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Donnerstag, 19. Dezember 2013
Abschied von der Schrebergartenkultur
Ich habe mich aus der Blogwelt verabschiedet, ohne die Gründe zu benennen, die mich dazu bewegt haben. Dies möchte ich nachholen.
Die Gründe liegen in einem wachsenden Unwohlsein gegenüber dem Status quo, wie ich ihn in der Szene deutscher politischer Blogs wahrnehme. Ausdrücklich nicht gemeint sind einzelne politische Blogbeiträge von hoher oder höchster Qualität, denen meine uneingeschränkte Anerkennung gilt; gemeint ist vielmehr das weitgehend beziehungslose, unverbindliche, mich selbstreferentiell dünkende Nebeneinander in der hiesigen Szene.
Dieses beziehungslose Nebeneinander halte ich nicht für zufällig, sondern von den je individuellen Bloggern - aus welchen Gründen auch immer - so gewollt, denn sonst, so denke ich, wäre aus dem beziehungslosen Nebeneinanderherdümpeln längst ein intensiver agierendes Geflecht des Miteinander geworden, bei aller Wahrung individueller Unterschiede, Eigenheiten und - nicht nur, aber auch: politischer - Interessen.
Mir drängt sich das Bild einer Schrebergartenkolonie auf, wo jeder sich in seiner eigenen Parzelle eingebunkert, um sich herum einen wehrhaften Zaun gezogen hat - fest verschlossen von einer vergitterten, nur selten einladend offenstehenden Gartentür - und misstrauisch die Nachbarparzellen beäugt, stets in Sorge, wer hat den längeren, den längsten, pardon, den dicksten Zucchini gezüchtet.
Die Kommunikation der einzelnen Parzellen untereinander geht gegen Null, wenn ich einmal absehe von sporadischen, mir eher belanglos denn substantiell erscheinenden Kommentaren. Hin und wieder, alle paar Schaltjahre mal, ein anderes Blog zu verlinken, erlebe ich nicht als Kommunikation, höchstens als Pflichtübung nach dem Motto: muss sein, weil, wie sieht das denn sonst aus? Miteinander geredet - im Sinne eines gemeinsamen politischen Anliegens, geboren aus dem unerträglich wachsenden Druck um uns herum - wird nicht. Mag sein, das passiert hinter den Kulissen, aber was hinter den Kulissen passiert, zählt nicht; was zählt, ist das Bild vorne auf der Bühne, dort, wo der Vorhang hoch- und notorisch das Visier runtergelassen wird.
Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander. Niemand kommt niemandem in die Quere. Niemand hat mit niemandem etwas zu schaffen. 'Bleib mir bloß vom Leib', scheint in unsichtbarer Schrift über den vergitterten Gartentüren zu stehen, '... und vergreif dich ja nicht an meinen Zucchini, sonst kommt mein Hund, der ist scharf und beißt dich, ist viel größer und schärfer und bissiger als dein Hund und außerdem mindestens genauso dick wie meine Zucchini, da kommst du mit deinem Scheißköter und deinen Micker-Zucchini nie ran, nie im Leben, also versuch's erst gar nicht.' Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander.
Niemand kommt niemandem in die Quere. Die Zucchini wachsen, die Zäune wachsen, die Hunde wachsen - was will man mehr. Gewachsene Strukturen. Funktioniert doch alles bestens. Funktioniert sogar von ganz allein. Funktioniert sogar regelrecht autonom und selbstbestimmt - weil von allen so gewollt - und ohne jeglichen vereinsmeierischen Wasserkopf.
Wobei, andererseits, jeder durchschnittliche, echte, deutsche, voll spießige Schrebergartenverein mehr Kooperation und Kommunikation pflegt und mehr Gemeinschaftssinn drauf hat als die vereinslose deutsche Polit-Schrebergartenkolonie. Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander. Auf keinen Fall - Allmächt! - die Zäune stutzen oder gar - horribile dictu! - einreißen. Stutzen? Einreißen? Wenn das jeder täte! Geht gar nicht. Bleib mir bloß vom Leib. Hast du meine neuen Zaunlatten gesehen? Noch länger als deine. Bildest dir ein, du hättest die dickeren Zucchini? Pah, guck dir meine Zaunlatten an. Länger geht nicht.
Still und starr ruht das Bühnenbild.
In den letzten Jahren haben mich - bloggend und überhaupt - vorwiegend die Ereignisse und Entwicklungen im Ausland beschäftigt. Hauptsächlich südeuropäisches Ausland. Spanien. Griechenland. Auch Naher Osten, Nordafrika. Viel (Nord)Amerika. Gelegentlich England. Die überall stattfindende Radikalisierung brannte mir unter den Nägeln: die Radikalisierung von Menschen, von Bewegungen, von Protesten, von Widerstand; die Radikalisierung immer unmenschlicher werdender, immer unmenschlicher zurückschlagender Systeme, deren Totalitarisierung, deren Degenerieren zu polizeistaatlichen Regimes, deren immer nackter zutage tretender Gewalt gegen Menschen, die eigentlich nur eines möchten: leben, und zwar voller Lebensfreude und ohne hungern zu müssen.
