Montag, 26. September 2011

Solidaritätszwickmühle


Mit der Solidarität ist das so eine Sache. Manchmal weiß man nicht, wohin damit. Solidarität mit Niedriglöhnern? Ja, selbstverständlich. Gemeinsam kämpfen gegen Löhne, die allenfalls eine Existenz unterhalb der Armutsgrenze erlauben? Natürlich, was denn sonst! Nieder mit der Ausbeutung durch Staat und Privatwirtschaft? Sag' ich doch. Keine Kürzung von Gehältern, von denen jetzt schon keiner leben kann? Mit meiner Solidarität ist zu rechnen.

Nur, wie gesagt, manchmal wird's schwierig mit der Solidarität. Schwierig wird's immer dann, wenn es ambivalent wird. Wie zum Beispiel heute früh um 5:30 Uhr in Athen. Da kletterte eine Gruppe von 50 Protestierern auf den Lycabettus Hill mitten in der Stadt, um dort gut sichtbar und öffentlichkeitswirksam ein riesiges Transparent anzubringen:


Ich finde, das sieht kolossal gut aus. Auf dem Transparent, 25 Meter lang und fünf Meter breit - haut optisch richtig rein! - steht: "Zahltag ist Trauertag". Wieso Trauertag? Weil es im Rahmen von drastischen Sparmaßnahmen drastische Gehaltskürzungen zu betrauern gilt. Viele der Protestierenden hatten letzten Monat gerade mal 500 Euro Gehalt in der Tasche. Ja, da ballt sich doch bereits die Faust der Solidarität in meiner Tasche!

Nur, jetzt weiß die Faust nicht so recht, ob sie rauskommen oder doch lieber in der Tasche steckenbleiben und sich wieder entballen sollte. Weil es sich nämlich bei den protestierenden Niedriglöhnern um die griechische Polizei handelt. Das sind die, die bei den protestierenden Niedriglöhnern, arbeits- und perspektivlosen Massen der griechischen Indignados in Syntagma Square unlängst so richtig hart draufgehauen haben (in diesem Blog wurde ausführlich berichtet). Denen es jetzt stinkt, dass sie für diesen Job und andere undankbaren, nicht minder staatserhaltenden Aufgaben künftig noch weniger Geld bekommen sollen:
"Unsere Löhne stehen in keinem Verhältnis zu unseren Arbeitsbedingungen",
ließ der Polizeipräsident Basil Doumas (Professional Guardians of Attica) wissen. Und da abzusehen ist, dass die Arbeitsbedingungen der Polizei in Syntagma Square künftig wohl kaum leichter, sondern eher schwieriger werden dürften (schließlich sind die Indignados von den Sparmaßnahmen genauso betroffen und schon wieder am Protestieren und die Polizei schon wieder am Prügeln), ist es durchaus nachvollziehbar, dass die malochenden Ordnungshüter mehr Geld haben wollen. Übrigens will zu diesem Zweck die griechische Polizei am morgigen Dienstag um 18 Uhr in Syntagma Square protestieren.

Finde ich auch kolossal gut. Weil, in der Zeit, in der die Polizei gegen schlechte Bezahlung demonstriert, kann sie schon mal keine protestierenden Indignados verprügeln. Interessant ist auch die Analogie in den Protestslogans:
"Je massiver die Sparmaßnahmen, desto massiver wird unser Protest sein",
tat der Polizeipräsident kund und befindet sich damit exakt auf Augenhöhe mit den Slogans der, äh, Gegenseite, also der Indignados, wobei ich jetzt ganz durcheinander komme mit meiner Faust und meinem Solidarisierungsbedürfnis und überhaupt. Jedenfalls - sollten die unzufriedenen Polizisten jetzt auf die Idee kommen, sich mit den unzufriedenen Indignados zu solidarisieren, wäre ich auf der Stelle und uneingeschränkt bereit, mich mit den Polizisten zu solidarisieren.

Was allerdings voraussetzen würde, dass die Polizisten weiterhin schlecht bezahlt werden. Weil, andernfalls würden sie sich ja nicht mit den Indignados solidarisieren, sondern diese für gutes Geld...klar, was ich meine?

Ach, wenn das Leben nur nicht so ambivalent wäre.

Trotzdem muss ich sagen, das Ganze sieht einfach kolossal gut aus:



Kommentare:

  1. Oha. Das Impressum des angeblichen Polizistenblogs erscheint mir seltsam.

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  2. Bin auf das dubiose Blog auch schon aufmerksam geworden. Irgendwo schreiben sie (sinngemäß), dass sie ihr Heil in der FDP sehen. Na dann, Jungs...

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  3. Ich bin für Solidarität mit den protestierenden Polizisten, das sind doch eh Kinder oder Eltern von Indignados, und für 500 Euro Leute verprügeln und denen ihre Infrastruktur abtransportieren oder zerstören obwohl es vielleicht Sachen von ihnen zuhause sind, das geht nicht lange gut. Für Söldner sollen die ruhig das vier-oder fuenffache hinlegen, die protestierenden Polizisten gehören zur Bevölkerung.

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  4. "Die protestierenden Polizisten gehören zur Bevölkerung." Das müssten jetzt bloß noch die Polizisten kapieren, dann stünde einer Solidarisierung nichts mehr im Wege.

    Ich fände ja am besten, die Polizisten würden einen unbegrenzten Streik durchführen, und zwar genau zur gleichen Zeit und genau so lange dauernd wie die bereits wieder angelaufenen Proteste der Indignados.

    (Das im Post verlinkte Video lässt leider wenig Raum für Hoffnung.)

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