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Samstag, 16. November 2013

Let them eat Wi-Fi


Nächste Woche kommt netter Besuch nach Deutschland. Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras wird erwartet.

Der griechische Staatschef ist ein ganz Netter, der es mag, wenn er nett behandelt wird. Er freut sich schon auf das gemeinsame Mittagessen mit Angela Merkel. Die nette Einladung, sagt er, habe ihn sehr ermutigt.

Außerdem, sagt der nette Samaras, habe neulich der Wolfgang Schäuble so nett über Griechenland gesprochen, beim Treffen der Eurogroup am Donnerstag. Auch das habe ihm Mut gemacht.

In diesen harten Zeiten brauche man netten Zuspruch, und deshalb, sagt Samaras, sei das Ziel seiner Deutschlandreise, "die trübselige Stimmung aufzumuntern, die sich über sein Land und dessen Zukunftperspektiven gesenkt" habe. Ein paar warme Worte der Kanzlerin sei genau das, wonach die trübseligen Griechen lechzen, mehr als nach Jobs, etwas zu essen und einem Dach über dem Kopf; darum "hoffe er, positive Äußerungen von Merkel könnten helfen, die Stimmung in Griechenland aufzuhellen".

Das griechische Volk ist schon voller Vorfreude und kann die netten, aufmunternden Worte der deutschen Kanzlerin kaum erwarten. Wird ja auch irgendwann langweilig, immer nur Trübsal zu blasen.

Der nette Ministerpräsident weiß das, weshalb er bereits im Vorfeld seiner Auslandsreise einen krachend netten Stimmungsaufheller unters arbeitslose Volk brachte, und zwar vornehmlich an die Adresse der jüngeren Generation; das sind diejenigen Griechen, die besonders heftig zum Trübsalblasen neigen:

Quelle: Eurostat via anticap

Denen hat der Ministerpräsident ein so tolles, ein so nettes Angebot gemacht zur Hebung ihres notorischen Trübsinns,
"Heute verspreche ich, dass es in ganz Griechenland kostenlosen Zugang zum Internet geben wird, freies kabelloses Wi-Fi-Internet. Bis nächstes Jahr. Wir machen das. Deshalb sage ich das. Es zeigt den jungen Leuten, dass sich jemand um sie kümmert. Dass Griechenland sich um diese Kids kümmert."
- dass die jüngere Generation in bodenlose Euphorie verfiel und sich seither nur noch schenkelklopfend am Boden wälzt, so großen Spass haben die jungen Leute mit dem Versprechen ihres netten Staatsoberhauptes. Wow!, krähten begeistert die Allerjüngsten der neuen, stets hungrigen griechischen Spassgeneration, da können wir uns ja ein leckeres Tsatsiki runterladen, oder ein schönes Gyros,


- oder, na ja, zur Not tut's auch Stückchen trockenes Brot zum Gratisdownload - hey, wie nett, die kümmern sich um uns! -, ein Zahn, der den naiven Kleinen ganz schnell gezogen wurde von der aufgeklärten Spassfraktion im studentischen Alter:

Psomi: Brot
Paideia: ethische Bildung mit dem Ziel eines mündigen Geistes
Eleftheria: Freiheit von Tyrannei und Unterdrückung

Dagegen erkannten die etwas Älteren, Erfahreneren unter den Griechen sofort den sättigenden Nährwert eines kostenlosen Internetzuganges:

"Verdammt, keine Knochen mehr in der ganzen Mülltonne, 
wo finde ich jetzt ein freies Wi-Fi?"

- während die ganz hartgesottenen Griechen es sich unter freiem Himmel, mit freiem Wi-Fi-Spot, bequem machten, zum ersten Mal seit langem in unbeschwerten Schlummer fielen und beim Einschlafen frohgemut dachten: Endlich kümmert sich jemand!

"No job? No money? No problem: 
Antonis Samaras promises free wi-fi"
via flickr: Teacher Dude's BBQ

Zu guter Letzt kam die frohe Botschaft des Ministerpräsidenten auch bei der Generation der armen alten Griechen an. Die hatten vielleicht einen Spass mit dem freien Wi-Fi! Alle Sorgen waren mit einem Schlag vergessen, von Hunger und Not keine Rede mehr, nur noch fröhliche Gesichter und das feste Gelöbnis der vergnügten Vier, künftig keinen anderen mehr als den netten Ministerpräsidenten von der netten Nea Demokratia Partei zu wählen.


Geschafft!, dachte der nette Samaras, Alt und Jung, die ganze Nation ist gut drauf, der Trübsal wie weggeblasen, steigende Popularitätswerte, Krise gemeistert, alles wird gut!

Packte seinen Koffer, bestieg wohlgemut den Flieger nach Deutschland, nicht ohne ein nettes kleines Mitbringsel einzustecken: Das, frohlockte er insgeheim, das soll mir die olle Merkel erst mal nachmachen:

Moufanet via protagon.gr

Sonntag, 1. September 2013

One two three, what're we fighting for?


Spätstens seit gestern abend kann es keinen Zweifel mehr geben:
Der syrische Präsident al-Assad ist der schurkischste Oberschurke aller schurkischen Diktatoren sämtlicher existierender und je existiert habender Schurkenstaaten.
"Welche Botschaft verbreiten wir, wenn ein Diktator vor aller Augen Hunderte von Kindern zu Tode vergasen kann und dafür keinen Preis zahlen muss?"
Keine leichte Frage.

Einzig richtige Botschaft:
"Kein Einsatz chemischer Waffen! Wir haben sie im zweiten Weltkrieg nicht eingesetzt, Hitler hat sie nicht eingesetzt, und wir setzen sie nicht ein, das ist doch keine Frage. Obwohl wir wissen, dass Assads Vater es getan hat, und jetzt geht er hin und tut es auch."
Vergessen zu erwähnen hat das Kriegspropaganda-Großmaul des regierungstreuen Sender MSNBC, dass

erstens
der Einsatz chemischer Waffen jahrzehntelang zum Standard amerikanischer Kriegsführung gehörte,
zweitens
das amerikanische Militär zwischen 1963 und 1973 rund 400.000 Tonnen Napalm auf Vietnam, Kambodscha und Laos herabfallen ließ,
drittens
in denselben Ländern zwischen 1962 und 1971 rund 20 Millionen Gallonen (1 Gallone = 3,78 Liter) Agent Orange, vermischt mit Kerosin, versprüht wurden,
viertens
neben unzähligen "zu Tode vergasten" Kindern von den Überlebenden weitere unzählige Kinder mit physischen Deformationen, Behinderungen und Krankheiten geboren wurden (die Schätzungen gehen in die Millionen),
fünftens
die mit Deformationen, Behinderungen, Krebserkrankungen geschlagenen Überlebenden und deren Nachkommen niemals irgendeine - in welcher Form auch immer - Entschädigung erhalten oder eine solche angeboten bekommen haben von jenem Land, das die chemischen Waffen eingesetzt hatte,
sechstens
vor 30 Jahren die USA untätig und mit kaltem Kalkül zuschauten, wie Saddam Hussein chemische Waffen im großen Stil einsetzte,
siebtens
nicht Hunderte, sondern Millionen Menschen von den Nationalsozialisten "zu Tode vergast" wurden und das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B (Wirkstoff: Blausäure) mit Sicherheit in die Kategorie chemische Waffen fiele, sofern dies ein Kriegspropaganda-Großmaul auch nur am Rande interessierte,

- dafür jedoch ein für allemal klargestellt, dass
achtens
Assad der schurkischste Schurke aller Zeiten ist,
und neuntens
nicht nur im Krieg, sondern in der Kriegspropaganda alle Mittel und Lügen erlaubt sind.

Zehntens bin ich gerade einigermaßen von den Socken, dass es so etwas - wo nicht Hunderte, sondern Hunderttausende aufstanden und inbrünstig gegen den Vietnamkrieg gesungen haben - einmal gegeben hat und heute nicht mehr gibt, aus welchen Gründen auch immer:



Freitag, 17. Mai 2013

Gekonnt gekontert


Wow. Wenn ich etwas liebe, dann ein wohlplaziertes cooles Kontra. Ein scharfes, scharfzüngiges, unerbittlich mitten ins Herz des unwürdigen Gegners verabreichtes Kontra.

