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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Strahlkraft


Aus unserer beliebten Reihe:
"Voll der Griff ins semantische Marketing-Klo"
stellen wir heute den jüngsten Rohrkrepierer der japanischen PR-Industrie vor:


Ein niedliches Überraschungsei mit Engelsflügeln! 
Ein kleiner Strahlemann aus dem Land 
der unbegrenzten Verstrahlungsmöglichkeiten! 
Don't worry, be happy
äh, huppy
öh, fukuppy
eh, what the fucky
Ich strahle, 
du strahlst, 
sind wir nicht alle ein bisschen verstrahlt?

War aber gar nicht so gemeint, ehrlich.

Weil, Fukushima Industries (obere Zeile) ist nicht etwa der Deckname für die japanische Nuklearindustrie Tepco, sondern ein harmloser Kühlschrankhersteller aus dem Land der nie untergehenden Sonnen- und sonstigen Strahlen. Der hatte sich ein neues, glücksstrahlendes Markenmaskottchen kreiert und dabei nicht bedacht, dass, wer Fuku heißt, für den Spott nicht zu sorgen braucht, denn der folgte dem fulminanten Fehlzünder auf dem Fuße:

auf Deutsch: Halt's Maul, verdammt nochmal!

Und weil sowieso viel zu viele Lügenmäuler dieser Welt endlich, endlich bitte mal die Klappe halten sollten, verdammt nochmal, und weil der gefiederte Fukuppy im Begriff ist, zum weltweit geflügelten Protest-Mem zu werden, gibt es den eiernden kleinen Troubleshooter mit den roten Schuhen (ha!) jetzt auch als Musterschablone zur freien Verfügung gemäß dem volkstümlich-revolutionären Prinzip:

Wem Sie schon immer mal 
übers dreckige Lügenmaul fahren wollten

Genial.

Wäre ich T-Shirt-Hersteller, wüsste ich, was zu tun wäre. Ich würde auf der Stelle in die Massenproduktion einsteigen und mit dem Ding an die Börse gehen, und zwar mit der - pardon - fucking  fluoreszierenden Variante. Slogan: Damit Sie Tag und Nacht kraftvoll strahlen können.

Dienstag, 27. August 2013

Was weg muss


Ich hatte mir geschworen, dieses Jahr von dem Thema die Finger zu lassen. Nachdem ich es vor vier Jahren um die gleiche Zeit, an der Tastatur randalierend, in epischer Breite ausgeschöpft habe.

Das Thema hieß:
Wahlplakate im allgemeinen.
Im besonderen: Wahlplakate, die Radwege blockieren.
Wahlplakate, die rotzfrech mitten auf Radwegen thronen und die Radfahrer zwingen, auf Bürgersteige, Straße oder Wiese auszuweichen. Oder, bei Gegenverkehr, abzusteigen.
Wahlplakate, die wie breitärschige Platzhirsche dem Radfahrer von weitem entgegenröhren: Das ist mein Revier, klar?, ich bin hier, und wo du bleibst, ist mir so egal wie Nachbars Pisspott.

Wie gesagt, ich hatte mir geschworen. Aber manche Wahlplakate bringen es zu einer so unfassbaren Impertinenz, dass Schwüre gebrochen werden müssen. Nicht bloß, dass sie mit mehr als der Hälfte ihrer Fläche in den Radweg hineinragen. Obendrein schauen sie kackdreist in genau die Richtung, wo der Radfahrer sich an ihnen vorbeizuquetschen genötigt sieht, und röhren ihm lauthals entgegen:


Nein, Claudia, du bist nicht hier. 
Du warst hier.
Jetzt bist du weg.
Und ich?
Ich bin hier.
Das ist mein Revier, klar?
Du glaubst gar nicht, Claudia, 
wie gut sich ein verstauchter Zeh 
am rechten Fuß anfühlen kann.

Sonntag, 28. Juli 2013

Wisch und Geld weg


Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfährt meinem Geldbeutel.
Ihm, der ohnehin chronisch erleichtert, weil ständig leer ist; ihm, der ohnehin chronisch erleichtert, weil von schleichender Inflation geplündert wird. Ihm, dem im Normalfall nur Seufzer der Schwermut entfahren - ein Blick in den Geldbeutel und die Frage steht im entleerten Raum: Wie in drei Cent Namen willst du bis Monatsende über die Runden kommen? -, er also seufzt jetzt inbrünstig vor behaglicher Erleichterung: Siehst du, es geht doch!

Was ist geschehen? Mein chronisch sparsames Leben hat jetzt eine neue, erleichternde Komponente bekommen: Von der Konsumgüterindustrie naht Hilfestellung. Die Industrie hat nämlich endlich verstanden, dass der gemeine Konsument an allem sparen muss, im Kleinen wie im Großen, weil es sonst hinten und vorne nicht reicht. Deshalb kommt die Industrie jetzt dem dauerklammen Sparbrötchen entgegen, indem sie bereits im produzierenden Vorfeld Sparmaßnahmen ergreift; Sparmaßnahmen, um dem Sparbrötchen das Sparen abzunehmen, im Kleinen wie im Großen.

Die Rede ist von Klopapier. Es gilt:

Wer nie auf seinem Lokus saß
wer nie voll kummervollen Blicks,
der letzten Blätter Zahl bemaß,
der kennt sie nicht, die allerneusten Tricks.

(Sorry für den bastardisierten Goethe. Fällt unter Notdurft.)

Der neueste Trick wurde von der Klopapierindustrie ersonnen. Er fällt in die - herstellerseits - beliebte Kategorie 'Innovation', die von Konsumentenseite gern despektierlich mit "drauf geschissen" kommentiert wird, was die Herstellerseite zu immer neuen innovativen Höhenflügen anspornt. Innovativ ist immer dann, wenn kostendämpfende Produktionsmaßnahmen als bahnbrechend neue Produktqualität verkauft werden. Der Trick dabei: flankierende kreative Wortfindungsmaßnahmen.

