Posts mit dem Label Putzfrau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Putzfrau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 14. November 2013

Zum Davonlaufen


Oh là là.

Es gibt sie noch, die guten Dinge: die Frohsinn stiftenden Schlagzeilen, in diesen düster ausweglosen Zeiten. Schlagzeilen, da lacht das klassenkämpferische Herz und der krisenbedingt dümpelnde Kreislauf gerät in freudige Wallung:
Troika kriegt das Muffensausen in Griechenland
Wird aber auch langsam Zeit. Nachdem vier Jahre lang die kaltschnäuzigen Kapital-Kontrollettis weder durch Streiks noch Straßenbarrikaden noch Platzbesetzungen aus der menschenverachtenden Ruhe zu bringen waren, haben sie plötzlich vor Schiss die Hosen gestrichen voll.

Hatten sie jedenfalls, letzte Woche. Da ging denen derart die Muffe, dass sie, Hals über Kopf, die Flucht antreten mussten. Ganz recht:
Die Troika musste vor dem geballten Volkszorn fliehen. Der Fluchtweg führte hintenrum über die externe Feuerleiter des griechischen Finanzministeriums. Das Gebäude durch den repräsentativen Haupteingang zu verlassen hatten die Budget-Büttel sich nicht getraut - aus Angst vor den militanten Putzfrauen, die sich vor dem Finanzministerium versammelt und ein irres Theater veranstaltet hatten.

Stark, die Ladies. Die brüllten sich ihre Wut aus dem Leib, ihre Wut über die von der Troika geforderten Entlassungen in den unteren Chargen des öffentlichen Dienstes; brüllten ihre Wut so lauthals, so schrill, so kreischend, dass es mehrere Straßenzüge weit zu hören war und den Troika-Bürohengsten in den maßgeschneiderten Anzügen Hören und Sehen verging.

Der Rest war Feuerleiter.

"Bless their souls!", sympathisierte der griechische Ökonom Yanis Varoufakis. Gemeint waren die kämpferischen Seelen der griechischen Putzfrauen.

Wie erfreulicherweise zu lesen ist, erfolgte der fluchtartige Abstieg in kriechender Pose auf allen Vieren. Tja, das Leben kann hart sein - auch der weniger bühnenreife Abgang via Feuerleiter erfordert eine gewisse Übung. Vielleicht schaffen es ja die griechischen Putzfrauen, künftig auch die externen Feuerleitern zu blockieren? Dann bliebe den Troika-Knechten immer noch der interne Fluchtweg offen. Der über die Müllschlucker. Nur so als Beispiel.

Montag, 6. Mai 2013

Von nichts kommt nichts



Nur wer arbeitet, soll auch essen. Nichts Neues aus dem satten Mund ehemaliger deutscher Arbeiterparteien. Nutzlose Schnorrer durchzufüttern kann (will) sich dieses System nicht leisten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sonst kommt die Jugend noch auf dumme Gedanken, wenn die Eltern ungestraft auf der faulen Haut liegen.

Neu ist, dass die martialische Moralpauke den Heranwachsenden bereits im frühen Kindesalter eingebleut werden soll. Aufgepasst, Kinder: There is no free lunch (deutsch: Nichts gibt es für umsonst). Oder habt ihr etwa gedacht, wir füttern euch mit kostenlosem Schulessen durch, bloß weil eure nutzlosen armen Eltern kein Geld haben, um euch die hungrigen Mäuler zu stopfen? Nope, könnt ihr euch abschminken, because, you know, there is no free lunch, schließlich geht ihr in die Schule, um dort fürs Leben zu lernen.
"Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir die Kinder für ihr Mittagessen arbeiten lassen: den Müll raustragen, die Treppenhäuser schrubben, den Rasen mähen - bringt ihnen bei, es (das Schulessen) sich zu verdienen. Wenn sie kein Mittagessen kriegen, werden sie in jener Nachmittagsklasse eben nicht lernen zu rechnen, sie werden nicht lernen, wie man einen Satz richtig aufbaut, sondern sie werden eine viel wichtigere Lektion lernen."
- nämlich die Lektion, dass das Versorgtwerden mit "free lunches" die "Arbeitsmoral" der Kinder verderbe und ihnen suggeriere, man "könne auf die leichte Tour" durchs Leben kommen; Zucht und Ordnung halt, kennt man ja.


Sowie - ganz wichtig - die systemerhaltende Lektion: Wer arm zur Schule geht, kommt auch arm wieder aus ihr heraus, denn das Kind armer Eltern hat frühzeitig gelernt, dass die Berufsbilder Hausmeister oder Putzfrau ihm auf den Leib geschneidert, hingegen Fähigkeiten wie Rechnen oder Schreiben für seinen Lebensweg entbehrlich sind.


Überdies lernt das Kind fast spielerisch die harte Lektion des Verdrängungswettbewerbes und der Ellbogenmentalität, denn irgendjemandem nimmt das schuftende Kind ja den bezahlten Job weg - und sei es den eigenen Eltern, die bislang als Hausmeister oder Putzfrau das wenige Geld verdient haben, von welchem sie ihren Kindern nicht genug zu essen finanzieren konnten. So bleibt quasi alles in der Familie.


Seinen Ordnungsruf wollte der republikanische Abgeordnete keinesfalls als "Bestrafungs-", vielmehr als "Erziehungsmaßnahme" verstanden wissen. Sollten die schlechterzogenen, verwöhnten und verweichlichten Kinder armer Eltern auf die innovative Erziehungsmaßnahme nicht anspringen, bleibt ihnen immer noch der Lebensweg in ein - sicherlich bald wieder in Mode kommendes - Arbeitshaus offen, wo von Armut betroffene Menschen aufgenommen und damit aus der Öffentlichkeit entfernt werden.

Die Umwandlung herumziehender Bettler in wirtschaftlich verwendbare Untertanen sollte durch Methoden der Arbeitserziehung erreicht werden.
Hat der republikanische Abgeordnete so nicht gesagt.
Aber mit Sicherheit gedacht.


Samstag, 21. Juli 2012

Sommermärchen, das dritte



Es begab sich aber im Sommer des Jahres 2012, dass der internationale Kapitalismus ein Großes Fest austrug, um sich selbst zu feiern. Alle Welt schaute und pilgerte nach London, um dabei zu sein. Großzügig, wie der Kapitalismus war, spendierte er alles, was zum Gelingen des Großen Festes nötig war, von den hochmodernen Sportanlagen über die komfortablen olympischen Dörfer, in denen die Athleten (überwiegend mit Migrationshintergrund) wohnten, bis hin zu den olympischen Slums, in denen die Putzkolonnen (überwiegend mit Migrationshintergrund) hausten.

Murray Sanders via The Sociologist

Damit den Kapitalismus das Ganze nicht allzu teuer kam, teilten sich die herbeigepilgerten Reinigungsfrauen und -männer zu zehnt je einen Slumcontainer und bezahlten pro Kopf und Tag einen bescheidenen Obulus von 18 £ Miete für ihre Unterkunft. Als Gegenleistung spendierte der Kapitalismus ihnen Toiletten (je eine Toilette für 25 Menschen) und Duschen (je eine Dusche für 75 Menschen), untersagte jedoch "aus Sicherheitsgründen" den Bewohnern des olympischen Slums Besucher aller Art sowie den Kontakt zur Presse.

Natürlich spendierte der Kapitalismus auch die reichhaltige Deko, die so einem Fest erst jene Größe verleiht, dass es zum Großen Fest des Kapitalismus gerät. Alle beim Großen Fest vertretenen Spendierhosen durften nach Herzenslust dekorieren, und auch der sportbegeisterte olympische Zuschauer durfte mitdekorieren, solange er auf seiner Hose das richtige Spendier-Logo trug. Andernfalls - es war an alles gedacht worden - wurde schwarzes Tape und graues Farbspray zur Verfügung gestellt, um unerwünschte, unspendable Markenlogos auf Kleidern und Schuhen unkenntlich zu machen.

Bei Zuwiderhandlung, entschied der Kapitalismus, erfolge Platzverweis, da nütze es dem gegen die Markengesetze Verstoßenden auch nichts, lumpige 600 £ für die Eintrittskarte zum Großen Fest gezahlt zu haben. Wer spendiert, der herrscht - so laute die unumstößliche kapitalistische Regel nun mal, an die sich bitte alle zu halten hätten; denn was wäre ein Großes Fest ohne ein faires Regelwerk? Weshalb am eklatant unfairen Verhalten eines Pilgers ein Exempel statuiert werden musste: Ein Katzenliebhaber, dessen Haustier auf den Namen 'Pepsi' hört, wollte gerade auf der Tribüne Platz nehmen, als die olympische Gestapo gewahr wurde, dass er ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'I love Pepsi' trug. Er wurde ohne viel Aufhebens von der Tribüne entfernt, denn Markenrechte müssen gesichert werden.

Wie sehr dem Kapitalismus das Thema Sicherheit am Herzen liegt, lässt sich an seinem verantwortungsvollen Umgang mit den Sicherheitskräften ablesen. Aus Sicherheitsgründen legte er den beim Großen Fest diensthabenden Polizisten nahe, mitgeführte Snacks - Chips, Schokoriegel oder ähnliches - aus ihrer Verpackung zu entfernen und in neutrale Klarsichttüten umzufüllen. Natürlich nur dann, wenn die Chips und Schokoriegel in einer von den Spendierkapitalisten unerwünschten, weil von einem unspendablen Markenhersteller stammenden Verpackung ins Innere des Großen Festes geschleust werden sollten:
Die Anweisung erfolgte auf höchster Ebene und gründet sich auf die Richtlinien der Organisatoren der Londoner Spiele. Sie dient dem Schutz der Werbung der offiziellen Sponsoren, zu denen Coca Cola, Cadbury's und McDonalds gehören. Da die Spiele weltweit im Fernsehen übertragen würden, hat die Führungsspitze ein Verbot jeglicher Werbung für Firmen erteilt, die keine Millionen an Sponsorengeldern herausgerückt haben. Das Londoner Olympische Komitee erließ eine Anweisung an alle Kräfte, die zur Aufrechterhaltung von Sicherheit, Recht und Ordnung im Rahmen der Spiele fungieren, sich an den Befehl zu halten.
Nachdem nunmehr Sicherheit, Recht, Ordnung sowie systemischer Realitätsverlust in guten Händen und vom Kapitalismus gewährleistet sind, kann es am morgigen Sonntag endlich störungsfrei losgehen mit dem Großen Fest.

