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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Strahlkraft


Aus unserer beliebten Reihe:
"Voll der Griff ins semantische Marketing-Klo"
stellen wir heute den jüngsten Rohrkrepierer der japanischen PR-Industrie vor:


Ein niedliches Überraschungsei mit Engelsflügeln! 
Ein kleiner Strahlemann aus dem Land 
der unbegrenzten Verstrahlungsmöglichkeiten! 
Don't worry, be happy
äh, huppy
öh, fukuppy
eh, what the fucky
Ich strahle, 
du strahlst, 
sind wir nicht alle ein bisschen verstrahlt?

War aber gar nicht so gemeint, ehrlich.

Weil, Fukushima Industries (obere Zeile) ist nicht etwa der Deckname für die japanische Nuklearindustrie Tepco, sondern ein harmloser Kühlschrankhersteller aus dem Land der nie untergehenden Sonnen- und sonstigen Strahlen. Der hatte sich ein neues, glücksstrahlendes Markenmaskottchen kreiert und dabei nicht bedacht, dass, wer Fuku heißt, für den Spott nicht zu sorgen braucht, denn der folgte dem fulminanten Fehlzünder auf dem Fuße:

auf Deutsch: Halt's Maul, verdammt nochmal!

Und weil sowieso viel zu viele Lügenmäuler dieser Welt endlich, endlich bitte mal die Klappe halten sollten, verdammt nochmal, und weil der gefiederte Fukuppy im Begriff ist, zum weltweit geflügelten Protest-Mem zu werden, gibt es den eiernden kleinen Troubleshooter mit den roten Schuhen (ha!) jetzt auch als Musterschablone zur freien Verfügung gemäß dem volkstümlich-revolutionären Prinzip:

Wem Sie schon immer mal 
übers dreckige Lügenmaul fahren wollten

Genial.

Wäre ich T-Shirt-Hersteller, wüsste ich, was zu tun wäre. Ich würde auf der Stelle in die Massenproduktion einsteigen und mit dem Ding an die Börse gehen, und zwar mit der - pardon - fucking  fluoreszierenden Variante. Slogan: Damit Sie Tag und Nacht kraftvoll strahlen können.

Montag, 2. September 2013

Feuchtes Daumenlutschen auf teigigen Hinterteilen


Mit offenem Mund schaute ich gestern ein historisches Video an, wo Hunderttausende sich versammelt und singend gegen den Vietnamkrieg protestiert hatten. Waren das Zeiten!, dachte ich beeindruckt - wo sind sie geblieben?

Eine Antwort gibt der extrem bissige und konfliktfreudige amerikanische Cartoonist Mike Flugennock. Bezüglich des "nahezu totalen Schweigens der Antikriegs-'Bewegung' zu Präsident Sparkle Pony's Wunsch nach militärischer Invention in Syrien" kommentiert er:
Die meisten jener Leute, die zu Anfang des 21. Jahrhunderts die Straßen füllten, waren nichts weiter als angepisste Demokraten (= Anhänger der Demokratischen Partei), die prompt ihre Protestschilder und Transparente wegwarfen und nach Hause marschierten, als der 2008-Präsidentschaft-Freakzirkus losgetreten wurde, und sie ließen diejenigen von uns im Trockenen sitzen, die ein wirkliches Ende des Militarismus anstrebten - egal welcher Parteiflügel sich dem Bomben, Morden und Foltern widmete.
Mit diesen Weggenossen Obamas hat Flugennock ein vergiftetes Hühnchen zu rupfen. Er zitiert die Code-Pink-Gründerin und Parteigängerin Medea "Media" Benjamin ("anything but Bush" - hat sie ja dann auch erreicht):
"Diejenigen von uns, die immer noch dran sind, haben mobilisiert. Die Online-Proteste platzen aus allen Nähten. Es gibt Petitionen an Obama gerichtet, es gibt Aufrufe an den Kongress, Stellung zu beziehen ... alle haben sie Aufrufe veröffentlicht mit der Aussage: kein Krieg in Syrien."
- eine Bemerkung, die Flugennock wutschnaubend nach Luft schnappen ließ ("gobsmacking"), ihn zu diesem Cartoon -



- und zu folgendem Rant inspirierte:
Lieber Gott, was für eine großartige, feuchtheiße Nummer von Daumenlutschen. Ich könnte nur noch meinen Kopf auf die Tischplatte hauen. Medea Benjamin denkt, wir hätten irgendeinen Einfluss auf die Politik mit "Protesten" im Internet, mit dem Abschicken von Petitionen (die prompt ignoriert werden) an Präsident Sparkle Pony, und indem wir eine Horde habgier-ärschiger soziopathischer Politiker anflehen, gegen deren eigene Interessen zu handeln. Man sollte glauben, gerade eine Medea Benjamin hätte verstanden, dass echte Bewegungen - und echter Wandel - von realer, lebendiger, grundehrlichen, menschengeschaffener "Straßenhitze" in Gang gesetzt wird, und nicht vom Rumsitzen auf teigigen Ärschen vor einem Computer, dem Unterzeichnen nutzloser Petitionen, dem Bitchen auf Farcebook und dem Prinzip des Unsichtbarbleibens in der Öffentlichkeit und in den Medien.
Lieber Gott, ist das göttlich! Dem ist nichts hinzuzufügen.

Oder doch. Einer geht noch:
Jesus Christus, ich brauche einen Drink... oder vielleicht besser ein paar Drinks. Obwohl, genau genommen - fuck the drinks, gib mir einfach ein bisschen gottverdammtes Heroin.
Ah. Und ich? Brauche heute früh eine Tasse Kaffee weniger als sonst. Hat mich hellwach gemacht, diese fulminante Dynamo-Zündung des wunderwunderwunderbaren Mike Flugennock. Positiv sollst du deinen Tag beginnen.

Dienstag, 27. August 2013

Was weg muss


Ich hatte mir geschworen, dieses Jahr von dem Thema die Finger zu lassen. Nachdem ich es vor vier Jahren um die gleiche Zeit, an der Tastatur randalierend, in epischer Breite ausgeschöpft habe.

Das Thema hieß:
Wahlplakate im allgemeinen.
Im besonderen: Wahlplakate, die Radwege blockieren.
Wahlplakate, die rotzfrech mitten auf Radwegen thronen und die Radfahrer zwingen, auf Bürgersteige, Straße oder Wiese auszuweichen. Oder, bei Gegenverkehr, abzusteigen.
Wahlplakate, die wie breitärschige Platzhirsche dem Radfahrer von weitem entgegenröhren: Das ist mein Revier, klar?, ich bin hier, und wo du bleibst, ist mir so egal wie Nachbars Pisspott.

Wie gesagt, ich hatte mir geschworen. Aber manche Wahlplakate bringen es zu einer so unfassbaren Impertinenz, dass Schwüre gebrochen werden müssen. Nicht bloß, dass sie mit mehr als der Hälfte ihrer Fläche in den Radweg hineinragen. Obendrein schauen sie kackdreist in genau die Richtung, wo der Radfahrer sich an ihnen vorbeizuquetschen genötigt sieht, und röhren ihm lauthals entgegen:


Nein, Claudia, du bist nicht hier. 
Du warst hier.
Jetzt bist du weg.
Und ich?
Ich bin hier.
Das ist mein Revier, klar?
Du glaubst gar nicht, Claudia, 
wie gut sich ein verstauchter Zeh 
am rechten Fuß anfühlen kann.