Und nun der allerneueste kreative Klopapierwortfindungsknaller:
Desheeting.
Bitte nicht nachschlagen, denn das Wort gibt es nicht. Desheeting. Mit lang gesprochenem "ee", damit kein despektierlicher Klopapierkonsument auf die naheliegende Idee kommt, mit "drauf geschissen" zu kontern. Desheeeeting also.

Es wurde soeben frei erfunden von der Klopapierfirma Kimberley-Clark und bedeutet so viel wie: Wir entblättern eure Klopapierrollen, sprich: Wir reduzieren die Anzahl der Blätter, but don't you worry, ihr kriegt das Gleiche für euer Geld, ha!, ihr kriegt sogar noch mehr fürs Geld!

Wie, mehr fürs Geld bei weniger Blättern? Ja freilich! Einfach bisschen kreativ sein! Mehr fürs Geld bei weniger Blättern geht so:
Der Wesensbestandteil der Innovation liegt darin, das Papier aufzuplustern, ohne zusätzliches Material zu verwenden - das Papier "ist um 15 Prozent voluminöser", dafür enthält es 13 Prozent weniger Blätter.
Können alle Klopapiersparbrötchen folgen? 13 Prozent weniger Blätter bei 15 Prozent mehr Blattvolumen - wenn das kein Schnäppchen ist! Bares Geld gespart, immerhin zwei Prozent, bitte, Kleinvieh macht auch Mist, und wer braucht schon zwei Blatt Klopapier, wenn's mit einem einzigen locker von vorne bis hinten reicht?
"Wir wollen den Konsumenten ein besseres, stärkeres Klopapier geben, damit Sie weniger Blätter benötigen, um Ihr Geschäft zu erledigen."
Phantastisch. Künftig muss ich nicht mehr am Klopapier sparen - der Job wird für mich bereits in der Klopapierfabrik erledigt. Fürs gleiche Geld. Die wollen noch nicht mal mehr Geld von mir dafür, dass sie für mich sparen. Was jetzt noch fehlt, ist die Erfindung des blattlosen Klopapiers.

Und jetzt alle:

Wer nie auf seinem Lokus hockte
wer nie, gewahr des letzten Blatts,
gemerkt, was Hakle hier verbockte,
dem knall' ich einen vor den Latz.

Sorry, Goethe. Ich musste mal ganz dringend.

Montag, 1. Juli 2013

La(ka)ientheater


Was für ein drittklassiges Schmierentheater.

Charakterlose Hanswurste, wohin man schaut.

Echauffieren sich künstlich sich über die Ausspähmanöver der USA, deren Enthüllung sie einem gewissen Edward Snowden verdanken - einem Whistleblower, der, sollte er je auf die Schnapsidee kommen, seinen Fuß asylsuchend auf europäischen Boden zu setzen, von wem ins nächstbeste Flugzeug Richtung Amerika zurückverfrachtet würde, um ihn dort seinen rachsüchtigen Bluthunden ans Messer zu liefern?

Richtig. Von den drittklassigen, charakterlosen Hofschranzen jenes Landes, in welchem derzeit eine billige Show nach der anderen abgezogen wird - nichts als Kostümproben für das erbärmlichste aller Schmierentheater namens Wahlkampf.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

It's showtime, folks


Worum ging's eigentlich bei der gestrigen Show?
Schon klar, um Show, was sonst.
"Ich bin hierher gekommen, um die Situation vor Ort zu verstehen."
Verständnis. Kommt immer gut.
"Enge Kontakte führen zu einem besseren Verständnis."
Besseres Verständnis kommt noch besser.
Merkel, die Griechenversteherin.
"Was der Besuch für die Griechen bedeutet, weiß ich nicht."
Wie sollte sie auch. Mit denen pflegt sie ja keine engen Kontakte.
So weit geht das mit dem Verständnis dann doch nicht. Muss man verstehen. Die Frau hat ja genug Sorgen bei sich zuhause. Dort wartet ein Volk von Merkelverstehern auf klare Ansagen.
Die hat es bekommen.
"Griechenland ist in einer schwierigen Phase, sollte aber den Weg zu Ende gehen, den es begonnen hat..."
Kommt gut zuhause. Erst Verständnis, dann Härte.
Weil, Strafe muss sein.
"...sonst wird alles noch viel härter werden..."
Eben. Härte zeigen.
"...es geht um unsere Kinder und Enkelkinder."
Kommt auch gut. Erst Härte, dann ein bisschen Wischi-Waschi-Wärme. Um wessen Kinder und Enkelkinder ging es gleich nochmal? Egal, die Merkelversteher zuhause werden schon verstehen, was mit "unsere" gemeint war. Muss man denen doch nicht extra erklären, dass einem die arbeitslosen griechischen Kinder und Enkelkinder (knapp 55 Prozent) sonstwo vorbeigehen.

Während die Griechen "bluten" (Ministerpräsident Samaras), zeigte Merkel Herzblut,
"Sie hat Respekt bekundet für die Opfer, die wir bringen."
Respekt. Das Zauberwort schlechthin. Kommt gleich nach Verständnis. Kommt gut, kostet nix. Zwischen Respekt bekunden und Respekt haben liegen Welten, ist aber eh wurscht, so genau nimmt es der Merkelversteher zuhause nicht.

Worum ging es gestern nochmal?
"Mit ihrem Besuch hat sie ihr Image in der internationalen Presse verbessert." (Samaras)
Genau, ums Image. Hätten wir fast vergessen, vor lauter Respekt und Verständnis und Opfer und Härte. Wie, Merkel hat ein Imageproblem? Bei wem? Mit Sicherheit bei den Griechen. Muss man aber verstehen. Weil, ohne Imageproblem bei den Griechen hätte die Eiserne mit dem blutenden Herzen ein Imageproblem bei sich zuhause, bei den Merkelverstehern. Aber jetzt, wo die Griechen wie auf Knopfdruck reagiert haben und die zuhause alle sehen können, dass die da unten im Süden nicht nur faul, sondern obendrein undankbar und unverschämt sind, läuft alles wie am Schnürchen.

The show must go on.