Naturgemäß stillte ich mein Informationsbedürfnis durch das systematische Suchen und Aufsuchen ausländischer Informationsquellen, in erster Linie englischsprachiger, international orientierter Blogs. Weil mein Interesse an den Entwicklungen im Ausland immer stärker wuchs, tauchte ich immer tiefer ein in die Welt dieser nichtdeutschen politischen Blogs, ihrer Art der Informationsweitergabe, ihrer Professionalität, ihrer selbstverständlichen Vernetztheit untereinander. War beeindruckt, mitunter überwältigt von der diskursiven Offenheit; von der stillschweigenden oder expliziten Übereinkunft, dem Bewusstsein, dass da ein großes, bedrohlich wachsendes Problemfeld nicht nur individuell, sondern zugleich kollektiv zu beackern ist; von dem wechselseitigen Durchdringen, Einmischen und Anregen; von den niedrigen Zäunen und den ständig offenstehenden Gartentüren. Dauernd reden die miteinander, besuchen sich in einer Tour gegenseitig, bringen irgendwas mit oder kommen mit leeren Händen, um mit vollen Händen zurückzukehren in den eigenen, mit frischem Gedankengut zu bewirtschaftenden Garten.
Diese fruchtbare, weil sich wechselseitig befruchtende, lebendige politische Diskurskultur hat mich ungemein befeuert und inspiriert.
Jedesmal, wenn ich von meinen ausgiebigen Streifzügen zurückkehrte und mich in der hiesigen Schrebergartenkolonie umschaute, befiel mich ein Gefühl klaustrophobischer Enge. Ich begann mich wie ein Fremdkörper zu fühlen und fing an zu frösteln angesichts der still und starr nebeneinander ruhenden Parzellen. Was für ein ungesunder Dauerfrostzustand der selbstgewählten Vereinzelung, des manischen Sich-Abgrenzens und -Abschottens der individuellen Profilierung zuliebe, dachte ich und zog meinen Mantel fester um mich.
Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass in der permagefrosteten Schrebergartenkolonie immer größere Eiszapfen wachsen. Eiszapfen, die es an Länge locker aufnehmen können mit den längsten, größten, dicksten, tollsten Zucchini. Ich spürte den Frost klirren.
Eines Tages fror es mich so sehr, dass ich dachte, gleich frieren mir die Finger über der Tastatur ab.
Da beschloss ich, die Flucht nach vorne anzutreten.
Freitag, 13. Dezember 2013
Feierabend
Ich höre mit der Bloggerei auf.
Zum Abschied gibt es ein stimmungsvolles Video von dem wunderbaren, aus Puerto Rico stammenden, wunderbar frechen, wunderbar schrägen, wunderbar kratzbürstigen anarchistischen Filmemacher Frank Lopez alias The Simulator, der auf submedia.tv seine subversive "news show" produziert.
Hier kommt die neueste Folge von
"It's the End of the World as We Know It and I Feel Fine":
Front End Loader Dreams from the stimulator on Vimeo.
War noch was? Ja klar:
"Love and Tacos!"
(Frank Lopez)Auf deutsch: Good bye!
Samstag, 25. Mai 2013
Hoch die Schuhe
Wenn das kein runder Geburtstag ist:
Vier Jahre,
vier Tage,
zwei Stunden,
fünf Minuten,
sechzehn Vögel
und
ein Paar rote Schuhe.
Mittwoch, 15. August 2012
Montag, 21. Mai 2012
Hip to the Groove
Hoppsassa,
drei Jahre gebloggt und kein bisschen müde.
Darauf einen hüftbetonten Groove.
Einen doppelten, bitte.
Mop Mop:
Dienstag, 2. August 2011
What the f
Ehm, ja, was soll man dazu sagen.

Vermutlich von jemandem,
der unbedingt mal in ein Blog reinkommen wollte.
Bitteschön.
Dienstag, 24. Mai 2011
Der Teufel, das Ego und die Revolution
"Es gab keine Geburtstage im Mittelalter, nur Namenstage wurden gefeiert.(Geburtstage sind eine relativ neue Erfindung, nicht älter als etwa 150 Jahre. Damals gab es - und gibt es bis heute - große Streitereien seitens der Kirche, die Geburtstage ablehnte. Angeblich sei ein Geburtstag ein Tag, an dem du den Teufel, dein Ego und all deine irdischen Eigenschaften feierst.)"
Außerdem ist ein Geburtstag der Tag, an dem du deine eigene Vergesslichkeit feierst.
Weil nämlich, Geburtstag ist, wenn's keiner merkt.
Vor lauter Revolution und überhaupt.
Heißa.
Zwei Jahre und drei Tage alt.
Mein Blog.
Sonntag, 17. April 2011
Davongetrollt

'They told me to "go to school" to "make something of myself"
that finance would "afford me a great lifestyle"
but sitting in the waiting room before my grad school interview
I saw the gnome I would become.
I rubbed my clamy hands dry on my knees
and walked out of that room into a future
filled with uncertainty and hardship
and if I am lucky: beauty.'
Es gibt in New York so eine Art Troll. Er selbst nennt sich "a gnome" und sagt von sich, er sei über 1,80 Meter groß, was ich für einen Gnom - also einen Zwerg - ziemlich riesig finde; deshalb stelle ich ihn mir eher wie so einen Troll vor. Außerdem ist er 108 Jahre alt. Sagt er. Auch untypisch für einen Gnom. Wobei es dem New Yorker Gnom ziemlich wurscht sein dürfte, ob ich ihn für einen Gnom oder einen Troll halte.
Jedenfalls trollt er durch New York und durchs Leben und weiß nicht so recht wohin mit sich. Dass er dies nicht so recht weiß, scheint er sehr genau zu wissen; er bloggt nämlich darüber, in Wort und Bild, seit August 2010.
Irgendwie kann ich den New Yorker Troll richtig gut leiden, obwohl ich nicht so recht weiß warum. Dass ich ihn gut leiden kann, merke ich auch daran, dass er seit Februar 2011 nichts mehr von sich erzählt hat und ich mir Gedanken mache, was er wohl treibt.
In seinem letzten Eintrag hatte er sich in den Schnee gelegt mit ausgebreiteten Armen und Beinen, wie ein Schnee-Engel - "... but I am no angel. I only know how hard it is when no one believes in you."