Sonntag, 4. August 2013

So sweet



Wenn mir ein Thema am Herzen liegt, dann sind es Brombeeren. Deshalb hat das Thema Brombeeren auf diesem Blog ein eigenes Tag bekommen. Erstens weil ich Brombeeren liebe, zweitens weil selbstgemachte Brombeermarmelade der Burner ist, drittens weil selbstgemachte Brombeermarmelade aus selbstgepflückten Brombeeren der absolute Burner ist, und viertens, weil jedes Jahr beim Brombeerpflücken irgendwas passiert, woran ich noch lange später denke. Und zwar mit Gewinn.

Nichtbrombeerpflückern sei gesagt, dass heuer eine Bombenbrombeersaison angebrochen ist, wegen der Hitzewelle, dann ein paar Tage Starkregen und jetzt eine neuerliche Hitzewelle. Brombeeren lieben das. Sie explodieren förmlich aus dem sperrigen Dornengebüsch heraus. Sie hängen üppig an schweren Zweigen, in riesigen Dolden, schimmern dem Pflücker schwarz, satt und fett entgegen, so dass die übliche brombeerpflücktechnische Schinderei, die zwangsläufig in ein blutiges Kratzerdesaster am ganzen Körper mündet, sich dieses Jahr in engen Grenzen hält. Dieses Jahr wachsen die Brombeeren einem förmlich ins Maul.


Frühmorgens ist die beste Zeit zur Ernte. Die Luft ist noch schön frisch, während die schwarzen Beeren bereits von der Morgensonne aufgeheizt wurden. Die erste dieser vollreifen, sonnengewärmten Früchte in den Mund zu schieben ist jedes Mal eine kleine geschmackliche Sensation. Sachte gegen den Gaumen gedrückt, macht sich zunächst nichts als eine süße, schmeichelnde Wärme breit; kurz darauf setzt der fruchtige Säureschock ein. Beides zusammen ergibt im Mund eine unvergleichliche Reaktion. So was schaffen nur Brombeeren.

Danach setzt die Gier ein, die nackte Gier auf nicht bloß eine, sondern den ganzen Mund voll Brombeeren, handvollweise, denn man braucht ja nur die Hand auszustrecken, mit allen fünf Fingern sachte an den riesigen Dolden zu zupfen, die Beeren lösen sich widerstandslos, gleiten in die unzerkratzte Hand und von der Hand in den Mund und die große Sensation nimmt ihren Lauf. Solange der Mund voll ist, fallen die gezupften Früchte handvollweise in den Spankorb, der sich im Handumdrehen füllt, und allein dieser Anblick fetter, schwarz schimmernder, sich im Korb häufender Brombeeren in der frühen Morgensonne macht den Tag zu meinem Tag.


Heute früh war mein erster Spankorb schon fast voll, mein Kopf hing konzentriert und mit vollem Mund über einem Prachtexemplar von Dolde, da hörte ich ein schneidig schnurrendes Geräusch sich nähern. Es näherte sich schnell, so dass mir gar keine Zeit blieb mich umzudrehen. Das Geräusch schnurrte von rechts in einem rasanten Bogen um mich herum und verstummte abrupt: Links neben mir war ein Rollstuhl zum Stillstand gekommen. In dem Rollstuhl saß ein alter Mann. Er nickte mir freundlich zu und begann Brombeeren zu pflücken.

Er tat dies mit geübten Griffen und stets in der gleichen Abfolge: Zuerst streckte er den rechten Arm aus ins Gebüsch, zupfte eine Brombeere, ließ sie von der rechten in die linke Hand gleiten, schob sich mit der linken Hand die Brombeere in den Mund, und während die linke Hand die Frucht in  den Mund schob, streckte er synchron den rechten Arm von neuem aus, zupfte, übergab die Frucht der linken Hand, schob sie sich in den Mund und immer so fort in einem faszinierend routinierten Rhythmus. In dem alten Gesicht lag ein Ausdruck höchster genießerischer Verzückung.

Reflexhaft hielt ich dem Mann meinen vollen Spankorb entgegen und bot ihm an, sich der gepflückten Brombeeren zu bedienen. Zögernd öffnete er seine rechte Hand. Ich füllte sie mit Brombeeren. Er schob sich die Früchte in den Mund, kaute andächtig, schaute irgendwie versonnen in meinen Korb, so dass ich ihm noch eine Handvoll anbot. Da hob er höflich ablehnend seine Hand, lächelte breit und sagte in gebrochenem Deutsch: "Ist süßer, wenn allein!", streckte die Hand erneut ins Gebüsch aus, um weiterhin eigenhändig eine Brombeere nach der anderen zu zupfen und zu genießen.

Nach einer Weile fing es wieder an zu schnurren, der alte Mann steuerte sein Gefährt zum nächsten Gebüsch, das Schnurren verstummte, der Mann zupfte, drehte den Kopf noch einmal zu mir zurück, lachte und rief: "Ist viel süßer so, verstehn?"

Ja. Ich verstand. Voll und ganz. Weil der alte Mann genauso tickt wie ich: Selbstgepflückte Brombeeren sind nun mal der Burner. Nur dass er halt im Rollstuhl pflückt und ich im Stehen. Würde ich mich etwa freuen, wenn mir, mitten im Rausch des Brombeerenpflückens, jemand Wildfremdes eine Handvoll gepflückter Brombeeren anböte? Eben.
Ist viel süßer, wenn allein.

Natürlich kann man sich die ganze Mühe auch sparen, in den klimatisierten Supermarkt gehen und eine 200-Gramm-Schale Brombeeren für 1,89 Euro kaufen. Aber erstens begegnet man keinen ungewöhnlichen Menschen, und zweitens, drittens, viertens,
ich schwöre es: Ist süßer, wenn allein.


Freitag, 2. August 2013

Bewusstseinsbildung


Bewusstseinszentrum (englisch: awareness center)

Das Zentrum für Bewusstsein, Wahrnehmung, Achtsamkeit. Wo um alles in der Welt hat dieses Zentrum seinen Sitz? In welchen Tiefen der Großhirnrinde, des Kleinhirns, Zwischenhirns, der Schläfenlappen oder vielleicht doch wo ganz anders? Doch nicht etwa irgendwo draußen in aller Welt?

Wer's nicht weiß, kommt nie im Leben drauf: Das Zentrum für Bewusstsein, Wahrnehmung und Achtsamkeit befindet sich in Oakland, Kalifornien, nennt sich Awareness Center, und weil dieses Zentrum dem kompletten Einzugsgebiet Oaklands seine Wahrnehmung und Achtsamkeit schenken möchte, heißt es ganz offiziell Domain Awareness Center.

