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Samstag, 10. August 2013

Rassistengulasch


Ein Lichtblick.

Unter der mutmachenden Parole "Rassisten aller Länder zerfleischt euch" wurde der griechische Neonazi Ilias Kasidiaris (Golden Dawn) einem strengen racial profiling unterzogen. Von wem? Von der amerikanischen Neonazigruppierung Stormfront. Deren Erkenntnisfrage lautete: Ist Kasidiaris wirklich ein Weißer?

Befund des Persönlichkeitsprofils nach rassischen Kriterien: vernichtend - eine bastardisierte Mischung aus allem möglichem, jedenfalls kein reinblütiger Weißer und damit komplett unten durch.
Ist er ein weißer Europäer?
Er hat eine gewisse afrikanische Beimischung.
Er scheint keine typisch griechischen oder europäischen Merkmale zu haben.
Er sieht eher aus wie ein hellhäutiger brasilianischer Mulatte.
Er sieht aus, als ob er einiges negroides Blut in sich trägt.
Er könnte einen Zigeuner oder Türken im Stammbaum haben.
Er ginge als afrikanischer Berber durch.
Er sieht nordafrikanisch aus.
Ich würde nicht wollen, dass einer mit so einem Aussehen irgendeine Frau aus meiner Familie heiratet.
Ein vernichtender Befund für einen wie Kastidiaris, der Menschen aus den zitierten Ländern gern als "Untermenschen" bezeichnet und großen Wert auf die Feststellung legt, dass "griechischem Blut klar zu unterscheidende Qualitäten" innewohnen.

Es besteht Hoffnung. Solange der Verfolgungswahn, unter dem Rassisten aller Couleur schwer zu leiden haben, im eigenen Stall ausgelebt wird, ist noch nicht alles verloren.

Bitte weiter so.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Excuse us, please


Ist ja heute der vierte Juli, 
also der Nationalfeiertag in Amerika, 
wird ganz groß gefeiert mit Feuerwerk und Böllern und Grillen 
und sich gegenseitig Happydingsbumswünschen 
undsoweiterundsofort,
und da ich ziemlich viele amerikanische Blogs lese,
ging heute ein Feuerwerk 
an Happydingsbumswünschen über mich herab,
viele lustige, zynische, sarkastische
undsoweiterundsofort,
aber der beste, der wirklich allerbeste
war der hier:

"a happy independence day to all our (u.s.) readers!*"


"*...and our sincere apologies to the rest of the globe."

Es gibt so eine sublime Spielart amerikanischen Humors,
der ich nicht widerstehen kann
und die ich einfach liebe.


Mittwoch, 27. Februar 2013

Deutsch, aber peinlich


Langsam wird es peinlich. Das war es zwar schon die ganze Zeit, aber jetzt, wo sie mal eben den Prügelknaben ausgewechselt haben, übersteigt es die Schmerzgrenze und ist kaum mehr zum Aushalten. War es bisher der faule, verantwortungslose Grieche, so muss inzwischen - der Wahlkampf naht, da legen die Deutschen so lustvoll wie zwanghaft noch eine Schippe drauf - der dumme, verantwortungslose Italiener herhalten.

Ein Anschiss jagt den nächsten. Es wird gerüffelt und gekrittelt, streng zurechtgewiesen und missbilligend Mores gelehrt, geschmäht, gedisst und mit Dreck geworfen - kurzum: Die deutschen Politiker samt Mediengefolge sind mal wieder in ihrem urbehaglichen Element, hauen auf die Standpauke und lassen es mit ohrenbetäubendem Gekeife krachen, auf dass den nichtsnutzigen, dummen, verantwortungslosen Südländern Hören und Sehen vergehe. In die Ecke mit euch, ihr Vollidioten jenseits der Alpen!

Die Schlagzeile
Italien weigert sich kindisch, die Realität anzuerkennen 
bringt - außer der Vorliebe der Deutschen für schulmeisterliches Zeigefingerwackeln - auch deren besorgniserregenden Realitätsverlust auf den Punkt. Immerhin scheint Italien das erste Land Europas zu sein, dessen Wahlbürger mit einem unmissverständlichen Vaffanculo zum Ausdruck bringen, dass sie das, was die angeblich alternativlose Realität (Wie, Austerität funktioniert nicht? Das beweist, es war zu wenig! Dann braucht ihr noch mehr davon!) von ihnen abverlangt, für unrealistisch halten. Kindisch? Kindisch ist allenfalls die starrsinnige deutsche Weigerung, die Dysfunktionalität dieser Realität anzuerkennen; und am allerkindischsten dieses trotzige, auftrumpfende Aufstampfen, dieser tobsuchtsanfallartige, reflexhafte Koller des autoritären Anschnauzens aller, die dem teutonischen Diktat sich zu beugen nicht bereit sind.
Die Italiener sind unfähig und unwillig, das tiefe Ausmaß ihrer wirtschaftlichen Misere zu begreifen, wird von deutschen Medienkommentatoren geltend gemacht.
- und die Deutschen brillieren in ihrer Unfähigkeit und ihrem fehlenden Willen zu begreifen, dass die Rechnung mit der Zwangsjacke 'Austerität auf Teufel komm raus' nicht aufgeht, obwohl es immer mehr Spatzen von den Dächern pfeifen. Die Rechnung - weiß der führende deutsche Medienkommentator -  geht natürlich nur deshalb nicht auf, weil die unfähigen, dummen Italiener den Spielverderber geben, weshalb das besagte Medium bereits gestern die bange Frage stellte:
"Machen sie jetzt unseren Euro kaputt?" 
Mal abgesehen davon, dass es immer wieder bereichernd sein kann, über das alte Thema Macht kaputt, was euch kaputt macht zu reflektieren, dürfte der chauvinistische Gebrauch des Pronomens "unseren" (vor "Euro") aus deutschem Mund bei den dummen Italienern so richtig gut ankommen und den vielbeschworenen europäischen Zusammenhalt auf eine weitere harte Probe stellen.

Man könnte das kollektive, dem Griechen-Mobbing auf dem Fuße folgende Italiener-Bashing auch einfach ignorieren, wenn es nur nicht so entsetzlich peinlich wäre. Und immer peinlicher wird es, weil es immer pathologischere Züge annimmt. Weil die notorisch deutsche Lust an der Strafpredigt, am Abkanzeln, Abwerten und Diffamieren der widerborstigen Südeuropäer nicht zuletzt auf schwere uneingestandene Störungen im deutschen Selbstbild hinweist. Weil - so viel Psychologie muss sein - hinter diesem schlecht inszenierten operettigen Donnerwetter, hinter jeder dieser selbstgerechten Hetztiraden ein kümmerliches, verkümmertes Selbstwertgefühl lauert, das sich mit so hochfahrender wie herablassender Rhetorik aufpumpt und zu seiner notdürftigen Stabilisierung des verbalen lynch mobs bedarf.

Und weil das alles irgendwie, irgendwann schon mal dagewesen ist.
Peinlichkeit, nimm deinen Lauf.

Montag, 18. Februar 2013

Globalisiertes Gelächter


Echte Globalisierung ist, wenn chinesische Medien über die schlechte Behandlung von Wander- und Saisonarbeitern in Deutschland ("Foxconn in Bad Hersfeld") berichten, nachdem in deutschen Medien kein gutes Haar an der schlechten Behandlung von Wander- und Saisonarbeitern in China (Foxconn, das Original) gelassen wurde.

Echte Ironie ist, wenn ein deutscher Kommentator es ironisch findet, ausgerechnet in chinesischen Medien über die schlechte Behandlung von Wander- und Saisonarbeitern in Deutschland lesen zu müssen.

Echter Humor ist, wenn ein chinesischer Kommentator sich über den deutschen Kommentator totlacht.