Dieses paranoide kleine Sommermärchen wurde Ihnen präsentiert von den Olympischen Spielen™, London 2012™ und der Erbengemeinschaft Mussolini™. Letzterer bewies vor langer Zeit hellsichtiges Denken, als es um die Definition totalitärer Systeme ging; besonders der staatlich-autoritäre Korporatismus hatte es ihm angetan.
Faschismus sollte richtiger Korporatismus heißen, weil es sich um eine perfekte Verschmelzung von Staats- und Unternehmensgewalt handelt.
Benito Mussolini, 1883-1945

Montag, 11. Juni 2012

Einmal durchgewischt


Großreinemachen. Schönes deutsches Wort.
Man hört förmlich die Besen durch die Luft schwingen, die Wischmops über den Boden schmatzen und die Putzfrauen fluchen.
Alles sauber, alles fein,
porentief und besenrein,
so soll unser Haushalt sein.
Oder unsere Wirtschaft. Daher der Name Besenwirtschaft.

Attraktiv auch des englische Wort, the big clean-up:
die große Aufräumaktion, alles ausgemistet und entrümpelt,
mach mal weg
den ganzen Dreck
und es rackern rund um die Uhr
toughe Jungs von der Müllabfuhr.

Eine wortgewaltige transatlantische clean-up campaign wird derzeit vom amerikanischen mastermind of hope™ and change™ losgetreten: Ihr da drüben, räumt mal endlich euren Dreck weg und schafft Ordnung in eurem europäischen Krisen-Saustall!
Am Freitag forderte US-Präsident Obama die europäische Führungselite zu dringendem, entschiedenem Handeln auf, um die Wirtschaftskrise abzuwehren, und drängte die Griechen kurz vor den Wahlen, einen Weg zu wählen, der sie in der Eurozone zu bleiben lasse.

Während EU-Funktionäre damit beschäftigt waren, einen gigantischen Rettungsplan für Spaniens lahmende Banken auszuarbeiten, betonte Obama, er vertraue darauf, dass die europäischen Regierungen den Ernst einer Krise einzuordnen wüssten, einer Krise, die die Aussicht auf seine Wiederwahl im November schwer belaste.

"Und je schneller sie handeln und je entschiedener und konkreter ihre Maßnahmen sind, desto schneller werden Menschen und Märkte etwas Vertrauen zurückgewinnen, desto billiger werden die Kosten des Großreinemachens auf der ganzen Linie sein."
Wir lassen jetzt mal den präsidialen Hirnriss außer Acht, dass Obama die Griechen dazu aufruft, genau jene Partei-Saubermänner zu wählen, die den Krisen-Saustall zu verantworten haben, und beschränken uns auf den aktuellen Putzfimmel des POTUS; nämlich das Großreinemachen, das er möglichst kostengünstig abgewickelt wünscht ("...the cheaper the costs of clean-up will be down the road").

Banksy

Nun gehören billige Putzkräfte zwar seit jeher zu den feuchten Träumen schwerreicher Eliten, die ihre Milliarden lieber anderweitig renditebringend in den Sand setzen als ihre Putzfrauen und Müllmänner so zu bezahlen, dass die auch davon leben können. Jedoch, ungeachtet aller Appelle aus Übersee, droht neues Ungemach an der griechischen Saustallfront:

Die städtischen Putzfrauen und Müllmänner wollen nämlich streiken! Zwei volle Tage lang! Und zwar nicht irgendwann, sondern am 16. und 17. Juni, also genau zu dem Zeitpunkt, wo Griechenlands Wahllokale sich öffnen und Amerikas Mr. Hope'n'Change darauf hofft, dass sich etwas ändert, nämlich nichts. Genau dann wollen die streiken! Und zwar nicht irgendwo, sondern genau dort, wo's wehtut, nämlich landesweit in den Wahllokalen, sozusagen den (aus Obamas Sicht) gefürchteten Epizentren des künftigen Saustalls.

Kategorisch weigern sich die städtischen Reinigungskolonnen, in den Wahlzentren ihren schlechtbezahlten Dienst zu versehen, es sei denn, sie kriegen dafür eine angemessene Sonderzulage ("higher electoral pay"). Billiges Großreinemachen läuft nicht, sagen sie, nicht mit uns, und schon gar nicht, solange "die Angestellten vom Innenministerium 1.800 Euro (Wahlsonderzulage) bekommen, was dem Dreimonatslohn eines städtischen Müllarbeiters entspricht und für uns eine Provokation ist".

Tscha. Was bleibt?

Schafft die Putzfrau nicht für lau,
sieht's am Wahltag aus wie Sau.

"You are not Banksy"

Samstag, 27. August 2011

Subjektive Objektbetreuung


Interaktiv ist, wenn alle mitmachen.
Show ist, wenn alle gaffen.
Kochen ist Kochen.

Fertig ist die interaktive Kochshow.

Gestern war ich den ganzen Tag als Nebendarstellerin in einer interaktiven Kochshow engagiert. Das geht so: In eine klitzekleine Fresshütte kommen 35 geladene Gäste und wollen den Koch beim Kochen begaffen. Zwischendrin wollen sie unbedingt ein langes scharfes Profimesser in der Hand halten und und sich vom Koch den Unterschied zwischen einer geschälten Zwiebel und einem abgehackten Finger erklären lassen. Das finden die Gäste aufregend, und deshalb gibt es die interaktive Kochshow.

Noch aufregender wird die interaktive Kochshow, wenn sie auf kleinster Fläche stattfindet, wo eigentlich schon 20 Anwesende ausreichen würden, um das Bedürfnis zu wecken, dem Nebenmann zur Rechten oder der Nebenfrau zur Linken das Profimesser in die Rippen zu jagen. Der Job der Nebendarstellerin besteht dann darin, überall gleichzeitig zu sein und dafür zu sorgen, dass am Ende tatsächlich geschmortes Kalbsfilet auf den Tellern liegt und nicht etwa frische Schlachtplatte mit geschmorten Rippen.

Darum bedarf eine interaktive Kochshow der wohlorganisierten interaktiven Vorbereitung. Um halb drei hatte es geheißen: "Um sechs kommen die Gäste, das schaffen wir locker", dabei den Umstand ignorierend, dass es um halb drei in der kleinen Fresshütte aussah wie bei Hempels unterm Sofa. Als es um halb fünf immer noch so aussah, als hätte ein Werwolf in die Hütte gerülpst, erlaubte ich mir die Frage, was das eigentlich für Leute seien, die um 18 Uhr in 35-Mann/Frau-Stärke anrücken würden. "Die Mitarbeiter von so einer Gebäudereinigungsfirma", hieß es. Aha. Augenblicklich erwachten meine Putzfraueninstinkte. Auf meine bis zum Haaransatz hochgezogenen Augenbrauen hieß es: "Nicht die Putzfrauen, sondern das Management." Ach so. "Also, das mittlere Management." Okay. Das mittlere Management einer Gebäudereinigungsfirma. Na dann.

Um 17 Uhr erschien, wie vom Himmel geschickt, eine weitere Nebendarstellerin in Gestalt einer Aushilfsputzfrau. Unteres Management, sozusagen. Eine blitzgescheite, sympathische, keineswegs auf den Mund gefallene, mit allen beruflichen Wassern gewaschene Kroatin. Ihr ist es zu verdanken, dass die Werwolfhütte um 18 Uhr aussah wie mit allen Wassern gewaschen. Die freche Bemerkung des Kochs an meine Adresse - "du machst dich gut als neue Frau Übermop" - ignorierte ich würdevoll.

Wenn 35 mittlere Manager einer Gebäudereinigungsfirma sich zu einer geschlossenen Gesellschaft versammeln, ist klar, dass den ganzen Abend beruflich gefachsimpelt wird. Selbstverständlich im branchenspezifisch geschlossenen Fachjargon. Da ich gewohnheitsmäßig mit den Ohren Maulaffen feilhalte, wurde ich schnell vertraut mit der Basisterminologie des mittleren Gebäudereinigungsmanagements: Objekte. Kräfte. Synergien. Objekteinheiten. Objektbetreuung. Von Subjekten, vulgo: Menschen, war nichts zu hören.

Als ich - mit Ohren so groß wie Garagentore - einem mittleren Managementsubjekt das Weißweinglas nachfüllte, glaubte ich mich dunkel zu erinnern, in grauer Vorzeit mal etwas von der 'Idee als Subjekt-Objekt-Einheit und als Bedingung der Wahrheit' gelesen zu haben. War das der olle Hegel? Keine Ahnung. Alles vergessen. Während der Weißwein ins Glas gluckerte und meine Ohren schlackerten, schoss mir impulsiv die Bedingung der Wahrheit durch den Kopf: Das, was du jetzt grade machst, ist ein klassischer Fall von Objektbetreuung. Vielleicht auch neoklassisch.

Einen ketterauchenden Objektexperten fragte ich höflich, ob ich mal so ganz subjektiv seinen Aschenbecher leeren dürfe, was der Objektraucher irgendwie köstlich fand. Er behielt mich für den Rest des Abends im Auge. Gegen Ende - es war schon spät, der Weißwein erstklassig, das Gewitter heftig - meldete sich beim Abräumen der vollgeregneten Aschenbecher das mittelhierarchische Gebäudereinigungssubjekt zu Wort und meinte leicht schwerenöterisch zu mir: "Ihnen merkt man an, dass Ihnen die Arbeit Spass macht!", worauf ich antwortete: "Stimmt, sogar ohne Trinkgeld!", worauf das Subjekt "Oho!" rief und mir einen Zehn-Euro-Schein zusteckte, worauf mir die Arbeit doppelt Spass machte.

Was lernen wir? Dass man sein Geld nicht geschenkt bekommt; man muss schon etwas dafür tun. Am besten irgendwas Interaktives. Weil, von nix kommt nix. Man muss ja nicht gleich dem Objekt das Messer an die Rippen setzen.


Samstag, 20. November 2010

Freitag, 19. November 2010

Land und Leute


Andere Länder, andere Sitten.

Heute fragte mich die spanische Putzfrau beim Kaffeetrinken nach dem Rezept für meinen Schokoladekuchen. Während wir über das ausgewogene Verhältnis von Schokostückchen, Kakao, Zucker und Vanille diskutierten, gesellte sich ihr Ehemann, der Hausmeister (immer dabei, wenn es nach Kaffee riecht) zu uns und wollte wissen, wieso ich gestern einen fast kompletten Kuchen mitgebracht habe. Also erzählte ich die Geschichte.

Er hörte aufmerksam zu. Als ich fertig war, fing er an zu lachen. Er amüsierte sich königlich. Als er fertig war mit Lachen, sagte er: "Deutschland!" Mehr nicht. Aber er sprach das Wort mit so viel Sarkasmus in der Stimme und im Gesicht aus, dass jedes weitere Wort überflüssig erschien. Seine Frau nickte heftig dabei. Dann fing sie an zu erzählen.