Besonders, wenn es aus weiblichem Mund kommt:
"Sehen Sie, und deshalb liebe ich die Oper und das Theater! Da wird sogar uns armen Frauen jenseits der 30 gestattet, mithilfe von Schminke und Beleuchtung sowie ohne Close-Ups ein würdevolles Karriereleben zu führen."
Wie war nochmal die Frage?
"Sie sind fast 47 Jahre alt und offensichtlich nicht geliftet. In Hollywood hätten sie länger schon ziemliche Schwierigkeiten."
Solcherart sensibel und unter Aufbietung allen Respektes, dessen ein schreibendes teutonisches Trampeltier mächtig ist, wird ein Interview mit der italienischen Sopranistin und Intendantin Cecilia Bartoli eröffnet. Wo? Bitte selber googeln. Links auf das Ätzniveau giftender Schmierfinken werden hier nicht gesetzt.

Lektüreempfehlungen für dreckschleudernde Schreiberlinge im besten Mannesalter (47) hingegen schon:


Und selbstverständlich auch Porträts einer großartigen, intelligenten Künstlerin voller Wärme, Inbrunst und Humor:



Freitag, 5. April 2013

Es läuft rund


Das Ministerium für Propaganda hat wieder mal die Wahrheit verkündet, und das mit voller Härte. Strahlend ließ das Spezialressort Kommunikationsmanagement (volkstümlich: "ARD-Deutschlandtrend") sein Umfrageergebnis verlauten, nach "erfolgreicher Lösung der Zypernkrise strahle der Stern der Kanzlerin wieder".

Weiter führte der Ressort-Krisensonderstab zur Verschleierung kognitiver Dissonanzen aus: Während (erstens) 68 Prozent der Deutschen mit dem Krisenmanagement der Kanzlerin zufrieden seien und fänden, Merkel habe "in der Eurokrise richtig und entschlossen gehandelt", rechneten (zweitens) 75 Prozent der Deutschen mit einer Verschlimmerung der Eurokrise.

Nachdem es bei der Ergebnispräsentation in Teilen der Öffentlichkeit zu vereinzelten "Hä??"-Reaktionen kam, gefolgt von Zweifeln an der Sinnhaftigkeit der von den ARD-Forschern gestellten Fragen wie überhaupt an der gesamten Methodik der jüngsten Umfrage, beschloss der Krisenstab zur Verschleierung kognitiver Dissonanzen in die Offensive zu gehen und die beiden ergebnisrelevanten Fragen zu veröffentlichen:

1. Finden Sie es nicht auch toll, wie entschlossen Frau Merkel den Eisberg vor Ihrer Nase in Angriff nimmt?

a. ganz toll
b. toll
c. ziemlich toll

Aufgrund der erwartbar hohen Zustimmungswerte zu Frage 1 habe man sicherheitshalber eine Kontrollfrage 2 eingebaut:

2. Gibt es sonst irgend etwas, was Ihnen derzeit Sorgen bereitet?

a. der Scheißfrühling
b. Sonstiges, was?

Spontan hätten drei Viertel der Befragten "Sonstiges" genannt und auf Nachfragen spezifiziert, es sei "dieses ungemütliche Titanic-Feeling", welches ihnen die zufriedene Grundstimmung versaue.

Eine mögliche Korrelation zwischen "Eisberg" und "Titanic-Feeling" wird von der Auswertungskommission des Krisensonderstabes ausgeschlossen, zumal die Zauberkräfte der Eisbergbändigerin von der überwiegenden Mehrheit der Deutschen ja bestätigt worden und somit keine Fragen mehr offen seien.

Wirklich wichtig, so ein Sprecher des Ressorts Kommunikationsmanagement, sei ohnehin das Kommunizieren des Kernbefundes der Umfrage: "Die Zypern-Krise ist vorerst gelöst - es läuft wieder rund für Bundeskanzlerin Merkel und die Union."

Wir schalten zurück ins Wahlkampfstudio.

Mittwoch, 6. Februar 2013

Himmelherrgottsakramentkruzifixhalleluja


Holy shit.

Fluchen ist unschicklich. Befand unlängst die katholische Kirche. In dem Fall eine katholische Highschool im amerikanischen New Jersey (via BoingBoing), die im Auftrag des Herrn unterwegs ist und sich deshalb -

No shit!

- "Queen of Peace High School" nennt. Ab sofort wird in den heiligen Hallen der Friedenskönigin - per eidesstattlicher Selbstverpflichtung - nicht mehr geflucht. Begründung: weil Fluchen unschicklich ist.

Who the hell gives a fuck?

Okay, könnte man so stehenlassen wie einen Sack Reis im katholischen Hinterland von New Jersey, ob der nun umgefallen oder stehengelassen worden ist ...

So, WTF?

... allerdings gilt der Anti-Fluch-Bannstrahl nur für die eine Hälfte der Schülerschaft. Denn siehe, es sind vor Gott nicht alle fluchenden Schandmäuler gleich. Dem gotteslästerlichen Gefluche für alle Zukunft feierlich abzuschwören ("I swear not to swear!") wurde ausschließlich dem weiblichen Teil des Schülerkörpers abverlangt.

Now fuck that shit.

Die andere, männliche Hälfte darf weiterhin ihrem Herzen mit Kraftausdrücken aller Art Luft machen und sonstwem sonstwas an den Hals wünschen. Fluchen sei nämlich, laut der katholischen Schulleitung, unweiblich -

Don't gimme that stupid bullshit.

- Magengeschwüre hingegen, im Umkehrschluss, ein urweibliches Privileg (... drum fluche, wem Gesundheit teuer, dafür meine Hand ins Fegefeuer!). Damit dies auch so bliebe und Gottes Wille geschehe, fügte die Schulleitung erläuternd hinzu: "We want ladies to act like ladies" -

What a piece of seriously fucked up stupid double standard horseshit.

- and boys like boys. Schließlich spielen Jungs Baseball und "können gar nicht anders als Obszönitäten auszustoßen, wenn ihnen ein Aufschlag danebengeht, und daran wird sich auch nichts ändern", während Mädels - pardon: ladies -, die beim Topflappenstricken eine Masche fallen oder am Herd die Suppe anbrennen lassen, gar nicht anders können als charmant mit den Zähnen zu knirschen und sich alles übrige zu verkneifen ...

Jesus, stop it, this is just fucked up as fuck.

... und daran wird sich auch nichts ändern, denn so ein Magengeschwür fällt nun mal niemandem in den Schoß, darauf muss frühzeitig, zielstrebig und mit Gottes Hilfe hingearbeitet werden. Und Gott sprach (oder war es ein 16-jähriger männlicher Schüler kurz vor dem Aufschlag?): "Es ist unattraktiv, wenn Mädchen ein loses Mundwerk haben."

Boy, now you have fucked that one up, too.

Als Belohnung für ihr gottgefälliges Lippenbekenntnis bekamen die fluchabstinenten Mädels je einen -

No shit, Sherlock!

- Lollipop geschenkt, um das schmutzige Mäulchen ein für allemal süßklebrig zu verstopfen, sowie als Zugabe eine Anstecknadel mit einem roten Verbots-Schrägstrich über zwei fest geschlossenen pink(!)farbenen Lippen -

Oh sweet Lord, please shut the fuck up.

- wohingegen die Jungs von der Schulleitung "gebeten" wurden, sich in Gegenwart von Mädels, pardon: ladies, mit der notorischen Flucherei doch bitte ein wenig zurückzunehmen. Schwören mussten die angehenden gentlemen dies allerdings nicht.

Now ladies and gentlemen, would you please fuck off?

Hier stehe ich - Gott helfe mir - und kann nicht anders als Obszönitäten auszustoßen, wenn ich einen solchen gequirlten Kuhfladen vor dem Herrn lese.

Fuck them all.


Samstag, 29. Dezember 2012

Weitgehend niederschlagsfrei


Ächzend schrumpft sich das Jahr seinem Ende zu, was den deutschen Einzelhandel zum Ächzen über seine schrumpfenden Umsätze veranlasst. Lief wohl nicht so dolle mit dem Weihnachtsgeschäft.
"Die tatsächlichen Abverkäufe bleiben hinter den ursprünglichen Erwartungen für Dezember zurück. ... Die Dezemberverkäufe enttäuschten, gemessen an den Zielvorgaben."
Nur Ächzen und Schrumpfen - und kein Wachstum, nirgends?

