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Donnerstag, 15. November 2012

Fuchteln und Knuddeln


Einfach zum Knuddeln, diese Deutschen. Vor allem, wenn sie in jedes stereotype Fettnäpfchen reintreten, vorzugsweise mit voller Breitseite und extra ungeniert im Ausland, wo der Gestus des besserwisserischen Zuchtmeisters besonders gut ankommt. Wenn dann das deutsche Knuddelpaket auch noch auf den Namen 'Fuchtel' hört und erwartet, dass alle auf den Fuchtel hören, bloß weil der Fuchtel den Schulmeister gibt und mit dem oberlehrerhaften Zeigefinger ("Wofür die Griechen 3.000 städtische Müllabfuhrleute brauchen, das schaffen die Deutschen mit 1.000 Mitarbeitern!") herumfuchtelt, dann darf der Fuchtel sich nicht wundern, wenn er mit ein paar fliegenden Eiern geknuddelt wird.

War natürlich, wie üblich, alles "nur ein Missverständnis" und gar nicht so gemeint, als ob man die Griechen in typisch deutscher Manier von oben herab behandeln wolle. I wo. Deshalb legte der Fuchtel auch gleich nach, dass er "vollstes Verständnis für die Probleme der Griechen" habe und niemand ihnen das Recht aufs Demonstrieren absprechen dürfe. Selbst die Deutschen nicht. Wieso der Fuchtel dann allerdings zielsicher ins nächste bereitstehende Fettnäpfchen meinte schliddern zu müssen:
"Wir müssen ihnen (den Griechen) die Möglichkeit zum Demonstrieren und Protestieren geben, denn das ist das Recht eines jeden Bürgers in einer Demokratie."
- und damit expressis verbis kundzutun, unter wessen Fuchtel er die protestierenden Griechen sieht, wissen noch nicht mal die Götter. Vielleicht sollte bald das delphische Fettnäpfchen-Orakel befragt werden.

Samstag, 28. Juli 2012

Excuse me?


Schockiert und zutiefst betroffen reagierte die internationale Finanzwelt auf diese Schlagzeile:
Barclays says sorry for Libor scandal as profits hit £ 4.2 bn

Barclays entschuldigte sich für den Skandal um Libor (manipulierter Zinssatz unter Banken am Londoner Geldmarkt) und berichtete gleichzeitig von einem über den Erwartungen liegenden Halbjahresgewinn von 4,2 Milliarden £.
Aus Brancheninsiderkreisen war zu erfahren, dass es sich bei diesem Statement um eine unerhörte Entgleisung und eine schwerwiegende Verletzung weltweit gültiger ethischer Standards in der Finanzindustrie handele. Was das Bankenvorstandsmitglied Marcus Agius da - in einer offensichtlich schwachen Minute - dahergeredet habe, sei an Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten. Selbst hochrangige Mitglieder aus dem Vorstand Barclays' hätten sich von ihrem Kollegen distanziert mit den Worten:
"Entschuldigung, aber wie kann einer von uns sich entschuldigen?"
Ein den Libor-Vorgängen nahestehender Kenner der Szene (der namentlich nicht genannt werden wollte) ging sogar so weit, von Agius eine Entschuldigung zu verlangen dafür, dass er sich entschuldigt habe.
"Wehret den Anfängen!"
soll er sich empört haben, und:
"was, wenn das Sichentschuldigen Schule macht, wo kommen wir da hin?"
Quer durch die Reihen war man sich einig darüber, dass der Fettnäpfchentreter des Londoner Finanzdistriktes die mahnenden Worte seines großen Landsmannes Elton John (Video) beherzigen und zur Strafe hundertmal sich hinter die Ohren schreiben sollte, auf dass ihm das Unwort sorry niemals mehr über die Lippen rutsche - mit der Begründung, erst das Wörtchen sorry habe der obigen Schlagzeile einen obszönen Beigeschmack verliehen.

Ansonsten, wurde aus der Londoner City versichert, laufe alles weiterhin seinen normalen Gang. Angesichts der unkontrollierbaren Manipulationsvorwürfe in Sachen Libor habe die Finanzindustrie versprochen, neuartige Kontrollen und Gesetzesentwürfe zur Regulierung des Gewerbes einzubringen, die dafür sorgen würden, dass in Zukunft das Unwort sorry ein für allemal der Vergangenheit angehöre.

Musik, zwo drei.


Samstag, 7. Juli 2012

Die Margarinisierung des globalen Wachstums



Heute schon etwas Leckeres aufs Brot geschmiert? Geschmiert bekommen? Etwas, wo Sie dachten "mmh, schmeckt das fein, das kauf' ich mir jetzt öfter, das schmeckt ja fast wie..."? Nein? Nehmen Sie den neuesten Brotaufstrich aus dem Hause IMF und lassen Sie sich die mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Marke Lagarde auf der Zunge zergehen, am besten unter Hinzufügen von ein wenig Hirnschmalz, dann geht Ihnen das folgende runter wie Öl:
Der IMF reduziert seine Prognosen für globales Wachstum.
In anderen Worten: Vor nur drei Monaten waren noch die fetten Jahre (3,5 Prozent globales Wachstum) vorhergesagt worden; ist so leider nicht mehr haltbar, jetzt muss was Fettreduziertes her.

Wie, Sie hätten bereits die ganze Zeit beschwören können, das Zeug schmeckt wie Margarine, wollten sich aber nicht die Butter vom Brot nehmen lassen? Ein Blick auf die Zutatenliste hätte Sie gelehrt, dass nicht nur das Streichfett, sondern auch Sie manipuliert wurden.

Das ganze globale Ding, enthüllte Lagarde gestern, drohe 2012 den Bach runter zu gehen ("tilted to the downside"), weshalb der in zehn Tagen zu veröffentlichende IMF-Bericht zur Einschätzung der Weltwirtschaft dringend eines "Updates" bedürfe:
"Die Aussichten auf ein globales Wachstum werden etwas weniger sein als wir vor drei Monaten antizipierten. Und selbst diese reduzierte Hochrechnung wird davon abhängen, ob die Politik zu den richtigen Maßnahmen greifen wird", sagte sie in einer Rede am Freitag.
Streichzarte, kalorienreduzierte Worte ("etwas weniger") aufs Butterbrot geschmiert, wie hat sie das jetzt gemeint?
Sie lehnte es ab, ins Detail zu gehen.
Na dann. Aber wenn nach dem kurzen Zeitraum von nur drei Monaten der IMF-Aufstrich bereits sein Verfallsdatum erreicht hat, darf man sich schon mal wundern, wie rasant schnell sich der Zustand der Weltwirtschaft verschlechtert hat, oder anders formuliert, wie lange die für das Eingeständnis brauchen, dass eben nicht alles in Butter ist.

