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Freitag, 8. Februar 2013

Killer-Academy goes Greek


Lange nichts gehört von Blackwater, dem privaten Killerunternehmen eines gewissen George W. Bush, Einsatz im Kriegsgebiet Irak, gegründet von einem tief religiösen Rechtsaußen-Fanatiker.



Lange nichts gehört. Das liegt zum einen daran, dass sich Blackwater inzwischen den vertrauensbildenden, nach solider Intellektualität riechenden Namen "Academi" zu gelegt hat; sozusagen eine Akademie zum Training international disponibler Berufskiller überall dort, wo Polizei und Militär der wachsenden sozialen Unruhen nicht mehr Herr zu werden drohen.

Wieso soziale Unruhen? War Blackwater bislang mit seiner Mission als verlängerter Arm des Militärs nicht ausschließlich in Kriegsgebieten unterwegs? Ganz recht - war. Jedoch, die Bedrohungslagen haben sich verschärft. Zumindest das griechische Parlament fühlt sich immer heftiger bedroht von der es umgebenden "sozialen Instabilität", jener Instabilität, an deren Zustandekommen das griechische Parlament maßgeblich beteiligt ist.

Deshalb bedarf das griechische Parlament jetzt zusätzlichen Schutzes. Und befürchtet offenbar, dass die schlechtbezahlte, im Verbund mit der Neonazi-Partei Golden Dawn marodierende Polizei diesen Schutz nicht mehr ausreichend zu gewähren imstande ist. Und hat darum zur Aufstockung der parlamentarischen Schutzkräfte einen Vertrag mit der Killerfirma Blackwater alias Academi geschlossen. Bereits im  vergangenen Jahr.

Lange nichts davon gehört. Obwohl der ehemalige Botschafter Leonidas Chrysanthopoulos bereits im Dezember 2012 in der kanadischen Zeitschrift Millstone darüber berichtete. Aus Athen wurden Stellungnahmen verweigert, allerdings erfolgten auch kein Dementis. Nur allmählich macht der vertraglich abgesicherte Einsatz von Blackwater-Söldnern im zivilen Kampfgebiet Griechenland die Runde und ist mittlerweile auch in deutschsprachigen Medien angekommen: mit einem überaus informativen Interview, in dem Chrysanthopoulos über die aktuelle Entwicklung und bedrohliche Lage in Griechenland spricht.

Bedroht sieht der Ex-Diplomat jedoch weniger die griechischen Parlamentarier als vielmehr das griechische Volk: bedroht von den Übergriffen der Regierung, der Troika und von Blackwater.

Lesen. Lesen. Lesen. Unbedingt.

Dienstag, 26. Juni 2012

Diplomatie ausgeschlossen


Kennt man ja:

Einladung zu einer flashigen Promi-Party, angesagt sind lauter VIPs, tolle Typen, die Creme der Reichen und Mächtigen, wer wollte da nicht mitfeiern? - und dann stellt sich raus, dass die angeblich ganz große Sause nur von öden, langweiligen Durchschnittspappnasen bevölkert sein wird, statt poppiger Prominenz nur dröge Dutzendware, kurz: die Party ist nicht halb so flashig wie angekündigt, sondern droht zu einer biederen Veranstaltung des Mittelmaßes zu werden. Wie, Flaschen statt flashig? Da kann es dem geladenen Gast, der sich selbst für was Besseres hält, schon mal vergehen, und ihm kommt der Gedanke, dass ein gemütlicher Abend im Kreise der Familie eigentlich auch ganz nett wäre.

Problem nur: Was tun, wenn dieser Gast bereits zugesagt hat? Wie zieht er seinen Kopf aus der Schlinge, wenn alle mit seinem Kommen rechnen, obwohl er selbst gar keine Lust auf Feiern hat? Lösung: krankfeiern, ganz einfach. Kennt man ja. Dafür hat jeder Verständnis. Wer krank ist, feiert nicht. Sondern bleibt zuhause.

Problem nur: dieses Wort, 'krankfeiern'! Wie das schon klingt! Nach Schwänzen, nach Blaumachen, nach 'hey, ich hab' schlicht keinen Bock auf euch!' - irgendwie undiplomatisch. Lösung: Man zieht sich eine "diplomatische Erkrankung" zu. Das klingt doch gleich viel besser, jedenfalls in den besseren Kreisen.
Der Bankier Vasilis Rapanos, der zum Finanzminister der neuen Regierung in Griechenland designiert war, hat seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen erklärt.
Rapanos, das ist dieser griechische Banker, der rechtzeitig vor seiner Vereidigung als Minister an Ort und Stelle, nämlich im Ministerium, spontan in Ohnmacht fiel, vermutlich weil ihm die Lust auf die Macht oder aufs Feiern vergangen war. Seinen Rücktritt gestern abend begründete er mit seiner angeschlagenen Gesundheit, sowie, natürlich, dem fachkundigen Rat seiner Ärzte, er bedürfe dringend der Ruhe und der Schonung.

Und jetzt kommt's:
Eine "diplomatische" Erkrankung ist auf jeden Fall ausgeschlossen,
- ey, dass ihr bloß nicht denkt, der macht einfach blau und hat keinen Bock! Der ist echt krank, drum macht ihr bitte keine undiplomatischen Witze,
zumal die chronischen Gesundheitsprobleme des Bankiers kein Geheimnis darstellten.
- sondern stellt euch lediglich die Frage, wieso der Bankier unbedingt Finanzminister werden wollte, wo er doch über seine chronischen Gesundheitsprobleme bereits im Vorfeld im Bild gewesen war/sein musste/sein müsste/sein hätte sollen?, wie auch immer, wir wollen das jetzt nicht auf die Goldwaage legen, denn in Korinth kackt einer leicht daneben.

Also, wieso blieb er nicht von vorneherein der Party fern? Siehe oben: weil er sich die Party anders vorgestellt hatte. Bisschen illustrer. Bisschen mehr hochkarätige Gäste von seiner hochkarätigen Art:
Kabinettsmitglieder gestehen allerdings ein, die bekannt gegebene Zusammensetzung der Regierung habe Vasilis Rapanos überrascht und verstimmt, da er die Zusagen bezüglich der Berufung konkreter Personen bzw. "hochkarätiger" Technokraten wie Georgios Zanias, Giannis Strournaris und Tasos Giannitsis in den Wirtschaftsstab der neuen Regierung erhalten haben soll, von denen jedoch schließlich niemand eingesetzt wurde.
Verständlich, dass dem Ex-Finanzminister-in-spe das Fernbleiben seiner hochkarätigen Technokraten-Buddies auf den gesundheitlich eh schon angeschlagenen Magen geschlagen, ihn also "überrascht und verstimmt" hat.

Daher ja auch der medizinisch eindeutige, diplomatisch korrekte Fachbegriff Magenverstimmung. Bekanntlich eine der häufigsten psychosomatischen Erkrankungen. Darauf einen diplomatischen Ouzo zur Verdauung.

Freitag, 4. Mai 2012

Praktischer Schafskäse


Das mit der Jugendarbeitslosigkeit ist auch nicht mehr das, was es mal war. Inzwischen liegt sie in der gesamten Eurozone - den offiziellen(!) Zahlen zufolge - bei satten 22,6 Prozent, nähert sich also rapide dem Befund, dass ein Viertel der jungen - unter 25-jährigen - Europäer ohne Arbeit ist. Den Rekord halten die Länder Griechenland und Spanien mit jeweils 51 Prozent, gefolgt von Italien mit 35,9 Prozent arbeitsloser junger Menschen.

In Amerika - wo die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp unter 50 Prozent liegt - wurde gestern ein kluger Blogger (of two minds, Charles Hugh Smith: "Future Economy, Future Stability, Future Careers") von einem besorgten Vater gefragt,
... mit welchem beruflichen Werdegang unsere Kinder überhaupt existenzfähig sein könnten?
sowie, angesichts sich stetig verdüsternder Zukunftaussichten,
... wo sehen Sie Chancen für irgendeine Art beruflicher Entwicklung und Stabilität?
- worauf dem fragenden Vater geraten wurde, seine Kinder zu "grundlegenden praktischen Fähigkeiten" zu erziehen oder sie zum Erlernen solcher Fähigkeiten zu ermuntern. Beispielhaft genannt wurden Fähigkeiten wie das Zähneputzen (nicht nur die eigenen), das Reparieren altersschwacher Fahrzeuge, Anbau und Zubereitung von Gemüse oder das Organisieren von Community-Aktivitäten. Lauter praktische Fähigkeiten also, die das Alltags- und Überleben in harten und noch härter werdenden Zeiten ermöglichen.