Doch, an der Front der galoppierenden Verblödung. Weil, was hat die Leute daran gehindert, ihre sauer verdienten respektive nicht vorhandenen Kröten zum Jahresende unbekümmert zu verknattern?
"... die ungünstigen Wetterbedingungen ..."
- ja freilich, es war zu warm oder zu kalt oder es hat zu viel geschneit oder zu wenig oder gar nicht oder irgendein anderer Niederschlag ist - entgegen ursprünglicher Erwartungen - nicht vom Himmel gefallen, und sei es ein wenig Hirn, mit dem der Herrgott da oben immer mehr zu geizen scheint, aber sei's drum, schlechtes Wetter kommt immer gut, und sind wir nicht alle ein bisschen Hirnschrumpf und überhaupt, war's das?

Nein, auf der nach oben offenen Jahresendverblödungs-Skala geht noch was: Neben dem unerwartet ungünstigen Wetter habe nämlich
"... die unerwartet niedrige Käuferfrequenz zu den niedrigeren Abverkäufen beigetragen."
- mit anderen Worten, die ursprünglich hohen Erwartungen wurden von der unerwartet niedrigen Käuferfrequenz enttäuscht. Mit dem Hirn werde das nichts mehr in diesem Jahr, denn, so ließ der Herrgott in seinen geschrumpften Erwartungen ächzend verlauten, die da unten seien zu blöd zum Auffangen.

Sonntag, 29. Juli 2012

Sommermärchen, das sechste


Viel Sommerregen heute früh, warmer, sanfter Sommerregen.

Und jede Menge rain on Spain. Es regnet sinnentleerte rhetorische Dungbrocken in Strömen aus den Wolken von EU und IMF. Kein Rettungsschirm weit und breit.

Erst mal wird ein dickes Lob ausgeschüttet für die Erfolge von Spaniens Austeritäts-, also Totsparmaßnahmen:
Der Internationale Währungsfonds lobte am Freitag Spanien für die Maßnahmen, die es ergreift, um der Krise die Stirn zu bieten.
"Alles in allem verhielt sich die Regierung proaktiv in der Umsetzung ihrer Maßnahmen während der Krise, mit einer bemerkenswerten Intensivierung innerhalb der letzten Monate," sagte der Fonds in seinem Bericht.
Vorbildlich, weiter so, Spanien. Es kann nur noch aufwärts gehen, denn besagte Maßnahmen
...hätten das Potential, Vertrauen wiederherzustellen und die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Weg zurückzuführen.
Sanft plätschernde Verbaltropfen, die von der segensreichen proaktiven Fruchtbarmachung der spanischen Dürre künden. Jedoch, es geht noch sanfter:
Jedoch gebe es einen Spielraum für einen sanfteren Austeritätspfad über die nächsten zwei Jahre, um zu vermeiden, dass die Rezession sich noch mehr vertieft.
Was nahelegt, dass unsanfte Austerität in eine unsanfte Rezession geführt hat, weshalb ein sanfterer Austeritätspfad - proaktiv, wie sonst? - die sich vertiefende Rezession besänftigen möge. Darum haben die Regengötter des IMF ein Einsehen und kübeln zur Abwechslung mal andersrum:
Spanien sei mit einer Rezession beispiellosen Ausmaßes konfrontiert, mit sehr hoher Arbeitslosigkeit und rasant wachsender Staatsverschuldung, sagten die IMF-Direktoren nach Abschluss ihrer Beratungsgespräche mit Spanien.
Ah, ein Lichtstreif. Hört es jetzt endlich auf zu regnen?
James Daniel, der Leiter der IMF-Mission für Spanien, sagte, die Arbeitslosenrate für die kommenden Jahre sei "unakzeptabel hoch".
Das finden die meisten Menschen in Spanien auch:
Für die meisten Menschen bleibt der Ausblick düster, denn die 65 Milliarden Euro umfassenden Austeritätsmaßnahmen der Regierung reißen Schneisen der Zerstörung durch das Land, mit allein 63.000 Entlassungen im öffentlichen Dienst von April bis Juni.
Der "einzige Effekt" der Austeritätsmaßnahmen, sagen die Gewerkschaften,
"...sei die Vervielfachung von Entlassungen um ein Fünffaches."
Unakzeptabel, findet auch die stellvertretende Ministerpräsidentin:
"Die Regierung wird fortgesetzt versuchen, diese Situation zu verbessern, die unzweifelhaft durch die Rezession verursacht wurde, durch die Reduzierung der Verschuldung und durch fortgesetzte Strukturreformen."
Zusammengefasst: Fortgesetzt unsanfte Austerität führt zu fortgesetzt sich vertiefender Rezession und unakzeptabel ansteigender Arbeitslosigkeit. War ja eigentlich klar.

Nicht jedem. Bei manchen dauert's länger, bis der Groschen fällt, zum Beispiel bei der Europäischen Kommission, und mit den Groschen - es dürfen auch Cents sein - fällt der rhetorische Regen, sanft, aber sinnentleert, auf dass ihm keine Taten folgen mögen, Hauptsache, wir haben drüber gesprochen:
Jedoch könnte am Ende die Medizin (=Austerität) den Patienten töten: Sogar die europäische Kommission steuert ihre zwei Cents bei, indem sie heute Spanien ermahnt, eine Arbeitslosenrate, die sie (die Europäische Kommission) für unakzeptabel hält, zu reduzieren.
Herr, lass bitte weiter Regen vom Himmel fallen und bloß kein Hirn, denn sie sind zu blöd zum Auffangen.

Montag, 30. April 2012

Ach du lieber Kapitalismus




Weiß er ja auch ganz genau, der liebe Kapitalismus.
Er stellt sich nur dumm und tut so,
als ob er das nicht wüsste.

Nur gut, dass immer weniger Leute ihm das abnehmen.

Weil, weißt du, lieber Kapitalismus,
aus Schaden wird man nämlich klug.
Also, du ja bekanntlich nicht.
Aber wir schon.

Montag, 5. Dezember 2011

Strukturell dumm


Gestern war ja, sozusagen, Intellektuellentag bei occupyFrankfurt. Oder besser gesagt, gegenüber von occupyFrankfurt. Im Schauspiel Frankfurt fanden nämlich die traditionellen 39. Römerberggespräche statt.
"Ob Stuttgart 21, Demonstranten in Madrid und Jerusalem oder die occupy-Bewegung: Gegenüber einer Politik, die zunehmend ratlos und überfordert wirkt, erheben sich an vielen Orten Menschen, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen und Partizipation einzufordern. Auch das klassische Bürgertum der Mitte..."
- welches, mit spürbar linksliberalem Einschlag, bei den Frankfurter Römerberggesprächen zahlreich und debattierfreudig zu erscheinen pflegt -
"...empfindet Unbehagen, da alte Sicherheiten Makulatur geworden sind.
Nicht immer ist die neue Lust an der Einmischung dabei mit ausformulierten Manifesten verbunden. Im Gegenteil, gerade die sichtbare Abstinenz von politischen Programmen irritiert viele Beobachter. Liegt dies daran, dass eine getriebene Politik ohne klare Konturen eben auch keine Gegenentwürfe provoziert? Oder ist die ästhetische Praxis dieses Widerstands, der oft ohne intellektuelle Programme auskommt, doch als politisches Handeln zu begreifen?"
- wobei den "beobachtenden" Besuchern der gestrigen Veranstaltung "die ästhetische Praxis dieses Widerstandes" in neblig-nasskalter Gestalt quasi zu Füßen lag.


Sonderlich irritiert von der "sichtbaren Abstinenz von politischen Programmen" schien das Publikum nicht zu sein; deutlich irritierter dagegen von dem Eröffnungsvortrag des Soziologen Heinz Bude, weshalb ich mich in guter Gesellschaft fühlte, denn der Vortragstitel "Empörung in einer Welt ohne Alternative" hatte bei mir bereits im Vorfeld beträchtliche Irritationen ausgelöst. Wie kann ausgerechnet ein Soziologe von einer Welt ohne Alternative sprechen? Einem Ideologen mag dies mühelos gelingen, aber einem Soziologen? Na gut, es muss auch Ideologieliebhaber unter den Soziologen geben, und Heinz Bude gehört ohne Zweifel zu ihnen.

Vor zweieinhalb Jahren nämlich hatte er im Rahmen eines Rundfunkinterviews den Begriff Unterschicht dahingehend umgedeutet, dass die heutige Unterschicht keinesfalls charakterisiert sei "durch materielles Schlechtergestelltsein, sondern aufgegeben (habe), mitzukommen, den sozialen Aufstieg zu wollen", im Gegensatz zu jenen, "die mit dem Takt der gesellschaftlichen Entwicklung mitgehen und dadurch sogar ihre Chancen mehren", die anderen hingegen, diejenigen, "die aus dem Takt geraten sind, plötzlich zurückbleiben", als "bedauernswerte Population" bezeichnet, "die eben nicht verstanden hat, worum es geht." Mit anderen Worten: Die Unterschicht hat im Jahr 2009, als Bude die Welt noch voller Alternativen sah, halt den Anschluss verpasst. Pech gehabt, Unterschicht.