Samstag, 11. August 2012

Sommermärchen, das zehnte


In der nachrichtenarmen Sommermärchenzeit hat Deutschland mal wieder die Nase vorn und Grund, sich selbst zu feiern.

Und das in punktgenauem Hochleistung-PR-Timing: sitzt, passt, hat noch Luft bis zum morgigen Tag und macht aus Deutschland den Musterschüler, der es schon immer gern war und bitte bleiben möchte, weshalb es derzeit in ganz Europa so überaus beliebt ist und sich damit bestimmt noch höher katapultiert auf der Vereinigten-Vielvölker-Beliebtheitsskala, namentlich der südeuropäischen.

Wenn das kein fulminanter PR-Coup ist, mit dem das vorbildlich-mustergültige Deutschland europaweit Bella Figura machen möchte, dann weiß ich auch nicht. Die Imagekampagne strotzt nur so vor Superlativen und setzt sich aus den folgenden, rekordverdächtigen Marketing-Mix-Komponenten zusammen:

1. Arbeitslosigkeit in Europa auf Rekordniveau.

2. Die von Deutschland unnachgiebig geforderte Austerität lässt die Arbeitslosigkeit in Südeuropa weiter ansteigen.

3. Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien übersteigt die 50-Prozent-Marke.

4. Deutschland glänzt mit der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit ganz Europas.

5. Die neuesten Zahlen zu Deutschlands Jugendarbeitslosigkeit auf Rekordniedrigstniveau kursieren seit gestern.

6. Seit gestern deliriert die deutsche Presse trunken-taumelnd über Deutschland, den "sichersten Arbeitsmarkt für europäische Jugendliche", über Deutschland, das "sich stemmt gegen den europaweiten Trend", über Deutschland, in dem "man als Jugendlicher keine Zukunftsangst haben muss" bis hin zu "Jobatlas Europa - Deutschland top!"

7. Die Frohlocken auslösende Botschaft wurde am Freitag überbracht.

8. Wieso gerade am Freitag?

9. Dies "berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag anlässlich des Internationalen Tags der Jugend, der am Sonntag ansteht", also morgen, am 12. August 2012.

10. Der Internationale Tag der Jugend, auch Weltjugendtag genannt, wurde 1985 durch die UNO proklamiert. Der Weltjugendtag 2012 steht unter dem märchenhaften Motto "Building a better world" (eine bessere Welt schaffen).

Ganz Europa freut sich schon auf morgen, wenn Deutschland als Niedrigst-Jugendarbeitslosigkeit-Europameister in den Ring steigt und allen zeigt, wie's geht: eine bessere Welt schaffen.

Dafür muss man sie doch einfach mögen, die Deutschen, oder?

Dienstag, 7. August 2012

Was fürs Geld


"Macht 23 Euro 95. Haben Sie eine Paybackkarte?"

Nö, wieso?

"Weil, dann kriegen Sie extra Punkte."

Wie, extra Punkte?

"Na, so Bonus-Punkte, Sie wissen schon."

Bonus-Punkte, wow, wofür denn Bonus-Punkte?

"Na, das dürfen Sie sich dann aussuchen. Sie haben die Wahl."

Aha. Was haben Sie denn so im Angebot?

"Alles mögliche. Töpfe, Pfannen, Bonusmeilen, Hotelrabatte, Kosmetikgutscheine...überhaupt, Gutscheine für alles mögliche!"

Für alles mögliche, ist ja'n Ding. Echt jetzt, für alles mögliche?

"Ob Sie's glauben oder nicht. Sie haben die Wahl. Aber damit Sie dem Auswahlstress nicht erliegen, haben wir eine kleine Umfrage vorbereitet. Die Frage lautet: 'Was würden Sie für Ihre Extrapunkte am liebsten kaufen?', und wir haben gleich ein paar Antwortoptionen für Sie ausgearbeitet."

Irre cool. Was haben Sie denn da für Antwortoptionen ausgearbeitet? Jetzt bin ich ganz gespannt!

"Na ja, unsere kleine Exklusivumfrage gilt natürlich nur für Premiumkunden, Sie verstehen."

Klar verstehe ich das. Also mal angenommen, ich wäre Premiumkundin bei Ihnen, was hätten Sie mir da so zu bieten?

"Zum Beispiel so ein schnittiges Küchenmesser-Set im Holzblock."

Pfft, hören Sie auf, Küchenmesser, ist ja so was von old school, jeder Depp hat heutzutage ein Küchenmesser-Set in seiner Küche rumstehen.

"Wie wär's mit einem attraktiven Hotelrabatt?"

Uninteressant. Ich übernachte meistens bei mir zuhause.

"Vielleicht einen wertvollen Geschenkgutschein?"

Hm, ja, kommt der Sache schon näher. Was haben Sie denn so für Geschenke zur Auswahl?

"Alles mögliche, wie gesagt."

Jetzt spannen Sie mich auf die Folter. Geht's ein bisschen konkreter?

"Also, unsere kleine Exklusivumfrage lautet: 'Welche Produkte oder Dienstleistungen würden Sie in Erwägung ziehen zu kaufen für Ihre Extra-Bonus-Punkte?'"

Machen Sie's nicht so spannend. Ich will was haben für mein Geld.

"Okay. Antwortoption a) Hotelrabatte? - gut, kommt für Sie nicht in Frage, sagten Sie ja schon."

Eben. Weiter, bitte.

"Dann vielleicht Option c) Geschenkgutschein...?"

Hey, Sie haben die Antwortoption b) ausgelassen! Was zum Teufel ist mit Option b)?

"Also, Option b) ist jetzt wirklich nur für unsere Premiumkunden..."

Schon gut. Ich behalt's für mich, als Premiumkundin. Also, Option b)?

"Option b): Frauen."

Wie, Frauen? Frauen zum Kaufen?

"Ja, sicher. Für alle Premiumkunden, denen Hotel- und Allerweltsgeschenkgutscheine zu langweilig sind. Die Frauen kriegen Sie dann auf Gutschein ins Hotel geliefert."

