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Mittwoch, 10. Juli 2013

Urlaub im reichsten Land der Welt


Sind Sie deutsch? Dann sind Sie urlaubsreif.

Weil, um diese Jahreszeit sind die meisten Deutschen urlaubsreif. Ist so eine Art Naturgesetz. Um diese Jahreszeit kommt man mit den meisten Deutschen am lockersten ins Gespräch, wenn man das Thema Urlaub anschneidet. Ah, Urlaub! Endlich fort von hier! Abschalten, ausspannen, Seele baumeln und fünf grade sein lassen. Nur, wohin mit der baumelsüchtigen deutschen Seele? Natürlich erst mal ins Reisebüro. Angebote vergleichen. Und, ganz wichtig, Preise vergleichen. Man will ja was kriegen für sein hart verdientes Geld. Also erst mal gucken: Wo wird was geboten?

Wie, Katalog? Ach, hörnsedochauf. Kein Bock auf stundenlang Rumblättern. Ist ja alles kostbare Zeit, die von den kostbarsten Wochen des Jahres, Sie wissen schon, abgeht. Hamsenich so was Pauschales, irgend so ein rundum-sorglos-Dingens, also, so ein Urlaubsziel, irgendwo im Süden Europas, einfach hinjetten und es sich gut gehen lassen, so wie früher halt, wissen Sie, wie damals, vor dieser Scheißkrise, die einem alle Urlaubspläne vermiesen kann, weil, verstehen Sie, wir wollen einfach nur Urlaub machen und sonst nix, und Krise und der ganze Scheiß, nee, echt, kein Bock, weil, wir haben jetzt Urlaub und deshalb wollen wir Urlaub und basta. Also, wohin?

Klaus Suttmann via Radio Kreta

Hey, cool, ja genau, so haben wir uns das vorgestellt, so wie früher halt. Arm, aber trotzdem glücklich, und immer gut im Improvisieren, diese Griechen, einfach klasse.

Hamse vielleicht noch so ein bisschen Hintergrundliteratur zu Griechenland, wissen Sie, so für Bildung und so, weil, man will ja nicht völlig unbeleckt dort einfallen, man will ja vorher bisschen was lesen, was einen so erwartet? Ah, Sie haben da schon so eine Art Dossier vorbereitet, sehr gut, zeigensemalher.

Ach du lieber Gott ... Selbstmordrate, HIV-Neuinfektionen, verhungernde Kinder ... gehnsebloßweg, also, so genau wollten wir es eigentlich nicht wissen. Weil, das mit der Armut, wie gesagt, ist ja schön und gut, aber dass die sich deshalb gleich umbringen oder verhungern? Oder dauernd in Mülltonnen nach was Essbarem suchen, also, so viel Armut will man ja im Urlaub nicht unbedingt mitansehen müssen, weil, ist ja schließlich unser Urlaub, und da wollen wir es schön haben, wenn Sie verstehen.

Hey, washamsedennda? Ist ja voll cool! Die sind ja gar nicht so arm, wie sie immer tun! Was für ein phantastischer Werbeslogan! Von wem stammt der, sagten Sie? Vom griechischen Ministerium für Tourismus?
Greece: The richest place in the world
Hey, das rockt. Eins der ärmsten Länder Europas, das sich als das reichste Land der Welt verkauft - das hat Biss, das hat Schmiss, da fahren wir hin! Die verlieren kein Wort über die Scheißkrise, die Arbeitslosigkeit, die Selbstmordrate, die Obdachlosigkeit, den Hunger und die ganze Verzweiflung - nee, die denken positiv:
"Lasst uns unsere beste Identität zeigen. Die Marke, der Name 'Griechenland' ist allmächtig. Sie durchsteht jede Krise."
Wissen Sie, um ehrlich zu sein, eigentlich wollten wir letztes Jahr schon nach Griechenland, aber irgendwie ging uns da die Muffe, weil die ja nur noch am Randalieren waren auf der Straße, bitte, da kein doch kein Mensch sich erholen, da vergeht einem ja jeder Gedanke an Urlaub:
Während der Präsentation gab sie (Olga Kefaloyianni, die griechische Tourismusministerin) sich optimistisch und sagte, dies werde ein gutes Jahr für Griechenland nach einem enttäuschenden Jahr 2012, in dem die Touristen scharenweise wegblieben wegen ständiger Medienberichte über Streiks, Proteste und Aufstände gegen Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und gestrichenen Renten.
Ein gutes Jahr für Griechenland, keine Streiks, keine Proteste, keine Krawalle! Nix wie hin! Sangsemal - nur zu unserer Sicherheit -, kann man sich da wirklich drauf verlassen, was diese Frau Olga behauptet? Dass dieses Jahr endlich Ruhe ist in Griechenland, damit wir in Ruhe Urlaub machen können? Wie, Sie können das dokumentieren?
Ein Unternehmen zur Herstellung und Lieferung von Panzerwesten für Militärpersonal und Polizeikräfte hat einen Deal in Höhe von mehr als 1,2 Millionen britischen Pfund eingeheimst, um die griechische Polizei auszurüsten.
Der kaufmännische Leiter von VestGuard, Oliver Lincoln, zeigte sich "absolut begeistert" über die Auftragsabwicklung mit der griechischen Polizei, zu einem Zeitpunkt, wo diese Ausrüstung wirklich zu Buche schlagen wird in dem Land.
Isjavollderwahnsinn, Mensch. Ichsachmalso, also, sooo arm können die ja nicht sein, wenn sie eben mal locker 1,2 Mille Pfund abdrücken können für schussichere Westen und so Zeugs für ihre Polizei, na egal, jedenfalls sind wir dann ja voll auf der sicheren Seite. Was sagen die, "zu einem Zeitpunkt, wo diese Ausrüstung wirklich zu Buche schlagen wird in dem Land"? Damit meinen die doch hoffentlich, dass im Jahr 2013 die griechische Polizei so aufgestellt sein wird, dass das auch garantiert, ähm, zu Buche schlägt? Ja? Sicher?

Okay. Griechenland ist gebucht. Nix wie hin.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Demokratie muss weg


Also, ich finde es immer sehr erleichternd, wenn irgendwo Klartext gesprochen wird, so richtig ungeschminkt und ohne Maulkorb. So, dass man auf Anhieb weiß, wo man dran ist. So, dass wenig Raum bleibt für endloses Hin-und-her-Interpretieren und ewiges Herumdeuteln, wie dies oder jenes wohl gemeint war, und warum jenes oder dies so gesagt wurde, obwohl es doch ganz anders gemeint war, und ob es sich nicht eventuell um ein Missverständnis handeln könnte und überhaupt.

Doch, ich mag das richtig gern, wenn einer ohne Umschweife zur Sache kommt und freiheraus sagt, was Sache ist. Befreiend finde ich das, irgendwie. Nachgerade entlastend. Weil es mich von all den Grübeleien entlastet, ob ich jetzt spinne oder ob der spinnt oder die spinnt oder ob alle spinnen oder welcher sprachkünstlerisch wertvolle PR-Spin jetzt gerade wieder gedrechselt wird, nur um mir das Gefühl zu geben, dass ich spinne.

Nur, wer tut mir heutzutage noch diesen Gefallen? Irgendein Politiker? Mir fällt keiner ein. Geht ja auch gar nicht. Weil - wie heißt es immer? - Politiker seien ja derart eingebunden in Sachzwänge und Interessensvertretungen und wahlkampftaktische Winkelzüge, dass von dieser Seite kein kommunikativer Befreiungsschlag zu erwarten ist. Von welcher Seite dann?


Von der richtigen Seite natürlich. Von jener Seite, die visionär in die Zukunft schaut, die plant und lenkt, die weiß, wie alles zu laufen hat, damit alles so nach Plan läuft, wie es laufen soll und nichts aus dem Ruder läuft. Die sich auf einem guten Weg sieht, lägen dort nicht noch ein paar Stolpersteine herum, welche jedoch, da ist man sich sicher, von der richtigen Seite mit den richtigen Maßnahmen effizient aus dem Weg geräumt werden können.