Echt zum Davonlaufen wird's, wenn alles so weiterläuft und uns demnächst, global gesehen, das Lachen vergehen wird.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Ihre Zeit ist im Kommen


"Letzte Nacht, draußen vor dem Theater, es war wie Kristallnacht, wissen Sie, während des Dritten Reiches in Deutschland."
Sagt Laertis Vasiliou, der Athener Theaterdirektor des Stückes Corpus Christi, dessen Premiere am Vorabend gewaltsam verhindert wurde von einem Schlägertrupp der faschistischen Golden Dawn Partei.
Die Partei warnte,
"...wann immer religiöse Gefühle und die kollektive Geschichte von Griechen beleidigt werden, wird Golden Dawn dynamisch reagieren."
Was heißt "dynamisch reagieren"? Dynamisch reagieren heißt, Zuschauer und Journalisten auf offener Straße zu verprügeln und zu bedrohen, sie als "Tunten" und "Arschfresser" zu beschimpfen, die Schauspieler im Theater einzusperren und sie zum Absetzen des Theaterstückes zu zwingen.

Dynamisches Reagieren heißt ferner, sich das undynamische Reagieren der griechischen Polizei zunutze zu machen: Die Polizisten (mehrheitlich dynamische GD-Wähler bzw. -Unterstützer) standen herum, ohne einzugreifen; ohne die geringste Absicht, dem von Golden Dawn aufgeführten faschistischen Theaterstück Einhalt zu gebieten.


Manolis V., ein Blogger des Athener Stadtmagazins Lifo, erinnert sich:
"Ich habe ihnen gesagt, dass ich für Lifo schreibe und dachte, das würde mich schützen. Stattdessen brüllten sie, 'Diese Tunte arbeitet für Lifo, kommt und seht euch diese Tunte an.' Sie haben sich um mich herum zusammengerottet, fingen an mich zu beschimpfen, zogen an meinem Bart und einer der Golden Dawn Parlamentarier spuckte mir ins Gesicht. Ich schaffte es wegzulaufen und sie schrien mir nach, 'jetzt rennst du weg, du Tunte, du Arschfresser', und dann kommt dieser andere Golden Dawn Parlamentarier zu mir rüber und schlägt mir mit der Faust ins Gesicht. 'Heul doch, du kleines Mädchen,' sagte er, 'heul, du Tunte'. Ich stürzte auf den Bordstein und er trat nach mir. Meine Brille war weg. Ich rief 'Polizei, Polizei, Hilfe, sie schlagen mich zusammen,' und die Polizisten drehten mir den Rücken zu und taten, als ob sie nichts sähen. Als ich mich davonschleppte, warf einer von ihnen mir eine Kusshand hinterher."
Manolis ergänzt, er habe zu große Angst, Anzeige gegen die Polizei zu erstatten; weil, so sagt er, einer der Schläger ein "stadtbekannter Golden Dawn Parlamentarier" sei. Angst sei es auch, die ihn veranlasst habe, sein Facebookprofil zu schließen.

Am nächsten Abend steht Laertis, der Theaterdirektor, übernächtigt vor seinem Theater. Er schläft kaum noch, jedenfalls nicht in seinem eigenen Bett, aus Furcht vor weiteren Angriffen. Er lebt versteckt bei Freunden in anderen Teilen der Stadt.
"Ich wurde bedroht. Mein Leben wurde bedroht, meine Familie wurde bedroht, meine Eltern wurden bedroht, ich werde am Telefon bedroht. Vor 20 Jahren kam ich von Albanien nach Griechenland, und Albanien war das größte Horrorregime des gesamten Ostblocks, ein totalitäres Regime, aber noch nicht mal sie brachten es fertig, ein Theater zu schließen. Letzte Nacht schrien sie meinen Namen, 'du abgefuckter Albanier, komm raus und wir werden dich bei lebendigem Leib verbrennen. Wir werden dir den Kopf abschneiden. Wir werden dich in Stücke schneiden, du abgefuckter Albanier. Wir stecken dir einen Stock hinten rein, bis er zum Mund wieder rauskommt und hängen dich draußen vor dem Theater auf, damit die ganze Welt dich sehen kann.' Ja, ich fühle mich bedroht. Würden Sie sich nicht bedroht fühlen?"
An diesem Abend (12. Oktober) kommt das Stück Corpus Christi vor vollbesetztem Haus zur Aufführung - zum ersten und zum letzten Mal. Wegen der fortgesetzten Drohungen seitens Golden Dawn fürchten die Darsteller um ihr Leben und ziehen es vor, aufzugeben. Würden Sie sich nicht bedroht fühlen?

Würden Sie sich nicht bedroht fühlen, wenn ein Golden Dawn Parlamentarier namens Panagiotaros auf offener Straße und unter Polizeischutz seinen rassistischen, homophoben Vollrausch lautstark und ungehindert austobt (Übersetzung hier) und den Schauspielern entgegenbrüllt, "Eure Zeit wird kommen!"?

Würden Sie sich nicht bedroht fühlen, wenn ein verhaftetes Golden Dawn Mitglied von einem seiner dynamischen Kumpel direkt aus dem Polizeiwagen wieder 'befreit' wird, mit bloßen Händen und ohne jegliche dynamische Gegenreaktion der Polizei?

Würden Sie sich nicht bedroht fühlen, wenn Sie hören, was ein von Golden Dawn zusammengeschlagener Journalist zu sagen hat?
"Ich denke, in diesem Land gibt es kein Gesetz mehr. Jeder hier hat entweder Angst vor Golden Dawn oder steckt mit ihnen unter einer Decke, und du kannst beide nicht auseinanderhalten."
Würden Sie sich nicht bedroht fühlen, wenn Sie in einem europäischen Land leben, wo es 1938 eine Kristallnacht gab?

Fühlen Sie sich nicht bedroht, wenn im Jahr 2012 in einem anderen europäischen Land die Faschisten dabei sind, den Übergang von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung öffentlich zu zelebrieren?

Fühlen Sie sich nicht bedroht von dem dröhnenden Schweigen? Jenem Schweigen, das ein Land - das mit der Kristallnacht - übrig hat für ein anderes Land, in dem öffentliche Verfolgungsjagden auf Andersdenkende und Andershäutige allmählich zur Tagesordnung gehören?

Keine Ahnung, wie Sie sich fühlen. Ich fühle mich bedroht.

Quellen:
Greek Left Review
Keep Talking Greece
Ekathimerini

Dienstag, 28. August 2012

Sumpfblüten aus Amsterdam


Nein, keine Tulpen, auch kein Falschgeld, vielmehr blühender Blödsinn, gepflückt in Amsterdam, wo "viele niederländische Bürger entsetzt mitansehen, dass Länder an der Peripherie Europas ihre Finanzen herunterwirtschaften und riesige Rettungspakete erhalten":
"Echt, ich habe die Nase voll von dieser Regierung, die unsere Steuergelder an diese korrupten Griechen verschenkt," sagte der Besitzer eines Haustiergeschäftes in Amsterdam, der namentlich nicht genannt werden wollte, weil er einen Teil seines Einkommens dem Finanzamt verschweigt.
Korrupte, faule, steuerhinterziehende Griechen unterstützen? Wäre ja noch schöner! Nicht mit sauer verdienten holländischen Steuergeldern!
"Aus dem Grund akzeptiere ich in meinem Laden nur Barbezahlung. Weil ich nicht will, dass die mit meinem Geld finanziert werden, erst recht nicht, wenn sie die Renten und die Gesundheitsversorgung kürzen."
Offen ließ der Haustierhändler, ob er mit "sie" die holländische oder die griechische Regierung meinte. Ist ja auch egal, eigentlich. Wie ähnlich sich doch die Völker Europas sind.