Der Wahnsinn. Haben Sie auch Männer?

"Wie, Männer? Männer zum Kaufen?"

Zu was denn sonst? Über was reden wir hier die ganze Zeit?

"Ich glaube, Sie haben da was missverstanden. Wir sind ein seriöses Bankunternehmen mit seriösen Kunden..."

Wollen Sie damit sagen, dass...

"Genau. Bei Option b) haben wir exklusiv an unsere seriösesten Premiumkunden gedacht. Können Sie mir folgen?"

Und wie. Als Premiumkundin bin ich Ihnen schon voraus.

"Ich sehe, wir verstehen uns."

In der Tat. Gut, dass wir über alles gesprochen haben.

"Keine Ursache. Empfehlen Sie uns weiter."

Mach' ich doch glatt:


Montag, 6. August 2012

Sommermärchen, das siebte


Sommerzeit ist Urlaubszeit. Urlaub ist gut für Erholung. Urlaub ist gut fürs Geschäft. Wer Urlaub macht, will von Krise nichts hören. Krise ist schlecht fürs Geschäft. Krise verdirbt die Urlaubsstimmung. Wer von Krise nichts hört, macht Urlaub. Urlaub heißt Abschalten. Wer abschaltet, hat mehr vom Urlaub. Abschalten macht gute Stimmung. Krise gehört abgeschaltet.

Nachdem sich die politische Situation in Griechenland nachweislich stabilisiert hat, die Krise rechtzeitig zur Urlaubssaison aus den Schlagzeilen getilgt wurde, die von Rechtsextremen propagierte und praktizierte Fremdenfeindlichkeit kaum der Erwähnung wert ist und einem prosperierenden Fremdenverkehr nunmehr nichts im Wege steht, - dümpelten die Zahlen in der griechischen Tourismusbranche immer noch unbefriedigend vor sich hin. Es musste etwas getan werden.

So kam es, dass die im Juni auf die Schnelle zusammengebastelte Regierung ein Tourismusministerium ins Leben rief. Die frischgebackene Tourismusministerin verlor keine Zeit, tat, was getan werden musste und was Tourismusminister halt so tun, um Urlaubsstimmungen und -buchungen anzukurbeln: positive Botschaften kommunizieren. Kernbotschaft: "Griechenland ist zurück im Geschäft." Thesenbegründung: "Wir haben jetzt politische Stabilität." Conclusio: "Wir wollen die Leute ermutigen, sich für Griechenland zu entscheiden." Damit stand das griechische Sommermärchen auf stabilen, mutigen, geschäftigen Füßen und bedurfte nur noch der kreativen Umsetzung.

Um Sommermärchen kreativ umzusetzen, bedarf es geeigneter operativer Maßnahmen, um "die öffentliche Wahrnehmung des Landes umzupolen" (Ministerpräsident Antonis Samaras). Dazu sagt der Fachmann: Imagekapagne. Imagekampagne heißt, den Leuten so lange einzubläuen, dass die Welt in Ordnung und Griechenland krisenfrei ist, bis sie endlich raffen, dass sich vor der krisenfreien Kulisse der Insel Kreta hervorragend abschalten lässt. Natürlich nur mit dem nötigen Kleingeld des krisenüberdrüssigen Urlaubers.

Abschalten von der Krise? Auf nach Griechenland!
Mitten rein ins griechische Sommermärchen:


Donnerstag, 26. Juli 2012

McOlympics


The Big Mac Stadium:

Feel the spirit


Samstag, 21. Juli 2012

Sommermärchen, das dritte



Es begab sich aber im Sommer des Jahres 2012, dass der internationale Kapitalismus ein Großes Fest austrug, um sich selbst zu feiern. Alle Welt schaute und pilgerte nach London, um dabei zu sein. Großzügig, wie der Kapitalismus war, spendierte er alles, was zum Gelingen des Großen Festes nötig war, von den hochmodernen Sportanlagen über die komfortablen olympischen Dörfer, in denen die Athleten (überwiegend mit Migrationshintergrund) wohnten, bis hin zu den olympischen Slums, in denen die Putzkolonnen (überwiegend mit Migrationshintergrund) hausten.

Murray Sanders via The Sociologist

Damit den Kapitalismus das Ganze nicht allzu teuer kam, teilten sich die herbeigepilgerten Reinigungsfrauen und -männer zu zehnt je einen Slumcontainer und bezahlten pro Kopf und Tag einen bescheidenen Obulus von 18 £ Miete für ihre Unterkunft. Als Gegenleistung spendierte der Kapitalismus ihnen Toiletten (je eine Toilette für 25 Menschen) und Duschen (je eine Dusche für 75 Menschen), untersagte jedoch "aus Sicherheitsgründen" den Bewohnern des olympischen Slums Besucher aller Art sowie den Kontakt zur Presse.

Natürlich spendierte der Kapitalismus auch die reichhaltige Deko, die so einem Fest erst jene Größe verleiht, dass es zum Großen Fest des Kapitalismus gerät. Alle beim Großen Fest vertretenen Spendierhosen durften nach Herzenslust dekorieren, und auch der sportbegeisterte olympische Zuschauer durfte mitdekorieren, solange er auf seiner Hose das richtige Spendier-Logo trug. Andernfalls - es war an alles gedacht worden - wurde schwarzes Tape und graues Farbspray zur Verfügung gestellt, um unerwünschte, unspendable Markenlogos auf Kleidern und Schuhen unkenntlich zu machen.

Bei Zuwiderhandlung, entschied der Kapitalismus, erfolge Platzverweis, da nütze es dem gegen die Markengesetze Verstoßenden auch nichts, lumpige 600 £ für die Eintrittskarte zum Großen Fest gezahlt zu haben. Wer spendiert, der herrscht - so laute die unumstößliche kapitalistische Regel nun mal, an die sich bitte alle zu halten hätten; denn was wäre ein Großes Fest ohne ein faires Regelwerk? Weshalb am eklatant unfairen Verhalten eines Pilgers ein Exempel statuiert werden musste: Ein Katzenliebhaber, dessen Haustier auf den Namen 'Pepsi' hört, wollte gerade auf der Tribüne Platz nehmen, als die olympische Gestapo gewahr wurde, dass er ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'I love Pepsi' trug. Er wurde ohne viel Aufhebens von der Tribüne entfernt, denn Markenrechte müssen gesichert werden.