*(zum Vergrößern Bild anklicken)
Samstag, 19. März 2011
Klotzen und kleckern
Kinder, wie die Zeit vergeht.
Mein olles Blogprofil bedurfte dringend einer Aktualisierung.
Update:
Hm, pfft. Jetzt bedarf die Aktualisierung dringend eines lesbaren Layouts. Kann mir bitte jemand sagen, wie ich da Absätze reinzaubern kann?
Freitag, 4. März 2011
Den Dreh raus
Also.
Ich arbeite ja neuerdings in so einem abgedrehten Laden bei zwei so abgedrehten Kerlen mit lauter abgedrehten Kochideen.
Und was das Abgedrehteste ist:
Neuerdings haben die ein eigenes, ziemlich abgedrehtes Blog.
Was aber das Allerabgedrehteste ist:
Das Blog habe ich den beiden heute eingerichtet.
Ui.
Samstag, 15. Januar 2011
Blogger bleib logger
Samstag, 11. Dezember 2010
Wahn und Wirklichkeit

(zum Vergrößern anklicken)
Bei The Big Picture habe ich eine witzige Blogger-Typologie gefunden und mich augenblicklich in sie vertieft.
Während ich noch versuchte, mich selbst einer der vorgegebenen Kategorien zuzuordnen, schlug hier mit steigenden Drehzahlen und hohem Ausrastfaktor ein anonymer Kommentator auf, dessen Zielsetzung offenbar darin bestand, die Bude hier ordentlich aufzumischen.
Inzwischen fände ich es wesentlich witziger, wenn sich mal jemand den Spass machte, eine Kommentatoren-Typologie zu erstellen, unter besonderer Berücksichtigung jener Schreiberlinge, die das Ausleben ihres Geltungswahnes nur unter der schützenden Tarnkappe der Anonymität gebacken kriegen.
Weil ich auch noch ein paar andere Dinge zu tun habe als ständig den Erziehungsausfällen solcher Kommentatoren hinterher zu sprinten, und weil alle zehn Minuten die Löschtaste zu drücken irgendwann fad wird, habe ich nun den Kommentarbereich dieses Blogs vorübergehend auf den Modus Moderation eingestellt; das heißt, jeder eingehende Kommentar wird gecheckt, bevor er veröffentlicht wird. Ich bitte um Verständnis, wenn es dadurch zu Verzögerungen kommt.
Noch eine Bitte an jene Leser, die bevorzugt anonym kommentieren, dies jedoch in aller Unschuld und mit den lautersten Absichten tun: Macht euch bitte die kleine Mühe, euch einen Nickname zuzulegen. Das hat für alle Beteiligten nur Vorteile - sowohl die Leser als auch ich laufen dann keine Gefahr, euch mit anderen anonymen Kommentatoren zu verwechseln; im Zweifelsfall auch nicht mit solchen, die mir mittlerweile mit "kostenpflichtigen Abmahnungen" drohen, weil ich in meinem eigenen Blog von der Löschtaste Gebrauch mache.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
Wer flucht, lebt
Hab' ich schlecht geschlafen. Genauer gesagt, höchstens ein halbes Auge zugetan. Um präzise zu sein: Ich stand senkrecht in den Federn, nachdem ich gestern das und vieles mehr zum Thema gelesen hatte. Meine Alarmglocken schrillten. Sie schrillten nicht minder, als mir aus diversen Ecken der Blogwelt herablassend entgegenschrillte, das sei doch alles blanker Alarmismus. Den Hut vollends aufgesetzt hat es mir, als ich irgendwo lesen musste, das Ganze sei doch halb so wild und betreffe eh bloß kleine Blogger, die mutterseelenallein vor sich hinwurschteln und halt bedauerlicherweise nicht solvent seien. Das nenne ich mutmachende Zielgruppenansprache.
In den kurzen Alpträumen, die mir zwischen meinen nervösen Wachzuständen vergönnt waren, sah ich mein kleines, alleiniges, völlig insolventes Blögchen den Weg allen Irdischen gehen, sprich aus Notwehr im Orkus landen - aus, vorbei, danke für die schöne Zeit. Schwitzend aufgewacht, Panikattacken. Mein Blog! Mein Blog ist mein Standbein auf den Härtestrecken meines Lebens. Ich ziehe dieses harte Leben durch, zähnezusammenbeißend und einigermaßen zuversichtlich, aber nur, weil mir das Blog unglaublich viel Kraft und Energie gibt. Für mich fühlt sich mein Blog an wie so ein kleiner, kompakter Notstromgenerator in der leerstehenden Garage hinterm Haus, neben den eingelagerten Kartoffeln und Äpfeln für den langen strengen Winter. Ohne mein Blog würde es mich fürchterlich frieren, konkret: Es würde mir der Hintern ganz entsetzlich auf Grundeis gehen.
Ich habe jetzt extra 'Hintern' gesagt statt jenes A-Wortes. Weil, vielleicht habe ich ja noch minimale Chancen auf Weiterbloggen, solange ich auf strikt jugendfreien Inhalt achte. Vor ein paar Tagen tauchte hier das unschöne Wort 'fucked' auf - huch. Wird künftig nicht mehr vorkommen, versprochen. Läuft natürlich auf massive Eigenzensur raus, wo ich doch ein Mensch bin, der für sein Leben gern wilde Flüche ausstößt. Aber was hilft's - ab sofort hat es sich ausgefuckt.
Halt, nur noch ein Mal, ein einziges Mal, ein allerletztes Mal, das jedoch aus tiefstem Herzen: Fuck off, Ihr Grünen. Fuck the fuck off. Fuck yourself completely off, unter Zuhilfenahme sämtlicher euch zur Verfügung stehender parlamentarischer Zwänge.
