Normalerweise bin ich nicht der Typ, der unter Schreibblockaden leidet, aber im Moment hat es mich voll erwischt. Stieren Blickes sitze ich vor dem Bildschirm und bekomme weder einen Fuß auf den Boden noch einen Satz zu Papier. Ich sollte über etwas Bestimmtes schreiben - jedoch, dauernd rutscht mir der Fokus aus dem, nun ja, Fokus eben. Zwar fallen mir tausend und eine messerscharf gewetzte Wendungen ein - allein, mir wurde messerscharf eingeschärft, dass die stumpfe Klinge das Mittel der Wahl und alles andere unerwünscht sei.
"Bitte, beleuchten Sie das Thema von allen Seiten, enthalten Sie sich subjektiver oder gar polemischer Zuspitzungen, bleiben Sie sachlich und ausgewogen, und sehen Sie zu, dass wir bis Montag einen wohltemperierten, gut lesbaren Text zu dem zugegebenermaßen nicht unheiklen Thema von Ihnen auf dem Tisch haben." So oder ähnlich hatte es geheißen, an
jenem Abend, dem ein vermuffelter Nachmittag vorausgegangen und eine wüste spätabendliche Schimpferei gefolgt war.
Heute ist Freitag, und in drei Tagen ist Montag. Nackt und leer glotzt mich der Bildschirm an. Stumpf und lustlos glotze ich zurück. Ich habe keine Lust auf sachliche Ausgewogenheit, bin vielmehr unglaublich subjektiv drauf, stoße kleine polemische Pestwölkchen aus und wüsste nicht, wann ich jemals so unwohltemperiert gewesen wäre wie im Augenblick. Das muss sich ändern, denn heute ist Freitag, und in drei Tagen ist Montag.
Worum geht es? Bei aller gebotenen Diskretion, die mir dieses mein (im vorliegenden Zusammenhang nicht ganz unheikles) Blog auferlegt, nur so viel: Es geht um gesunde und ungesunde Ernährung, um fettleibige Erwachsene und übergewichtige Kinder, um Fastfood, um 'gutes' und 'böses' Essen sowie, platt gesagt, um gute und böse Menschen. Der allerletzte Punkt wurde von mir, sozusagen ad lib, freihändig ergänzt; meine zwischenzeitlichen Recherchen und sogenannten Expertengespräche haben mich dazu veranlasst. Schreiben werde ich zu diesem letzten Punkt natürlich nichts, sonst droht mir Honorarabzug, und wer will das in meiner nicht unheiklen finanziellen Situation schon riskieren.
Das Dumme ist jetzt nur, dass ich am liebsten sofort loslegen und etwas höchst subjektiv Gepfeffertes über gute und böse Menschen absondern möchte - werde dafür aber leider nicht bezahlt und tröste mich deshalb mit unbezahltem, dafür maulkorbfreiem Bloggen. Wahrscheinlich kommt am Ende dabei nichts über gute oder böse, sondern einfach nur dumme Menschen heraus. Mal sehen.
Die Frage, die mich umtreibt, ist eine ganz schlichte: Wieso wird mittlerweile derart hasserfüllt gesprochen über Menschen, die dem Fastfood zugetan sind? Man kann zu Fastfood stehen, wie man will, man kann es ablehnen, geißeln, kritisieren oder sich auch gelegentlich mal selbst gönnen, frei nach Gusto - aber woher kommt dieser ungezügelte Hass auf Menschen, die das schnelle Essen gewohnheitsmäßig konsumieren? Woher rührt dieses ungeniert hasserfüllte, manische, fast schon obsessive Abgrenzungsbedürfnis, wohlgemerkt nicht gegen Fastfood, sondern gegen die Leute, die es sich einverleiben? In einer aggressiven Weise, dass ich mich des Gefühles nicht erwehren kann, die Fastfood-Konsumenten sollten an den Pranger gestellt, wenn nicht zum Abschuss freigegeben werden?
In dem Zusammenhang fällt mir auf, dass der Bäh-Begriff Unterschicht von immer mehr Menschen schon gar nicht mehr in den Mund genommen wird; lieber wird geschmeidig von der 'Fastfood-Fraktion' gesprochen, und alle freuen sich, dass alle wissen, was gemeint ist, ohne dass sich einer mit jenem schmutzigen Wort die Finger schmutzig machen müsste.
So recht delikat wird das Gerede über das Geschmeiß - nichts anderes verbirgt sich hinter dem Gebrauch des Wortes Fastfood-Fraktion - aber dann, wenn die so Redenden sich selbst ungeniert dem Fastfood oder anderem ungesunden Fraß hingeben, dies jedoch in der gehobenen Preisklasse tun und sich somit jenseits von Gut und Böse - ich korrigiere: jenseits von Böse - wähnen. Es gibt nämlich - Genosse Trend lässt grüßen - ein wachsendes Segment von hochwertigem Fastfood für den anspruchsvollen Kundenkreis.