Wie sehr dem Kapitalismus das Thema Sicherheit am Herzen liegt, lässt sich an seinem verantwortungsvollen Umgang mit den Sicherheitskräften ablesen. Aus Sicherheitsgründen legte er den beim Großen Fest diensthabenden Polizisten nahe, mitgeführte Snacks - Chips, Schokoriegel oder ähnliches - aus ihrer Verpackung zu entfernen und in neutrale Klarsichttüten umzufüllen. Natürlich nur dann, wenn die Chips und Schokoriegel in einer von den Spendierkapitalisten unerwünschten, weil von einem unspendablen Markenhersteller stammenden Verpackung ins Innere des Großen Festes geschleust werden sollten:
Die Anweisung erfolgte auf höchster Ebene und gründet sich auf die Richtlinien der Organisatoren der Londoner Spiele. Sie dient dem Schutz der Werbung der offiziellen Sponsoren, zu denen Coca Cola, Cadbury's und McDonalds gehören. Da die Spiele weltweit im Fernsehen übertragen würden, hat die Führungsspitze ein Verbot jeglicher Werbung für Firmen erteilt, die keine Millionen an Sponsorengeldern herausgerückt haben. Das Londoner Olympische Komitee erließ eine Anweisung an alle Kräfte, die zur Aufrechterhaltung von Sicherheit, Recht und Ordnung im Rahmen der Spiele fungieren, sich an den Befehl zu halten.
Nachdem nunmehr Sicherheit, Recht, Ordnung sowie systemischer Realitätsverlust in guten Händen und vom Kapitalismus gewährleistet sind, kann es am morgigen Sonntag endlich störungsfrei losgehen mit dem Großen Fest.

Dieses paranoide kleine Sommermärchen wurde Ihnen präsentiert von den Olympischen Spielen™, London 2012™ und der Erbengemeinschaft Mussolini™. Letzterer bewies vor langer Zeit hellsichtiges Denken, als es um die Definition totalitärer Systeme ging; besonders der staatlich-autoritäre Korporatismus hatte es ihm angetan.
Faschismus sollte richtiger Korporatismus heißen, weil es sich um eine perfekte Verschmelzung von Staats- und Unternehmensgewalt handelt.
Benito Mussolini, 1883-1945

Montag, 2. Juli 2012

Trommelfeuer


Geht schon los.

Die lassen nichts anbrennen.
Propagandageschütze in Stellung gebracht.

Ab heute wird zurückgefeuert.

Sonntag, 13. Mai 2012

Luft raus


Das Stichwort des heutigen Tages heißt "aufblasbar".

Aufblasbar kommt von aufblasen. Bläst man etwas auf, ist es aufgeblasen - ein Zustand, der einen Gegenstand ebenso treffen kann wie einen Menschen, und wie der aufgeblasene Luftballon neigt der aufgeblasene Mensch zum Platzen, weil er nichts weiter enthält als Luft, vorzugsweise heiße. Das mit dem Platzen passiert natürlich nur, sofern nicht rechtzeitig vorher die Luft abgelassen wird. In dem Fall gibt es dieses vertraute schnürpfelige Geräusch - pfrrrchchchfllubbb! - und übrig bleibt eine trostlos schrumpelige, ausgemerkelt wirkende Hülle, meist am Boden liegend.

Tschuldigung, hab' mich vertippt: ausgemergelt muss das natürlich heißen, was von dem aufblasbaren Dingens übrig bleibt. Welches Dingens? Na, dieses CDU-Dingens. Noch wird mit vollen Backen heiße Luft reingepumpt, aber es ist ja auch erst Sonntagmorgen und noch nicht aller Tage Abend, wo es dann pfrrchchchfllubbb! macht. Weil das Aufblasbare und das/der/die Aufgeblasene immer so schön dem freien Assoziieren auf die Sprünge hilft, hat sich nämlich die CDU einen riesigen aufblasbaren Schuldenberg ausgedacht, mit dem sie - zu Reklamezwecken - während des NRW-Wahlkampfes über Land tingelte.

Das Dingens ist ein mobiles, über sechs Meter hohes wabbelig-schwabbeliges Teil aus Gummi, in das viel Luft reinpasst und das - so haben die sich das zumindest ausgedacht - wie eine furchterregende Wahlkampfwunderwaffe rüberkommen soll, eingedenk Angela Merkels unermüdlichem, wenn auch allmählich ziemlich ausgemergelt wirkendem Tatendrang in Sachen Austerität.

Das Blase-Dingens sieht in echt ungefähr so furchterregend aus wie eine Low-Budget-Kinderhüpfburg aus Unterschnürpflingen (und ist im übrigen so furchtbar pottenhässlich, dass mir kein Bild davon aufs Blog kommt). Vielleicht dürfen ja tagsüber die lieben Kleinen darin herumtollen, während die Eltern an die Urnen hüpfen.

Am Ende des Tages soll es, umfragetechnisch gesehen, zu einem geräuschvollen schnürpfeligen pfrrchchchfllubbb! für die Parteiblasebälger kommen; aber natürlich nur, sofern nicht rechtzeitig vorher anderweitig die Luft abgelassen wird. In dem Fall gibt es dieses vertraute explosive Geräusch - plopp! - und übrig bleibt eine zerfetzte Gummischuldenhüpfburg, zum Platzen gebracht von einer übermütig hüpfenden Generation heranwachsender Bälger, die kurz vor dem finalen Plopp! im Chor gebrüllt hat: Wir zahlen nicht für eure Schulden!

