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Sonntag, 31. März 2013

Summertime Blues


Sommerzeit ist:
früh morgens zur gewohnten Stunde völlig orientierungslos, weil komplett umnachtet, aufzuwachen.

Sommerzeit ist:
früh morgens - komplett umnachtet - von einer quietschfröhlichen Radiostimme angesülzt zu werden, "jetzt bleibt es abends eine Stunde länger hell!"

Sommerzeit ist:
früh morgens zur gewohnten Stunde zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass es jetzt morgens eine Stunde länger dunkel bleibt.


Sommerzeit sucks.

Montag, 21. Januar 2013

Am Leben




Lisa Bassenge - Lass die Schweinehunde heulen

Lass die Schweinehunde heulen
Lehn dich trunken aus dem Fenster
Schrei den Menschen auf der Straße
Deinen Namen in die Fresse

Lass die Nase richtig bluten
Lass die Erde richtig beben
Leg dich einfach auf die Straße
Und du weißt, du bist am Leben

Treib die Kühe durch die Dörfer
Jag die Katze aus dem Haus
Gib dem Affen noch mehr Zucker
Lass die Säue alle raus

Trink das Wasser aus der Vase
Reiß den Tresen gleich mit ab
Jaul mit allen Straßenkötern
Heute ist der letzte Tag

Lass die Nerven richtig zittern
Lass die Erde richtig beben
Stell dich mitten ins Gewitter
Und du weißt, du bist am Leben

Nimm die besten Augenblicke
Bau dir deine Zeit daraus
Riskier die dickste aller Lippen
Pfeif auf jeglichen Applaus

Lass die Nase richtig bluten
Torkel durch den Morgennebel
Leg dich einfach auf die Straße
Und du weißt, du bist am Leben

Donnerstag, 17. Mai 2012

Gefahrenfrüherkennung



Frankfurt, 17. Mai, 7 Uhr früh, in Zeiten von Blockupy.

Die gefährlichste Uhrzeit des Tages.
Die Zeit, wo das Mainufer blockiert wird (von wem?)
und Gefahr im Verzug ist.
Noch ist der Aufenthalt auf öffentlichen Grünanlagen erlaubt.
Schwarz-Grün zeigt sich tolerant.
Kann man nicht meckern.
Wenn nur diese Gefahr nicht wäre.

Montag, 10. Oktober 2011

Druckfrisch



Aufstehen, Kaffeetrinken, Zeitunglesen -
so gehört sich das.

Druckfrisch am Montagmorgen:

Die zweite Ausgabe von The Occupied Wall Street Journal.

Issue 2 : The Occupied Wall Street Journal

Bemerkenswert auf Seite 3:

Ein knapper Leitartikel, der kurz und bündig klarstellt, warum #occupywallstreet keine sogenannten "Forderungen" auflistet, und warum das keine (von Traditionslinken und Rechtshardlinern gern unterstellte) Schwäche ist, sondern eine Stärke.
No list of demands

We are speaking to each other, and listening.
This occupation is first about participation.
Gut gebrüllt. Darauf noch einen starken Kaffee.

Dienstag, 27. September 2011

Zugedröhnt am frühen Morgen


Vor einer knappen halben Stunde wurde ich auf beunruhigende Weise damit konfrontiert, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre: Internetsüchtige!, lautete die frühmorgendliche Dröhnung aus dem Radio. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zeigte sich schrill "alarmiert", möchte darum "die Internetsucht zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen" und stieß handfeste Drohungen aus: "Diese Art der Abhängigkeit braucht viel öffentliche Aufmerksamkeit."

Rette sich, wer kann. Wenn etwas meine "physische und seelische Gesundheit", mag sie noch so suchtgefährdet sein, ruiniert, dann ist sind es übergroße Dosen öffentlicher Aufmerksamkeit. Man darf sich in den nächsten Tagen auf viel Geschrei und Gekeife gefasst machen; ich habe mir vorsorglich schon mal eine Woche lang strengste Rundfunk-Abstinenz verordnet.

Warum lassen die mir nicht einfach meine Ruhe? Eben drum:
"Diese Art der Abhängigkeit braucht viel öffentliche Aufmerksamkeit, sonst droht sie eine stille Sucht zu werden."
Meine Ruh' ist hin. Die Dramatisierung nimmt ihren Lauf und wird verlässlich in öffentliche Hysterie münden. An den Pranger gehört sie, die Sucht, nicht ins verschwiegene Kämmerlein, denn dort "fallen sie erst einmal nicht auf", die Internetsüchtigen. Und damit die Online-Junkies auch gleich wissen, in welch gefährlicher Nachbarschaft ihr Risikoverhalten anzusiedeln ist, deliriert die Drogenexpertin mit ganz großer Keule:
"Während Koma-Säufer in der Notaufnahme und in den Schlagzeilen landen, können krankhafte Online-Nutzer lange unentdeckt bleiben."
Oh Schreck. Vorbei die Zeit, wo ich mich - sozial unauffällig - dem surfenden Koma-Saufen hingeben konnte. Die fürsorgliche Drogenbeauftragte will, dass ich in der Notaufnahme der öffentlichen Schlagzeilen lande. Harter alarmistischer Entzug droht.

Da hilft nur eins: mit heraufgesetzter Dosis gegensteuern. Radio aus. Computer an. Doppelte Dröhnung setzen. Komatös in den Tag starten. Heimlich. Unentdeckt. Solange es noch geht.

Montag, 20. Juni 2011

Aufwachen!



Mein Revolutionswecker macht mir richtig Freude.

Nach den Fünf-Uhr-Nachrichten brachte er eine ausführliche Reportage "von den Straßen Griechenlands und vom griechischen Parlament". Ich frohlockte, weil ich dachte: Na endlich hat es der Deutschlandfunk gerafft, dass die echte Demokratie im Volksparlament auf Griechenlands Straßen stattfindet. Zu früh gefreut. Denn - wie eigentlich nicht anders zu erwarten von einem deutschen Qualitätsmedium - wusste der Sprecher feinsinnig, aber altmodisch zu unterscheiden zwischen dem Pöbel auf Syntagma und der politischen Elite in Syntagma. Na ja. Sie werden es schon noch lernen, die deutschen Sprecher.

