze, die klebstoffartigen Schaum ausschleudern, die das Opfer am Boden festkleben lassen
- und damit als schlagkräftige Söldnerarmee des (nicht nur) spanischen Kapitals bestens aufgestellt zu sein.

Weil, irgendwoher muss das Geld ja kommen. Und irgendwohin muss es fließen. Nämlich dorthin, wo das Geld bereits ist und wo es bleiben soll, und damit das so bleibt, muss es, das viele Geld, mit viel Geld geschützt werden. So viel Unterkomplexität muss sein.

Freitag, 24. Mai 2013

Gehen Sie ins Gefängnis


Begeben Sie sich direkt dorthin.
Gehen Sie nicht über Los.
Glauben Sie ja nicht, von uns kriegen Sie was zu essen.

Systemrelevant müsste man sein! Heißa, wäre das ein Lotterleben!
Auf Rosen gebettet, mit Samthandschuhen angefasst, stets hofiert wie ein rohes Ei, mit öffentlichen Geldern ebenso beworfen wie mit richterlicher Milde und niemals jenen Härten ausgesetzt, die einen systemirrelevanten Normalsterblichen zermalmen können, wenn er sich mal daneben benommen hat.

Systemrelevant heißt auf Englisch bekanntlich Too big to fail, also
zu groß zum Scheitern, genauer: zu groß um bankrott zu gehen, und bezieht sich auf global operierende Finanzinstitute, die allen möglichen betrügerischen Scheiß bauen, kriminelle Geschäfte im großen Stil betreiben, sich beim Zocken gewaltig überheben, ganze Volkswirtschaften (vulgo: Menschenleben) ruinieren und eben deshalb keinesfalls bankrott gehen dürfen, denn ein Bankrott, so heißt es gebetsmühlenhaft, zöge immensen Kollateralschaden nach sich und würde - na? - genau, ganze Volkswirtschaften ruinieren.

In aller Regel zieht der Blankofreibrief Too big to fail den nicht minder ein Lotterleben versprechenden Persilschein Too big to jail nach sich, also zu groß zum Einbuchten, genauer: zu groß, um strafrechtlich verfolgt werden, und bezieht sich auf besagte verbrecherische Organisationen, deren straffällig gewordene Akteure niemals einen Knast von innen sehen werden; auch davor schützt sie ihre Systemrelevanz. Und zwar mit genau derselben Begründung: Das Verknacken von systemrelevanten Investmentbankern zöge immense Kollateralschäden nach sich und könnte ganze Volkswirtschaften ruinieren.

Woraus wir erstens lernen: Egal, ob ein systemrelevanter Banker verknackt wird oder nicht - seine verbrecherische Organisation wird ganze Volkswirtschaften ruinieren, so oder so. Und zweitens: Offenbar gehört das Ruinieren ganzer Volkswirtschaften zum Geschäftsmodell global operierender Finanzinstitute und kennzeichnet im engeren Sinne das, was unter Systemrelevanz verstanden wird.

Wo wir schon beim Reimen sind und zu fail sowie jail jeder systemirrelevante Normalsterbliche das Wort bail assoziiert: Die Logik der Systemrelevanz will es, dass all jene globalen Finanzplayer, die too big to fail und daher too big to jail sind, keineswegs als too big to bail gelten, im Gegenteil: Wer systemrelevant unterwegs ist, wird für den Scheiß, den er baut, vom Staat finanziell rausgehauen, kriegt also zur Belohnung fürs Ruinieren des Lebens anderer Leute ein Bail-out, kann somit lustig dem fail weiter frönen und dem jail entgehen, derweil der Staat die Kohle fürs bail seinen Bürgern aus der Tasche zieht, vorzugsweise denen, die eh keine Kohle in der Tasche haben, was ganz prima funktioniert über das drastische Kürzen von Sozialprogrammen, vorzugsweise denen, die eigentlich dazu gedacht waren, die Armen zu unterstützen, nun aber dringend zur Unterstützung von systemrelevanten Reichen gebraucht werden.

Potztausend, da geht noch was! Da kann noch mehr eingespart werden! Da gibt es doch dieses verschwenderische Sozialprogramm namens SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program), geschaffen, um unter der Armutsgrenze lebende Menschen mit food stamps (Lebensmittelmarken) zu unterstützen, damit sie nicht verhungern. Viel zu kostspielig, dieses Programm, hat ein amerikanischer Senat vorgestern herausgefunden - da können noch ein paar Daumenschrauben angezogen werden.

Im Visier der sparwütigen Schrauber: Menschen, die, irgendwann mal straffällig geworden (fail), rechtskräftig verurteilt in den Knast (jail) gesperrt wurden, eine jahrzehntelange Strafe abgesessen haben, längst aus der Haft entlassen wurden und es seither trotzdem nicht zum Millionär gebracht haben, vielmehr für sich und ihre Familien samt Kindern(!) auf Unterstützung (bail) angewiesen sind. Ha! Erst fail, dann jail, und dann wollen die auch noch bail? Nix da. Die gehören bestraft! Die sollen doch verhungern! Die kriegen ab sofort keine food stamps mehr! Und zwar lebenslänglich! Warum nicht? Weil, ja, eben darum, weil eben: Strafe muss sein. Findet der republikanische Senator von Louisiana. Ohne Widerrede abgenickt von seinen demokratischen Kollegen im Senat von Louisiana.

Weil, Strafe muss sein. Besonders für die Menschen, die ohnehin be- und gestraft, mithin von keinerlei Systemrelevanz sind, und das sind in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal überwiegend Afro-Amerikaner. Wozu sollten die durchgefüttert werden? Die sollen hungern! Weil, je mehr sie hungern, desto größer die Chance, dass sie irgendwann vor lauter Hunger und Armut erneut straffällig und zurück in den Knast gesperrt werden. Eigentlich hätte man sie ja gleich beim ersten Mal drin lassen können. Und zwar lebenslänglich. Auch da geht bestimmt noch was.

Erfreut über die aktuelle Sozialgesetzanpassung unter dem aparten Namen "amendment" (=Nachbesserung) dürfte sich vor allem die prosperierende amerikanische Gefängnisindustrie zeigen -
"Die private Untervertragnahme von Gefangenen zur Lohnarbeit schafft finanzielle Anreize, Menschen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Gefängnisse sind auf diese Einkommensquelle angewiesen. Großaktionäre, die an Gefangenenarbeit Geld verdienen, betreiben Lobbying für längere Haftstrafen, um ihre (billigen) Arbeitskräfte zu vermehren. Dieses System ernährt sich selbst", so eine Studie der Progressive Labor Party, die die Gefängnisindustrie beschuldigt, "eine Kopie von Nazideutschland zu sein hinsichtlich Zwangssklavenarbeit und Konzentrationslagern."
- aber nicht nur die:
Der Gefängnisindstrie-Komplex ist eine der am schnellsten wachsenden Industriebranchen der Vereinigten Staaten, und ihre Investoren sind in der Wall Street beheimatet. 
Mit anderen Worten:

Just fail.
Go to jail.
We take the bail.

Montag, 25. März 2013

Essensausgabe beim Friedensnobelpreisträger


In letzter Minute wurde 
in Brüssel
während eines
nächtlichen Verhandlungsmarathons 
das Frühstückshilfspaket 
der Zyprioten 
gerettet.


Samstag, 23. März 2013

Matratzengeflüster


Was ein anständiger Bank Run ist, der nimmt seinen Lauf, den halten weder Ochs' noch Esel auf und die EZB schon mal gar nicht.

Allerdings zieht so ein zünftiger Bank Run Folgeprobleme nach sich,
ist ja klar. Hat man erst mal sein Erspartes (so vorhanden) von seinem Konto (so vorhanden) geräumt, stellt sich die Frage 'Wohin damit?' in aller Dringlichkeit, und in aller Regel ist 'Unter die Matratze'
(so vorhanden) die naheliegende Antwort, denn nirgends liegt ein Schläfer seiner Barschaft so nahe wie auf der Matratze, wenn sein physisches Depot unter derselben ruht.