Nur schade, dass sie es nicht merken.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Wir sind wieder wer


Diese Woche auf dem Bailout-Menü: die Zyperpartie (nicht zu verwechseln mit Frankraus und den benachbarten Niederlagen). Ein "Hilfsantrag" wurde am Montag gestellt.
Experten der Europäischen Union werden nächste Woche nach Zypern reisen, um die Finanzen der Insel unter die Lupe zu nehmen.
Business as usual, wir wissen Bescheid. Erwartungsgemäß bombardiert die Presse den zyprischen Präsidenten, wie er sich das denn so vorstelle mit dem Geld. Feingefühl bleibt dabei erwartungsgemäß außen vor:
Auf die Frage, ob Zypern zum Verkauf stehe, reagierte der Präsident Demetris Christouflas gereizt. Dem sei nicht so. Die Zyprioten hätten ihre Ehre. Derartige Fragen verbiete er sich.
Was ziert er sich denn so? Man wird doch wohl mal fragen dürfen, gern auch ein bisserl provokant? Überhaupt, wer hat ihn das eigentlich gefragt? Wir erfahren es nicht, zumindest nicht auf der deutschsprachigen Seite von euronews, die sich ziert, Namen und Herkunft jenes gezielt provozierenden Fragestellers zu nennen, der sich, im Vollbesitz seines Herrenmenschenbewusstseins, im Recht wähnt, auf Kosten anderer, notleidender Länder zu spötteln.

Wir schauen das dem deutschen Artikel beigefügte Video der Szene an und denken, nanu, der Akzent der mikrofonhaltenden Fragequälgeister kommt uns doch bekannt vor? Es wird doch nicht schon wieder...?

Doch, schon wieder die Deutschen. Wir klicken auf die englischsprachige Seite von euronews und erfahren, dass es ein deutscher Journalist war, der es witzig fand, sich über das Land lustig zu machen und dem zyprischen Präsidenten vor laufender Kamera eine gehässige Breitseite reinzudonnern. Einer vom ZDF, öffentlich-rechtlich abgesichert - mein Gott, nun seid doch nicht so empfindlich da unten am Mittelmeer, alle Welt behauptet, wir Deutschen hätten keinen Humor, dabei ist es halt nur ein ganz spezieller Humor, den wir Deutschen haben, nicht wahr?

Und kommt uns bloß nicht mit eurer "Würde" oder "Ehre". Davon verstehen wir nichts, solange es nicht unsere eigene ist. Dafür haben wir Humor! Und, noch wichtiger: Geld! Und das wollt ihr doch haben, unser Geld, oder? Na also. Entweder Geld oder Würde, da dürft ihr nicht wählerisch sein.

Wobei uns Herrenmenschen vom ZDF natürlich lieber gewesen wäre, die englischsprachigen Euronews hätte unsere Nationalität nicht so unsensibel geoutet. Herrgottnochmal, jetzt heißt es wieder überall 'die Deutschen'! Hört das denn nie auf? Wir haben doch auch unsere Ehre! Die lassen wir von Euronews nicht mit Füßen treten! Deutsche, schaut nicht Euronews, und wenn, dann allenfalls die deutschsprachige Seite! Ehre, wem Ehre gebührt! Also dem, der das Geld hat.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Die feinen Unterschiede


Kurzer Zwischenstand zum aktuellen krisengeografischen Status
'Who is not Who?':
Spanien ist nicht Griechenland.
(Elena Salgado, spanische Finanzministerin, Februar 2010)

Portugal ist nicht Griechenland.
(The Economist, 22. April 2010)

Irland ist nicht auf griechischem Territorium.
(Brian Lenihan, irischer Finanzminister)

Griechenland ist nicht Irland.
(George Papaconstantinou, griechischer Finanzminister,
8. November 2010)

Spanien ist weder Irland noch Portugal.
(Elena Salgado, spanische Finanzministerin,
16. November 2010)

Weder Spanien noch Portugal ist Irland.
(Angel Gurria, Generalsekretär der OECD, 18. November 2010)

Spanien ist nicht Uganda.
(Rajoy, spanischer Ministerpräsident, zu de Guindos, spanischer Finanzminister, vor ca. zwei Wochen)

Uganda ist nicht Spanien.

Frankreich ist kein südeuropäisches Land.
(Francois Hollande, französischer Präsident, neulich mal)

Deutschland ist nicht Europa.
(Volksmund) (Merkel: doch!)

Europa ist nicht Amerika.
(José Barroso, Präsident der Europäischen Kommission,
18. Juni 2012 in Los Cabos, Mexiko)

Amerika ist nicht Europa.
(Barack Obama, amerikanischer Präsident,
18. Juni 2012 in Los Cabos, Mexiko)

Amerika ist nicht Griechenland.
(Forbes, 30.5.2012)
Weil das letztgenannte Statement dringend einer zeitgemäßen Auffrischung bedurfte, freuen wir uns über den aktuellen Neuzugang im nach oben offenen Dummschwätz-Ranking, abgeliefert von Paul Krugman (am Nobelpreis schwer tragender Ökonom) gestern abend in der Satireshow 'The Colbert Report':
Irland ist Amerikas Zukunft, falls Romney (Republikaner) Präsident wird.
Was Amerikas Zukunft unter Obama (am Friedensnobelpreis schwer tragender Präsident) ist (vermutlich ein Land, in dem Milch und Honig fließen), stand ebensowenig zur Disposition wie die Frage, ob Amerika überhaupt eine Zukunft hat.

Das folgende gebetsmühlenhaft verabreichte Mantra:
Eine Rezession ist keine Depression.
- gilt inzwischen als alter Hut und reißt keinen mehr vom Hocker, musste daher (von Krugman) dringend aufpoliert werden mit der feinstofflichen Klarstellung:
Eine Rezession ist, wenn alles den Bach runter geht, wogegen eine Depression ist, wenn alles den Bach runtergegangen ist.
- was nahtlos anschließt an die neuerdings, von Politikern wie Ökonomen gern ausgeschwitzte Beschwörungsformel:
2012 ist nicht 1930.
Damit ist endlich alles ausgesprochen, was es abzustreiten gilt, wäre da nicht die jüngste Auslassung, die dem Fass den Boden ausschlägt:
Europa ist keine Union.
(Grabsteininschrift unbekannter Provenienz)
- weil, sonst würden sich ja die meisten der vorab genannten Statements erübrigen.

Übrigens,
Deutschland ist weder Griechenland noch Portugal noch Irland noch Spanien noch Italien noch Frankreich.
(Merkelschäublescholzwesterwelleundalleanderen)
- ist in etwa so aussagekräftig wie:
Fukushima ist nicht Tschernobyl.
- und darum für das Dummschwätz-Ranking noch nicht mal nominiert.

Jetzt, wo wir erschöpfend darüber Bescheid wissen, wer was nicht ist - könnte vielleicht jeder von denen mal Auskunft geben, was genau er eigentlich ist?
Könnten wir uns darauf einigen?

Mittwoch, 13. Juni 2012

Cold Turkey


Quitaly. Irres Wort. Könnte sich um ein exotisches Rezept für Quittenmarmelade handeln. Ist aber keine Quittenmarmelade, sondern eine dieser neumodischen Wortschöpfungen in Zeiten des Krisen-Crashs und der finanzpolitischen Massen-Bailout-Karambolage im sehr unfriedlich vereinten Europa.

Auf 'Karambolage' komme ich jetzt auch nur deshalb, weil ich gelesen habe, dass die Bailout-Injektion, mit der Spaniens zockersüchtigen Banken gerade ein Schuss gesetzt wurde, aus einem Fonds stammt, in den unter anderem auch Italien einzahlt. Und dass Italien sich zu etwa 22 Prozent an der Dröhnung für die spanischen Finanzjunkies beteiligt. Und dass, zu diesem edlen Zweck, Italien für sechs Prozent Zinsen Kredite aufnehmen muss, um die Zombie-Knete dann zu drei Prozent Zinsen an oder in seinen spanischen Nachbarn zu pumpen. Irre, oder? Auf jeden Fall karambolös. Wo doch Italien selbst gerade haarscharf der Klippe entgegenschrammt und deshalb nach der Nadel jiepern wird. Quitaly also.