Jedenfalls, berichtete der Reporter, habe der neu ins Amt gesetzte griechische Finanzminister, dessen Namen ich mir nicht merken kann, heute nacht um zwei Uhr Vielversprechendes verkündet.

(Weil die personelle Lage nach der jüngsten griechischen Kabinettsumbildung ein wenig unübersichtlich ist, hier zum besseren Verständnis eine vereinfachte Darstellung:)


Und zwar verkündete der Finanzminister im Brustton, aber ohne Überzeugung, dass der vom IMF verlangte strenge Sparkurs strikt eingehalten und sämtliche Vorgaben wie gewünscht erfüllt werden würden. Wörtlich sagte Herr Papacanttakeashit: "Wir haben bei diesem Vorhaben die volle Unterstützung unserer Bevölkerung und unserer Partner."

Wen er mit "unsere Partner" gemeint hat, kann man sich denken - auf keinen Fall jedoch "seine" Bevölkerung. Denn die griechische Bevölkerung, berichtete der Reporter weiter, habe nach Bekanntgabe des Statements des Finanzministers heute nacht auf Syntagma lautstarke Protestsprechgesänge angestimmt. Diese wurden in meinem Revolutionswecker im O-Ton eingeblendet, und der deutsche Reporter war so freundlich, sie vom Griechischen ins Deutsche zu übersetzen:
"IMF, geh' zum Teufel! IMF, geh' zum Teufel!"
Mit der Idee von der vollen Unterstützung durch seine Bevölkerung dürfte Herr Papacanttakeashit ein neues Kapitel in der modernen griechischen Mythologie aufgeschlagen haben. Die Zeiten sind aufregend. Wir berichten weiter.

Sonntag, 24. April 2011

Lammfromm


Als ich heute früh, noch österlich schwer verschnarcht - o Haupt voll Trunk und Heiterkeit -, durch die Wohnung taperte, mit einem Ohr Radio hörte und mit der anderen Hand nach der Zahnbürste suchte, verhalf mir der Deutschlandfunk zu einem veritablen Erweckungserlebnis.

Ich vernahm irgend etwas - mit, wie gesagt, nur einem Ohr - über "Kirchenlieder und Gesangbücher als Messgeräte unserer metaphysischen Lage". Während ich schlaftrunken überlegte, ob es sich dafür lohnt, das Zähneputzen aufzuschieben (elektrische Zahnbürste, macht Höllenlärm, übertönt Radio), kam der Rundfunkmoderator auch schon zur Sache: Es ging um den, nun ja, metamorphotischen Wandel von kirchlichen Liedzeilen im Wandel der Zeit und des, so ungefähr, Zeitgeistes.

Die Rede war von dem "sakralen Hit" (O-Ton) "Ich will dich lieben, meine Stärke", welcher wiederum die Liedzeile enthält "Ich will dich lieben, Gottes Lamm, als meinen Bräutigam". Letzteres, so der Moderator, sei den deutschen Christen anno 1941 höchst suspekt erschienen, weshalb sie es vorzogen zu reimen "Ich will dich lieben, wahre Ruh' und ew'ge Schönheit du". Reim' dich oder putz' dir die Zähne.

Doch auch das aktuell gültige Einheitsgesangbuch der katholischen Kirche, so der Moderator weiter, habe die Sache mit dem Bräutigam irgendwie despektierlich gefunden und darum lieber den Rumpelreim eingesetzt "Ich will dich lieben, Gottes Lamm, das starb am Kreuzesstamm". Ehrlich, da rumpelt meine Zahnbürste rhythmischer.

Weil aber Ostern das Fest des wiederauferstandenen frühmorgendlichen Humors ist, beließ es der Radiosprecher nicht bei diesen launigen Zitaten, sondern setzte aufgeweckt noch einen drauf: "Weil indessen über Sex mit Schafen schon Woody Allen alles gesagt hat, sagen wir: Frohe Ostern!"

Da endlich ließ ich, erneut österlich angeheitert, meine Zahnbürste rumpeln.


Update: Inzwischen bin ich mindestens so aufgeweckt wie der Moderator und daher imstande, das mit einem Ohr Gehörte zu dokumentieren: Es handelte sich um die Kulturpresseschau, nachzuhören hier.

Samstag, 16. April 2011

Aus Liebe


Album Cover Por Amor by Sage Lewis

Früher Morgenspaziergang auf einer heruntergekommenen Wohnstraße in Havana, Kuba. Ein paar Kinder spielen auf dem Bürgersteig. Ein paar Erwachsene schleppen einen Kühlschrank aus einem Haus. Ein paar Leute schauen zum Fenster hinaus. Ein paar Vögel fliegen herum. Ein paar Musiker spielen Changüi. Eine Stadt wacht auf.

Por Amor ist der Soundtrack zu der kubanisch-amerikanischen Gemeinschaftsproduktion The Closest Farthest Away.



Donnerstag, 24. März 2011

Finden ohne Suchen


Frühmorgens auf den Balkon treten und die noch kalte Frühlingsluft schnüffeln.

Mehr ahnen als wissen, dass sie sich geschwind erwärmen wird.

Irgendeine Sehnsucht spüren, ohne sich zu kümmern, wonach.

Etwas finden, was der Sehnsucht eine Gestalt gibt:



Der katalanische Künstler Juan Miró und der amerikanische Jazzmusiker Duke Ellington begegnen sich zum ersten Mal für eine improvisierte Jazz-Session während einer Miró-Ausstellung in Südfrankreich.

Miró erzählt Ellington etwas über seine Skulpturen. Er tut es auf Französisch, und der Duke versteht kein Wort. Der Duke antwortet auf Englisch, und Miró versteht kein Wort. Beide verstehen sich großartig.