Mittwoch, 3. November 2010
Wir Müllmänner
Heute ging die Post ab. Vielmehr die Müllabfuhr. Und dann die Feuerwehr. Es war schwer was los.
Frühmorgens auf dem Fahrrad hatte ich wieder eine jener halluzinatorischen Frühlingsattacken: so früh, so hell, so warm. War mir warm! Viel zu warm. Föhnig warm. An der großen Kreuzung bei Rot riss ich mir die Mütze vom Kopf, den Schal vom Hals, die Handschuhe von den Fingern, den Anorakreißverschluss auf und machte laut "Puuh!" vor Erleichterung - da ertönte von der Mitte der Straße ein noch lauteres, männlich-zweistimmiges "Puuh!", gefolgt von einem dröhnenden Hupsignal. Die städtische Müllabfuhr, ebenfalls auf Grün wartend, hatte beobachtet, wie ich mich meiner Winterklamotten entledigte und wollte mehr sehen.
"Don't stop it, Baby!" rief es aus dem Fahrerhaus heraus. Die zwei Kerle, einer von ihnen ein alter Bekannter, kriegten sich nicht mehr ein vor Vergnügen. Sie verpassten darüber sogar die Grünphase. "Showtime!", brüllte Bongo aus dem offenen Fenster, haute animiert gegen die Fahrertür und hupte erneut. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so früh am Morgen so viel gelacht. Das mag jetzt vielleicht einem Außenstehenden schwerverständlich erscheinen, für mich war es ein bombiger Start in den Tag.
Um kurz vor acht kam das Feuer und mit ihm die Feuerwehr. Es war zwar kein Feuer, sondern ein Schwelbrand, aber die Feuerwehr rückte trotzdem an. Mit vier Löschzügen, Wiederbeatmungsgeräten, Windmaschinen, Notarzt, Polizei, allem Drum und allem Dran. Aus dem ersten Stock drangen dichte, beißende Rauchwolken. Aus allen vier Stockwerken drangen aufgeschreckte Bewohner, husteten das Treppenhaus hinab und suchten Zuflucht in der Kneipe (Brandschutztür!).
Die Feuerwehr löschte, die Polizei ermittelte. Die unfreiwillig versammelte, großteils beschlafanzugte Hausgemeinschaft trank Unmengen von Kaffee, und - wie bei solchen Gelegenheiten üblich - jeder hatte eine Story auf Lager, wie es bei ihm oder Onkel Rudi oder Tante Helga oder dem Schwager seiner Schwiegermutter auch schon mal beinahe gebrannt habe. Es stellte sich heraus, dass eine schlaflose gläubige Katholikin aus dem ersten Stock heute früh eine verspätete Allerseelenkerze entzündet hatte und darüber eingeschlafen war. Der Rest war Kokel. Menschen kamen keine zu Schaden, Sachen schon.
Einträchtig hockten Katholen, Freidenker und hartgesottene Atheisten um den Tisch und debattierten heftig über Sinn und Unsinn von Allerheiligen, Allerseelen, der Heiligen Maria sowie der brandschutztechnischen Vorteile von Grablichtern versus Haushaltskerzen. Ich kochte Kaffee und versorgte neu eintreffende Schlafanzüge mit feuchten Handtüchern, zur Beruhigung der gereizten Atemwege. Ein herbeigeeilter Geschäftsführer - so schöngeistig wie nervenstark veranlagt - rezitierte dramatische Zeilen aus dem Feuerreiter von Eduard Mörike. Es war großes Kino am frühen Morgen.
Ein Hausbewohner aus dem obersten Stockwerk - Weh! dir grinst vom Dachgestühle dort der Feind im Höllenschein (dritte Strophe Mörike) - schien meine Gedanken zu erraten: Ich überlegte, ob das Ereignis lohne darüber zu bloggen. (Der Dachgestühlbewohner liest das Blog und ist leider Gottes zu faul zum Kommentieren.) Daraufhin kreischte der hellhörige Geschäftsführer "Untersteh' dich, du olle Internetgans!" (O-Ton), woraufhin ich befand, dass es lohne. Schließlich passieren nicht alle Tage so aufregende Geschichten.
Und wo bleibt jetzt die große thematische Klammer von Müllabfuhr und Feuerwehr? Hier:

via off-the-record*
Feuerwehr- und Müllmänner gehören zu den Top Ten jener Berufsgruppen, die in der Bevölkerung allerhöchstes Ansehen genießen. Wie ich seit heute finde, sehr zu Recht. Bedauerlicherweise wurde das Ansehen von Putzfrauen nicht abgefragt, aber egal, ich rechne mich einfach mal zu den Müllmännern und freue mich über das vorzügliche Ranking: Wir sind signifikant beliebter als Studienräte, Steuerinspektoren und Sparkassenmitarbeiter!
Weit abgeschlagen auf den untersten Plätzen finden sich die Berufsgruppen Politiker, Telekom-Mitarbeiter und Werber; letztere sogar mit über die Jahre hinweg sich konstant verschlechternden Popularitätswerten, während die guten Noten für die Müllmänner ein mittelfristig stabiles Wachstum hinlegen. Was wiederum nicht verwundert, sind es doch die fabelhaften Jungs von der Müllabfuhr, die den ganzen Werbemüll dorthin verfrachten, wo er hingehört.
Donnerstag, 21. Oktober 2010
Signale der Völker
Amerika, du hast es besser!
Heißt es nicht so?
Leben wie Gott in Frankreich!
Heißt es nicht so?