Mittwoch, 2. Mai 2012

Explosionsgefahr


... und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt:


Die irische Volksabstimmung zum europäischen Fiskalpakt naht mit Riesenschritten (Ende Mai). Proportional dazu steigt die Angst in Regierungskreisen vor einem mehrheitlichen Nein des abstimmenden Volkes. Was tun Regierungen, wenn sie es mit der Angst zu tun kriegen? Das, was sie in solchen Fällen immer tun: Sie machen dem Volk Angst. Mit seismographischer Sicherheit kann man sich darauf verlassen: Wird eine Angstkampagne gefahren, hat die Regierung die Hosen voll. Und zwar gestrichen.

Um einen Blick in den Füllstand der irischen Regierungsbeinkleider zu werfen, genügt ein Blick in die irische Tageszeitung Independent, die sich mit der Kampagnenstrategie der Regierungspartei beschäftigt und deren Kampagnendirektor zitiert:
"Der Regierung wäre es lieber, das Referendum zu gewinnen, indem sie nett zu den Wählern ist; aber nötigenfalls können wir auch eine andere Gangart einlegen."
Andere Gangart?
"Sollte sich herausstellen, dass die Kampagne nach der ersten Woche nicht gut funktioniert, werden wir die Angst-Einjager ("the frighteners") auf die Öffentlichkeit loslassen und so richtig Klartext reden."
Klartext: Leute, wir machen einen auf nett, aber wir können auch anders - wenn ihr bis Ende dieser Woche nicht auf unseren Zug aufgesprungen seid, werden wir nächste Woche richtig fies!

Was bezüglich des Hosenfüllstandes der Regierung nur den Befund zulässt: gestrichen voll. Mit anderen Worten:
... eine Schlüsselstrategie bei der Kampagne von Fine Gael (Regierungspartei in Irland) wird darin bestehen, die Angst-Einjager auf die Wähler anzusetzen, sollte sie (die Partei) eine reale Gefahr befürchten, dass das Referendum verloren wird.
Man weiß nicht recht, wovor man mehr Angst haben soll: Davor, dass Europa in die Luft oder die zum Bersten vollen Hosen der europäischen Regierungen uns demnächst um die Ohren fliegen.

Explosive Zeiten. Und kein Schutzbunker, nirgends.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Montag, 10. Oktober 2011

Jeder darf mal



Die Spielwiese des Herrn ist groß. So groß, dass, wo ein gefräßiger Bulle sich den nimmersatten Wanst vollhaut, auch ein goldenes Kälblein ein wenig abgrasen darf. Am gestrigen Sonntag, dem Tag des Herrn, gab es auf Wall Street, New York City, eine feierliche Prozession, in deren Mittelpunkt ein schwer symbolträchtiges goldenes Kalb stand, wenn auch nur eines aus Pappmaché, aber immerhin.

Das biblische Pappkalb hörte auf den Namen "Gier" ("greed") und trampelte als solches in Nachtigallenlautstärke in den metaphorischen Fußspuren seines bulligen großen Bruders, der sich vor lauter Schreck über die jungdynamische Konkurrenz flunderflach weggeduckt haben soll.


Die Kalbs-Show ging auf das Konto einer Gruppe interkonfessioneller Geistlicher, die damit 1. ihre Solidarität mit #occupywallstreet, 2. ihren religionsmythologisch hinlänglich dokumentierten Abscheu vor der Götzenverehrung des Geldes und 3. das zum Ausdruck brachte, was momentan fast jeder zum Ausdruck bringt: Wie schön, dass es plötzlich eine attraktive Protestbewegung gibt, an die man sich so easy andocken kann, nachdem andere die Dreckarbeit an der Basis verrichtet haben.

Es bedarf dazu - nebst eines zünftigen Pappkalbes - nur eines zündenden Slogans und schwupp, schon sitzt man komfortabel auf dem Trittbrett der protestierenden 99 Prozent und muss dann nur noch in Sprechchören singen: "Jesus is with the 99 %."

Jessas aber auch.

Samstag, 1. Oktober 2011

Occupy Goldman Sachs


Perfekte Anzeigenplazierung.

via Felix
(zum Vergrößern hier klicken)

Der Traum jedes Anzeigenkunden:
ein optimal abgestimmtes redaktionelles Werbeumfeld.

"Progresse is everyone's business" (Goldman Sachs)
"Danke, wir werden täglich mehr!" (#occupywallstreet)

Samstag, 3. September 2011

Die Grünen, die Reichen und die Rechten


Die New York Times zeigt sich schwer beeindruckt von den Mainstream-Erfolgen der Partei Die Grünen in Deutschland. Überschrift:
"Die Grünen gewinnen, und die Welt horcht auf"
So war das schon immer - Gewinnertypen machen Schlagzeilen.

Besonders beeindruckend aus der Sicht der NYT:
"Obwohl ihre Wurzeln in der Linken liegen, finden die Grünen wachsenden Zuspruch von Wählern von rechts."
Das nennt man Erfolg im Mainstream.


Noch beeindruckender für die NYT:
Das Wahlplakat der Grünen im Jahr 2009:
"Jobs, Jobs, Jobs: Aus der Krise hilft nur Grün."
Hat mich im Jahr 2009 auch schwer beeindruckt, der Slogan, nachdem zuvor Grün im Verbund mit Rot mächtig in die Krise rein geholfen hat.


Am beeindruckendsten:
Das Statement von Josef Joffe, Herausgeber des Wochenmagazins Die Zeit, das er der NYT auf Anfrage gab:
"Ich wette, wenn Sie so eine Partei in Amerika hätten, alle meine reichen Freunde an der Ost- und Westküste würden sie wählen."
Ein Juwel. Ich wette, die Grünen sind stolz darauf.


Dienstag, 23. August 2011

Der Absturz lauert überall



Es ist ja alles nicht mehr so einfach heutzutage.

Zum Beispiel für die Werbung. Oder für die Investmentberater.
Jetzt, wo die Finanzmärkte auf Höllenfahrt sind und alle in einen hässlich gähnenden Schlund blicken.

Da sind die Investmentfachleute schon zu bedauern.
Müssen den lieben langen Tag am Fenster stehen, in den Abgrund namens Wall Street starren und dabei so tun, als ob sie einen Blick in die erfolgsversprechende Zukunft werfen ("just long-term vision and success").