Im Jahr 2011 spricht der Soziologe Bude in der Vergangenheitsform von einer Finanzkrise als einer (mit der Lehman-Pleite) "zu Ende gegangenen Periode", als "einer riesigen Veranstaltung zur Veränderung der Vermögensverhältnisse in unserer Gesellschaft", aus der er die "bewegende Bilanz" zieht, es gebe daraus "keinen transzendentalen Ausweg". Keinen Ausweg für wen? Für "uns". Ja, im Jahr 2011 spricht Bude gern, ausdauernd und pathetisch von "wir" und "uns" anstatt von "jenen" und "denjenigen" und meint mit "uns" offenbar alle - die Unterschicht, die Mittelschicht, die Oberschicht, die politische Klasse, die mediale Klasse, die Finanzelite, die occupy-Bewegung, die Intellektuellen, die Soziologen und anscheinend auch sich selbst.

Wobei ihm selbst in Gestalt seines Professorengehaltes sowie seiner Referentenhonorare mit Sicherheit ein - wenn schon nicht transzendentaler, so doch komfortabler - Ausweg zur Verfügung steht. Was ihn nicht daran hinderte, jedem, der einen Ausweg, eine Alternative in einer "Welt ohne Alternative" für möglich hält, markig entgegenzuschmettern: "der spinnt", beziehungsweise, der sei - elaborierter gewendet - "strukturell dumm". Gut möglich, dass er die occupy-Bewegung für Spinner beziehungsweise deren Empörung für strukturell dumm hält.

Auch vergaß Bude im Eifer des ideologischen Wir-Gefühls zu erwähnen, dass es den Akteuren der Finanzkrise bravourös gelungen ist, durch "eine Veränderung der Vermögensverhältnisse in unserer Gesellschaft" einen transzendentalen Ausweg für all jene zu finden, die sich zu den '1%' rechnen können. Weshalb der Rest jetzt im Regen steht (oder zeltet) und strukturell schön dumm ist, wenn er sich einbildet, es gäbe Alternativen. Vor Gericht würde man so eine Argumentation, glaube ich, 'Täterschutz' nennen.

Nach derart beschworener Auswegs- beziehungsweise Alternativlosigkeit entblödete der Redner sich nicht, noch einen pathetisch draufzusetzen und seinem Publikum den aus seiner Sicht einzigen Ausweg aus der quasi naturhaft über uns gekommenen Finanzkrise zu weisen: Bude appellierte eindringlich an "unsere(!) kollektive Disziplin und Hoffnung". Wie, Disziplin? Ja freilich, weil "wir (jawohl, wir!) doch alle über unsere (jawohl, unsere!) Verhältnisse gelebt" hätten und damit endlich Schluss ein müsse. Wie, Hoffnung? Ja freilich, "Hoffnung auf Wachstum und die Chance zu partizipativer Teilhabe".

Hat man Töne? Während derzeit die Demokratie direkt bedroht, weil zügig abgewickelt oder vielmehr vom Finanzkapital schlicht abgeschafft wird, ermahnt uns(!) ein Soziologe, der früher mal Redenschreiber für Gerhard Schröder war, zu der "Hoffnung auf die Chance zu partizipativer Teilhabe". Und das, wo im Camp gegenüber auf partizipative Teilhabe nicht gehofft, sondern darum gekämpft wird; was jedoch, wenn ich richtig verstanden habe, ebendieser Soziologe einen Atemzug früher als "strukturell dumm" abgetan hatte. Übrigens, woher in einer "Welt ohne Alternative" - also einer Welt der Hoffnungslosigkeit - die Motivation zu egal welcher Hoffnung kommen sollte, ließ der Soziologe im Dunkeln.

Das Frankfurter Publikum machte seiner Irritation über so viel Sprechgebläse engagiert und temperamentvoll Luft, weil es sich für (und sei es strukturell) dumm verkauft fühlte. Zeitweilig ging es fast so tumulthaft zu wie auf einer gutbesuchten Sonntags-Asamblea von occupyFrankfurt. Gesagt hat es keiner, aber gedacht haben wird es mancher (darunter auch ich): ein ausgesucht strukturell dummer Vortrag eines soziologischen Ideologienverkäufers. Weniger elaboriert gewendet (sage ich jetzt): Der spinnt.


Donnerstag, 2. Juni 2011

Spanischer Gurkensalat


Gestern gab es bekanntlich Gurkenentwarnung (bezüglich der Herkunft des Gemüses), und heute ist Himmelfahrt. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, mag sich nicht jedem auf Anhieb erschließen, darum werfen wir einen Blick in die Tageszeitungen Spaniens, dem Land der kontaminierten Gurken und des Katholizismus.

Dort hat ein kommentierender Empörter - "Indignado" - namens 'Bosco Pelayo' seiner Empörung Luft verschafft. Ihm ist gestern endgültig der Kragen geplatzt, weil ihm alles nur noch auf die Nerven ging: die Rechthaberei deutscher Politiker und ihr manisches Bedürfnis nach einem Sündenbock; die patriotischen Überreaktionen im Herkunftsland der bösen Gurken; die Frömmelei und Verklemmtheit katholischer Traditionalisten in Spanien; sowie die paranoiden Projektionen der spanischen Presse auf die aktuelle Protestbewegung.

Gut gebrüllt, Bosco. Er hat #pepinogate* auf ein satirisch-bösartiges Niveau gehoben, das seinesgleichen sucht. Wenn es nach Bosco ginge, könnten sämtliche Gurken, Patrioten, Pharisäer, Doppelmoralisten, Ressentimentbeladene und Humorlose zur Hölle fahren, wahlweise auch gern gen Himmel.
"Deutschland ist diejenige Nation, die quer durch die Geschichte bewiesen hat, stets im Recht zu sein, wie schon 1939: Ohne jeden Zweifel müssen die kontaminierten Gurken ihren Ursprung in Spanien gehabt haben und sind daher die unmittelbare Folge des Zornes Gottes, welcher dieser gerade jetzt gegen die Spanier hegt, denn sie haben es versäumt, ihre Stimme zu erheben gegen einen Freimaurer und Feind des christlichen Glaubens vom Kaliber eines Zapatero I. der Inkompetente, und ebenso haben die Spanier, diese Weicheier, versagt vor der Herausforderung durch jene Hippies - den sogenannten "Indignados" - die unsere unsterbliche Puerta del Sol (Madrid) zu einer Kloake aus Verlausten, Rasta-Belockten, Schmähschriften, verrottetem Latexgummi und schwulen Schweinereien haben verkommen lassen.

Alles, was sich auf Erden ereignet, wird weder dem göttlichen Plan des Allmächtigen - und es sind schließlich nicht wenige Gurken! - noch seiner allmächtigen Gerechtigkeit entfliehen. Angesichts dieser anhaltenden Prüfung sehen wir Spanier uns verpflichtet, unseren Kurs zu korrigieren, wenn wir nicht wollen, dass der Allmächtige noch weitere Katastrophen auf uns herabschickt. Dieses Mal ist es die Gurke gewesen - jedoch, sollte Gott in seiner unendlichen Allwissenheit und Gnade beschließen, den spanischen Schinken zu kontaminieren (nur so als Beispiel), dann Gnade uns Gott, denn dann wird der Schlag, den die Deutschen unserer exportstarken Arche Noah versetzen, vernichtend sein.

Die Geduld des Allmächtigen hat ihre Grenzen, darum möchten wir uns, weise vorausschauend, gut stellen mit ihm. Spanier, nehmt Stelluung, bevor es zu spät sein wird, und denkt daran, es sind nicht nur die Gurken, die bitter schmecken! Für einen aufrechten Patrioten darf es keine höhere, verzückendere Aufgabe geben, als unserem Land zu dienen: Jeder Joint, jede schwule Heirat, jede sexuelle Ausschweifung ohne vorherige sakramental-katholische Absegnung, jeder Akt schmutziger sexueller Verirrung, jede Stimme für die PSOE oder die IU, jedes Straßenkonzert mit Bongo- und Dschembetrommeln, jede einer Läusebrigade geweihte Rastalocke, jedes subversive Spruchband auf der Straße, jeder Spanier, der sich weigert am Tag des Herrn zur Messe zu gehen, jede Tradition, die von der marxistischen Hydra mit Füßen getreten wird, jeder Neueintritt eines Spaniers in die Internationale Liga der Freimaurer, jede unzüchtig entblößte, öffentlich unter der Sonne unserer Strände ausliegende Brust, jedes pornografische Foto oder Video - kostet eine vergossene Träne für das Kind Jesu, einen Arbeitslosen mehr und eine weitere in den Ruin gestürzte Familie.