Man liegt derzeit wohl nicht daneben mit der Behauptung, dass Amerika es keinesfalls besser hat als Frankreich. Eher um einiges schlechter. Das hindert die Franzosen nicht daran, auf die Straße zu gehen, während die Amerikaner dies unterlassen. Dabei hätten die Amerikaner einige Gründe mehr, auf die Straße zu gehen, eben weil es ihnen um einiges schlechter geht. Aber sie tun es nicht. Dafür bloggen sie und lesen Blogs. Und was ist Topthema in amerikanischen Blogs? Der aktuelle Aufstand der Franzosen, verbunden mit der fassungslosen Frage 'Warum kriegen die (Franzosen) das hin und wir (Amerikaner) nicht?'.
Natürlich gibt es auch Gegenstimmen, die Gift und Galle spucken und die Franzosen ob ihrer sprichwörtlichen (und länderübergreifend bekannten) Faulheit verdammen; Stimmen der Verständnislosigkeit gegenüber dem landesweiten Protest und seiner Heftigkeit - verständnislos deshalb, weil es sich doch bekanntlich in Frankreich leben ließe wie Gott in Frankreich ('...wie, die haben da drüben fünf - fünf! - Wochen Jahresurlaub, da können die doch wohl zwei Jährchen länger arbeiten!').
Insgesamt jedoch - wenn ich mich nicht täusche - überwiegen Reaktionen der Bewunderung und des Respekts für die kämpferische Grande Nation. Fast so, als ob Frankreich es besser habe, weil es dort eine funktionierende Zivilgesellschaft gebe, deren Bürger es normal finden, die eigenen Interessen robust zu vertreten, wenn die Regierung nicht bereit ist, ihnen zuzuhören.
Am besten gefallen hat mir dieser Blogkommentar:
Wie können wir diese Franzosen bloß dazu kriegen, illegal bei uns einzuwandern? Wir könnten ein paar von denen gut gebrauchen.
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Mittwoch, 25. August 2010
Kopf verdreht
Überzeugungen sind schwer zu erschüttern, besonders wenn sie fest sind.
Ich zum Beispiel war heute den ganzen Tag felsenfest davon überzeugt, heute schon gebloggt zu haben. Nun komme ich kurz vor Torschluss nach Hause und muss feststellen, dass ich einem Irrtum zum Opfer gefallen bin, was meine Überzeugung schwer erschüttert und mich ebenfalls.
Vorher auf dem Fahrrad dachte ich noch, Mensch, du musst unbedingt nochmal lesen, was du heute morgen geschrieben hast, denn ich hatte vor lauter Muckenumtrieben vergessen, was ich heute morgen geschrieben habe, war aber felsenfest davon überzeugt, dass ich etwas geschrieben habe. Nun sitze ich mit ungläubig abgesackter Kinnlade da und hätte gern ein weißes Kaninchen, finde aber noch nicht mal einen Zylinder.
Es muss wohl das flirrende brasilianische Flair gewesen sein, dem ich heute ausgesetzt war, da wird der Mensch irgendwie kopflos, hört auf zu bloggen und denkt, er hätte gebloggt. Vielleicht lag es auch an einem Song, der heute abend gespielt wurde, über den ich erst kürzlich etwas geschrieben hatte, allerdings über die Originalversion, während die Brasilianer sich begeistert über jenen Song hergemacht und etwas ganz Neues, eigenartig Wunderschönes hervorgezaubert haben. Wenn das kein Grund zum Bloggen ist.
Freitag, 13. August 2010
Fraktionszwang
Normalerweise bin ich nicht der Typ, der unter Schreibblockaden leidet, aber im Moment hat es mich voll erwischt. Stieren Blickes sitze ich vor dem Bildschirm und bekomme weder einen Fuß auf den Boden noch einen Satz zu Papier. Ich sollte über etwas Bestimmtes schreiben - jedoch, dauernd rutscht mir der Fokus aus dem, nun ja, Fokus eben. Zwar fallen mir tausend und eine messerscharf gewetzte Wendungen ein - allein, mir wurde messerscharf eingeschärft, dass die stumpfe Klinge das Mittel der Wahl und alles andere unerwünscht sei.
"Bitte, beleuchten Sie das Thema von allen Seiten, enthalten Sie sich subjektiver oder gar polemischer Zuspitzungen, bleiben Sie sachlich und ausgewogen, und sehen Sie zu, dass wir bis Montag einen wohltemperierten, gut lesbaren Text zu dem zugegebenermaßen nicht unheiklen Thema von Ihnen auf dem Tisch haben." So oder ähnlich hatte es geheißen, an jenem Abend, dem ein vermuffelter Nachmittag vorausgegangen und eine wüste spätabendliche Schimpferei gefolgt war.
Heute ist Freitag, und in drei Tagen ist Montag. Nackt und leer glotzt mich der Bildschirm an. Stumpf und lustlos glotze ich zurück. Ich habe keine Lust auf sachliche Ausgewogenheit, bin vielmehr unglaublich subjektiv drauf, stoße kleine polemische Pestwölkchen aus und wüsste nicht, wann ich jemals so unwohltemperiert gewesen wäre wie im Augenblick. Das muss sich ändern, denn heute ist Freitag, und in drei Tagen ist Montag.
Worum geht es? Bei aller gebotenen Diskretion, die mir dieses mein (im vorliegenden Zusammenhang nicht ganz unheikles) Blog auferlegt, nur so viel: Es geht um gesunde und ungesunde Ernährung, um fettleibige Erwachsene und übergewichtige Kinder, um Fastfood, um 'gutes' und 'böses' Essen sowie, platt gesagt, um gute und böse Menschen. Der allerletzte Punkt wurde von mir, sozusagen ad lib, freihändig ergänzt; meine zwischenzeitlichen Recherchen und sogenannten Expertengespräche haben mich dazu veranlasst. Schreiben werde ich zu diesem letzten Punkt natürlich nichts, sonst droht mir Honorarabzug, und wer will das in meiner nicht unheiklen finanziellen Situation schon riskieren.