Das spanische Ehepaar war vor gut 30 Jahren nach Deutschland gekommen (und lebt seit über 20 Jahren im ersten Stock über dem Restaurant). Sie habe 16 Jahre lang in einer deutschen Schule geputzt, danach acht Jahre lang in einem deutschen Kindergarten. In beiden Arbeitsverträgen habe eine Berufsbezeichnung gestanden, die sie befremdet habe, denn, so sagte sie: "Ich war eine Putzfrau, also habe ich die gefragt: Ich bin doch Putzfrau von Beruf, warum schreiben Sie da was anderes rein?" Sie konnte sich an das befremdliche Wort nicht mehr erinnern, meinte, es sei so etwas ähnliches gewesen wie "Hausangestellte". Nein, rief ihr Mann, "es hieß anders, es hieß - warte mal - ah ja, Raumpflegerin hieß es. Raum-pfle-ge-rin!" Seine Stimme troff schon wieder vor Sarkasmus.

Seine Frau lachte: "So was Dummes - ich pflege doch keinen Raum, ich putze ihn!" Ja, konterte der Spanier, "aber dann müssten die Deutschen Raumputzerin sagen, und das geht nicht. In Deutschland geht das nicht. In Deutschland sagen sie nicht gern das, was sie meinen. Sie erfinden dauernd komische Wörter, um nicht das sagen zu müssen, was sie meinen."

Dann erzählte die Spanierin von ihrer Arbeit im deutschen Kindergarten: Jedes Mal, wenn ein Kind das Wort Putzfrau in den Mund genommen habe, sei es ihm von der Erzieherin "verboten" und stattdessen der Begriff Raumpflegerin verordnet worden. Sie habe das lange Zeit nicht verstanden, fuhr die spanische Putzfrau fort, aber sie habe deutlich wahrgenommen, dass 'Putzfrau' als "irgendwie böses Wort" gegolten habe. Ihr Mann ergänzte: "Im Deutschen ist es ein Wort der Erniedrigung."

In Spanien, fuhr seine Frau fort, heiße eine Putzfrau Limpiadora und werde auch so genannt:"Eine limpiadora ist bei uns eine limpiadora, fertig. Eine limpiadora ist ein ganz normaler Beruf. Eine Frau, die putzt, ist halt eine limpiadora - wo ist das Problem?" Im übrigen, setzte sie hinzu, gelte in ihrem Herkunftsbereich (der Süden Spaniens) jede Frau, die gerade am Putzen ist, als limpiadora, also auch jede x-beliebige Hausfrau, die gerade ihren Küchenboden wischt.

Irgendwie, meinte die spanische Frau, sei das eine "typisch deutsche" Geschichte, die ich da erlebt hätte. Was daran typisch deutsch sei, wollte ich wissen? "Weißt du", antwortete sie, "ich habe drei Kinder großgezogen, und alle drei habe ich so erzogen, jeden Menschen als das zu sehen, was er ist - als einen Menschen..." (Als die Spanierin dies sagte, wurde mir ganz komisch zumute; einerseits empfand ich eine berührende Wahrhaftigkeit in ihren Worten, andererseits meldete sich in mir so eine linkshemisphärisch-verzickte Stimme zu Wort, die mir zuraunte, das sei nun aber doch irgendwie ein Tick zu sentimental und naiv. Ich glaube, das war eine sehr deutsche Reaktion von mir gewesen.) "...als einen Menschen - egal, was er macht und wie er sein Geld verdient. Viele Deutsche erziehen ihre Kinder dazu, etwas Besseres als andere Menschen zu werden", ergänzte sie. "Werden zu wollen", wurde sie von ihrem Mann korrigiert.

Die Deutschen seien kompliziert, resümierte der Spanier, "sie verachten den Beruf Putzfrau, wollen aber ihre Verachtung verbergen. Also denken sie sich ein neues, umständliches Wort aus, hinter dem sie ihre Verachtung verstecken können. Was die sich alles für neue Wörter ausdenken!", lachte er, "dabei wäre es doch so einfach: Wenn sie die Putzfrauen nicht verachten würden, bräuchten sie auch kein neues Wort." Darüber musste ich auch lachen und sagte ihm, das klänge viel zu unkompliziert, um wahr zu sein. "Siehste", grinste der Hausmeister ('siehste' ist eins seiner deutschen Lieblingswörter), "nur ein Deutscher kann über etwas Unkompliziertes sagen, es sei zu unkompliziert." Das saß. Ich seufzte und wäre gern eine unkomplizierte Spanierin gewesen.

"Ach," dachte ich laut, "warum machen wir Deutschen uns das Leben so schwer?" Da fing der Spanier wieder an, spöttisch zu grinsen und gab zurück: "Was fragst du mich das? Ich denke, du hast studiert?"

Ts.

Mittwoch, 17. November 2010

Nüchtern betrachtet


Aua. Den heutigen Tag hatte ich mir anders vorgestellt. Es hat nicht sollen sein. Was mache ich jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag? Stänkern.

Ich hatte mich auf eine Geburtstagseinladung gefreut. Gestern einen hammermäßigen Schokoladekuchen gebacken. Die Tochter einer Bekannten wird 18, geht noch zur Schule, macht nächstes Jahr Abitur. Ein blitzgescheites Mädchen mit guten Noten, solider humanistischer Bildung und gelegentlich vorlauter Klappe - eine vielversprechende Kombination. Ob es an der Bildung oder an der Klappe liegt (oder an beidem), weiß ich nicht, jedenfalls trafen das Kind und ich uns auf derselben Wellenlänge, hatten stets Gesprächsstoff im Überfluss und teilten die Vorliebe fürs Scharfzüngige. Wenn so eine Hoffnungsträgerin 18 wird, backe ich Schokokuchen der Extraklasse. Da steht er nun, der Schokokuchen, und wird dort stehenbleiben. Er wird meine Wohnung nicht verlassen; ich auch nicht. Shit happens.

Mittags ein Anruf von der Frau Mama: Sie würden sich alle schon so freuen auf mein Kommen, man habe sich ja so lange nicht mehr gesehen, die Tochter könne es gar nicht erwarten, mich mit ihren Freundinnen bekannt zu machen, "nur eine kleine Bitte" habe sie, die Frau Mama - es wäre ihr recht (O-Ton), wenn ich das mit meinem Putzjob heute nachmittag nicht an die große Glocke hängen würde, ob das ginge? "Vor all den Mädels", ergänzte sie, "du verstehst, was ich meine?" Nein, ich verstand es nicht. Absolut nicht. Zwar ahnte ich durchaus, was gemeint war, hatte aber keine Lust es zu verstehen. Absolut keine Lust. Ich schwieg unheilvoll. Was die Mutter dazu bewog, sich wasserfallartig um Kopf und Kragen zu reden.

Quintessenz des mütterlichen Redestroms: Man dürfe doch die jungen Menschen nicht desillusionieren, jetzt, wo sie an der Schwelle zum Schulabschluss, zur Universität, zum Beruf, zum - ja! - zum Leben stünden mit all ihren Erwartungen und Hoffnungen und natürlich - ja! - leider - jaa! - auch Ängsten, weil "es" heutzutage eben schwierig sei, so mit Beruf und Arbeitsmarkt und so - jaaa! - und man habe ihnen, den jungen Menschen, darum von klein auf Bildung vermittelt und ihnen eingebläut, dass Bildung das Allerwichtigste sei und ohne eine gute Ausbildung nichts laufe und da würde ihnen halt so ein, äh, Putzjob einer, eh, Akademikerin, irgendwie, du verstehst?, irgendwie doch die Fundamente dieser, öh, Zuversicht erschüttern, also dieser Zuversicht, dass "es" mit umfassend guter Bildung schon zu schaffen sei, du verstehst, am Aufbauen dieser Zuversicht habe man schließlich jahrelang konsequent gearbeitet, und da käme so ein, äh, Putzjob halt nicht so doll rüber, so von der Message, verstehst du?, weil, rein so als Message sei das ja eher, öh, ernüchternd, könnte man sagen, verstehst du, was ich meine?

Ja, Herrgott. Alles verstanden. Das mit der Ernüchterung könne ich sehr gut verstehen, erwiderte ich, denn mein Putzjob sei tatsächlich ernüchternd und das nicht nur so als Message, sondern vollumfänglich. Mehr sagte ich nicht, weil mir mehr nicht einfiel - bei abgesackter Kinnlade, erhöhtem Puls, adrenalinbefeuert. Weil ich dieses Gespräch doch als ziemlich, öh, ernüchternd empfand. Wobei das ja nichts Schlimmes sein muss, so eine Ernüchterung. Ist halt hart und tut weh, macht aber klüger. Unbedingt.

Selbstverständlich bleibe ich der Feier fern. Weil mir nicht danach ist, dem Geburtstagskind nebst Schokokuchen eine Lüge über meine Person sowie eine faustdicke Bildungslüge aufzutischen. Ist mit mir nicht zu haben. Höchstens, wenn ihr mich dafür bezahlt, und zwar anständig. Ist nämlich ein anstrengender Job, den ganzen Nachmittag bei euch rumzuhängen und so zu tun als ob.

Inzwischen habe ich mich so weit wieder beruhigt, dass ich zur Vernichtung des Geburtstagsgeschenkes schreiten konnte. Bin schon beim zweiten Stück Kuchen. Schmeckt große Klasse. Während ich esse, gebe ich mich lustvoll-bösartigen Tagträumereien hin, wie es wäre, wenn ich der jungen Dame zum Geburtstag per Email einen Link auf mein Blog schickte, so als hochschulreife-begleitende Fortbildungsmaßnahme, so als Message, sozusagen. Mal ehrlich, ich kenne das Mädchen gut genug, um mir einzubilden, dass sie das Zeugs hier gerne lesen würde. Vielleicht würde das Lesen sie auch ernüchtern. Na und.

Es gibt Tage, da könnte ich das linksliberale Bildungsbürgertum in einen Sack stecken und grußlos auf den Mond schießen. Und zwar mit Sack und Pack. Eltern haften für ihre Kinder.

Mittwoch, 3. November 2010

Wir Müllmänner


Heute ging die Post ab. Vielmehr die Müllabfuhr. Und dann die Feuerwehr. Es war schwer was los.

Frühmorgens auf dem Fahrrad hatte ich wieder eine jener halluzinatorischen Frühlingsattacken: so früh, so hell, so warm. War mir warm! Viel zu warm. Föhnig warm. An der großen Kreuzung bei Rot riss ich mir die Mütze vom Kopf, den Schal vom Hals, die Handschuhe von den Fingern, den Anorakreißverschluss auf und machte laut "Puuh!" vor Erleichterung - da ertönte von der Mitte der Straße ein noch lauteres, männlich-zweistimmiges "Puuh!", gefolgt von einem dröhnenden Hupsignal. Die städtische Müllabfuhr, ebenfalls auf Grün wartend, hatte beobachtet, wie ich mich meiner Winterklamotten entledigte und wollte mehr sehen.