Mit Grexit hat alles angefangen. 'Gr' wie Griechenland und 'exit' wie...na ja, eh klar. Jetzt also Quitaly. 'Italy' wie Italien und 'quit' wie exit. Davor stand Spexit als Trendwort hoch im Kurs, wurde aber aufgrund der aktuell ansteigenden Dröhnungskurve herabgestuft und musste dem griffigen Spailout weichen, dessen Stern allerdings bereits wieder im Sinken ist, weshalb sich nun Spanic breitmacht. Neue Nachrichten kommen aus dem Norden, nämlich aus Finnland; da wird von einem Fixit gemunkelt. Vom Wortstamm unklar ist dabei, ob finnische Banken angefixt werden sollen oder die Finnen keine Lust mehr haben, anderer Leute Banken bis zur Schädeldecke zuzufixen oder ob sie einfach von der ganzen Euro-Fixerhöhle die Schnauze voll haben und deshalb 'Fi' wie Finnland und 'xit' wie exit.

Grexit. Spexit. Quitaly. Fixit. War noch irgendwas? Kommt bald Fraxit? Und dann? Was kommt nach Fraxit?

Yeah. Fuxxit.

Uganda strikes back



Den jüngsten spanischen Griff in den rassistischen Eimer (Ministerpräsident Rajoy: "Spanien ist nicht Uganda") wollen die Ugander nicht auf sich sitzen lassen.

Eine Bloggerin aus Uganda rief flugs einen Twitter hashtag #Ugandaisnotspain (via Al Jazeera) ins Leben, wo sich (nicht nur) ugandische Twitterer über den Lapsus teils amüsieren, teils sarkastisch wundern, welche kolonialistischen Hangovers "die sogenannte zivilisierte Erste Welt" eigentlich mit sich herumschleppt? Und ob den ehemaligen Kolonisatoren entgangen sei, dass immer mehr spanische Jugendliche auf Jobsuche (Jugendarbeitslosigkeit in Spanien: über 50 Prozent) in ehemalige spanische Kolonialgebiete auswandern? Und in puncto Nationalstolz: "Lieber Bananenrepublik als am Bailout-Tropf hängen!"

Und wer glaubt, die Leute in Uganda seien humorlos, der war schon lange nicht mehr in seinem Keller zum Lachen: "No bailout for Spain from Uganda!"

Man darf schon jetzt gespannt sein auf die Retourkutsche aus einem anderen afrikanischen Land, sollte die spanische Regierung demnächst auf die Idee kommen zu behaupten: Spanien ist nicht Zimbabwe.

Freitag, 14. Oktober 2011

Wie, morgen? Heute!


Die Italiener. Können's mal wieder nicht abwarten.


Alle Welt wartet brav und geduldig bis zum 15. Oktober, also morgen, um endlich ordentlich Dampf zu machen. Nicht so die Italiener. Nach dem Motto: Verschiebe nie etwas auf morgen, was du heute kannst besorgen - stürmten sie bereits am 14. los.

Die Straßen Mailands waren voll. Also, voll, wirklich zum Bersten voll. Die jungen Italiener - überwiegend Studenten - zeigen, wie's geht. Moment mal, worum geht's eigentlich? Es soll ja immer noch Leute geben, die angesichts weltweiter Proteste solche Fragen stellen. Also, nochmal ganz langsam: Es geht immer wieder ums Gleiche - korrupte Regierungen, kriminell agierende Finanzmärkte, daraus resultierend: Verschlechterung der Lebensqualität, wachsende Arbeitslosigkeit, steigende Armut, fehlende Perspektiven.

Stürmten also los, die Italiener, und steuerten zielsicher die großen Banken Mailands an. Eine nach der anderen. Auch Ratingagenturen blieben nicht verschont. Höhepunkt der temperamentvollen Prozession: Der Berlusconi-Konzern Fininvest. Der Zugang zum Gebäude wurde kurzerhand blockiert, um Erlaubnis gefragt wurde niemand, und dann alle so: "Berlusconi, Mafia-Dieb!" sowie - freihändig von mir aus dem Italienischen erraten - : "Mach dich endlich vom Acker!"

Das Video zeigt eine erschreckende Menge durch die Luft fliegender Wurfgeschosse, genauer: verfaultes Obst und Gemüse - also nicht exakt das, was man unter einem gewaltfreien Protest versteht, aber nun ja, so sind sie halt, die Italiener, wer will es ihnen verdenken, können halt auch nicht über ihren Schatten. Und weil das so ist, haben sie bei einigen Banken gleich noch ein paar (volle) Müllbehälter zur offenen Eingangstür reingeworfen. Typisch italienisch eben.

Ich meine, wenn das heute der Auftakt war, was werden die dann erst morgen, am 15., veranstalten? Und am Sonntag? Und nächste Woche? Und danach? Und dann? Man mag es sich gar nicht ausmalen.

Beim dritten Anschauen des Videos habe ich mich irritiert gefragt, was eigentlich die Italiener haben, was andere nicht haben? Ist das womöglich etwas Genetisches oder irgend so etwas Soziokulturelles, Sozialpsychologisches oder ähnlich Komplexes? Auch andere haben sich das gefragt. In den englischen Kommentaren bei Zerohedge fand ich eine einleuchtende Antwort:


Ecco! Kann das jemand angemessen ins Deutsche übersetzen?

Update: Wieder was gelernt. Il Blitz ist italienisch und heißt übersetzt Flashmob. Bei jener Bank, die den Müllbehälter zur Tür hereingeflasht bekam, handelte es sich um Goldman Sachs. Warum gerade Goldman Sachs (Video) mit Müll überschüttet wurde? "Goldman Sachs has the courage to face the future without young people!" riefen die jugendlichen Blitze. Morgen wird es donnern.

Mittwoch, 7. September 2011

Bewegung


Eine halbe Million Menschen


waren am Samstagabend in Israel auf den Beinen.

Die Massenbewegung nennt sich '14. Juli', seit am 14. Juli 2011 im exklusiven Zentrum Tel Avivs das erste Zelt einer noch kleinen Gruppe protestierender Bürger aufgeschlagen worden war. Sieben Wochen später ist eine halbe Million wacher Menschen mit viel Temperament und Engagement gegen die herrschende Politik in Israel unterwegs.
"Diesen Sommer sind wir aufgewacht. Denkt nicht, wir werden mit geschlossenen Augen so weitermachen wie bisher!

Unsere Bewegung wird wachsen, bis sie die Mauer des Schweigens durchbrochen hat, hinter der sich unsere Regierung verschanzt - so lange, bis sie unseren Forderungen nachgibt."
Welche Forderungen?
"Wir fordern schlaflose Nächte, in denen die Regierung wegen uns kein Auge mehr zutun kann."
Bestimmt schreit inmitten der allgemeinen deutschen Friedhofsruhe schon wieder jemand:
'Ja und? Das ist doch keine Forderung! Das ist doch kein Programm! Das ist doch keine Zielsetzung! Was wollen die denn erreichen? Wie wollen die denn etwas erreichen ohne Programm, ohne Zielsetzung? Ist doch völlig unpolitisch! Wie wollen die je erfolgreich sein?'
"Allein die Tatsache, dass unser Protest in der Öffentlichkeit sichtbar wird, ist schon ein Erfolg.

Allein die Tatsache, dass sie jetzt zweimal nachdenken, bevor sie irgendeinen Sozialbereich zusammenkürzen, ist schon ein Erfolg."
Und allein die Tatsache, dass Hunderttausende Menschen zusammenkommen, um nachzudenken, sich zuzuhören, miteinander zu sprechen und zu beschließen, ihre Angelegenheiten in die eigene Hand zu nehmen, ist ein Riesenerfolg, ist politisch, ist Veränderung.

Für viele Menschen in Mitteleuropa scheint der Open-end-Charakter dieser neuen politischen Bewegungen schwer erträglich zu sein; dass die einfach loslegen - und dann eben schauen, wie es weitergeht und was sich daraus entwickelt. Rund ums Mittelmeer haben sie damit offenbar weniger Probleme: Dort verstehen sie unter 'Bewegung', dass sich etwas bewegt. Nach Jahrzehnten der Friedhofsruhe.
"Das hat es vorher nicht gegeben!

Der Protest ist ein Prozess.

Diese Nation muss sich dringend an Protest gewöhnen."
Ein denkwürdiger Satz. Diese Nation, dieses Land, diese Regierung, wir - wir heißt alle - müssen uns dringend an Protest gewöhnen. Danach schauen wir weiter.