Das Dumme ist jetzt nur, dass ich am liebsten sofort loslegen und etwas höchst subjektiv Gepfeffertes über gute und böse Menschen absondern möchte - werde dafür aber leider nicht bezahlt und tröste mich deshalb mit unbezahltem, dafür maulkorbfreiem Bloggen. Wahrscheinlich kommt am Ende dabei nichts über gute oder böse, sondern einfach nur dumme Menschen heraus. Mal sehen.
Die Frage, die mich umtreibt, ist eine ganz schlichte: Wieso wird mittlerweile derart hasserfüllt gesprochen über Menschen, die dem Fastfood zugetan sind? Man kann zu Fastfood stehen, wie man will, man kann es ablehnen, geißeln, kritisieren oder sich auch gelegentlich mal selbst gönnen, frei nach Gusto - aber woher kommt dieser ungezügelte Hass auf Menschen, die das schnelle Essen gewohnheitsmäßig konsumieren? Woher rührt dieses ungeniert hasserfüllte, manische, fast schon obsessive Abgrenzungsbedürfnis, wohlgemerkt nicht gegen Fastfood, sondern gegen die Leute, die es sich einverleiben? In einer aggressiven Weise, dass ich mich des Gefühles nicht erwehren kann, die Fastfood-Konsumenten sollten an den Pranger gestellt, wenn nicht zum Abschuss freigegeben werden?
In dem Zusammenhang fällt mir auf, dass der Bäh-Begriff Unterschicht von immer mehr Menschen schon gar nicht mehr in den Mund genommen wird; lieber wird geschmeidig von der 'Fastfood-Fraktion' gesprochen, und alle freuen sich, dass alle wissen, was gemeint ist, ohne dass sich einer mit jenem schmutzigen Wort die Finger schmutzig machen müsste.
So recht delikat wird das Gerede über das Geschmeiß - nichts anderes verbirgt sich hinter dem Gebrauch des Wortes Fastfood-Fraktion - aber dann, wenn die so Redenden sich selbst ungeniert dem Fastfood oder anderem ungesunden Fraß hingeben, dies jedoch in der gehobenen Preisklasse tun und sich somit jenseits von Gut und Böse - ich korrigiere: jenseits von Böse - wähnen. Es gibt nämlich - Genosse Trend lässt grüßen - ein wachsendes Segment von hochwertigem Fastfood für den anspruchsvollen Kundenkreis.
Zum Beispiel gibt es in den besseren Innenstadtlagen - dort, wohin sich kein billiger McDo verirrt - Nobelbräter mit organisch gewachsenen Hackbuletten zwischen handgemahlenen Dinkelschrotsemmeln, wo die Leute bis auf die Straße Schlange stehen, gerne bis zu einer geschlagenen Stunde, wozu hat man eine Mittagspause. Ist ja auch ein gutes Feeling, wenn andere Leute sehen können, dass man beim Nobelbräter außen ansteht, sich die Zeit dafür nimmt und das Geld dafür hat. Vermutlich darf, wer bereit ist, sich für ein Fastfood-Produkt so lange anzustellen, mit dem Edelwhopper in der Hand behaupten, das sei doch gar kein Fastfood, sondern, ja, was eigentlich? Vermutlich Slow Food.
Nicht zu bestreiten ist, dass dem derart veredelten und geadelten Schnell-Burger womöglich ein gewisser Gesundheitsbonus innewohnt, verglichen mit den preiswerteren Großen Macs des Klassenfeindes. Nur, Fastfood bleibt Fastfood, da helfen keine gesundheitsideologischen Verrenkungen.
Ähnliches gilt für die Star-Leckerlis von Starbucks, wo ein ordinärer Schoko-Cookie 2,50 Euro kostet, weil er angeblich nicht so ordinär ist wie ein Keks aus der Prinzenrolle, und wir wollen das ja auch gerne glauben, wo wir schon sonst an nichts mehr glauben, aber an irgendwas will man halt glauben. Nur, süß und schwer bleibt süß und schwer, und Dickmacher bleibt Dickmacher.
Ich selbst bin kein Starbuckskunde, komme aber öfters an den großen Glasscheibenfronten vorbei, die mir einen ungehinderten Blick auf solche Konsumenten erlauben, denen jeder Ernährungsexperte vom Verzehr der süßen Edel-Kalorienbomben dringend abraten würde - würde sich denn der Experte nicht ausschließlich mit billigen, sondern auch überteuerten Süßigkeiten sowie deren Klientel beschäftigen.
Da gibt es die handgerührte Deluxe-Eiscreme aus Demetermilch für 4,50 Euro die Kugel in den ausgeflipptesten Geschmacksrichtungen; auch sie besteht maßgeblich aus Fett und Zucker (mag es auch brauner, nicht raffinierter Vollrohrzucker sein), aber was soll's.
Gar nicht erst reden will ich von böser Schokolade, welche, aus handverlesenen Kakaobohnen im Fass gereift aus den Hochlanden Ecuadors stammend, im Handumdrehen von der zahlungskräftigen Kundschaft zu guter Schokolade umgepolt wird.
Die Auflistung von 'guten', weil kostspieligen Fastfood- oder ungesunden Produkten ließe sich beliebig fortsetzen. Aber leider drängt meine Zeit, denn eigentlich sollte ich, siehe oben, längst über anderes schreiben. Nur, jetzt mal ohne elitären Bluthochdruck und dinkel-veredelten Fressdünkel - Fastfood bleibt Fastfood, und ungesund bleibt ungesund, und fett bleibt fett, oder täusche ich mich da?