Und jetzt, kann ich jetzt bitte endlich mal Butter haben, einfach Butter, ganz normale Butter - muss nicht aufs Brot sein, am besten bei die Fische:


Bildquelle: BoingBoing

Donnerstag, 16. Februar 2012

Ist der Ruf erst ruiniert...


...blamiert man sich ganz ungeniert.

Wie gewinne ich die Herzen und Köpfe der Griechen im Flug? Also, ähm, im deutschen Tiefflug? So, dass kein Grieche mehr auf die absurde, historisch völlig an den Haaren herbeigezogene Idee kommt, öffentlich eine Hakenkreuzflagge zu verbrennen? Und endlich wieder Ruhe herrscht dort unten in der Aegaeis? Ganz einfach: mit ein wenig Diplomatie nach deutscher Hausmacherart.

Der deutsche Finanzminister Schäuble macht es vor:
"...his German counterpart (finance minister) suggested postponing Greek elections and installing a new government without political parties."*
Richtig gelesen: Schäuble, die alte Grinsekatze, möchte die im April anstehenden Wahlen in Griechenland gern verschieben und stattdessen eine neue Regierung ohne politische Parteien installieren (jawollja, installieren!). Und trompetet dies, als deutscher Politiker, völlig komplexfrei in alle Öffentlichkeit: Hiermit geben wir bekannt, dass wir bereit sind, die Demokratie den Interessen der Finanzmärkte zu opfern; weil, diese lästige Demokratie steht unserem sogenannten europäischen Projekt eh nur im Weg, also weg damit. Kann man ja mal einfach so sagen, oder?

Wird in Griechenland bestimmt super ankommen. Wird die Ressentiments gegen deutsche Großmannssucht sicherlich auf einen Schlag zum Verstummen bringen. Wird die Erinnerungen an 1941 ein für allemal auslöschen. 1941? Ging für die Griechen nicht besonders gut aus. Für die Deutschen, ein paar Jahre später, noch viel weniger.
"Als die SS und der Hunger eine Million Bürger umbrachten und die Wehrmacht systematisch das Land zerstörte, die landwirtschaftliche Produktion und das Gold der Banken stahl, retteten die Griechen mit der Schaffung einer Bewegung der nationalen Solidarität das Volk vor dem Hunger und bildeten ein 100.000 Mann starkes Partisanenheer, welches 20 deutsche Divisionen in unserem Land aufhielt."
"Wenn man bedenkt, dass die deutsche Besatzung uns eine Million Tote und die totale Zerstörung unseres Landes kostete, wie ist es dann möglich, dass wir Griechen die Drohungen der Frau Merkel und die Absicht der Deutschen dulden, uns einen neuen Gauleiter aufzuzwingen...diesmal mit Krawatte..."

(In einem offenen Brief vom 14. Februar 2012 bezichtigt Mikis Theodorakis Politiker und Banken der Verschwörung gegen das griechische Volk.)

*Zitat aus der (mir nicht zugänglichen) Financial Times, das heute früh im Internet die Runde macht

Sonntag, 20. November 2011

Öffentlich-rechtliche Schnüfflermentalität


Guten Morgen und herzlich willkommen in der Schönen Neuen Welt (Copyright: Aldous Huxley).

Heute nacht gut geschlafen? Etwas Nettes geträumt? Haben Sie sich geschützt und behütet gefühlt in Ihrem privaten Schlafzimmer? Geschützt vor den Übergriffen von Schnüfflern und Voyeuren, die Ihnen hinterherspionieren, weil sie unbedingt herauskriegen wollen, ob Sie wirklich in Ihrem privaten Schlafzimmer genächtigt haben oder vielleicht irgendwo anders? Ja?

Das ist schön für Sie. Denn sollten Sie das Pech haben, statt in ihrem Schlafzimmer in einem Zelt zu übernachten, dann bilden Sie sich bloß nicht ein, im Inneren Ihres Zeltes hätten Sie ein Recht auf Privatheit. Der Hessische Rundfunk ist da nämlich entschieden anderer Meinung. Der Reporter des Hessischen Rundfunks tingelt nämlich nachts durchs Camp von #occupyfrankfurt, ausgerüstet mit einer Wärmebildkamera, um zu checken, ob in den Zelten auch wirklich einer drin liegt oder ob es sich bei der ganzen Veranstaltung um eine Art Phantomcamp handelt.

Ha! Und was hat er herausgefunden, der spionierende Medien-Big-Brother vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Erwischt hat er uns! In weit über hundert Zelten haben insgesamt höchsten 50 zusammengerollte Schlafsackmumien gelegen. Womit er beweisen wollte - ja, was wollte der öffentlich-rechtliche Schnüffler eigentlich beweisen? Dass zum Zeitpunkt X in der Nacht Y nicht alle Camper sich brav in ihren Zelten aufgehalten hatten und der Schnüffler sich darum in seinen öffentlich-rechtlichen Ressentiments gegenüber einer unter freiem Himmel nächtigenden Protestbewegung bestätigt sehen durfte?

Genau das wollte er beweisen. Weshalb er in der Hessenschau vom 18. November triumphierend sein Hi-Tech-Wärmebild-Radargerät in die Kameras hielt und die Zuschauer wissen ließ, er habe das "mal prüfen" wollen. Also, die menschlichen Inhalte in all diesen Zelten wollte er "mal prüfen". Und kam auf seiner nächtlichen Spannertour zu dem sensationellen Ergebnis, dass nach Scannen aller Zelte zwei Drittel aller Zelte unbewohnt waren; sprich, er ist einem Potemkinschen Zelt-Dorf auf die Schliche gekommen. Darüber hat er sich diebisch gefreut und hält seine mediale Observierungskampagne vermutlich für ein Glanzstück an investigativem Journalismus.

Ich dagegen halte das Ausleben solcher journalistischer Bespitzelungsgelüste für übergriffig, um nicht zu sagen, gesetzeswidrig. Hallo? Wenn die Polizei mich erwischen würde, wie ich mithilfe einer Wärmebildkamera ins Innere eines Schlafzimmers, eines Autos, einer öffentlichen Toilette oder eines Zeltes dringe und damit das Recht auf Privatsphäre verletze, dann verwette ich meinen polarkälte-getesteten Schlafsack, dass ich Ärger kriegen und höchstwahrscheinlich wegen Voyeurismus verhaftet werde.