Dies las ich mit Interesse und dachte dabei, wie gut, dass du mittlerweile über die grundlegende praktische Fähigkeit verfügst, problemlos Kartoffelsalat für 120 Leute zuzubereiten. Oder wenig Schafskäse auf viel geröstetem altem Weißbrot so anzurichten, dass es aussieht wie viel Schafskäse auf wenig Weißbrot. Oder so.

Apropos Schafskäse:

Schafskäse wächst ja bekanntlich nicht auf Bäumen, sondern wird aus Schafen gewonnen, und die Schafe müssen erstmal gezüchtet, gehütet und gepflegt werden, bevor sie ihre Milch und ihren Käse rausrücken. Deshalb gibt es den Schäfer, dessen Berufsbild so umschrieben wird:
Schlechte Bezahlung und lange Arbeitszeiten, aber dafür Jobsicherheit, viel frische Luft und so viel Pecorinokäse zu essen, wie das Herz begehrt.

Traumberuf Schäfer. Für wen? Für immer mehr junge Menschen. Wo? Im Traumland Italien, wo die Jugendarbeitslosigkeit sich der 40-Prozent-Marke nähert und wo
... junge Leute scharenweise Schäfer werden wollen. Zwar ist der Beruf traditionell die Domäne alter Männer, zieht aber seit neuestem 3.000 junge Italiener an.
Deren "naturnahe" Berufswahl verdanke sich dem Umstand, dass
... ihre Berufsziele Arzt, Rechtsanwalt oder Ingenieur vereitelt werden durch Italiens geringfügiges Wirtschaftswachstum, das sich noch verschlechtert hat durch zermürbende Sparprogramme.
Der 25-jährige Davide Bortoluzzi beispielsweise hat einen Abschluss als technischer Gutachter, konnte jedoch keinen Job finden, hütet jetzt in den norditalienischen Dolomiten eine Herde von 400 Schafen und sagt, er sei zufrieden:
"Ich bin zufrieden mit meiner (Berufs)Wahl. Angefangen habe ich, indem ich mich anderen Schäfern anschloss und mich bei ihnen eingearbeitet habe. Leicht war es nicht. Aber ich machte jeden Tag Fortschritte, ohne mich allzu sehr entmutigen zu lassen davon, manchmal in strömendem Regen oder unter brennender Sonne zu arbeiten."
Ebenfalls zufrieden über die jüngste Entwicklung, sprich: die "Verjüngung eines Sektors der italienischen Landwirtschaft", äußerte sich ein Bericht des italienischen Landwirtschaftsverbandes Coldiretti, denn in den meisten Fällen hätten
... die jungen Schäfer die Qualität des produzierten Fleisches, der Wolle und des Käses verbessert.
Auch dies las ich mit Interesse und dachte, na also, alles in Butter. Der Käse reift. Die Milch macht's. Das Frischfleisch bringt's. Für wenig Geld.

Apropos Geld:

Geld wächst ja bekanntlich auch nicht auf den Bäumen, sondern wird...ja, wo kommt eigentlich das Geld her? Vor allem, wenn man keines hat und dringend welches braucht? Böse Zungen behaupten, Geld werde aus Schafen gewonnen. Weil, wenn die Schafe ordentlich gemolken werden, rücken sie die Knete raus, die von den obersten Schafhirten dann verprasst wird. Diesen Vorgang nennen die obersten Schafhirten gern 'Sparprogramm'. Die Schafe finden das (siehe oben) zermürbend, aber das ist den Schafhirten egal.

Inzwischen sind die obersten Schafhirten - also, die tonangebenden Finanzmanager - Europas am Überlegen, wie sie sonst noch an Geld rankommen könnten. Weil sie nämlich inzwischen denken: Jetzt, wo wir so ein tolles Sparprogramm haben, brauchen wir unbedingt noch ein tolles Wachstumsprogramm; nicht etwa, damit die ausgemergelten Schafe besser wachsen und gedeihen - Gott bewahre -, sondern damit das, was die Schafhirten 'Wirtschaft' nennen, besser wachsen und gedeihen kann. Und um Wirtschaftswachstum zu generieren, muss Geld generiert werden. Aber wie? Vielleicht am besten mit einer Gelddruckmaschine?

Während Europas Herrscherkaste darüber debattiert, ob es vernünftig sei, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, indem die Europäische Zentralbank die Gelddruckmaschine ankurbelt, haben einige unternehmerisch denkende Leute im städtisch-ländlichen Nordwesten von Neapel eigenständig die Initiative ergriffen, indem sie stapelweise gefälschte Euros drucken.
Porca miseria! Da behaupte noch einer, die eurotechnokratischen Schafhirten hätten keine Leitbildfunktion! Von wegen.


Während die Euro-Schafhirten noch am Debattieren sind, sind die süditalienischen Schafe - Herdenzentrum: Giugliano bei Neapel - bereits am Drucken. Nicht am Drucksen, sondern am Drucken, nicht am Kleckern, sondern am Klotzen, denn mehr als die Hälfte aller im Umlauf befindlichen gefälschten Eurobanknoten kommen aus jenem gesegneten Landstrich nordwestlich von Neapel. Es handelt sich um professionell generiertes Falschgeld allerfeinster Qualität, vor dem sogar die zuständige Polizeibehörde den Hut zieht:
"In Italien gibt es von altersher eine großartige, majestätische Traditon: Von hier kommt Falschgeld in allerbester Qualität," sagt Col. Alessandr Gentili, Leiter der italienischen Anti-Falschgeld-Währungs-Polizeieinheit in Rom. "Giugliano ist immer noch die Metropole. Dort gibt es die besten Profis."
Mit "Metropole" ist natürlich die Falschgeld-Finanzmetropole Giugliano gemeint, der Polizeichef Gentili seinen Respekt bezeugt. Und er fährt fort, dass die majestätische Tradition des Gelddruckens - ähnlich der Tradition des Winzertums, der Töpferkunst und anderer "schöner Künste" (unzweifelhaft eine Anspielung auf die Kunst der Schafskäseherstellung), für die Italien berühmt sei - traditionellerweise von den Vätern an die Söhne weitergegeben werde.

Figlio mio! In Giugliano sind es die Väter, die ihre Söhne zu grundlegenden praktischen Fähigkeiten wie der des Gelddruckens erziehen! Solche Väter bedürfen selbstverständlich keiner externen Berufsberatung für ihre Söhne.


Leider konnte ich keine regionalen Statistiken zur Jugendarbeitslosigkeit im Nordwesten Neapels ausfindig machen, möchte aber fast wetten, dass sie um einiges unter 35,9 Prozent liegt. Wobei übrigens auch die italienischen Falschgeldproduzenten alle mal klein angefangen haben, nämlich mit popeligen home-office-Tintenstrahldruckern, bevor sie ihre praktischen Fähigkeiten mit ausgereiftem technologischem Knowhow zur lukrativen Handwerkskunst professionalisierten.

All dies las ich mit großem Interesse und muss zugeben, dass ich dabei längere Zeit gedankenverloren auf meinen ollen Tintenstrahldrucker starrte; eine Art meditativer Versenkung, die mich womöglich aus alten, festgefahrenen Denkmustern befreien und mir neue, traumhafte Karrierewege erschließen wird. Einstweilen bin ich noch am Schafezählen, spüre aber, wie sich mein rechter Daumen - wenn auch nur fiktiv - zu emanzipieren beginnt.


Donnerstag, 3. November 2011

Occupy Halloween



Rätselhaft. Ein Mitglied der New Yorker Polizei (NYPD) mit Guy-Fawkes-Maske? Oder ein Mitglied von Anonymous in NYPD-Uniform? Man weiß es nicht. Halloween halt.