Ein finanzkapitalistischer Global Player packt endlich aus. Nennt die Dinge beherzt beim Namen. So frank und frei, so unverblümt unmissverständlich, dass keine Fragen offen bleiben. Es ist nämlich so:

Demokratische Verfassungen, die irgendwann einmal entworfen wurden, um einem Wiederaufleben des Faschismus entgegenzuwirken, stehen dem Großbauprojekt der austeritären Komplettsanierung hinderlich im Weg. Müssen weg. Her mit der Abrissbirne.
Noch hat die politische Reform kaum begonnen.
Zu Anfang der Krise wurde allgemein davon ausgegangen, dass nationale Altlastenprobleme ökonomischer Natur seien. Jedoch wurde mit zunehmender Entfaltung der Krise offensichtlich, dass es in der Peripherie (i.e. den europäischen Krisenländern) tief verwurzelte Probleme gibt, die aus unserer Sicht abgeschafft gehören, wenn die EMU (European Monetary Union) langfristig ordentlich funktionieren soll. Die politischen System der Peripherie wurden in einer Zeit beendigter Diktaturen etabliert und waren von dieser Erfahrung (der diktatorischen Regimes) definiert. Verfassungen tendierten dazu, unter starkem sozialdemokratischen Einfluss zu stehen, was die politische Stärke reflektierte, die linksgerichtete Parteien nach dem Sieg über den Faschismus gewannen. Politische Systeme in der Peripherie tragen typischerweise die folgenden Merkmale: schwache Führungskräfte; schwache Zentralregierungen im Verhältnis zu den Regionen; verfassungsmäßig geschützte Arbeitsrechte; auf Konsens gestützte Systeme, die politischen Klientilismus begünstigen; sowie das Recht auf Protest, falls am politischen Status quo unwillkommene Veränderungen vorgenommen werden.
Habe ich zu viel versprochen? Banker-Mund (in dem Fall J.P. Morgan) tut Wahrheit kund. All das in Verfassungen niedergelegte demokratische Kleingerümpel im Interesse der Bevölkerung - also des zu vernachlässigenden Pöbels - gehört zügig entrümpelt. Wie, es gibt ein von der Verfassung garantiertes Recht auf Protest, gar auf Widerstand? Muss weg. Wird man ja wohl noch sagen dürfen. Ganz offen. Und ganz unmissverständlich. Damit es auch alle verstehen.

Habe ich das jetzt richtig verstanden? Schon, oder? War schließlich unmissverständlicher Klartext: Verfassungen, die geschaffen wurden, um ein Wiederaufleben des Faschismus zu verhindern, gelten dem Finanzkapital als irgendwie veraltet, unzeitgemäß, nicht in sein modernes stromlinienförmiges Schema passend, hinderlich, überflüssig. Alles alte Zöpfe, alle abschneiden, und zwar zügig, bitte. Denn alles, was diese steinzeitlichen Relikte aus post-faschistischen Epochen darstellen, sind Hindernisse, sind Stolpersteine, sind Reibungsverluste, sind lästig auf dem Weg in den - tja, wie nennt man das jetzt? - Faschismus. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Krise als Chance


Äh ... sorry, uns ist da ein bedauerlicher Lapsus unterlaufen, tut uns leid, aber kann ja mal passieren, weil, wir sind auch nur Menschen.
Der IMF (International Monetary Fund) gab zu, ihm seien beträchtliche Fehler unterlaufen.
Nicht bloß Fehler, nein, sogar beträchtliche Fehler sind uns da unterlaufen, tut uns echt leid, doch, ehrlich, müsst ihr uns jetzt einfach glauben. Irren ist aber menschlich, nicht wahr, und man kann sich ja mal vertun, also, was heißt vertun, wir haben uns halt verschätzt, also, was heißt verschätzt, irgendwie haben wir unterschätzt, was für verheerende Folgen unsere Maßnahmen nach sich ziehen könnten, um genau zu sein, wir haben den Schaden sogar schwer unterschätzt.
Der IMF sagte, er habe den Schaden schwer unterschätzt, den seine Austeritätsmaßnahmen der griechischen Wirtschaft zufügen würden.
Tja, sorry, wir haben das einfach nicht geschnallt.
Der IMF gab zu, er habe daneben gelegen und den Schaden nicht erkannt.
Ein Lapsus, wie schon gesagt. Bisschen ausgerutscht, und drum lagen wir eben daneben. Blöd gelaufen. Nur, wer konnte damit schon rechnen? Wir doch nicht.
Der Wirtschaft widerfuhr eine Rezession, die weitaus tiefgreifender war als von uns erwartet, mit einer außergewöhnlich hohen Arbeitslosigkeit.
Konnten wir ja nicht ahnen, das mit der hohen Arbeitslosigkeit! Woher auch? Wo wir eh genug Probleme hatten, uns überhaupt zusammenzuraufen, bitte, wir sind ja auch bloß Menschen -
Er (der IMF) fand heraus, dass er zu kämpfen hatte, um sich zu einem Team zu vereinheitlichen ...
- und ohne Teamarbeit läuft ja bekanntlich nix, also kann man uns das auch nicht wirklich zum Vorwurf machen, das mit dem Lapsus und der Arbeitslosigkeit und so, und außerdem war bei uns für speziell dieses Thema gar keiner zuständig -
... und dass es keinen klar definierten Zuständigkeitsstab für Arbeit ("division of labour") gegeben hatte.
- wozu auch, schließlich fanden wir es völlig ausreichend, diesen aufsässigen südeuropäischen Ländern ein klar definiertes neoliberales Austeritätsprogramm aufzuzwingen, eben damit die Arbeitslosigkeit nach oben schnellt und die Löhne nach unten, und die Leidtragenden, bitte, das sind ja auch bloß Menschen, und die haben uns noch nie interessiert, also, was soll jetzt das Gemeckere, ist halt nun mal so gelaufen und eigentlich - mal so unter uns - gar nicht sooo schlecht gelaufen, oder? Jedenfalls für uns nicht, und nur darauf kommt es uns an.

Und jetzt, wo alles so schön planmäßig aus dem Ruder gelaufen ist mit der Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit, sind wir natürlich schwer betroffen und sagen das auch ganz betroffen, dass wir sehr betroffen sind vor lauter Betroffenheit:
Die Krise und die Rezession haben schreckliche Konsequenzen gehabt für Griechenland hinsichtlich der Arbeitslosigkeit und haben der Gesellschaft ernsthaften Stress verursacht, wo inzwischen extreme Parteien immer mehr Zuspruch finden.
Na ja, sieht fast so aus, als hätten wir die wachsende Unterstützung einer Neonazi-Partei kräftig geschürt, aber das war keinesfalls Bestandteil unseres Programmes, so viel können wir beschwören, oder vielleicht auch nicht oder vielleicht doch, egal, wir sagen, es tut uns leid und gut ist.

Ach ja, und das mit der Jugend tut uns natürlich auch fürchterlich leid, also die schrecklich hohe Jugendarbeitslosigkeit, aber bitte, wer konnte das ahnen? Wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne, da muss man durch, auch die Jugend muss da durch, 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, was ist das schon? Da ist noch ein weiter Weg bis 100 Prozent, da muss sie durch, die Jugend, so was dauert halt seine Zeit. Wie lange das dauert? Ja, woher sollen wir das denn wissen, wo wir uns doch grade so schwer verschätzt haben, also, dazu geben wir jetzt vorsichtshalber lieber keine Prognosen ab, das überlassen wir lieber anderen:
"Europa und Europas Jugend haben ihre beste Zeit noch vor sich."
Ha! Hat er das nicht großartig formuliert? Der nimmt uns das Wort aus dem Mund, der Mann, auf den ist Verlass, der quasselt nicht lange herum, der nennt die Dinge so, wie sie sind:
"Es funktioniert gut", sagte Finanzminister Schäuble zur Lage in Südeuropa.
Also, besser hätten wir das auch nicht sagen können. Ganz im Ernst.

Samstag, 27. April 2013

Unter Geiern


Heute basteln wir uns eine aktuelle Schlagzeile. Zum Beispiel so:
Deutschland auf dem Vormarsch
Klingt schon mal gut. Aber zu unspezifisch. Vielleicht eher so:
Deutschland startet Feldzug in den Süden
Schon besser. Obwohl, Feldzug und Deutschland, kommt vielleicht nicht so gut. Dann halt so:
Deutschland startet Feldzug ohne Blutvergießen
Klingt schon viel sympathischer. Jedenfalls das mit dem ohne Blut. Nur, Feldzug, das hat halt schon so ein Gschmäckle. Vor allem bei denen da unten im Süden. Dann schreien die alle gleich wieder, und der Herr Schäuble muss sich wieder furchtbar aufregen. Wo es doch Deutschland bloß gut meint. Mit denen da unten. Im Süden Europas. Undankbares Pack. Aber gut. Wie wär's mit
Deutschland schickt Hilfstrupp in Krisenländer Südeuropas?
Gottogott, bloß nicht, das glaubt doch keine Sau mehr, das mit der Hilfe, auch nicht mit Fragezeichen. Überhaupt, was heißt schon "Deutschland"? Wer ist Deutschland?
Deutsche Unternehmer stehen Krisenländern bei
Könnte man so stehen lassen. Klingt nur einen Tick zu altruistisch - bitte, wo leben wir denn, wenn nicht im Kapitalismus? Da muss doch niemand sich seines gesunden Eigeninteresses schämen, Deutschland schon gar nicht und deutsche Unternehmer erst recht nicht. Also, immer raus mit der Sprache:
Deutsches Unternehmertum wittert Morgenluft 
Na bitte, geht doch. Klingt positiv, klingt nach Aufbruch in neue Zeiten, klingt irgendwie dynamisch. Hat aber noch nicht das Zeug zur perfekten Schlagzeile, denn es fehlt das Wo und Warum und das ganze Drumrum. Weil, man will ja wissen, worum es geht.

