Dienstag, 27. November 2012

Messages from Greece



A message from Greece:

Männer und Frauen ohne Job, ohne Einkommen, ohne Zuhause. Eine Supermarktkarre zum Transport der Überreste einer ehemals annehmbaren Bleibe: ein paar in Tüten gestopfte Klamotten, ein paar Decken, ein Schlafsack. Ein Camping-Gaskocher, ein Topf und ein Löffel. Und ein Dach aus Plastik zum Schutz gegen Novemberregen und -kälte. 
In einem öffentlichen Park, irgendwo in Griechenland. Im Griechenland des Jahres 2012, dem dritten Jahr der Troika-Rettung, der Kreditvereinbarungen und der Austeritätsgesetzgebung: 'Camper' durch Gesetzeskraft. 
A message from Greece:
Verdoppelung der Tafel-Gäste in Griechenland innerhalb der letzten zwei Jahre:
100-prozentiger Anstieg der Personen, die bei Tafeln Zuflucht suchen
A message from Greece:
Schock in Athen: Menschen suchen nach Essen in Mülltonnen
Verrottetes Gemüse, angeknackste Eier, abgelaufene Milchprodukte, alte Brotlaibe...eine Handvoll irgend etwas Essbares. Menschen, die sich noch nicht einmal einen Laib Brot für 80 Cent leisten können. Szenen einer Gesellschaft, die in verzweifelte Armut abstürzt (Video). Szenen, die sich in immer mehr Vororten der griechischen Hauptstadt abspielen.
"Bitte hängt Lebensmittel und Brot außerhalb der Mülltonne hin"
(Gefunden an einer Mülltonne in Kallithea, 
einem Mittelschichtsvorort im Süden Athens)
Ich habe mich schon einige Male gewundert, wieso die Leute Plastiktüten mit altem Brot an die Mülltonnen meiner Nachbarschaft hängen, und ob es tatsächlich Menschen in unserem Mittelschichtsumfeld gibt, die das alte Brot mit nach Hause nehmen. Dann kam dieses Bild und hat meine Frage beantwortet. In Griechenland im Jahr 2012, im Griechenland der Europäischen Union und der Eurozone.
A message from Greece:
Griechenland in der Krise - dramatischer Anstieg von Suiziden: 
3.124 Menschen in den Jahren 2009 bis 2012
Das entspricht einem Suizidanstieg von 37 Prozent zwischen 2009 und 2011.
2009: 677
2010: 830
2011: 927
2012: 690 bis zum 23. August
A message from Greece:
Was tun?
Wir müssen uns auflehnen, wir müssen etwas tun, denn sie werden uns alle arm machen. Schluss, aus fertig. Die Menschen haben Hunger.
Und wie?
Es gibt kein 'Wie'. Wenn wir über das 'Wie' zu lange nachdenken, sind wir erledigt.
Was tun?
Alles besetzen. Alles dichtmachen. Aber nicht für ein paar Tage, sondern länger als einen Monat.
Was tun?
Schwierige Frage. Irgendwie ist diese Art von Protest ermüdend geworden und außerdem unzureichend. Was soll ich sagen? Wenn der Minister ankündigt, dass die Streikenden tun, was sie zu tun haben, dann tun wir das, was wir zu tun haben. Ich glaube, wir müssen anfangen zu besetzen, um die Menschen zu mobilisieren, denn die meisten von ihnen sind müde geworden.
Und wie soll das praktisch geschehen?
Praktisch? Das will ich nicht aussprechen ...
Doch, sagen Sie es!
Im Grunde mit Gewalt, aber nicht im Sinne von losziehen und Leute töten. Ich weiß nicht, ob ...
Was tun?
Nichts, was heißt: was tun ...
Nichts?
Aufstand. Aufstand des Volkes, losziehen und all die Politiker abschlachten.
(Video 'A message from Greece' via From the Greek Streets
A message from Greece:


A message from Greece:
Wir müssen uns mit den Menschen organisieren, um dieses Regime zu stürzen.
Wir sollten uns nicht stark machen für Wahlen für ein Parlament, das zu einem Feigenblatt eines grausamen Regimes verkommen ist, das seine Menschen vernichtet und das Land ausverkauft. Wenn wir so weitermachen mit der Verfahrensweise der Parlamentswahlen wie beim letzten Mal, dann legalisieren wir de facto alle Gesetze, die den Verantwortlichen und Kollaborateuren an dieser nationalen Tragödie Asyl gewähren. Wir legalisieren die "internationalen Verpflichtungen" des Landes und die Praktiken und Ziele unserer Gläubiger (derzeit eine Opferung der ganzen Bevölkerung, internationale Stigmatisierung der Griechen, offene Erpressung, Verhängung eines Besatzungsregimes usw.). Diese Vorgehensweise ist nach den Grundsätzen der internationalen Rechtsordnung als kriminelle Handlung gegen die griechische Bevölkerung einzustufen. Sie verletzt die grundlegenden Menschenrechte und ist als solche von den internationalen Gerichten zu verfolgen.
Man kann heute nicht einfach nach Wahlen schreien, wie wir sie bisher kennen. Man muss nach Demokratie für die Menschen rufen.
Den Zähler auf Null zurückstellen und von vorne beginnen. Und zwar in einer Art, die im internationalen Recht anerkannt ist; alle rechtlichen Zusicherungen und Garantien verfallen, die von der herrschenden Clique willkürlich oder illegal vorgenommen wurden.
Unser grundlegendes Ziel ist, einen politischen Generalstreik von langer Dauer zu organisieren, der als zentrales Thema haben müsste "Übergeben Sie die Macht, gehen Sie nach Hause und nehmen Sie Ihre schlechten Chefs bloß mit!" Von diesem Ziel werden wir nicht abweichen, denn dann würden wir den Kampf für die Demokratie aufgeben.
Im Moment zeigt das Land alle Anzeichen eines Kollapses, wie ihn Argentinien 2001 erlebt hat, als es komplett kollabierte und absichtlich in einen dreijährigen Bürgerkrieg gezwungen wurde, der Tausende von Opfern hinterließ. Mit diesem Chaos droht uns (Ministerpräsident) Samaras, und damit es im Land auch wirklich herrscht, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: die Fortsetzung der heutigen Politik und politisches Personal, das so eingeschworen ist, dass es das Chaos der Massenvernichtung von Menschen organisiert. Von oben und mit voller Absicht.
Je mehr wir zulassen, dass der Weg von lokalen und ausländischen Häuptlingen bestimmt wird, umso mehr ist ein Ding sicher: Die Anzahl der Opfer wird sich erhöhen, bis selbst dem Ignorantesten das Ausmaß der Vernichtung klar wird, dem das griechische Volk anheimfällt.
Angesichts dieser Situation haben wir nur eine Pflicht: das Überleben unseres Volkes und die Befreiung unseres Landes. Viele haben nur im Selbstmord einen Ausweg gesehen, was zu vielen Tausend Toten in den letzten zwei Jahren geführt hat. Allerdings kann man sich auch für die Würde entscheiden anstatt für den Selbstmord. 
Wir sollten für unsere Würde als Mensch kämpfen, als Bürger, als Volk und als Grieche. Es steht einem Menschen nicht an, sich wie ein Tier behandeln zu lassen. Es steht dem Volk nicht an, sich wie ein streunender Hund in seiner Angst vor Gangstern zu ducken, die es all die Jahre bestohlen und haben und nun in die Sklaverei verkaufen wollen. Und es steht einem Griechen nicht an, sein Land ohne Kampf, ohne Schlacht, ohne Krieg an die zu übergeben, die ihn mehr betrogen haben als es jede Besatzungsmacht jemals vermochte.
Aus einem Interview (Übersetzung aus dem Griechischen: Edit Engelmann) mit dem griechischen Ökonomen Dimitris Kazakis, Aktivist bei EPAM ("Vereinigte Volksfront").

EPAM strebt als parteiübergreifende politische Bewegung ein unabhängiges, freies Griechenland an und organisiert im ganzen Land soziale Projekte wie Lebensmittelsammlungen, Tauschprojekte und Kooperativen aller Art. Kazakis wird - wegen seiner radikal basisdemokratischen Haltung und seines Plädoyers für die Wiedereinführung der Drachma als Währung - von den Massenmedien gemieden und meidet seinerseits die Massenmedien als verlängerten Arm der EU-Politik und damit des Ausverkaufs der griechischen Bevölkerung. Er ist Herausgeber der während der Krise ins Leben gerufenen Zeitschrift "Xoni" (auf deutsch etwa: Horn, Sprachrohr, Megaphon), die inzwischen an fast jedem griechischen Kiosk erhältlich ist.