Donnerstag, 28. April 2011

McJobs


Am 19. April diesen Jahres ereignete sich in Amerika das lange herbeigesehnte, vielfach herbeigeredete und niemals eingetretene sogenannte Jobwunder: Es war der Tag des nationalen Einstellungsbooms ("National Hiring Day"), an dem die Firma McDonalds angekündigt hatte, 50.000 neue Jobs zu schaffen.

Nachdem bereits in den Monaten zuvor von offizieller Seite das Ende der Wirtschaftskrise lauthals verkündet worden, jedoch die breite Bevölkerung vom Wahrheitsgehalt dieser steilen These nur schwer zu überzeugen war, kam der schöne Begriff "jobless recovery" in Mode: Aufschwung, ja klar, halt nur ohne Arbeitsplätze. Kam aber, sowohl als Begriff wie als Lebenswirklichkeit, auch nicht besonders gut an.

Es musste also dringend etwas passieren. Etwas, was den Aufschwung glaubhaft rüberbringt; am besten etwas, was die Leute dazu bewegt, sich aufzuschwingen zu einem vielversprechenden Bewerbungsgespräch. So kam es zu dem erwähnten National Hiring Day von McDonalds, der seitens der offiziellen Presse und der Ökonomen, darunter vielen Apologeten des Aufschwungs, gebührend gefeiert, ja, fast in den Rang eines Nationalfeiertages erhoben wurde.

Wenn alle feiern, dachte sich der Karikaturist Mike Fluggennock, dann feiere ich halt auch mit, und nahm den allgemeinen Freudentaumel über den endlich boomenden Arbeitsmarkt zum Anlass, dem altehrwürdigen amerikanischen Wappentier ein zeitgemäßes Design zu verpassen:

Mike Fluggennuck, Great Seal v2.0

"...the recent McDonald's 'Hiring Day' resulted in the hiring of 50.000 new burger-flippers, news that was of course deliriously cheered by the Beltway Insider crowd as part of its collective pants-pissing over the creation of 230.000 new jobs last month - nearly half of which were on the order of Wal-Mart greeters, Home Depot cashiers, the aforementioned burger- flippers, and other assorted shit-wage jobs. So, I decided it was time to redesign the Great Seal Of The United States to reflect current American reality."
(Zum Vergleich hier das Original)

Mittwoch, 23. Februar 2011

Wer backt, wird verknackt


Die Zeiten sind hart. Und sie werden, wenn nicht alles täuscht, noch härter werden. (Mindestens so vollendet hart wie das vollendete Futurum exactum.)

Wer schon heute von der Hand in den Mund lebt, wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch künftig tun müssen; und wer, wie ich, zu dieser rasant sich vermehrenden Gattung der Auserwählten gehört, macht sich so seine Gedanken, wie er das harte Los am besten gebacken kriegt.

Gebacken, das war das magische Wort. Wer selber backt, ist klar im Vorteil. Denn wer selber backt, neigt automatisch dazu, sich das passende Geschäftsmodell zu backen: Hat man sich erst mal mit dem improvisierten von-der-Hand-in-den-Mund-Leben eingerichtet, spricht eigentlich nichts dagegen, passgenau zum Lifestyle das entsprechende Produktions- und Distributionsschema aufzuziehen und es als das ganz große Ding zu verkaufen:


1. Zieh an der Schnur.

Das hat zur Folge, dass es irgendwo im zweiten Stock klingelt.

2. Klemm eine Eindollarnote an die Schnur.

Jemand aus dem zweiten Stock zieht die Schnur mit dem Dollar nach oben.


Alles weitere, nämlich Gute, kommt von oben:

3. Zieh dir einen frischgebackenen fat cookie rein.

Von der Hand in den Mund. Ein Geschäftsprinzip mit Zukunft, finde ich.

Vielmehr, fand ich. Denn leider war dem kleinen Backbusiness keine vollendete Zukunft vergönnt - obwohl die Abverkäufe bombig liefen, die Laufkundschaft den Mund gar nicht voll genug kriegen konnte und die drei Kleinstbäcker alle Hände voll zu tun hatten. Nach nur einer Woche Geschäftserfolg platzte die Blase.

Denn die Obrigkeit schritt ein und setzte dem innovativen Straßenverkaufstreiben ein jähes Ende (via laughingsquid); nach dem Motto: da könnte ja jeder, und wenn das jeder machen würde, und überhaupt, wo kämen wir da hin?

Ja, wo kämen wir da hin? Vielleicht in den Untergrund? Jedenfalls lassen die Fat Cookies durchblicken, dass sie nicht gewillt sind, ihr Backblech widerstandslos zu räumen. Bereits ihr offizielles Statement klingt hoffnungsfroh subversiv,
Natürlich werden wir das Gesetz respektieren, aber wir sind nicht gänzlich bereit, die Finger von den Fat Cookies zu lassen - haltet einfach die Augen offen!
und inoffiziell lassen sie keinen Zweifel daran, dass ihre Schokoplätzchen so schnell nicht totzukriegen sein werden:
We'll try to find ways to fill your bellies in the future!
We'll be back.
Das nennt man unvollendete Zukunft.

Dienstag, 1. Februar 2011

Bombenprämie


'Cash for Clunkers' war die amerikanische Variante der deutschen Abwrackprämie, die so funktionierte: Gib uns dein altes Schrottauto und wir geben dir Bares dafür. Feiner Deal.

'Cash for Work' ist ein Programm internationaler Hilfsorganisationen in Krisen-, Kriegs- und Katastrophengebieten, das so funktioniert: Hilf uns bei den Aufräumarbeiten und wir geben dir Bares dafür. Feiner Deal.

Also, das Programm sollte so funktionieren.
"Die lokale Bevölkerung wird in die Katastrophenbewältigung mit einbezogen."
Klingt sinnvoll. Irgendwie.

Wie funktioniert das Programm tatsächlich?
"Besonders effektiv sind die Programme nach Naturkatastrophen, zerstörerischen Kriegen und in Zeiten von akuten Nahrungsmittelkrisen."
Was macht nun diese Programme speziell nach zerstörerischen Kriegen so besonders effektiv?

Das:


Im Rahmen des 'Cash-for-Work'-Programms händigt ein afghanischer Junge einem US-Army-Sergeant eine nicht explodierte Bombe aus, was jener mit den Worten kommentiert: "Cash for Work works." Auf Deutsch: geht doch. Oder: Das Programm funktioniert.
"Das Programm bietet der lokalen Gemeinschaft eine Partnerschaft an, indem es die Bevölkerung versorgt mit Einkünften aus Tagelöhnerarbeit und dem Abliefern von nicht gezündeter Artillerie." (ISAF Joint Command)
Wie gesagt, das Programm funktioniert.

Andernorts ist zu lesen:
Vorteile von Cash for Work-Programmen (u.a.):
  • Geringere Arbeitslosigkeit durch Kurzzeit-Jobs
Es werden kurzfristige Arbeitsplätze für einen großen Teil der betroffenen Bevölkerung geschaffen.
"Kurzfristige Arbeitsplätze" - treffender und zynischer lässt sich der Cash-for-Work-Einsatz des abgebildeten jungen Tagelöhners kaum formulieren: Gib uns den Blindgänger und wir geben dir Bares dafür (natürlich nur, wenn du bei der Übergabe noch lebst). Feiner Deal.
"Employing kids in Afghanistan to collect unexploded ordnances isn't the best way to win hearts and minds, it's a PR disaster waiting to happen." (Bucky Turco, Animalnewyork)
Frei übersetzt: Hier wartet eine tickende Zeitbombe.



Mittwoch, 12. Januar 2011

Prekärer Nebenerwerb


Lustig. War mir gar nicht klar, in welch enger Nachbarschaft die Spezies Minijobber mit der Kategorie Kleingangster lebt. Anscheinend laufen bei letzteren die Geschäfte auch nicht mehr so prosperierend, weshalb sich immer mehr Kriminelle (!) mit Schwarzarbeiten (!) durchschlagen, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Sagt jedenfalls ein jüngst erschienener Report in der Ganoven-Fachzeitschrift Crime Scene, the trade magazine for the legally challenged (auf deutsch: Fachzeitschrift für die juristisch Behinderten). Einschlägige Gesetzesbrecher wie Taschendiebe, Drogenhändler oder klassische Einbrecher, so ist zu lesen, sind neuerdings derart knapp bei Kasse, dass sie ihr schmal gewordenes Budget mit nebenberuflichen Tätigkeiten aufbessern müssen - sonst reicht's hinten und vorne nicht.