Zum Beispiel gibt es in den besseren Innenstadtlagen - dort, wohin sich kein billiger McDo verirrt - Nobelbräter mit organisch gewachsenen Hackbuletten zwischen handgemahlenen Dinkelschrotsemmeln, wo die Leute bis auf die Straße Schlange stehen, gerne bis zu einer geschlagenen Stunde, wozu hat man eine Mittagspause. Ist ja auch ein gutes Feeling, wenn andere Leute sehen können, dass man beim Nobelbräter außen ansteht, sich die Zeit dafür nimmt und das Geld dafür hat. Vermutlich darf, wer bereit ist, sich für ein Fastfood-Produkt so lange anzustellen, mit dem Edelwhopper in der Hand behaupten, das sei doch gar kein Fastfood, sondern, ja, was eigentlich? Vermutlich Slow Food.
Nicht zu bestreiten ist, dass dem derart veredelten und geadelten Schnell-Burger womöglich ein gewisser Gesundheitsbonus innewohnt, verglichen mit den preiswerteren Großen Macs des Klassenfeindes. Nur, Fastfood bleibt Fastfood, da helfen keine gesundheitsideologischen Verrenkungen.
Ähnliches gilt für die Star-Leckerlis von Starbucks, wo ein ordinärer Schoko-Cookie 2,50 Euro kostet, weil er angeblich nicht so ordinär ist wie ein Keks aus der Prinzenrolle, und wir wollen das ja auch gerne glauben, wo wir schon sonst an nichts mehr glauben, aber an irgendwas will man halt glauben. Nur, süß und schwer bleibt süß und schwer, und Dickmacher bleibt Dickmacher.
Ich selbst bin kein Starbuckskunde, komme aber öfters an den großen Glasscheibenfronten vorbei, die mir einen ungehinderten Blick auf solche Konsumenten erlauben, denen jeder Ernährungsexperte vom Verzehr der süßen Edel-Kalorienbomben dringend abraten würde - würde sich denn der Experte nicht ausschließlich mit billigen, sondern auch überteuerten Süßigkeiten sowie deren Klientel beschäftigen.
Da gibt es die handgerührte Deluxe-Eiscreme aus Demetermilch für 4,50 Euro die Kugel in den ausgeflipptesten Geschmacksrichtungen; auch sie besteht maßgeblich aus Fett und Zucker (mag es auch brauner, nicht raffinierter Vollrohrzucker sein), aber was soll's.
Gar nicht erst reden will ich von böser Schokolade, welche, aus handverlesenen Kakaobohnen im Fass gereift aus den Hochlanden Ecuadors stammend, im Handumdrehen von der zahlungskräftigen Kundschaft zu guter Schokolade umgepolt wird.
Die Auflistung von 'guten', weil kostspieligen Fastfood- oder ungesunden Produkten ließe sich beliebig fortsetzen. Aber leider drängt meine Zeit, denn eigentlich sollte ich, siehe oben, längst über anderes schreiben. Nur, jetzt mal ohne elitären Bluthochdruck und dinkel-veredelten Fressdünkel - Fastfood bleibt Fastfood, und ungesund bleibt ungesund, und fett bleibt fett, oder täusche ich mich da?
Und noch was: Doppelmoral bleibt Doppelmoral. Sie scheint sich in diesen Zeiten epidemisch zu verbreiten, und keiner findet etwas dabei. Fastfood, das sind immer nur die anderen. Die von der Fastfood-Fraktion eben. Das Messen mit zweierlei Maß droht zum Volkssport zu werden, sofern es erlaubt ist, die Edel-Fastfood-Fraktion zum Volk zu rechnen.
Der Rant musste raus. Ich musste erst mich meiner grüngelben Galle entledigen, bevor ich mich ans Werk mache, um mich sachlich, ausgewogen und wohltemperiert über das zugegebenermaßen nicht unheikle Thema auszulassen. In so eine Verfassung muss man sich ja erst mal bringen. Irgendwie muss ich meine Pestwölkchen sortiert kriegen, sonst sitze ich am Wochenende vor einem leeren Bildschirm und habe Gallensteine. Und kein Geld verdient. Und so weit lasse ich es nicht kommen, so viel steht fest.
Neben meinem Computer steht eine 1,5-Liter-PET-Wasserflasche mit dem Produktnamen 'Elitess' auf dem Etikett, aus dem Hause Lidl. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund kann ich mich über den Anblick genau in diesem Moment über alle Maßen amüsieren.
Nachbemerkung: Dies ist kein Post über Fast Food, ungesundes Essen und Übergewicht; dies ist ein Post über Dummheit, Hass und Doppelmoral.