Inspiriert setzt sich der Duke ans Klavier und fängt an zu spielen. Der Schlagzeuger Sam Woodyard und der Bassist John Lamb lauschen und fallen ein. Lauschend lehnt sich Miró an eine Skulptur, genießt die Frühlingssonne und freut sich. Selbst die Skulpturen lauschen und freuen sich. Am Ende der Session ist die Luft so voller Energie, dass man die Knospen bersten hören kann.

Manchmal geschehen wundervolle Dinge, einfach so, wie aus dem Nichts.

Montag, 27. Dezember 2010

Clap Hands


Da hat er mich wieder, der frühe harte Alltag, nach einer Woche Erkältung in der gemütlich warmen Hütte, nach neuerlichem nächtlichem Neuschnee, nach gerade im Radio gehörtem "dieses Winterwetter wird uns bis Mitte März bleiben", nach weihnachtlichen Völlereien und überall liegt noch so ein schwacher gebratener-Gans-Geruch in der Wohnung...alles nicht exakt so, wie man sich das Leben wünscht.

Aber dann am frühen harten Morgen griesgrämig über so ein Video stolpern. Clap hands. Nicht nur die Hände, nein, die Messer, die Gabeln, die Teller, die Kerle, die Puppen, ich glaube, sogar der Truthahn auf dem Tisch hat gegroovt. Oder war es eine Gans? Egal. Clap hands. Yo.

PS. Wieso der Post jetzt so weit nach unten gerutscht ist und nicht mehr hochzurutschen geht, ist mir schleierhaft. Auch auch egal. Irgendwie. Clap hands.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Untergrund-Poesie



Schwer aktiv ist die Frau Holle,
und mein Fahrrad steht dumm rum.
Trägt ein Kleid aus Schafschurwolle,
ich fahr' U-Bahn, didel dum.

Ist jetzt nicht der alleroriginellste Musenkuss, der mich da ereilt hat, aber was soll man machen - Mann, ist U-Bahnfahren langweilig! Besonders morgens um halb sieben. Steh' ich halt dumm in der U-Bahn rum und warte, dass mir etwas Gereimtes einfällt.

U-Bahn in der Frühe ist ein bisschen wie trostlose Kneipe am späten Abend, wohin sich ausschließlich Solisten verirren, die unbedingt solo bleiben und trübe vor sich hin gucken wollen mit einem Sprich-mich-bloß-nicht-an-Gesicht. Ganz wichtig: Jeder hat seinen festen Stammplatz. Jeden Morgen dieselben Leute auf jeweils demselben Sitz. Ich persönlich bleibe lieber stehen, denn im Sitzen würde ich in diesen überheizten Wagen sofort wieder einschlafen. Aber, ganz wichtig: Auch ich habe meinen festen Stammstehplatz, nämlich dort, wo ich von schräg hinten bei einer Frau mit kurzen auberginefarbenen Stoppelhaaren, die sich Tag für Tag in ihre Zeitung vertieft, mitlesen kann.

Die ganze Zeit habe ich mir eingebildet, dies sehr diskret zu tun; schließlich gibt es viele Leute, die es nicht leiden können, wenn ihnen jemand über die Schulter ins Blatt starrt. Wie man sich täuschen kann. Heute früh saß die Auberginefarbene wieder auf ihrem Stammplatz und las, ich stand an meinem Stammplatz und las mit, und plötzlich, ohne sich umzudrehen, nahm sie den Lokalteil aus ihrer Zeitung raus und reichte ihn mir schweigend über ihre rechte Schulter. Einfach so. Und las ungerührt weiter. Irre. Als ich begeistert ein Dankeschön trompetete, nickte der Stoppelkopf nicht unfreundlich, machte jedoch zugleich eine abwinkende Sprich-mich-bloß-nicht-an-Handbewegung. Auch gut.

Nachdem ich den Lokalteil fertiggelesen hatte, fing ich wieder an, mich zu mopsen und hielt links und rechts Ausschau nach etwas Interessantem. War aber nix. Genau das sind die Situationen, in denen dümmliche Reime produziert werden. Wie ich so vor mich hin reimte und dümmelte, fiel mir auf einmal auf, dass in der U-Bahn unglaublich viele Menschen fortgeschrittenen Alters saßen. Mit fortgeschritten meine ich jetzt: ziemlich weit fortgeschrittenes Rentenalter. Komisch, dachte ich. Was machen die ganzen Rentner so früh in der U-Bahn? Wo doch noch kein einziger Supermarkt geöffnet hat? Ich wunderte mich und dümmelte weiter.

Erst als ich merkte, dass sich auf 'Rentner' beim besten Willen kein Reim finden ließ außer vielleicht 'Zentner', erfasste mich ein Gefühl der Beschämung ob meines eigenen dümmlichen Klischeedenkens. Weil, egal wie alt jemand ist - wohin fährt er oder sie um halb sieben in der Frühe? Natürlich zur Arbeit, wohin sonst. Als ich zur nächsten U-Bahn umstieg, stand hinter mir auf der Rolltreppe einer dieser älteren Mitfahrer und begrüßte gerade einen anderen älteren Kumpel. Ich hörte den beiden kurz zu.

"Feierabend?", fragte der eine.
"Endlich", seufzte der andere.
"Hast du's gut", erwiderte der erste.
"Sei froh, dass du keine Nachtschicht hast", entgegnete der zweite.
"Man ist froh, dass man überhaupt was hat", antwortete der erste.
Ich drehte mich auf der Rolltreppe um und fragte, was sie arbeiteten.
"Pförtner", sagten beide wie aus einem Munde, sahen einander an und mussten lachen.
"Nachtschicht", sagte der zweite.
"Gestatten, Frühschicht", grinste schief der erste.

Beide schauten mich freundlich an. Müde, aber freundlich. Keine Spur von Sprich-mich-bloß-nicht-an-Gesichter. Wie man sich doch täuschen kann.