'Daran ist der konjunkturelle Abschwung schuld', bestätigte 'Mad' Mick Morgan (Einbrecher und Herausgeber der Fachzeitschrift), 'in den Häusern der Leute liegt einfach nicht mehr so viel wertvolles Zeug rum, das sich abzugreifen lohnt.'

Von einem Drogendealer wird berichtet, er arbeite nebenher schwarz bei der Feuerwehr.

'Genau genommen', sagte Phil 'The Hammer' Jones (Gangster und Kriminologe), 'ist es schwierig geworden zu unterscheiden, welche Art der Berufsausübung mehr zur Unredlichkeit verleitet - Bankgeschäfte oder Einbruchsdiebstahl, Politik oder Zuhälterei.'

'All dies übt einen schrecklichen Druck aus auf die Familien von Verbrechern', ergänzte Sir Paul 'Fingers' Stephenson (Gelegenheitsdieb und Beauftragter bei der Metropolitan Police). ***

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Phil 'The Hammer' seinem Kollegen Sir Paul 'Fingers' anlässlich dessen Amtseinführung in seinen Zweitjob gratuliert haben mit den Worten: Schuster, bleib bei deinem Leisten!


***frei übersetzt aus dem britischen Satire-Magazin NewsBiscuit

Montag, 10. Januar 2011

Schirmherr


Hey, auf Jobsuche ist man immer dankbar für Impulse von außen; also Anregungen für Jobs - und seien diese noch so durchgeknallt -, auf die man selber nie im Leben gekommen wäre.

Walking in the rain: Claudia Schiffer

Hier ein besonders attraktives Beispiel aus der Kategorie: Was des einen Luxus, sei des andern Broterwerb. Bekanntlich ist den Reichen und Schönen dieser Welt nicht alles zuzumuten, was für den Normalsterblichen eine Selbstverständlichkeit ist, und dazu gehört nun mal das Tragen eines Regenschirmes. Ein Regenschirm? Gibt es Entwürdigenderes als sich selbst vor dem hässlichen Schmuddelwetter abzuschirmen? Wo es doch essentiell Wichtigeres zu tragen gibt als einen schnöden Regenschirm, beispielsweise die Handtasche im XL-It-Bag-Format und den Kaffeepappbecher im XL-Starbucks-Format, mit dem in der Hand sich der Umwelt so trefflich signalisieren lässt, dass man selbst auch zu denjenigen gehört, die, nun ja, ständig unterwegs und irgendwie busy sind.

Wem solcherart beladen die motorische Koordination fehlt, einen Schirm aufzuspannen und - Gott behüte - auch noch zu tragen, der braucht eben einen Schirmherrn. Und wenn er (oder sie, ist ja egal) findet, dass er damit immer noch nicht bescheuert genug aussieht, kann er sich ja problemlos einen zweiten Dienstboten anheuern zum Schleppen eines Kaffeebechers. Und sich drittens zugute halten: Schiffer schafft Arbeitsplätze. Ich geh' schon mal mich bewerben.

Montag, 3. Januar 2011

Pinguin Hop


Darf ja wohl nicht wahr sein. Grade gehe ich auf meinen frisch geschippten Megabalkon und was ist? Es fängt schon wieder an zu schneien. Oh, wie mich das nervt. Oh, was würde ich mich freuen, wenn es mich nicht so nerven täte. Oh, was würde ich mich freuen, wenn ich ein kleiner Pinguin wäre, der sich über tanzende Schneeflocken freut. Doch ach, weil ich kein kleiner Pinguin bin, denke ich: Mist verdammter, wieso hast du vor zwei Stunden die Schneeschippe in den Keller getragen?


Wie ich das Video so angucke, zum aber-x-ten Mal, steigt aus dem Morast meines Unbewussten ein altes Kinderlied empor, und das geht so:
Pinguine, Frau und Mann,
haben Frack und Hosen an,
darum, ohne Unterschied,
gilt für alle dieses Lied.
Weiter weiß ich leider nicht mehr. Nur, dass ich gerade einer Art Pinguin-Job auf der Spur bin. Statt nur dumm rumzustehen, sollten die übrigen dumm rumstehenden Pinguine mir gefälligst die Daumen drücken. Finde ich. Obwohl ich natürlich weiß, dass Pinguine keine Daumen haben. Bin ja schon groß. Trotzdem.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Untergrund-Poesie



Schwer aktiv ist die Frau Holle,
und mein Fahrrad steht dumm rum.
Trägt ein Kleid aus Schafschurwolle,
ich fahr' U-Bahn, didel dum.

Ist jetzt nicht der alleroriginellste Musenkuss, der mich da ereilt hat, aber was soll man machen - Mann, ist U-Bahnfahren langweilig! Besonders morgens um halb sieben. Steh' ich halt dumm in der U-Bahn rum und warte, dass mir etwas Gereimtes einfällt.

U-Bahn in der Frühe ist ein bisschen wie trostlose Kneipe am späten Abend, wohin sich ausschließlich Solisten verirren, die unbedingt solo bleiben und trübe vor sich hin gucken wollen mit einem Sprich-mich-bloß-nicht-an-Gesicht. Ganz wichtig: Jeder hat seinen festen Stammplatz. Jeden Morgen dieselben Leute auf jeweils demselben Sitz. Ich persönlich bleibe lieber stehen, denn im Sitzen würde ich in diesen überheizten Wagen sofort wieder einschlafen. Aber, ganz wichtig: Auch ich habe meinen festen Stammstehplatz, nämlich dort, wo ich von schräg hinten bei einer Frau mit kurzen auberginefarbenen Stoppelhaaren, die sich Tag für Tag in ihre Zeitung vertieft, mitlesen kann.

Die ganze Zeit habe ich mir eingebildet, dies sehr diskret zu tun; schließlich gibt es viele Leute, die es nicht leiden können, wenn ihnen jemand über die Schulter ins Blatt starrt. Wie man sich täuschen kann. Heute früh saß die Auberginefarbene wieder auf ihrem Stammplatz und las, ich stand an meinem Stammplatz und las mit, und plötzlich, ohne sich umzudrehen, nahm sie den Lokalteil aus ihrer Zeitung raus und reichte ihn mir schweigend über ihre rechte Schulter. Einfach so. Und las ungerührt weiter. Irre. Als ich begeistert ein Dankeschön trompetete, nickte der Stoppelkopf nicht unfreundlich, machte jedoch zugleich eine abwinkende Sprich-mich-bloß-nicht-an-Handbewegung. Auch gut.

Nachdem ich den Lokalteil fertiggelesen hatte, fing ich wieder an, mich zu mopsen und hielt links und rechts Ausschau nach etwas Interessantem. War aber nix. Genau das sind die Situationen, in denen dümmliche Reime produziert werden. Wie ich so vor mich hin reimte und dümmelte, fiel mir auf einmal auf, dass in der U-Bahn unglaublich viele Menschen fortgeschrittenen Alters saßen. Mit fortgeschritten meine ich jetzt: ziemlich weit fortgeschrittenes Rentenalter. Komisch, dachte ich. Was machen die ganzen Rentner so früh in der U-Bahn? Wo doch noch kein einziger Supermarkt geöffnet hat? Ich wunderte mich und dümmelte weiter.

Erst als ich merkte, dass sich auf 'Rentner' beim besten Willen kein Reim finden ließ außer vielleicht 'Zentner', erfasste mich ein Gefühl der Beschämung ob meines eigenen dümmlichen Klischeedenkens. Weil, egal wie alt jemand ist - wohin fährt er oder sie um halb sieben in der Frühe? Natürlich zur Arbeit, wohin sonst. Als ich zur nächsten U-Bahn umstieg, stand hinter mir auf der Rolltreppe einer dieser älteren Mitfahrer und begrüßte gerade einen anderen älteren Kumpel. Ich hörte den beiden kurz zu.