Nun zieht jedoch die gute alte Matratze wiederum neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Zwar mag das eigene Bett in diesen unwägbaren Zeiten als Hort der relativen Sicherheit gelten; aber halt nur relativ, solange die Absolutheit serieller Wohnungseinbrüche noch nicht zugeschlagen und jeder, selbst der amateurhafteste Langfinger, begriffen hat, dass ein gezielter Griff unter fremde Matratzen ihn in Minutenschnelle zum reichen Mann macht.

Not - so lautet eine der Grundregeln kapitalistischer Vermarktungslogik - macht erfinderisch. Darum hat es nicht lange gedauert, bis ein findiger spanischer Matratzenhersteller in der Bedrängnis seiner Mitmenschen ('my home is my bank and my mattress is my Schließfach') eine profitable Marktlücke entdeckt hat: Er erfand die erste Matratze mit eingebautem Schließfach - von Käufern kurz und liebevoll "Good Bank" genannt, nachdem diese den aus ihrer Sicht "Bad Banks" endgültig den Rücken gekehrt hatten. Das Ding entpuppt sich als Renner; wie man hört, geht die verschließbare Tresormatratze weg wie geschnitten Brot:



Nun zieht jedoch jedes Schnippchen, das dem System geschlagen wird, neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Denn das System wäre nicht das System, würde es nicht prompt jeden, der es wagt aus ihm auszuscheren, bestrafen. Darum liegt die neugeschaffene Zwangssteuer auf Standardmatratzen - fertig ausformuliert und nach EU-Richtlinien harmonisiert - bereits in den Schubladen und wird voraussichtlich noch an diesem Wochenende den südeuropäischen Parlamenten zur Abstimmung vorgelegt werden. Ausnahmslos alle privaten Matratzenbesitzer werden dieser Steuer unterliegen.

Darüberhinaus wird es in einer für den heutigen späten Samstagabend einberufenen Sondersitzung der EU-Kommission zu einer Eilverabschiedung der geplanten Matratzensteuer-Zusatzverordnung kommen, derzufolge Matratzen mit Zusatzfunktion (eingebautes Schließfach) mit einer Zwangsabgabe in doppelter Höhe (verglichen mit Standardmatratzen) belegt werden. Ausnahmslos alle Besitzer von Matratzen mit Zusatzfunktion werden dieser verdoppelten Zwangssteuer unterliegen.

Nun zieht jedoch die Zwangsbesteuerung verschließbarer Tresormatratzen neue Folgeprobleme nach sich - ist ja klar -, für die allerdings seitens der EU-Kommission bereits eine Lösung vorliegt: Wer künftig den Zahlencode seines Matratzenschließfaches vertraulich an die EU-Kommission weiterleitet, darf mit einer Steuervergünstigung rechnen, die vonseiten der EU-Bürokratie umgehend bestätigt werden wird, und zwar mit einem geschützten Passwort: "EGgufiDdnngh" (Euer Geld gehört uns, falls ihr Deppen das noch nicht gemerkt habt).

Donnerstag, 21. März 2013

Die Bulldozer sind unter uns


Also, jetzt mal eins nach dem andern.

Da wäre zum einen die Revolution. Dauert womöglich noch eine Weile. Und dann wäre da der Bank Run. Dauert auch noch, kommt aber höchstwahrscheinlich vorher. Beiden, der Revolution und dem Bank Run, ist gemeinsam: They will not be televised. Auf gar keinen Fall. Weil, die Medien werden ja nicht dafür bezahlt, dass sie die Leute auf dumme Gedanken bringen. Im Gegenteil. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die Leute von solcherart systemgefährdendem Blödsinn abhalten.

Weshalb es völlig witzlos ist, vor der Glotze zu sitzen und zu zählen, wie viele Leute inzwischen vor den Bankomaten Schlange stehen. Es werden nie mehr als vier oder fünf sein. Höchstens mal der eine oder andere Bulldozer dazwischen, wie zur Zeit in Zypern, das ist dann aber schon das Höchste der Gefühle. Weil, Bulldozer vor Banken bringen Einschaltquote, und immer nur vier oder fünf Hanseln vor einem Bankomaten zu zeigen wird ja auf Dauer auch langweilig.

Nur, vor der Glotze sitzen und drauf warten, dass der Bulldozer endlich in die Schalterhalle reinbrettert - vergiss es, Baby. Bis auf weiteres wird der Bulldozer, mattscheibenfreundlich und dekorativ, vor der Bank so statisch rumstehen wie ein Brückenpfeiler aus Beton, wie ein uriges prähistorisches Requisit aus dem ZDF-Fernsehgarten, und sich nicht von der Stelle rühren; dafür sorgen die wesentlich dynamischeren Bulldozer der sogenannten Eurogroup, allen voran der Oberbulldozersturmführer Schäuble, der händereibend frohlockt, dass in den zyprischen Banken eh kein Geld zu holen sei, jedenfalls so lange nicht, wie kein böser Russe hinterm Steuer des Bulldozers sitzt, was zuverlässig daran zu erkennen sei, wenn aus dem Bulldozerauspuff ein paar stinkende Erdgaswolken entweichen -

Cartoon: Fricca

- weshalb sich Chefbulldozer Merkel - mit der russischen Materie seit Kindesbeinen vertraut - nachdrücklich verbeten hat, dass die zyprische Regierung mit irgendjemand anderem verhandelt als mit der Troika. Irgendwie ist der Bulldozerchefin dabei aus dem Blick geraten, dass sie zwar Kanzlerin von Deutschland, aber (noch) nicht von Europa ist, aber sie übt halt fleißig, man muss ihr das nachsehen.

Jedenfalls, die Sache mit dem Bank Run. Der muss, da sind sich alle einig, auf Biegen und Brechen verhindert werden. Nur, wie? Ein erster, wichtiger Schritt ist bereits gemacht: Die Banken in Zypern bleiben einfach geschlossen, fertig. Erst mal bis übers nächste Wochenende. Und weil, günstigerweise, der Montag nach dem nächsten Wochenende ein Feiertag ist ('Griechischer Unabhängigkeitstag', meine Güte, von wem sind die unabhängig? Doch wohl nicht von der Troika?), werden die Banken bis mindestens nächsten Dienstag geschlossen bleiben. Oder noch länger. Vielleicht für immer. Was natürlich, im Sinne der Unterbindung eines Bank Run, eine extrem praktische, auf allen Seiten bulldozersparende Lösung wäre.

Immerhin ist jetzt bis Dienstag genug Zeit, dem gefürchteten Bank Run prophylaktisch entgegenzuwirken, also die bewährten Propagandageschütze anzuwerfen und die Zyprioten aus allen Rohren zu beballern, dass ihr Erspartes sicher, wirklich garantiert sicher sei, aber nur und ausschließlich dann, so lange sie es auf der Bank lassen. Vorher, da sind sich alle einig, ist es völlig sinnlos, die Banken wieder zu öffnen. Sollten die zypriotischen Bankkunden weiterhin stur bleiben und partout an ihre Kohle ran wollen, bleiben die Banken halt weiterhin geschlossen, basta.

Sollten jedoch auch künftig, trotz allen guten Zuredens, die Leute einfach nicht zur Vernunft zu bringen sein, dann muss mit härteren Bandagen vorgegangen werden. Quasi mit Handschellen. Ein neues Notgesetz, das den Bank Run bei Strafe verbietet, liegt bereits in den Schubladen. Selbstverständlich etwas geschmeidiger formuliert, etwa so: Zu Ihrem Schutz und der Sicherheit Ihrer Bankeinlagen sind Sie ab sofort gehalten, pro Tag maximal 100 Euro von Ihrem Konto abzuheben oder zu überweisen; bei Zuwiderhandlung belasten wir mit einer nach oben offenen Zwangsabgabe Ihr Guthaben so lange, bis Sie keines mehr haben.

Völlig bescheuert oder was? Keine Spur. Hätte vor nur einer Woche irgendjemand erzählt, das EU-Bulldozerteam werde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Bankguthaben der Bürger eines europäischen Landes konfiszieren - alle hätte geschrien: völlig bescheuert oder was?

Das Grauen kommt auf leisen, aber schnellen Sohlen.
In kundenfreundlicher Bulldozerlautstärke.

