Andere Länder, andere Sitten.
Heute fragte mich die spanische Putzfrau beim Kaffeetrinken nach dem Rezept für meinen
Schokoladekuchen. Während wir über das ausgewogene Verhältnis von Schokostückchen, Kakao, Zucker und Vanille diskutierten, gesellte sich ihr Ehemann, der Hausmeister (immer dabei, wenn es nach Kaffee riecht) zu uns und wollte wissen, wieso ich gestern einen fast kompletten Kuchen mitgebracht habe. Also erzählte ich die
Geschichte.
Er hörte aufmerksam zu. Als ich fertig war, fing er an zu lachen. Er amüsierte sich königlich. Als er fertig war mit Lachen, sagte er: "Deutschland!" Mehr nicht. Aber er sprach das Wort mit so viel Sarkasmus in der Stimme und im Gesicht aus, dass jedes weitere Wort überflüssig erschien. Seine Frau nickte heftig dabei. Dann fing sie an zu erzählen.
Das spanische Ehepaar war vor gut 30 Jahren nach Deutschland gekommen (und lebt seit über 20 Jahren im ersten Stock über dem Restaurant). Sie habe 16 Jahre lang in einer deutschen Schule geputzt, danach acht Jahre lang in einem deutschen Kindergarten. In beiden Arbeitsverträgen habe eine Berufsbezeichnung gestanden, die sie befremdet habe, denn, so sagte sie: "Ich war eine Putzfrau, also habe ich die gefragt: Ich bin doch Putzfrau von Beruf, warum schreiben Sie da was anderes rein?" Sie konnte sich an das befremdliche Wort nicht mehr erinnern, meinte, es sei so etwas ähnliches gewesen wie "Hausangestellte". Nein, rief ihr Mann, "es hieß anders, es hieß - warte mal - ah ja, Raumpflegerin hieß es. Raum-pfle-ge-rin!" Seine Stimme troff schon wieder vor Sarkasmus.
Seine Frau lachte: "So was Dummes - ich pflege doch keinen Raum, ich putze ihn!" Ja, konterte der Spanier, "aber dann müssten die Deutschen Raumputzerin sagen, und das geht nicht. In Deutschland geht das nicht. In Deutschland sagen sie nicht gern das, was sie meinen. Sie erfinden dauernd komische Wörter, um nicht das sagen zu müssen, was sie meinen."
Dann erzählte die Spanierin von ihrer Arbeit im deutschen Kindergarten: Jedes Mal, wenn ein Kind das Wort Putzfrau in den Mund genommen habe, sei es ihm von der Erzieherin "verboten" und stattdessen der Begriff Raumpflegerin verordnet worden. Sie habe das lange Zeit nicht verstanden, fuhr die spanische Putzfrau fort, aber sie habe deutlich wahrgenommen, dass 'Putzfrau' als "irgendwie böses Wort" gegolten habe. Ihr Mann ergänzte: "Im Deutschen ist es ein Wort der Erniedrigung."
In Spanien, fuhr seine Frau fort, heiße eine Putzfrau Limpiadora und werde auch so genannt:"Eine limpiadora ist bei uns eine limpiadora, fertig. Eine limpiadora ist ein ganz normaler Beruf. Eine Frau, die putzt, ist halt eine limpiadora - wo ist das Problem?" Im übrigen, setzte sie hinzu, gelte in ihrem Herkunftsbereich (der Süden Spaniens) jede Frau, die gerade am Putzen ist, als limpiadora, also auch jede x-beliebige Hausfrau, die gerade ihren Küchenboden wischt.
Irgendwie, meinte die spanische Frau, sei das eine "typisch deutsche" Geschichte, die ich da erlebt hätte. Was daran typisch deutsch sei, wollte ich wissen? "Weißt du", antwortete sie, "ich habe drei Kinder großgezogen, und alle drei habe ich so erzogen, jeden Menschen als das zu sehen, was er ist - als einen Menschen..." (Als die Spanierin dies sagte, wurde mir ganz komisch zumute; einerseits empfand ich eine berührende Wahrhaftigkeit in ihren Worten, andererseits meldete sich in mir so eine linkshemisphärisch-verzickte Stimme zu Wort, die mir zuraunte, das sei nun aber doch irgendwie ein Tick zu sentimental und naiv. Ich glaube, das war eine sehr deutsche Reaktion von mir gewesen.) "...als einen Menschen - egal, was er macht und wie er sein Geld verdient. Viele Deutsche erziehen ihre Kinder dazu, etwas Besseres als andere Menschen zu werden", ergänzte sie. "Werden zu wollen", wurde sie von ihrem Mann korrigiert.
Die Deutschen seien kompliziert, resümierte der Spanier, "sie verachten den Beruf Putzfrau, wollen aber ihre Verachtung verbergen. Also denken sie sich ein neues, umständliches Wort aus, hinter dem sie ihre Verachtung verstecken können. Was die sich alles für neue Wörter ausdenken!", lachte er, "dabei wäre es doch so einfach: Wenn sie die Putzfrauen nicht verachten würden, bräuchten sie auch kein neues Wort." Darüber musste ich auch lachen und sagte ihm, das klänge viel zu unkompliziert, um wahr zu sein. "Siehste", grinste der Hausmeister ('siehste' ist eins seiner deutschen Lieblingswörter), "nur ein Deutscher kann über etwas Unkompliziertes sagen, es sei zu unkompliziert." Das saß. Ich seufzte und wäre gern eine unkomplizierte Spanierin gewesen.
"Ach," dachte ich laut, "warum machen wir Deutschen uns das Leben so schwer?" Da fing der Spanier wieder an, spöttisch zu grinsen und gab zurück: "Was fragst du mich das? Ich denke, du hast studiert?"
Ts.