Vergessen wir nicht, erinnern wir uns: Gegen das Laster die Selbstbeherrschung! Gegen die Versuchung das Gebet! Gegen den außerehelichen Geschlechtsverkehr den Büßergürtel! Gegen Unreinheit und Wollust die Kasteiung! Ohne Gottesfurcht sind wir verdammt, als Vaterland wie als Zivilisation. Das dürfen wir nicht zulassen! Aufs neue wird Spanien sein Licht leuchten lassen vor dem Erlöser!"
In diesem Sinne: Frohen Feiertag!

*#pepinogate = Wortschöpfung von R@iner, so viel wie: Gurkenskandal

Donnerstag, 11. November 2010

Nicht mehr ganz knusper oder was?


Knusper knusper Knäuschen,
Ich bin ganz aus dem Häuschen.
Vom Supermarkt, da komm ich her,
Ich muss euch sagen, dort spinnen sie sehr.
Allüberall an den Schnäppchenrängen
Sah ich dämliche Schilder hängen;
Und droben aus dem Marketingchor
Sah mit großen Augen die Blödheit hervor.
Und wie ich so strolcht' durch den finsteren Gang,
Da rief's mich in saublödem Dummdeutsch an:
"Oh Kundin", rief es, "tiefst ist der Preis,
Aber nur noch zwei Tage, also kauf unsern Scheiß'!
Unsre Preise fangen zu knuspern an,
Glaub uns, wir sind dir zugetan!"
Ich glaubte es nicht, doch brauchte ich Semmeln
(dafür lässt die Kundin sich gerne verömmeln)
So knusprig von außen wie hohl von innen:
Die Brötchen, die Preise, die Märkte - sie spinnen.
Mein prekäres Jobhopping brachte es mit sich, dass ich heute nachmittag einer Horde hungriger Kinder die Mäuler zu stopfen hatte. Am Morgen empfahl mir Frau Übermop - von Haus aus eine zweibeinige Sonderangebots-Litfaßsäule - zu diesem Zweck den Gang zum Penny-Markt, "die haben diese Woche die Brötchen reduziert!" Also, nicht etwa das Brötchenkontingent reduziert (wäre ja noch schöner), sondern die Brötchenpreise, aber nur noch bis Ende der Woche. Passte. Ich zu Penny. Obwohl ich Penny hasse. Seit heute mittag habe ich einen Grund mehr, Penny zu hassen.

Warum? Weil die Brötchen bei denen diese Woche besonders "preisknusprig" sind. Doch, im Ernst. "Backfrisch und preisknusprig", stand da (wer's nicht glaubt, bitte, auf Seite 2). Preisknusprige Brötchen! An vieles hat man sich gewöhnt, an backfrisch, an ofenfrisch, an marktfrisch, an fangfrisch, an ernte- und pflückfrisch, sogar knusperfrisch lässt man mittlerweile über sich ergehen - aber preisknusprige Brötchen, musste das wirklich sein? Es musste.

Ich kaufte 30 preisknusprige Brötchen à 15 Cent und griff mir an den Kopf. Die Kids fanden die Semmeln "superlecker", weil "so schön knusprig". Als ich betonte, dass die Brötchen nicht nur schön knusprig, sondern auch schön preisknusprig seien, schauten sie mich komisch an, und einer der Kurzen sagte zu seinem Kumpel: "Ich glaub, jetzt hat sie einen an der Waffel." Anhaltendes kollektives Gegröle war die Folge. Das Wort preisknusprig machte die Runde. Preisknusprige Slogans wurden kreiert, passende Reime gefunden und hingebungsvoll gebrüllt ("Knisper, Knosper, Knusperpreise - Knusperpreise, die sind scheiße"). Wie Kinder halt so sind. Ich stellte mir eine Kinder-Demo durch den Penny-Markt vor, mit Sprechgesängen und rhythmischem Gehopse.
Knisper, Knosper.

Dienstag, 2. November 2010

Ohne Moos nix los


Manchmal, wenn es um Fragen von Zucht und Ordnung geht, geraten Frau Übermop und Mrs. Mop fürchterlich aneinander. Es fliegen dann die Fetzen.

via bookofjoe*

(Heißt, korrekt ins Deutsche übersetzt: Verarsch' dich nicht selber.)


*großklicken fürs Kleingedruckte

Samstag, 25. September 2010

Immer auf die dummen Dicken


Zur Zeit wird wieder mal die dickste aller dicken Säue durchs Dorf getrieben. Und alle machen begeistert mit bei der Treibjagd. Wer oder was wird gejagt? Mal wieder die Dicken. Die Übergewichtigen. Die Fettleibigen.

Was täten wir nur, wenn wir die vielen Dicken nicht hätten? Die sich so wunderbar in den volksfürsorglichen Klammergriff nehmen lassen? Dann müssten wir das Kind beim Namen nennen, denn es wird uns ja schon seit einigen Jahren eingebleut: Es ist die dicke, dumme, faule Unterschicht, die adipös aus dem Leim geht; die Dicken sind die, die zu dumm, pardon, zu bildungsfern sind, um sich vernünftig zu ernähren. Heute reicht es schon, öffentlich 'den Fettleibigen' ins volksgesundheitliche Gewissen zu reden, und jeder weiß, wer damit gemeint ist. Gelernt ist gelernt.

Viel Dummes ist seither über die dummen Dicken geschrieben worden; aber auch manch Kluges: Dummheit und Körperfett in Bezug zueinander zu setzen, sei eine Steilvorlage für Diskriminierung, so der Soziologe Friedrich Schorb vor knapp einem Jahr - und so ist es ja denn auch gekommen. "Dick" sagen reicht, "dumm" denkt sich jeder selbst dazu. Wer sich von der Unterschicht abgrenzen will, achtet auf sein Gewicht.

"Fette Tatsachen" lautet die heutige Schlagzeile, "Übergewicht wird zur Epidemie" hieß es gestern. Mir dagegen scheint, das sintflutartige Studienaufkommen zum Thema ist mittlerweile selbst zur Epidemie geworden. Auf sogenannte Studien folgt sogenannter Handlungsbedarf, auch das haben wir gelernt; also dürfte sich demnächst mal wieder epidemischer Aufklärungsaktivismus breitmachen, um den Übergewichtigen beizubiegen, dass man es doch nur gut mit ihnen meine und sie deshalb jetzt endlich ihren Lebenswandel ändern sollten, gefälligst, denn allmählich müssten sie es doch gemerkt haben, die Übergewichtigen, die Trinker, die Raucher, die Unsportlichen, die Extremsportler und all die anderen Risikogruppen, was für eine enorme volkswirtschaftliche Belastung sie darstellten. Die Gesundheitspolizei marschiert. Absurderweise meist in Gestalt von übergewichtigen Politikern. Warum muss ich gerade in diesem Augenblick an die Katholen denken?

Nein, ich verteidige weder exzessives Fressen noch Komasaufen. Was mir zunehmend mentales Sodbrennen verursacht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die verstaatlichte Inobhutnahme des persönlichen Lebenswandels betrieben wird. Ich habe schon Probleme damit, Politiker als Führungspersönlichkeiten ernst zu nehmen; auf der Predigerkanzel finde ich sie nur noch unerträglich. Es geht Politiker nichts an, wie ich lebe, weshalb sie weder die Pflicht noch das Recht haben, mir vorzuschreiben, wie ich zu leben habe.

Trotzdem führen sie sich auf wie überfürsorgliche Sozialarbeiter, die mir auf Biegen und Brechen die Risiken meiner Lebensführung abnehmen wollen. Habe ich sie darum gebeten? Nein. Warum maßen sie es sich dann an? Weil sie sich anmaßen, es gut mit mir zu meinen. Ihre Selbstanmaßung geht so weit, dass sie sich einbilden, ich würde sie wegen ihres alarmistischen Zugriffs auf die bedrohte Volksgesundheit schätzen oder gar wählen.