Freitag, 3. Dezember 2010

Verschärfte Rhetorik


Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als frühmorgens wehrlos im Bett zu liegen, während die stählerne, rasiermesserscharfe Stimme der Arbeitsministerin aus dem Radio auf meinen Nerven herumsägt. Es ist diese Stimme. Eine Stimme wie aus Hartmetall geschmiedet. Noch bevor ich überhaupt weiß, auf was die Rasierklinge hinaus will, suche ich im Dunkeln nach großkalibrigen Wurfgeschossen, um das Radio in tausend Teile zu zerschießen. Diese Stimme fräst sich derart gnadenlos durchdringend in die verschlafenen Gehörgänge, dass ich - urplötzlich hellwach und hyperaktiv - gar nicht schnell genug aus den Kissen springen kann, um der Off-Taste den K.o.-Schlag zu verpassen. So stelle ich mir das Weck-Kommando im Kasernenumfeld vor: Weiterdösen unerwünscht, strammgestanden!

Die eiserne Jungfrau dozierte zu ihrem Lieblingsthema, der Knebelung von Hartz-IV-Empfängern auf der nach unten offenen Schikane-Skala. Es ging, wenn meine gemarterten Schlafplüschohren das richtig mitbekommen haben, um die Neuberechnung des Regelsatzes (nach unten, wohin sonst). Zu diesem Zweck, so die Rasierklinge, gälte es, die "Referenzgruppe" für diese Berechnung neu zu definieren. Referenzgruppe? Ich dachte immer, die sei längst definiert durch das gebetsmühlenhafte Mantra 'Der Abstand zu den untersten Lohngruppen muss gehalten werden', vulgo Lohnabstandsgebot?

Von wegen - nichts ist so weit unten, dass es nicht noch tiefergelegt werden könnte: Statt wie bisher das untere Fünftel der Arbeitnehmer als Maßstab zugrunde zu legen, sollen es künftig nur noch rasierklingenscharfe 15 Prozent sein, die als Vergleichsrahmen dienen. Wohlgemerkt, die untersten 15 Prozent der Arbeitnehmer statt der bisherigen unteren 20 Prozent. Was ja schon einen kleinen Unterschied ausmacht für all jene, die es darauf anlegen, die entsprechenden Zahlen nach unten schön oder vielmehr hässlich zu rechnen.

Trotz meines Hechtsprunges aus dem Bett hämmerte mir kurz vor Erreichen der Ausschalttaste am Radio noch der in Kruppstahl gegossene Satz "...weil sonst der Abstand zur arbeitenden Bevölkerung zu gering wird" entgegen. Dieser Satz ist mir den ganzen Tag im Ohr hängengeblieben. Ein höchst bemerkenswerter Satz, wie ich finde - oder kursiert diese Rhetorik schon länger und nur ich habe es wieder mal verpasst? Zwischen dem Abstand zu den untersten Lohngruppen einerseits und dem Abstand zur arbeitenden Bevölkerung andererseits besteht doch wohl ein, so darf man sagen, gewaltiger Abstand, und zwar beileibe kein bloß rhetorischer, vielmehr ein gewaltiger qualitativer Abstand, oder nicht?

Die Rhetorik verschärft sich. Rasiermesserscharf.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Kaltstart


Die Katastrophenmeldungen reißen nicht ab. Und immer erwischt's einen am frühen Morgen, dann, wenn das Bett noch warm, der Kaffee noch am Durchlaufen und das Gemüt noch am Dümpeln ist in friedfertiger Verpenntheit - wer ahnt da schon, was ihm der junge Tag nur wenige Augenblicke später entgegenschleudern wird?

Jäh brach das Unheil zur geöffneten Balkontür herein. Dabei wollte ich bloß ein paar Schlückchen frische Luft nehmen. Doch was wälzt sich mir entgegen? Eine Lawine. Ungelogen. Offenbar war über Nacht ein Mordsbrett von Schnee gegen die Balkontür geweht und dort festgepresst worden und hatte nur auf den Moment gewartet, wo es sich in meine gemütlich warme Hütte hinein entladen konnte. Wrrmmpffh. Das typische dumpf-satte Lawinengeräusch eben, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Vielleicht nicht ganz so druckvoll wie am Matterhorn, aber meinem Gemüt hat's gereicht.

Da ich nicht zu den Leuten gehöre, die eine Schneeschippe in ihrer Wohnung aufbewahren, stand ich ziemlich dumm da. Wie sollte ich der Schneemassen Herr werden, und zwar bitte schnell, schließlich schmilzt das Zeug ruckzuck zu einer Riesensauerei? Zwar besitze ich eine Kehrschaufel mit Handbesen; leider Gottes befanden beide sich heute früh nicht in der Wohnung, sondern wo? Richtig, auf dem Balkon. Wo genau auf dem nicht kleinen Balkon, daran konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern, und zu sehen war von der Kehrschaufel absolut nichts, da begraben unter Neuschnee.

Sehr prekär das Ganze. In meiner Not griff ich zur Methode Suppenteller (Suppenteller = Kehrschaufel, hohle Hand = Handbesen). Ich weiß jetzt, woher die Redewendung aus dem Vollen schöpfen kommt. Viele Teller voll, viele Handvoll, sehr viel kalt.

Kaltstart nennt man das.

Dienstag, 30. November 2010

Vom Schnee verweht


Schnee, so weit das Auge reicht. Ich glaube, im vergangenen Winter habe ich das schon mal frühmorgens geschrieben, um dann kapitulierend in den Bus zu steigen. Nicht so heute. Ich nehme das Rad, gebe den einsamen Biker-Yeti und fordere mich selbst zum Härtetest heraus. Weil, es könnte ja mal so weit kommen, dass gar keine Busse mehr fahren, weil das Öl knapp wird, und dann bin ich schon in Übung. Vermutlich werde ich dreimal so lange brauchen wie sonst, denn man rackert sich ja ab wie ein zweirädriger Schneepflug durch die verwehten Massen. Wenn man überhaupt je am Ziel ankommt und nicht von einer dieser gigantischen Schneewolken, die von den S-Bahnen aufgewirbelt werden, erfasst und begraben wird. Sollte es also ab morgen an dieser Stelle nichts mehr von mir zu lesen geben, wird man mich wohl in ein paar Jahrtausenden als gut konservierten mitteleuropäischen Radler-Ötzi auffinden, ins Heimatkundemuseum geben, und alle werden staunen. Vielleicht werde ich sogar berühmt.