Ach was. Wir nehmen jetzt einfach die Original-Schlagzeile:
Deutsche Firmen nehmen Investment in krisengeschüttelten Ländern ins Visier
So, geschafft, jetzt ist es raus, und wir müssen mit dem Rest nicht hinterm Berg halten:
Deutsche Unternehmen richten ihren Blick auf Südeuropa, denn Befürchtungen eines Auseinanderbrechens der Eurozone klingen ab, und die Wirtschaftsreformen verwandeln die krisengeschüttelte Region in einen attraktiven Standort, um erneut zu investieren.
Wie, attraktiv? Ja sicher, wirtschaftlicher Niedergang plus galoppierende Arbeitslosigkeit macht in der Summe: attraktiv. Verführerisch. Nachgerade aufreizend.
Was Südeuropa so reizvoll macht, sind die Vorteile, die aus jenen strengen Austeritätsmaßnahmen und Reformen erwachsen, auf die die Politiker der Eurozone, allen voran Deutschland, gedrängt haben als Gegenleistung für finanzielle Bailouts.
Reformen, welche? Na, diese:
... die Arbeitsmarktreformen, zu deren Implementierung die Bailout-Länder gezwungen wurden - das 'Hire-and-Fire'-Prinzip zu erleichtern und die Lohnkosten zu senken - ...
- also das, was die Rezession vertieft und die Depression verschlimmert und die Suizidraten erhöht und die Verzweiflung gesteigert und die Krise fest etabliert hat, all das ist unterm Strich: attraktiv. Fürs deutsche Unternehmertum, Abteilung Mittelstand:
"Für finanziell gut aufgestellte deutsche Mittelstandsfirmen entpuppt sich die Krise als günstige Gelegenheit."
Heißt: In Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland können marode Firmen vergleichbarer Größenordnung zu Schnäppchenpreisen aufgekauft werden. Da heißt es zugreifen, bevor andere es tun:
"Da ist Bewegung in diesen Ländern. Worauf sollen wir noch warten? Darauf, dass alle anderen das ebenfalls mitkriegen? Wir wollen mit von der Partie sein, wenn sich etwas bewegt, und wir wollen mitspielen dabei."
Also, bloß nichts anbrennen lassen -
"In vielen dieser Länder herrschen fürchterliche wirtschaftliche Strukturen, vom deutschen Standpunkt aus gesehen. Im Moment stellen wir fest, dass der Zusammenbruch dieser Strukturen für uns in diesen Ländern Chancen eröffnet."
- sondern zuschlagen:
"Spanien gerät zurück in den Fokus, insbesondere vor dem Hintergrund fallender Lohnstückkosten ..."
- sowie, selbstredend, vor dem Hintergrund rasant steigender Arbeitslosigkeit.

Da geht noch was, in diesen Ländern, da geht noch ganz viel für unternehmerisch versierte deutsche Spähpanzer, ähm, Spürnasen. Ganz ohne Blutvergießen. Aber mit viel Gewinnaussichten.

Keine Ahnung, wieso mich beim Lesen des Artikels dauernd der tierische Assoziationsbereich streifte. Typisch Hyänen, dachte ich, aasfressende Raubtiere, stürzen sich wie wild auf alles, was dem Untergang geweiht ist. Es gibt eine Hyänengattung, die fällt blutrünstig sogar über noch zuckende, lebende Organismen her, um das frische Fleisch nach Herzenslust auszuweiden. Alle Hyänensorten sind bekannt für ihren besonders fein ausgebildeten Geruchssinn; sie riechen von weitem, wo es etwas zu fressen gibt. Charakteristisch an Hyänen sind ihre markanten, an Gelächter erinnernden Laute, um ihren Artgenossen mitzuteilen, dass sie Witterung aufgenommen haben.

Es heißt, das Wesen von Hyänen stehe - übertragen auf die menschliche Gattung - für Gefräßigkeit, Gier und ungehemmten Egoismus ohne jegliche Skrupel. Das ist aber falsch. Es steht
schlicht und einfach für Kapitalismus.

Samstag, 30. März 2013

Wenn der Kapitalismus eiert


Es wurde zwar bereits alles gesagt zu dem heurigen trostlosen Osterwetter, aber eben noch nicht von allen. Drum empfehle ich wärmstens, statt sich verfrorene Finger beim aushäusigen Ostereiersuchen zu holen, einen Blick in dieses samstagsmorgendliche Nest, bei dem einem allerwärmstens ums Herz wird.

Best Easter egg ever:


Link zum Video gefunden bei Naked Capitalism

"Der Kapitalismus löst niemals seine Krisenprobleme, 
vielmehr karrt er sie um den ganzen Globus herum."

Montag, 25. März 2013

Essensausgabe beim Friedensnobelpreisträger


In letzter Minute wurde 
in Brüssel
während eines
nächtlichen Verhandlungsmarathons 
das Frühstückshilfspaket 
der Zyprioten 
gerettet.


Freitag, 22. März 2013

Sozialverträgliche Kapitalverkehrskontrolle


Guten Morgen und Willkommen in der Schönen Neuen Welt.
Zyperns Bürger sollen nach dem Willen der EZB für eine längere Zeit nur einen begrenzten Betrag an Bargeld an Geldautomaten abheben können.
Nach dem Willen der Europäischen Zentralbank. Wie, ist die EZB neuerdings die Europäische Zentralregierung?
Zusätzlich sei im Gespräch, die Spareinlagen vollständig einzufrieren und Überweisungen nur mit einer vorherigen Genehmigung der nationalen Zentralbank zu erlauben.
Nur mit einer vorherigen Genehmigung der nationalen Zentralbank.
Ah ja.
Die EZB werde dafür sorgen, dass die Kapitalverkehrskontrollen "sozialverträglich" ausgestaltet würden. 
Sozialverträglich! Dafür wird die Europäische Zentralbankregierung sorgen! Aufatmen, Leute!
Jeder Bürger werde das zum Leben notwendige Geld erhalten, hieß es.
Es sei, hieß es, an alles gedacht worden, von Geld- bis Lebensmittel-Rationierungen. Wie hoch die Summe des für jeden Bürger zum Leben notwendigen und daher zugestandenen Geldes sei, war nicht zu erfahren. Vorerst muss der Hinweis genügen, dass seit heute der europäische Lebensstandard in (vorerst nur) Zypern von der Europäischen Zentralbankregierung definiert wird.
Dazu gehörten auch die Auszahlung von Renten und anderen Sozialleistungen.
Es seien jedoch, hieß es, bereits Überlegungen im Gange, wie sich genau an dieser Stelle am sensibelsten der Rotstift ansetzen lasse, um die Sozialverträglichkeit von Kapitalverkehrskontrollen zu gewährleisten und zu optimieren.

Frohgemut sollst du deinen Tag beginnen.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Hosen runter


Wie, dir wurde das letzte Hemd bereits ausgezogen? Ist dem Austeritätswahn doch egal. Dann geht er dir halt an die Unterwäsche.

Generalstreik in Kalamata, Griechenland:


"Wollt ihr uns die auch noch ausziehen?"

Freitag, 15. Februar 2013

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser


Uff, geschafft! Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland hat die 60-Prozentmarke geknackt. Mit rekordverdächtigen 61,7 Prozent! Aber da geht bestimmt noch was:
... angesichts der nachhaltigen Rezession, die laut den vorläufigen Daten der ELSTAT das griechische BIP im letzten Quartal 2012 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum 2011 um weitere 6 % schrumpfen ließ, kann dieser neue Höchststand der Arbeitslosigkeit jedoch keinesfalls als das "Ende der Fahnenstange" bezeichnet werden.
Doch, da geht noch was. Wäre ja gelacht. Mindestens 38,2 Prozent gehen da noch. "Wir" sind nämlich auf einem guten Weg. "Wir" sind Leute vom Schlage eines Olli Rehn, Vizepräsident der Europäischen Kommission. Der Mann mit dem putzigen Vornamen lehnte eine Neuverhandlung der griechischen Austeritäts-Zwangsjacke ab, nachdem der Zwangsjackenspzialist IMF offiziell eingestanden hatte, die verordnete Zwangsjacke falsch kalkuliert, weil mit den falschen fiskalischen Multiplikatoren berechnet zu haben.


Neuverhandlungen, nur weil der IMF mit seinem Rechenschieber ins fiskalische Klo gegriffen und ein Land, eine Gesellschaft, eine Bevölkerung in den Abgrund getrieben hat? Wäre ja gelacht, kann Olli Rehn dazu nur sagen. Weil, so ein popliger Rechenfehler kann schließlich jedem mal unterlaufen, das muss doch nicht gleich auf die Goldwaage gelegt werden, nicht wahr?