Nei-ein, es handelt sich dabei um keine zentrale Überwachunginstanz zur Kontrolle einer Stadt und ihrer Bürger, woher denn, Überwachung, igitt, Kontrolle, pfui, wie das schon klingt! Nein, es wurde mit Bedacht ein Name gewählt, der sich ins Ohr schmeichelt wie der eines neuartigen Instituts für ganzheitliche Bewusstseinserweiterung mit integrierter Fußreflexzonenmassage: Awareness Center. Schenken Sie uns Ihr Vertrauen, wir schenken Ihnen unsere Achtsamkeit, lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen in ein neues Zeitalter des bewussten Wahrnehmens! Und jetzt her mit Ihren Daten!
Die Stadt Oakland ist gegenwärtig im Begriff, ein Domain Awareness Center (DAC) zu etablieren. Das DAC wird als ein "Fusionszentrum" dienen zur Aggregation von Videoaufnahmen und Echtzeitdaten aus zahlreichen Quellen rund um Oakland. Die möglichen Programmkomponenten umfassen die Integration von closed-circuit video feeds (CCTV) aus ganz Oakland, einschließlich 700 Kameras in den öffentlichen Schulen Oaklands und 135 Kameras am Oakland Coliseum complex. Videoaufnahmen und Daten von ganz Oakland sollen im DAC aggregiert, danach ausgewertet werden mit einer Nummernschilder-Erkennungssoftware, Wärmebildgeräten, Körperbewegungs-Erkennungssoftware, eventuell Gesichts-Erkennungssoftware und mehr - all dies ohne jegliche Berücksichtigung von Privatsphäre oder der Problematisierung von Vorratsdatenspeicherung, ohne dass jemals eine substantielle Debatte darüber auf Ausschuss- oder Stadtverwaltungsebene stattgefunden hätte.
Die Stadt Oakland ist nicht nur bekannt für ihre hohe Kriminalitätsrate, sondern auch (könnte es da einen Zusammenhang geben?) für ihre personell chronisch unterbesetzte und schlechtbezahlte Polizei. Weil - Austerity, lass deinen Zaunpfahl winken - die Stadt kein Geld hat für Neueinstellungen und angemessene Gehälter. Da trifft es sich gut, dass das gigantische Projekt zur Mega-Bewusstseinsbildung anschub-finanziert wird durch einem Zuschuss in Höhe von zwei Millionen Dollar, großzügig spendiert vom Department of Homeland Security (DHS), und in die Tat (vergelt's Gott) umgesetzt wird von einem Subunternehmer des amerikanischen Militärs, beides so freudig wie einstimmig abgesegnet vom Stadtparlament Oakland. 

Nach zwei Jahren dürfte der Prozess der flächendeckenden gemeinsamen Bewusstseinsbildung abgeschlossen sein, denn ab dann sollen die steuerzahlenden Bürger Oaklands die Finanzierung ihrer Totalüberwachung selbst übernehmen.


Cyrus Farivar via arstechnica

Allerdings ist Oakland noch für ein Drittes bekannt, nämlich für eine kritische, politisch denkende und handelnde, traditionell zur Renitenz neigende und potentiell auf Krawall gebürstete Bürgerschaft. Manche behaupten sogar, genau dieser Umstand sei es, der die Politik zu verschärften Überwachungsanstrengungen gerade in Oakland motiviere. Und dass sowohl die Stadtverwaltung als auch die Polizei Oaklands "ein gewaltiges Problem mit dem Vertrauen ihrer Bürger" hätten, welches gewiss "nicht dadurch gelöst werden wird, indem sie ihre Bürger ausspionieren".

Ja, diese kritischen Bürger nehmen den Mund ziemlich voll - in einer Stadt, die mit allen Mitteln um ein gemeinsames, das Leben aller Bürger einschließendes Bewusstsein ringt. Gottlob stehen der Polizei nunmehr ausreichend Instrumente zur Verfügung, welche die erwünschte Bewusstseinsbildung bei allen, auch den kritischsten Bürgern vorantreiben werden.

Es scheint, das Rennen um die smarteste Stadt der Welt hat erst begonnen. Tipps und Wetten werden noch angenommen. Ein Anwärter könnte die Stadt Chéran in Mexiko sein. Deren Bürger haben vor zwei Jahren die Polizei zum Teufel geschickt und die Stadtverwaltung gleich hinterher; beides mit der Begründung: zu korrupt und daher inkompetent. Können wir besser, sagten die Bürger Chérans, wir verwalten unsere Stadt selbst und passen auf uns selbst auf, Autonomie statt Überwachung, basta.

Ja, die haben auch den Mund ziemlich voll genommen, aber was will man sagen - der Laden läuft, in Chéran. Die Kriminalität, namentlich die organisierte, ist zurückgegangen. Ohne Polizei. Die Lebensqualität, sagen die Leute, sei deutlich gestiegen. Ohne Überwachungskameras. Irgendwie gebe es jetzt ein viel besseres Gemeinschaftsgefühl, und viel mehr Vertrauen untereinander. Ohne Stadtverwaltung. Irgendwie, heißt es, habe sich so etwas wie ein neues Bewusstsein gebildet.

Ist aber ein Tipp auf einen krassen Außenseiter. Kennt ja keiner. Chancenlos. Aber ziemlich smart.

Freitag, 14. Juni 2013

Frauenpower auf türkisch



Mütter, passt gut auf eure Söhne auf. Auf eure Töchter sowieso. Am besten lasst ihr sie gar nicht mehr auf die Straße. Was denen dort alles zustoßen könnte! Bei all der Gewalttätigkeit, den Ausschreitungen, der Randale! Passt gut auf eure Kinder auf, Mütter. Holt sie zu euch nach Hause. Hausarrest, habt ihr das verstanden? 

Vor zwei Tagen warnte der Gouverneur von Istanbul eindringlich alle Eltern, "ihre Kinder zu sich nach Hause zu holen". Wieso das? Weil es auf den Straßen und in den öffentlichen Parks viel zu gefährlich sei für die Heranwachsenden: "Dort ist ihr Leben bedroht." Im gleichen Atemzug versicherte der Politiker, es werde keinerlei Polizeieinsatz auf dem Taksim-Platz geben, sodass zunächst nicht ganz deutlich wurde, aus welchem Grund der fürsorgliche Gouverneur meinte an die Fürsorgepflicht der Eltern appellieren zu müssen.

Es wurde jedoch ganz schnell deutlich: Am darauffolgenden Morgen stürmte die Polizei den Taksim-Platz sowie den Gezi-Park mit Wasserwerfern und Tränengasbomben. Die Kinder? Waren nicht zuhause geblieben. Waren lieber auf dem Platz und im Park. Die Mütter? Waren nicht zuhause geblieben, sondern beschlossen, an Ort und Stelle auf ihre Kinder aufzupassen. Rund um den Gezi-Park bildeten die Frauen eine Menschenkette, um ihre demonstrierenden Kinder zu schützen, deren Leben von Polizeigewalt (Danke, Mitzerl!) bedroht war.

Gesungen haben die fürsorglichen Mütter natürlich auch:

"Seite an Seite gegen Faschismus!"


"Hände weg von unseren Kindern!"


"Abdullah Cömert ist unser Kind!"
(Abdullah starb an den Folgen eines Kopfschusses
 durch einen Polizisten während eines Einsatzes in Hatay)

Respekt.

Wobei die türkischen Mütter bestimmt noch einiges lernen können
von den türkischen Großmüttern:

Sonntag, 9. Juni 2013

The beat goes on


Ich bin ja ein großer Freund des revolutionären Topfschlagens (cacerolada) und des damit verbundenen lustvollen Lärms.

Zahlreiche Experimente haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass kaum ein Küchenutensil einen besseren Soundtrack liefert als ein Wok-Topf (Metall), geschlagen mit einem Kochlöffel aus Holz - voller warmer Klang mit nachhaltig schwingendem Echoeffekt. Andere schwören auf Metall gegen Metall (z.B. Esslöffel gegen Kochtopfdeckel oder Dosenöffner gegen Bratpfanne) oder hauen gleich Kochtopfdeckel gegen Kochtopfdeckel, was mir persönlich zu tschingderrassabum-mäßig klingt, aber so hat halt jeder seine perkussiven Vorlieben.