Schon mal was davon gehört, dass Zelte in aller Regel nicht aus transparenten Materialien hergestellt werden, und das aus guten Gründen? Damit nämlich nicht jeder dahergelaufene Peeping Tom ungeniert seinem Gafferwahn fröhnen kann? Nein? Kann einem sensationslüsternen Kontrollfreak vom Hessischen Rundfunk ja auch egal sein. Hauptsache, er kann mit einer geilen Schnüffelstory aufwarten und sich dabei irre originell fühlen.

Apropos originell. Der Hessenschau-Schnüffler ist noch nicht mal selbst auf die Idee mit dem nächtlichen Spähtrip gekommen. Er hat einfach die Methode kopiert, mit der ein paar Wochen zuvor bereits ein englischer Presseschnüffler das Camp von #occupylondon auskundschaften und 'entlarven' wollte. Schließlich sind preiswerte Wärmebildkameras in jedem Elektronikshop erhältlich. Da hängt er sich einfach mal dran, wird sich der hessische Möchtegern-Big-Brother gedacht haben - wird schon keiner merken.

Entgangen ist ihm aus lauter Lust am Entlarven, dass sein englischer Wärmebildkamera-Schnüffelkollege ein paar Tage später aufs Peinlichste entlarvt worden war. Es hatte sich nämlich (in der Tageszeitung Guardian) ein Militärwissenschaftler mit Spezialkenntnissen in wärmebildgebenden Verfahren zu Wort gemeldet und die verwendete Kameratechnologie mitsamt ihren, ähm, sensationellen Aufdeckungen als hausgemachten Blödsinn bezeichnet ("rubbish science").

Ist jetzt ganz dumm gelaufen, lieber Spanner vom öffentlich-rechtlichen Dienst. Oder denkst du immer noch, es wird schon keiner merken? Freu dich mal bloß nicht zu früh. Warte lieber ab, wie gesprächsbereit künftig die Camper von #occupyfrankfurt sein werden, wenn ihnen mal wieder ein Mikrofon vom Hessischen Rundfunk unter die Nase gehalten wird. Weil, auf Bespitzelungstechniken, die uns irgendwie an verdeckte Ermittlungen nach Gestapo-Manier erinnern, fahren wir ganz schlecht ab. Aus Prinzip, wenn du verstehst.


Dienstag, 11. Oktober 2011

Occupy #occupywallstreet


Bekanntlich kann man sich seine Feinde nicht aussuchen. Jedoch - wie es aussieht - seine Freunde ebenso wenig.

Es hat sich bislang bereits eine Menge Polit- und Celeb-Prominenz, in den höchsten Tönen sympathisierend, an die stetig wachsende Bewegung #occupywallstreet rangeschmissen. Ein führender Staatsmann war allerdings noch nicht dabei - wenn man von Präsident Obamas kürzlich vergossenen Krokodilstränen der Betroffenheit absieht. Doch nun - Vorhang auf! - Auftritt Hugo Chavez, Präsident von Venezuela, mit einem fetten Solidaritätsgruß an die Adresse der Wallstreetbesetzer.

Man wäre jetzt zu gern dabei, wie der eine Präsident wegen der naseweisen Intervention des anderen Präsidenten nervös im Dreieck springt. Weil, ein Demokrat darf ja keinesfalls hinter derselben Sache stehen wie ein Sozialist - wie sieht das denn aus? Und vor allem: Was denken sonst bloß die Republikaner? Das, was sie schon die ganze Zeit laut denken: "Alles Kommunisten bei #ows!"

Irgendwie dumm gelaufen, das mit Chavez. Jedenfalls aus (partei)demokratischer Perspektive. Man nennt das falsche Freunde fürs Leben.

Den Leuten von #occupywallstreet dagegen scheint die aufdringliche Zwangsumarmung aus allen Richtungen ganz gepflegt den Buckel runter zu rutschen. Sie zeigen Haltung, und die heißt: ignorieren, ignorieren, ignorieren - mit nur gelegentlich einem höflichen Mittelfinger.
"We're free. Neither you, nor anyone else, will own us."
Bravo.


Dienstag, 16. August 2011

Blauäugig


Dies ist ein blaues Auge:

Shepard Fairey

Ein blaues Auge holt sich, wer sich aus opportunistischen Gründen zu weit aus dem Fenster hängt, bei den Falschen anbiedert und am Ende sagt, er habe es doch bloß gut gemeint. Wer so blauäugig ist, kann eigentlich froh sein, mit einem blauen Auge davonzukommen. Hat er erst mal diesen Schaden erlitten, braucht er für den Spott nicht zu sorgen; das übernehmen andere:


Kommt uns das zweite Bild irgendwie bekannt vor? Das ist doch, ja, wer war das gleich noch mal, an wen erinnert uns das? Genau, an den hier. Shepard Fairey wurde im Jahr 2008 berühmt und erfolgreich mit seiner zeitgemäßen ikonischen ("punk-kulturellen", hieß das damals) Visualisierung des seinerzeitigen Hoffnungsträgers Obama. Letzterer hatte dem Künstler überschwenglich gedankt für dessen konstruktiven Beitrag zur gelungenen Präsidentschaftswahl-Operation, und der ehemalige Straßenkünstler wurde zu dem, was man mainstream nennt.

Kürzlich segelte Fairey unter ähnlicher Flagge - peace, we believe in - nach Dänemark, wo er sich mit einem künstlerischen mainstream-Manöver eher unbeliebt machte:


Links:
Faireys ornamentale Friedenstaube an der verbliebenen Mauer des 2007 zwangsgeräumten und abgerissenen Jugendkulturzentrums Ungdomshuset im Kopenhagener Jagtvej 69; ein unmissverständlicher Appell an die Jugend Kopenhagens, es doch endlich mal gut sein zu lassen mit dem alten Groll. Die war nämlich sauer, dass ihr Kulturhaus samt Grundstück nach der Räumung von der rechtsgerichteten Stadtverwaltung verkauft worden war an eine rechtsgerichtete christliche Organisation. Nach dem Abriss kam es 2007 zu einem gewaltigen Aufstand (Copenhagen December Riot).

Rechts:
Ganz offenkundig geriet die Friedensmission einigen jungen Kulturhaus-Aktivisten in den falschen Hals: "No peace!" und "Go home, Yankee hipster!" lauteten (via Farbbeutel) die unmissverständlichen Antworten auf Faireys monumentale Versöhnungssymbolik. Damit war der Konflikt auf dem Tisch - peace, we don't believe in.