"Feierabend?", fragte der eine.
"Endlich", seufzte der andere.
"Hast du's gut", erwiderte der erste.
"Sei froh, dass du keine Nachtschicht hast", entgegnete der zweite.
"Man ist froh, dass man überhaupt was hat", antwortete der erste.
Ich drehte mich auf der Rolltreppe um und fragte, was sie arbeiteten.
"Pförtner", sagten beide wie aus einem Munde, sahen einander an und mussten lachen.
"Nachtschicht", sagte der zweite.
"Gestatten, Frühschicht", grinste schief der erste.

Beide schauten mich freundlich an. Müde, aber freundlich. Keine Spur von Sprich-mich-bloß-nicht-an-Gesichter. Wie man sich doch täuschen kann.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Die halbe Miete


"Selig sind die am Geiste Armen", heißt es irgendwo in der Bibel, aber ich weiß nicht so recht, ob das wirklich stimmt. Weil, vielleicht ist ja einer erst dann selig, wenn er einen Geist hat, weil er dann nicht mehr so arm ist wie ohne Geist. Vorausgesetzt, der Geist zahlt ihm seine Miete. Das klingt jetzt ziemlich wirr, wurde aber jüngst bestätigt durch eine wissenschaftliche Studie, genauer gesagt durch eine, wie vermutet werden darf, Halloween-induzierte Umfrage.

Fragt man nämlich die Leute, ob sie bereit wären, ihre Wohnung mit einem Geist zu teilen, wenn sie dafür die Hälfte weniger Miete zahlen müssten, dann bejahen das immerhin 27 Prozent aller Amerikaner. Was bedeutet, dass ich mit 27 Prozent der Amerikaner sympathisiere, denn lieber würde ich meine Wohnung mit einem Gespenst teilen als mit einem der verbleibenden 73 Prozent Amerikaner, die so etwas nicht tun würden. Logisch, oder?

Natürlich bin ich mir im Klaren, dass so eine WG mit einem Gespenst nicht ohne Kompromisse zu haben ist. Aber immer noch lieber ein halbwegs entmaterialisiertes, pünktlich zahlendes Gespenst als einen wildfremden, vollumfänglich physischen Untermieter mit womöglich schlecht riechenden Socken, geistlosen Sprüchen und ständig im Mietrückstand.

Geklärt werden müsste freilich die Frage der gemeinsamen Haushaltsführung. Was, wenn der Geist all seine Freunde zum Feiern einlädt und die mir mein ganzes Bier wegtrinken? Geht dann der Geist zur Tankstelle und holt neues Bier? Hat er dafür Geld? Oder muss ich es ihm geben? Bin ich etwa unterhaltspflichtig? Wie gesagt, kompromissbereit wäre ich, würde allerdings darauf pochen, dass der versoffene Mitbewohner sich auch an den Betriebskosten beteiligt.

Auch drängt sich die Frage auf, wie reinlich so ein durchschnittliches Gespenst sich verhält. Muss ich ihm hinterher putzen? Wer wäscht dem Gespenst seine Laken? Geht ein Gespenst aufs Klo? Verbraucht es Klopapier? Lässt ein Gespenst auch immer schön die Klobrille unten? Alles läppische Detailprobleme, aber auch diese läppern sich am Ende. Am besten drücke ich dem Geist gleich die gesamten Nebenkosten aufs Auge, zusätzlich zur halben Miete. Wieder was gespart.

Wobei, wenn ich es mir recht überlege, sollte ich das Ganze eventuell geschickter einfädeln, um den Etat (meinen) noch niedriger zu halten. Das heißt, ich lasse das Gespenst erst mal drei, vier Wochen hier probewohnen. Mit Sicherheit wird das Gespenst es bei mir sehr gemütlich finden und bleiben wollen. Kein Problem, werde ich sagen und sodann listig fragen, ob es schon mal an den unschätzbaren Komfort einer eigenen Haushälterin gedacht habe? Wow, wird das Gespenst antworten, du bringst mich auf Ideen! Daraufhin werde ich großzügig den Kühlschrank öffnen und rufen: Was mein ist, soll auch dein sein!, worauf das Gespenst - maßlos, wie Gespenster nun mal sind - ein paar Bier zu viel zischen und einen gewaltigen in der blütenweißen Krone haben wird; just bei dieser Gelegenheit werden wir vereinbaren, dass das Gespenst mir für meine haushälterische Betreuung die andere Hälfte der Miete noch obendrauf legt. Ich wäre aller Sorgen ledig, und beide lebten wir fortan in Saus und Braus.

Doch damit nicht genug - mit etwas Geschäftssinn ließe sich das neuartige Gemeinschaftswohnmodell noch lukrativer gestalten; zum Beispiel könnte ich bei meinem Vermieter nachfragen: Haben Sie vielleicht auch Wohnungen mit zwei Gespenstern und 100 Prozent Mietnachlass? Ha, runde Sache, das! Mietfreies Wohnen plus zweimal satten Haushälterinnenlohn kassieren - ein sorgenfreies Lotterleben bis ans Ende meiner Tage.

Andererseits müsste ich dafür schon wieder umziehen, und darauf habe ich keine Lust. Jetzt, wo der Winter kommt. Ich hab's: Was hindert mich daran, in den eigenen vier Wänden Gespenst zu spielen? Wo Ich war, soll Geist werden. Bisschen rumgeistern, dann betroffen den Vermieter kontaktieren und ihn zur Mietreduktion auffordern. Das wäre dann die sogenannte kleine, durchaus marktfähige Lösung - es ließe sich eine maßgeschneiderte Serviceleistung daraus entwickeln ('Suchen Sie ein Gespenst auf Zeit zur mittelfristigen Senkung Ihrer Mietkosten? Rufen Sie an.'). Betonung auf mittelfristig, weil, langfristig geht man sich ja dann irgendwann selbst auf den Geist.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Underdogs Lieblingsjob


Das Jobwunder nimmt seinen Lauf. Unaufhaltsam. Darum setzen wir heute unsere beliebte Reihe 'Jobs, die keiner machen will' fort mit der aktuellen Episode 'Poop Pick up - oder: Suche Jobs, die sonst keiner machen will':
Haben Sie es satt, hinter Ihrem Hund aufzuklauben? Dann sollten Sie diese Anzeige lesen! Ich komme gerne zu Ihnen nach Hause, um die ganze Hundekacke auf Ihrem Hof wegzuputzen und sie anschließend zu entsorgen. Auch kann ich Ihren Hund jederzeit ausführen, wann immer es Ihnen recht ist. Außerdem kann ich Ihren Hof/Garten von Müll oder Bauschutt entrümpeln. Sollten Sie einen Keller besitzen, dem es an Sauberkeit und Ordnung mangelt, rufen Sie mich an! Ich suche grundsätzlich nach solchen Jobs, die sonst keiner machen will. Kein Job ist mir zu groß oder zu klein!

Das Job-Inserat wurde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufgegeben*, könnte aber auch hierzulande für ein exponentielles Weiterwuchern des Jobwunders sorgen. Hat doch schon vor einem halben Jahr eine deutsche Grünenpolitikerin den Boden bereitet, den sie künftig am liebsten hundekackefrei sehen würde. Jobs, die kein Hundebesitzer machen will? Kein Problem, wofür haben wir unsere Spezis aus der Abteilung Leistungsempfänger. Langt in die Scheiße, Leute.

Wenn ich es mir recht überlege, wäre da ein zusätzlicher Nebenverdienst für mich drin. Denn keiner der zahlreichen Hundebesitzer, die mir noch vor der Morgendämmerung - also im Schutze der Dunkelheit - begegnen, denkt auch nur im Halbschlaf daran, die Exkremente seines Lieblings zu beseitigen. Da käme ein ordentlicher Haufen zusammen. Ich wittere den Aufschwung: der Jobklassiker für den Underdog.

*in Craigslist, dem weltweit größten Online-Netzwerk für Jobsuche und -angebote

Mittwoch, 29. September 2010

Fünf Euro


Mit fünf Euro kommt man zur Zeit überall durch. So als Gesprächsthema, meine ich. Alle reden über fünf Euro. Sogar lieber als übers Wetter. Was man mit fünf Euro machen könnte, wofür man den Pleite-Heiermann ausgeben könnte, was man sich davon kaufen könnte. Gut, rede ich halt auch darüber.