Noch Fragen?
"We have to understand this is the beginning of something."

Samstag, 3. September 2011

Grund zum Feiern


Der Labor Day naht. Am 5. September 2011 wird der amerikanische Tag der Arbeit gefeiert. Es gibt Grund zu feiern: Soeben wurde der amerikanische Job Report für den Monat August veröffentlicht mit dem sagenhaften Ergebnis: null Wachstum auf dem Arbeitsmarkt! Und das bei einer offiziellen Arbeitslosenquote von über 9 Prozent (nach Tilgung aller offiziellen Zahlenschönfärberei mindestens 22 Prozent).

Natürlich ließe sich jetzt fragen: Wozu bedarf es eines Labor Day, wenn eh immer weniger eine Arbeit haben? Was gibt es da zu feiern? Das Fehlen von Arbeitsplätzen? Happy Lack-of-Labor-Day, folks!

Ist jetzt aber wieder mal viel zu negativ gedacht. Bestimmt lässt sich in den nächsten Tagen irgendein prominenter Politiker - zum Beispiel Präsident Obama, der am 7. September eine Rede zur Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt halten wird - feiern dafür, dass die vernichtenden Zahlen des Job Reports ja noch viel vernichtender sein könnten, hätte die Politik nicht alles in ihrer Macht Stehende getan, um ebendies zu verhindern. Oder so. Solange wir warten auf die übliche Preisverleihung für denjenigen, der zu den schlechten Job-Report-Zahlen den besten Spin abliefert - hey, spätestens dann gibt's was zu feiern! -, schauen wir uns ein wenig um.

Schließlich gibt es Labor Days oder Tage der Arbeit rund um den Globus; muss ja so sein, auf einem globalisierten Arbeitsmarkt. Also fragen wir: Wie wird der Labor Day anderswo gefeiert? Ich meine, richtig gefeiert, nicht bloß missmutig wie auf einer low-budget-Grillparty bei arbeitslosen Amerikanern, wo man sich schon denken kann, wen sie statt des Hacksteaks am liebsten auf den Grill legen würden? Wer hat denn wirklich Grund zum Feiern?

Gesucht, gefunden:
Der Labor Day, einst der innigst geliebte und ausgiebigst gefeierte Feiertag Amerikas, wurde - wie von offizieller US-Seite bestätigt - nach China ausgelagert.
Wow. Labor-Day-Outsourcing? Nach China? Tatsächlich:
Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte kommt es mit der Verlegung des Labor Day nach China zu einem kompletten Outsourcing eines Feiertags, berichten Experten.
Auf den ersten Blick eine erschütternde Nachricht, auf den zweiten jedoch durchaus logisch, dass infolge des Outsourcing von Millionen Arbeitsplätzen auch der entsprechende Feiertag nach Fernost ausgelagert wird. Was sagen die Amerikaner dazu? Denen falle dazu nicht viel ein, meint ein Universitätsprofessor in Minnesota, USA, mit Forschungsschwerpunkt auf den Feiertraditionen des Labor Day. Der gelehrige Prof wird so zitiert:
"Es ist gut vorstellbar, dass es den Amerikanern immer schwerer fällt, sich überhaupt daran zu erinnern, was Arbeit eigentlich ist."
Ein befragter US-Bürger bestätigt die akademische These, indem er aus dem arbeitslosen Nähkästchen plaudert: Früher, sagt er, habe er sich jedes Jahr auf den Labor Day gefreut. Aber, fährt er fort, um ehrlich zu sein, einen arbeitsfreien Tag zu haben sei heutzutage nicht mehr so etwas Besonderes wie in vergangenen Zeiten.

Trotzdem lässt der Befragte sich den sprichwörtlich-unverwüstlichen amerikanischen Optimismus nicht nehmen. Klar seien Labor-Day-Grillparties in China ohne amerikanische Beteiligung gewöhnungsbedürftig, jedoch:
"Vielleicht werden wir Amerikaner ja eines Tages in der Lage sein, den Chinesen die illegalen Feuerwerkskörper zum Feiern zu liefern."

Offenbar macht das Beispiel nach Asien ausgelagerter US-Feiertage allmählich Schule: Zwischenzeitlich ist von offizieller Seite zu erfahren, es sei "immer wahrscheinlicher", dass der populäre Thanksgiving Day (eine Art amerikanisches Erntedankfest) ebenfalls dem Outsourcing zum Opfer fallen werde. Wie, auch nach China? Nein, nach Indien.

Update:


(Kam grade frisch rein: cookout bei truthout)

Mittwoch, 13. Juli 2011

Phrasendreschbankrotterklärung


Es geht Schlag auf Schlag, und jeder Schlag ist ein Schlag aus der Phrasendreschmaschine, auf dass die Phrase bei jedem Schlag noch platter und bei jeder Wiederholung noch lächerlicher wird.

Angefangen hat die ganze Drescherei mit "Irland ist nicht Griechenland", zumindest nach der Zeitrechnung dieses Blogs. Seinerzeit wurde von der irischen Regierung die T-Shirt-Phrasendreschdruckmaschine angeworfen, und seither wird gedroschen, was das Stroh hält. Nun darf seit spätestens heute das irische Phrasen-T-Shirt als ziemlich ausgeleiert gelten, denn Irland wurde in denselben Mülleiner ("junk rating") geworfen wie Griechenland und Portugal, weshalb das irische Phrasen-T-Shirt nur noch für einen müden Lacher gut ist.

Heute schreit es von überall "Griechenland ist nicht Irland", während es die letzten Tage verdächtig oft hieß "Griechenland ist nicht Argentinien", was - in penetranter Wiederholung - uns lehrt, dass Griechenland schlimmer ist als Argentinien, jedenfalls schlimmer als Argentinien mal war, aber durchaus Argentinien sein könnte, in naher oder ferner Zukunft. Denn im Zeitalter des finanzkapitalistischen Spins ist man ja inzwischen gut konditioniert, bei jedem öffentlich gekrähten "X ist nicht Y" die Sprechblasenaussage unverzüglich ins Gegenteil zu verkehren, und schon weiß man, dass man so ungefähr richtig liegt.

Vor wenigen Tagen erst haben sie Italien in die Tonne getreten, heute heißt es "Italien ist nicht Griechenland", weil es seit heute in Finanzkreisen auf einmal schick ist, Italien zu loben über den grünen Klee, zumindest über Griechenland, weshalb es jedermann einzuleuchten hat, dass "Italien nicht Griechenland ist", ganz einfach deshalb, weil Italien nicht Griechenland sein kann und deshalb auch nicht sein darf.

"Spanien ist nicht Italien", eh klar, spielt ja besser Fußball, aber erst umgekehrt wird ein Schuh draus, "Italien ist nicht Spanien", versteht sich, schließlich hat der spanische Finanzminister heute für 2012 noch tiefere Ausgabenschnitte verkündet als die ohnehin schon in Kraft getretenen. Darum darf Italien keinesfalls mit Spanien aufs Verlierertreppchen gestellt werden, nur, bitte! - "Frankreich ist nicht Italien", obwohl es ihm schuldentechnisch dicht auf den Fersen folgt oder ihm sogar um mehrere Nasenlängen voraus ist, so genau weiß das keiner, weil, so genau erzählt es einem keiner.

Natürlich, "Deutschland ist nicht Frankreich", schon deshalb nicht, weil Deutschland über alles geht, und erst recht gilt: "Deutschland ist nicht Griechenland" - wäre ja noch schöner, die Deutschen wollen zwar billig Urlaub in Griechenland machen, aber unter keinen Umständen ist Deutschland Griechenland, höchstens dann, wenn Griechenland beschließt, Argentinien zu werden, was aber rein spekulativ und darum verboten ist, denn "Spekulieren ist zum jetzigen Zeitpunkt unerwünscht", habe ich aus irgendeinem EU-Kommissionärsmund vernommen, also lassen wir das, obwohl...egal. Spekulieren dürfen nur Spekulanten, denn nur die verstehen etwas von dem Geschäft, klar?