Zu dem Zeitpunkt hätte Fairey - eingeschnappt, aber ohne Gesichtsverlust, also ohne blaues Auge - sich mit einem ehrenhaften Rückzieher aus der Affäre retten können. Was muss ein 'gemachter Mann' und mainstream-Hipster sich auch an eine ins Mark getroffene Alternativszene ranschmeißen mit der (verdächtig nach Obama klingenden) Botschaft, dass wir ja doch alle Brüder sind, irgendwie oder so?

Jedoch, er zog sich nicht zurück, denn wer einmal mainstream ist, will immer noch mehr mainstream werden. Kennt man ja. Ist wie mit dem Geldverdienen und dem Berühmtwerden. Können den Hals nicht voll kriegen, die Platzhirsche dieser Welt. Apropos Geldverdienen: Bei Faireys Außenfassade handelte es sich um eine Auftragsarbeit der Kopenhagener Stadtverwaltung - derselben Stadtverwaltung, die für Zwangsräumung und Verkauf des Jugendkulturhauses verantwortlich ist -, dotiert mit 250.000 dänischen Kronen. Die muss er sich erst mal verdienen, wird Fairey sich gedacht haben, und machte sich an die Überarbeitung seines verunstalteten Murals:


Links:
Das opportunistische "Peace" wurde opportunistisch übermalt. Kommt nicht so gut, das mit dem peace, in Zeiten sozialer Konflikte, wird Fairey sich gedacht haben, und verpasste stattdessen dem Oeuvre eine trendige Straßenkampfszene, künstlerisch aufgewertet durch ein lichterloh brennendes Auto und einen Polizeihubschrauber.

Rechts:
Hat alles nichts genützt. Auch das aktualisierte Zeitgemälde wurde verwüstet; diesmal mit - sage keiner, Vandalen hätten keinen Sinn für Ironie - grünstichigem Schaum aus einem Feuerlöschgerät, immerhin so punktgenau plaziert, dass die symbolträchtige Zahl "69" (in Kopenhagen eine Chiffre für den Konflikt und Kampf um das Jugendkulturhaus) halb gelöscht erscheint.

Daraufhin war Fairey endgültig eingeschnappt, hatte keine Lust mehr und zog sich - mit beleidigtem Ego, aber immer noch ohne blaues Auge - zurück, und zwar mit den Worten:
"My overall global vision is too great for me to get bogged down in local complexities."
(Meine gesamt-globale Vision ist zu groß für mich, um mich in lokalen Komplexitäten aufreiben zu lassen.)
Ein Statement, das von Größe zeugt. Warum sich in lokales Klein-Klein verheddern, wenn es in Wahrheit ums große Ganze der eigenen Bedeutungshuberei geht?

Folgerichtig wandte sich Fairey den wirklich bedeutenden Dingen im Leben eines großen Weltkünstlers zu, nämlich seiner eben eröffneten Ausstellung mit dem sinnschwangeren Titel "Your Ad Here" ("Werben Sie hier") in einer Kopenhagener Galerie. Die Vernissage soll super gelaufen sein, denn danach ließ sich Fairey auf einer rauschenden After Party in einem Kopenhagener Nachtklub gebührend feiern. Das war letzten Samstag. Und jetzt kommt's.

Beim Verlassen des Nachtklubs wurde Fairey von drei finsteren Gestalten vermöbelt. Drei, wie Fairey behauptet, "jungen linken Anarchisten". Ein gezielter Schwinger hinterließ ein Mordsveilchen auf Faireys linkem - vermutlich auch dies nicht völlig ironiefrei gewählt - Auge; sodann hinterließen die drei Angreifer den Blauäugigen mit dem unfreundlichen Kommentar "Obama illuminati, fuck you, go back to America!"

Auf seiner Website liefert Shepard Fairey ein brettlanges mäkeliges Statement zu dem Vorfall ab. Unter anderem beschwert er sich über die dänischen Medien, die fälschlicherweise berichtet hätten, er habe Auftragskunst im Dienste der Stadtverwaltung - vulgo: kommerzielle Friedens-Propaganda - verrichtet. Stimmt doch gar nicht!, empört sich das Veilchen, schweigt sich allerdings darüber aus, woher die 250.000 Möpse Auftragshonorar stammen. Ebenso vergisst der geschäftstüchtige Macher zu erwähnen, dass er Drucke seines Kopenhagener Murals gewinnbringend verkauft (zu 9o Dollar das Stück). Doch, es lässt sich gut verdienen an Zeiten latenter oder offener sozialer Unruhen!

Nach wie vor zeigt sich der Friedenskünstler unfähig zu begreifen, warum Betroffene sauer reagieren, wenn ein ungelöster, schmorender lokalpolitischer Konflikt weißgewaschen wird, ob mit oder ohne Auftrag. (Etwas ausgewogener berichtet der britische Guardian.) Nur eines - außer dem blauen Auge natürlich - quält den verkannten Ex-Street-Artist, dessen letzter Rest an street credibility wohl endgültig dahin sein dürfte: Wo bleibt, fragt er, der Respekt für seine "street art"? Er habe, so beteuert er, ja nichts gegen Kritik an seiner Kunst, aber wenn schon, dann doch bitte mit "künstlerischen Mitteln", oder?

Foto: Scanpix

Na ja. Die sind halt nicht jedem gegeben, die künstlerischen Mittel, und werden auch nicht jedem dahergelaufenen Graffitimaler von der Stadtverwaltung oder irgend einem dubiosen Sponsor finanziert.

Dafür holt sich der gemeine Graffitimaler auch keine blaues Auge.


Er malt lieber welche.

Sonntag, 13. Februar 2011

Beltz Revisited


Der deutsche Geist zur Einheit eilt,
denn Deutschland war lang zweigeteilt.
Ein Trost bleibt uns trotz dieser Macken:
Auf ewig hat der Arsch zwei Backen.

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Konzert war. Ist ja immer so teuer. 17 Euro, ein Vermögen. Aber hey - Big Spender! Zwei spendable Jungs luden mich ein.