"Don't stop it, Baby!" rief es aus dem Fahrerhaus heraus. Die zwei Kerle, einer von ihnen ein alter Bekannter, kriegten sich nicht mehr ein vor Vergnügen. Sie verpassten darüber sogar die Grünphase. "Showtime!", brüllte Bongo aus dem offenen Fenster, haute animiert gegen die Fahrertür und hupte erneut. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so früh am Morgen so viel gelacht. Das mag jetzt vielleicht einem Außenstehenden schwerverständlich erscheinen, für mich war es ein bombiger Start in den Tag.

Um kurz vor acht kam das Feuer und mit ihm die Feuerwehr. Es war zwar kein Feuer, sondern ein Schwelbrand, aber die Feuerwehr rückte trotzdem an. Mit vier Löschzügen, Wiederbeatmungsgeräten, Windmaschinen, Notarzt, Polizei, allem Drum und allem Dran. Aus dem ersten Stock drangen dichte, beißende Rauchwolken. Aus allen vier Stockwerken drangen aufgeschreckte Bewohner, husteten das Treppenhaus hinab und suchten Zuflucht in der Kneipe (Brandschutztür!).

Die Feuerwehr löschte, die Polizei ermittelte. Die unfreiwillig versammelte, großteils beschlafanzugte Hausgemeinschaft trank Unmengen von Kaffee, und - wie bei solchen Gelegenheiten üblich - jeder hatte eine Story auf Lager, wie es bei ihm oder Onkel Rudi oder Tante Helga oder dem Schwager seiner Schwiegermutter auch schon mal beinahe gebrannt habe. Es stellte sich heraus, dass eine schlaflose gläubige Katholikin aus dem ersten Stock heute früh eine verspätete Allerseelenkerze entzündet hatte und darüber eingeschlafen war. Der Rest war Kokel. Menschen kamen keine zu Schaden, Sachen schon.

Einträchtig hockten Katholen, Freidenker und hartgesottene Atheisten um den Tisch und debattierten heftig über Sinn und Unsinn von Allerheiligen, Allerseelen, der Heiligen Maria sowie der brandschutztechnischen Vorteile von Grablichtern versus Haushaltskerzen. Ich kochte Kaffee und versorgte neu eintreffende Schlafanzüge mit feuchten Handtüchern, zur Beruhigung der gereizten Atemwege. Ein herbeigeeilter Geschäftsführer - so schöngeistig wie nervenstark veranlagt - rezitierte dramatische Zeilen aus dem Feuerreiter von Eduard Mörike. Es war großes Kino am frühen Morgen.

Ein Hausbewohner aus dem obersten Stockwerk - Weh! dir grinst vom Dachgestühle dort der Feind im Höllenschein (dritte Strophe Mörike) - schien meine Gedanken zu erraten: Ich überlegte, ob das Ereignis lohne darüber zu bloggen. (Der Dachgestühlbewohner liest das Blog und ist leider Gottes zu faul zum Kommentieren.) Daraufhin kreischte der hellhörige Geschäftsführer "Untersteh' dich, du olle Internetgans!" (O-Ton), woraufhin ich befand, dass es lohne. Schließlich passieren nicht alle Tage so aufregende Geschichten.

Und wo bleibt jetzt die große thematische Klammer von Müllabfuhr und Feuerwehr? Hier:


Feuerwehr- und Müllmänner gehören zu den Top Ten jener Berufsgruppen, die in der Bevölkerung allerhöchstes Ansehen genießen. Wie ich seit heute finde, sehr zu Recht. Bedauerlicherweise wurde das Ansehen von Putzfrauen nicht abgefragt, aber egal, ich rechne mich einfach mal zu den Müllmännern und freue mich über das vorzügliche Ranking: Wir sind signifikant beliebter als Studienräte, Steuerinspektoren und Sparkassenmitarbeiter!

Weit abgeschlagen auf den untersten Plätzen finden sich die Berufsgruppen Politiker, Telekom-Mitarbeiter und Werber; letztere sogar mit über die Jahre hinweg sich konstant verschlechternden Popularitätswerten, während die guten Noten für die Müllmänner ein mittelfristig stabiles Wachstum hinlegen. Was wiederum nicht verwundert, sind es doch die fabelhaften Jungs von der Müllabfuhr, die den ganzen Werbemüll dorthin verfrachten, wo er hingehört.



Samstag, 2. Oktober 2010

Unterstützung


Es gibt Dinge, die gehören sich einfach nicht. Die man nicht macht, einfach weil man sie nicht macht. Und dann macht man sie trotzdem. Und dann geht es einem besser, weil man sie gemacht hat, statt sie zu unterlassen, wie es sich gehört hätte. Gut geht es mir deshalb noch lange nicht, aber tausendmal besser, als wenn ich geschwiegen hätte.

Natürlich gehört es sich nicht, sich in fremde Gespräche einzumischen; wie es ja eh ungehörig ist, fremden Gesprächen überhaupt zu lauschen. Was geht mich der Mist an, den andere Leute sich erzählen? Wenn also am Nebentisch Unsinn verzapft wird, ist das die Sache des Nebentisches und nicht meine. Selbst dann, wenn der Nebentisch nur um Haaresbreite von dem Tisch entfernt ist, an dem ich sitze, mir gegenüber ein netter Mensch, der mich zum Frühstücken eingeladen hat.

Mein Rührei erkaltete, als ich hörte, wie die beiden Frauen am Nebentisch sich über ihr Dienstpersonal austauschten: Putzfrauen aus Osteuropa, dienstbereit, gewissenhaft, fleißig und so preiswert, "dass man es sich ohne schlechtes Gewissen leisten kann". Das Rührei zitterte auf der Gabel. Ohne schlechtes Gewissen? Wem gegenüber? Dem eigenen Geldbeutel? Wie preiswert? Sechs Euro die Stunde. Bei zweimal drei Stunden die Woche. Kann man sich echt leisten. Weil, mehr verlangen die nicht. Die sind froh über das Geld, ja "dankbar für jeden Cent, den sie bekommen" und bringen ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, indem sie "auch mal 'ne halbe Stunde länger arbeiten, wenn es sein muss, und dafür kein Geld zusätzlich wollen". Ganz tolle Putzfrauen seien das. Halt ohne Papiere. Aber gerade deshalb sei es ja so wichtig, dass man sie unterstütze, denn die ohne Papiere seien ja besonders arm dran.

"Wie, unterstützen - mit sechs Euro die Stunde?", zischte ich quer über den Tisch. Das Rührei plumpste von der Gabel, der nette Mensch warf mir beschwörende Blicke zu, die Herrschaften am Nebentisch schauten indigniert. War mir alles egal. Wer voller Stolz durchs Lokal trompetet, wie gut er sich dabei fühlt, menschliche Arbeitskraft auszubeuten, weil er sich diese Arbeitskraft anders als ausbeuterisch gar nicht leisten könnte, der hat es nicht besser verdient. Sechs Euro die Stunde, wiederholte ich kopfschüttelnd, diesmal an das Rührei gerichtet, während ich es auf dem Teller zusammenkratzte.

"Ich bitte Sie", fing sich die eine Herrschaft, "sechs Euro ist für diese Menschen viel Geld!" Die andere Herrschaft nickte: "Eben - Sie dürfen das nicht mit deutschen Maßstäben messen." Ich maß es aber mit deutschen Maßstäben, verriet jedoch nicht, wieso.

"Außerdem", kam es vom Nebentisch, "sind das eh Jobs, die kein Deutscher machen würde." Die deutsche Putzfrau erstarrte. Der nette Mensch trat unterm Tisch sanft gegen mein Schienbein. Half nichts. Dem Rührei war auch nicht mehr zu helfen. "Sie meinen Jobs, die kein Deutscher für einen Sklavenlohn machen würde?", fragte ich interessiert. "Was heißt denn Sklavenlohn", antwortete der Nebentisch, "immer noch besser als beim Amt die Hand aufzuhalten und den Staat zu plündern..." Klare Ansage. "...oder kennen Sie etwa eine deutsche Putzfrau?" Na klar, meinte der nette Mensch, manchmal gehe er sogar mit einer deutschen Putzfrau frühstücken.

Irritiert schaute der Nebentisch von ihm zu mir und wieder zu ihm und wieder zu mir. "Wie, Sie gehen mit Ihrer Putzfrau frühstücken?", fragten die Herrschaften ungläubig. Nein, wo denken Sie hin, antwortete der nette Mensch, "das ist doch nicht meine Putzfrau." Jetzt verstand der Nebentisch gar nichts mehr, sagte aber trotzdem zu mir "Ach so, Entschuldigung" und wollte dann wissen, wieviel der nette Mensch denn so seiner Putzfrau bezahle.

Er habe keine Putzfrau, gab der nette Mensch zurück, das könne er sich nicht leisten. Weil, fuhr er fort, eine Putzfrau käme für ihn nur in Frage, wenn er diese auch ordentlich bezahlen könne, und weil er sich das nicht leisten könne, verzichte er eben auf eine Putzfrau und putze seinen Dreck in Gottes Namen selbst weg. Dafür könne er es sich von dem so gesparten Geld leisten, hin und wieder eine nette deutsche Putzfrau zum Frühstücken einzuladen.

Irgendwie hat das den Nebentisch überfordert. Er verstummte und schien peinlich berührt zu sein, ohne genau zu wissen, warum. Ziemlich bald brachen dann die Herrschaften auf, nachdem sie die Rechnung hatten kommen lassen und die Summe von 28,90 Euro großzügig auf 30 Euro aufgerundet hatten. Auch für ein angemessenes Trinkgeld gilt, dass man es sich leisten können muss - wenn nicht, dann eben nicht.

Als die Herrschaften weg, die Luft wieder rein und das Rührei kalt waren, gab der nette Mensch eine Runde Federweißen aus, und dann noch eine, und dann noch eine. "Was glaubst du, wie froh ich bin, keine Putzfrau zu haben", seufzte er genießerisch, "sonst könnte ich mir das gar nicht leisten." Wir hoben die Gläser.

Freitag, 1. Oktober 2010

Von der Rolle


Sitzen zwei Putzfrauen am Ende einer Rolltreppe und haben keinen Bock auf Putzen.
Dachte ich zuerst.
Fand ich gut.
Aber die sitzen da tatsächlich und putzen.
Im Sitzen.
Fand ich auch gut.