Montag, 29. November 2010

Wüst und kalt und leer


Himmelherrgottsakra war das kalt heute früh. Es war eine solche Kälte, dass ich nach zwei Minuten auf dem Fahrrad überhaupt nichts mehr gespürt habe, noch nicht mal die Kälte. Irgendwie fuhr das Rad wie ferngesteuert, so als ob es gar nichts mit mir zu tun habe, und nach etwa zehn Minuten war mir die Kälte so zu Kopf gestiegen, dass dieser sich vollkommen leer anfühlte. Also, nicht einfach bloß leer, sondern von einer geradezu metaphysischen Leere angefüllt.

Wenn man dann von Frau Übermop schräg angeschaut und gefragt wird: "Was guckst du so leer?", dann, ja, fällt einem dazu auch nichts mehr ein.

Bis auf das: Morgen früh soll es noch kälter werden.

Freitag, 5. November 2010

Außer Besen nix gewesen


Oh, wie lustig das bunte Herbstlaub durch die linden Lüfte wirbelt! Ist es nicht eine Freude? Jeden Tag lese ich eine dieser launigen Meldungen im Lokalteil über die frühlingshaften Temperaturen, dank derer die Menschen ihre eigentlich anstehende Herbstdepression noch eine Weile vor sich her schieben können (ich ja auch); extrem mild sei er, der Übergang vom Spätherbst in den Advent - wann öffnen nochmal die Weihnachtsmärkte? - egal, alle streben leichtgeschürzt in die Straßencafés, gehen spazieren wie die Weltmeister und erfreuen sich an den subtropischen Luftmassen, welche wiederum für viel frischen Wind sorgen und, siehe oben, das Laub so lustig wirbeln lassen.

Sehr lustig, dieses Laub. Noch. Denn noch hat der große Dauerregen nicht eingesetzt, den die Meteorologen ankündigen. Aber er wird kommen, und dann ist Schluss mit lustig, dann wird's pampig auf den Straßen - namentlich auf den Radwegen. Seit Tagen ist in den frühen Morgenstunden zu erleben, wie gewaltige Laubmassen von den Straßen auf die Radwege gekehrt werden, gern auch auf die Fahrradspur am Rande der Straße. Weil, irgendwo muss das ganze Zeug ja hin, sehe ich ja ein. Nur, warum es dort auch liegen bleiben muss, sehe ich weniger ein.

Mittlerweile will mir scheinen, es steckt ein Plan dahinter. Jeden Morgen pflüge ich durch feinsäuberlich aufgetürmte Laubberge, danke inständig dem Herrgott, dass er es noch nicht hat dauerregnen lassen, und jeden Mittag, wenn ich dieselbe Strecke zurückfahre, hat der stürmische Wind das zusammengefegte Laub wieder, nun ja, in alle Winde verweht. Will sagen, die Blättermassen nehmen nicht ab, sondern zu, weil das aufgehäufte Laub einfach liegen bleibt, neues Laub herabfällt, Winde kommen, Winde gehen, undsoweiterundsofort. Echt lustig, das.

Auch heute früh begegneten mir wieder ein paar laubkehrende Mitarbeiter der Stadtreinigung (ist die überhaupt noch kommunal organisiert? Oder bereits privatisiert? Teilprivatisiert? Oder in den Händen irgendeiner dubiosen sogenannten Beschäftigungsgesellschaft? Ach, man weiß so vieles nicht...). Wie jeden Morgen häuften sich die Häufchen zu Haufen. Ich - auf der Sinnsuche - bremste und fragte den netten jungen Mann mit dem Riesenbesen, was das für einen Sinn habe: Jeden Morgen Häufchen zu Haufen häufen, liegenlassen und am nächsten Morgen dasselbe Spiel von vorne. Wieso, wollte ich von ihm wissen, werde das Zusammengefegte nicht zweckmäßigerweise abtransportiert?

Weil, antwortete der nette junge Mann, "die kein Geld haben, die sind doch alle pleite". Zum Abtransport, fuhr er fort, brauche man genügend Spezialfahrzeuge, Laubgebläse und -gesauge und derlei Teures mehr, und dafür sein halt kein Geld da. Leuchtete mir ein. Wer hätte noch nie von klammen kommunalen Kassen gehört?

Nicht einleuchten wollte mir dagegen, wieso dann Geld da sei für sinnloses Laubfegen? Teure Personalkosten, für nix und wieder nix? Da lachte der junge Mann lustig - oder war es ein bisschen zynisch? - und sagte: "Wieso teuer? Die kriegen doch sogar noch was dafür!" Ich guckte begriffsstutzig - mitunter stehe ich ganz fürchterlich auf dem Schlauch -, worauf er einen Daumen senkrecht in die Höhe hob und schief grinsend erklärte: "Ein Euro, mehr is' nich'." Ach so. Subventionierte Beschäftigungsmaßnahme. Der Groschen fiel.

Das Grinsen des Ein-Euro-Jobbers wurde ein klein wenig bösartiger. "Irgendwie müssen die ja unter die versprochenen drei Millionen kommen", womit er auf die Arbeitslosenquote anspielte. Ich verstand, wenn auch unter Schmerzen in den Gehirnwindungen: Da fegen Langzeitarbeitslose Tag für Tag Laubberge zusammen, die dann vom Wind wieder auseinandergefegt und von den Beschäftigten (!) wieder zusammengefegt werden, bis der Wind die Laubberge wieder auseinanderfegt, undsoweiterundsofort - Hauptsache, sie, die Beschäftigten, sind aus der Statistik gefegt. Heiliger Strohsack.