Nicht ohne Vorwarnung: "Mach' dich auf was Ungemütliches gefasst." Wie, ungemütlich? "Ja, nix zum Zurücklehnen und Genießen." Sondern? "Eher vorne auf der Stuhlkante. Bisschen bösartig. Ziemlich abgedreht. Brauchste starke Nerven." Hab' ich doch. "Nicht so wie du denkst. Die schrecken vor nichts zurück." Wer? "Die beiden Musiker. Denen ist nichts heilig. Die machen richtig Krach." Wie, Krach? Keine Musik? Ich denke, wir gehen ins Konzert? "Alles Definitionssache." Was denn jetzt? "Musikalischer Krach, wenn du so willst." Oh Jessas. "Wart's ab."

Foyer. Überwiegend ältere Herrschaften. Überwiegend etwas zu jugendlich zurechtgemacht. Überwiegend mit Rotweinglas in der Hand. Foyer halt.

Gesprächsfetzen. "Wird bestimmt ein toller Abend." - "Die Karten waren ruckzuck ausverkauft." - "Der X und die Y haben keine mehr bekommen." - "Der X und die Y?" - "Weißt schon, der Alte mit der Jungen." - "Ach, der." - "Genau der, hö hö." - "Ist ja richtig viel Prominenz hier. " - "Hast du gesehen? Die Bürgermeisterin ist auch gekommen." - "Ist ja auch ein gesellschaftliches Ereignis, hö hö." - "Ja, hö hö hö, wieder mal in alten Zeiten schwelgen." - "Ist ja heute alles nicht mehr so wie früher, Prost!" - "Guten Rotwein haben sie hier, kann man nicht meckern." - "Wenigstens der Rotwein ist heute besser als früher." - "Hö hö hö." - "Wir haben alles andere für heute abend abgesagt." - "Wir auch - wär' da nicht die Party bei dieser CDU-Tante gewesen?" - "Auf die Party kannst du immer noch nach dem Konzert gehen." - "Erst das Vergnügen, dann die Arbeit, hö hö." - "Hö hö hö!" - "Das Vergnügen lassen wir uns nicht nehmen!" - "Heut' abend gehen wir zum Beltz!"
Parmesan und Partisan
Wo sind sie geblieben
Partisan und Parmesan
Alles wird zerrieben
Big Spender One: "Sind mindestens zu 80 Prozent ehemalige Straßenkämpfer hier."
Big Spender Two: "Betonung auf 'ehemalige'."
Big Spender One: "Jetzt alle im Ruhestand."
Big Spender Two: "Rotwein-Rentner."

Beltz? Welcher Beltz? Matthias Beltz. Satiriker und politischer Kabarettist. Bisschen bösartig. Ziemlich abgedreht. Einer mit starken Nerven. Schreckte vor nichts zurück. Heilige Kühe waren ihm fremd. Starb mit 57 Jahren an einem Herzinfarkt. Sprachkünstler auf dem Drahtseil, immer haarscharf balancierend zwischen tiefschürfendem Wortwitz und höherem Nonsense. Triefend vor Sarkasmus. Verächter von Heldenverehrung und andächtigem Kult. Liebhaber von Provokation und Permanenzreibung.

Konzert. Auf der Bühne zwei Herren mit sympathisch-bescheidenem Auftreten. Beide im dunklen Anzug, der ältere mit Schlips, der jüngere ohne. Keyboards, Electronics, Schläuche, geräuschproduzierende Gegenstände, Akkordeon. Klänge. Geräusche. Gerumpel. Geschepper. Gefiepe. Mal lärmig laut, mal flüsternd leise. Mal rhythmisch, mal nicht. Immer wenn sich ein groovender Beat andeutet, wird der Klangschönheit ganz schnell die Spitze wieder abgebrochen. Botschaft: Glaubt bloß nicht, wir wollen, dass ihr euch wohlfühlt.

Beltz fädelt sich ein. Nur als Stimme, denn der Rest von ihm bleibt oben. Oben? Im Himmel. Ist ja tot. Oben - Beltz remixed heißt das Werk. Auf Begleitspuren wird die Stimme von oben eingespielt, derweil es unten die beiden Herren ordentlich krachen lassen. Beltz singt, spricht, raunt, nuschelt und verschluckt wie eh und je souverän die Wortendungen; die Herren Carl und Augst tröten, klimpern, rasseln und sampeln nach Herzenslust ihr eigenes Material dazu.

Gelegentlich singen sie sogar gemeinsam mit Beltz. Dessen Stimme wird elektronisch bis zur Schmerzgrenze verfremdet. Dessen Singsang wird so systematisch gegen den Strich gebürstet, dass es schon wieder passt wie die Faust aufs Auge, denn nichts hat dem Schlitzohr Beltz besser gefallen als seine eigenen Worte und die Sprechblasen anderer notorisch gegen den Strich zu bürsten.

Publikum. Das hörspielartige Klanggebilde kommt äußerst schräg und irritierend daher - eine Zumutung für unschlitzohrige, harmoniebedürftige Ohren; besonders für solche, die sich nach einem gefälligen Rotwein ein gefällig-nostalgiegetränktes Wiederhören mit dem kultisch Verehrten erhofft hatten: Wasch mir den Beltz, aber mach mich nicht nass. Der Frust im Publikum war mit Händen zu greifen. Nervöses Füßescharren. Unruhiges Hinternrutschen auf den Stühlen. Genervt-unterdrücktes Seufzen. Der schwächliche, nach jeder Nummer absolvierte Applaus war enden wollend und klang unehrlich. Ich sehnte mich nach ehrlicher Unhöflichkeit. Ich hörte, wie hinter mir eine Frauenstimme zischte: "Was soll das? Warum tun die das unserem geliebten Beltz an?" Eine Männerstimme fragte leise, ob sie lieber gehen wolle? Unmöglich, fauchte sie flüsternd, "wie sieht das denn aus?" Ich fand, es hätte gut ausgesehen.
Europa ist ein Irrenhaus und Deutschland die geschlossene Abteilung.
Foyer. Nach dem Konzert entleerte es sich zügig. Keine Gespräche, keine diskutierenden Grüppchen, kein heftiges Für und Wider. Schnell die Mäntel an der Garderobe abholen, Blickkontakte vermeiden. Schnell raus auf die Straße - mit Sicherheit nicht, um dort zu kämpfen, sondern, wie ich mit einem Ohr aufschnappte: "Wollen wir nicht doch noch schnell bei der CDU-Tante vorbeischauen?" - "Gute Idee, auf 'nen Absacker." - "Hab' ich jetzt auch dringend nötig."

Die Jungs in den Spendierhosen hatten recht behalten. Das war nichts für schwache Nerven gewesen. Beim Nachhauseradeln entsann ich mich eines Spruches von Matthias Beltz. Der Samstag, hat er mal in seiner Vorliebe fürs Makabre gesagt, sei der Faschist unter den Wochentagen, weil er da einfach nicht aus dem Bett rauskomme. Gestern war Samstag. Gut, dass er es gestern geschafft hat, sich mal kurz aus seinem Grab zu erheben.