"Portugal ist nicht Spanien", erwähnte ich das schon? Es kann einem ganz schwindelig werden. Kein Land ist wie das andere, kein Land will wie das andere sein, denn wäre das eine Land so bankrott wie das andere Land, müssten die EU-ler ja zugeben, dass ihr System auf Grundeis geht und der ganze europäische Saustall am Ende ist. Wie, einen Fehler zugeben? Nie und nimmer! Lieber weiter bailouten wie bescheuert. Weil, einen Fehler zuzugeben hieße ja im Endeffekt, weniger Kasse zu machen. Geht gar nicht.

"USA ist nicht Griechenland", habe ich in letzter Zeit auffallend oft gehört. Sehr populär in Expertenkreisen ist auch das zündende "USA ist nicht Europa", was aber auch kein Wunder ist, weil, wer will schon Europa sein, wo keiner mehr weiß, was man sich unter Europa eigentlich vorzustellen hat. Gibt es Europa überhaupt noch? Ich meine, zwar treten EU-Bürokraten, EU-Kommissionen, EZB-Repräsentanten und EU-Notmeeting-Teilnehmer pausenlos den europäischen Ländern - vor allem aber sich selbst - auf den Füßen herum, aber Europa? Was war das nochmal? Ich sehe es weit und breit nicht.

Insofern, wenn Frau Merkel jetzt auf ihrem aktuellen Beutezug, ähm, ihrer Afrikatournee, sagen würde: "Afrika ist nicht Europa", dann würde ich als Afrikanerin einen Lachanfall kriegen und sie fragen: Welches Europa? Wo ist Europa? Was ist Europa? Ist Europa überhaupt? Wie kann Afrika etwas nicht sein, was gar nicht ist? Aber gut, Mop ist nicht Merkel und schon gar keine Afrikanerin.

"Griechenland ist nicht Island", las ich vorher und dachte, hey, es könnte aber wie Island sein, es müsste nur wollen, oder vielmehr, "es" müsste einfach mal seine Bürger befragen, aber genau das will "es" ja nicht, auf gar keinen Fall, denn was schert "es", was seine Bürger wollen? Vielleicht wären wir alle furchtbar gern Island, trauen uns das aber nicht laut zu sagen, weil, man darf weder den Euro noch den europäischen Gedanken schlechtreden. Das kann Frau Merkel gar nicht ab, da wird sie immer schrecklich böse.

Überhaupt, jedes Mal, wenn wieder ein neues Fass "X ist nicht Y" aufgemacht wird, frage ich mich instinktiv, wer gerade wem das Wasser hinterher trägt, damit er genau jene Behauptung in die Welt posaunt. Man muss sich sowieso den internationalen Finanzkapitalmarkt vorstellen wie eine global gut vernetzte Armee, in der es wie in jeder guten Armee Tausende von ergebenen, loyalen Soldaten (= Banker, Berater, Politiker) gibt, die mit modernsten Panzern (= Phrasendreschmaschinen) die Völker anfeuern zur freudigen Unterstützung (= Kriegspropaganda) des Kampfes für eine bessere Welt (= Geld und Macht in den Händen der Finanzdiktatur).

Bankrotte Länder Europas, vereinigt euch.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Wer hat Angst vorm schwarzen Loch?


Bei manchen Themen hält man sich besser zurück. Bei mir ist das zum Beispiel die Physik, von der ich reichlich wenig Ahnung habe, erst recht von der Astrophysik.

Wobei ich mir durchaus ein gewisses Vulgärwissen angeeignet habe, nämlich durch das Anschauen des Disney-Filmes Das Schwarze Loch, wo, wenn ich mich recht erinnere, zwei Raumschiffe miteinander ringen, welches von beiden als erstes in das Loch reinfallen wird, woraus ich gelernt habe, dass der Aufenthalt in der Nähe eines schwarzen Loches von Übel ist, weil die Gravitationskraft unweigerlich dazu führt, dass das schwarze Loch mich verschlingt.

Daraus folgt, dass ich mich bei seriösen Fachgesprächen über schwarze Löcher besser zurückhalte - ein falsches Wort von mir, und der Diskurs würde mich ob meiner fehlenden Expertise mit Haut und Haar verschlingen, ich würde in ein bodenloses schwarzes Loch stürzen und könnte mich allenfalls noch durch geistesgegenwärtiges Ziehen des Badewannenstöpsels retten.

Andererseits gibt es Gespräche über schwarze Löcher, wo ich mich einfach nicht zurückhalten kann, dann nämlich, wenn ich den Eindruck habe, die Diskutierenden haben noch weniger Ahnung von schwarzen Löchern als ich. So ein Fall trat gestern in der Kassenschlange eines Supermarktes ein. Die Kassenschlange war endlos lang und alternativlos, es gab kein Entkommen - von daher einem schwarzen Loch nicht unähnlich -, und zwang mich zum Belauschen eines Gespräches hinter meinem Rücken.

Zwei Männer erörterten, während sie sich wartend auf ihre Einkaufswagen stützten, den Fall Griechenland und befanden, dieses Land sei ein schwarzes Loch, welches unersättlich jenes "sinnlose" Geld verschlucke, das von Deutschland hineingeworfen werde, um das Loch schlussendlich zu stopfen. Wie, Griechenland ein schwarzes Loch? Ich würde keinesfalls bestreiten, dass Griechenland sich in gefährlicher Nähe zu einem schwarzen Loch befindet, aber Griechenland selbst zu einem schwarzen Loch zu konstruieren, erschien mir gewagt und, an den astrophysikalischen Gesetzen der herrschenden Finanzkapitalthermik gemessen, völlig daneben.

Also drehte ich mich um und mischte mich ein. Griechenland, sagte ich, sei kein schwarzes Loch, sondern im Begriff, in ein schwarzes Loch gestoßen zu werden, und über kurz oder lang werde Deutschland mit seinem sinnlosen Geld im nämlichen dunklen Schlund verschwinden. Wieso Deutschland, fragte basserstaunt der eine Mann, warf sich in Siegerpose und fuhr fort: "Wenn wir(!) Deutschen wirtschaftlich nicht so gut aufgestellt wären, wäre Griechenland schon lange im schwarzen Loch verschwunden!"

Deutsche Siegerrhetorik hat etwas Entwaffnendes, besonders wenn sie von Deutschen vorgetragen wird, die - erkennbar an ihrer Kleidung und dem Inhalt ihres Einkaufswagens - wirtschaftlich alles andere als gut aufgestellt sind. Aber gut. Der andere Mann befand, an meiner Theorie mit dem schwarzen Loch sei was dran, weshalb "die Deutschen" am besten "die Griechen" ins schwarze Loch stoßen sollten, "weil, dann wär' endlich Ruhe und Europa käme wieder voran".

Gottlob kam die Kassenschlange allmählich voran. Während ich schob, drehte ich mich erneut um und fragte den europabegeisterten Mann, was ihn so sicher mache, dass die Deutschen nicht alsbald den Griechen ins schwarze Loch folgen würden? Er lachte selbstbewusst und frohlockte: "Wer um alles in der Welt sollte Deutschland in das schwarze Loch stoßen wollen?". Ich klaubte meine Produkte auf das Laufband, holte tief Luft und erwiderte: "Na, Deutschland selber!", was mit zwei empört offenstehenden Mündern beantwortet wurde und mir die Gelegenheit gab nachzulegen: "Wär' ja nicht das erste Mal." Alsdann nahm die Kassen-checkout-Logistik ihren Lauf und das spontane Politgeplänkel ein Ende.