Von den Türken lernen heißt siegen lernen, jedenfalls in musikalischer Hinsicht. Die setzen sich einfach an den Straßenrand mit Töpfen, Tellern, Gläsern, Löffel und Gabel, los geht's und heraus kommt nicht nur ein wunderschöner, folkloristisch angehauchter Revolutionssong, sondern ein so zauberhaft lustig-melancholischer Film, dass ich vom Gucken und Hören gar nicht genug kriegen kann:



Die machen wirklich mit allem Rhythmus, was ihnen in die Finger kommt, sogar mit einer zum Schrapidiophon (kein Scherz, heißt so, weil es so klingt) umfunktionierten klobigen Küchenreibe. Und mit Eierlöffeln aus Plastik und Fingerhüten aus Blech und einem Waffeleisen und einer Guglhupf-Backform und noch viel mehr Kücheninstrumenten. Und mit intelligenten, poetischen Texten, gesungen voller Schmelz und Hingabe.

Und mit einer durch die Gasse streunenden Katze, die von der spontanen Session mindestens genauso fasziniert ist wie ich.

Sowie mit sehr, sehr vielen Pinguinen. Solchen, die die Schnauze gestrichen voll haben. Die eine Bauchlandung nach der anderen hinlegen. Die immer wieder aufstehen und weitermachen und nur so vorankommen. So läuft das. The beat goes on.

Taxi, bitte!


Solidaritätsdemonstration in Ankara am 8. Juni 2013


Solidarität hat viele Gesichter. Am meisten beeindruckt hat mich - als jüngstes Beispiel - das solidarische Verhalten der Taxifahrer anlässlich einer Demonstration von über 10.000 Regierungsgegnern in Ankara (Türkei) gestern abend. 

Die Proteste begannen in Feierstimmung, mit viel Gesang und Vuvuzela-Gebläse; immer mehr Menschen stürmten aus ihren Häusern oder unterstützten den Zug von ihren Balkonen und Fenstern mit lautstarkem cacerolada-Soundtrack. Als die Menschenmenge im Begriff war, sich auf einem großen zentralen Platz zu versammeln, wurde sie von der Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas-Flächenbeschuss aus Panzerfahrzeugen bekämpft. 

Während die Demonstranten rund um den Platz einen Sicherheitskordon bildeten, um sich gegenseitig zu schützen, schritten Ankaras Taxifahrer kurzerhand zur solidarischen Tat: Sie schützten die Demonstranten mit einer spontanen Taxi-Barrikade vor dem Hochdruckwasserstrahl der Polizei.

Haut mich um, so etwas. Bravo und Respekt.

Freitag, 7. Juni 2013

Wir sind alle Plünderer


Die andere Seite der türkischen Protestbewegung occupygezi:

- nicht die der Wasserwefer und Tränengasgranaten, der Polizeigewalt, der Schusswunden, der Verletzten und Toten, der martialischen Unterdrückung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit, der ohnmächtigen Beschimpfungstiraden eines machtwütigen Ministerpräsidenten ("Das sind alles Plünderer!") -


(mit einem informativen Artikel 
über die Vielschichtigkeit des türkischen Protestes 
von Ali Cem Deniz)

- sondern die eines Lebensgefühles, einer lustvollen Inbesitznahme des öffentlichen Raumes ("Wir sind alle Plünderer!"), des miteinander Feierns und Abhängens, des Improvisierens und Ausprobierens, des Humors, der Freude am gemeinsamen politischen Handeln und am Austausch, des Stillens eines lange währenden Hungers, künstlich geschaffen von einem menschenfeindlichen autoritären System.

capulcular = Plünderer
Erginbilgin

Ich Tschapulle
Du Tschapulst
Er/Sie/Es Tschapult
Wir Tschapullen
Ihr Tschapult
Sie Tschapullen.

Protestlyrik
von Furkan Eren Duran

Sonntag, 2. Juni 2013

Abschirmtechniken


Nachdem sich seit gestern ganz Frankfurt halbtot lacht über den polizeistaatlich inspirierten Kampfterminus "passive Bewaffnung" und keiner mehr sich mit einem Regenschirm aus dem Haus traut - was ein Glück, dass es heute ausnahmsweise mal nicht geregnet hat, dafür schien die Sonne, was eine passive Bewaffnung mit einer Sonnenbrille nahezu unumgänglich machte und den Träger potentiell einem polizeilichen Pfeffersprayangriff aussetzte (merke: Pfefferspray = aktive Bewaffnung = gut, weil adäquater Schutz der Polizei gegen passive Bewaffnung der Bevölkerung = böse, weil inadäquater Schutz der Bevölkerung gegen aktive Bewaffnung der Polizei) -,


nachdem also tout Frankfurt nur noch Witze reißt über gefährliche Schirme sowie ihnen schutzlos ausgelieferte, bis an die Zähne bewaffnete Polizisten, wird es Zeit, mal einen Blick über den gemütlichen Äppelwoi-Äquator hinaus zu werfen, dorthin, wo Pfeffersprayattacken derzeit flächendeckend durchgeführt werden und die Leute ohne passive Bewaffnung durch flächendeckende Schutzschirme hoffnungslos aufgeschmissen wären, nämlich in der Türkei:


Auch in der Türkei scheint es das Phänomen der aktiv bewaffneten, schutzlos ausgelieferten Polizisten zu geben, daher der Name "Schutzschilder":


- was wiederum die kämpfenden Demonstranten auf die Idee brachte, dass so ein paar Schutzschilder durchaus nützlich sein könnten für die eigene passive Bewaffnung:


- weil sie nämlich gecheckt haben, dass es letzten Endes völlig wurscht ist, ob sie aktiv oder passiv oder gar nicht bewaffnet ist, denn verkloppt und beschossen und begast werden sie so oder so.

Wie im einzelnen die Schutzschilder den Besitzer gewechselt haben, zeigt anschaulich dieser Film:



Keep fighting, friends in Turkey! Solidarität!

Samstag, 11. Mai 2013

Schneeballprinzip Solidarität


Wenn man nicht aufpasst wie ein Fuchs, verpasst man die tollsten Geschichten. Geschichten, die mit Fug und Recht als Erfolgsgeschichten bezeichnet werden können. Die man jedoch in den Medien vergeblich sucht, weil sie keiner jener glamourösen Erfolgsstories entsprechen, über die Medien gern berichten.

Geschichten, geschrieben von Arbeitern, die von der Arbeitslosigkeit bedroht waren.

Geschichten einer von Arbeitern besetzten (O-Ton: "Wir haben alles beschlagnahmt, alles in der Fabrik gehört uns.") bankrotten Fabrik, deren Manager sich aus dem Staub gemacht hatten ("Wir können dieses Unternehmen führen - nachdem sie's nicht können, können wir das."). Sie können es. Inzwischen führen die Arbeiter das Unternehmen.

Geschichten, erzählt ausschließlich von Arbeitern. Nicht von Gewerkschaftsfunktionären, nicht von Parteibonzen, nicht von irgendjemandem, der von höherer Warte den Arbeitern meint sagen zu müssen, wo es lang geht. Sondern von Arbeitern. Sie können es.

Geschichten, packend erzählt von der ersten bis zur letzten Minute:


(deutsche Untertitel) 

Der Protagonist der Geschichte trägt einen Namen. Er heißt: Solidarität.
"Was der Kapitalismus uns vor allem anderen zu verstehen gibt: Geeint zu sein ist der wichtigste Faktor, um weiter zu kämpfen und diesen Kampf zum Erfolg zu führen. Es gab einen Zeitpunkt, wo viele Kollegen, die sich nur ungern dem Kampf anschließen wollten, ihre Meinung änderten und dazustießen.
Wir, die Arbeiter von Vio.Me, haben einen Anfang gemacht. Aber wir ruhen uns nicht darauf aus. Weitere Fabriken, gewerbliche Unternehmen, multinationale Unternehmen werden folgen. Dann werden die Bauern beginnen, die Produktion nach den Bedürfnissen der Armen zu organisieren und darauf achten, dass niemandem etwas fehlt."
Dass es der Kapitalismus ist, der uns lehrt, uns zu solidarisieren - dieser Gedanke war mir ungewohnt. Wo doch der Kapitalismus uns hartnäckig belehrt, einander zu misstrauen, zu bekämpfen, zu verachten und uns lautstark überlegen zu fühlen gegenüber allen, denen wir uns überlegen fühlen. Andererseits, wer sonst sollte uns die Solidarität lehren, wenn nicht der Kapitalismus? Weil, es rettet uns ja bekanntlich sonst kein höh'res Wesen.