Aber wie ich so im Sitzen den beiden beim Putzen im Sitzen zuschaue, denke ich, irgendwas läuft da doch verkehrt. Erst wird der Schmutz mit dem Besen gesammelt, dann fällt er auf die nächste hochrollende Stufe, dort wird der Schmutz wieder gesammelt, um wieder auf die nächste Stufe zu fallen, wo der Schmutz erneut gesammelt und auf die nächste Stufe fallen gelassen wird - im Prinzip bleibt also der Schmutz an Ort und Stelle. Nur jeweils auf höherer Stufe. Phänomenal.

Wenn man erst einmal anfängt, über die richtige Richtung beim Rolltreppeputzen nachzudenken, kann einem ganz schwindelig im Kopf werden. Irgendwie ist das nämlich verzwickt, und noch ist mir keine Patentlösung dazu eingefallen, nur der vage Verdacht, dass es kein richtiges Putzen im falschen Putzen geben kann.

Finde ich auch gut.

Mittwoch, 22. September 2010

Text putzen


Heute war ein erfreulicher Tag. Denn heute nachmittag gab es einen kleinen Lektorier-Job, dem vielleicht noch weitere kleine Lektorier-Jobs folgen werden. Das erfreulichste daran war, dass der Job im Restaurant stattfand, denn bei dem Auftraggeber handelt es sich um einen der Geschäftsführer, der sich gerade ein zweites Standbein als Buchherausgeber und Verleger aufbaut. Auch er ein Multijobber, sozusagen. Wenn auch in einer etwas anderen Liga spielend als ich.

Ich schmiss also um 11:30 Uhr die roten Schuhe von den Füßen und die Schürze vom Leib, hockte mich rollenkonfliktfrei vors Laptop und wurde vom Geschäftsführer mit Speis' und Trank verwöhnt. Da dieser Geschäftsführer das Servicegeschäft leitet, weiß er, wie das geht (das mit dem Verwöhnen). Er gab den Vollprofi.

Ich aber auch. Hocherfreulich war es festzustellen, dass meine sprachfahnderischen Reflexe immer noch einwandfrei funktionieren; die Arbeit am Text ging mir leichter von der Hand denn je. Manchmal hielt ich inne, schaute zum Fenster hinaus und hatte das unbestimmte Gefühl, die nachmittägliche Leichtigkeit der Textarbeit könnte vielleicht irgend etwas zu tun haben mit der schweren körperlichen Arbeit am Vormittag. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber doch. Irgendwie jedenfalls.

Am allererfreulichsten war der Umstand, dass dieser Geschäftsführer als (verlegerischer) Auftraggeber ein pflegeleichter ist: Er zeigte sich durchweg einsichtig, fügte sich allen meinen Verbesserungsvorschlägen fast widerstandslos, und wenn ich anfing streng zu werden ("Das geht so nicht, basta!"), sagte er "okay", stand auf und kochte frischen Kaffee. Es war ein selten gemütlicher und dabei intellektuell herausfordernder Job. Als der Feinschliff am Text sich in die Länge zu ziehen begann - die Zeit drängt, die Buchmesse naht und der Flyer musste heute noch raus -, schaute er auf die Uhr und bemerkte: "Hoffentlich hast du heute nichts mehr vor", worauf ich ein vorwurfsvolles Gesicht aufsetzte und erwiderte: "Doch, ich muss noch bloggen", was sich ja auch irgendwie erfreulich anfühlt, wenn man seinem Auftraggeber gegenüber das einfach so erwähnen kann.

Interessant war es zu erleben, wie das Restaurant im Laufe des Nachmittags sein Gesicht und seine Energie verändert. Köche und Küchenhilfen werkelten lautstark in der Küche, gegen vier Uhr begann der Service zu wuseln, das Telefon ging immer öfter, der ganze Bienenstock fing an zu summen, die Zeit verstrich und aus dem Summen wurde eine Brummen, wie ein Organismus, der sich warm läuft und allmählich auf Hochtouren bringt. Auch war es interessant zu erleben, dass die weiblichen Servicekräfte und Küchenhilfen es hochinteressant fanden, dass da die Putzfrau am Laptop sitzt und dem Chef Vorträge über guten Schreibstil hält; während die männlichen Köche sich so verhielten, als komme ihnen die ganze Szenerie befremdlich und daher völlig uninteressant vor. Kann aber auch Einbildung gewesen sein. Glaube ich aber nicht. Irgendwie jedenfalls.

Doch, der Tag war gut. So ein Tag macht zufrieden.
Es könnte ruhig mehr solcher Tage geben.

Donnerstag, 16. September 2010

Gäste


Als ich heute vom Keller hoch ins Lokal kam, saß an einem Tisch eine nette blonde Frau und wärmte sich durchfroren die Hände an einer Tasse Kaffee. Sie kam mir bekannt vor, ich wusste aber nicht, woher. Ihr schien es umgekehrt genauso zu gehen. Neugierig musterte sie mich von oben bis unten - schwarze Schürze, rote Schuhe, blaue Kapuze auf dem Kopf, alles von zweifelhafter Sauberkeit - und fragte mich: "Arbeitest du hier?"

Ich bejahte. Dunkel meinte ich mich zu erinnern, die Frau vor unendlich vielen Jahren hier im Service erlebt zu haben. Oder auch nicht. Es ist so schwer, sich an Zeiten zu erinnern, an die man sich kaum mehr erinnern kann. Ich schaute die Frau an. Die Frau schaute mich an. Ihr Gesicht war offen. Sie rührte in ihrem Kaffee und sagte halb fragend, halb feststellend: "Ich dachte, du wärst hier mal Gast gewesen?" Da musste ich aus der Tiefe meines Bauches lachen und rief: "Das dachte ich auch mal!"

Sie verstand sofort und grinste breit. Solche Menschen gibt es, aber es gibt davon viel zu wenige. Menschen, die nicht innerlich (oder auch physisch) davonlaufen, wenn sie einer Putzfrau gegenüberstehen, die sie aus einem ganz anderen früheren Leben kennen. Menschen, die da bleiben und verstehen und darin einen Grund zum Lachen erkennen. Menschen, die nicht ausweichen, sondern den Blickkontakt suchen. Solche Menschen sind eine Wohltat.

"Schlechte Zeiten, was?", antwortete sie, während sie über ihren Kaffee blies und ihre Worte nickend bekräftigte. In diesem Moment hätte ich rein gar nichts dagegen gehabt, sie als Putzkollegin an meiner Seite zu haben. Es gibt Menschen, in deren Gegenwart hebt sich die Stimmung irgendwie von allein.

Schlechte Zeiten. Mehr gab es eigentlich nicht zu sagen, und so resümierte ich: "Es is', wie's is'", was die hinterm Tresen wienernde Frau Übermop - immer noch im Krächzmodus, aber des rustikalen Reimens mächtig - zu der Bemerkung hinriss: "Schiefer Arsch,
schiefer Schiss".

Womit das Thema erschöpfend behandelt wäre.

Dienstag, 14. September 2010

Im Schweiße deines Angesichts


Eine gute Putzfrau geht putzen, auch wenn sie krank ist. So weit waren wir schon. Trotzdem ist, wenn zwei das Gleiche tun, es noch lange nicht dasselbe.

Mrs. Mop zum Beispiel fuhr in der Hochblüte ihrer Erkältung mit angezogener Handbremse und hat ihr Arbeitstempo gedrosselt. Sie hat sich in der Zeit sogar geweigert, das Kühlhaus zu putzen, weil es ihr dort zu kalt war. Keine zehn Pferde hätten sie in das verdammte Kühlhaus gebracht. Auch kein Ganzkörpergrobstrickanzug mit Sehschlitz. Auch kein dreifacher Stundenlohn. Basta.

Frau Übermop hingegen legt sich doppelt und dreifach ins Zeug. Wobei es sie, wenn wir schon am Vergleichen sind, erkältungstechnisch um einiges härter getroffen hat als mich. Dennoch schuftet sie wie zehn Pferde. Trägt unentwegt ihre Zewa-Rolle unterm Arm mit sich herum, schniefend, triefend, mit leicht fiebrigem Glanz in den Augen. Schuftet sich halbtot. Ich kann es nicht fassen.

"Du spinnst", sagte ich zu ihr in beinahe rüdem Ton. Es kam keine Antwort. Es konnte keine Antwort kommen, weil Frau Übermops Stimme in Mitleidenschaft gezogen war. Darum gab es keinen weiteren Disput. Ich stand da und konnte es nicht fassen. Sie wirkte wie ein aufgezogenes, aber entkräftetes Uhrwerk, was jeden Augenblick zusammenzubrechen droht. Schwer zu ertragen.


Freitag, 10. September 2010

Im Schwitzkasten


Wie geht das schöne Sprichwort? Aus Dummheit wird man klug. Oder so ähnlich. Ist ja auch logisch, denn es kommt kein Mensch klug auf die Welt. Vor allem in den ersten Lebensjahren machen wir ziemlich viele Dummheiten, lernen daraus und werden immer klüger. Oder so ähnlich. Irgendwann sind wir groß und klug und machen keine Dummheiten mehr, außer manchmal, wenn wir Schnupfen haben.

Zeit, um vom Plural in den selbstkritischen Singular zu wechseln. Ich ging also gestern mit blühendem Schnupfen putzen und tat dies heute erneut, weil ich unfähig war zu lernen, dass ich mir nach dem gestrigen Arbeitstag keinen Gefallen tue, wenn ich heute noch einen draufsetze. Das nenne ich dumm. Denn während ich gestern früh einen ganz normalen Schnupfen hatte, bin ich jetzt krank. Jedenfalls fühle ich mich richtig krank statt bloß verschnupft.

Lernen hätte ich zum Beispiel können, dass die typischen Bewegungsabläufe beim Putzen - das ständige Bücken - sich fatal auswirken auf den Druck im eh schon brummenden Schädel; dass die in Reinigungsmitteln enthaltenen Chemikalien und Aromastoffe die eh schon gereizten Schleimhäute zu bösartiger Blüte bringen können; dass eingeatmeter Staub den eh schon kratzenden Hals nicht beruhigt, sondern aggressiv herausfordert; kurzum, dass Putzen bei Schnupfen nicht gesünder macht, sondern kränker.

Nach zwei Tagen habe ich es gelernt. Auf die harte Tour.