Montag, 18. März 2013

Zur Kasse, Schätzchen

Merkel macht mobil:
"Jeder, der ein Bankkonto in Zypern hat, muss auch für die Zypern(vulgo: Banken-)-Rettung zur Kasse gebeten werden, denn damit werden die Verantwortlichen mit einbezogen."
Zu der Tatsache, dass damit die kleinen Leute in Zypern als die "Verantwortlichen" der Euro-Krise auf Zypern identifiziert werden, äußerte sich Merkel nicht.
Hingegen äußerte Merkel sich in einer solidarischen Botschaft an die zypriotischen Kleinsparer, das Einbeziehen der Verantwortlichen sei alternativlos:


Update:

Donnerwetter, Chapeau: Grußbotschaft zurück aus Zypern.

Cyprus strikes back:



Sonntag, 17. März 2013

Angepisst


"Diese Aktion ermöglicht die Rettung von 8.000 Arbeitsplätzen in der Bankenindustrie und gewährleistet die Liquidität der Banken."
Nicos Anastasiades, Ministerpräsident von Zypern, 16. 03. 2013
Übersetzung:
Um die Banken zu retten, ziehen wir die Sparer über den Tisch und konfiszieren deren Bankguthaben. Fühlt euch angepisst.


* Der Manneken Pis, Brunnenfigur eines urinierenden Knaben, ist eines der Wahrzeichen von Brüssel. Ganz recht: ein Wahr-Zeichen.

Samstag, 9. März 2013

Ölperlen vor die armen Säue


Vermutlich hat sich inzwischen - dank des konzertierten Engagements der westlichen Presse - herumgesprochen, dass es sich bei Hugo Chávez zu Lebzeiten um eine höchst verwerfliche politische Persönlichkeit gehandelt hat, um eine perfide Mischung aus populistischem Clown, bäuerlichem Großmaul und diktatorischem Monster, der es verdient, weit über seinen Tod hinaus als das wirklich Allerletzte, nämlich als der Leibhaftige schlechthin, zumindest aber als der Stalin von Lateinamerika dämonisiert zu werden.

Haben das jetzt alle? Gut.

Dann kann nun endlich reiner Tisch gemacht und ein Strich unter die Bilanz aus angeblichen Verdiensten und tatsächlichem Scheitern des GröLaRaZ (Größter Latino-Rattenfänger aller Zeiten) gezogen werden:
Chávez investierte Venezuelas Ölreichtum in soziale Programme wie staatlich betriebene Lebensmittelmärkte, Geldleistungen an arme Familien, kostenlose Gesundheitskliniken und Bildungsprogramme
Verdienste, Errungenschaften, Erfolge? Pfft, alles peanuts.
Jedoch handelt es sich um magere Verdienste, verglichen mit den spektakulären Bauprojekten, die der Ölreichtum in den glitzernden Städten des Mittleren Ostens vorangetrieben hat, einschließlich dem höchsten Gebäude der Welt in Dubai und geplanten Niederlassungen des Louvre und des Guggenheim Museums in Abu Dhabi.
Tja. Ist halt alles eine Frage von Prioritäten. Hat dieser liederliche Chávez doch tatsächlich die ganze Ölknete seines Landes verballert in: Gesundheit! Nahrung!! Bildung!!! Anstatt seinem Volk einen glitzernden Wolkenkratzer vor die Haustür zu bauen! Auf dass es, das Volk, jeden Tag aufs neue von seinem zufriedenen Stoßseufzer "Wir haben den Längsten", pardon, "den Höchsten!" pappsatt werde! Hat er aber nicht gemacht, dieser Latino-Lump mit der lausigen Bilanz.
Hat einfach das Armutsniveau drastisch nach unten gesenkt statt einen mit Erdöl viagratisierten Glitzerphallus in die Höhe zu ziehen.

Ein veritables Monster, dieser Chávez. Wir haben es gewusst.
Wollten es hiermit nur noch mal gesagt haben.

Freitag, 4. Januar 2013

Jenseits des Swimmingpools


Schatz, wie war dein Jahr?
Bombig, einfach bombig. Alles super gelaufen.
Wow. Wer kann das schon von sich behaupten, heutzutage?
Nicht jeder, wohl wahr. Weil, wenn das jeder von sich behaupten könnte, wäre unser Jahr ja nicht so bombig gelaufen.
Stimmt auch wieder. Von nichts kommt nichts.
Eben, eben. Irgendwoher müssen wir das ja nehmen, was wir haben.
Verstehe. Wie heißt es so schön: Woher nehmen, wenn nicht stehlen.
Ha ha, guter Witz. Wobei, wirklich stehlen tun wir ja nicht. Wir holen uns einfach nur, dort, wo es etwas zu holen gibt.
Wer ist denn "wir"?
Wir, das sind die hundert reichsten Leute auf der ganzen Welt, also die Leute, für die eigens der Bloomberg Billionaires Index geschaffen wurde.
Beeindruckend. Der Rest der Welt ist am Jammern, dass die Menschen immer ärmer werden, und ihr - habe ich das richtig verstanden? - seid 2012 im Gegenzug immer reicher geworden?
So ist es. Natürlich. Anders würde das ja gar nicht funktionieren. Nur so ist es uns gelungen, im Jahr 2012 unser Reinvermögen um zusätzlich 241 Milliarden Dollar anzuhäufen.
Dass ihr eure Zuwächse so ungeniert offenlegt - Respekt!
Warum auch nicht? Sollen wir uns etwa hinter unserem Angescheffelten verstecken? Uns gar dafür schämen? Wo wir doch so stolz darauf sind? Das muss der Rest der Welt doch wissen, dass wir vor Zaster kaum noch laufen können.
Daher die Redewendung "im Geld schwimmen".
Da ist was dran. Deshalb konnte es ja unser Frontpfeffersack kaum erwarten und hat direkt von seinem Swimmingpool aus - Bahamas, you know - die Jubelmeldung an Bloomberg gemailt - BlackBerry, you know - und die hieß: 
"Das vergangene Jahr war großartig für die Milliardäre dieser Welt."
Was macht ihr eigentlich so mit eurer Kohle, wenn ihr nicht grade drin schwimmt?
Na, investieren natürlich!
Investieren in was?
Na ja, sagen wir mal so: 2012 haben wir überwiegend "traditionelles Investment" betrieben.
Traditionelles Investment?
Ja, das bedeutet, 
"Die Schwervermögenden fokussierten auf Dinge, die sie kontrollieren konnten: auf ihren Lifestyle und ihre Bediensteten, auf das Management ihrer Kunstsammlungen und auf die Sicherheit - security, you know - ihrer Familien". 
Diese Art des Investments stößt natürlich irgendwann an seine Grenzen.
Logisch. Wer braucht schon bis an die Zähne bewaffnetes Security-Personal zur Bewachung seines Swimmingpools auf den Bahamas?
Eben, das ist ja, genau genommen, rausgeschmissenes Geld. Kommt ja letzten Endes nichts bei rüber. Und wir haben uns ja vorgenommen, in diesem Jahr noch reicher zu werden als im letzten.
Klingt aufregend. Darf man mehr erfahren?
Warum nicht? Wir machen ja kein Hehl draus. Bloomberg tat uns den Gefallen, eine maßgeschneiderte Schlagzeile zu liefern: 
"Milliardäre mit einem Reinvermögen von 1,9 Billionen wollen aus 2013 mehr Profite ziehen." 
Mit anderen Worten: 
"Wir sehen nach vorne und haben jetzt größeren Appetit auf Anlagechancen jenseits traditioneller Investments und auf gesteigertes globales Engagement".
Ah ja, Appetit auf Anlagechancen jenseits eures Swimmingpooles...
Und sonst, Schätzchen, wie läuft's bei euch so?
Wir haben uns vorgenommen, in diesem Jahr noch ärmer zu werden.
Passt schon.

Street Art by Banksy

Samstag, 22. September 2012

Blühende Landschaften



Frankfurt, Stadtteil Ostend. Anlässlich des Richtfestes für den im Bau befindlichen EZB-Tempel freut sich die Stadt mitteilen zu können, dass dem Aufstieg Frankfurts als prestigeträchtiger internationaler "Global City" nichts mehr im Wege steht. Erst recht keine traditionell gewachsenen, ehemaligen Arbeiterviertel wie das Ostend, das inzwischen zur zweitteuersten Wohnlage Frankfurts avanciert ist.