Zum Beispiel verdammt mich ein frühmorgens entdeckter Platten am Fahrrad zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, um zu meinem Job und wieder zurück transportiert zu werden; eine Dienstleistung, deren Inanspruchnahme mich knapp fünf Euro kostet. Das ist deutlich mehr als die Hälfte eines Stundenlohnes. Das tut weh. Kommt also nicht in Frage. Es darf einfach morgens keinen Platten geben; nur so bin ich geschützt vor dummen Gedanken, die um den Sachverhalt der Beförderungserschleichung kreisen. Fünf Euro für so eine Popelfahrt - geht gar nicht.

Womit ich sagen möchte, dass ich bei der Frage des Wertes oder Gegenwertes von fünf Euro instinktiv denke: Was musst du für fünf Euro tun?, mich sodann ein leichtes Zucken befällt, was dazu führt, dass in der Mehrzahl irgendwelcher kaufrelevanter Situationen die fünf Euro in der Tasche stecken bleiben. Wo sie hingehören. Das macht mich zum Konsummuffel, was mich wiederum zur Kommunikationsbremse macht, weil man sich mit mir einfach nicht länger als eine halbe Minute darüber unterhalten kann, was man mit fünf Euro so alles machen könnte. Mir wird dann fad.

Gar nicht fad finde ich hingegen die Frage, was andere Menschen für fünf Euro zu tun bereit sind. So etwas interessiert mich brennend. Auch wenn es in Wirklichkeit nicht um fünf Euro, sondern um fünf Dollar geht, aber ist ja egal. Hier ein paar Perlen:
Ich mache für Sie eine Stadtführung durch Moskau für 5 $
Ich drucke und verteile Flyer an mindestens 30 Häuser für 5 $
Ich höre mir 15 Minuten lang via Skype deine Beziehungsprobleme an für 5 $
Ich beantworte zehn Fragen über Berlin (Deutschland) für 5 $
Ich werde jeden Song deiner Wahl als Jazz-Song singen für 5 $
Ich mache ein Design für dein Tattoo für 5 $
Ich werde eine Woche lang ein T-Shirt mit der Werbung Ihrer Firma tragen für 5 $
Ich erstelle jedes gewünschte Video in New York City für 5 $
Ich schreibe deinem Kind einen Brief vom Nikolaus für 5 $
Ich gestalte Ihnen eine Website für 5 $
Ich bringe Ihrer Katze in drei Wochen bei, wie sie sich auf Ihre Toilette setzt, für 5 $
Ich installiere Ihnen WordPress plus eine volle Woche Support für 5 $
Ich schreibe eine Rede für einen Brautvater für 5 $
Ich bringe Ihnen das Jonglieren bei für 5 $
Ich werde Sie einen Monat lang jeden Morgen telefonisch wecken für 5 $
Ich komponiere Ihnen ein italienisches Liebeslied für 5 $
Der Marktplatz, auf dem ausschließlich Fünf-Dollar-Niedriglohn-Gigs feilgeboten und nachgefragt werden, heißt Fiverr.com. Das Ganze ist kein Scherz. Obwohl die Seite einen hohen Unterhaltungswert bietet, findet hier eine rege Kleingeschäfte-Macherei statt. Manchmal bleibt beim Lesen das Lachen im Hals stecken. Weil unschwer herauszulesen ist, wie sehr den Anbietern das Wasser bis zum Hals steht.

Am besten hat mir dieses Inserat gefallen:
Ich bringe Ihnen für 5 $ bei, wie Sie mit dem, was Sie bei fiverr anbieten, doppelt so viel Geld machen können.

Mittwoch, 22. September 2010

Text putzen


Heute war ein erfreulicher Tag. Denn heute nachmittag gab es einen kleinen Lektorier-Job, dem vielleicht noch weitere kleine Lektorier-Jobs folgen werden. Das erfreulichste daran war, dass der Job im Restaurant stattfand, denn bei dem Auftraggeber handelt es sich um einen der Geschäftsführer, der sich gerade ein zweites Standbein als Buchherausgeber und Verleger aufbaut. Auch er ein Multijobber, sozusagen. Wenn auch in einer etwas anderen Liga spielend als ich.

Ich schmiss also um 11:30 Uhr die roten Schuhe von den Füßen und die Schürze vom Leib, hockte mich rollenkonfliktfrei vors Laptop und wurde vom Geschäftsführer mit Speis' und Trank verwöhnt. Da dieser Geschäftsführer das Servicegeschäft leitet, weiß er, wie das geht (das mit dem Verwöhnen). Er gab den Vollprofi.

Ich aber auch. Hocherfreulich war es festzustellen, dass meine sprachfahnderischen Reflexe immer noch einwandfrei funktionieren; die Arbeit am Text ging mir leichter von der Hand denn je. Manchmal hielt ich inne, schaute zum Fenster hinaus und hatte das unbestimmte Gefühl, die nachmittägliche Leichtigkeit der Textarbeit könnte vielleicht irgend etwas zu tun haben mit der schweren körperlichen Arbeit am Vormittag. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber doch. Irgendwie jedenfalls.

Am allererfreulichsten war der Umstand, dass dieser Geschäftsführer als (verlegerischer) Auftraggeber ein pflegeleichter ist: Er zeigte sich durchweg einsichtig, fügte sich allen meinen Verbesserungsvorschlägen fast widerstandslos, und wenn ich anfing streng zu werden ("Das geht so nicht, basta!"), sagte er "okay", stand auf und kochte frischen Kaffee. Es war ein selten gemütlicher und dabei intellektuell herausfordernder Job. Als der Feinschliff am Text sich in die Länge zu ziehen begann - die Zeit drängt, die Buchmesse naht und der Flyer musste heute noch raus -, schaute er auf die Uhr und bemerkte: "Hoffentlich hast du heute nichts mehr vor", worauf ich ein vorwurfsvolles Gesicht aufsetzte und erwiderte: "Doch, ich muss noch bloggen", was sich ja auch irgendwie erfreulich anfühlt, wenn man seinem Auftraggeber gegenüber das einfach so erwähnen kann.

Interessant war es zu erleben, wie das Restaurant im Laufe des Nachmittags sein Gesicht und seine Energie verändert. Köche und Küchenhilfen werkelten lautstark in der Küche, gegen vier Uhr begann der Service zu wuseln, das Telefon ging immer öfter, der ganze Bienenstock fing an zu summen, die Zeit verstrich und aus dem Summen wurde eine Brummen, wie ein Organismus, der sich warm läuft und allmählich auf Hochtouren bringt. Auch war es interessant zu erleben, dass die weiblichen Servicekräfte und Küchenhilfen es hochinteressant fanden, dass da die Putzfrau am Laptop sitzt und dem Chef Vorträge über guten Schreibstil hält; während die männlichen Köche sich so verhielten, als komme ihnen die ganze Szenerie befremdlich und daher völlig uninteressant vor. Kann aber auch Einbildung gewesen sein. Glaube ich aber nicht. Irgendwie jedenfalls.

Doch, der Tag war gut. So ein Tag macht zufrieden.
Es könnte ruhig mehr solcher Tage geben.

Montag, 6. September 2010

Undercover


Einerseits, andererseits.

Einerseits ist da eine kluge, mutige, sympathische Frau: die französische Reporterin Florence Aubenas, heute für das Wochenmagazin 'Nouvel Observateur' tätig. In den neunziger Jahren arbeitete sie während des Krieges zwischen Islamisten und Armee in Algerien; dann in Ruanda nach dem Völkermord an den Tutsi; dann im Irak, wo sie 2005 bei einer Recherche entführt und ein knappes halbes Jahr lang in einem Kellerloch eingesperrt war. Ihr jüngstes Projekt führte sie von Februar bis Juli 2009 in den Norden Frankreichs, nach Caen, einer Hafenstadt in der Normandie, wo die Fähren nach England anlegen und starten. Um das französische Prekariat aus der Nähe kennenzulernen, heuerte sie auf einer Fähre als Putzfrau an und reinigte dort nachts Kabinen und Toiletten.