Übrigens verweist die aktuelle Studie auf eine weitere aktuelle Studie, in der nachgewiesen wird, dass die Dicken durch ihr sozialverträglich frühes Ableben unterm Strich die Renten- und Krankenkassen nicht etwa be-, sondern entlasten. Mehr noch:
"Die Versicherer halten es unterdessen sogar für möglich, dass die Zunahme der Fettleibigkeit eines Tages den Trend zur Langlebigkeit stoppen könnte."
Sind das nicht gute Nachrichten? Grund genug, den Dicken zu Lebzeiten eine fette Prämie auszuzahlen. Und sie ansonsten in Ruhe zu lassen.

Freitag, 10. September 2010

Im Schwitzkasten


Wie geht das schöne Sprichwort? Aus Dummheit wird man klug. Oder so ähnlich. Ist ja auch logisch, denn es kommt kein Mensch klug auf die Welt. Vor allem in den ersten Lebensjahren machen wir ziemlich viele Dummheiten, lernen daraus und werden immer klüger. Oder so ähnlich. Irgendwann sind wir groß und klug und machen keine Dummheiten mehr, außer manchmal, wenn wir Schnupfen haben.

Zeit, um vom Plural in den selbstkritischen Singular zu wechseln. Ich ging also gestern mit blühendem Schnupfen putzen und tat dies heute erneut, weil ich unfähig war zu lernen, dass ich mir nach dem gestrigen Arbeitstag keinen Gefallen tue, wenn ich heute noch einen draufsetze. Das nenne ich dumm. Denn während ich gestern früh einen ganz normalen Schnupfen hatte, bin ich jetzt krank. Jedenfalls fühle ich mich richtig krank statt bloß verschnupft.

Lernen hätte ich zum Beispiel können, dass die typischen Bewegungsabläufe beim Putzen - das ständige Bücken - sich fatal auswirken auf den Druck im eh schon brummenden Schädel; dass die in Reinigungsmitteln enthaltenen Chemikalien und Aromastoffe die eh schon gereizten Schleimhäute zu bösartiger Blüte bringen können; dass eingeatmeter Staub den eh schon kratzenden Hals nicht beruhigt, sondern aggressiv herausfordert; kurzum, dass Putzen bei Schnupfen nicht gesünder macht, sondern kränker.

Nach zwei Tagen habe ich es gelernt. Auf die harte Tour.

Wäre ich gestern zuhause geblieben, hätte ich zwar nichts verdient (mein Arbeitsverhältnis beinhaltet keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall), wäre jedoch durch einen Tag Bettruhe und Bravsein heute wieder frontbereit gewesen. Wieso blieb ich nicht zuhause? Weil ich einem eingefleischten Reflex gefolgt bin, der besagt: Kranksein darf nicht zu Arbeits-, sprich Verdienstausfall führen - der typische Reflex des Freiberuflers, der ich ja mein Leben lang war und bin. Ein harmloser Schnupfen? Ein kratzender Hals? Waren in meinem bisherigen Selbständigendasein nie ein Thema. Da ich sowieso meist von zuhause aus operierte, weil dort meine Basisstation war, machte ich in meinem Arbeitsstil einfach weiter, zwar hustend und schniefend, aber dabei die Freiheit genießend, stetig zwischen Bett, Badewanne und Schreibtisch zu pendeln und eben irgendwann Überstunden zu machen, wenn mein Gesamtzustand dies erlaubte. Alles in allem hat das ganz gut funktioniert.

Nur, eine Kneipe ist halt kein Home Office. Und ein Feudel ist kein Manuskript, das man zum Korrekturlesen auch mal mit ins Bett nehmen kann. Und eine Putzfrau, möge sie noch so freischaffend sein, kann nicht zwischen Küche und Keller mal eben ein heißes Bad zur Entspannung nehmen. Obendrein sollte sie es vermeiden, in gemütlich ausgefransten Jogginghosen, ungebügelten Schlabber-T-Shirts und XXL-Stricksocken durch die Gegend zu schlurfen, ganz zu schweigen von rotkarierten Pyjamahosen mit blauweiß gestreiften Pyjamaoberteilen. Zuhause kann einem all das egal sein, was erheblich zur allgemeinen Entspannung beiträgt und die Leistungsfähigkeit trotz Krankheit unterstützen kann.

Leider kam von Frau Übermop statt eines moralischen Beistandes die Bemerkung, sie habe, seit sie in diesem Restaurant arbeite, "noch nie krankgemacht". Meinen Einwand, hier ginge es nicht ums Krankmachen, sondern ums Kranksein, überging sie großzügig, indem sie fortfuhr, sie habe es sich nie leisten können "krankzumachen", weil ihr das Geldverdienen stets wichtiger gewesen sei. Was ich selbstverständlich nachvollziehen kann, sonst wäre ich ja nicht gestern und heute wie niesendes Falschgeld durch Küche und Keller getapert.

Empfindlich reagierte ich erst, als ich einen gewissen heroischen Stolz aus ihren Worten heraushörte. Ich finde, es ist das eine, trotz Krankheit arbeiten zu gehen, weil man das Geld braucht, und ein gänzlich anderes, sich damit zu brüsten. Mir war in dem Moment so, als würde mir ein geballtes Stück zutiefst verinnerlichter Leistungsideologie präsentiert, und ich nahm deutlich wahr, dass diese ideologisch unterfütterte Heldenpose meiner angeschlagenen Gesundheit überhaupt nicht zuträglich war. (Übrigens, der Gesundheit von Frau Übermop genauso wenig, deren gesundheitlicher, namentlich orthopädischer Gesamtzustand sich durchaus als chronisch angeschlagen bezeichnen lässt. Deshalb bin ich ihr ja vor anderthalb Jahren zur Seite gestellt worden.)

Heute mittag habe ich einen nicht geringen Teil des Geldes, was ich gestern und heute verdient habe, investiert in eine große Flasche Eukalyptusbad, eine Familienpackung Papiertaschentücher, Nasensalbe, Brustbalsam, Halstabletten, Erkältungstee, Inhalationskonzentrat sowie eine Wärmflasche mit Kuschelbezug. Bin im Drogeriemarkt an der Kasse Schlange gestanden, hatte dabei genügend Muße, über den tieferen Zusammenhang zwischen Geldverdienen, Geldausgeben und Dummheit zu sinnieren. Lasse mir gerade eine Badewanne mit Eukalyptus einlaufen, habe die Wärmflasche ins Bett gelegt, den Tee daneben gestellt und werde mich sogleich einer ausgiebigen Schwitz- und Schlafkur unterziehen.

Übers Wochenende wird sich das Leiden schon auskurieren lassen, damit ich am Montagmorgen wieder schön gesund bin und wieder schön Geld verdienen kann. Ich glaube, eine Kneippsche Spezialkur mit Doppelaufguss wäre nicht verkehrt: als erstes die Erkältung, danach die Dummheit ausschwitzen.

Donnerstag, 9. September 2010

Verschnupft


Eben von den DLF-Frühnachrichten wachgeworden. Dann den "Informationen am Morgen" gelauscht. Ich könnte keine einzige dieser Informationen inhaltlich wiedergeben, denn der Sprecher war so stockheiser gewesen, dass ich nur fasziniert der kieksend gebrochenen Stimme zuhörte, die klang wie ein verrostetes Beil. Bis zehn vor sechs kiekste er sich zum Gotterbarmen durch die Sendung, dann wurde er endlich - kommentarlos - von der gut geölten Stimme des Nachrichtensprechers abgelöst.

Der arme Kerl, dachte ich, wieso bleibt der nicht im Bett? Erst während ich meine Regenklamotten überziehe und den Rucksack packe, fällt mir auf, dass ich seit gestern von einem mittelheftigen Schnupfen geplagt werde, der sich heute früh in krachenden Niesexplosionen, Brummschädel und verstopften Atemwegen entlädt. Falsch - aufgefallen sind mir die Symptome natürlich, schließlich leide ich darunter; aber erst, als ich fix und fertig angezogen bin und mir noch ein Tässchen heiße Zitrone gönne, steigt mir aus dem dampfenden Gebräu die Frage entgegen: Wieso bleibst du eigentlich nicht im Bett?

Keine Zeit zum Beantworten der Frage. Noch ein paar Mal kräftig niesen, dann rauf aufs Rad. Es regnet. Ich niese. Ich schniefe. Im Hals kratzt es. Wieso bleibe ich eigentlich nicht im Bett? Vielleicht fällt mir unterwegs die Antwort ein.