Rechenfehler? Yanis Varoufakis sieht das anders. Der griechische Ökonom - sonst ein Musterbeispiel an Diplomatie und höflichem Umgangston selbst auf kontroversem Volkswirte-Parkett - verlor die Contenance und fuhr bemerkenswert aus der Haut:
"Dieser Fehler wurde vorsätzlich begangen. Das war kein buchhaltungstechnischer Irrtum des IMF, das war eine politische Entscheidung. Sie haben die Ökonomen gezwungen zu lügen. Dieser unbedarfte, feige Unterknecht will den Irrtum nicht eingestehen, denn andernfalls wäre ein sofortiger riesiger Schuldenschnitt in Griechenland fällig."
Unterknecht ("understrapper"), starker Tobak, wie ist das gemeint?
So ist das gemeint:
"Als ein drittklassiger Unterknecht nimmt er (Rehn) seine Befehle entgegen und ist verpflichtet, den Fehler des IMF zu leugnen. Und er leugnet ihn."
Zum Leugnen gehört zu behaupten, dass "wir" auf einem guten Weg seien. Also, die Griechen. Na ja, so ein Wort wie "die Griechen" würde ein hartgesottener Unterknecht niemals in den Mund nehmen; denn seit wann spielen in den Berechnungen eines Unterknechtes solche Faktoren wie "die Menschen" eine Rolle?


Olli Rehn zieht den inflationären Gebrauch des Begriffes "Vertrauen" vor und wird dafür von Leonidas Chrysanthopoulos aufgespießt und mit deutlichen Worten auf den Grill gelegt.

In einem offenen Brief an den Unterknecht, hm, Vizepräsidenten der Europäischen Kommission geißelt Chrysanthopoulos diesen wegen seines konsequent menschen-vernachlässigenden Brüsseler Technokraten-Kauderwelsch:
"In Ihrem Brief an die ECOFIN erwähnen sie häufig das Wort Vertrauen, Rückkehr des Vertrauens, Aushöhlung des Vertrauens, Unterstützung von Vertrauen etc. Ja, aber wessen Vertrauen? Die EU hat das Vertrauen der Menschen verloren. Das Vertrauen der Märkte bleibt erhalten? Kein einziges Mal wird das Wort "Menschen" erwähnt. Alles, was Sie erwähnen, sind prozentuale Anteile am Bruttoinlandsprodukt, aber wir sind keine prozentualen Anteile am Bruttoinlandsprodukt, wir sind Menschen."
Mit "Menschen", von Mitmenschen ganz zu schweigen, stehen Unterknechte professionell auf dem Kriegsfuß.


Die griechische Unterknechts-Regierung macht dies fast täglich aufs neue unmissverständlich klar. Ihr neuester Coup:
Zensur in Griechenland: Die "verbotene" Nachricht
Seit einigen Tagen ist es in Griechenland gegen Androhung von Strafe verboten, im Fernsehen Bilder von verwahrlosten Bürgern zu zeigen. Der Medienaufsicht gemäß sollen es die Sender unterlassen, die Krisenfolgen anhand personifizierter Beispiele zu präsentieren. Dass dadurch für Medienkonsumenten ein real nicht existierendes Paralleluniversum, in dem lediglich die Parolen der Regierung vom angeblich nahenden Wirtschaftswachstum geschaffen wird, scheint dem Rundfunkrat nicht nur egal zu sein, sondern das dürfte eher beabsichtigt sein.
Aus den Augen, aus dem Sinn. Über das explosionsartig grassierende menschliche Elend im öffentlichen Raum Griechenlands wurde ein Bilderverbot verhängt - eine, in der typischen Denke eines Unterknechtes, vermutlich "vertrauens"bildende Maßnahme. Der griechische Fotograf, von dem die hier gezeigten Bilder menschlichen Elends stammen, möchte lieber namentlich nicht genannt werden, "aus Angst, dass ihm etwas passieren könnte". So viel Vertrauen war selten.


Sonntag, 10. Februar 2013

Hinterm Horizont die Pizza


Mit dem Multitasking ist das so eine Sache. Nämlich keine. Die praktisch veranlagten Schwaben haben dies bereits vor langer Zeit erkannt:
I ka it Kraut hacka, scheißa ond gleichzeitig em Pfarrer d'Hand gäba. 
Äba drom erweist es sich als völlig sinnlos, wenn ich mir einbilde, parallel zum Pizzabacken im Internet ein bisschen kreuz und quer zu lesen würde meinen Horizont erweitern. Gut, die Pizza backt von allein, da lässt sich nebenher ein bisschen was für den Horizont tun, aber halt nur ein bisschen, nämlich genau so lange, bis der Horizont beim Lesen sich zu verdüstern und es aus dem Backofen komisch zu riechen beginnt.

Dieser Punkt ist erreicht, wenn die Pizzabeauftragte - minutenlang und ungläubig staunend - jene Erkenntnis zur Kenntnis nimmt, die ein sogenannter "Sonderbeauftragter der SPD für Griechenland" den krisengeschüttelten Griechen ans Herz legt, um ihnen mit wärmsten Empfehlungen den Weg aus der wirtschaftlichen Patsche zu weisen:
"Ihr müsst Maßnahmen für klarere Strukturen ergreifen. Die Gewerkschaften in Deutschland wirkten mit, als es nötig wurde, dass Reformen und Opfer erfolgen. Das fehlt in Griechenland."
Das hat gerade noch gefehlt: deutsches Erfolgsrezept, das siebenhundertdreiundachzigste, bereit zum Export. Da staunt der Grieche und die Pizza wölbt sich. Die Nasenflügel beben, der Magen knurrt und verlangt nach klaren Strukturen, und wieder mal bestätigt sich der kluge Aphorismus, wonach eine nur leicht verkohlte Pizza im Bauch besser ist als ein schwer horizontales Brett vor dem Kopf der SPD.

Mangiare. Kommen essen. Aber pronto.


Samstag, 9. Februar 2013

Geh' zum Doktor


Alle Jahre wieder schleudert es mich in die musikalische Vollkrise. Nämlich dann, wenn der saisonale Stumpfsinn sein hässliches Haupt erhebt, wenn Geschichte und Gegenwart mich lehren, dass in Deutschlands Straßen und Herzen nichts so fett rüberkommt wie ein inbrünstig mitgeklatschter Marschrhythmus und alle Hände anfangen, in kollektiver Begeisterung stramm zu marschieren, als gäbe es kein Morgen und ein Gestern gab es sowieso nie.

Dann ergreift eine durch und durch unpatriotische Übellaunigkeit von mir Besitz - 'fremd im eigenen Land' umschreibt meinen desolaten Zustand nur notdürftig -, die mich zwingt, geschlossene Räume aufzusuchen, Türen und Fenster zu verrammeln und, gierig wie ein Junkie auf Entzug, nach einer Alternativdröhnung beseelter Stimmungsmusik zu lechzen, die die Füße endlich zum Lächeln statt zum Stampfen bringt.

Vermutlich bin ich, irgendwie, entartet.

Dr. John feiert Mardi Gras mit Iko Iko.
Gimme some soul, brother.



Donnerstag, 24. Januar 2013

Vermummungsgebot


Tja, dumm gelaufen. Irgendwie. Mitunter ist es halt kein Zuckerschlecken, Mitglied der herrschenden Klasse zu sein, jedenfalls nicht überall. Zum Beispiel in Athen. Dort darf sich derzeit keiner einbilden, er würde automatisch zum Sympthieträger beim gemeinen Volk, bloß weil er so gekleidet durch die Gegend rennt:

***
- denn es könnte sich ja um ein Exemplar jener zahlreichen Troika-Platzhirsche handeln, die durch die griechische Hauptstadt promenieren, um das Land Austerität und Mores zu lehren - im universal-bürokratischen Business-Habit. 

Und weil, erstens, diese Spezies sich beim Durchschnittsgriechen nicht allzu großer Beliebtheit erfreut und sich, zweitens, Bombenanschläge auf Troika-freundliche Institutionen in Athen häufen, musste dringend etwas getan werden - zum Schutze der gefährdeten Troika-Gehilfen. Also jener Antipathieträger, die sich herzlich wenig um den Schutz der Überlebensinteressen des durch Austeritätsreglementierung gefährdeten Durchschnittsgriechen scheren.

Neueste Anweisung von ganz oben (Hauptsitz Brüssel): Ab sofort wird Tarnkleidung angelegt! Ab sofort rennt keiner von euch mehr im verdachterregenden globalen Business-Outfit durch Athen! Ab sofort kehrt ihr eure missliebige Identität unter den Teppich und betreibt verdeckte Ermittlungen! 
Wie? So:
Tragt schäbige Klamotten, vermeidet teure Krawatten und Manschettenknöpfe. Sollten eure Haare auffällig getönt sein, tragt lieber Kappen oder Filzhüte.
Banggg! Was für ein herber Schlag gegen den Berufsstolz jener Euro-Handelsreisenden, die es bis zur mittleren Managementebene der oberen Klasse geschafft haben; jener Ebene, auf der bekanntlich Kleider Leute machen, der Designerschlips den erfolgreichen Status signalisiert und die blinkenden Manschettenknöpfe das aufgepumpte Ego liebkosen. 