Wäre ich gestern zuhause geblieben, hätte ich zwar nichts verdient (mein Arbeitsverhältnis beinhaltet keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall), wäre jedoch durch einen Tag Bettruhe und Bravsein heute wieder frontbereit gewesen. Wieso blieb ich nicht zuhause? Weil ich einem eingefleischten Reflex gefolgt bin, der besagt: Kranksein darf nicht zu Arbeits-, sprich Verdienstausfall führen - der typische Reflex des Freiberuflers, der ich ja mein Leben lang war und bin. Ein harmloser Schnupfen? Ein kratzender Hals? Waren in meinem bisherigen Selbständigendasein nie ein Thema. Da ich sowieso meist von zuhause aus operierte, weil dort meine Basisstation war, machte ich in meinem Arbeitsstil einfach weiter, zwar hustend und schniefend, aber dabei die Freiheit genießend, stetig zwischen Bett, Badewanne und Schreibtisch zu pendeln und eben irgendwann Überstunden zu machen, wenn mein Gesamtzustand dies erlaubte. Alles in allem hat das ganz gut funktioniert.

Nur, eine Kneipe ist halt kein Home Office. Und ein Feudel ist kein Manuskript, das man zum Korrekturlesen auch mal mit ins Bett nehmen kann. Und eine Putzfrau, möge sie noch so freischaffend sein, kann nicht zwischen Küche und Keller mal eben ein heißes Bad zur Entspannung nehmen. Obendrein sollte sie es vermeiden, in gemütlich ausgefransten Jogginghosen, ungebügelten Schlabber-T-Shirts und XXL-Stricksocken durch die Gegend zu schlurfen, ganz zu schweigen von rotkarierten Pyjamahosen mit blauweiß gestreiften Pyjamaoberteilen. Zuhause kann einem all das egal sein, was erheblich zur allgemeinen Entspannung beiträgt und die Leistungsfähigkeit trotz Krankheit unterstützen kann.

Leider kam von Frau Übermop statt eines moralischen Beistandes die Bemerkung, sie habe, seit sie in diesem Restaurant arbeite, "noch nie krankgemacht". Meinen Einwand, hier ginge es nicht ums Krankmachen, sondern ums Kranksein, überging sie großzügig, indem sie fortfuhr, sie habe es sich nie leisten können "krankzumachen", weil ihr das Geldverdienen stets wichtiger gewesen sei. Was ich selbstverständlich nachvollziehen kann, sonst wäre ich ja nicht gestern und heute wie niesendes Falschgeld durch Küche und Keller getapert.

Empfindlich reagierte ich erst, als ich einen gewissen heroischen Stolz aus ihren Worten heraushörte. Ich finde, es ist das eine, trotz Krankheit arbeiten zu gehen, weil man das Geld braucht, und ein gänzlich anderes, sich damit zu brüsten. Mir war in dem Moment so, als würde mir ein geballtes Stück zutiefst verinnerlichter Leistungsideologie präsentiert, und ich nahm deutlich wahr, dass diese ideologisch unterfütterte Heldenpose meiner angeschlagenen Gesundheit überhaupt nicht zuträglich war. (Übrigens, der Gesundheit von Frau Übermop genauso wenig, deren gesundheitlicher, namentlich orthopädischer Gesamtzustand sich durchaus als chronisch angeschlagen bezeichnen lässt. Deshalb bin ich ihr ja vor anderthalb Jahren zur Seite gestellt worden.)

Heute mittag habe ich einen nicht geringen Teil des Geldes, was ich gestern und heute verdient habe, investiert in eine große Flasche Eukalyptusbad, eine Familienpackung Papiertaschentücher, Nasensalbe, Brustbalsam, Halstabletten, Erkältungstee, Inhalationskonzentrat sowie eine Wärmflasche mit Kuschelbezug. Bin im Drogeriemarkt an der Kasse Schlange gestanden, hatte dabei genügend Muße, über den tieferen Zusammenhang zwischen Geldverdienen, Geldausgeben und Dummheit zu sinnieren. Lasse mir gerade eine Badewanne mit Eukalyptus einlaufen, habe die Wärmflasche ins Bett gelegt, den Tee daneben gestellt und werde mich sogleich einer ausgiebigen Schwitz- und Schlafkur unterziehen.

Übers Wochenende wird sich das Leiden schon auskurieren lassen, damit ich am Montagmorgen wieder schön gesund bin und wieder schön Geld verdienen kann. Ich glaube, eine Kneippsche Spezialkur mit Doppelaufguss wäre nicht verkehrt: als erstes die Erkältung, danach die Dummheit ausschwitzen.

Montag, 6. September 2010

Undercover


Einerseits, andererseits.

Einerseits ist da eine kluge, mutige, sympathische Frau: die französische Reporterin Florence Aubenas, heute für das Wochenmagazin 'Nouvel Observateur' tätig. In den neunziger Jahren arbeitete sie während des Krieges zwischen Islamisten und Armee in Algerien; dann in Ruanda nach dem Völkermord an den Tutsi; dann im Irak, wo sie 2005 bei einer Recherche entführt und ein knappes halbes Jahr lang in einem Kellerloch eingesperrt war. Ihr jüngstes Projekt führte sie von Februar bis Juli 2009 in den Norden Frankreichs, nach Caen, einer Hafenstadt in der Normandie, wo die Fähren nach England anlegen und starten. Um das französische Prekariat aus der Nähe kennenzulernen, heuerte sie auf einer Fähre als Putzfrau an und reinigte dort nachts Kabinen und Toiletten.

Andererseits sagt Florence Aubenas so vollmundige Sachen wie: "Ohne die Erfahrung der Geiselhaft (im Irak) hätte ich mich das (den Putzfrauenjob in Frankreich) nicht getraut", und da musste ich dann doch dreimal schlucken - wieso, bitte, kann man als Französin in Frankreich nicht Putzfrau werden, ohne die Erfahrung einer Geiselhaft im Kreuz zu haben? Geht es nicht auch ein paar Nummern kleiner? Zum Beispiel so: Wenn die Not am größten ist und einem das Wasser bis zum Hals steigt, geht man eben zur Not auch putzen, sei es in einer Kneipe oder auf dem unteren Kabinendeck einer Fähre.

Andererseits ist die französische Journalistin und Tochter eines EU-Diplomaten ja nicht aus Not putzen gegangen, sondern weil sie ein Buch schreiben wollte; ein Buch darüber, wie es im französischen Prekariat so von "ganz unten" aussieht; das Buch einer Undercover-Journalistin über ein halbes Jahr Rollenspiel im Dreck, denn so heißt das Buch: "Putze. Mein Leben im Dreck" - auf den Spuren ihres Idols Günter Wallraffs wandelnd, wie sie freimütig bekennt. Offenbar braucht man, wenn man nicht aus Not, sondern im Rahmen eines Buchprojektes putzen geht, zuvor ein spezielles Härtetraining im Irak.
Mittlerweile hat sie das Unterschichten-Kostüm wieder abgelegt und ist ins Journalistenleben zurückgekehrt, als Reporterin an einer ziemlich langen Leine. Ihr Erfahrungsbericht hat es in Frankreich zum Bestseller gebracht.
Einerseits habe ich absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand aus Publikations- und Verwertungsinteresse einen zeitlich begrenzten Selbstversuch als Putzfrau durchzieht.

Andererseits erwarte ich von solchen Unterschichtenschickalsverwertern so viel Respekt, Reflektion und damit Infragestellung der eigenen temporären Rolle, dass es einen Unterschied wie Tag und Nacht ausmacht, ob ich genau weiß, dass ich nach sechs Monaten Maloche das Autorenhonorar ein- und die Putz-Segel streichen kann, oder ob meine Perspektive nach sechs, nach zwölf oder nach achtzehn Monaten Putzen die von weiteren sechs, zwölf oder achtzehn Monaten Putzen ist. Geschweige denn die Perspektive von Putzfrauen vom Schlage einer Frau Übermop, die ihr Leben lang in diesem Beruf gearbeitet haben und ihn vermutlich auch im Rentenalter noch ausüben werden. Aus Not, wie gesagt.

Ich finde es bei solchen Undercover-Reportagen immer etwas vermessen, wenn die Experimental-Unterschichtler sich bei ihren Buchvorstellungen feiern lassen wegen der großen Authentizität ihrer Erlebnisdarstellung - wie authentisch kann einer das Unterschichtsleben erleben und darstellen, wenn der Tag nicht fern ist, an dem er das "Unterschichten-Kostüm" wieder ablegt?

Einerseits heißt es bei Autoren wie Aubenas und anderen Enthüllungsjournalisten immer, sie wollten "Menschen Gehör verschaffen, die sonst keines finden", gern auch "die Unsichtbaren ein Stück weit sichtbar machen". Das ist löblich und aller Ehren wert.

Andererseits kommen solche edel-selbstlosen Autorenmotive bei einer Putzfrau aus Not, Schrot und Korn eher schräg an, weil sie, die Motive, so unerträglich sozialpädagogisch-gefühlig artikuliert werden, dass ich mich des unguten Eindrucks eines klientelistischen Gekraultwerdens nicht erwehren kann.

Einerseits hat sie, die befristete Putzfrau, sich verdient gemacht um literarische "Menschenbilder" von "bewegender Dichte"; andererseits hat daran gut verdient die erfolgreiche Journalistin und Diplomatentochter. Das geht voll in Ordnung, und weil es voll in Ordnung geht, sehe ich überhaupt keinen Grund, warum die Herrschaften Enthüllungsjournalisten immer so tun, als seien sie im Auftrag des Herrn unterwegs und nicht etwa im Dienste der Geldschöpfung.

Einerseits gehen mir diese enthüllungsjournalistischen Selbstinszenierungen à la Florence Aubenas ziemlich auf die Nerven. Andererseits kann ich nicht umhin, diese Frau, wie schon erwähnt, sympathisch zu finden, denn sie sagt auch so kluge Sachen wie:
"Wenn der Schwache überleben will, muss er verstehen, wie der Mächtige denkt, während sich der Mächtige nicht darum schert, was dem Schwächeren durch den Kopf geht."
So ist es. Genau darin liegt die Chance des Schwächeren.
Use ya' loaf of brain, folks.

Freitag, 30. Juli 2010

Textile Geschlechterforschung


Nichts ist mehr, wie es war. Kosmische Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt: Seit das Fernsehen da war, trägt Frau Übermop schwarz. Schwarz!

Ich spreche von ihrer Schürze. Eine pechschwarze Schürze hat sie sich neuerdings um den Leib gebunden und sieht darin verdammt gut aus (Länge bis Mitte Schienbein, Bistroschürzen-Look). Unglaublich, was eine Änderung der Schürzenfarbe bewirken kann - Frau Übermop verkörpert pure Noblesse. Gravitätisch stolziert sie schwarzbeschürzt durchs Lokal und strahlt dabei eine unwiderstehliche Autorität aus, welchletzteres ihr zwar mit weißer Schürze auch stets gelungen ist, aber bei weitem nicht so elegant.

