Aua. Den heutigen Tag hatte ich mir anders vorgestellt. Es hat nicht sollen sein. Was mache ich jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag? Stänkern.
Ich hatte mich auf eine Geburtstagseinladung gefreut. Gestern einen hammermäßigen Schokoladekuchen gebacken. Die Tochter einer Bekannten wird 18, geht noch zur Schule, macht nächstes Jahr Abitur. Ein blitzgescheites Mädchen mit guten Noten, solider humanistischer Bildung und gelegentlich vorlauter Klappe - eine vielversprechende Kombination. Ob es an der Bildung oder an der Klappe liegt (oder an beidem), weiß ich nicht, jedenfalls trafen das Kind und ich uns auf derselben Wellenlänge, hatten stets Gesprächsstoff im Überfluss und teilten die Vorliebe fürs Scharfzüngige. Wenn so eine Hoffnungsträgerin 18 wird, backe ich Schokokuchen der Extraklasse. Da steht er nun, der Schokokuchen, und wird dort stehenbleiben. Er wird meine Wohnung nicht verlassen; ich auch nicht. Shit happens.
Mittags ein Anruf von der Frau Mama: Sie würden sich alle schon so freuen auf mein Kommen, man habe sich ja so lange nicht mehr gesehen, die Tochter könne es gar nicht erwarten, mich mit ihren Freundinnen bekannt zu machen, "nur eine kleine Bitte" habe sie, die Frau Mama - es wäre ihr recht (O-Ton), wenn ich das mit meinem Putzjob heute nachmittag nicht an die große Glocke hängen würde, ob das ginge? "Vor all den Mädels", ergänzte sie, "du verstehst, was ich meine?" Nein, ich verstand es nicht. Absolut nicht. Zwar ahnte ich durchaus, was gemeint war, hatte aber keine Lust es zu verstehen. Absolut keine Lust. Ich schwieg unheilvoll. Was die Mutter dazu bewog, sich wasserfallartig um Kopf und Kragen zu reden.
Quintessenz des mütterlichen Redestroms: Man dürfe doch die jungen Menschen nicht desillusionieren, jetzt, wo sie an der Schwelle zum Schulabschluss, zur Universität, zum Beruf, zum - ja! - zum Leben stünden mit all ihren Erwartungen und Hoffnungen und natürlich - ja! - leider - jaa! - auch Ängsten, weil "es" heutzutage eben schwierig sei, so mit Beruf und Arbeitsmarkt und so - jaaa! - und man habe ihnen, den jungen Menschen, darum von klein auf Bildung vermittelt und ihnen eingebläut, dass Bildung das Allerwichtigste sei und ohne eine gute Ausbildung nichts laufe und da würde ihnen halt so ein, äh, Putzjob einer, eh, Akademikerin, irgendwie, du verstehst?, irgendwie doch die Fundamente dieser, öh, Zuversicht erschüttern, also dieser Zuversicht, dass "es" mit umfassend guter Bildung schon zu schaffen sei, du verstehst, am Aufbauen dieser Zuversicht habe man schließlich jahrelang konsequent gearbeitet, und da käme so ein, äh, Putzjob halt nicht so doll rüber, so von der Message, verstehst du?, weil, rein so als Message sei das ja eher, öh, ernüchternd, könnte man sagen, verstehst du, was ich meine?
Ja, Herrgott. Alles verstanden. Das mit der Ernüchterung könne ich sehr gut verstehen, erwiderte ich, denn mein Putzjob sei tatsächlich ernüchternd und das nicht nur so als Message, sondern vollumfänglich. Mehr sagte ich nicht, weil mir mehr nicht einfiel - bei abgesackter Kinnlade, erhöhtem Puls, adrenalinbefeuert. Weil ich dieses Gespräch doch als ziemlich, öh, ernüchternd empfand. Wobei das ja nichts Schlimmes sein muss, so eine Ernüchterung. Ist halt hart und tut weh, macht aber klüger. Unbedingt.
Selbstverständlich bleibe ich der Feier fern. Weil mir nicht danach ist, dem Geburtstagskind nebst Schokokuchen eine Lüge über meine Person sowie eine faustdicke Bildungslüge aufzutischen. Ist mit mir nicht zu haben. Höchstens, wenn ihr mich dafür bezahlt, und zwar anständig. Ist nämlich ein anstrengender Job, den ganzen Nachmittag bei euch rumzuhängen und so zu tun als ob.
Inzwischen habe ich mich so weit wieder beruhigt, dass ich zur Vernichtung des Geburtstagsgeschenkes schreiten konnte. Bin schon beim zweiten Stück Kuchen. Schmeckt große Klasse. Während ich esse, gebe ich mich lustvoll-bösartigen Tagträumereien hin, wie es wäre, wenn ich der jungen Dame zum Geburtstag per Email einen Link auf mein Blog schickte, so als hochschulreife-begleitende Fortbildungsmaßnahme, so als Message, sozusagen. Mal ehrlich, ich kenne das Mädchen gut genug, um mir einzubilden, dass sie das Zeugs hier gerne lesen würde. Vielleicht würde das Lesen sie auch ernüchtern. Na und.
Es gibt Tage, da könnte ich das linksliberale Bildungsbürgertum in einen Sack stecken und grußlos auf den Mond schießen. Und zwar mit Sack und Pack. Eltern haften für ihre Kinder.