Fast hätte ich den Schnack in der Kassenschlange wieder vergessen. Doch fiel er mir heute früh wieder ein, als ich auf einen aufschlussreichen Artikel stieß mit der Überschrift:
Warum einige Länder schneller in das schwarze Finanzloch fallen als andere.
Hey guten Morgen, schwarzes Loch!, dachte ich, und fing an zu lesen.
Dass wir in einer "Black Hole-Economy" leben, in der kontinuierlich Produktivkapital weggesaugt wird von spekulativen Finanzkapitalstrukturen, ist nichts Neues. Denn wir bewegen uns in einer ständigen Abwärtsspirale nach unten, solange wir nonstop unterwegs sind mit Konjunkturpaketen, Bailouts und der Monetisierung von Schuldverschreibungen, ohne irgendeine Chance, dass diese Kapitalströme genug Fließgeschwindigkeit erreichen, um jemals in der wirklichen Ökonomie anzukommen.
Ich konnte, selbst mit rudimentärem astrophysikalischem Knowhow, gut folgen und las weiter:
Indem wir rasant in das schwarze Loch des Ponzikapitalismus hinuntergleiten, enthüllt sich ein kritisches zeitliches Paradox: Je näher sich jemand am Ereignishorizont eines schwarzen Loches befindet, desto stärker greift die Schwerkraft an und desto mehr langsamer scheint die Zeit zu verlaufen.
Zugegeben, an der Stelle musste ich nachschlagen, sonst wäre ich von der Terminologie überfordert gewesen; Disney-Filme sind einfach nur begrenzt horizonterweiternd, erst recht, was den Ereignishorizont betrifft. Hilft aber weiter, das Nachschlagen, ich schwör's.

Der Artikel führt weiter aus, dass aufgrund des genannten Paradoxes derjenige (A), der in unmittelbarer Nähe zum schwarzen Loch steht, nicht unbedingt früher hineinfällt als derjenige in weiterer Entfernung (B); es aber fatal wäre für A, sich darum in trügerischer Sicherheit zu wiegen und in aller Gemütsruhe den B's beim Abstürzen zuzuschauen.

Man ahnt schon, wie der Artikel weitergeht. A repräsentiert die größten Volkswirtschaften dieser Welt mit den mächtigsten Finanzkapitalmärkten, während B jene Länder vertritt, die - nolens volens - mit dem globalen Finanzsystem verwoben sind. B steht also für Länder wie (ehemals) Island, Tunesien, Ägypten, Syrien bis hin zu Irland, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Während A einen langsamen, nicht völlig unkomfortabel erscheinenden Tod stirbt, sehen die Bevölkerungen der B-Länder dem tödlichen Höllenschlund eher heute als morgen ins Auge.
...die Uhren in Nordafrika, im Mittleren Osten, in Südasien und der europäischen Peripherie ticken wesentlich schneller, und jeden zweiten Tag in der Woche scheint in diesen Regionen eine neue Finanz- oder sozialpolitische "Krise" aufzubrechen. ...

Der Leidensdruck, den Tunesier, Ägypter, Libyer oder Griechen im Laufe eines Tages erleben, lässt sich vergleichen mit dem Leidensdruck, den Amerikaner, Kanadier, Briten oder Deutsche im Laufe eines Jahres oder noch länger erleben. Wir leiden alle aus denselben Gründen, denn wir sind alle ein Teil desselben Wirtschaftssystems und werden alle von dem schwarzen Schuldenloch verschlungen, aber das zeitliche Schisma erschwert es, dieses geteilte Schicksal zu erkennen. ...

Wir sollten uns daran erinnern, dass ein verlangsamter zeitlicher Rahmen keineswegs bedeutet, dass eine Wirtschaft sich erholt, - ja, noch nicht einmal, dass ihr Status quo erhalten bleibt.
Ich dachte an die Deutschen in der Kassenschlange; an ihre voyeuristische Lust beim Absturz Griechenlands ins schwarze Loch; an die trügerische Sicherheit, in der so viele Deutsche sich so gern wiegen; an das große schwarze Loch, das geduldig warten wird, bis die langsamer tickenden Uhren der A-Länder anfangen werden zu rasen.

Ich las zu Ende:
Unser zeitlicher Referenzrahmen mag sich mehr in die Länge ziehen, aber auch wir werden von dem schwarzen Finanzloch der globalen Welt verschlungen und verdaut werden. Tatsächlich stehen wir seinem Ereignishorizont am nächsten, und es wird die Zeit kommen, wo wir es uns nicht mehr leisten können, uns in relativer Sicherheit zu wiegen, sondern wo wir auf die andere Seite hinüberwechseln müssen. Wenn dies geschieht, werden unsere relativ langsam tickenden Uhren sich mit den Uhren von all den anderen synchronisieren und sehr schnell die zuvor verlorene Zeit aufholen. Unsere Zeitrechnung mag sich verzögern, jedoch wird dies - letztendlich - überhaupt keinen Unterschied machen.
Wir standen alle in derselben Kassenschlange und stehen alle am selben Abgrund, lediglich durch ein paar Zeitvorteile voneinander getrennt. Ist eigentlich nicht so schwer zu verstehen, selbst bei beschränktem physikalischen Wissen. Nur gibt es handfeste Interessen, die uns weismachen wollen, dass das schwarze Loch der Abgrund der anderen ist, nicht unserer. Wieso gerade die deutsche Politik diesen Trugschluss ihren Bürgern so nachhaltig einhämmert? Vielleicht war mir ja beim Vorankommen in der Kassenschlange die richtige Antwort herausgerutscht.

Dienstag, 5. Juli 2011

Buhmann trifft Buhmann


"Bundesregierung und Deutsche geraten insgesamt immer mehr in die Rolle des bei vielen Griechen verhassten Buhmann", analysiert Bild online (heute) messerscharf und vergisst die eigene Rolle dabei großzügig,
schreibt das Simablog und vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass die zitierte Zeitung erst gestern einen altvertrauten Buhmann für das deutsche Renten-Desaster gefunden hat: Laut Bild seien daran - na? - richtig: die Griechen schuld. "Die Griechen fressen den Deutschen die Rente weg" - alles andere hätte uns auch überrascht.
Schön, dass ein Schuldiger gefunden wurde. Denn das deutsche Rentensystem ist so oder so kurz vor dem Exitus, und Außerirdische als Schuldige konnten bislang nicht gefunden werden. Nehmen wir also die Griechen.
Bild auf der Suche nach dem Buhmann, seit Wochen fündig im Land der Griechen.
In der deutschen Geschichte gibt es leider Beispiele, dass die Suche nach Sündenböcken nie gut ausgegangen ist.
- ein Sachverhalt, um den sich die Bildzeitung in ihrer deutschen Geschichte noch nie groß geschert hat, denn 'immer feste druff' verkauft sich einfach besser. Auch wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht, wie das Simablog gestern schrieb:
Das ist Theaterdonner nach innen, mit dem kommende Kürzungen in Deutschland vorbereitet werden. Und mit dem die Übernahme lukrativer Betriebe in Griechenland zum Schnäppchenpreis durch deutsche Konzerne gerechtfertigt werden soll.
Doch das war Schnee von gestern. Heute landet, in weinerlichem Ton, Bild den theatralischen Coup des deutschen, "bei vielen Griechen verhassten" Buhmannes: Wir armen Deutschen! Die mögen uns nicht, die bösen Griechen! Weshalb sich flugs ein deutscher Staatsmann in die propagandistische Retourkutsche setzen und den griechischen Hassbürgern erklären möge, wie sympathisch und hilfsbereit wir ungeliebten Deutschen doch seien.

Auftritt Bundespräsident Wulff.
Die Lösung: Bundespräsident Wulff soll im Athener Parlament eine Rede halten...Das wäre ein wichtiges Signal in der derzeit so hitzig geführten Debatte, zitiert Bild nicht näher genannte und damit auch nicht überprüfbare griechische "Regierungskreise". Wenn die "notwendigen Entscheidungen" getroffen "und umgesetzt" würden, sei der richtige Zeitpunkt gekommen.
Wie wir aus nicht näher genannten und damit nicht überprüfbaren griechischen Indignado-Kreisen erfahren haben, soll Bundespräsident Wulff nach seiner Verteidigungsrede im griechischen Parlament nach draußen auf den Syntagma Square treten und sich dort der empörten griechischen Bevölkerung stellen.

Wenn - anlässlich dieser Begegnung auf Augenhöhe - der richtige Zeitpunkt gekommen sei, so heißt es in der Syntagma Bürgerversammlung, würden unverzüglich die notwendigen Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Sollte also der deutsche Buhmann, äh, Bundespräsident von seiner griechischen Goodwill-Tour nicht zurückkehren, wissen wir, wer daran schuld gewesen sein wird: die griechischen Buhmänner und -frauen.