Ich selber war schon vor ein paar Monaten umgestiegen auf schwarze Schürzen, sehr zum Missfallen von Frau Übermop. Ich durfte mir wochenlanges Gelästere anhören, von wegen: Zu einer Putzfrau gehört nun mal eine weiße Schürze; man merke halt, dass ich kein Profi sei; einer guten Putzfrau gingen modische Aspekte sonstwo vorbei; eine gute Putzfrau sei nicht eitel, sondern fleißig, und dafür stünde, sozusagen symbolisch, die weiße Schürze. Punktum.

Beharrlich versuchte ich ihr klar zu machen, dass die Faktoren Fleiß und Eitelkeit in keiner Weise miteinander korrelierten, und falls sie anderer Meinung sei, möge sie das bitte nachweisen, qualitativ wie quantitativ, was ihr natürlich nie gelang, sie aber nicht vom Weiterlästern abhielt. Irgendwann hatte ich nichts mehr zu meiner Verteidigung vorzubringen, trug die schwarzen Schürzen aber weiter, und zwar bevorzugt die Kurzform (Mitte Oberschenkel), was Frau Übermop ein zweiter Dorn im Auge war (also früher, bevor das Fernsehen da war): Kurze Schürzen? Hast du sie noch alle? Geht überhaupt nicht. Wie sieht das denn aus? Du bist hier nicht im Service. Zieh dir eine anständige Schürze an. - Hat alles nichts genützt. Weil ich in puncto Sturheit der Frau Übermop mal locker das Wasser reichen kann.

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Frau Übermop in den ersten Wochen meiner damals neuen Tätigkeit, da ging es um die Farbe Weiß bei Schürzen. Schon damals hatte ich nämlich ein begehrliches Auge geworfen auf die schwarzen und dunkelroten Bistroschürzen und -schürzchen, welche ich täglich nach dem Trocknen zusammenlegte. Dekorative Teile sind das - aber no way, ich wurde zu Putzfrauenweiß verdonnert.

Wie eine weiße Schürze nach einer halben Stunde Monsterputz aussieht, kann sich jeder vorstellen, ohne dass Eitelkeit groß zum Thema erhoben werden müsste, weil, es gibt ja auch noch so etwas wie Ästhetik. Und genau das war der Punkt: Während ich für dunkelfarbige Schürzen plädierte, weil sie schmutzresistenter oder flecken'schluckender' sind, vertrat Frau Übermop den Standpunkt, gerade weil die Flecken auf einer dunklen Schürze weniger zu sehen sind, käme für eine Putzfrau nur eine weiße Schürze in Frage. Eben weil der Schürze anzusehen sein müsse, dass die Putzfrau bereits fleißig gewesen ist. Oh du edle Einfalt, mit welch stiller Größe du dich schürzest! Da muss man dann als Novizin erst mal durch.

Aber inzwischen, wie schon gesagt, tragen beide Bräute schwarz. Seit das Fernsehen da war. Mir entwich ein spontanes Kompliment: Steht dir echt gut, die Schürze. Darauf die Übermop, betont beiläufig: Was denn für eine Schürze? Ich so: Na, die schwarze. Frau Übermop, völlig unbeteiligt: Ach - die, die trage ich nur, weil die weißen alle noch im Trockner sind.
Was natürlich ein Witz mit Ohren ist, denn es stapeln sich in der Waschküche die weißen Schürzen bis unter die Decke, und natürlich weiß die Übermop, dass ich das weiß, und trotzdem zieht sie diese Nummer durch mit einem Pokerface, dass ich mich wundere, warum sie Putzfrau und keine Pressesprecherin geworden ist.

Das war gestern. Heute hat sie wieder eine schwarze Schürze getragen. Der Wäschetrockner ist, so weit ich informiert bin, intakt. Also bitte. Ich sag' dazu nichts mehr. Nur so viel: Das Fernsehen ist an allem schuld. Ist aber auch keine besonders neue Erkenntnis.


Montag, 26. Juli 2010

Rollenspiel


Schlechte Laune auf ganzer Breite. Fing schon beim Aufwachen an. Es trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben. Man hört ja dem Regen an, ob er gleich wieder aufhört oder sich anschickt, zum Dauerniederschlag zu werden. Im Bett liegend lauschte ich und wusste: Der Tag geht den Bach runter. Zumindest regentechnisch lag ich völlig richtig.

Andererseits ist schlechte Laune wegen schlechten Wetters bei den meisten Leuten nur eine schlechte Ausrede; warum sollte das bei mir anders sein? Weil, die letzte halbe Stunde hat es ausnahmsweise mal nicht geregnet, und was ist? Immer noch und trotzdem bracchial übellaunig, Tendenz steigend. Nützt alles nichts, ich muss wohl in mich gehen.

Dieses tat ich nach Beendigung meines Frühjobs, und siehe da, schon kam mir die Erleuchtung: Es steht mir nämlich heute noch ein Spätjob ins Haus; einer von denen, die ich bis vor ein paar Jahren mehrmals die Woche abgewickelt habe und die mir heute nur noch höchst selten, sprich alle paar (gefühlte) Schaltjahre in den Schoß fallen.

Ja, heißa!, ist das nicht toll? Endlich mal wieder ein Job, bei dem Köpfchen gefragt und Kohle im Anmarsch ist? Ja doch, toll ist das schon, und die Kohle ist mir mehr als willkommen, und überhaupt, sollte ich nicht vor lauter Tollheit bestgelaunt auf der Gardinenstange tanzen? Tue ich aber nicht. Stattdessen muffle ich vor mich hin, ich undankbares Stück.

Muffelnd stehe ich vor meinem Kleiderschrank und überlege, was ich heute abend anziehen soll. Muss ja irgendwie schick aussehen und was hermachen. Ich seufze, denke: wie anstrengend!, und entsinne mich dunkel meines Wäschepostings von neulich. Draußen fängt es wieder an zu regnen. Ich seufze tiefer, denn Regen bedeutet: Schicke Klamotten auf dem Fahrrad, die geschützt werden müssen, denn ich will ja nicht schick und durchnässt dort ankommen. Regenhose, Regenjacke, Kapuze sowieso und drunter ein südwesterähnlicher Regenhut für alle Fälle, weil, man muss ja dann auch an die Frisur denken. Gott, wie anstrengend.

Sind das jetzt Luxussorgen einer Luxusputzfrau? Kann schon sein. Im Moment geht es mir eher wie einer arbeitslosen Schauspielerin, die nach einer längeren Phase des Nichtgefragtseins endlich mal wieder ein Engagementchen ergattert hat, jetzt ratlos und überfordert in ihrer Garderobe steht und das dumpfe Gefühl hat, die Rolle sitzt nicht mehr so wie sie es früher einmal getan hat. Vom Rollentext ganz zu schweigen. Und keine Souffleuse weit und breit.

Keine Zeit mehr zum Rumnölen, denn ich muss mich jetzt auf die Suche nach meiner schicken Handtasche machen, welche bei meinem Umzug in irgendeine dunkle Kellerecke geflogen ist und heute mal wieder ans Tageslicht gezerrt sein will. Die Tasche werde ich dann in meinem Fahrradrucksack verstauen, welcher, wie ich heute früh betrübt feststellen musste, nicht mehr so wasserdicht ist wie er es einmal war. Was insofern schlecht ist, als auch noch ein Paar schicker Schuhe in den Rucksack gestopft werden muss, was aber nur Sinn macht, wenn sie genauso trocken rauskommen wie ich sie reingestopft habe. Sonst könnte ich ja gleich in Gummistiefeln gehen.

Und da soll ein Mensch keine schlechte Laune kriegen.

Update 22:57:
Wenn ich noch einmal, nur noch EIN EINZIGES MAL den Spruch höre "...da würde ich lieber putzen gehen", geäußert von Menschen mit manikürten Fingernägeln und perfekten Fönwellen, mit büroinduziertem Muskelschwund und einem Rundrücken, der in keinem Verhältnis steht zu ihrer kalendarischen Jugendlichkeit, von Menschen, die ihrem Alter an körperlicher und geistiger Unbeweglichkeit weit voraus sind, die sich selbstverständlich eine eigene Putzfrau halten und sich in den Teeküchen ihrer Angestelltenkäfige damit brüsten, wie "unglaublich billig" diese albanische oder jene rumänische Putzfrau ohne Papiere doch sei ("kann sich heutzutage jeder leisten"), während sie mit spitzen Fingern Lachshäppchen über Tellerchen balancieren und es fertig bringen, im gleichen Atemzug und im Brustton der Überzeugug zu prahlen "...da würde ich lieber putzen gehen" (lieber als was? Na, was wohl? Lieber als Hartz IV zu empfangen, was denn sonst), dann kann ich für nichts mehr garantieren, dann werde ich so sauer, dass ich vermutlich ausrasten und mich des Amoklaufes nicht enthalten können werde. Wollte ich nur mal angekündigt haben. Wozu habe ich ein Blog.

Samstag, 10. Juli 2010

Teil der Gesellschaft


Es gibt Geschichten, die schreibt nur das Leben. Da geht einem Zeitungsfotografen die Waschmaschine kaputt, weshalb er sich in den Waschsalon begibt, wo das wirklich Leben tobt. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit er seine Wäsche hinbringt - immer trifft er dort auf ein und dieselbe Putzfrau und wundert sich. Eines Tages fasst sich der Fotograf ein Herz und fragt die Putzfrau, wieviel sie eigentlich arbeite, und die Putzfrau antwortet "eigentlich immer". Das müsste für eine Story reichen, denkt sich der Mann. Wenig später rückt er mit einer Kollegin aus dem SZ-Magazin bei Petra Steingart (Name der Putzfrau) an. Einfach sei das nicht gewesen, lässt uns das Magazin im Abspann wissen: Für das Interview habe Frau Steingart sich "viel Zeit freischaufeln und Termine umschichten müssen", Putztermine wohlgemerkt, denn die Frau arbeitet im Schnitt 17 Stunden am Tag, manchmal werden es auch 19.

Das sei der "Terminkalender eines Managers" heißt es im ersten Satz des Vorspanns anerkennend, wenn auch nur für "einen Lohn, der gerade zum Überleben reicht". Keine Ahnung, wieviele Manager mit einem 17- bis 19-Stunden-Arbeitstag das SZ-Magazin schon interviewt und porträtiert hat (ich kann mich an keines erinnern), aber egal, Hauptsache, man hat eine griffige Einstiegsphrase, die einem im zweiten Satz erlaubt, noch tiefer ins Klischeeklo zu greifen und unsagbar dämliche Pseudoalternativen zu konstruieren:
Ist sie ein Vorbild? Oder ein Opfer unserer Zeit?
Nach diesem Vorspann war mir schon klar, dass die Lektüre des kompletten Artikels mir vermutlich den Samstagmorgen vermiesen würde, und so kam es. Bei immerhin vier Stunden Putzen täglich fragte ich mich zunächst, ob vielleicht auch ich "ein Opfer unserer Zeit" geworden sei oder gar "ein Vorbild" verkörpere. Als semantisch sensible Putzfrau scheiterte ich schon an den Begrifflichkeiten: Unsere Zeit? Wessen Zeit? Überhaupt, welche Zeit? Wäre System nicht angebrachter? Oder loser statt Opfer, noch einfacher? Vorbild? Bitte für wen? Ganz konkret? Na? (Raten. Auflösung steht am Ende des Artikels.)