Andererseits sagt Florence Aubenas so vollmundige Sachen wie: "Ohne die Erfahrung der Geiselhaft (im Irak) hätte ich mich das (den Putzfrauenjob in Frankreich) nicht getraut", und da musste ich dann doch dreimal schlucken - wieso, bitte, kann man als Französin in Frankreich nicht Putzfrau werden, ohne die Erfahrung einer Geiselhaft im Kreuz zu haben? Geht es nicht auch ein paar Nummern kleiner? Zum Beispiel so: Wenn die Not am größten ist und einem das Wasser bis zum Hals steigt, geht man eben zur Not auch putzen, sei es in einer Kneipe oder auf dem unteren Kabinendeck einer Fähre.

Andererseits ist die französische Journalistin und Tochter eines EU-Diplomaten ja nicht aus Not putzen gegangen, sondern weil sie ein Buch schreiben wollte; ein Buch darüber, wie es im französischen Prekariat so von "ganz unten" aussieht; das Buch einer Undercover-Journalistin über ein halbes Jahr Rollenspiel im Dreck, denn so heißt das Buch: "Putze. Mein Leben im Dreck" - auf den Spuren ihres Idols Günter Wallraffs wandelnd, wie sie freimütig bekennt. Offenbar braucht man, wenn man nicht aus Not, sondern im Rahmen eines Buchprojektes putzen geht, zuvor ein spezielles Härtetraining im Irak.
Mittlerweile hat sie das Unterschichten-Kostüm wieder abgelegt und ist ins Journalistenleben zurückgekehrt, als Reporterin an einer ziemlich langen Leine. Ihr Erfahrungsbericht hat es in Frankreich zum Bestseller gebracht.
Einerseits habe ich absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand aus Publikations- und Verwertungsinteresse einen zeitlich begrenzten Selbstversuch als Putzfrau durchzieht.

Andererseits erwarte ich von solchen Unterschichtenschickalsverwertern so viel Respekt, Reflektion und damit Infragestellung der eigenen temporären Rolle, dass es einen Unterschied wie Tag und Nacht ausmacht, ob ich genau weiß, dass ich nach sechs Monaten Maloche das Autorenhonorar ein- und die Putz-Segel streichen kann, oder ob meine Perspektive nach sechs, nach zwölf oder nach achtzehn Monaten Putzen die von weiteren sechs, zwölf oder achtzehn Monaten Putzen ist. Geschweige denn die Perspektive von Putzfrauen vom Schlage einer Frau Übermop, die ihr Leben lang in diesem Beruf gearbeitet haben und ihn vermutlich auch im Rentenalter noch ausüben werden. Aus Not, wie gesagt.

Ich finde es bei solchen Undercover-Reportagen immer etwas vermessen, wenn die Experimental-Unterschichtler sich bei ihren Buchvorstellungen feiern lassen wegen der großen Authentizität ihrer Erlebnisdarstellung - wie authentisch kann einer das Unterschichtsleben erleben und darstellen, wenn der Tag nicht fern ist, an dem er das "Unterschichten-Kostüm" wieder ablegt?

Einerseits heißt es bei Autoren wie Aubenas und anderen Enthüllungsjournalisten immer, sie wollten "Menschen Gehör verschaffen, die sonst keines finden", gern auch "die Unsichtbaren ein Stück weit sichtbar machen". Das ist löblich und aller Ehren wert.

Andererseits kommen solche edel-selbstlosen Autorenmotive bei einer Putzfrau aus Not, Schrot und Korn eher schräg an, weil sie, die Motive, so unerträglich sozialpädagogisch-gefühlig artikuliert werden, dass ich mich des unguten Eindrucks eines klientelistischen Gekraultwerdens nicht erwehren kann.

Einerseits hat sie, die befristete Putzfrau, sich verdient gemacht um literarische "Menschenbilder" von "bewegender Dichte"; andererseits hat daran gut verdient die erfolgreiche Journalistin und Diplomatentochter. Das geht voll in Ordnung, und weil es voll in Ordnung geht, sehe ich überhaupt keinen Grund, warum die Herrschaften Enthüllungsjournalisten immer so tun, als seien sie im Auftrag des Herrn unterwegs und nicht etwa im Dienste der Geldschöpfung.

Einerseits gehen mir diese enthüllungsjournalistischen Selbstinszenierungen à la Florence Aubenas ziemlich auf die Nerven. Andererseits kann ich nicht umhin, diese Frau, wie schon erwähnt, sympathisch zu finden, denn sie sagt auch so kluge Sachen wie:
"Wenn der Schwache überleben will, muss er verstehen, wie der Mächtige denkt, während sich der Mächtige nicht darum schert, was dem Schwächeren durch den Kopf geht."
So ist es. Genau darin liegt die Chance des Schwächeren.
Use ya' loaf of brain, folks.

Montag, 16. August 2010

White Rabbit


Willst du dir den Tag versau'n,
musst du in den Spiegel schau'n.

Was spricht das Spieglein an der Wand heute morgen? Dass meine Augen aussehen wie die eines gedopten Kaninchens nach drei Tagen Schlafentzug. Dabei habe ich immerhin drei Stunden geschlafen. Es hätte noch schlimmer kommen können - aber vor drei Stunden habe ich meine segensreiche Texterei beendet, einen fetten Punkt gemacht, und ich sah, dass mein Werk gut war. Ich habe es sogar noch geschafft, Korrektur zu lesen und dabei festgestellt, dass ich zweimal - es kann sich also um keinen Zufall handeln - das Wort Tiefkühltruhe ohne t geschrieben hatte. Also, nicht etwa am Anfang, sondern in der Mitte, Tiefkühlruhe. Wäre ich darüber nicht in hysterisches Kichern verfallen, hätte ich drei Stunden und zehn Minuten schlafen können.

Jetzt können die Millionen rollen.

Doch zunächst fährt die Millionärin wie jeden Morgen zum Putzen. Verrückt.
Am verrücktesten ist, dass ich es, gerade heute, gar nicht mal ungern tue. Verstehe ich selber nicht. Manchmal bin ich mir ein Rätsel.

Jetzt aber erst mal aufs Rad und dem System Frischluft zuführen. Jede Wette, dass die Kaninchen heute nicht vor mir weglaufen wie sonst.


Montag, 26. Juli 2010

Rollenspiel


Schlechte Laune auf ganzer Breite. Fing schon beim Aufwachen an. Es trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben. Man hört ja dem Regen an, ob er gleich wieder aufhört oder sich anschickt, zum Dauerniederschlag zu werden. Im Bett liegend lauschte ich und wusste: Der Tag geht den Bach runter. Zumindest regentechnisch lag ich völlig richtig.

Andererseits ist schlechte Laune wegen schlechten Wetters bei den meisten Leuten nur eine schlechte Ausrede; warum sollte das bei mir anders sein? Weil, die letzte halbe Stunde hat es ausnahmsweise mal nicht geregnet, und was ist? Immer noch und trotzdem bracchial übellaunig, Tendenz steigend. Nützt alles nichts, ich muss wohl in mich gehen.

Dieses tat ich nach Beendigung meines Frühjobs, und siehe da, schon kam mir die Erleuchtung: Es steht mir nämlich heute noch ein Spätjob ins Haus; einer von denen, die ich bis vor ein paar Jahren mehrmals die Woche abgewickelt habe und die mir heute nur noch höchst selten, sprich alle paar (gefühlte) Schaltjahre in den Schoß fallen.

Ja, heißa!, ist das nicht toll? Endlich mal wieder ein Job, bei dem Köpfchen gefragt und Kohle im Anmarsch ist? Ja doch, toll ist das schon, und die Kohle ist mir mehr als willkommen, und überhaupt, sollte ich nicht vor lauter Tollheit bestgelaunt auf der Gardinenstange tanzen? Tue ich aber nicht. Stattdessen muffle ich vor mich hin, ich undankbares Stück.

Muffelnd stehe ich vor meinem Kleiderschrank und überlege, was ich heute abend anziehen soll. Muss ja irgendwie schick aussehen und was hermachen. Ich seufze, denke: wie anstrengend!, und entsinne mich dunkel meines Wäschepostings von neulich. Draußen fängt es wieder an zu regnen. Ich seufze tiefer, denn Regen bedeutet: Schicke Klamotten auf dem Fahrrad, die geschützt werden müssen, denn ich will ja nicht schick und durchnässt dort ankommen. Regenhose, Regenjacke, Kapuze sowieso und drunter ein südwesterähnlicher Regenhut für alle Fälle, weil, man muss ja dann auch an die Frisur denken. Gott, wie anstrengend.

