Mittwoch, 7. September 2011

Bewegung


Eine halbe Million Menschen


waren am Samstagabend in Israel auf den Beinen.

Die Massenbewegung nennt sich '14. Juli', seit am 14. Juli 2011 im exklusiven Zentrum Tel Avivs das erste Zelt einer noch kleinen Gruppe protestierender Bürger aufgeschlagen worden war. Sieben Wochen später ist eine halbe Million wacher Menschen mit viel Temperament und Engagement gegen die herrschende Politik in Israel unterwegs.
"Diesen Sommer sind wir aufgewacht. Denkt nicht, wir werden mit geschlossenen Augen so weitermachen wie bisher!

Unsere Bewegung wird wachsen, bis sie die Mauer des Schweigens durchbrochen hat, hinter der sich unsere Regierung verschanzt - so lange, bis sie unseren Forderungen nachgibt."
Welche Forderungen?
"Wir fordern schlaflose Nächte, in denen die Regierung wegen uns kein Auge mehr zutun kann."
Bestimmt schreit inmitten der allgemeinen deutschen Friedhofsruhe schon wieder jemand:
'Ja und? Das ist doch keine Forderung! Das ist doch kein Programm! Das ist doch keine Zielsetzung! Was wollen die denn erreichen? Wie wollen die denn etwas erreichen ohne Programm, ohne Zielsetzung? Ist doch völlig unpolitisch! Wie wollen die je erfolgreich sein?'
"Allein die Tatsache, dass unser Protest in der Öffentlichkeit sichtbar wird, ist schon ein Erfolg.

Allein die Tatsache, dass sie jetzt zweimal nachdenken, bevor sie irgendeinen Sozialbereich zusammenkürzen, ist schon ein Erfolg."
Und allein die Tatsache, dass Hunderttausende Menschen zusammenkommen, um nachzudenken, sich zuzuhören, miteinander zu sprechen und zu beschließen, ihre Angelegenheiten in die eigene Hand zu nehmen, ist ein Riesenerfolg, ist politisch, ist Veränderung.

Für viele Menschen in Mitteleuropa scheint der Open-end-Charakter dieser neuen politischen Bewegungen schwer erträglich zu sein; dass die einfach loslegen - und dann eben schauen, wie es weitergeht und was sich daraus entwickelt. Rund ums Mittelmeer haben sie damit offenbar weniger Probleme: Dort verstehen sie unter 'Bewegung', dass sich etwas bewegt. Nach Jahrzehnten der Friedhofsruhe.
"Das hat es vorher nicht gegeben!

Der Protest ist ein Prozess.

Diese Nation muss sich dringend an Protest gewöhnen."
Ein denkwürdiger Satz. Diese Nation, dieses Land, diese Regierung, wir - wir heißt alle - müssen uns dringend an Protest gewöhnen. Danach schauen wir weiter.

Noch Fragen?
"We have to understand this is the beginning of something."

Kommentare:

  1. Hallo, habe mich entschlossen, dieses schöne Blog endlich in meine Blogroll aufzunehmen. Liebe Grüße,
    Roberto De Lapuente
    - ad sinistram -

    (Eine Mail-Adresse habe ich nicht gefunden.)

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  2. Zelte in Tel Aviv teilweise geräumt.

    Zwei Monate nach Beginn der größten sozialen Proteste in Israels Geschichte ist ein großer Teil der Zeltstadt in Tel Aviv gegen den Willen der Protestbewegung entfernt worden. Mitglieder der Protestbewegung sagten am Mittwoch, die Räumungskräfte seien nachts mit Lastwagen vorgefahren und hätten alle Zelten weggerissen, in denen sich gerade niemand aufgehalten habe.

    Der unter massiven Druck geratene Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat Veränderungen angekündigt. Ein Expertenteam soll in Kürze Empfehlungen vorlegen.
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    Immerhin, man arbeitet dran. Vermutlich ist das "Ergebnis" dann so wie hierzulande, 5 Euro mehr und Bildungsgutscheine für die Kleinen. Oder es kommt etwas brauchbares dabei heraus, etwas mit Vorbildfunktion, etwas was dieser Bewegung gerecht wird...

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  3. "Vermutlich ist das "Ergebnis" dann so wie hierzulande, 5 Euro mehr und Bildungsgutscheine für die Kleinen."

    Hätten diese kurzsichtigen Aktivisten doch gleich den Kaluptikus gefragt, dann hätten sie sich das läppische siebenwöchge Zelten und Demonstrieren sparen und einen geruhsamen Sommer im Biergarten verbringen können. Weil, 5 Euro mehr und Bildungsgutscheine gibt's ja bekanntlich auch ohne Protestbewegung. Von Deutschen lernen heißt Protestieren verlernen.

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  4. Ich sehe es immer als Erfolg, als etwas Wunderbares wenn Menschen wie in Spanien oder Griechenland oder jetzt Tel Aviv zusammen kommen und ihren Unmut zeigen.

    Schon das gemeinsame Auf-die-Straße-Gehen ist ein Riesenerfolg, denn es zeigt den Machthabenden etwas, nämlich "so nicht!". Außerdem ist es für die Protestierenden selbst sehr wichtig, denn sie merken, sie sind nicht allein, es gibt andere, die genauso denken.

    Wann wird so etwas in Deutschland passieren? Oder z.B. in Polen? Vermutlich nie. Und auch wenn die Zelte abgerissen wurden, es ist ein Anfang, und das ist wunderbar. Sehr traurig fand ich dagegen, was z.B. in Berlin vor kurzem auf dem Alexander Platz passiert ist, aber es überrascht mich nicht.
    Es wundert mich auch nicht, dass durch das Ausbleiben solcher Proteste in Deutschland die Machthabenden weiterhin der Meinung sind "ach, wir können machen was wir wollen, die lassen sich eh alles gefallen".

    Am schlimmsten ist aber diese fatalistische Einstellung "es bring doch nichts, es ändert eh nichts". Dann ändert sich wirklich nie etwas. Das Zweitschlimmste ist, diese Proteste schlecht zu machen, egal wie.

    Carl-Friedrich von Weizsäcker über das deutsche Volk:
    „Absolut obrigkeitshörig, des Denkens entwöhnt, typischer Befehlsempfänger, ein Held vor dem Feind, aber ein totaler Mangel an Zivilcourage! Der typische Deutsche verteidigt sich erst dann, wenn er nichts mehr hat, was sich zu verteidigen lohnt.“

    Dem kann ich nur zustimmen. Als "Nicht-Deutsche mit Migrationhintergrund". ;-)

    PS. Mrs Mop, Du hattest hier doch so ein wunderbares Video über 15M/die Proteste der Spanier, und die Strukturen die sie innerhalb von kürzester Zeit dort aufgebaut haben, wo war das, muss suchen...
    Das war ein Riesenerfolg. Für die Menschen dort, denn sie können sehen, was sie alles drauf haben.Obwohl man immer wieder versucht, ihnen das Gegenteil einzureden(z.B. in den Medien).

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