Durch die Schaffung hochwertigen Wohn- und Büroraumes für die Ansiedlung globaler Finanzdienstleistungen und damit verbundener einkommensstarker Haushalte, so die Stadt, sei es gelungen, die einkommensschwachen und daher als verzichtbar geltenden Bevölkerungsteile aus dem Stadtteil zu verdrängen.


Dies, so die Stadt weiter, sei eine alternativlose Auswirkung des EZB-Neubaus, in dessen Schatten immer mehr Luxuswohnanlagen entstehen und in dessen ebenfalls neu gestaltetem Umfeld samt gehobener Infrastruktur ressourcenschwache Elemente nur ungern gesehen würden. An der zügigen Durchgentrifizierung eines ehemals bezahlbaren Stadtteils führe daher kein Weg vorbei.

Frankfurt habe nämlich den Ehrgeiz, sich - unter städtebaulichem Gesichtspunkt - weltweit mit Finanzdienstleistungsmetropolen wie New York, London und Tokio zu messen. Der Rest - also der Rest der noch verbliebenen urbanen Bevölkerung - sei im Rahmen der ambitionierten Stadtplanung ein zu vernachlässigender Faktor.


Sollte es sich bei dieser Restbevölkerung um marginalisierte Bevölkerungsschichten handeln, spreche nichts dagegen, diese konsequent weiter zu marginalisieren und in wohnghetto-artige Stadtrandgebiete auszulagern. Ein boomender Wohn- und Immobilienmarkt und die damit verbundenen Rendite-Erwartungen fordere nun mal seinen Preis. Außerdem gelte nach wie vor das Diktum der ehemaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth, jeder Bürger habe das "demokratische Recht, woanders hinzuziehen", wenn es ihm am einmal gewählten Wohnort nicht mehr passe (egal aus welchen Gründen).


Erfreulicherweise, hieß es weiter, zögen bei dem Projekt "Global City" (auch: "unternehmerische Stadt" oder Neoliberalisierung des städtischen Raumes) alle am gleichen Strick: Planungsamt, Bauaufsicht und Magistrat (schwarz-grün) äußerten Genugtuung über das völlige Fehlen einer ernstzunehmenden Opposition.

Um letzteres zu illustrieren, betonte unlängst eine Kommunalpolitikerin (SPD), "Wir beobachten diese Tendenzen mit Besorgnis" und fügte hinzu, zu mehr als dem Artikulieren von tendentieller Besorgnis habe es bisher leider nicht gereicht, was jedoch für eine sozialdemokratische Partei bereits einer heroischen Kampfansage gleichkomme.


Keineswegs übertrieben hat Jörg Asmussen, Mitglied des EZB-Direktoriums, als er in seiner Richtfest-Begrüßungsansprache darauf hinwies: "Von meinem Büro im Eurotower konnte ich mitverfolgen, wie die EZB-Türme im Frankfurter Osten langsam in die Höhe wuchsen. Mittlerweile kann man sie von vielen Orten innerhalb und sogar außerhalb der Stadt sehen." Ja, sogar weit außerhalb der Stadt, beispielsweise von wohnghetto-artigen Randlagen aus, ist das "neue und einzigartige Wahrzeichen" mit bloßem Auge zu erkennen.

Ob er allerdings die dorthin abgeschobene frühere Ostend-Nachbarschaft meinte, als er hinzufügte, er freue sich anlässlich des "Umzuges ins Ostend, der neuen Nachbarschaft der EZB wieder einen Schritt nähergekommen zu sein", darf bezweifelt werden. Dennoch hoffe er, "dass die Menschen hier in Frankfurt unseren Neubau als Bereicherung der Frankfurter Skyline und der europäischen Landschaft ansehen". Schließlich kennzeichne es die zeitgenössische europäische Landschaft, dass selbst verarmte Bevölkerungsschichten einen bereichernden Blick auf die Frankfurter Skyline werfen könnten.


Denn, so fuhr er fort, Austerität schaffe nun mal neue Perspektiven. Wie nachhaltig sich die EZB selbst dem Austeritätsprinzip verpflichtet fühle, brachte Asmussen zum Ausdruck, als er erwähnte: "Als öffentliche Einrichtung sind wir dazu verpflichtet, verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umzugehen," womit natürlich keine menschlichen Stadtteil-Ressourcen gemeint waren, sondern öffentliche Baukosten.

Die, so Asmussen, seien aufgrund "einiger unvorhergesehener Herausforderungen" in die Höhe geschnellt, allerdings nicht etwa unverantwortlich, sondern verantwortungsvoll, seien also budget-disziplinär zu verantworten; weshalb die gesamten Investitionskosten von ursprünglich 850 Millionen Euro um den peanuts-kompatiblen Betrag von weiteren 200 Millionen Euro aufgestockt werden müssten.

Immerhin, betonte Asmussen, liege das ehrgeizige EZB-Neubauprojekt mit seinen nunmehr 1,2 Milliarden Euro Gesamtkosten höchstens bei der Hälfte jener von der griechischen Regierung noch zu tätigenden Budgetkürzungen, um ein der EZB (im Rahmen der Troika) gefälliges Austeritätspaket zu schnüren. Weil, von nichts komme nun mal nichts, weder Kredite noch Bondkäufe, wie Asmussen mit einem launigen Seitenblick auf Spanien anmerkte.


Mit seinen verantwortungsvollen Sparbemühungen, schloss das Direktoriumsmitglied, wolle die EZB im Frankfurter Ostend als leuchtendes Beispiel in der verarmenden, weil verantwortungsvoll kaputtgesparten europäischen Landschaft vorangehen. Wem das nicht passe, der könne gern von seinem demokratischen Recht Gebrauch machen, also woanders hinziehen oder Europa verlassen oder - im Falle Frankfurts - halt die SPD wählen.

Er vergaß zu erwähnen, dass zu den demokratischen Rechten auch das Recht auf Widerstand gehört. Gottlob ist eine wachsende Zahl von Frankfurtern sich dieses Rechts bewusst und wird keinesfalls vergessen, das EZB-Direktorium, das Planungsamt, die Bauaufsicht, den schwarz-grünen Magistrat und die in Besorgnis verharrende SPD daran zu erinnern. Weil, von nichts kommt nichts, auch kein Widerstand. Aber wo was ist, da blüht er, der Widerstand.
Demnächst in diesen blühenden Landschaften.

Dienstag, 7. August 2012

Was fürs Geld


"Macht 23 Euro 95. Haben Sie eine Paybackkarte?"

Nö, wieso?

"Weil, dann kriegen Sie extra Punkte."

Wie, extra Punkte?

"Na, so Bonus-Punkte, Sie wissen schon."

Bonus-Punkte, wow, wofür denn Bonus-Punkte?

"Na, das dürfen Sie sich dann aussuchen. Sie haben die Wahl."

Aha. Was haben Sie denn so im Angebot?

"Alles mögliche. Töpfe, Pfannen, Bonusmeilen, Hotelrabatte, Kosmetikgutscheine...überhaupt, Gutscheine für alles mögliche!"

Für alles mögliche, ist ja'n Ding. Echt jetzt, für alles mögliche?

"Ob Sie's glauben oder nicht. Sie haben die Wahl. Aber damit Sie dem Auswahlstress nicht erliegen, haben wir eine kleine Umfrage vorbereitet. Die Frage lautet: 'Was würden Sie für Ihre Extrapunkte am liebsten kaufen?', und wir haben gleich ein paar Antwortoptionen für Sie ausgearbeitet."

Irre cool. Was haben Sie denn da für Antwortoptionen ausgearbeitet? Jetzt bin ich ganz gespannt!

"Na ja, unsere kleine Exklusivumfrage gilt natürlich nur für Premiumkunden, Sie verstehen."

Klar verstehe ich das. Also mal angenommen, ich wäre Premiumkundin bei Ihnen, was hätten Sie mir da so zu bieten?

"Zum Beispiel so ein schnittiges Küchenmesser-Set im Holzblock."

Pfft, hören Sie auf, Küchenmesser, ist ja so was von old school, jeder Depp hat heutzutage ein Küchenmesser-Set in seiner Küche rumstehen.

"Wie wär's mit einem attraktiven Hotelrabatt?"