Und noch was: Doppelmoral bleibt Doppelmoral. Sie scheint sich in diesen Zeiten epidemisch zu verbreiten, und keiner findet etwas dabei. Fastfood, das sind immer nur die anderen. Die von der Fastfood-Fraktion eben. Das Messen mit zweierlei Maß droht zum Volkssport zu werden, sofern es erlaubt ist, die Edel-Fastfood-Fraktion zum Volk zu rechnen.
Der Rant musste raus. Ich musste erst mich meiner grüngelben Galle entledigen, bevor ich mich ans Werk mache, um mich sachlich, ausgewogen und wohltemperiert über das zugegebenermaßen nicht unheikle Thema auszulassen. In so eine Verfassung muss man sich ja erst mal bringen. Irgendwie muss ich meine Pestwölkchen sortiert kriegen, sonst sitze ich am Wochenende vor einem leeren Bildschirm und habe Gallensteine. Und kein Geld verdient. Und so weit lasse ich es nicht kommen, so viel steht fest.
Neben meinem Computer steht eine 1,5-Liter-PET-Wasserflasche mit dem Produktnamen 'Elitess' auf dem Etikett, aus dem Hause Lidl. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund kann ich mich über den Anblick genau in diesem Moment über alle Maßen amüsieren.
Nachbemerkung: Dies ist kein Post über Fast Food, ungesundes Essen und Übergewicht; dies ist ein Post über Dummheit, Hass und Doppelmoral.
Donnerstag, 29. Juli 2010
Hund unter
So richtig gefallen ist der Groschen erst heute morgen, also jetzt.
Zur üblichen Morgenstund' - Sonnenaufgang, Kaffee auf Dachterrasse, Sauerstoffschock - fällt es mir wie Schuppen vor die Augen: Da hat doch glatt eine notorische Frühaufsteherin von einem passionierten Spätaufsteher einen Preis verliehen bekommen. Ja. Einen Preis! Also, keinen Preis fürs Frühaufstehen natürlich - wo wäre da der Sinn? -, sondern einen Preis dafür, dass die Frühaufsteherin übers frühe Aufstehen und verwandte Themen bloggt. Nehme ich jetzt mal an, zu meinen Gunsten, weil, wieso den Preis ausgerechnet ich bekomme, hat der Spätaufsteher nicht verraten, aber vielleicht muss er nochmal drüber schlafen.

Der Preis trägt einen Namen: Underdog. Finde ich gut. Passt. Sitzt. Hat Luft. Bekanntlich liegt ja unter meinem roten Sofa ein dauerschnarchender Hirtenhund, der auf den Namen Blues hört, aber nur dann, wenn er wach wird, was selten vorkommt (zum Verlinken darauf ist es mir leider noch zu früh). Irgendwie muss der Hund das mit dem Underdog im Traum aufgeschnappt haben, denn er hat tierisch gefiept und mit dem Schwanz über den Boden gewedelt und danach ein Wellness-Schnauf-und-Schnarchprogramm abgeliefert vom Feinsten.
Vom Feinsten, das ist mein Stichwort, denn vom Feinsten ist auch das Blog des Preisverleihers: Feynsinn. Ich fühle mich geehrt. Vor längerer Zeit habe ich mal einen Shout auf Feynsinn getrompetet, man kann ruhig sagen: eine Fanfare, weil ich ihn nämlich aus guten Gründen bereits auf meiner Blogrolle hatte, als ich noch gar nicht wusste, was eine Blogrolle ist. Nur, wie in aller Welt soll ich um diese Uhrzeit den Shout verlinken, der, um verlinkt zu werden, ja erst mal gefunden werden muss? Ich bin mir sicher, Flatter wird dafür Verständnis haben, wenn er die Uhrzeit dieses Postings sieht.
Ich glaube, damals hatte ich irgend so etwas geschrieben wie: Der Typ hat Haare auf den Zähnen vom Allerfeinsten. Also, nicht dass ich das genau so formuliert hätte, damals, auf keinen Fall; bestimmt habe ich mich gewählter ausgedrückt. Aber gemeint habe ich es so. Und tue es noch heute.
Um ehrlich zu sein, ich kann vor Stolz kaum laufen.
Mittwoch, 21. Juli 2010
Play It Again, Sam
Es gibt ja nichts Schlimmeres als Leute, die sich dauernd wiederholen, ohne dies zu merken. Oft empfindet man das Erzählte bereits beim ersten Hören als hinreichend redundant, aber in der Wiederholungsschleife wird es dann zur echten Herausforderung, und irgendwann legt sich die Schleife wie eine Schlinge um den Hals. Flüchten oder standhalten, heißt dann die Frage, und irgendwann will man bloß noch eines: seinen Kopf wieder aus der Schlinge rauskriegen.
Wenn mir beispielsweise, während ich gerade Handtücher zusammenlege, ein Geschäftsführer erzählt, dass er gestern in der Oper war, ist das an und für sich eine tolle Geschichte. Man hört ja immer wieder gern, was andere Leute so erleben. Erzählt mir tags darauf derselbe Geschäftsführer, dass er vorgestern in derselben Oper gewesen sei, wird das Ganze zum Härtest, vor allem, wenn ich gerade fensterputzend oben auf der Leiter stehe und es obendrein irre heiß ist, was bekanntlich oben auf einer Leiter noch irrer heiß als ist am unteren Ende derselben. Was tun?
Freundlich im Umgang - hart in der Sache, habe ich mal gelernt und flöte freundlich aus hitzigen Höhen, dass er mir dasselbe schon gestern erzählt habe. So etwas höre er aber gar nicht gern, bekomme ich als Antwort, was ich wiederum sehr gut verstehen kann, weshalb ich freundlich zurückflöte, dass ich das sehr gut verstehen könne. Damit war der Fall erledigt, es herrschte weiter eitel Sonnenschein im Überfluss, und zum Diskutieren ist es eh zu heiß.