"Heißt ab nächstem Jahr anders. Heißt ab 2011 Bürgerarbeit", setzte der nette junge Mann hinzu, "tolle Idee, was? Auf dem Mist der Arbeitsministerin gewachsen." Sarkastisch hob er beide Daumen in die Höhe.

Ich sehne den Tag herbei, an dem der Arbeitsministerin die Besen um die Ohren fliegen.



Mittwoch, 3. November 2010

Wir Müllmänner


Heute ging die Post ab. Vielmehr die Müllabfuhr. Und dann die Feuerwehr. Es war schwer was los.

Frühmorgens auf dem Fahrrad hatte ich wieder eine jener halluzinatorischen Frühlingsattacken: so früh, so hell, so warm. War mir warm! Viel zu warm. Föhnig warm. An der großen Kreuzung bei Rot riss ich mir die Mütze vom Kopf, den Schal vom Hals, die Handschuhe von den Fingern, den Anorakreißverschluss auf und machte laut "Puuh!" vor Erleichterung - da ertönte von der Mitte der Straße ein noch lauteres, männlich-zweistimmiges "Puuh!", gefolgt von einem dröhnenden Hupsignal. Die städtische Müllabfuhr, ebenfalls auf Grün wartend, hatte beobachtet, wie ich mich meiner Winterklamotten entledigte und wollte mehr sehen.

"Don't stop it, Baby!" rief es aus dem Fahrerhaus heraus. Die zwei Kerle, einer von ihnen ein alter Bekannter, kriegten sich nicht mehr ein vor Vergnügen. Sie verpassten darüber sogar die Grünphase. "Showtime!", brüllte Bongo aus dem offenen Fenster, haute animiert gegen die Fahrertür und hupte erneut. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so früh am Morgen so viel gelacht. Das mag jetzt vielleicht einem Außenstehenden schwerverständlich erscheinen, für mich war es ein bombiger Start in den Tag.

Um kurz vor acht kam das Feuer und mit ihm die Feuerwehr. Es war zwar kein Feuer, sondern ein Schwelbrand, aber die Feuerwehr rückte trotzdem an. Mit vier Löschzügen, Wiederbeatmungsgeräten, Windmaschinen, Notarzt, Polizei, allem Drum und allem Dran. Aus dem ersten Stock drangen dichte, beißende Rauchwolken. Aus allen vier Stockwerken drangen aufgeschreckte Bewohner, husteten das Treppenhaus hinab und suchten Zuflucht in der Kneipe (Brandschutztür!).

Die Feuerwehr löschte, die Polizei ermittelte. Die unfreiwillig versammelte, großteils beschlafanzugte Hausgemeinschaft trank Unmengen von Kaffee, und - wie bei solchen Gelegenheiten üblich - jeder hatte eine Story auf Lager, wie es bei ihm oder Onkel Rudi oder Tante Helga oder dem Schwager seiner Schwiegermutter auch schon mal beinahe gebrannt habe. Es stellte sich heraus, dass eine schlaflose gläubige Katholikin aus dem ersten Stock heute früh eine verspätete Allerseelenkerze entzündet hatte und darüber eingeschlafen war. Der Rest war Kokel. Menschen kamen keine zu Schaden, Sachen schon.

Einträchtig hockten Katholen, Freidenker und hartgesottene Atheisten um den Tisch und debattierten heftig über Sinn und Unsinn von Allerheiligen, Allerseelen, der Heiligen Maria sowie der brandschutztechnischen Vorteile von Grablichtern versus Haushaltskerzen. Ich kochte Kaffee und versorgte neu eintreffende Schlafanzüge mit feuchten Handtüchern, zur Beruhigung der gereizten Atemwege. Ein herbeigeeilter Geschäftsführer - so schöngeistig wie nervenstark veranlagt - rezitierte dramatische Zeilen aus dem Feuerreiter von Eduard Mörike. Es war großes Kino am frühen Morgen.

Ein Hausbewohner aus dem obersten Stockwerk - Weh! dir grinst vom Dachgestühle dort der Feind im Höllenschein (dritte Strophe Mörike) - schien meine Gedanken zu erraten: Ich überlegte, ob das Ereignis lohne darüber zu bloggen. (Der Dachgestühlbewohner liest das Blog und ist leider Gottes zu faul zum Kommentieren.) Daraufhin kreischte der hellhörige Geschäftsführer "Untersteh' dich, du olle Internetgans!" (O-Ton), woraufhin ich befand, dass es lohne. Schließlich passieren nicht alle Tage so aufregende Geschichten.

Und wo bleibt jetzt die große thematische Klammer von Müllabfuhr und Feuerwehr? Hier:


Feuerwehr- und Müllmänner gehören zu den Top Ten jener Berufsgruppen, die in der Bevölkerung allerhöchstes Ansehen genießen. Wie ich seit heute finde, sehr zu Recht. Bedauerlicherweise wurde das Ansehen von Putzfrauen nicht abgefragt, aber egal, ich rechne mich einfach mal zu den Müllmännern und freue mich über das vorzügliche Ranking: Wir sind signifikant beliebter als Studienräte, Steuerinspektoren und Sparkassenmitarbeiter!

Weit abgeschlagen auf den untersten Plätzen finden sich die Berufsgruppen Politiker, Telekom-Mitarbeiter und Werber; letztere sogar mit über die Jahre hinweg sich konstant verschlechternden Popularitätswerten, während die guten Noten für die Müllmänner ein mittelfristig stabiles Wachstum hinlegen. Was wiederum nicht verwundert, sind es doch die fabelhaften Jungs von der Müllabfuhr, die den ganzen Werbemüll dorthin verfrachten, wo er hingehört.