Neulich hatte ich ein paar kluge Zeilen gelesen über den Kapitalismus, der, indem er uns jegliches Bedürfnis nach Solidarität auszutreiben versucht, genau dieses Bedürfnis in uns wachruft.
Solidarität: ein Wort auf der Suche nach Fleisch 
Der Geist der Solidarität mag sich im Exil befinden, jedoch wäre es vorschnell zu kapitulieren in der Annahme, er würde niemals zurückkehren. Er wird immer wieder zurückkehren, verstohlen, aber beharrlich. Geduldig wartet das Wort 'Solidarität' auf das Muskelfleisch, zu welchem es werden kann. Und es wird nicht aufhören, begierig und voller Leidenschaft dieses Fleisch zu begehren, bis es ihm gelingen wird.
Worte, die verschüttete Saiten ausgraben und zum verstohlenen Schwingen bringen. Saiten, die vom Schwingen ins Klingen gebracht werden, wenn griechische Arbeiter solche Töne anschlagen:
"Wir sagen, dass die Arbeiter von Vio.Me, die Kollegen und Mitstreiter, nur eine Handvoll Leute sind. Sie sind nur wie eine Handvoll Schnee. Wir machen einen Schneeball daraus und werden ihn werfen. Wir werden ihn von der Klippe werfen, und er wird beginnen zu rollen, und im Runterrollen wird er wachsen, indem er mehr Schnee bekommt, mehr und mehr, und wenn der Ball wächst und noch größer wird und mehr Schnee sammelt und die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Hausfrauen, die Studenten, die Bauern an sich zieht - natürlich, Solidarität. Die Solidarität wird gewährleisten, dass der Ball nicht abstürzt und zerbricht, sodass er den Fuß der Felswand unversehrt erreicht. Und er wird so groß werden wie die Erde, und nur dann, Kollegen und Mitstreiter, werden wir sagen können, dass wir gewonnen haben."
Solidarität. Ein Wort auf der Suche nach Fleisch.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Mucke zum Aufmucken


Bereits gestern hatte er sich angekündigt, und nun ist er also da, der erste Mai, und mir ist so nach Feiern, irgendwie.

Zum Feiern gehört was Anständiges zu trinken und eine gute Grundlage, also was Fettes, zu essen, also was Anständiges vom Grill und natürlich, ganz wichtig, eine anständig fette Musik, und wer das alles unproletarisch findet, kann mir mal gestohlen bleiben, zumal am ersten Mai.

Nur, wo kriege ich fette Musik um ersten Mai her? Nicht ganz einfach. Soll ja irgendwie international sein, aber eben auch lustig und vor allem groovig, weil, man will ja dann auch anständig abtanzen, weshalb das hier schon mal ein Griff in den - wenn auch international korrekten - Eimer war.

Hab' dann ein bisschen geguckt, wie andernorts gefeiert wird. In Spanien zum Beispiel, wo der erste Mai El Dia del Trabajador genannt wird, also der 'Tag des Arbeiters', haben sie den Feiertag zu Ehren des Arbeiters sehr konsequent und mit viel Sinn fürs Absurde umgesetzt:


- weil, was ist schon ein Arbeiter gegen 6.202.700 arbeitslose Menschen? Kein Wunder, dass der Rest der Spanier dem solidarischen Grillen frönte, weil ihnen alles andere an diesem Tag als reichlich absurd erschien.

Apropos absurd. Und damit zurück zu meiner dem Feiertag angemessenen Musiksuche. Ich hab' schließlich was ganz Tolles, Fettes, Anständiges, Lustiges, Grooviges, Tanzbares gefunden: Mucke aus Apsurdistan. Apsurd ist bosnisch für 'absurd', ist also international leicht verständlich, und Apsurdistan steht nicht etwa nur für Bosnien, sondern ebenso für den durchgeknallten Rest der Welt. Schwer völkerverständigend also. Auf dem Album Apsurdistan gibt es einen Song Prvi maj (erster Mai auf bosnisch), gesungen und gespielt von Dubioza Kolektiv, und wem allein schon dabei - einem dubiosen Kollektiv aus Absurdistan - nicht das Herz lacht und die Schuhe anfangen zu qualmen, dem ist nicht mehr zu helfen.



Prvi maj ist ein fulminanter musikalischer Aufruf zu solidarischem, sinnlichem, ausschweifendem Miteinanderfeiern - "Kein Tränengas, kein Schlagstock, wir lassen uns von der Politik nicht das Feiern verderben", "der Duft von Gegrilltem kitzelt die Nasen", flankiert von "miteinander kämpfenden Pflaumenschnapsflaschen", "niemals lassen wir uns versklaven, unerschrocken feiert ein Kumpel mit dem anderen", "wer fragt nach Klassenkampf, Revolution und Pariser Commune, hier sind zehn Grillwürste zum gerechten Aufteilen!"


Auf den sensationellen Act bin ich übrigens gestoßen bei meinem Lieblingsbulgaren Todor Ovtcharov, selbsterklärter "Low-Life Experte", in Österreich lebend, sich dort über alles mögliche wundernd und darum öfters Zuflucht nehmend zur lebensfrohen Kultur des Balkans. Ovtcharov schließt mit einem Aufruf zum ersten Mai, dem ich mich vollumfänglich anschließe:
Proletarier aller Absurdistans, vereinigt euch!

Freitag, 19. April 2013

Eisern links


Es gibt ja Leute, die hängen sich über ihr Bett das Porträt eines Großen Diktators. So als Einschlafhilfe.  Dann fallen sie selig in den Schlummer und träumen von großen Zeiten, träumen die ganze Nacht große Träume von großen Männern; im Einzelfall auch von großen Frauen, beispielsweise von einer gewissen Margaret Thatcher, die - mal eben "auf links" umgepolt - ihnen als fabelhafte Führungsfigur in ihren Träumen erscheint.

Morgens wachen sie dann erquickt und inspiriert auf, setzen sich an den Schreibtisch und das Geträumte in die Tat um, oder jedenfalls in ein Geschreib, dem, so hoffe ich inständig, niemals die Tat folgen möge. Weil, allein schon die wirre Buchstabenfolge "Was wir brauchen, ist eine Thatcher von links" verschafft mir bereits im Wachzustand solche Alpträume, dass ich künftig kein Auge mehr zutun könnte, aus lauter Angst, eine auf links umgekrempelte Eiserne bescherte mir einen nächtlichen Horrortrip nach dem anderen.

Brauchen wir eine kämpferische Bewegung? Menschen, die sich auflehnen, solidarisieren und erklärtermaßen dem Führerprinzip entsagen? Brauchen wir Indignados, Platzbesetzer, öffentliche Versammlungen, wo jeder mitreden darf? Alles nutzloser Schnickschnack, braucht kein Mensch. Was wir wirklich brauchen, ist eine gesunde Dröhnung autoritärer Führerschaft. Eine - yep! - "Eliteklasse".