Ich selbst hasse es auch wie die Pest, gesagt zu bekommen, dass ich mich wiederhole. Gottseidank passiert das nicht allzu häufig, aber jedes Mal ist einmal zu viel. Bei der Vorstellung, bloggend in so einer Wiederholungsschleife hängen zu bleiben und es womöglich nicht zu merken, wird mir ganz übel.
Aus diesem Grund verkneife ich es mir strikt, hier und jetzt von den vielen Kilos Brombeeren zu erzählen, welche ich heute auf dem Heimweg im wilden Dornendickicht erbeutet habe. Weil, Brombeerenpflücken und Mirabellenaufklauben waren vor Jahresfrist hier schon mal Thema gewesen (mir ist grad zu heiß zum Verlinken), das sollte reichen. Obwohl es ja dieses Jahr ganz anders ist als letztes Jahr, denn heuer gibt es eine gigantische Brombeerschwemme, dank der großen Hitze, welche wiederum der erhofften Erdbeerschwemme den Garaus gemacht hat. Man muss es nehmen, wie es kommt, gleich werde ich Brombeermarmelade kochen, sobald der Text hier zu Ende geschrieben ist, was noch dauern kann.
Immerhin ist das Thema Brombeeren damit für diese Saison abgehakt, zumindest blogtechnisch (im wirklichen Leben keineswegs, denn ich schaue aus, als ob ein Rudel räudiger Katzen im Tollwutrausch über mich hergefallen ist, werde mich also den Fragen von Mitmenschen stellen und betonen müssen: Weißt du, ich war in den Brombeeren.) Auch die Mirabellen sind kein Thema mehr, da sie vor einer Stunde bereits punktiert und in Prosecco versenkt wurden und ebenfalls keiner drögen Wiederholungsschleife bedürfen.
Mann Mann Mann. Eigentlich wollte ich auf etwas völlig anderes hinaus. Etwas, was mit Obst und Oper überhaupt nichts zu tun hat, aber mal rein gar nichts. Sondern mit - ich trau es mich kaum zu sagen - dem Thema "Verzicht inklusive", anders gesagt, mit jenem neumodischen Luxus des Verzichtens, von welchem hier bereits mehrfach zu lesen war - und, schnapp!, schon klappert die Wiederholungsschleifen-Falle mit ihrem dritten Gebiss...
...ja doch, schon wieder, ich kann ja auch nichts dafür, dass in der Frankfurter Rundschau heute so ein klasse mundwässernder Kommentar zum Thema erschien; bestünde Satire aus Fettröpfchen, der Kommentar würde triefen. Mal reinhören?
Sünden sind lecker, wenn man rechtzeitig mit ihnen aufhört, deshalb darf nach so vielen Ehrenrunden mein Luxusthema jetzt erst einmal ruhen; hoffentlich schaffe ich das. Weil, wenn es mich wieder überkommt, was ja häufig der Fall ist, wird es mir bestimmt schwer fallen an mich zu halten.
Ich habe den Eindruck, je erfolgreicher man im Beruf ist, desto schwerer macht man es sich im Alltag. Zum Beispiel...dem nächtelangen Herstellen von Pasta mit einer in Einzelfertigung hergestellten mundgeblasenen Nudelmaschine aus biologisch abbaubarem Gusseisen.Mhm, süffig. Weiter:
Wer sich alles leisten kann, fährt zur Selbstgeißelung ins Schweigekloster; wer knöcheltief im Dispo steht, besucht Poolpartys auf Ibiza.Mhm. Macht Lust auf mehr. Der Autor erzählt von seinem netten Nachbarn Thomas, der
...hat sich zum Beispiel letztes Jahr einen Parkettboden für 180 Euro pro Quadratmeter in seine Kanzlei legen lassen. Damit ihn seine Klienten aber nicht als Prahlhans ansehen, hat er die Maserung des Holzes absichtlich so gewählt, dass jeder Nichteingeweihte denkt, es sei Laminat.Abgründig gut. Und als Absacker:
Das ist die wahre Rache des Kapitalismus.
Schmeckt wie Sünde.
Ich gehe jetzt Brombeermarmelade kochen.
Wieso steigt eigentlich, proportional zur Affenhitze, die Länge meiner Blogtexte? Ist schon wieder so ein ellenlanges Brett geworden. Ich werde mir doch keinen Magen-Darm-Virus eingefangen haben? Aber vielleicht ist das ja eine ganz normale Reaktion, so rein vegetativ gesehen - man könnte fast sagen: Bloggen bei Hitze ist wie Schwitzen. Doch, kommt hin.
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Montag, 28. Juni 2010
Mut zur Lücke
Ist mir warm.
Letzten Sommer (war es da überhaupt so heiß? Muss wohl.) war es mir abends auch manchmal viel zu warm, so um den Kopf herum, den man ja braucht, wenn man am Abend noch bloggen will. Die lästige Kopfhitze hatte ich damals genial ausgetrickst mit einer eisgekühlten Migränebrille rund um die Augen. Das Wunderdings hatte ich mir extra zu diesem Zweck (bin gottlob ein migränefreier Mensch) gekauft - es funktionierte hervorragend über gut 20 bis 30 Minuten.
Tut es in diesen Tagen nicht. Zwar kühlt die Brille immer noch phantastisch und macht einen klaren Kopf, aber nur für ganz kurze Zeit - höchstens zwei Minuten -, weil dann das Internet wieder mal abstürzt; ein Vorgang, der bekanntlich das Blut zu Kopf steigen lässt. The heat is on. Da soll ein Mensch bloggen.

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