Sind das jetzt Luxussorgen einer Luxusputzfrau? Kann schon sein. Im Moment geht es mir eher wie einer arbeitslosen Schauspielerin, die nach einer längeren Phase des Nichtgefragtseins endlich mal wieder ein Engagementchen ergattert hat, jetzt ratlos und überfordert in ihrer Garderobe steht und das dumpfe Gefühl hat, die Rolle sitzt nicht mehr so wie sie es früher einmal getan hat. Vom Rollentext ganz zu schweigen. Und keine Souffleuse weit und breit.

Keine Zeit mehr zum Rumnölen, denn ich muss mich jetzt auf die Suche nach meiner schicken Handtasche machen, welche bei meinem Umzug in irgendeine dunkle Kellerecke geflogen ist und heute mal wieder ans Tageslicht gezerrt sein will. Die Tasche werde ich dann in meinem Fahrradrucksack verstauen, welcher, wie ich heute früh betrübt feststellen musste, nicht mehr so wasserdicht ist wie er es einmal war. Was insofern schlecht ist, als auch noch ein Paar schicker Schuhe in den Rucksack gestopft werden muss, was aber nur Sinn macht, wenn sie genauso trocken rauskommen wie ich sie reingestopft habe. Sonst könnte ich ja gleich in Gummistiefeln gehen.

Und da soll ein Mensch keine schlechte Laune kriegen.

Update 22:57:
Wenn ich noch einmal, nur noch EIN EINZIGES MAL den Spruch höre "...da würde ich lieber putzen gehen", geäußert von Menschen mit manikürten Fingernägeln und perfekten Fönwellen, mit büroinduziertem Muskelschwund und einem Rundrücken, der in keinem Verhältnis steht zu ihrer kalendarischen Jugendlichkeit, von Menschen, die ihrem Alter an körperlicher und geistiger Unbeweglichkeit weit voraus sind, die sich selbstverständlich eine eigene Putzfrau halten und sich in den Teeküchen ihrer Angestelltenkäfige damit brüsten, wie "unglaublich billig" diese albanische oder jene rumänische Putzfrau ohne Papiere doch sei ("kann sich heutzutage jeder leisten"), während sie mit spitzen Fingern Lachshäppchen über Tellerchen balancieren und es fertig bringen, im gleichen Atemzug und im Brustton der Überzeugug zu prahlen "...da würde ich lieber putzen gehen" (lieber als was? Na, was wohl? Lieber als Hartz IV zu empfangen, was denn sonst), dann kann ich für nichts mehr garantieren, dann werde ich so sauer, dass ich vermutlich ausrasten und mich des Amoklaufes nicht enthalten können werde. Wollte ich nur mal angekündigt haben. Wozu habe ich ein Blog.

Donnerstag, 8. April 2010

Weg mit dem Dreck


Um mal von der Gans auf den Hund zu kommen: Selbst bei ausgeschöpfter Tierliebe scheinen derzeit die bekennenden Hundehasser auf dem Vormarsch zu sein.
Das fröhliche Frühlingsgewuffe mag ja herzerwärmend sein, die vitalen Hinterlassenschaften der bellenden Vierbeiner sind es keineswegs. Und das mit dem händischen Aufklauben der Ausscheidungen hat sich wohl noch nicht so herumgesprochen unter den Hundebesitzern; jedes Fitzelchen Grünfläche legt beredtes Zeugnis davon ab. Von den Bürgersteigen wollen wir gar nicht reden. Bürger? Steigen? Bürger steigen über Hundekot.
Irgendwie will es auf dem Hundesektor nicht richtig Mode werden, dass der Dreck nach dem Verursacherprinzip beseitigt werde.
Trotz aller städtischer Marketingkampagnen und privater Initiativen bleibt die Kacke am Dampfen. Und wenn der Augenschein nicht trügt, geht der Frühling mächtig auf die Verdauung - in einer Stadt wie Berlin fallen täglich bis zu 38 Tonnen Hundekot an. Muss man sich mal vorstellen. Jemand wie ich bekommt bei einem halben Kilo schon die Vollkrise.
Jetzt hat eine Berliner Grünen-Abgeordnete zum Thema Umweltverkackung mal kurz ihr Hirn entleert, damit mal wieder etwas über sie in der Zeitung steht. Tut es hier.
"Was auf Gehwegen und an Straßen herumliegt, ist ekelig, der öffentliche Raum darf nicht länger als Kloake benutzt werden,"
findet die erklärte Tierschützerin, nach deren Meinung Hartz-IV-Empfänger zu Kotkontrolleuren umgeschult werden sollten. Langzeitarbeitslose könnten so eine neue Beschäftigung bekommen, zitiert die taz. Bis zu 20 von ihnen will die Grünenpolitikerin in jedem Berliner Bezirk einsetzen; sie sollen den Hundebesitzern hinterherspitzeln, ob die auch die Kothäufchen ihrer Lieblinge korrekt aufklauben und entsorgen.
Was, wenn der Kampfhundbesitzer - auf frischer Tat ertappt - den Kotkommissar zum Teufel jagt, mit allen ihm, dem Kampfhundbesitzer, gebotenen Mitteln? Mann, der Schiss hat Biss. Am Ende, fast ahnt man es, werden es wohl die Arbeitslosen sein, die den Hundedreck der Nichtarbeitslosen aufzulesen und zu entsorgen haben. Irgendwann, jede Wette, werden die Hundeknöllchenschreiber auf Hundehäufchensammler umgeschult werden. Vielleicht wird es der herrschenden politischen Rhetorik irgendwann gelingen, dass sich die Arbeitslosen selbst entsorgen. Bloß, wer bückt sich dann und räumt die Hundescheiße weg?


Samstag, 21. November 2009

Action im Advent


Es weihnachtet sehr, heute schon wieder. Aber heute wesentlich stimmungshebender als gestern. Adventskalender machen nämlich gute Laune, vor allem selbergebastelte Adventskalender.

Nach einem ausgedehnten Frühstück sind ein Geschäftsführer und Mrs. Mop die Restaurantwand hochgegangen und haben sich dort kreativ ausgetobt. Es macht extrem viel Spass, mit jemandem zusammen etwas zu gestalten und zu erleben, dass der andere genau so ein abgedrehter Bastelfreak ist wie ich selber. Genau so vertieft, genau so detailverliebt, genau so viel Sinn fürs Komische. Wir können uns beide fast kindisch freuen, wenn etwas so wird, wie wir es uns gedacht haben, oder auch ganz anders.

Und jetzt hängen 24 fesch geschnürte und mit knallig durchnumerierten Türchen versehene Packerln an der Wand. Mein persönlicher Designfavorit ist das Kuhpaket für den 14. Dezember; da, wo die Kühe stehen, befindet sich das Türchen, und dort wird am vierzehnten ein Geschenk herauszuholen sein, von einem Gast.

Mehr darf ich nicht verraten. Leider. Ich bin zu absolutem Stillschweigen verdonnert, sonst droht womöglich das äußerste. Nur so viel: An jedem Abend während der Adventszeit wird irgendein Gast, sofern er in eine bestimmte Situation kommt, das entsprechende Türchen öffnen und das Geschenk des Tages entnehmen dürfen. Ich stelle mir das Ganze ziemlich öffentlichkeitswirksam vor, denn höchstwahrscheinlich wird zum Zeitpunkt X das ganze Lokal geiern und gaffen, was da passiert und wer da was geschenkt kriegt und warum und wieso und überhaupt.
Der Rest ist Schweigen, wie gesagt.

Immerhin werde ich eine der ersten sein, die erfährt, was in die Packerln reinkommt, denn so wie es ausschaut, bin ich diejenige, die jeden Morgen die Wand hochgehen und ein Packerl mit tagesaktuellem Inhalt bestücken wird, über welchen zuvor auf höchster Ebene diskutiert und entschieden wurde.
Advent, Advent, die action rennt.