Uninteressant. Ich übernachte meistens bei mir zuhause.

"Vielleicht einen wertvollen Geschenkgutschein?"

Hm, ja, kommt der Sache schon näher. Was haben Sie denn so für Geschenke zur Auswahl?

"Alles mögliche, wie gesagt."

Jetzt spannen Sie mich auf die Folter. Geht's ein bisschen konkreter?

"Also, unsere kleine Exklusivumfrage lautet: 'Welche Produkte oder Dienstleistungen würden Sie in Erwägung ziehen zu kaufen für Ihre Extra-Bonus-Punkte?'"

Machen Sie's nicht so spannend. Ich will was haben für mein Geld.

"Okay. Antwortoption a) Hotelrabatte? - gut, kommt für Sie nicht in Frage, sagten Sie ja schon."

Eben. Weiter, bitte.

"Dann vielleicht Option c) Geschenkgutschein...?"

Hey, Sie haben die Antwortoption b) ausgelassen! Was zum Teufel ist mit Option b)?

"Also, Option b) ist jetzt wirklich nur für unsere Premiumkunden..."

Schon gut. Ich behalt's für mich, als Premiumkundin. Also, Option b)?

"Option b): Frauen."

Wie, Frauen? Frauen zum Kaufen?

"Ja, sicher. Für alle Premiumkunden, denen Hotel- und Allerweltsgeschenkgutscheine zu langweilig sind. Die Frauen kriegen Sie dann auf Gutschein ins Hotel geliefert."

Der Wahnsinn. Haben Sie auch Männer?

"Wie, Männer? Männer zum Kaufen?"

Zu was denn sonst? Über was reden wir hier die ganze Zeit?

"Ich glaube, Sie haben da was missverstanden. Wir sind ein seriöses Bankunternehmen mit seriösen Kunden..."

Wollen Sie damit sagen, dass...

"Genau. Bei Option b) haben wir exklusiv an unsere seriösesten Premiumkunden gedacht. Können Sie mir folgen?"

Und wie. Als Premiumkundin bin ich Ihnen schon voraus.

"Ich sehe, wir verstehen uns."

In der Tat. Gut, dass wir über alles gesprochen haben.

"Keine Ursache. Empfehlen Sie uns weiter."

Mach' ich doch glatt:


Donnerstag, 2. August 2012

Rückfall mit Rendite


Und jetzt das Neueste vom Tage: Goldman Sachs kommt ins Gefängnis!

Falsch, zu früh gefreut - nicht um dort wegen organisierten Finanzbetruges einzusitzen. Vielmehr um dort zu tun, was eine Investmentbank von Haus aus tut: bisschen Geld verdienen. Immer am Ball, wo es ein Schnäppchen zu machen gibt.

Knast und Schnäppchen? Na klar doch. Die Stadt New York City ist dabei, eine "hochmoderne Strategie" anzuwenden, um die Rückfälligkeit unter Strafgefangenen des wegen seiner Rückfallquote (50 Prozent) berüchtigten Gefängnisses Riker's Island zu reduzieren. Was dabei mit den Häftlingen in einzelnen angestellt werden soll, um aus ihnen keine Rückfalltäter zu machen, bleibt unerwähnt, ist aber auch völlig irrelevant, denn unter "hochmoderner Strategie" sind keine zeitgemäßen Präventiv- oder Resozialisierungs-Maßnahmen zu verstehen, sondern ein bahnbrechendes Geschäftsmodell mit reizvollem Spekulationsrisiko:

Goldman Sachs investiert 9,6 Millionen Dollar in ein (noch aufzulegendes, nicht näher definiertes) Programm zur Minimierung der Rückfallquote (rate of recidivism) bei gleichzeitiger Maximierung der Profitrate (rate of profit).
Falls das Programm die Rückfallquote um zehn Prozent reduziert, bekommt Goldman die vollen 9,6 Millionen Dollar wieder ausgezahlt; geht die Rückfallquote noch mehr zurück, könnte Goldman bis zu 2,1 Millionen Dollar Profit machen.
Fällt dagegen die Rückfallquote um weniger als zehn Prozent, müsste Goldman draufzahlen und einen Verlust bis maximal 2,4 Millionen Dollar verschmerzen (was sich bestimmt auf dem steuervergünstigenden Wege schmerzfrei wegstecken ließe). Das zum Einsatz kommende Finanzinstrument trägt den aparten Namen "social impact bonds", also so viel wie 'sozialbezogene Bonds', oder - etwas freihändiger übersetzt - 'Bonds zur Sozialverträglichkeit', oder - in so schnörkellosem wie effizientem Wording - 'Sozialeffizienz-Bonds'.

Hey, wenn das nicht hochmodern ist: Die Regierung beauftragt eine Räuberhöhle von straffreien Finanzkapitalverbrechern mit der Supervision von straffällig Gewordenen, um sie zu besseren Menschen zu machen (die Straffälligen, nicht die Straffreien) und aus dem Menschen-Umerziehungsprogramm Gewinn zu erwirtschaften. Wobei die Logik bestechend ist; denn wenn diese Goldman-Typen von etwas Knowhow haben, dann davon, wie man am besten nicht in den Knast kommt.

Sollte je der Tag kommen, wo Kriminelle aus der Finanzindustrie sich der Strafverfolgung ausgesetzt sehen (unwahrscheinlich, aber nur mal angenommen), werden die dann in den von ihnen selbst supervisierten Knästen verknackt?

Und wenn oder falls - warum dann nicht ein völlig neuartiges, hochmodernes Programm zur Resozialisierung betrügerischer Goldman-Sachs-Manager auflegen: Wir verwenden die Gelderträge aus deren kriminellen Finanztransaktionen und investieren sie - großzügig und non-profit - in die soziale Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter.

Was dann noch an Kohle übrig bleibt, dürfte für ausreichend Wasser und Brot für die in Haft Zurückverbliebenen genügen.

Samstag, 28. Juli 2012

Excuse me?


Schockiert und zutiefst betroffen reagierte die internationale Finanzwelt auf diese Schlagzeile:
Barclays says sorry for Libor scandal as profits hit £ 4.2 bn

Barclays entschuldigte sich für den Skandal um Libor (manipulierter Zinssatz unter Banken am Londoner Geldmarkt) und berichtete gleichzeitig von einem über den Erwartungen liegenden Halbjahresgewinn von 4,2 Milliarden £.
Aus Brancheninsiderkreisen war zu erfahren, dass es sich bei diesem Statement um eine unerhörte Entgleisung und eine schwerwiegende Verletzung weltweit gültiger ethischer Standards in der Finanzindustrie handele. Was das Bankenvorstandsmitglied Marcus Agius da - in einer offensichtlich schwachen Minute - dahergeredet habe, sei an Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten. Selbst hochrangige Mitglieder aus dem Vorstand Barclays' hätten sich von ihrem Kollegen distanziert mit den Worten:
"Entschuldigung, aber wie kann einer von uns sich entschuldigen?"
Ein den Libor-Vorgängen nahestehender Kenner der Szene (der namentlich nicht genannt werden wollte) ging sogar so weit, von Agius eine Entschuldigung zu verlangen dafür, dass er sich entschuldigt habe.
"Wehret den Anfängen!"
soll er sich empört haben, und:
"was, wenn das Sichentschuldigen Schule macht, wo kommen wir da hin?"
Quer durch die Reihen war man sich einig darüber, dass der Fettnäpfchentreter des Londoner Finanzdistriktes die mahnenden Worte seines großen Landsmannes Elton John (Video) beherzigen und zur Strafe hundertmal sich hinter die Ohren schreiben sollte, auf dass ihm das Unwort sorry niemals mehr über die Lippen rutsche - mit der Begründung, erst das Wörtchen sorry habe der obigen Schlagzeile einen obszönen Beigeschmack verliehen.

Ansonsten, wurde aus der Londoner City versichert, laufe alles weiterhin seinen normalen Gang. Angesichts der unkontrollierbaren Manipulationsvorwürfe in Sachen Libor habe die Finanzindustrie versprochen, neuartige Kontrollen und Gesetzesentwürfe zur Regulierung des Gewerbes einzubringen, die dafür sorgen würden, dass in Zukunft das Unwort sorry ein für allemal der Vergangenheit angehöre.