Dabei, mal ehrlich, wenn es nach dem Typen ginge:

Hände hinter dem Rücken verschränkt - was will er uns damit sagen?
Etwa am Ende:
"Ach, mir sind die Hände gebunden!"
oder:
"Wann kommt denn endlich einer mit Handschellen?"
oder einfach nur:
"Ich bin am Ende, basta."

Die Finger fast spastisch ineinander verhakelt, meint er damit:
"Ab heute lass' ich die Finger von den weltweiten Betrugsgeschäften!"
oder:
"Ich mach' mir meine Finger nicht mehr schmutzig mit dem ganzen Dreck!"
oder einfach nur:
"Ey, unter uns, ich hab' keinen Bock mehr, ich steig' aus."

Die Werber sind aber auch nicht zu beneiden.
Müssen dem armen Tropf in Hosenträgern irgendwie eine visuelle Botschaft unterjubeln, die Vertrauen weckt und draußen gut ankommt.

Wie, draußen?
Na ja, draußen halt, wo die Leute sind.
Und auf Entscheidungen warten.
Auf kluge Entscheidungen.
Ausgereifte Entscheidungen.
Keine überstürzten Entscheidungen.
Entscheidungen, die keiner gern übers Knie bricht.
Long-term vision, wie es so schön heißt.

Geduld, Leute.

Gut Ding will Weile haben.

Dienstag, 16. August 2011

Blauäugig


Dies ist ein blaues Auge:

Shepard Fairey

Ein blaues Auge holt sich, wer sich aus opportunistischen Gründen zu weit aus dem Fenster hängt, bei den Falschen anbiedert und am Ende sagt, er habe es doch bloß gut gemeint. Wer so blauäugig ist, kann eigentlich froh sein, mit einem blauen Auge davonzukommen. Hat er erst mal diesen Schaden erlitten, braucht er für den Spott nicht zu sorgen; das übernehmen andere:


Kommt uns das zweite Bild irgendwie bekannt vor? Das ist doch, ja, wer war das gleich noch mal, an wen erinnert uns das? Genau, an den hier. Shepard Fairey wurde im Jahr 2008 berühmt und erfolgreich mit seiner zeitgemäßen ikonischen ("punk-kulturellen", hieß das damals) Visualisierung des seinerzeitigen Hoffnungsträgers Obama. Letzterer hatte dem Künstler überschwenglich gedankt für dessen konstruktiven Beitrag zur gelungenen Präsidentschaftswahl-Operation, und der ehemalige Straßenkünstler wurde zu dem, was man mainstream nennt.

Kürzlich segelte Fairey unter ähnlicher Flagge - peace, we believe in - nach Dänemark, wo er sich mit einem künstlerischen mainstream-Manöver eher unbeliebt machte:


Links:
Faireys ornamentale Friedenstaube an der verbliebenen Mauer des 2007 zwangsgeräumten und abgerissenen Jugendkulturzentrums Ungdomshuset im Kopenhagener Jagtvej 69; ein unmissverständlicher Appell an die Jugend Kopenhagens, es doch endlich mal gut sein zu lassen mit dem alten Groll. Die war nämlich sauer, dass ihr Kulturhaus samt Grundstück nach der Räumung von der rechtsgerichteten Stadtverwaltung verkauft worden war an eine rechtsgerichtete christliche Organisation. Nach dem Abriss kam es 2007 zu einem gewaltigen Aufstand (Copenhagen December Riot).

Rechts:
Ganz offenkundig geriet die Friedensmission einigen jungen Kulturhaus-Aktivisten in den falschen Hals: "No peace!" und "Go home, Yankee hipster!" lauteten (via Farbbeutel) die unmissverständlichen Antworten auf Faireys monumentale Versöhnungssymbolik. Damit war der Konflikt auf dem Tisch - peace, we don't believe in.

Zu dem Zeitpunkt hätte Fairey - eingeschnappt, aber ohne Gesichtsverlust, also ohne blaues Auge - sich mit einem ehrenhaften Rückzieher aus der Affäre retten können. Was muss ein 'gemachter Mann' und mainstream-Hipster sich auch an eine ins Mark getroffene Alternativszene ranschmeißen mit der (verdächtig nach Obama klingenden) Botschaft, dass wir ja doch alle Brüder sind, irgendwie oder so?

Jedoch, er zog sich nicht zurück, denn wer einmal mainstream ist, will immer noch mehr mainstream werden. Kennt man ja. Ist wie mit dem Geldverdienen und dem Berühmtwerden. Können den Hals nicht voll kriegen, die Platzhirsche dieser Welt. Apropos Geldverdienen: Bei Faireys Außenfassade handelte es sich um eine Auftragsarbeit der Kopenhagener Stadtverwaltung - derselben Stadtverwaltung, die für Zwangsräumung und Verkauf des Jugendkulturhauses verantwortlich ist -, dotiert mit 250.000 dänischen Kronen. Die muss er sich erst mal verdienen, wird Fairey sich gedacht haben, und machte sich an die Überarbeitung seines verunstalteten Murals:


Links:
Das opportunistische "Peace" wurde opportunistisch übermalt. Kommt nicht so gut, das mit dem peace, in Zeiten sozialer Konflikte, wird Fairey sich gedacht haben, und verpasste stattdessen dem Oeuvre eine trendige Straßenkampfszene, künstlerisch aufgewertet durch ein lichterloh brennendes Auto und einen Polizeihubschrauber.

Rechts:
Hat alles nichts genützt. Auch das aktualisierte Zeitgemälde wurde verwüstet; diesmal mit - sage keiner, Vandalen hätten keinen Sinn für Ironie - grünstichigem Schaum aus einem Feuerlöschgerät, immerhin so punktgenau plaziert, dass die symbolträchtige Zahl "69" (in Kopenhagen eine Chiffre für den Konflikt und Kampf um das Jugendkulturhaus) halb gelöscht erscheint.