Alles andere hätte uns auch überrascht.

Donnerstag, 23. Juni 2011

Give Me a T


Der keltische Tiger setzt zum Sprung an. Ihm wird offenbar bei den aktuellen griechischen Umtrieben angst und bange; zumindest scheint ihn eine gewisse Nervosität zu befallen.

Anders lässt sich kaum erklären, dass der irische Finanzminister Michael Noonan heute zu einem nationalistischen Marketingtrick gegriffen hat, um die Ehre seines krisengeschüttelten Landes zu retten. Gut, man könnte sagen, Not macht erfinderisch - aber nicht immer sind es die brilliantesten Ideen, die aus der Not geboren werden. Manchmal produziert eine Notlage auch ausgesprochen dämliche Einfälle. Wie eben den Einfall des irischen Finanzministers, T-Shirts zu drucken, auf denen steht: "Ireland is not Greece!"

Wo Chauvinismus zur Waffe wird, muss die Not am größten sein. Tatsächlich steht Noonan unter gewaltigem Druck, an die IMF-Geldtöpfe ranzukommen. So versuchte er heute, vor einem Bankergremium Bella Figura zu machen, indem er mit seiner T-Shirt-Idee hausieren ging; in der Hoffnung, dies würde die Investoren von dem - natürlich völlig aus der Luft gegriffenen - Verdacht ablenken, Irland stünde ähnlich abgebrannt da wie Griechenland.

Nun muss man hinzufügen, dass die kämpferischen Griechen den Iren bereits vor gut einem Jahr ans nationalistische Bein gepinkelt haben. Damals spielte sich nämlich auf Athens Straßen folgendes ab:


"Griechenland revoltiert - Irland wird erwähnt"

Schon damals zeigten die Griechen den Iren, was eine Harke ist, mit Sprechgesängen wie: "This is Greece, not Ireland - we the workers will resist!" Eine griechische Demonstrantin bemerkte in einem süffisanten Seitenhieb auf Irland, dass sie keineswegs beabsichtige, angesichts des Ausblutens ihres Landes zuhause auf dem Sofa sitzen zu bleiben.

Womöglich hat die Stichelei der Griechen dem irischen Finanzminister bis heute keine Ruhe gelassen - jetzt schlägt er zurück: Um sich von dem bösen Buben Griechenland zu distanzieren, gibt er den irischen Musterknaben und bedruckt streberhaft anmutende T-Shirts, und zwar "across the front and back of them", also auf der Vorder- und Rückseite des Textils.

Noch kann ich mir nur schwer vorstellen, dass die T-Shirts reißenden Absatz bei den Iren finden, aber man weiß ja nie, welch skurrile Blüten der Nationalstolz treiben kann. Wobei ich finde, der Finanzminister hätte ruhig die Rückseite der T-Shirts unbedruckt lassen können, um den Trägern ein wenig kreativen Spielraum zu lassen, hinten ihren eigenen Senf zu dem Slogan "Ireland is not Greece!" zu geben.

In dem Fall würde ich, wäre ich irische Bürgerin, mit dem Noonan-T-Shirt selbstbewusst durch die Gegend spazieren, frontal Flagge zeigend mit "Irland ist nicht Griechenland!", und von hinten wäre auf meinem T-Shirt zu lesen "Schade eigentlich."

Für solche Tage, an denen das T-Shirt in der Wäsche und mir auf meinem Sofa zu langweilig wäre, hätte ich ein zweites Noonan-T-Shirt in Reserve, wo auf der Rückseite stünde: "Noch nicht!"

Sonntag, 12. Juni 2011

Virus Indignandus


In Amerika scheint sich ein neues Virus auszubreiten.

Befallen davon sind weder Gurken noch Sprossen; vielmehr sprießt ein Ableger der Spanischen Revolutionsgrippe, lateinisch Virus Indignandus, spanisch Indignado, englisch Indignant (deutsch: der/die/das Empörte).

Die Website ampedstatus.org ist hochinfiziert und sorgt für weitere flächendeckende virale Empörung. Dort finden sich Informationen, Links zum Thema, Aufrufe. Aufrufe wozu? Dazu: seiner Empörung Luft zu machen am 14. Juni 2011, "Flag Day Rebellion against economic tyranny". Was ist unter dem Kampf gegen economic tyranny zu verstehen? Das:
This Flag Day, Tuesday 14th, we will launch a non-violent movement with this list of demands:

End the campaign finance and lobbying racket
Break up the Fed & Too Big to Fail Banks
Enforce RICO laws against organized criminal class
Order Ben Bernanke to step down
Der amerikanische Comedian Lee Camp hat eigens für den Flag Day Rebellion ein Video produziert - "A Moment of Clarity", ein ätzend-aufklärerischer Aufruf zur Empörung.


Von Anonymous, die gestern laut New York Times eine Cyberattacke auf den IMF verübt haben, gibt es das Video Operation Empire State Rebellion:


und hier ein weiteres.

Jetzt fehlt zum American Indignant Virus nur noch der passende Soundtrack. Davon gibt es zwar schon eine ganze Reihe, aber mein persönlicher Favorit ist immer noch der funkige Federal Reserve Song von dem sympathisch durchgeknallten Neal Fox aus dem Jahr 2008:


Oldie but goodie.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Überfallkommando



Unglaublich, diese Griechen. Was bilden die sich eigentlich ein? Jetzt fahren sie auch noch schwarz! Von unseren deutschen Steuergeldern! Prellen einfach die Mautgebühren auf den privatisierten griechischen Autobahnen und fahren für lau. Hat man Töne? Dem ARD-Sprecher verschlägt es fast die Sprache. Dürfen die das? Natürlich nicht. Warum tun sie es dann trotzdem? Weil sie es einfach tun und niemanden um Erlaubnis fragen. Zuallerletzt die Deutschen.

Wenn man wissen will, wie ein deutscher Indignado klingt, muss man sich die ARD-Sprecherstimme anhören. Empörung pur! "Überfallartig", heißt es, "übernehmen die Aktivisten von der Gruppe 'Ich bezahle nicht' das Kommando." Überfallartig, ganz recht, damit es schön gruselig nach Nötigung klingt. Wie es aussieht, lassen sich die griechischen Autofahrer von Herzen gern nötigen.

Ein Überfallkommando auf griechischen Autobahnen, findet die ARD, und fragt sogleich nach dem Verbleib der Polizei. Die müsste doch in so einem Fall dringend mit einem Überfallkommando anrücken, oder? Tut sie aber nicht, die griechische Polizei. Steht entspannt am Straßenrand und schaut zu, wie die Autos ohne Mautgebühr, ja, teil sogar ohne Nummernschild!, durch die Mautstelle rauschen.

"Vom Mautpersonal greift niemand ein", heißt es weiter. Ja, sind die denn jetzt alle übergeschnappt, diese Griechen? "Es ist ziviler Ungehorsam gegen den Privatisierungskurs der Regierung und überhaupt gegen die schmerzhaften Reformen", fährt der Sprecher fort, in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran lässt, dass ziviler Ungehorsam schon mal gar nicht geht, weil bekanntlich ziviler Ungehorsam gegen das Gesetz verstößt. Täte er dies nicht, wäre es allerdings kein ziviler Ungehorsam mehr, aber solche Subtilitäten scheinen den ARD-Mann zu überfordern. Jedenfalls ist ihm dieser griechische zivile Ungehorsam entschieden zu ungehorsam.

Was lernen wir? Das, was wir eh schon wussten: Griechen sind Leistungsverweigerer. Südländer sind faul. Zahlungsunwillige Bande. Kein Wunder, dass sie zahlungsunfähig sind, allesamt.

Und damit zurück ins Funkhaus. Da, wo deutsche Ordnung herrscht. Da, wo ziviler Ungehorsam ein Fremdwort ist. Ein unheimliches südliches Fremdwort. Sollte man verbieten. Auf der Stelle.