Montag, 1. November 2010

Zweiter Frühling


Das Herbstwetter ist großartig zur Zeit, sagen alle. Ich auch. Reinstes Biergartenwetter. Ein strahlend warmer Nachmittag, die Sonne scheint zur weit geöffneten Balkontür herein, T-Shirt-Time, und die Temperaturen machen Lust auf einen entspannten Grillabend, wenn nicht die früh einsetzende Dunkelheit so verwirrend wäre. Wer hat schon Lust, den Grill gegen 17 Uhr wieder zusammenzupacken und eine Stunde später Heizkissen zu verteilen? Tagsüber Frühling, abends Herbst. Gestern Oktober, heute November.

Seit gestern wird es verdammt früh dunkel. Das kann ans Gemüt gehen, muss aber nicht, denn andererseits wird es verdammt früh hell. Also, morgens. Als ich heute um zwanzig nach sechs aufs Rad stieg, war es deutlich heller als sonst: Es dämmerte bereits vielversprechend; wenig später waren die Kaninchen mit bloßem Auge, ohne Fahrradflutlicht und auf zehn Meter Entfernung gut zu erkennen. Toll. Dann wurde es schnell immer heller. Kurz vor sieben deutliche Anzeichen von Sonnenaufgang. Am ersten November. Den ganzen Oktober bin ich um diese Uhrzeit durch stockdunkle Nacht gefahren. Darum hat sich das heute morgen angefühlt wie ein astreiner Frühlingsschub und mich urplötzlich in ein merkwürdiges Stimmungshoch katapultiert, das jeglicher lebensrealistischen Basis entbehrte, aber trotzdem sehr real und dem gegenüber ich machtlos war. Ich fing doch glatt an auf dem Fahrrad zu singen. Zweiter Frühling, sozusagen.

Mal sehen, was so gegen 17 Uhr passiert.

Freitag, 24. September 2010

Winterblues


Nach dem Herbstblues kommt der Winterblues. Das ist ganz normal. Zum Winterblues ist eigentlich schon alles gesagt. Trotzdem, er ist wieder da und will mitreden. Kann er haben.

Der Winterblues kommt, wenn es morgens dunkel ist und man genau spürt, dass es noch sehr lange dauern wird, bis es hell wird. Dieses Mehr an Eigenenergie, was aufgebracht werden muss, um wach zu bleiben, weil die natürliche Energie des Tageslichtes fehlt. Anstrengend ist das. Habe ich aber alles schon mal geschrieben.

Neu ist, dass ich neuerdings mit flutlichtähnlicher Beleuchtungsanlage am Fahrrad unterwegs bin. Es ist wie Nacht-Trekking mit Kaninchen- und Eichhörnchenjagd. Der potente Lichtkegel erlaubt es mir, meine Querfeldein-Lieblingsstrecke zu fahren, wo zu zwei Dritteln keine einzige Straßenlaterne steht. Flora und Fauna zuhauf. Die Kaninchen bleiben immer wie hypnotisiert mitten auf dem Weg sitzen, schauen mir schreckensstarr entgegen, um im letzten Moment ins Gebüsch wegzuflitzen. Die Eichhörnchen rasen kreuz und quer und machen sich einen Sport daraus, direkt vor meinem Vorderrad über den Weg zu huschen. Ich muss dann jedes Mal furchtbar laut stöhnen, zur Drosselung der Adrenalinspitzen. Passiert ist noch nichts.

Ja, und dann die Flora. Mein Suchscheinwerfer erfasst unvorstellbare Mengen von Laub auf dem Boden, viel zu früh für die Jahreszeit. Seit heute, wo das Wetter umgeschlagen hat, sagt jeder, mit dem ich rede, melancholisch: "Ach, es wird Herbst", und wenn ich dann antworte: "Nein, Winter", finden sie das übertrieben. Ich nicht. Mein Hund Blues auch nicht. Er schläft zwar, aber anders als sonst. Normalerweise liegt er der Länge nach unterm Sofa; als ich heute aufstand, lag er quer, so dass die Schnauze vorne herausschaute. Augenlider auf Halbmast. Unruhiges Schnaufen. Er kann es nicht leiden, wenn morgens elektrisches Licht brennt. Ich auch nicht.

Freitag, 3. September 2010

Licht aus


Es gibt Sachen, über die kann ich mich tierisch aufregen, und am allermeisten regt mich auf, dass sich außer mir niemand darüber aufregt. Gut, gut, wir leben in einer pluralen Gesellschaft, deren glühender Verfechter ich ja bin, und jeder kann sich nach Belieben aufregen oder es lassen und überhaupt und sowieso. Aber es gibt Sachen, da finde ich, ist Sichaufregen erste Bürgerpflicht. Doch sie kommen ihrer Pflicht nicht nach, die Bürger, weil sie der Meinung sind, es gebe Wichtigeres zum Sichaufregen als eine Straßenlaterne, und wenn ich dann frage: Ja, was denn Wichtigeres zum Beispiel?, dann sagen sie "Äh..." und dann grinsen sie schief und sagen "...zum Beispiel, was ich gleich beim Italiener zum Mittagessen bestellen werde" und finden sich witzig und mich humorlos.

Wobei ich betonen möchte, dass ich mich nicht über eine Straßenlaterne aufrege, sondern über viele, sehr viele Straßenlaternen. Namentlich die vielen nichtbrennenden Straßenlaternen, die mittlerweile in der absoluten Überzahl sind gegenüber den Licht verströmenden Einzelgängern. Ich betone: In meinem Stadtteil verhält es sich so; die Rede ist nicht vom Innenstadt-Glamour. Mein Stadtteil hat eine recht unterschichtige Bewohnerstruktur mit ein paar Ausreißern aus der unteren/mittleren Mittelschicht und nur wenigen Highlights aus den Schichten darüber. Highlights schon deswegen, weil bei denen auf der Straße nächtens Festbeleuchtung herrscht - großartig, wenn man dort zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist. Ist man nur meistens nicht, wenn man in den unterschichtigen Wohngegenden lebt und die kiez-eigene 'Oberstadt' als eher fad erlebt, so wie ich.