(Zitate von Matthias Beltz via matthiasbeltz.de)

Dienstag, 7. Dezember 2010

Kühlwärme


Heute lief es mir kurzzeitig eiskalt den Rücken runter. Und das nicht nur, weil Dienstag der Tag des Kühlhauses (korrekt: Kühlhausputztag) ist, mithin der Tag der klammen Finger und der tiefgekühlten Laune.

An normalen Dienstagen pflegt ein quirliger, stets zu intelligenten Spässen aufgelegter Portugiese meine Laune vor dem Absturz ins Bodenlose zu retten. Immer dienstags wird nämlich der jugoslawische Getränkelieferant von einem portugiesischen Minijobber begleitet, der, wenn er mich im Kühlhaus rumoren hört, höflich an die dicke Tür klopft und fragt, wie es mir gehe. Er neigt dann immer zu makabren Scherzen rund um das Thema Kühlhaus, und genau diese situative Vorliebe fürs Makabre ist es, was meine Dienstagslaune wieder merklich über den Gefrierpunkt hebt. Normalerweise.

Heute streckte der Portugiese den Kopf ins Kühlhaus, sah mich Lammhaxen durch die Kälte wuchten und fragte liebenswürdig, ob er mich fragen dürfe, wie es mir ginge? Statt einer Antwort guckte ich knurrig, was ihn veranlasste, mir die schwere Lammhaxenkiste abzunehmen. Fand ich nett. Doch dann, als er die Kiste abgestellt und sich wieder aufgerichtet hatte, sagte er mit dem freundlichsten Gesicht der Welt etwas, was ich überhaupt nicht nett fand, nämlich: "Arbeit macht frei!"

Ich guckte ihn so böse an, wie es mir nur irgend möglich ist, worauf er erschrak und fragte, ob er etwas Falsches gesagt habe. Ich guckte noch böser. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er die drei fatalen Worte völlig arglos und ohne Hintergedanken ausgesprochen hatte. "Was hast du denn?", fragte er mich besorgt, "genau dasselbe hat heute morgen mein Chef zu mir gesagt!" Mir schwante Übles. Ich fragte ihn, was für ein Landsmann sein Chef sei. "Eine Kartoffel, was sonst", antwortete er, "warum fragst du?"

Ich wurde stinksauer. Nicht auf den Portugiesen, sondern auf seinen deutschen Vorgesetzten. "Was deine deutsche Kartoffel heute morgen zu dir gesagt hat, hat vor 70 Jahren ein gewisser Adolf Hitler gesagt", zischte ich. Er verstand sofort. Und fing an zu lachen. "Gut, dass ich das jetzt weiß", gab er zurück, "weißt du, eigentlich sagt die Kartoffel das jeden Morgen zu uns." Mir verging das Lachen. Er grinste durchtrieben. "Ab morgen", fuhr er unbekümmert fort, "weiß ich, was ich der Kartoffel antworten werde."

Ich schaute ihn neugierig an. Statt etwas zu sagen, legte der kleinwüchsige drahtige Portugiese eine effektvolle Kunstpause ein, bevor er schweigend, aber zackig die Hacken zusammenschlug, sein Kreuz durchdrückte und den rechten Arm in unmissverständlicher Pose stramm nach oben zog. Für einen Moment war es, als ob Charlie Chaplin mich im Kühlhaus besucht hätte. Trotz klammer Finger wurde mir ganz warm ums Herz.

Mittwoch, 17. November 2010

Nüchtern betrachtet


Aua. Den heutigen Tag hatte ich mir anders vorgestellt. Es hat nicht sollen sein. Was mache ich jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag? Stänkern.

Ich hatte mich auf eine Geburtstagseinladung gefreut. Gestern einen hammermäßigen Schokoladekuchen gebacken. Die Tochter einer Bekannten wird 18, geht noch zur Schule, macht nächstes Jahr Abitur. Ein blitzgescheites Mädchen mit guten Noten, solider humanistischer Bildung und gelegentlich vorlauter Klappe - eine vielversprechende Kombination. Ob es an der Bildung oder an der Klappe liegt (oder an beidem), weiß ich nicht, jedenfalls trafen das Kind und ich uns auf derselben Wellenlänge, hatten stets Gesprächsstoff im Überfluss und teilten die Vorliebe fürs Scharfzüngige. Wenn so eine Hoffnungsträgerin 18 wird, backe ich Schokokuchen der Extraklasse. Da steht er nun, der Schokokuchen, und wird dort stehenbleiben. Er wird meine Wohnung nicht verlassen; ich auch nicht. Shit happens.

Mittags ein Anruf von der Frau Mama: Sie würden sich alle schon so freuen auf mein Kommen, man habe sich ja so lange nicht mehr gesehen, die Tochter könne es gar nicht erwarten, mich mit ihren Freundinnen bekannt zu machen, "nur eine kleine Bitte" habe sie, die Frau Mama - es wäre ihr recht (O-Ton), wenn ich das mit meinem Putzjob heute nachmittag nicht an die große Glocke hängen würde, ob das ginge? "Vor all den Mädels", ergänzte sie, "du verstehst, was ich meine?" Nein, ich verstand es nicht. Absolut nicht. Zwar ahnte ich durchaus, was gemeint war, hatte aber keine Lust es zu verstehen. Absolut keine Lust. Ich schwieg unheilvoll. Was die Mutter dazu bewog, sich wasserfallartig um Kopf und Kragen zu reden.

Quintessenz des mütterlichen Redestroms: Man dürfe doch die jungen Menschen nicht desillusionieren, jetzt, wo sie an der Schwelle zum Schulabschluss, zur Universität, zum Beruf, zum - ja! - zum Leben stünden mit all ihren Erwartungen und Hoffnungen und natürlich - ja! - leider - jaa! - auch Ängsten, weil "es" heutzutage eben schwierig sei, so mit Beruf und Arbeitsmarkt und so - jaaa! - und man habe ihnen, den jungen Menschen, darum von klein auf Bildung vermittelt und ihnen eingebläut, dass Bildung das Allerwichtigste sei und ohne eine gute Ausbildung nichts laufe und da würde ihnen halt so ein, äh, Putzjob einer, eh, Akademikerin, irgendwie, du verstehst?, irgendwie doch die Fundamente dieser, öh, Zuversicht erschüttern, also dieser Zuversicht, dass "es" mit umfassend guter Bildung schon zu schaffen sei, du verstehst, am Aufbauen dieser Zuversicht habe man schließlich jahrelang konsequent gearbeitet, und da käme so ein, äh, Putzjob halt nicht so doll rüber, so von der Message, verstehst du?, weil, rein so als Message sei das ja eher, öh, ernüchternd, könnte man sagen, verstehst du, was ich meine?