Freitag, 13. August 2010

Fraktionszwang


Normalerweise bin ich nicht der Typ, der unter Schreibblockaden leidet, aber im Moment hat es mich voll erwischt. Stieren Blickes sitze ich vor dem Bildschirm und bekomme weder einen Fuß auf den Boden noch einen Satz zu Papier. Ich sollte über etwas Bestimmtes schreiben - jedoch, dauernd rutscht mir der Fokus aus dem, nun ja, Fokus eben. Zwar fallen mir tausend und eine messerscharf gewetzte Wendungen ein - allein, mir wurde messerscharf eingeschärft, dass die stumpfe Klinge das Mittel der Wahl und alles andere unerwünscht sei.

"Bitte, beleuchten Sie das Thema von allen Seiten, enthalten Sie sich subjektiver oder gar polemischer Zuspitzungen, bleiben Sie sachlich und ausgewogen, und sehen Sie zu, dass wir bis Montag einen wohltemperierten, gut lesbaren Text zu dem zugegebenermaßen nicht unheiklen Thema von Ihnen auf dem Tisch haben." So oder ähnlich hatte es geheißen, an jenem Abend, dem ein vermuffelter Nachmittag vorausgegangen und eine wüste spätabendliche Schimpferei gefolgt war.

Heute ist Freitag, und in drei Tagen ist Montag. Nackt und leer glotzt mich der Bildschirm an. Stumpf und lustlos glotze ich zurück. Ich habe keine Lust auf sachliche Ausgewogenheit, bin vielmehr unglaublich subjektiv drauf, stoße kleine polemische Pestwölkchen aus und wüsste nicht, wann ich jemals so unwohltemperiert gewesen wäre wie im Augenblick. Das muss sich ändern, denn heute ist Freitag, und in drei Tagen ist Montag.

Worum geht es? Bei aller gebotenen Diskretion, die mir dieses mein (im vorliegenden Zusammenhang nicht ganz unheikles) Blog auferlegt, nur so viel: Es geht um gesunde und ungesunde Ernährung, um fettleibige Erwachsene und übergewichtige Kinder, um Fastfood, um 'gutes' und 'böses' Essen sowie, platt gesagt, um gute und böse Menschen. Der allerletzte Punkt wurde von mir, sozusagen ad lib, freihändig ergänzt; meine zwischenzeitlichen Recherchen und sogenannten Expertengespräche haben mich dazu veranlasst. Schreiben werde ich zu diesem letzten Punkt natürlich nichts, sonst droht mir Honorarabzug, und wer will das in meiner nicht unheiklen finanziellen Situation schon riskieren.

Das Dumme ist jetzt nur, dass ich am liebsten sofort loslegen und etwas höchst subjektiv Gepfeffertes über gute und böse Menschen absondern möchte - werde dafür aber leider nicht bezahlt und tröste mich deshalb mit unbezahltem, dafür maulkorbfreiem Bloggen. Wahrscheinlich kommt am Ende dabei nichts über gute oder böse, sondern einfach nur dumme Menschen heraus. Mal sehen.

Die Frage, die mich umtreibt, ist eine ganz schlichte: Wieso wird mittlerweile derart hasserfüllt gesprochen über Menschen, die dem Fastfood zugetan sind? Man kann zu Fastfood stehen, wie man will, man kann es ablehnen, geißeln, kritisieren oder sich auch gelegentlich mal selbst gönnen, frei nach Gusto - aber woher kommt dieser ungezügelte Hass auf Menschen, die das schnelle Essen gewohnheitsmäßig konsumieren? Woher rührt dieses ungeniert hasserfüllte, manische, fast schon obsessive Abgrenzungsbedürfnis, wohlgemerkt nicht gegen Fastfood, sondern gegen die Leute, die es sich einverleiben? In einer aggressiven Weise, dass ich mich des Gefühles nicht erwehren kann, die Fastfood-Konsumenten sollten an den Pranger gestellt, wenn nicht zum Abschuss freigegeben werden?

In dem Zusammenhang fällt mir auf, dass der Bäh-Begriff Unterschicht von immer mehr Menschen schon gar nicht mehr in den Mund genommen wird; lieber wird geschmeidig von der 'Fastfood-Fraktion' gesprochen, und alle freuen sich, dass alle wissen, was gemeint ist, ohne dass sich einer mit jenem schmutzigen Wort die Finger schmutzig machen müsste.

So recht delikat wird das Gerede über das Geschmeiß - nichts anderes verbirgt sich hinter dem Gebrauch des Wortes Fastfood-Fraktion - aber dann, wenn die so Redenden sich selbst ungeniert dem Fastfood oder anderem ungesunden Fraß hingeben, dies jedoch in der gehobenen Preisklasse tun und sich somit jenseits von Gut und Böse - ich korrigiere: jenseits von Böse - wähnen. Es gibt nämlich - Genosse Trend lässt grüßen - ein wachsendes Segment von hochwertigem Fastfood für den anspruchsvollen Kundenkreis.

Zum Beispiel gibt es in den besseren Innenstadtlagen - dort, wohin sich kein billiger McDo verirrt - Nobelbräter mit organisch gewachsenen Hackbuletten zwischen handgemahlenen Dinkelschrotsemmeln, wo die Leute bis auf die Straße Schlange stehen, gerne bis zu einer geschlagenen Stunde, wozu hat man eine Mittagspause. Ist ja auch ein gutes Feeling, wenn andere Leute sehen können, dass man beim Nobelbräter außen ansteht, sich die Zeit dafür nimmt und das Geld dafür hat. Vermutlich darf, wer bereit ist, sich für ein Fastfood-Produkt so lange anzustellen, mit dem Edelwhopper in der Hand behaupten, das sei doch gar kein Fastfood, sondern, ja, was eigentlich? Vermutlich Slow Food.

Nicht zu bestreiten ist, dass dem derart veredelten und geadelten Schnell-Burger womöglich ein gewisser Gesundheitsbonus innewohnt, verglichen mit den preiswerteren Großen Macs des Klassenfeindes. Nur, Fastfood bleibt Fastfood, da helfen keine gesundheitsideologischen Verrenkungen.

Ähnliches gilt für die Star-Leckerlis von Starbucks, wo ein ordinärer Schoko-Cookie 2,50 Euro kostet, weil er angeblich nicht so ordinär ist wie ein Keks aus der Prinzenrolle, und wir wollen das ja auch gerne glauben, wo wir schon sonst an nichts mehr glauben, aber an irgendwas will man halt glauben. Nur, süß und schwer bleibt süß und schwer, und Dickmacher bleibt Dickmacher.

Ich selbst bin kein Starbuckskunde, komme aber öfters an den großen Glasscheibenfronten vorbei, die mir einen ungehinderten Blick auf solche Konsumenten erlauben, denen jeder Ernährungsexperte vom Verzehr der süßen Edel-Kalorienbomben dringend abraten würde - würde sich denn der Experte nicht ausschließlich mit billigen, sondern auch überteuerten Süßigkeiten sowie deren Klientel beschäftigen.

Da gibt es die handgerührte Deluxe-Eiscreme aus Demetermilch für 4,50 Euro die Kugel in den ausgeflipptesten Geschmacksrichtungen; auch sie besteht maßgeblich aus Fett und Zucker (mag es auch brauner, nicht raffinierter Vollrohrzucker sein), aber was soll's.

Gar nicht erst reden will ich von böser Schokolade, welche, aus handverlesenen Kakaobohnen im Fass gereift aus den Hochlanden Ecuadors stammend, im Handumdrehen von der zahlungskräftigen Kundschaft zu guter Schokolade umgepolt wird.

Die Auflistung von 'guten', weil kostspieligen Fastfood- oder ungesunden Produkten ließe sich beliebig fortsetzen. Aber leider drängt meine Zeit, denn eigentlich sollte ich, siehe oben, längst über anderes schreiben. Nur, jetzt mal ohne elitären Bluthochdruck und dinkel-veredelten Fressdünkel - Fastfood bleibt Fastfood, und ungesund bleibt ungesund, und fett bleibt fett, oder täusche ich mich da?

Und noch was: Doppelmoral bleibt Doppelmoral. Sie scheint sich in diesen Zeiten epidemisch zu verbreiten, und keiner findet etwas dabei. Fastfood, das sind immer nur die anderen. Die von der Fastfood-Fraktion eben. Das Messen mit zweierlei Maß droht zum Volkssport zu werden, sofern es erlaubt ist, die Edel-Fastfood-Fraktion zum Volk zu rechnen.