Ohne den Führungsanspruch der linken Eliteklasse bleiben nämlich emanzipatorische Bewegungen von unten, von der Straße zum Aus-der-Pfeife-rauchen; und nicht nur das, viel schlimmer: Sie stellen sich sogar als "erkenntnistheoretisches Hindernis der angemessenen Konfrontation mit der Krise unseres politischen Systems" in den Weg. Weil führerlos. Weil erst durch ihn, den großen Führer, könnten "die Menschen entdecken, was sie wirklich wollen".

Keine Ahnung, was es ist, was die Menschen in Massen auf öffentliche Plätze treibt, wenn nicht das, was sie wollen oder nicht wollen? Ist ja auch egal. Irgend jemand von oben muss denen da unten klarmachen, was sie "wirklich wollen". Sollten die da unten auf die Straße geströmt sein, weil sie die Schnauze voll haben, von denen da oben alternativlos bevormundet zu werden, so werden sie von unserem radikalen Träumer eines Besseren belehrt: Denn an Belehrung von oben nach unten führe nun mal kein Weg vorbei und erst recht keiner zur Revolution. Basta. Alternativlos, versteht ihr, ihr Dumpfbrocken da unten?

Es ist nämlich so:
"Das absolute Paradox politischer Dynamik liegt darin, dass es eines Führers bedarf, um die Individuen aus dem Morast ihrer Massenträgheit herauszuziehen und sie zu motivieren zu einem selbst-überwindenden emanzipatorischen Kampf für Freiheit."
Hat da beim Lesen irgend jemand missfällig die Nase gerümpft?
Hat gar einer genölt, dem ganzen Führergequatsche wohne etwas Faschistisches inne? Unsinn. Dem wohnt überhaupt nichts Faschistisches inne. Warum nicht? Bitte, weil es dort steht, schwarz auf weiß:
"Diesen Zeilen wohnt absolut nichts Faschistisches inne."
Dann muss es ja stimmen. Wenn der tollkühne Träumer in seiner nichtfaschistischen Führerkabine es so diktiert.

Übrigens habe ich mir neuerdings über mein Bett ebenfalls das Porträt eines Großen Diktators gehängt. Als Einschlafhilfe. Und zum fröhlichen Aufwachen. Und um in den Phasen dazwischen von alpdruckartigen Erscheinungen halluzinierender Knalltüten mit Zwangsvorstellungen und unbehandelbarem kommunistischem Phantomschmerz-Syndrom verschont zu bleiben. Alternativlos:


Sonntag, 3. März 2013

Protestsong


Protest hat viele Gesichter.

Eines der eindrucksvollsten ist das lange Gesicht von Passos Coelho, ehemaliger Finanzmanager im Investmentsektor und heutiger Premierminister Portugals.

Im portugiesischen Parlament wurde nämlich gesungen, und je länger gesungen wurde, desto länger wurde Coelhos Gesicht. Von der Publikumstribüne herab schmetterte - aus Protest gegen die alles strangulierende Austeritätspolitik - eine selbstorganisierte Bürgerversammlung das Revolutionslied Grândola, Vila Morena.



Grândola, Vila Morena war das Lied zur portugiesischen Nelkenrevolution.
In der Nacht zum 25. April 1974 ging ein Lied über den katholischen Rundfunk in Lissabon: Grândola, Vila Morena. Es war das verabredete Signal zur Erhebung der Bewegung der Streitkräfte, der Anfang vom Ende des portugiesischen Faschismus.
Franz Josef Degenhardt
Gesungen auf deutsch von Franz Josef Degenhardt:



Mittwoch, 6. Februar 2013

Gangnam Gaza Style



Ich hätte nie, wirklich NIE gedacht, dass ich jemals ein verdammtes Gangnam-Video in dieses Blog stellen würde.

Nie und nimmer, habe ich immer gedacht.


So kann man sich täuschen.


Hier kommt Gangnam Gaza Style, das frechste, intelligenteste, leichtfüßigste, lustigste und sichlustigmachendste, zugleich ernsthafteste Video nicht erst seit der Erfindung von Gangnam, mit einfachsten Mitteln umgesetzt und gerade deshalb so wirkungsvoll.
Ein Mobiltelefon, ein Sinn für Humor und eine Internetverbindung waren alles, was eine Gruppe von Palästinensern benötigte, um die Bedrängnisse zu illustrieren, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind.


gefunden bei RT

Freitag, 14. Dezember 2012

Kürzungen müssen sein


Eins der größten Probleme, die einem das Weihnachtsfest komplett versauen können, ist ein zu großer Weihnachtsbaum. Also, ein zu hoher oder zu langer Weihnachtsbaum, der an die Zimmerdecke stößt oder gar an der Spitze abknickt, weil die Decke zu niedrig oder jedenfalls der Weihnachtsbaum zu lang ist. Gottlob gibt es rechtzeitig zum Fest eine so maßgeschneiderte wie formschöne Problemlösung zum passgenauen Kürzen des überlangen Baumstammes:


Erhältlich in der spanischen - ich ahnte schon immer, warum ich dieses Land so mag, jetzt weiß ich es - Hauptstadt Madrid. Dort wurde gestern der erste Guillotinen-Shop in ganz Europa eröffnet. Unter dem in ganz Europa beliebten Austeritäts-Slogan "Recortes, son necesarios..." (Kürzungen müssen sein) läuft die Produktpromotion auf Hochtouren, und wer denkt bei Kürzungen nicht sofort an das Drama des zu langen Weihnachtsbaumes? Eben.

Wobei zum Erwerb einer solchen Kürzungsmaschine noch nicht mal zwingend ein zu langer Weihnachtsbaum vorausgesetzt ist: Die Guillotine macht sich auch gut als dekorativer Solitär in einer passenden Zimmerecke, meinetwegen da, wo sonst der Gummibaum steht; oder man stellt sie als schnittige Installation gleich dorthin, wo sonst der Weihnachtsbaum steht, je nachdem, es gibt ja auch Leute, die Weihnachten lieber baumlos verbringen.

Durchaus schlüssig argumentieren die Ladenbetreiber, der Anblick von Guillotinen auf Protestdemonstrationen sei bereits zur Gewohnheit geworden (damit meinen sie natürlich spanische Demos, keine deutschen); sie gälten nicht nur als Reminiszenz an vergangene revolutionäre Zeiten, wo Köpfe noch hemmungslos - und völlig unmetaphorisch - rollten, sondern nähmen inzwischen einen quasi zeitgemäß-folkloristischen Status ein, was die naheliegende Frage aufwerfe:
"Warum nicht stets eine Guillotine zur Hand haben?" 
Also, so für den Alltagsgebrauch halt, sei es im privaten Wohnzimmer, in irgendeiner Tapas-Bar, oder vielleicht am besten gleich auf einem öffentlichen Platz? Lässt man seiner Kreativität erst mal freien Lauf, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten.

Das schlanke Schneidewerkzeug ist übrigens voll öko: aus massivem, nicht vom Aussterben bedrohtem Pinienholz (regenwaldfrei) gefertigt und von daher politisch völlig korrekt, mit starker handwerklicher Anmutung, extrem robust und für den Dauereinsatz geeignet, vermutlich unkaputtbar - was will man mehr?

Eine Anschaffung fürs Leben; na gut, fürs eigene auf jeden Fall.