Musik, zwo drei.


Freitag, 20. Juli 2012

Auf den leeren Tisch gehauen


Mag der mitteleuropäische Sommer aufgrund versuppter Witterung auch ins Wasser fallen, anderswo herrscht eitel Sonnenschein.

In Amerika zum Beispiel. In der dortigen Landwirtschaft zieht die seit Wochen anhaltende Hitze- und Dürreperiode verheerende Folgen nach sich, die Farmer ächzen, das Zeug will einfach nicht wachsen, die Ernten fallen kümmerlich aus.

Kein Grund, trübselig zu werden! Immer das Positive sehen! Mögen die Äcker auch verdorren, auf den Märkten herrscht - na? - eitel Sonnenschein. Nicht trotzdem, sondern eben drum. Euphorisiert berichtet die Bank of America, die Farmer sollten mal bloß den Kopf nicht hängen lassen, denn:
Aus unserer Sicht sind die Dürre-Bedingungen faktisch ein positives Phänomen für Farmer, denn die Preise für Agrarrohstoffe steigen (infolge der schlechten Erträge) stärker als die Einbußen aufgrund sinkender Produktion.
Okey dokey? Anscheinend will der Report den Farmern weismachen, dass die Dürre ihnen bessere Erträge bescheren wird, nicht obwohl, sondern weil ihre Ernten so kümmerlich ausfallen. Oder vielleicht doch eher oakey cokey, was dem hochgestimmten BoA-Reporter da unter der Nase rausgerutscht ist?

Keine Ahnung, ob die amerikanischen Farmer die getunte Kröte schlucken werden. Klar ist hingegen, dass Nahrungsmittel verknappen und deshalb teurer werden, was für Leute mit Geld kein Problem darstellt, für Leute ohne Geld schon eher, denn die müssen dann halt hungern, was für sie ein Problem darstellt, für die Märkte weniger, denn die werden davon stimuliert, was der Business Insider leicht befremdet, aber mit Contenance so kommentiert:
This is certainly a very interesting angle on the drought and its future repercussions.
- wobei ich jetzt nicht weiß, was er mit repercussions meint, aber jemand wie ich denkt dabei entweder an hungrige Menschen, viele hungrige Menschen, sehr viele hungrige Menschen, die die Contenance verlieren und zurückschlagen, oder halt an einen Tisch mit nix zu essen drauf, auf dem (vorerst) vier Menschen zu trommeln anfangen.
Eben drum:


Sommermärchen, das zweite



Es war einmal ein Bankster. Der jammerte den lieben langen Tag. Ach, klagte er, dauernd mäkelt irgendeiner an mir herum. Und das, wo wir doch nur das Werk Gottes tun. Wir sind einfach unersättlich, excuse me, "unersetzlich, denn wir helfen der Wirtschaft zu wachsen, indem wir Reichtum schaffen, wodurch wir Jobs schaffen, die noch mehr Wachstum und noch mehr Reichtum schaffen - es ist ein tugendhafter Kreislauf!" und darum recht eigentlich doch unersättlich, denn unersättlich zu sein ist nun mal das, was wir als Tugend definieren, verstehen Sie?

Deshalb verstehen wir gar nicht, wieso immerzu auf uns herumgehackt wird. Gut, manches läuft uns aus dem Ruder, aber wem läuft nicht ab und zu mal was aus dem Ruder? Fehler sind menschlich. Das dann gleich Betrug zu nennen, ist ein bisschen heftig, finden Sie nicht? Immerhin, sie nennen es "organisierten" oder "kontrollierten Betrug", und darauf sind wir schon ein klein wenig stolz, denn vom Organisieren und Kontrollieren verstehen wir etwas.

Gestern hat sogar jemand behauptet, unsere Großbanken seien "kriminelle Unternehmen". Also, das geht wirklich etwas zu weit. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, das ist reine Blasphemie - schließlich verrichten wir Gottes Werk! Der liebe Gott ist doch kein Verbrecher! Kann es gar nicht sein, denn er ist nun mal der liebe Gott und duldet keine anderen Verbrecher neben sich, weshalb jeder, der uns kriminell nennt, verbrecherisch handelt.

Aber kränken tut uns das alles natürlich trotzdem. Wir sind ja auch nur Menschen! Okay, eigentlich sind wir Gott, aber durchaus mit menschlichem Antlitz. Und eine Seele, eine menschliche, haben wir auch. Doch, haben wir! Oder glauben Sie vielleicht, die Psycho- und Soziopathen dieser Finanzwelt hätten keine Seele? Natürlich haben wir eine Seele, und zwar eine sehr sensible, verwundbare Seele, das merken Sie ja schon daran, wie gekränkt wir uns fühlen. Darum müssen wir von Zeit zu Zeit ein bisschen schmollen, anders ist diese postmoderne Hexenjagd nicht zu ertragen.

Apropos Gefühle und Menschlichkeit. Denken Sie bloß nicht, dieses ganze Theater um den sogenannten LIBOR-Skandal sei spurlos an uns vorübergegangen. Da wurde eine neue Runde an Bankster-Bashing losgetreten, das hat alles bisherige in den Schatten gestellt. Wissen Sie, so rein menschlich fühlt sich das gar nicht gut an. Wo wir doch die ganze Zeit - seit mindestens 2008, um genau zu sein - nicht die geringste Ahnung hatten, was da an Absprachen, Manipulation und Insider Trading am Laufen war! Haben wir doch nachhaltig beteuert! Glaubt uns aber keiner. Deshalb fühlen wir uns jetzt "ein bisschen schlecht".

Wohlgemerkt, nur ein bisschen. Also, es ist jetzt nicht so, dass wir uns für irgend etwas schämen müssten - Schamgefühle sind nämlich ungöttlich. Selbstzweifel habe wir auch keine - geht ja gar nicht, oder haben Sie schon mal einen Gott gesehen, der an sich selbst zweifelt? Sehen Sie. Aber unser menschliches Antlitz legt uns nahe, dass es derzeit opportun sein könnte, eine kleine Portion Betroffenheit an den Tag zu legen und eine bekümmerte Miene aufzusetzen. Nur so viel, dass es ein klitzekleines Bisschen nach Schuldgefühl aussieht. Mehr braucht es nicht, um den Betrogenen dieser Welt "etwas Trost zu spenden, dass wenigstens ein paar von denen (Bankstern) beginnen, sich schlecht zu fühlen, weil sie den Rest von uns gerippt haben." Und solange so ein Trostpflästerchen funktioniert, müsste es reichen, wenn wir ab und zu betroffen aus der Wäsche gucken.

Weil, was sollen wir denn sonst noch tun? Kriegen die Leute denn nie den Hals voll mit ihrem Gemäkel und Gedisse? Sie glauben gar nicht, wie belastend das ist, wo doch unser Tagesgeschäft schon kräftezehrend genug ist. Ich wünschte, wir könnten diesen notorischen Nörglern einfach den Mund verbieten, bin mir auch sicher, dass wir das irgendwann schaffen werden; denn dazu müssten wir ja nur den richtigen Hebel ansetzen, und von Hebeln verstehen wir mindestens so viel wie von Organisieren und Kontrollieren.

Ehrlich, wir würden nichts unversucht lassen, damit die Leute endlich aufhören, auf uns herumzuhacken. Wenn uns nur mal jemand einen guten Rat geben würde! Obwohl, erst gestern kam einer daher und meinte, das sei alles ganz einfach: Hört auf, die Leute zu betrügen, dann hören die Leute auf, schlecht über euch zu reden, und ihr hört auf, euch schlecht zu fühlen! Kann der Typ nicht im Ernst gemeint haben, oder? Aufhören, die Leute zu betrügen - wir würden uns ja unserer Existenzgrundlage berauben!

Dieser durchgeknallte Typ - auch noch einer aus der Szene, der scheint sich auszukennen - glaubt offenbar an Märchen:
Ich habe einen Plan für euch. Waghalsig, aber brilliant. Er fordert von uns, dass wir all unsere Instinkte und Impulse bekämpfen, dass wir allen Glaubensgrundsätzen und Gewohnheiten, die uns in diese Situation gebracht haben, den Rücken kehren.