Ja, Herrgott. Alles verstanden. Das mit der Ernüchterung könne ich sehr gut verstehen, erwiderte ich, denn mein Putzjob sei tatsächlich ernüchternd und das nicht nur so als Message, sondern vollumfänglich. Mehr sagte ich nicht, weil mir mehr nicht einfiel - bei abgesackter Kinnlade, erhöhtem Puls, adrenalinbefeuert. Weil ich dieses Gespräch doch als ziemlich, öh, ernüchternd empfand. Wobei das ja nichts Schlimmes sein muss, so eine Ernüchterung. Ist halt hart und tut weh, macht aber klüger. Unbedingt.

Selbstverständlich bleibe ich der Feier fern. Weil mir nicht danach ist, dem Geburtstagskind nebst Schokokuchen eine Lüge über meine Person sowie eine faustdicke Bildungslüge aufzutischen. Ist mit mir nicht zu haben. Höchstens, wenn ihr mich dafür bezahlt, und zwar anständig. Ist nämlich ein anstrengender Job, den ganzen Nachmittag bei euch rumzuhängen und so zu tun als ob.

Inzwischen habe ich mich so weit wieder beruhigt, dass ich zur Vernichtung des Geburtstagsgeschenkes schreiten konnte. Bin schon beim zweiten Stück Kuchen. Schmeckt große Klasse. Während ich esse, gebe ich mich lustvoll-bösartigen Tagträumereien hin, wie es wäre, wenn ich der jungen Dame zum Geburtstag per Email einen Link auf mein Blog schickte, so als hochschulreife-begleitende Fortbildungsmaßnahme, so als Message, sozusagen. Mal ehrlich, ich kenne das Mädchen gut genug, um mir einzubilden, dass sie das Zeugs hier gerne lesen würde. Vielleicht würde das Lesen sie auch ernüchtern. Na und.

Es gibt Tage, da könnte ich das linksliberale Bildungsbürgertum in einen Sack stecken und grußlos auf den Mond schießen. Und zwar mit Sack und Pack. Eltern haften für ihre Kinder.

Montag, 20. Juli 2009

Pflegeleicht

Es wäre aber auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Dieses Wort. Diese Überschrift. Jetzt ist sie weg. Statt der ursprünglichen trägt dieser Beitrag nun eine neue Überschrift, nämlich 'Krankenschwester'. Wer in den Kommentaren liest, ahnt schon, wie es dazu kommen konnte. Mir jedenfalls schwante beim Lesen so etwas, ohne genau zu wissen, was es sein könnte. Klingt das jetzt hinreichend konfus? Einfach weiterlesen (rote Hervorhebung von mir):

Betreff: CARE-Paket

Liebe Mrs. Mop,

vielen Dank für das konstruktive Telefonat. Wie telefonisch besprochen, möchte ich Sie bitten den geschützten Begriff „CARE-Paket“ nicht in Ihrem Blog zu verwenden.

Zum Hintergrund: CARE wurde 1945 in den USA gegründet, um Hunger und Verzweiflung in Europa mit mehr als 100 Millionen CARE-Paketen zu lindern. Heute greift CARE auf die Erfahrung und die Ressourcen einer modernen, internationalen Hilfsorganisation zurück. Unabhängig von politischer Anschauung, religiösem Bekenntnis oder ethnischer Herkunft setzen wir uns weltweit für Not leidende, arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen ein. Unsere Zielsetzung: Not lindern. Armut bekämpfen. Würde verteidigen. Mehr zum CARE-Paket (http://www.care.de/care-paket.html) und unserer Arbeit weltweit (http://www.care.de/projekt-hilfsprojekte.html) erfahren Sie auf unserer Homepage und/ oder bei unseren Gruppen bei facebook und Co.: http://www.care.de/social-media.html.

Vielen Dank für Ihr Verständnis und liebe Grüße

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Stephanie Timpernagel

Referentin Online-Marketing und Werbung
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
www.care.de


Selbstverständlich will ich mich keinesfalls an geschützten Begriffen vergreifen, zumal es eine traditionsreiche, historisch bedeutsame internationale Hilfsorganisation ist, die über jenen Begriff ihre schützende Hand hält. Die Organisation tut dies ausgesprochen unbürokratisch: Ein Anruf, ein paar Fragen und Antworten, eine nette Plauderei, und der Fall war gelöst, noch bevor er zu einem wurde. Es hätte mir auch anderes blühen können. Gerade bei Blogs wird ja gern mal mit rabiateren Methoden gearbeitet. Mit Frau Timpernagel war es ein Vergnügen.

Trotzdem blutet mir natürlich das Herz, weil die tolle Überschrift jetzt weg ist. Solche Wortspielereien, sind sie mir erst einmal eingefallen, gebe ich nur höchst ungern wieder her. Krankenschwester, okay, geht so. Aber dieses andere Wort, dieses, naja, Pflege-Packerl, das war schon Kirschsahnetorte. Und das bei dem Fotomodell. Ach ja. Zu schön um wahr zu werden.