Das soll jetzt alles eingemottet werden? Und das stromlinienförmige Ego - Gott erbarme sich seiner! - sich schäbig einkleiden auf gammeligen Flohmärkten und in ärmlichen Second-Hand-Läden? Filzhut auf die Fönfrisur? Schäbiger Schlabberlook als Täuschungsmanöver? Arme-Leute-Camouflage im Dienste der Austeritätsdiktates? 

Tja, dumm gelaufen, irgendwie. Harte Zeiten für harte Troika-Jungs. Da müsst ihr durch, und wenn euch die Steine reihenweise aus der Krone und die Manschettenknöpfe in die Gosse fallen. 

Ansonsten wünsche ich aus tiefstem solidarischem Herzen jedem verarmten Griechen in abgetragenen Klamotten, dass er künftig nicht unfreiwillig Opfer des Brüsseler Etikettenschwindels und mit einem Undercover-Troikaner verwechselt werden möge. Die bürgerkriegsähnlichen Folgen wären unabsehbar.


*** Bildquelle: 
Die sehr empfehlenswerte Website ECONOMY, "an exhibition project that aims to generate constructive public discussion on how the economy impacts upon life. It addresses issues that range from migration, labour, sexuality and the crisis of democracy to the quest for alternative futures."
via anticap

Montag, 31. Dezember 2012

Am Schuldentresen


Ein Bier, bitte.
Für mich eine Flasche Champagner.
Wer arm ist, ist selber schuld.
Weiß doch jeder.
... der darf nicht wählerisch sein.
War schon immer so.
Und wem das Wasser bis zum Hals steht, darf erst recht nicht wählerisch sein.
Auch nichts Neues.
... der muss halt in der Brühe schwimmen, die ihm andere eingebrockt haben.
Ja klar, Eigenverantwortung übernehmen, was denn sonst.
Und wenn er dabei absäuft?
Selber schuld. Hat ihn ja keiner gezwungen, sich zu verschulden.
Und wenn er arbeitslos geworden ist?
Auch selber schuld. Schließlich gibt es ja Jobs.
Echt? Wo?
Überall. Liegen doch auf der Straße, die Jobs. Er darf halt nicht wählerisch sein. Ach übrigens, hab' ich grad in einer neuen Studie gelesen:
"Wem das Wasser bis zum Hals steht ('underwater homeowners'), der akzeptiert bereitwillig signifikant niedrigere Löhne."
Klingt wie Schuldknechtschaft.
Ach was, wir leben doch nicht mehr im Feudalismus.
Sondern?
Na ja, im Finanzkapitalismus halt.
Wo liegt der Unterschied?
Darin, dass der arme Schlucker glaubt, da wäre ein Unterschied.
Also doch Schuldknechtschaft?
Klingt irgendwie nicht nett, das Wort.
Klingt Abzocke netter?
Was heißt Abzocke, es gab da halt so 'ne Kreditblase und dann hat's den Markt gecrasht und jetzt ist er halt der Dumme, der arme Schlucker,
... und muss für einen Hungerlohn arbeiten gehen?
Tja, was soll man machen? Selber schuld.
Wer? Die Finanzkapitalisten?
Nö, die armen Schlucker. Weil, die Finanzkapitalisten brauchen nun mal niedrigere Löhne, für ihr Wachstum, da dürfen sie in der Wahl der Mittel nicht wählerisch sein.
Klingt nach von langer Hand geplanter Abzocke.
Aha. Klingt jetzt sehr verschwörungstheoretisch.
Wer steckt eigentlich hinter dieser neuen Studie?
Die wurde von der Finanzindustrie in Auftrag gegeben.
Aha. Klingt jetzt sehr verschwörungspraktisch.
Dummes Zeug.
Ach übrigens, hab' ich grad gelesen: 
"You've got to learn to think like an asshole to really see what to worry about."
Unglaublich. Wer wagt es, solche gehässigen Sprüche rauszuhauen?
Eine gewitzte amerikanische Bloggerin namens Mathbabe. Die ist Mathematikerin mit einschlägiger Berufserfahrung in der Finanzindustrie, Abteilung Hedge Fonds. Bis sie es dort nicht mehr ausgehalten hat.
Und dort hat die solch dummes Zeug gelernt?
Nö, sie sagt, dort habe sie gelernt, wie ein Arschloch zu denken.
Unglaublich!
Aber wahr. Prost.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Rettungskräfte


Was wurde 2012 nicht alles gerettet! Allem voran natürlich der Euro, dicht gefolgt von der Eurozone, Europa im allgemeinen und Griechenland im besonderen. Von Bankenrettungen ganz zu schweigen. Schweigen wollen wir auch von all dem, was diesen Rettungen zuliebe rettungslos über Bord geschmissen wurde (Arbeitsplätze, Arbeitsrecht, Minimallöhne, Renten, Sozialsysteme, und, und, und). Ufert ja sonst aus.

Nun neigt sich das Jahr zu Ende, und man könnte es eigentlich gut sein lassen mit der ganzen Retterei, weil, 2013 geht's in die nächste Runde, wo voraussichtlich jeder nur noch seinen eigenen Arsch retten wollen werden wird. Jedoch - irgendwie haben die Retter sich an ihre bescheuerte Rettungsrhetorik so sehr gewöhnt, dass sie kurz vor Torschluss noch eine delikate Kapriole oben drauf legen müssen:
"Weihnachten wurde gerettet!"
Huch. Hatte es nicht immer geheißen, dass ab Weihnachten der rettende Erlöser höchstpersönlich unterwegs sei? Wieso in drei Teufels Namen musste jetzt der Retter gerettet werden? Antwort, ganz einfach: Wenn einer dieser neuzeitlichen Retter von Rettung spricht, meint er in aller Regel seine eigene Kohle, und mit Weihnachten meint er: seinen Weihnachtsumsatz, sprich also: "Mein Weihnachtsumsatz wurde gerettet!" Gerettet vor was? Vor dem befürchteten Absturz. Gerettet von wem?
"Weihnachten wurde gerettet von der festlichen Stimmung."
Haben das jetzt alle? Nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: Erst drohten die Weihnachtsumsätze fürchterlich den Bach runter zu gehen, wurden dann aber, quasi in einem last-minute-Coup, von der weihnachtlichen Kaufstimmung gerettet. Klingt wie ein saisonaler Notarzteinsatz, oder? Uff, seufzt der Einzelhandel, hörbar erleichtert, da haben wir grade nochmal die Kurve gekriegt, und wem verdanken wir die umsatzrettende Notmaßnahme? Jetzt bitte anschnallen, dann weiterlesen: der Krise!
"Je tiefer wir in die Krise geraten, desto mehr gibt es Momente wie diesen, wenn die Leute zu sich selbst sagen: Scheiße, einfach mal loslassen."
Ohne Scheiß, genau das hat er gesagt, zwar nicht "Scheiße", sondern "merde", weil es ein französischer Einzelhändler war, das aber im Originalton. Immerhin wissen wir jetzt, was unter festlicher Stimmung zu verstehen ist, nämlich "Scheiße, einfach mal loslassen", nämlich sich in weihnachtlich-entspannter Vorfreude von der krisenbedingt knappen Knete zu emanzipieren.

Früher wurde dieses Phänomen Konsumdruck genannt, heute sagt man halt "festliche Stimmung"; wem da nicht warm ums Herz und - scheiß' drauf - leer im Geldbeutel wird, der ist nicht mehr zu retten.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Neues aus der Heilanstalt


Die selbsternannten Rettungssanitäter kriegen den Hals nicht voll. Nachdem das Geschäft mit der sogenannten Rettung der Eurozone vorbildlich nach Plan läuft, muss jetzt eine neue siegreiche Rhetorik her; eine Rhetorik, die die Lichtgestalt des Retters adelt zum Halbgott in Weiß, zum Heiler, ach was, zum Heiland, wo der doch demnächst geboren ward und, rein saisonal gesehen, einer Heiligsprechung der Heilsbringer nichts mehr im Wege steht.
Seit dem Sommer haben sich die Spannungen in der Eurozone merklich gelöst.
- ließ die Europäische Zentralbank vor zwei Tagen verlauten und notierte
... eine Reihe von Indikatoren, dass die Eurozone beginne zu heilen.
Eurozone, o Haupt voll Blut und Wunden, endlich wirst du wieder gesund! Geheilt von was? Von all den Blessuren, die dir zugefügt wurden. Geheilt von wem? Na, von denen, die dir die Blessuren zugefügt, dich hernach gerettet und nunmehr geheilt haben. Weil, in der Heilanstalt Europas kommt alles aus einer Hand, das nennt man effizientes Therapieren.