Der Rant musste raus. Ich musste erst mich meiner grüngelben Galle entledigen, bevor ich mich ans Werk mache, um mich sachlich, ausgewogen und wohltemperiert über das zugegebenermaßen nicht unheikle Thema auszulassen. In so eine Verfassung muss man sich ja erst mal bringen. Irgendwie muss ich meine Pestwölkchen sortiert kriegen, sonst sitze ich am Wochenende vor einem leeren Bildschirm und habe Gallensteine. Und kein Geld verdient. Und so weit lasse ich es nicht kommen, so viel steht fest.

Neben meinem Computer steht eine 1,5-Liter-PET-Wasserflasche mit dem Produktnamen 'Elitess' auf dem Etikett, aus dem Hause Lidl. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund kann ich mich über den Anblick genau in diesem Moment über alle Maßen amüsieren.


Nachbemerkung: Dies ist kein Post über Fast Food, ungesundes Essen und Übergewicht; dies ist ein Post über Dummheit, Hass und Doppelmoral.

Samstag, 24. Juli 2010

Botox für alle



Seit einer halben Stunde rolle ich nur noch mit den Augen. Ununterbrochen. Ich kann gar nicht mehr aufhören. Wenn das so weitergeht, fallen mir bald die Augen aus dem Kopf.

Gottseidank mache ich das in meinen eigenen vier Wänden, innerhalb derer ich bekanntlich tun und lassen kann, was ich will, obwohl, soo sicher bin ich mir da inzwischen nicht mehr. Denn was, wenn irgendwo eine heimlich installierte Orwell-Kamera hängt, sagen wir, schräg oberhalb meines Computers, und mich beim Augenrollen filmt? Dann würde möglicherweise demnächst die globale Tugendpolizei bei mir klingeln und mich vom Blog weg verhaften. Wegen ungebührlichen Augenrollens. Gesetzeswidrig, gnädige Frau, Sie verstehen? Schon klicken die Handschellen. Kein Scherz.

Wer jetzt ungläubig mit den Augen rollt, dem sage ich: zu früh gerollt. Der kann froh sein, dass er nicht in Elmhurst im Staate Illinois, Vereinigte Staaten von Amerika wohnt. Dort kann er sich nämlich das Augenrollen bald abschminken. Dort arbeiten nämlich die Stadtväter (können auch -mütter darunter sein) mit Feuereifer an einem Gesetz, welches öffentliches Augenrollen strafbar macht - man könnte ja irgendjemandem zu nahe treten damit.

Offenbar gibt es in Elmhurst, Illinois sensible (Kommunal-) Politikernaturen, die es über die Maßen kränkt, wenn ein zuhörender Bürger während einer öffentlichen Stadtratversammlung mit den Augen rollt (man liegt sicher nicht daneben mit der Vermutung, dass eine ganz normale Elmhurster Stadtratversammlung einem ganz normalen Elmhurster Bürger jede Menge Augenrollen ins Gesicht treiben kann). Deshalb soll die impertinente, den öffentlichen Frieden störende (doch, doch: "...to provoke a breach of the peace") Volksgewohnheit des Augenrollens unter Strafe gestellt werden, vulgo verboten.

Ja, das ist zum Augenrollen, ununterbrochen. Wo doch das Augenrollen eigentlich nur die sublimierte Reaktion auf irgend etwas Strunzdummes ist: Man enthält sich des verbalen Kraftausdruckes, will aber nicht den ganzen Frust unexpressiv runterschlucken und aktiviert darum gezielt die Augenringmuskulatur. Oder meinetwegen reflexiv. Bei mir passiert das Augenrollen quasi reflexhaft, weil kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht mindestens zehnmal genötigt sähe, mit den Augen zu rollen; manchmal ist es schlichte Notwehr. Wäre ich Elmhursterin, bekäme ich bestimmt lebenslänglich.

Aber okay, ich bin verhandlungsbereit: Ich zum Beispiel kann es partout nicht leiden, wenn jemand mit gewohnheitsmäßig nach unten gezogenen Mundwinkeln herumläuft; da vergeht mir alles, da fühle ich mich irgendwie, ja, doch, kann man so sagen - gekränkt. Also, wenn im Gegenzug die scheppen Mundwinkel geächtet und verboten werden, bin ich gerne bereit, mit dem Augenrollen aufzuhören. Ob mir das gelingen wird, ist eine andere Sache.

Aber selbst wenn ich wieder delinquent werden sollte, wäre das auch keine schlechte Perspektive, schließlich wanderten dann die anderen ebenfalls in den Knast. Also die, die das mit den Mundwinkeln nicht lassen können. Sind ja doch eine ganze Menge, nicht wahr, besonders an politprominenter Stelle. Und dann würden wir eben alle gemeinsam einsitzen - Gespräche auf Augenhöhe waren noch nie verkehrt.

Obwohl, ich käme wahrscheinlich aus dem Augenrollen überhaupt nicht mehr raus. Wobei noch nicht geklärt ist, ob Augenrollen hinter Gefängnismauern überhaupt strafbar ist. Ein Knastaufenthalt ist ja in dem Sinn nichts Öffentliches, trotz permanenter Videoüberwachung. Mir kann das dann egal sein, denn bis ich meine Höchststrafe abgebrummt haben werde, ist eh alles vorbei, und wenn ich nicht gestorben bin, dann rolle ich noch heute mit den Augen.



Donnerstag, 24. Juni 2010

Noch bei Trost?



Man sollte doch öfter mal eine gedruckte Zeitung zur Hand nehmen, statt sich immer nur für lau online zu informieren. Das kostet zwar Geld, bietet dafür jedoch handfesten Mehrwert: Man kann sich dann nämlich von der Klugheit der dahintersteckenden Köpfe ein gedrucktes Bild machen. Und sei es in Gestalt einer Anzeige, die gestern in der FAZ erschien.

"50 % Trost-Rabatt für alle Ghanaer" steht im Kleingedruckten.
"Dieses Niveau ist so unterirdisch, dafür würde sich keine Klowand hergeben", heißt es in den Kommentaren.
Klar so weit.

Zur Strafe sollte man die famose Autoverleihfirma mit ihren flotten Anzeigenfuzzis am Samstag (Ghana-Amerika) in einen ghanaischen Biergarten schicken. Dort müssen sie den ganzen Abend Table Dance machen, und zwar original afrikanischen Diski Dance.
Und die FAZ muss drüber schreiben. Eine Doppelseite mit Fotos vom Schauplatz. Wenn schon Klowand, dann richtig.

Sonntag, 1. November 2009

Von allen guten Geistern verlassen


Soso. Der Vatikan hat also was gegen das gottlose Treiben der Jugend an Halloween. Das macht mich zwar nicht zur glühenden Halloween-Verehrerin, lässt mich aber deutlich milder auf die lieben Kleinen blicken, wenn die sich zu Bonbonabstaubzwecken blicken lassen.

Egal, ob sie Harry-Potter-Hüte tragen oder schwarze Gummimasken.
Vatican warns parents that Halloween is 'anti-Christian',
heißt die Schlagzeile. Halloween ist - so sieht es der Papst - des Teufels. Keinesfalls dürften Eltern ihren Kindern erlauben, sich als Gespenster, Skelette oder ähnliche Nachtschattengewächse zu verkleiden. Es handle sich um 'ein heidnisches Feiern von Terror, Furcht und Tod', sei in Wahrheit okkultistisch unterwandert, daher ganz und gar unchristlich. Also böse, auf gut deutsch. Daraus folgt die vatikanische Verhaltensempfehlung an die Eltern: Diese sollten die Bedeutung von Halloween bitte 'uminterpretieren in Richtung Gesundheit und Schönheit, weg von Terror, Furcht und Tod'.

Mach dich locker, Heiliger Vater. Es geht ums Verkleiden und Süßigkeiten abräumen, um sonst nichts. Den bösen Rest hast du dir ausgedacht. Ich dagegen denke mir folgende Schlagzeile aus:
Eltern warnen Vatikan: Das sexuelle Missbrauchen unserer Kinder ist unchristlich.
Wetten, dass alle von Priestern missbrauchten Kinder sehr genau wissen, wie sich Terror, Furcht und Todesangst anfühlen? Denen würde ein Priesterrock garantiert mehr Angst einjagen als ein Draculakostüm.
Apropos Kostüme. Hat der Vatikan das Recht aufs Kostümieren gepachtet? Bemerkenswert an dem päpstlichen Verdikt ist ja nicht zuletzt, dass es von lauter alten Männern vorgetragen wird, die sich das ganze Jahr pompös verkleiden. Ihren Schäfchen gönnen sie dieses Vergnügen nicht einmal für einen einzigen Tag.

Macht weiter, Kinder. Soll der Papst doch boxen. Gern auch im Kettenhemd.