Dienstag, 13. September 2011

Lasst sie doch erfrieren



Doug Hardman
Musiker
wohnsitzlos
spielt Klavier im Wald
am 3. September 2011:
A Whiter Shade of Pale
(Procol Harum 1967)

Er spielt nicht nur Klavier im Wald, sondern lebt auch dort:

Doug Hardmans Tipi-Zelt

Er ist weder Romantiker noch Hippie noch ein Künstler, der zu seiner Inspiration die Natur und die Einsamkeit sucht. Im Gegenteil, Doug hat viel Gesellschaft: Etwa 70 Menschen leben in der Zeltstadt ("tent city") im Wald außerhalb von Lakewood, New Jersey, eine Autostunde von New York City entfernt. Manche von ihnen leben dort schon seit vier Jahren, andere seit ein paar Monaten.


Sie bezeichnen die Zeltstadt als ihr Zuhause.


Auch wenn es in ihrer Zeltstadt
weder Elektrizität noch fließendes Wasser gibt.
Sie haben gelernt, ohne zu leben.

Sie haben eine Gemeinschaftsküche gebaut...


...ein Waschhaus...


...und Toiletten:


Letztes Jahr haben sie drei Holzhütten zum Übernachten gebaut, um die Zeltstadtbewohner sicher über den Winter zu bringen. "Wir haben niemanden von uns verloren letzten Winter", sagt der Zeltstadtgründer Steve Brigham stolz, "und keiner von uns ist krank geworden."

Das könnte sich im kommenden Winter ändern. Nachdem die Stadtverwaltung von Lakewood auf die Holzhütten aufmerksam wurde - nicht etwa durch einen Besuch vor Ort, sondern durch eine Fernsehsendung - schickte sie ein Abrissteam in den Wald und ließ die Übernachtungshütten zerstören.


Laut einem UN-Bericht vom August 2011 stellt das Verhalten der USA, ihren Bürgern den Zugang zu Wasser und einem Grundstandard an sanitärer Hygiene zu verwehren und wohnsitzlose Menschen zu kriminalisieren, eine Verletzung der Internationalen Menschenrechtserklärung sowie des Internationalen Abkommens über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Grundrechte dar.


"Unsere Community ist zu einem lebenden Protest geworden.
Wir protestieren gegen die Heuchelei des politischen Systems.
Dieses System war für uns Menschen gedacht -
und genau das ist es nicht."

(Bildquelle: via BusinessInsider)

Kommentare:

  1. Liebe Rote-Schuhe-Trägerin,

    ich mag deinen Sinn für´s Wesentliche und die Art wie du (es be-)schreibst.

    "Alle" denken nur noch an ihr kaputtes Wirtschafts- oder auch Gesellschaftssystem... und was keine Auflage oder Quote oder besser Profit bringt scheint nicht relevant. Sie täuschen sich.

    Wahrscheinlich bedarf es des Drangsalierens, damit die noch regierenden ihr "neoliberal-sozial-darwinistisches" Wertesystem aufrecht erhalten können. Aber die Zeit läuft...

    ...zu unseren Gunsten!

    Danke!

    Attacy

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  2. Ich schließe mich Attacy einfach an, wenn ich darf. Ich finde es auch toll, wie du immer wieder solche Geschichten findest und aufbereitest.
    Mich erinnert so etwas an den Spruch: "Der Schrecken liegt im Detail. Große Dinge wie Massenmord sind schnell vergeben".
    Ich meine, das hätte Heinrich Böll einmal gesagt, bin mir aber dessen nicht sicher.

    (OT) In Mexico gibt es nun auch Indignados nach spanischem Vorbild. (Telepolis - "Auch Mexiko empört sich")

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  3. (OT) Und bei unseren spanischen Freunden dreht man an der Zinsschraube. (spon - "Fitch droht Spanien mit Herabstufung")

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  4. Und wer es ganz genau wissen will, wird hier fündig, wo Menschen zu Zahlen herabgestuft werden: "Income, Poverty and Health Insurance Coverage in the United States: 2010"

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  5. Zu Deiner zuletzt zitierten Meldung:

    Die habe ich gestern auch gelesen, dazu passend die Nachricht, dass sich erstmals seit dem (ersten) Höhepunkt der Finanzkrise 2008 die Oberschicht (also die ganz Reichen) mehr Sorgen um den Verfall der Wirtschaft und die steigende Armut macht als es die Mittelschicht tut. Dieser Befund - i.e. Oberschicht sorgt sich mehr als Mittelschicht - wurde in dem Artikel als diagnostischer Beweis herangezogen, dass es um Amerika wirklich schlimm stehen muss.

    Noch was? Ach ja: Die Unterschicht wurde zu ihren Sorgen nicht befragt.

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  6. Welch ein erfreulicher Lichtblick in Dämmerdeutschland:

    Mieter-Demo in Berlin gegen allgegenwärtige Gentrifizierung

    Macht Spass.

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  7. Wenn man nix mehr hat, dann bleiben immer noch die inneren Werte.
    Arte-Doku über Organhandel (~53min.).

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