Noch sei der Patient allerdings in kritischer Verfassung, hieß es auf der Pressekonferenz des Europäischen Kurpfuscherverbandes: Bei der letzten Chefvisite habe man gewisse "Schwächesyndrome" verdoktert. Schwächesyndrome? Womöglich ein dezentes Eingeständnis ärztlicher Kunstfehler? I wo. Die größte Schwachstelle im Heilungsprozess, laut Diagnose der Chefbanker im weißen Kittel, seien
"... die fallenden Profite der Banken"
- aber ansonsten sei die Fieberkurve an der europäischen Reha-Front erfreulich am Sinken und die wirtschaftliche Genesung im Steilanstieg, abzulesen an der jüngst gestiegenen Export- und Wettbewerbsfähigkeit Spaniens und Italiens, die sich den gefallenen Lohnkosten verdanke; ein laut EZB klar "positiver" Befund, auch wenn diese Verbesserung des Gesundheitszustandes
... ihren schweren Preis habe, nämlich hohe Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen: "Diese Anpassung hat einiges gekostet, aber wenigstens können wir sagen, die Anpassung hat stattgefunden."
- womit der EZB-Vizechefkittel Constancio die alte hippokratische Weisheit zum Ausdruck brachte, dass die heilende Rosskur ("Anpassung") ohne Schmerzen nicht zu haben und fallende Löhne nun mal leichter zu verschmerzen sind als fallende Bankprofite und, summa summarum, die Operation erst dann als gelungen betrachtet werden könne, wenn der Patient tot sei. Vorher, so der Heilkundler von EZBs Gnaden, sei es fahrlässig, von vollständiger Heilung zu sprechen.

Unterdessen hat ein anderer Heilkundiger gerade dem Krankenbett Griechenland einen Besuch abgestattet, also jenem Patienten der europäischen Heilanstalt, dessen Heilung bekanntlich am weitesten fortgeschritten ist. Der Besucher, immerhin ein hartgesottener Traumatherapeut aus Deutschland, steht immer noch unter Schock, nennt das,
... was da gerade unter unser aller Augen geschieht, eine "gigantische Verdrängungsleistung". Besonders der Abwehrmechanismus der Politiker funktioniere hervorragend.
- und fragt sich,
"... wieviel diese Gesellschaft noch aushalten kann, bevor sie explodiert."
Alles halb so wild, kontern die EZB-Spindoktoren: Solange sich die Spannungen in der Eurozone merklich lösen, halten wir an unserer gigantischen Verdrängungleistung fest, können noch viel mehr Verdrängung aushalten, bevor irgendeine Gesellschaft explodiert und wünschen allen Patienten auf der europäischen Intensivstation:


Gute Besserung und ein frohes Fest!

Dienstag, 27. November 2012

Messages from Greece



A message from Greece:

Männer und Frauen ohne Job, ohne Einkommen, ohne Zuhause. Eine Supermarktkarre zum Transport der Überreste einer ehemals annehmbaren Bleibe: ein paar in Tüten gestopfte Klamotten, ein paar Decken, ein Schlafsack. Ein Camping-Gaskocher, ein Topf und ein Löffel. Und ein Dach aus Plastik zum Schutz gegen Novemberregen und -kälte. 
In einem öffentlichen Park, irgendwo in Griechenland. Im Griechenland des Jahres 2012, dem dritten Jahr der Troika-Rettung, der Kreditvereinbarungen und der Austeritätsgesetzgebung: 'Camper' durch Gesetzeskraft. 
A message from Greece:
Verdoppelung der Tafel-Gäste in Griechenland innerhalb der letzten zwei Jahre:
100-prozentiger Anstieg der Personen, die bei Tafeln Zuflucht suchen
A message from Greece:
Schock in Athen: Menschen suchen nach Essen in Mülltonnen
Verrottetes Gemüse, angeknackste Eier, abgelaufene Milchprodukte, alte Brotlaibe...eine Handvoll irgend etwas Essbares. Menschen, die sich noch nicht einmal einen Laib Brot für 80 Cent leisten können. Szenen einer Gesellschaft, die in verzweifelte Armut abstürzt (Video). Szenen, die sich in immer mehr Vororten der griechischen Hauptstadt abspielen.
"Bitte hängt Lebensmittel und Brot außerhalb der Mülltonne hin"
(Gefunden an einer Mülltonne in Kallithea, 
einem Mittelschichtsvorort im Süden Athens)
Ich habe mich schon einige Male gewundert, wieso die Leute Plastiktüten mit altem Brot an die Mülltonnen meiner Nachbarschaft hängen, und ob es tatsächlich Menschen in unserem Mittelschichtsumfeld gibt, die das alte Brot mit nach Hause nehmen. Dann kam dieses Bild und hat meine Frage beantwortet. In Griechenland im Jahr 2012, im Griechenland der Europäischen Union und der Eurozone.
A message from Greece:
Griechenland in der Krise - dramatischer Anstieg von Suiziden: 
3.124 Menschen in den Jahren 2009 bis 2012
Das entspricht einem Suizidanstieg von 37 Prozent zwischen 2009 und 2011.
2009: 677
2010: 830
2011: 927
2012: 690 bis zum 23. August
A message from Greece:
Was tun?
Wir müssen uns auflehnen, wir müssen etwas tun, denn sie werden uns alle arm machen. Schluss, aus fertig. Die Menschen haben Hunger.
Und wie?
Es gibt kein 'Wie'. Wenn wir über das 'Wie' zu lange nachdenken, sind wir erledigt.
Was tun?
Alles besetzen. Alles dichtmachen. Aber nicht für ein paar Tage, sondern länger als einen Monat.
Was tun?
Schwierige Frage. Irgendwie ist diese Art von Protest ermüdend geworden und außerdem unzureichend. Was soll ich sagen? Wenn der Minister ankündigt, dass die Streikenden tun, was sie zu tun haben, dann tun wir das, was wir zu tun haben. Ich glaube, wir müssen anfangen zu besetzen, um die Menschen zu mobilisieren, denn die meisten von ihnen sind müde geworden.
Und wie soll das praktisch geschehen?
Praktisch? Das will ich nicht aussprechen ...
Doch, sagen Sie es!
Im Grunde mit Gewalt, aber nicht im Sinne von losziehen und Leute töten. Ich weiß nicht, ob ...
Was tun?
Nichts, was heißt: was tun ...
Nichts?
Aufstand. Aufstand des Volkes, losziehen und all die Politiker abschlachten.
(Video 'A message from Greece' via From the Greek Streets
A message from Greece:


A message from Greece:
Wir müssen uns mit den Menschen organisieren, um dieses Regime zu stürzen.
Wir sollten uns nicht stark machen für Wahlen für ein Parlament, das zu einem Feigenblatt eines grausamen Regimes verkommen ist, das seine Menschen vernichtet und das Land ausverkauft. Wenn wir so weitermachen mit der Verfahrensweise der Parlamentswahlen wie beim letzten Mal, dann legalisieren wir de facto alle Gesetze, die den Verantwortlichen und Kollaborateuren an dieser nationalen Tragödie Asyl gewähren. Wir legalisieren die "internationalen Verpflichtungen" des Landes und die Praktiken und Ziele unserer Gläubiger (derzeit eine Opferung der ganzen Bevölkerung, internationale Stigmatisierung der Griechen, offene Erpressung, Verhängung eines Besatzungsregimes usw.). Diese Vorgehensweise ist nach den Grundsätzen der internationalen Rechtsordnung als kriminelle Handlung gegen die griechische Bevölkerung einzustufen. Sie verletzt die grundlegenden Menschenrechte und ist als solche von den internationalen Gerichten zu verfolgen.
Man kann heute nicht einfach nach Wahlen schreien, wie wir sie bisher kennen. Man muss nach Demokratie für die Menschen rufen.
Den Zähler auf Null zurückstellen und von vorne beginnen. Und zwar in einer Art, die im internationalen Recht anerkannt ist; alle rechtlichen Zusicherungen und Garantien verfallen, die von der herrschenden Clique willkürlich oder illegal vorgenommen wurden.
Unser grundlegendes Ziel ist, einen politischen Generalstreik von langer Dauer zu organisieren, der als zentrales Thema haben müsste "Übergeben Sie die Macht, gehen Sie nach Hause und nehmen Sie Ihre schlechten Chefs bloß mit!" Von diesem Ziel werden wir nicht abweichen, denn dann würden wir den Kampf für die Demokratie aufgeben.
Im Moment zeigt das Land alle Anzeichen eines Kollapses, wie ihn Argentinien 2001 erlebt hat, als es komplett kollabierte und absichtlich in einen dreijährigen Bürgerkrieg gezwungen wurde, der Tausende von Opfern hinterließ. Mit diesem Chaos droht uns (Ministerpräsident) Samaras, und damit es im Land auch wirklich herrscht, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: die Fortsetzung der heutigen Politik und politisches Personal, das so eingeschworen ist, dass es das Chaos der Massenvernichtung von Menschen organisiert. Von oben und mit voller Absicht.
Je mehr wir zulassen, dass der Weg von lokalen und ausländischen Häuptlingen bestimmt wird, umso mehr ist ein Ding sicher: Die Anzahl der Opfer wird sich erhöhen, bis selbst dem Ignorantesten das Ausmaß der Vernichtung klar wird, dem das griechische Volk anheimfällt.
Angesichts dieser Situation haben wir nur eine Pflicht: das Überleben unseres Volkes und die Befreiung unseres Landes. Viele haben nur im Selbstmord einen Ausweg gesehen, was zu vielen Tausend Toten in den letzten zwei Jahren geführt hat. Allerdings kann man sich auch für die Würde entscheiden anstatt für den Selbstmord. 
Wir sollten für unsere Würde als Mensch kämpfen, als Bürger, als Volk und als Grieche. Es steht einem Menschen nicht an, sich wie ein Tier behandeln zu lassen. Es steht dem Volk nicht an, sich wie ein streunender Hund in seiner Angst vor Gangstern zu ducken, die es all die Jahre bestohlen und haben und nun in die Sklaverei verkaufen wollen. Und es steht einem Griechen nicht an, sein Land ohne Kampf, ohne Schlacht, ohne Krieg an die zu übergeben, die ihn mehr betrogen haben als es jede Besatzungsmacht jemals vermochte.
Aus einem Interview (Übersetzung aus dem Griechischen: Edit Engelmann) mit dem griechischen Ökonomen Dimitris Kazakis, Aktivist bei EPAM ("Vereinigte Volksfront").