Dienstag, 27. November 2012

Messages from Greece



A message from Greece:

Männer und Frauen ohne Job, ohne Einkommen, ohne Zuhause. Eine Supermarktkarre zum Transport der Überreste einer ehemals annehmbaren Bleibe: ein paar in Tüten gestopfte Klamotten, ein paar Decken, ein Schlafsack. Ein Camping-Gaskocher, ein Topf und ein Löffel. Und ein Dach aus Plastik zum Schutz gegen Novemberregen und -kälte. 
In einem öffentlichen Park, irgendwo in Griechenland. Im Griechenland des Jahres 2012, dem dritten Jahr der Troika-Rettung, der Kreditvereinbarungen und der Austeritätsgesetzgebung: 'Camper' durch Gesetzeskraft. 
A message from Greece:
Verdoppelung der Tafel-Gäste in Griechenland innerhalb der letzten zwei Jahre:
100-prozentiger Anstieg der Personen, die bei Tafeln Zuflucht suchen
A message from Greece:
Schock in Athen: Menschen suchen nach Essen in Mülltonnen
Verrottetes Gemüse, angeknackste Eier, abgelaufene Milchprodukte, alte Brotlaibe...eine Handvoll irgend etwas Essbares. Menschen, die sich noch nicht einmal einen Laib Brot für 80 Cent leisten können. Szenen einer Gesellschaft, die in verzweifelte Armut abstürzt (Video). Szenen, die sich in immer mehr Vororten der griechischen Hauptstadt abspielen.
"Bitte hängt Lebensmittel und Brot außerhalb der Mülltonne hin"
(Gefunden an einer Mülltonne in Kallithea, 
einem Mittelschichtsvorort im Süden Athens)
Ich habe mich schon einige Male gewundert, wieso die Leute Plastiktüten mit altem Brot an die Mülltonnen meiner Nachbarschaft hängen, und ob es tatsächlich Menschen in unserem Mittelschichtsumfeld gibt, die das alte Brot mit nach Hause nehmen. Dann kam dieses Bild und hat meine Frage beantwortet. In Griechenland im Jahr 2012, im Griechenland der Europäischen Union und der Eurozone.
A message from Greece:
Griechenland in der Krise - dramatischer Anstieg von Suiziden: 
3.124 Menschen in den Jahren 2009 bis 2012
Das entspricht einem Suizidanstieg von 37 Prozent zwischen 2009 und 2011.
2009: 677
2010: 830
2011: 927
2012: 690 bis zum 23. August
A message from Greece:
Was tun?
Wir müssen uns auflehnen, wir müssen etwas tun, denn sie werden uns alle arm machen. Schluss, aus fertig. Die Menschen haben Hunger.
Und wie?
Es gibt kein 'Wie'. Wenn wir über das 'Wie' zu lange nachdenken, sind wir erledigt.
Was tun?
Alles besetzen. Alles dichtmachen. Aber nicht für ein paar Tage, sondern länger als einen Monat.
Was tun?
Schwierige Frage. Irgendwie ist diese Art von Protest ermüdend geworden und außerdem unzureichend. Was soll ich sagen? Wenn der Minister ankündigt, dass die Streikenden tun, was sie zu tun haben, dann tun wir das, was wir zu tun haben. Ich glaube, wir müssen anfangen zu besetzen, um die Menschen zu mobilisieren, denn die meisten von ihnen sind müde geworden.
Und wie soll das praktisch geschehen?
Praktisch? Das will ich nicht aussprechen ...
Doch, sagen Sie es!
Im Grunde mit Gewalt, aber nicht im Sinne von losziehen und Leute töten. Ich weiß nicht, ob ...
Was tun?
Nichts, was heißt: was tun ...
Nichts?
Aufstand. Aufstand des Volkes, losziehen und all die Politiker abschlachten.
(Video 'A message from Greece' via From the Greek Streets
A message from Greece:


A message from Greece:
Wir müssen uns mit den Menschen organisieren, um dieses Regime zu stürzen.
Wir sollten uns nicht stark machen für Wahlen für ein Parlament, das zu einem Feigenblatt eines grausamen Regimes verkommen ist, das seine Menschen vernichtet und das Land ausverkauft. Wenn wir so weitermachen mit der Verfahrensweise der Parlamentswahlen wie beim letzten Mal, dann legalisieren wir de facto alle Gesetze, die den Verantwortlichen und Kollaborateuren an dieser nationalen Tragödie Asyl gewähren. Wir legalisieren die "internationalen Verpflichtungen" des Landes und die Praktiken und Ziele unserer Gläubiger (derzeit eine Opferung der ganzen Bevölkerung, internationale Stigmatisierung der Griechen, offene Erpressung, Verhängung eines Besatzungsregimes usw.). Diese Vorgehensweise ist nach den Grundsätzen der internationalen Rechtsordnung als kriminelle Handlung gegen die griechische Bevölkerung einzustufen. Sie verletzt die grundlegenden Menschenrechte und ist als solche von den internationalen Gerichten zu verfolgen.
Man kann heute nicht einfach nach Wahlen schreien, wie wir sie bisher kennen. Man muss nach Demokratie für die Menschen rufen.
Den Zähler auf Null zurückstellen und von vorne beginnen. Und zwar in einer Art, die im internationalen Recht anerkannt ist; alle rechtlichen Zusicherungen und Garantien verfallen, die von der herrschenden Clique willkürlich oder illegal vorgenommen wurden.
Unser grundlegendes Ziel ist, einen politischen Generalstreik von langer Dauer zu organisieren, der als zentrales Thema haben müsste "Übergeben Sie die Macht, gehen Sie nach Hause und nehmen Sie Ihre schlechten Chefs bloß mit!" Von diesem Ziel werden wir nicht abweichen, denn dann würden wir den Kampf für die Demokratie aufgeben.
Im Moment zeigt das Land alle Anzeichen eines Kollapses, wie ihn Argentinien 2001 erlebt hat, als es komplett kollabierte und absichtlich in einen dreijährigen Bürgerkrieg gezwungen wurde, der Tausende von Opfern hinterließ. Mit diesem Chaos droht uns (Ministerpräsident) Samaras, und damit es im Land auch wirklich herrscht, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: die Fortsetzung der heutigen Politik und politisches Personal, das so eingeschworen ist, dass es das Chaos der Massenvernichtung von Menschen organisiert. Von oben und mit voller Absicht.
Je mehr wir zulassen, dass der Weg von lokalen und ausländischen Häuptlingen bestimmt wird, umso mehr ist ein Ding sicher: Die Anzahl der Opfer wird sich erhöhen, bis selbst dem Ignorantesten das Ausmaß der Vernichtung klar wird, dem das griechische Volk anheimfällt.
Angesichts dieser Situation haben wir nur eine Pflicht: das Überleben unseres Volkes und die Befreiung unseres Landes. Viele haben nur im Selbstmord einen Ausweg gesehen, was zu vielen Tausend Toten in den letzten zwei Jahren geführt hat. Allerdings kann man sich auch für die Würde entscheiden anstatt für den Selbstmord. 
Wir sollten für unsere Würde als Mensch kämpfen, als Bürger, als Volk und als Grieche. Es steht einem Menschen nicht an, sich wie ein Tier behandeln zu lassen. Es steht dem Volk nicht an, sich wie ein streunender Hund in seiner Angst vor Gangstern zu ducken, die es all die Jahre bestohlen und haben und nun in die Sklaverei verkaufen wollen. Und es steht einem Griechen nicht an, sein Land ohne Kampf, ohne Schlacht, ohne Krieg an die zu übergeben, die ihn mehr betrogen haben als es jede Besatzungsmacht jemals vermochte.
Aus einem Interview (Übersetzung aus dem Griechischen: Edit Engelmann) mit dem griechischen Ökonomen Dimitris Kazakis, Aktivist bei EPAM ("Vereinigte Volksfront").