Im großen Rest des Stadtteiles ist es nachts und am frühen Morgen so dunkel wie im Hintern einer Kuh, man sieht allenfalls 50 Meter entfernt ein schwaches Licht zwischen viel Baumlaub hervorfunzeln und was das Ärgerlichste ist: Es wird schleichend stets noch dunkler, sprich, es werden noch mehr Straßenlaternen abgeschaltet. Das Problem sind nicht etwa fehlende Straßenlaternen, sondern die sukzessive Deaktivierung von immer mehr vorhandenen Straßenlaternen.

Meine morgendliche Route führt mich durch zwei weitere Stadtteile, in denen es zwar nicht ganz so finster wie bei uns zugeht, aber insgesamt doch ein trübes Halbdunkel vorherrscht, bei dem ich immer das Gefühl habe, durch einen zähen Nebelschleier zu fahren. Dabei brennen einfach nur viel zu wenige der vorhandenen Laternen.

Also, für mich ist das ein Aufreger erster Ordnung. Fange ich dann an, mich über die neumodische öffentliche Sparflamme aufzuregen, belassen es meine Gesprächspartner bei gleichgültigem Schulterzucken und sagen "Na, das sind halt notwendige Sparmaßnahmen", dann frage ich "Wie, an was wird da gespart?", dann heißt es "Na, an Energiekosten natürlich", dann sage ich "Blödsinn, da wird an der Verkehrssicherheit gespart, vom subjektiven Sicherheitsgefühl der Bürger ganz zu schweigen", was diesen Bürgern dann aber auch egal ist. Verstehe ich nicht. Wie kann einem so etwas egal sein?

Der vierte Stadtteil schließlich, durch den ich morgens radle (in dem mein Arbeitsplatz gelegen ist), präsentiert sich bis in den hintersten Winkel hell und augenfreundlich ausgeleuchtet. Dort gibt es eine Laternendichte, von der andere Viertel nur träumen können - brennende Laternen, wohlgemerkt. Haben die es gut! Ich werde immer fast geblendet beim Durchfahren, denn irgendwie gewöhnen sich die Augen ja schon an das Fahren bei Dunkelheit; aber es ist eine schlechte Gewohnheit, weil die Realität auf den Straßen nur schemenhaft wahrgenommen wird.

In diesem vierten Stadtteil ist sogar der Kinderspielplatz gegenüber dem Restaurant nachts voll ausgeleuchtet; auch die inzwischen abgeschlossene Umgestaltung des Straßenumfeldes (es wurde hier im Blog letzten Sommer detailliert berichtet) zu einer amtlicherseits so genannten "Spiel- und Begegnungsstätte" mit bunten Sitzwürfeln, naturbelassenen Holzbänken im Bio-Designerlook, fußgängerfreundlichen Gehwegnasen und nur wenigen Autos (außer den vielen parkenden und parkplatzsuchenden) erstrahlt, wenn ich bei morgendlicher Dunkelheit um die Ecke biege, in hellstem Straßenlaternenlicht. Der ganze Stadtteil - mit aufwendig sanierten Altbauten, schicken Immobilienneubauten, liebevoll hergerichteten Hinterhöfen und von Gärtnerhand gepflegten Paradevorgärten - ist beleuchtungtechnisch ein einziges Highlight und gilt im übrigen als Grünenwähler-Hochburg. Er zählt zu den begehrtesten Wohnlagen, und wer es sich leisten kann, zieht hierher; wer nicht, zieht halt ins Dunkel und wird dort nicht gesehen, denn die Stadt muss Energie sparen.

Heute mittag habe ich tief in meine flache Tasche gegriffen und im Fahrradfachgeschäft einen potenten LED-Scheinwerfer erstanden. Nennt sich "Lichtrevolution", haut einen riesigen Lichtkegel auf die Straße mit fetten 40 Lux - selbstverständlich dimmbar -, für schlappe 98 Euro und 95 Cent. Ist ja auch logisch, in Zeiten klammer öffentlicher Kassen: Da muss die Stadt an Energie sparen, im Gegenzug halt der Bürger in Energie investieren. Vermutlich hat das neulich die Grünen-Stadtverordnete gemeint, als sie etwas von "...müssen alle den Gürtel enger schnallen" in die Mikrofone zu schwallen beliebte.

Jetzt bin ich morgens und nachts mit Flutlicht am Fahrrad unterwegs und fühle mich wie King of the Road. Aufregen tue ich mich aber trotzdem weiterhin über die unzähligen ungenutzten Straßenlaternen sowie über die unzähligen Bürger, die mit dem Status der Unterbelichtung offenbar gut leben können.

Amerika, du hast es besser. Nicht weil dort die Straßen so gut beleuchtet sind - das Gegenteil ist der Fall. Die große Krise hat bereits flächendeckende Dunkelheit im öffentlichen Raum hinterlassen. Aber: Man regt sich wenigstens angemessen darüber auf. Es werden Zahlen veröffentlicht, nicht nur über ausgeschaltete (und möglicherweise bald zweckentfremdete) Straßenlaternen, sondern auch über öffentlich versteigerte Polizei-Hubschrauber, über gestrichene Feuerwehr-Etats und über asphaltierte Straßen, die zu Schotterstrecken "entpflastert" ("unpaving the roads") werden, um das Geld für die Instandhaltung der Straßen zu sparen. Auch das Einstellen von öffentlichen Buslinien sowie das Schließen von Schulen an Freitagen erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Die wunderbar scharfzüngige TV-Moderatorin Rachel Maddow macht das einzig Richtige, was man mit solchen "halt notwendigen Sparmaßnahmen" machen kann: Sie regt sich darüber auf, indem sie sie auf souveräne Weise ins Lächerliche zieht.

gefunden bei Jakebaby via Narrenschiff