EPAM strebt als parteiübergreifende politische Bewegung ein unabhängiges, freies Griechenland an und organisiert im ganzen Land soziale Projekte wie Lebensmittelsammlungen, Tauschprojekte und Kooperativen aller Art. Kazakis wird - wegen seiner radikal basisdemokratischen Haltung und seines Plädoyers für die Wiedereinführung der Drachma als Währung - von den Massenmedien gemieden und meidet seinerseits die Massenmedien als verlängerten Arm der EU-Politik und damit des Ausverkaufs der griechischen Bevölkerung. Er ist Herausgeber der während der Krise ins Leben gerufenen Zeitschrift "Xoni" (auf deutsch etwa: Horn, Sprachrohr, Megaphon), die inzwischen an fast jedem griechischen Kiosk erhältlich ist.

A message from Greece:

'Utopia on the horizon', ein Dokumentarfilm von ROAR (Reflections on a Revolution) über die Krise und die Anti-Austeritäts-Bewegung in Griechenland: 
Gewidmet all denen, die sich entschieden haben zu kämpfen
Das dramatische Porträt eines Landes, das am Rande des Kollapses taumelt; und von Menschen, die sich entschieden haben zu kämpfen, um eine neue Welt aus den Ruinen einer alten Welt aufzubauen.
Utopien sind keine schwärmerischen Tagträume. 
Utopien entstehen aus harten Erfahrungen der Verzweiflung, der Enttäuschung, der Aussichtslosigkeit, des Scheiterns, des Lernens und des ungebrochenen Willens weiterzukämpfen.
Utopie heißt Kampf.


Sonntag, 18. November 2012

Starker Stoff


In der südspanischen Stadt Cádiz muss gestern schwer was los gewesen sein. Anlässlich eines ibero-amerikanischen (Spanien, Portugal, Lateinamerika) Gipfeltreffens haben sie sich dort die Naturkräuter gegenseitig um die Ohren gehauen, dass es nur so gequalmt hat.

Der bolivianische Präsident Evo Morales wollte das Kauen von Coca-Blättern legalisiert haben, - etwas, was zuhause in den Anden sowieso jeder tut, von den Vereinten Nationen jedoch mit einem Verbot belegt ist, welches wiederum die Vereinigten Staaten von Amerika mit Zähnen und Klauen sowie dem Argument verteidigen, Coca-Blätter seien der gefährliche Rohstoff für das gefährliche Rauschgift Kokain, dessen Hauptkonsument weltweit die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Bitte gut durchkauen und auf der Zunge zergehen lassen.

Ferner ging der mexikanische Präsident Felipe Calderon auf die Barrikaden, weil ein paar US-amerikanische Bundesstaaten das Rauchen von Marijuana legalisiert haben wollen, - etwas, was in Amerika sowieso jeder tut, von Calderon jedoch mit Zähnen, Klauen sowie dem Argument bekämpft wird, "sein Land könne sich keinesfalls auch nur einen einzigen Schritt zurück leisten im Kampf gegen Drogenhandel" und die ganze Kriminalität, und außerdem mache der Genuss von Marijuana gewalttätig und überhaupt.
Bitte in angemessenes Papier rollen und tief inhalieren.

Undokumentiert ist, worauf während des festlichen Gipfel-Dinners herumgekaut und wieviele Ofenrohre anschließend zu Verdauungs- und Erleuchtungszwecken herumkreisten. Dokumentiert ist jedoch die jüngste Erleuchtung des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy; der geht nämlich auf Betteltour bei den ehemaligen spanischen Kolonien Lateinamerikas:
In einem historisch zu nennenden Rollentausch hofierten die rezessionsgeplagten Länder Spanien und Portugal die Regierungschefs ihrer ehemaligen lateinamerikanischen Kolonien - Länder mit inzwischen stärkstem Wirtschaftswachstum.
Die Lateinamerikaner, so Rajoy, sollen sich jetzt mal gefälligst erkenntlich zeigen und den Spaniern "helfen, ihre tiefe finanzielle Krise zu überwinden mithilfe von Investitionen", - jetzt, wo "die Rollen vertauscht seien", die früheren Kolonien prosperierten und also ruhig mal den krisengebeutelten Ex-Kolonialherren unter die Arme greifen könnten.
"Unsere Augen sind auf euch gerichtet: Wir brauchen mehr Lateinamerika."
- sekundierte der spanische König Juan Carlos und vergaß nicht, eindringlich hinzuzufügen, dass
"... in Spanien schwierige Situationen in Erscheinung treten, verursacht durch die finanzielle und wirtschaftliche Krise."
- womit er gewiss auf die schwierigen Situationen anspielte, die derzeit auf Spaniens Straßen in Erscheinung treten, wo Hunderttausende von Menschen gegen die ihnen aufgehalste finanzielle und wirtschaftliche Krise protestieren, sowie (zeitgleich zu dem Gipfeltreffen in Cadiz) über 5.000 gegen Kürzungsmaßnahmen in Madrid demonstrierende Polizisten, die wissen wollen, wie sie, bitteschön, weiterhin auf jene Hunderttausende einprügeln sollen, wenn ihnen, den Polizisten, die Renten gekürzt und das Weihnachtsgeld gestrichen werden?

Noch ist nicht dokumentiert, wie die früheren spanischen Überseekolonien auf den von Rajoy angetragenen Klingelbeutel reagiert haben. Fest steht nur, dass sich die herzzerreißende Betteltour gestern im symbolträchtigen Cádiz zugetragen hat, jener spanischen Hafenstadt also, die vormals in schwunghafter Blüte gestanden hatte, zu jener Zeit, als dort die erbeuteten Schätze der Azteken und Inka aus dem fernen Lateinamerika importiert worden waren.

Hoher Dröhnfaktor in Cádiz, alles in allem. Man wäre nicht ungern dabeigewesen. Schon um zu wissen, was die bei so einem Gipfel alles rauchen, wenn sie lange genug darauf herumgekaut haben.

Sonntag, 4. November 2012

Fünf Jahre und ein bisschen Strenge


Fünf Jahre hat Angela Merkel mal eben aus dem Ärmel geschüttelt, am Samstag. Fünf Jahre werde die sogenannte Eurokrise noch dauern. Mindestens, hat sie gesagt. Wo sie das hernimmt? Na, aus ihrem Ärmel. Merkels Ärmel ist jener magische Ort, aus dem Prognosen herausgepurzelt kommen, einfach so. Prognosen, die keiner Begründung bedürfen; und wenn da jetzt ganz hemdsärmelig, schwupp, fünf Jahre herauspurzeln, dann sind das eben fünf Jahre, klar?,
und basta.

Fünf Jahre sind ein ziemlich langer Zeitraum. Innerhalb von fünf Jahren kann ziemlich viel passieren. Zum Beispiel können ziemlich viele Leute verhungern oder erfrieren oder einfach wegsterben, und wenn man Merkel heißt, kann man sich entspannt zurücklehnen und dabei fünf Jahre lang zuschauen, weil, vielleicht hat sich auf diesem Weg die sogenannte Eurokrise bis dahin von selbst erledigt und alles wird gut.

Na ja, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen streng, aber ohne ein bisschen Strenge geht es nun mal nicht, vor allem nicht voran mit der sogenannten Eurokrise. Drum hat Merkel gleich noch "ein bisschen Strenge" aus dem Füllhorn ihres Ärmels geschüttelt. Jetzt, wo klar sei, dass die sogenannte Eurokrise noch mindestens fünf Jahre dauern werde, ließ sie - an ihrem Ärmel zupfend - herauspurzeln, dass jetzt "die Zeit für ein bisschen Strenge gekommen" sei.