Samstag, 6. Juni 2009

Unter die Haube kommen

Gestern wurde ich auf frischer Tat ertappt. Beim Fotografieren in der Küche. Ich wollte ein Bild von der großen Dunstabzugshaube ins Blog stellen - wer weiß schon, wie so eine Abzugshaube von innen aussieht? -, passte einen günstigen Moment ab und knipste drauflos. Der Moment (6.15 Uhr, Blitzlicht) erwies sich als weniger günstig als gedacht, denn vom Kücheneingang rief es laut "ich glaube, du spinnst!". Frau Übermop war außer sich. Was das denn bitte solle? Wahrheitsgemäß erklärte ich, das Foto sei für mein Tagebuch. Darauf kopfschüttelnd Frau Übermop: "Tagebuch? Übers Putzen? Du spinnst ja wirklich!" Ich unterließ es zu widersprechen, außerdem - womöglich hat sie ja recht. Wäre nicht das erste Mal.
Jedenfalls ließ Frau Übermop keinen Zweifel daran, dass sie das Abzugshaubenfoto für "wohl das Allerletzte" und mich für komplett durchgeknallt hält. Es folgte ein längerer Wortwechsel (leise Panik bemächtigte sich meiner - wie bitteschön soll ich weiterbloggen ohne Fotos? Übers Putzen einfach nur schreiben, ganz ohne, hm, Visualisierungshilfen? Glaubt einem doch kein Mensch...). Ganz verzagt fragte ich schließlich, ob sie das nicht verstehen könne, ein Tagebuch ohne Bilder sei doch wie eine Putzfrau ohne Schrubber. Worauf sie mich ganz erstaunt anblickt und antwortet: "Wieso, es hat doch kein Mensch was dagegen, wenn du Fotos für dein komisches Tagebuch machst." Ja, wie jetzt? Ich gucke noch erstaunter als sie und verstehe gar nichts mehr. Zücke die Kamera, um nochmal auf die verdammte Abzugshaube draufzuhalten...ein donnerndes "NEIN!" hält mich davon ab.
Meine Hand sinkt. Die Übermop-Handfläche schlägt flach und geräuschvoll auf eine noch ungeputzte Edelstahlfläche: "Nein! So was macht man nicht, basta!" So wenig ich verstehe, was hier gerade gemeint ist, so überdeutlich teilt sich doch Frau Übermops Erregtheit mit. Es ist ihr wirklich ernst mit dem Bilderverbot. Aber hatte sie nicht eben...? Sie beugt sich vor und donnert mitten in mein Fragezeichengesicht hinein: "Man macht keine Fotos von verschmutzten Gegenständen, niemals, ist das klar?"
Ach so. Ja, klar. Jetzt verstehe ich. Um 6.15 Uhr in der Frühe befindet sich die Küche sozusagen noch im Urzustand; nur die Müllsäcke und das Leergut sind bereits nach draußen geschleppt worden. Die Abzugshaube erstrahlt noch im fettigen Abglanz des vergangenen Abends. Mit Nachdruck deutet der Übermop-Daumen senkrecht nach oben, "wenn du die Haube geputzt hast, kannst du gern ein ganzes Fotoalbum davon machen." Sprach's und verließ die Küche, nicht ohne zuvor mit dem Übermop-Zeigefinger an die Übermop-Stirn zu tippen.
Ich sah dann zu, dass ich endlich unter die Haube kam, denn die Zeit drängte. Während die verschmutzte Abzugshaube sich allmählich in eine saubere verwandelte, beschäftigte mich der eben verabreichte Ordnungsruf weiter. So sehr, dass ich glatt vergessen habe, das blankgeputzte Teil zu fotografieren. Jetzt habe ich ein Foto von der ungeputzten Haube und trau mich nicht es hier reinzustellen. Das Donnerwetter wirkt nach. Freilich wäre es übertrieben zu behaupten, nun setzte sich Frau Übermop an die Stelle meines Über-Ichs. Selber denken kann ich schon noch. Aber - eben drum - bin ich momentan etwas durcheinander. 

Sonntag, 24. Mai 2009

Immer von oben nach unten

Gleich am ersten Tag wurde mir die sogenannte "Goldene Putzregel" eingeschärft, die da lautet: "Immer von oben nach unten!" Natürlich hat sofort mein Soziologenhirn zu rattern angefangen - aha, aufgepasst, es geht um die Putzfrauen-Hackordnung -, und ich spitzte die Ohren. Schließlich bin ich "die Neue", obendrein Berufsanfängerin und somit ein gefundenes Fressen für hierarchisch induzierte Fettnäpfchen aller Art. Dachte ich. Anstatt die Ansage "Immer von oben nach unten" einfach wörtlich zu nehmen. Denn dass Wasser, Fett und Putzmittel von oben nach unten tropfen, keinesfalls umgekehrt, leuchtet jedem ein, auch einer Sozialwissenschaftlerin.
Trotzdem stürzt diese an ihrem ersten Arbeitstag als Putzfrau sich zuallererst auf die Reinigung des Küchenbodens, einfach so, aus privater Gewohnheit. Oder weil der Küchenboden am schlimmsten aussieht. Oder weil ein Küchenboden schneller zu reinigen ist als ein verkrusteter Herd. Oder dies. Oder das. "Hirnlos!", werde ich ermahnt, "du hast noch nie geputzt, gib's zu." Selbstverständlich putze ich bei mir zuhause, entgegne ich. "Zuhause zählt nicht", heißt es lakonisch. Wieso das denn, Putzen ist Putzen, oder? Nix da: "Zuhause kann jeder putzen wie er will, die meisten Leute putzen ohne Hirn drauflos, aber das ist jedem seine Sache. Hier bei uns wird mit Hirn geputzt. Ab heute Hirn einschalten, klar?" Okay, das war jetzt wirklich, kann man so sagen, senkrecht von oben nach unten. Aber wo sie recht hat, hat sie recht.
Wer "sie" ist? Putzfrau, antwortet sie, nach ihrem Beruf befragt. Tatsächlich ist sie der gute Geist des Hauses, Mädchen für alles, Überblickerin, Warenbestellerin und -annehmerin, Wäscherin, Lieferantenabwicklerin, Allesmitkriegerin. Und natürlich Putzfrau. Und - ganz wichtig - Trainerin für neue Putzfrauen, so wahr ich Mrs. Mop heiße. Weil das alles so ist, suchte ich nach einem angemessenen Namen, der subtil die Goldene Putzregel auf den Punkt bringt, zugleich respektvoll die Differenz benennt, ohne schleimig daherzukommen, der kurz ist und ein bisschen lustig klingt. Ab heute nenne ich sie Frau Übermop.
PS. Wie man sich unschwer vorstellen kann, ist Frau Übermops Diktum ("Hirn einschalten!") nicht spurlos an Mrs. Mop vorbeigegangen. Gut, Hirn einschalten, das sagt sich so einfach. Aber - welches Hirn denn nun? Sollten beispielsweise soziologische Hirnareale eher deaktiviert werden, um so dem alltagspraktischen Stammhirn zu ungestörter Effizienz zu verhelfen? Oder ist eine friedliche Koexistenz beider möglich, ja produktiv? Ungelöste Fragestellungen bis dato. Immerhin hat Mrs. Mop einstweilen die Goldene Putzregel gut verinnerlicht: Angefangen wird immer ganz oben, dann systematisch nach unten weitergearbeitet, bis schlussendlich, ganz unten, das Gröfaz* kommt.

*Größtes Fettnäpfchen aller Zeiten