Jungs, ich weiß, es klingt verrückt, aber hört mir erst mal zu.
Durchgeknallt, wie gesagt. Göttliche Impulse bekämpfen, so weit kommt's noch. Aber für waghalsige, brilliante Pläne sind wir immer zu haben, also hören wir dem Knallkopf erst mal zu.
Ab sofort betreiben wir unsere Banken und Maklergeschäfte gemäß den Vorschriften und halten uns strikt an die Gesetze, kurz gesagt: Wir hören auf nach Wegen zu suchen, um die Kunden über den Tisch zu ziehen ("stop looking for ways to fuck the customers").
Darf ja wohl nicht wahr sein - wo es doch zu unserem Kerngeschäft gehört, Kunden über den Tisch zu ziehen. Wozu sollen wir da morgens überhaupt noch aufstehen und uns auf unseren Arbeitsplatz schleppen?
Wir gehen zur Arbeit, wir tun genau das, was wir immer behaupten zu tun. Wir bieten nur noch solche Produkte und Services an, die wir auch unseren eigenen Großmüttern und Kindern anbieten würden. Wir machen aus dem Kleingedruckten Fettgedrucktes. Wir eliminieren versteckte Gebühren, zumindest machen wir sie transparent, wo es notwendig ist. Wir gehen mit dem Geld anderer Leute um, als ob es unser eigenes wäre. Wir hören auf, massive Vermögensblasen aufzupusten, um davon zu profitieren, sei es von ihrer Aufgeblähtheit oder ihrem eventuellen Platzen. Wir machen Schluss mit Geldwäsche und Sicherheitskonten. Wir lassen die Finger von Geschäften und Produkten, die für Wirtschaft oder Gesellschaft wertlos sind.
Starker Tobak, das müssen Sie zugeben. Uns, den Tugendwächtern über tugendhafte Kreisläufe von Gottes Gnaden, will dieser Märchenonkel etwas über rechtschaffenes Banking erzählen! Was stellt der sich vor, von was wir leben sollen?
Wir bezahlen unsere Angestellten auf der Grundlage langfristig gesunder Strukturen in unserem Gewerbe...
- "gesund", na ja, da ließe sich drüber reden, solange die Deutungshoheit über "gesund" bei den Gottheiten liegt und nicht bei den Märchenonkels -
...und nicht auf der Grundlage dessen, wer das größte Stück Scheiße an den dümmsten Kunden zum wahnsinnigsten Preis verkauft hat.
Hey, das war jetzt extrem unsensibel. Müssen wir uns so viel Bankster-Bashing gefallen lassen? Noch dazu aus den eigenen Reihen? Ich meine, es ist ja nicht so, dass dieser Typ unrecht hätte. Aber solche Wahrheiten laut auszusprechen - das tut weh, wissen Sie, das schmerzt echt. Drum suchen wir jetzt dringend ein Plätzchen, wo wir unsere gebeutelte Seele ein bisschen baumeln lassen können. Ja, nennen Sie es ruhig den Galgenhumor der Untoten. Es ist nämlich so: Wenn unsere Seelen erst gestorben sind, dann leben wir auf ewig weiter.

Sonntag, 8. Juli 2012

Vom Brief- zum Bankgeheimnis


Lustig.

Mal angenommen, ich hätte unlängst eine Bank ausgeraubt. Natürlich nicht allein, sondern mit ein paar zünftigen Kumpels. Mit denen hätte ich im Vorfeld per Email darüber korrespondiert, wie wir das krumme Ding am besten durchziehen. Nachdem wir das krumme Ding erfolgreich durchgezogen haben, liegen - pardon, lägen - inzwischen den Ermittlungsbehörden Beweise und Zeugenaussagen vor, dass meine Kumpels und ich das krumme Ding minutiös geplant hätten und ich deshalb besagte Emailkorrespondenz rausrücken solle. Weil nämlich meine Emailkorrespondenz minutiös die Planung dokumentiere, wie meine Kumpels und ich das krumme Ding am besten durchziehen würden.

Weil ich aber ein kackdreister Bankräuber bin (oder wäre oder gewesen wäre, ist ja jetzt egal), sage ich zu den Ermittlungsbehörden: Nix da, ihr spinnt wohl, so weit kommt's noch, dass ich euch meine Emails rausrücke, schließlich gibt es so etwas wie ein Briefgeheimnis!

Daraufhin fordern die Ermittlungsbehörden mich höflich auf, ihnen bitte den Grund mitzuteilen, warum ich ihnen meine - die Planung des krummen Dings minutiös dokumentierenden - Emails nicht aushändige, wenn nicht aus dem Grund, dass meine Emails dokumentierten, dass ich das krumme Ding minutiös geplant hätte.

Geduldig erklärte ich den Behörden, dass der einzige Grund, warum ich die Emails nicht rausrücke, im verfassungsrechtlich geschützten Briefgeheimnis zu suchen sei. Den Rest bitte über meine Anwälte. Na gut, erwidern die Behörden freundlich, dann versuchen wir's mal auf die nette Tour: Wenn Sie uns ihre Emailkorrespondenz überlassen, sichern wir Ihnen im Gegenzug Straffreiheit zu.

Ja, für wie blöd halten die mich eigentlich? Straffreiheit? Wo mir als kackdreistem Bankräuber ohnehin nur eine popelige Geld-, aber keine Freiheitsstrafe droht? Pfft, sagte ich, machte mal eben die paar lumpigen Millionen Bußgeld locker und würde mich mit den Kumpels und dem Rest meiner erbeuteten Milliarden (oder waren es Billionen?) auf die Bahamas absetzen. Davor einen kleinen Zwischenstop in New York (Wall Street) und London (City) einlegen, um die Korken (Bollinger! Darunter tun wir's nicht!) knallen zu lassen. Muss ja gefeiert werden, so ein Coup!

Lustig, oder?

Na ja. War jetzt nur so eine private kleine Bankräuberpistole, mit viel Phantasie, aber weniger Hand und Fuß - trotzdem: aus dem richtigen prallen Leben gegriffen, dort, wo die großen starken Bankkumpels wohnen. In der New Yorker Wall Street und der Londoner City. Dort, wo Briefgeheimnisse noch etwas gelten und Bankräuberpistolen wahr werden. Dort, wo so ein Coup funktioniert, wie geschmiert. Dort, wo sie Bollinger trinken und sich über den dummen Rest der Welt lustig machen. Und das Ganze unglaublich lustig finden.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Katholen in der Klemme


Heiliger Strohsack, auch das noch:
Der Vatikan vermeldet sein schlimmstes Haushaltsdefizit seit Jahren,
- nämlich gotteslästerliche 19 Millionen Dollar und wird demnächst mit dem Klingelbeutel durch die Lande ziehen müssen. Denn wie es aussieht, zeigt der Herrgott keinerlei Absicht, dem Mann mit den roten Schuhen aus den roten Zahlen zu helfen; es wurde noch kein gnädig aufgespannter Rettungsschirm am Himmel gesichtet, sodass es wohl, früher oder später, auf ein irdisches Bailout hinauslaufen wird. Business as usual, kennt man ja hienieden zur Genüge: Kralle aufgehalten, her mit den Münzen und Scheinen, ihr, die ihr Sünder allemal seid, kommet, mich zu erquicken.

Zwar sehen vereinzelte Häretiker jetzt ihre Stunde gekommen, rachsüchtig zu rufen: Lasst ihn doch pleite gehen, wenn er nicht wirtschaften kann! Aber so einfach läuft das nicht; schließlich gehört der Heilige Vater zu den ganz Großen im Geschäft, und was dies unterm Strich bedeutet, wissen wir längst - too big to fail. Von Großbanken lernen heißt zahlen lernen, auf dass die gebeutelte Seele dereinst dem Fegefeuer entspringen möge.

Apropos, die Vatikanbank hatte sich nicht lumpen, sondern der päpstlichen Klemme eine großzügige "Schenkung" in Höhe von 50 Millionen Euro zukommen lassen. Hat aber nichts genützt:
Zu hoch waren die Ausgaben, zu armselig die Investitionserträge,
- als dass die abgedrückte Bankspende mehr als nur einen Tropfen auf den heiligen Stein bewirkt hätte.