Vermutlich will sie damit sagen, dass alle bisherigen Knebelprogramme - strenggenommen - lediglich weicheierige Aufwärmübungen waren, denen nun endlich der eigentliche Härtetest zu folgen habe, klar?, und basta.

Da trifft es sich gut, dass der Winter naht und mit ihm die ein bisschen strengeren Temperaturen- örtlich unter zehn Grad Celsius gefallen -, was immer mehr Kommunen in Griechenland dazu veranlasst, immer mehr Schulen und Kindergärten zu schließen, weil fürs Heizen kein Geld da ist. Was müssen die griechischen Kinder auch zur Schule gehen? Erfrieren können sie genauso gut zuhause bei den Eltern, wo ebenfalls kein Geld fürs Heizen da ist. Wenn nicht dieses, dann halt nächstes oder übernächstes Jahr, wir haben ja fünf Jahre Zeit zum Erfrierenlassen. Härtetest bestanden, basta.

Gut ins Merkelsche Timing passt auch die Entscheidung des deutschen Pharmakonzerns Merck, keine Krebsmedikamente mehr nach Griechenland zu exportieren, weil die dortigen Krankenhäuser zahlungsunfähig seien. Klingt strenger als es gemeint ist, denn schließlich, so der Sprecher des Hauses Merck, könnten die Griechen ja nach wie vor Krebsmedikamente direkt aus der Apotheke beziehen, sofern sie den Kauf aus eigener Tasche finanzieren. Klar? Klar, wozu brauchen arbeitslose oder geringverdienende Griechen auch Krebsmedikamente? Alles, was sie brauchen, ist Austerität aus dem Hause Merkel, gepaart mit ein bisschen Strenge. Wird schon wieder, das mit dem Krebs. Vielleicht nicht dieses oder nächstes, sondern erst übernächstes Jahr. Ihr habt ja fünf Jahre Zeit zum Sterben.

Freitag, 2. November 2012

Profit unter Strom


Schockdoktrin, die nächste: Never waste a good crisis™.

Wozu gibt es Krisen, wenn nicht, um daraus Profit zu schlagen? Warum nicht das Desaster nach dem Hurrikan Sandy nutzen, um Druck auszuüben? Druck, öffentliche Infrastruktur an private Investoren zu verkaufen? Noch mehr öffentliche Infrastruktur an noch mehr private Investoren? Weil, wie es gern heißt, die privaten Investoren das Bewirtschaften öffentlicher Ressourcen viel besser in den Griff bekommen, namentlich in krisenhaften Engpässen. Was, wie derzeit in New York und anderswo zu erleben, von dem amerikanischen (in Investorenbesitz befindlichen) Energieversorger ConEd aufs peinlichste ad absurdum geführt wird:
Stromausfälle infolge Hurrikan Sandy verschlimmert durch Unterinvestment und vernachlässigte Planung
Mehr als sechs Millionen Menschen an der amerikanischen Ostküste sitzen seit nunmehr fünf Tagen im Dunkeln vor warmen, leeren Kühlschränken, kalten Heizungen, verstopften (da strombetriebenen) Müllschluckern, verstopften (da mit strombetriebenen Wasserpumpsystemen funktionierenden) Toiletten und wissen nicht, was sie angesichts fehlenden Internets, Rundfunks, Fernsehens und stromloser Mobiltelefone tun sollen, um wenigstens notdürftig über die Runden zu kommen. Manche greifen in ihrer Not bereits zu solchen Notmaßnahmen.

Während ConEd beschwichtigend die Schuld an fortdauernden, angeblich nicht zu behebenden Stromausfällen auf umgestürzte Bäume, ungeahnte Sturmstärken, gottgewollte Naturkatastrophen und die Welt schiebt, halten Kritiker entgegen: It's your fucking cost-cutting, stupid.
Zwar können Stromversorger keinen Willensakt Gottes verhüten, aber sie können schneller darauf reagieren.
Wie? Die "praktikabelste Lösung", um die Stromversorgung möglichst schnell sicherzustellen:
"Menschen. Boots on the ground (Arbeitskräfte)."
Die Frage, wie lange die Leute noch ohne Strom bleiben werden, hängt ab von den zur Verfügung stehenden Arbeitskräften.
"Maßgeblich ist, wieviele Reparatur-Crews ein Stromversorger hat in Relation zu den existierenden Stromausfällen."
"Kostensparende Beraterexperten haben der Energieversorger-Industrie unglaubliche Einsparungen beschert - Einsparungspotentiale, die von der Deregulierung noch beschleunigt wurden. Aber der Einspar-Wahn hat jetzt den schlimmsten Alptraum jedes Ökonomen hervorgebracht, wo wochenlange Blackouts die Produktivität im Internetzeitalter beeinträchtigen. Nicht zu vergessen die logistischen Komplikationen und möglicherweise lebensbedrohende Situationen von Stromkunden."
So viel zur profitgierigen Ausbeutung gottgewollter Naturkatastrophen mit "unlösbaren" Folgen.

Zur Vertiefung sei die Lektüre von naked capitalism empfohlen.

Zur Aufhellung des Gemütes eine menschengewollte Lösung, an der keiner etwas verdient, aber alle profitieren:


Samstag, 6. Oktober 2012

Krise nach Plan


Die Krise, ach, die Krise. Das ist bekanntlich jenes mystische Ding, was - einer unkontrollierbaren Naturgewalt gleich - irgendwann urplötzlich vom Himmel gefallen ist. Und jetzt haben wir die Bescherung. Wie kommen wir da bloß wieder raus? Am besten betend, mit dramatisch zum Himmel gefalteten Händen, dem Ort, wo die rätselhaft naturkatastrophale Krise herkam.

Noch wichtiger: Wann kommen wir da wieder raus? Klare Ansage: in sechs Jahren. Wieso gerade sechs Jahre? Na, ganz einfach, weil in mancher Leute Zeitrechnung die Krise jetzt vier Jahre auf dem Buckel hat (2008, Lehmann-Pleite), plus sechs macht zehn, zehn Jahre sind eine Dekade, und mit runden Dekaden lässt sich rhetorisch so schön hausieren gehen, ohne sonst Erhellendes beizutragen:
Die Weltwirtschaft wird mindestens zehn Jahre brauchen, um aus der Finanzkrise herauszukommen, die 2008 begann, sagte der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Olivier Blanchard.
Begründungen, Argumente, Zahlen, Fakten? Fehlanzeige. Die magische Zeitangabe von insgesamt zehn - also jetzt noch sechs - Jahren muss genügen. So lange müsst ihr euch halt irgendwie zur Decke strecken, Leute, und dann wird das schon wieder, versprochen, wir haben nämlich eben mal in unsere Kristallkugel geguckt. Wir, das sind jene global tätigen, von niemandem gewählten, niemandem Rechenschaft schuldigen internationalen Kredithaie, die wir uns fürstlich von Kahlfraß ernährt haben, und weil wir jetzt so richtig auf den Geschmack gekommen sind, fressen wir noch ein paar Jährchen weiter, bis das Maß oder halt die Dekade voll ist. Das Ganze nennen wir dann "Erholung" und beten euch bereits heute vor, don't you worry,
"Noch ist es kein verlorenes Jahrzehnt."
Mit Sicherheit nicht, denn im Laufe von sechs weiteren Krisenjahren kann noch vieles zerstört und und die Krise satt ausgebeutet werden, können Regierungen in den Würgegriff genommen, Bahn- und Stromnetze privatisiert, Inseln gekauft, Gesundheitssysteme ruiniert und gewerkschaftlich erkämpfte Arbeiterrechte in die Knie gezwungen werden.

Obwohl, sechs Jahre finde ich ja eine ziemlich optimistische Prognose, ich meine, nur sechs Jahre? Wo doch bislang erst ein paar Länder Europas ausgehungert, ausgeblutet, ausgeplündert am Boden liegen? Wie wollen die das mit dem Rest Europas schaffen in nur sechs Jahren? Kann eigentlich nur bedeuten, dass sie künftig noch einen Zahn zulegen wollen bei ihrem zehn Jahre währenden Erholungs-Businessplan. Und natürlich den Leuten gut zureden, damit auch alle mit den Plünderern am gleichen Strang ziehen, wie heißt das Zauberwort? Noch ein Griff in die Gebetsmühle:
"Es muss Solidarität geben. Und ich denke, es gibt sie."
Solidarität! Ein schönes Wort, kommt immer gut und geht zu Herzen. Gemeint ist natürlich die Solidarität der Plünderer, Kaputtsparer und Profiteure, die Solidarität der international vernetzten Büro- und Technokraten, damit sind sie bis jetzt gut gefahren, warum also nicht weiter so? Immer schön zusammenhalten, dann haben wir in sechs Jahren den Sack zugebunden und ihr sitzt sowieso alle im gleichen Boot.

Der geniale Masterplan hat nur einen kleinen Webfehler: Die Leute unter Deck verstehen unter Solidarität etwas anderes. Etwas ganz anderes. Und ich denke, es gibt sie.