Daraufhin war Fairey endgültig eingeschnappt, hatte keine Lust mehr und zog sich - mit beleidigtem Ego, aber immer noch ohne blaues Auge - zurück, und zwar mit den Worten:
"My overall global vision is too great for me to get bogged down in local complexities."
(Meine gesamt-globale Vision ist zu groß für mich, um mich in lokalen Komplexitäten aufreiben zu lassen.)
Ein Statement, das von Größe zeugt. Warum sich in lokales Klein-Klein verheddern, wenn es in Wahrheit ums große Ganze der eigenen Bedeutungshuberei geht?

Folgerichtig wandte sich Fairey den wirklich bedeutenden Dingen im Leben eines großen Weltkünstlers zu, nämlich seiner eben eröffneten Ausstellung mit dem sinnschwangeren Titel "Your Ad Here" ("Werben Sie hier") in einer Kopenhagener Galerie. Die Vernissage soll super gelaufen sein, denn danach ließ sich Fairey auf einer rauschenden After Party in einem Kopenhagener Nachtklub gebührend feiern. Das war letzten Samstag. Und jetzt kommt's.

Beim Verlassen des Nachtklubs wurde Fairey von drei finsteren Gestalten vermöbelt. Drei, wie Fairey behauptet, "jungen linken Anarchisten". Ein gezielter Schwinger hinterließ ein Mordsveilchen auf Faireys linkem - vermutlich auch dies nicht völlig ironiefrei gewählt - Auge; sodann hinterließen die drei Angreifer den Blauäugigen mit dem unfreundlichen Kommentar "Obama illuminati, fuck you, go back to America!"

Auf seiner Website liefert Shepard Fairey ein brettlanges mäkeliges Statement zu dem Vorfall ab. Unter anderem beschwert er sich über die dänischen Medien, die fälschlicherweise berichtet hätten, er habe Auftragskunst im Dienste der Stadtverwaltung - vulgo: kommerzielle Friedens-Propaganda - verrichtet. Stimmt doch gar nicht!, empört sich das Veilchen, schweigt sich allerdings darüber aus, woher die 250.000 Möpse Auftragshonorar stammen. Ebenso vergisst der geschäftstüchtige Macher zu erwähnen, dass er Drucke seines Kopenhagener Murals gewinnbringend verkauft (zu 9o Dollar das Stück). Doch, es lässt sich gut verdienen an Zeiten latenter oder offener sozialer Unruhen!

Nach wie vor zeigt sich der Friedenskünstler unfähig zu begreifen, warum Betroffene sauer reagieren, wenn ein ungelöster, schmorender lokalpolitischer Konflikt weißgewaschen wird, ob mit oder ohne Auftrag. (Etwas ausgewogener berichtet der britische Guardian.) Nur eines - außer dem blauen Auge natürlich - quält den verkannten Ex-Street-Artist, dessen letzter Rest an street credibility wohl endgültig dahin sein dürfte: Wo bleibt, fragt er, der Respekt für seine "street art"? Er habe, so beteuert er, ja nichts gegen Kritik an seiner Kunst, aber wenn schon, dann doch bitte mit "künstlerischen Mitteln", oder?

Foto: Scanpix

Na ja. Die sind halt nicht jedem gegeben, die künstlerischen Mittel, und werden auch nicht jedem dahergelaufenen Graffitimaler von der Stadtverwaltung oder irgend einem dubiosen Sponsor finanziert.

Dafür holt sich der gemeine Graffitimaler auch keine blaues Auge.


Er malt lieber welche.

Freitag, 12. August 2011

In die Hose gegangen


The revolution will not be commercialized.

Obwohl, versuchen kann man es ja mal:


Man nehme eine Hose, verpasse ihr ein rebellisches Image - sagen wir: eine Jeans -, dann schnatze man die Visuals ein wenig hippiemäßig auf, rühre einen Schuss Bukowski unter (stimmungsvoll rezitiert von einer versoffenen Altmännerstimme), hole sich ein paar Anleihen von Straßenkampf inklusive brennender Autos und bis an die Zähne bewaffneter Polizei, rufe die Jugend zum Aufstand auf und fertig ist die Wunschtraumweltbotschaft der trendigen Markenjeans: Sei ein Rebell und kauf' unseren Scheiß.

Subtext: Levi's hat die kreative Lösung für Jugendarbeitslosigkeit, Armut und verkrachte Zukunft - geh' dir einfach 'ne Jeans kaufen.

Wie, du kannst dir keine neue Jeans leisten? Und das macht dich wütend? Ja dann...ja, nee, also, so war das aber nicht gemeint.
"There are ways out, there is a light somewhere"
- nee nee, ihr Kids, nur weil der Bukowski das eben gekrächzt hat, heißt das noch lange nicht, dass ihr das wörtlich nehmen sollt!
"It may not be much light but
it beats the darkness.
Be on the watch.
The gods will offer you chances.
Know them.
Take them."
Also bitte, ihr sollt jetzt nicht den nächsten Levi's-Laden in der Luxus-Mall anzünden und dann...nee, echt jetzt, so war das nicht gemeint.

Das ist jetzt ganz blöd gelaufen, irgendwie. Weil, die Firma Levi's unterstützt doch keine gewalttätigen Riots, die dreht höchstens Werbespots zum Thema, aber hey, ehrlich, so war das wirklich nicht gemeint. Weil, jetzt mal im Ernst, es sind doch nicht überall Rebellen drin, wo Rebellen draufsteht, das weiß doch jeder.

Und solche Riots, wie sie jetzt gerade in London...nee, also, die sind ja mal ganz schlecht fürs Geschäft. Geht gar nicht. Deshalb - ihr versteht das, Kids - macht Levi's einen Rückzieher. Und nimmt verantwortungsvoll sein neuestes Commercial wieder vom Markt. Natürlich nicht vom globalen Markt, ei woher denn!, sondern nur von einem einzigen, ganz bestimmten Land. Und ihr, liebe Kids, dürft jetzt raten, welches Land das ist!

Was lernen wir?

Das Ding ging in die Hose. Aber gründlich.