Nimmt der klamme Gottesstaat Stellung? Selbstverständlich. Er hat den Schuldigen bereits gefunden (alles andere hätte uns auch gewundert). Der Teufel stecke nämlich, so erfahren wir, im Detail. Und wo stecken die Details? Ha! Da, wo sie immer stecken - in den Märkten halt, will sagen: in den "negativen Marktbedingungen", speziell was die Immobilienbestände des Heiligen Stuhls betrifft, mit denen es die Märkte leider Gottes nicht so gut meinen. So viel zu den "armseligen Investitionserträgen".

Nun zu den "zu hohen Ausgaben". Da will man natürlich sofort wissen: Ja, wo wurde denn geprasst, wo das Geld mit vollen Händen rausgeschmissen, ohne dass es sich gelohnt hätte? Nein, es waren weder die samtenen Purpur-Prada-Treter noch die nutriabesetzten Ratzefummel, derer uns Bene bedarf, wenn er seine frohe Botschaft öffentlich unters Volk bringt. Nein - es war die frohe Botschaft selbst, die das päpstliche Budget ruiniert hat:
Was die Finanzen des Vatikans zum Ausbluten brachte, waren die hohen Kosten für seinen Kernjob, also das Verbreiten des Glaubens über die Vatikanmedien: Sowohl das Vatikan-Radio, die Vatikan-Zeitung L'Osservatore Romano als auch das Vatikan-Fernsehen generierten beträchtliche Kosten, jedoch im Hinblick auf irgendwelche Erträge wenig, oder eigentlich nichts.
Tja. Dumm gelaufen. Mag der Glaube zwar Berge versetzen, nicht jedoch die tiefen Täler der Haushaltslöcher. Irgendwer wird jetzt wohl dran glauben müssen. Wahrscheinlich die, die nicht dran glauben.
Vergelt's Gott.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Wir sind wieder wer


Diese Woche auf dem Bailout-Menü: die Zyperpartie (nicht zu verwechseln mit Frankraus und den benachbarten Niederlagen). Ein "Hilfsantrag" wurde am Montag gestellt.
Experten der Europäischen Union werden nächste Woche nach Zypern reisen, um die Finanzen der Insel unter die Lupe zu nehmen.
Business as usual, wir wissen Bescheid. Erwartungsgemäß bombardiert die Presse den zyprischen Präsidenten, wie er sich das denn so vorstelle mit dem Geld. Feingefühl bleibt dabei erwartungsgemäß außen vor:
Auf die Frage, ob Zypern zum Verkauf stehe, reagierte der Präsident Demetris Christouflas gereizt. Dem sei nicht so. Die Zyprioten hätten ihre Ehre. Derartige Fragen verbiete er sich.
Was ziert er sich denn so? Man wird doch wohl mal fragen dürfen, gern auch ein bisserl provokant? Überhaupt, wer hat ihn das eigentlich gefragt? Wir erfahren es nicht, zumindest nicht auf der deutschsprachigen Seite von euronews, die sich ziert, Namen und Herkunft jenes gezielt provozierenden Fragestellers zu nennen, der sich, im Vollbesitz seines Herrenmenschenbewusstseins, im Recht wähnt, auf Kosten anderer, notleidender Länder zu spötteln.

Wir schauen das dem deutschen Artikel beigefügte Video der Szene an und denken, nanu, der Akzent der mikrofonhaltenden Fragequälgeister kommt uns doch bekannt vor? Es wird doch nicht schon wieder...?

Doch, schon wieder die Deutschen. Wir klicken auf die englischsprachige Seite von euronews und erfahren, dass es ein deutscher Journalist war, der es witzig fand, sich über das Land lustig zu machen und dem zyprischen Präsidenten vor laufender Kamera eine gehässige Breitseite reinzudonnern. Einer vom ZDF, öffentlich-rechtlich abgesichert - mein Gott, nun seid doch nicht so empfindlich da unten am Mittelmeer, alle Welt behauptet, wir Deutschen hätten keinen Humor, dabei ist es halt nur ein ganz spezieller Humor, den wir Deutschen haben, nicht wahr?

Und kommt uns bloß nicht mit eurer "Würde" oder "Ehre". Davon verstehen wir nichts, solange es nicht unsere eigene ist. Dafür haben wir Humor! Und, noch wichtiger: Geld! Und das wollt ihr doch haben, unser Geld, oder? Na also. Entweder Geld oder Würde, da dürft ihr nicht wählerisch sein.

Wobei uns Herrenmenschen vom ZDF natürlich lieber gewesen wäre, die englischsprachigen Euronews hätte unsere Nationalität nicht so unsensibel geoutet. Herrgottnochmal, jetzt heißt es wieder überall 'die Deutschen'! Hört das denn nie auf? Wir haben doch auch unsere Ehre! Die lassen wir von Euronews nicht mit Füßen treten! Deutsche, schaut nicht Euronews, und wenn, dann allenfalls die deutschsprachige Seite! Ehre, wem Ehre gebührt! Also dem, der das Geld hat.

Sonntag, 17. Juni 2012

Haste mal 'nen Marx?


Ein Gespenst geht um in Europa:

Sparkasse Chemnitz, ehem. Karl-Marx-Stadt

Mit Sicherheit eine ziemlich verdinglichte Angelegenheit von hohem Gebrauchswert, jedenfalls für den, der knapp bei Kasse ist und ohne Kapital dasteht, sowie definitiv in Bälde ein Objekt für Sammler und Liebhaber, mithin von hohem Tauschwert. Was will man mehr?

Das Dialektische an dieser Art bargeldlosem Zahlungsverkehr ("wir akzeptieren Visa, American Express und Marx!") hat sich mir noch nicht ganz erschlossen, dafür aber das Materialistische. Ist halt das alte Lied von der Subsumption des Antikapitalistischen ins gefräßige System. Oder so.

Oder so: Give some credit to Marx!

Was der wohl dazu sagen würde? (Der Groucho, nicht der Karl.)

Mittwoch, 13. Juni 2012

Cold Turkey


Quitaly. Irres Wort. Könnte sich um ein exotisches Rezept für Quittenmarmelade handeln. Ist aber keine Quittenmarmelade, sondern eine dieser neumodischen Wortschöpfungen in Zeiten des Krisen-Crashs und der finanzpolitischen Massen-Bailout-Karambolage im sehr unfriedlich vereinten Europa.

Auf 'Karambolage' komme ich jetzt auch nur deshalb, weil ich gelesen habe, dass die Bailout-Injektion, mit der Spaniens zockersüchtigen Banken gerade ein Schuss gesetzt wurde, aus einem Fonds stammt, in den unter anderem auch Italien einzahlt. Und dass Italien sich zu etwa 22 Prozent an der Dröhnung für die spanischen Finanzjunkies beteiligt. Und dass, zu diesem edlen Zweck, Italien für sechs Prozent Zinsen Kredite aufnehmen muss, um die Zombie-Knete dann zu drei Prozent Zinsen an oder in seinen spanischen Nachbarn zu pumpen. Irre, oder? Auf jeden Fall karambolös. Wo doch Italien selbst gerade haarscharf der Klippe entgegenschrammt und deshalb nach der Nadel jiepern wird. Quitaly also.

Mit Grexit hat alles angefangen. 'Gr' wie Griechenland und 'exit' wie...na ja, eh klar. Jetzt also Quitaly. 'Italy' wie Italien und 'quit' wie exit. Davor stand Spexit als Trendwort hoch im Kurs, wurde aber aufgrund der aktuell ansteigenden Dröhnungskurve herabgestuft und musste dem griffigen Spailout weichen, dessen Stern allerdings bereits wieder im Sinken ist, weshalb sich nun Spanic breitmacht. Neue Nachrichten kommen aus dem Norden, nämlich aus Finnland; da wird von einem Fixit gemunkelt. Vom Wortstamm unklar ist dabei, ob finnische Banken angefixt werden sollen oder die Finnen keine Lust mehr haben, anderer Leute Banken bis zur Schädeldecke zuzufixen oder ob sie einfach von der ganzen Euro-Fixerhöhle die Schnauze voll haben und deshalb 'Fi' wie Finnland und 'xit' wie exit.

Grexit. Spexit. Quitaly. Fixit. War noch irgendwas? Kommt bald Fraxit? Und dann? Was kommt nach Fraxit?

Yeah. Fuxxit.