Vollends den Zahn der Reflektion gezogen hat mir dann der Satz: "Petra Steingart putzt nicht ein bisschen und nicht bloß so nebenbei", aha, verstanden, vermutlich war das mit dem Vorbild so gemeint, dass eine wie ich mit läppischen vier Stunden täglich sich mal eine 17-Stunden-Malocherin zum Vorbild nehmen sollte. (Dachte ich zu dem Zeitpunkt, aber da hatte ich ja den Artikel noch nicht zu Ende gelesen.)

Trotz ihres harten Arbeitspensums, erfahren wir,
...will Petra Steingart ein anständiges Leben führen: Arbeitslosigkeit, Hartz IV oder andere staatliche Unterstützung kämen für sie nicht infrage. 'Dann arbeite ich lieber wie ein Tier.'
Ah ja, nun kommt der Leser auf die richtige Spur: Nur wer bereit ist, wie ein Tier zu arbeiten, kann/darf ein anständiges Leben führen - wer hat das jetzt gesagt, die Interviewte oder die SZ-Redakteurin?

Ach, man wüsste zu gern, welche Worte tatsächlich von Frau Steingart stammen, welche ihr in den Mund gelegt wurden und welche aus den Ganglien der Autorin einfach so herauspurzelten. Mir fiel unangenehm auf, dass die spärlichen Originaltöne in dem ellenlangen Artikel nur mit der Lupe zu entdecken waren; da lobe ich mir jenes andere Porträt einer Putzfrau, wo nur und ausschließlich die Befragte selbst zu Wort kommt, wo niemand wie wild herum kommentiert und interpretiert und raunt und deutelt. Im Falle des SZ-Magazins wüsste ich schon gern, wer hier eigentlich die Ideologieproduzentin ist, die befragte Putzfrau oder die Redakteurin?

So etwas zum Beispiel lese ich lieber im Originalton und frage mich, wieso die Autorin ihn mir vorenthält:
Sie kenne viele Menschen, sagt sie, die ähnlich hart arbeiten wie sie. Die zwei, drei Jobs haben, um sich ihr Leben finanzieren zu können, als Kfz-Mechaniker, im Sicherheitsdienst, im Supermarkt. Die bloß nicht runter wollen, nicht zu Hartz IV, in die Trägheit, ins menschliche Aus. Wie ein Monster hat sich Hartz IV im Leben der Menschen aufgebaut. Hartz IV heißt Stillstand, Arbeit heißt Fortkommen, Teil der Gesellschaft sein. Petra Steingart hat sich für diesen Weg entschieden, und sie geht ihn...
...und das SZ-Magazin hat sich für den Weg der höheren Leserverarschung entschieden und geht ihn, indem es versäumt mir zu erklären, wie das funktioniert, "Teil der Gesellschaft sein" bei einem (Minimum) 17-Arbeitsstundentag. Wie schafft es die Marathonputzfrau, in den verbleibenden fünf bis sieben Stunden sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen?

Für Frau Steingart ist die Sache klar: Am liebsten nutzt sie die wenigen freien Stunden zum Schlafen. Lieber schläft sie als etwas zu essen. Schlafen und Arbeiten sind ihr wichtiger als Essen.

Für das SZ-Magazin ist die Sache auch klar: Die Story ist im Kasten - jetzt noch ein fetziger Schluss! Was eignet sich dafür besser als eine weitere haarsträubende, dem Leser die Socken ausziehende Pseudoalternative?
Ist sie, Petra Weingart, das Arbeitstier, die 85-Stunden-Frau, eine Heldin unserer Zeit?
Drunter ging's nicht. Heldin. Unserer. Zeit. Aua. Aua. Aua.

Arbeitslose, nehmt euch ein Beispiel, werdet Teil der Gesellschaft. Heldin unserer Zeit...Helden der Arbeit...alles schon mal dagewesen, irgendwann, irgendwo.

Oder? Oder was? Wo bleibt das rhetorische Gegenstück zum aufgepumpten Heldenpathos?
Im larmoyant-langweiligen Sozialpädagogensingsang:
Oder ein Opfer ungerechter Verhältnisse?
Sammer a bisserl betroffen, sammer a bisserl mitfühlend. Passt scho. Nur, das mit dem Heroisieren rockt halt a bisserl mehr, verstehn's.


Mittwoch, 7. Juli 2010

Ein Grund zur Aufregung


Man sollte bei diesem Wetter vermeiden sich aufzuregen. Sagte neulich bereits Frau Übermop und hatte damit recht wie fast meistens. Nur - was soll man machen? Wenn's kömmt, dann kömmt's, so ist das nun mal, und es hat sich noch kein Ärgernis dieser Welt ans Wetter gehalten. Mitunter kömmt es ganz dicke, und dann muss der Ärger raus, was natürlich zu vermehrtem Schwitzen führt, was ja wiederum gesund sein soll, auch wenn der vorbereitende Tobsuchtsanfall hitzebedingt als eher ungesund gilt.

Heute früh jedenfalls entschied ich mich fürs gesunde Schwitzen und nahm dafür den ungesunden, weil kreislaufgefährdenden Tobsuchtsanfall in Kauf. Der Anlass war nichtig, aber nichtsdestotrotz für Aufwallung sorgend, denn zu Arbeitsbeginn musste ich feststellen, dass irgendjemand mit meinen profilbildenden roten Schuhen (siehe Profilbild) Schindluder getrieben hatte, und da bin ich empfindlich. Obwohl die roten Schuhe naturgemäß ziemlich verschmutzt sind, gehören sie noch lange nicht in den Dreck geschmissen, was gewiss nicht aus Böswilligkeit geschah, vielmehr aus Hirnlosigkeit, im Resultat jedoch auf das Gleiche hinauslief: Ärger.

Ich schimpfte. Zwar laut, aber ganz normal halt. Ich schimpfte mir den Ärger von der Seele, und damit hätte es gut sein können, wenn nicht jemand den Fehler begangen hätte, mir zu unterstellen, ich sei es wohl selbst gewesen, die ihre Schuhe in den Dreck verschusselt habe, und der Unterstellung die Worte folgen ließ: "Kennt man ja von Putzfrauen!", was wiederum den ersten Tobsuchtsanfall des Tages folgen ließ. (Böse Zungen behaupten ja, Putzfrauen würden in Wirklichkeit dazu gebraucht, das mysteriöse Verschwinden von Familienschmuck, Tafelsilber und Tresorinhalten zu erklären; das bisschen Putzen diene lediglich der Verschleierung jenes peinlichen Sachverhaltes.) Das war um zehn nach sieben. Gut, da war es noch nicht soo heiß, also wird es auch nicht so furchtbar ungesund gewesen sein. Auf alle Fälle fühlte es sich hinterher gesund an.

Drei Stunden später, bei brütender Hitze, der zweite Tobsuchtsanfall. Mit dem randvollen Flaschenboy im Anschlag nähere ich mich dem Altglascontainer. Sehe von weitem, dass zwei Hundebesitzerinnen sich direkt vor den Containern angeregt unterhalten, während ihre voluminösen Haustiere auf dem schattigen Boden kauern. Sehe aus der Nähe, dass die beiden Köter nicht etwa kauern, sondern im Begriff sind, sich auf typische Weise zu krümmen. Während der eine von beiden bereits dampfendes Zeugnis seiner Notdurft abgelegt hatte und zu einem Nachschlag sich krümmte, war der andere noch ganz mit den die Entleerung vorbereitenden Darmverkrümmungen beschäftigt. All dies unmittelbar vor den Einwurflöchern der Container. Es roch nach Ärger.

Ich schimpfte. Zwar laut, aber ganz normal halt. Damit hätte es gut sein können, wenn nicht die eine der beiden Hundebesitzerinnen an mein Verständnis appelliert hätte, dass den Hunden die Hitze ebenso zusetze wie den Menschen, weshalb Hunde nun mal gern den Schatten aufsuchten. Sie tat dies durchaus maßlos und keinen Widerspruch duldend, wie man es eigentlich nur von Hundebesitzern kennt. Ich erklärte ihr, dass ich den Glascontainer nicht wegen seiner Schattenspende aufsuchte und mich von der Verbindung Schatten/Scheiße an meiner Arbeit gehindert sähe. Ich tat dies durchaus streng und keinen Widerspruch duldend, wie man es eigentlich von einer Putzfrau nicht so kennt. Und halt ein wenig lauter, aber immer noch normal.

Damit hätte es gut sein können, wenn nicht die andere Hundebesitzerin den Fehler begangen hätte, mich abschätzig von unten (ultraverdreckte rote Schuhe, verschmutzte Schürze) bis oben (Arbeitshandschuhe, fleckige Kappe) zu mustern und mich zu fragen: "Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?", worauf der nächste Tobsuchtsanfall seinen Lauf nahm. Die beiden Frauen reagierten perplex, aber noch perplexer die Hunde: Sie schienen beide in ihrer gekrümmten Position zu erstarren, der eine mit geducktem Kopf, der andere böse zu mir nach oben spähend und dabei anhaltend knurrend.

Wenn ich heute eines gelernt habe, dann dies: Knurrende Hunde scheißen nicht. Sie mögen beißen, aber zu scheißen vermögen sie nicht, solange sie knurren. Was mich mit besonders genussvoller Schadenfreude erfüllte, war der Umstand, dass der knurrende der beiden Hunde derjenige mit dem trägen Darm war, mithin derjenige, der sich von dessen Inhalt noch nicht emanzipiert hatte. Krampf und Krümmung bei gleichzeitigem Knurren machten ihn völlig obstipat. Der zweite Hund zerrte mit gekrümmtem Rücken an der Leine, strebte weg von Tatort, Ersthaufen sowie einer randalierenden Mrs. Mop, die jeden ihrer Sätze mit einem Flascheneinwurf in überdurchschnittlicher Lautstärke skandierte. Akustisch war ich ganz klar im Vorteil. Argumentativ sowieso. Und so rein allzumenschlich gesehen ging es mir auch nicht schlecht dabei. Außer dass ich tierisch geschwitzt habe.

Es waren wohl Selbstreinigungskräfte am Werk. Mein Putzjob zwingt mich zur Seelenhygiene. Und das ist gut so.