EPAM strebt als parteiübergreifende politische Bewegung ein unabhängiges, freies Griechenland an und organisiert im ganzen Land soziale Projekte wie Lebensmittelsammlungen, Tauschprojekte und Kooperativen aller Art. Kazakis wird - wegen seiner radikal basisdemokratischen Haltung und seines Plädoyers für die Wiedereinführung der Drachma als Währung - von den Massenmedien gemieden und meidet seinerseits die Massenmedien als verlängerten Arm der EU-Politik und damit des Ausverkaufs der griechischen Bevölkerung. Er ist Herausgeber der während der Krise ins Leben gerufenen Zeitschrift "Xoni" (auf deutsch etwa: Horn, Sprachrohr, Megaphon), die inzwischen an fast jedem griechischen Kiosk erhältlich ist.

A message from Greece:

'Utopia on the horizon', ein Dokumentarfilm von ROAR (Reflections on a Revolution) über die Krise und die Anti-Austeritäts-Bewegung in Griechenland: 
Gewidmet all denen, die sich entschieden haben zu kämpfen
Das dramatische Porträt eines Landes, das am Rande des Kollapses taumelt; und von Menschen, die sich entschieden haben zu kämpfen, um eine neue Welt aus den Ruinen einer alten Welt aufzubauen.
Utopien sind keine schwärmerischen Tagträume. 
Utopien entstehen aus harten Erfahrungen der Verzweiflung, der Enttäuschung, der Aussichtslosigkeit, des Scheiterns, des Lernens und des ungebrochenen Willens weiterzukämpfen.
Utopie heißt Kampf.


Freitag, 2. November 2012

Power to the people from the people



Nee, ist kein Fahrradladen.


Ist auch kein Outdoor-Hometrainer.



Ist eine Strom- und gute-Laune-Ladestation.


Mittwoch, 1. August 2012

Kaffeefahrt nach Indien


Es geht doch nichts über einen starken Morgenkaffee, begleitet von einer starken Schlagzeile, die einem das Koffein in den Adern stocken lässt:
Europäer sparen sich den Kaffee
- und ich gieße mir vorsichtshalber noch einen nach, bevor es womöglich bald heißt Let them drink latte.

Zu spät. Der Slogan hat bereits die halbe Welt erobert, den Feldzug initiiert hatte die weltgrößte Latte-Schleuder alias Starbucks mit seiner unwiderstehlichen aufgeschäumten teuren Premium-Plörre im Arsenal. Allerdings zeigt die Erfolgskurve des Kaffee-Ersatzanbieters neuerdings eine deutliche Delle:
Starbucks hat auch schon einmal bessere Zeiten gesehen. In Europa werden möglicherweise Filialen geschlossen.
- was, in Anlehnung an die gestrige Meldung, nur bedeuten kann, dass den Europäern die Plörre zu teuer geworden und ihnen darum die gute Kaffee-Kauflaune abhanden gekommen ist, was wiederum den Finanzchef der Plörre-Kette vergrätzt:
"Europa bleibt mit Abstand der herausforderndste Teil der Welt für uns", die wirtschaftliche Lage auf dem Kontinent werde sich "möglicherweise im Laufe des Quartals noch verschlechtern". Die Folge könnte sein, dass Starbucks unprofitable Standorte schließen muss.
Europa ohne Starbucks. Der Untergang des Abendlandes. Rückfall in die Steinzeit, back to Tchibo. Schnell noch eine Tasse von dem preiswerten Selbstgebrauten nachgeschenkt, weiterlesen, aufatmen: Der Rest der Welt darf sich weiterhin an Latte laben, denn mehr Latte-Wachstum gibt es "im Asien-Pazifikraum mit dem wichtigen chinesischen Markt". Und falls den Chinesen die Latte-Kauflaune vergehen sollte -
Starbucks plant, China zu seinem größten Auslandsmarkt zu machen ...
- ist dem Wachstum im fernen Osten keine Grenzen gesetzt:
... und wird außerdem noch in diesem Jahr seine ersten Kaffeehäuser in Indien eröffnen.
- was sich nur um eine aufgeschäumte Ente handeln kann, wovon die nächste starke Schlagzeile des Tages Zeugnis ablegt, denn längst gibt es in Indien das, wovon der Große Kaffeeschaumschläger träumt:

"Star...bucks in India!"

Freitag, 8. Juni 2012

Frischluftzufuhr


Tut mir leid, ich greife jetzt zur Selbsthilfe. Aus blanker Notwehr.

Gegen all diese abgetakelten Polit-PR-Kracher, diese luschigen Feuerwerkskörper, die mit großen Geheul starten und irgendwann pfrrt! machen, diese lärmenden Verbalgeschosse, die mit zunehmender Geschwindigkeit und in exponentiell wuchernder Frequenz Umwelt wie Lebensqualität mutwillig verpesten, diese hyperventilierend abgehusteten Schlammbrocken, in alle Himmelsrichtungen geschleudert; und während all diese verschossenen Schadstoffrhetorikhülsen mitsamt ihrem kontaminierenden Restinhalt am Boden herumgammeln und sich türmen und stapeln und haufenweise zum Himmel stinken, kommt von oben unverdrossen Nachschub, wird täglich neu fabrizierter Wortdung durch die Luft geschickt, wird geblaht und gebläht ohne Ende und weit und breit kein Rettungsschirm gegen frei herumfliegende Dungbrocken und nie war der Wunsch nach freien Radikalen stärker.

Zum Frühstück gab's gequirlten rechtsdrehenden Merkelquark von unbegrenzter Haltbarkeit, gestreckt mit kuhäugig dreinblickendem Schafskäse zur leichteren Verdaulichkeit; der kommt ab sofort jeden Morgen auf den Tisch und wird dem Eurovolk so lange in den Hals gewürgt, bis er darin steckenbleibt und keiner mehr papp sagen kann oder will oder darf.
Wir sagen, wir brauchen mehr Europa. Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen auch eine so genannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine politische Union. Das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Europa abgeben, Europa auch Kontrollmöglichkeiten einräumen.
Teller leer essen, Kinder, und Kompetenzen abgeben. Weil sonst - ihr wisst ja! - sonst die Mutter blicket stumm um den ganzen Tisch herum, und dann wird's uncool beim Frühstücken. Also rein mit dem geblahten Blähstoff, zum Pupsen könnt ihr raus auf den Balkon gehen, weil, in unserem Haus herrscht ein sauberer deutscher Haushalt mit einer ordentlichen deutschen Haushaltspolitik, an der sich alle - alle! - eine Scheibe abschneiden können oder vielmehr dürfen, und wenn sie nicht wollen, dann müssen sie halt. Basta.

Es fliegt, von allen Seiten, der Dung frontal entgegen, pfeift übelriechend um die Ohren, fällt mit hässlichem Platschen auf den Kopf und man weiß nicht recht, warum der Begriff 'Fäkalunion' sich nachhaltig im vegetativen Gedächtnis einnisten möchte. Während die eine Hand schützend vors Gesicht gehalten wird, greift intuitiv die andere zur neuerdings im stand-by bereitliegenden Verdauungshilfe und fängt schon mal an zu übersetzen:
Wir sagen, wir brauchen mehr Deutschland. Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen auch eine so genannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine politische Union. Das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Deutschland abgeben, Deutschland auch Kontrollmöglichkeiten einräumen.
Na bitte, geht doch. Bisschen unsanft, aber dafür völlig flatulenzfrei. Und jetzt raus auf den Balkon. An die frische Luft.