A message from Greece:

'Utopia on the horizon', ein Dokumentarfilm von ROAR (Reflections on a Revolution) über die Krise und die Anti-Austeritäts-Bewegung in Griechenland: 
Gewidmet all denen, die sich entschieden haben zu kämpfen
Das dramatische Porträt eines Landes, das am Rande des Kollapses taumelt; und von Menschen, die sich entschieden haben zu kämpfen, um eine neue Welt aus den Ruinen einer alten Welt aufzubauen.
Utopien sind keine schwärmerischen Tagträume. 
Utopien entstehen aus harten Erfahrungen der Verzweiflung, der Enttäuschung, der Aussichtslosigkeit, des Scheiterns, des Lernens und des ungebrochenen Willens weiterzukämpfen.
Utopie heißt Kampf.


Kommentare:

  1. Super gemacht, Frau Mop. Wie immer. Ein sehr deutlicher, klarer und ehrlicher Überblick über das Griechenland von heute.
    Danke - Das Fröschlein.

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  2. Das ist die eine Seite.
    Vor zwei Monaten war ich in Thessaloniki. Die Straßencafe waren mittag um 14:00 rappelstvol mit jungen Leuten die Ihren cappu für 4 Euro tranken. Also obwohl ich einen Job habe, ist mir das zu teuer. Wo aber haben die 50% jungen Arbeitslosen Menschen das Geld her??
    Ich glaube nicht das die Griechen so wenig Geld haben. Es ist nur nicht deklariert, sondern liegt irgendwo im Ausland oder unter der Matratze

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    1. Komme grade aus der weihnachtsdekorierten Innenstadt. Rappelvoll! Lauter Leute mit Tüten schwerbeladen. Unglaublich, was die da so zusammenkaufen! Könnte ich als hart schuftender deutscher Leistungsträger mir niemals leisten, bin hochgradig empört und könnte schwören, das sind alles habgierige HarztIV-Empfänger, die mein sauer verdientes (und denen hinterhergeworfenes) Geld im Konsumrausch verknattern. Unfassbar! Meinen Frust mit einem Bier am Kiosk runtergespült - Kneipe kann ein hart schuftender Leistungsträger wie ich sich nicht leisten -, dabei Schlagzeile gelesen „Armutsbericht der Bundesregierung geschönt“, was zum Teufel gibt es da zu beschönigen? Dass diese sogenannten Armen sich ein schönes Leben auf unsere Kosten machen? Wär ja noch schöner. Nach Hause gekommen, in irgend so einem dämlichen Blog was von verdoppelter griechischer Selbstmordrate gelesen - ha!, das schlägt dem Fass dem Boden aus, typisch faule Griechen, zu faul zum Arbeiten, stürzen sich lieber vom Dach wegen Jobverlust. Zum Himmel schreiend! Bin fix und fertig. Gut, dass es am Kiosk noch ein Exemplar der Bildzeitung gab, muss jetzt dringend blaue Pille einwerfen.

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  3. Also erstes- Herr/Frau Anonym - trinken die hier keinen "Cappu". Zweitens trinken die im Gegensatz zu Deutschen EINEN Kaffee, wenn sie irgendwo hingehen, und nicht mehrere und kippen dann noch etliche Bierchen hinterher.
    Zweitens: haben Sie auch gesehen, wie viele Strassenkaffees, Kafeneions, Kleinrestaurants und Imbiss-Stuben geschlossen haben? Also ist es nicht weiter verwunderlich, wenn sich alles in den wenigen verbliebenen konzentriert.
    Drittens: die jungen Arbeitslosen bekommen ihr (hier Kaffee in Deutschland Bier/Schnaps) Geld ebenfalls von ihren Eltern und Großeltern genau wie das in Deutschland auch der Fall ist. Nur, dass sich das hier die Eltern und Grosseltern vom Munde absparen müssen, die genau wie ihre deutschen Gegenparts nicht wollen, dass ihre Kinder unter der Misere leiden.
    Viertens: in Griechenland wird wie in Deutschland jedem Arbeitnehmer sein Steuerbetrag genauso automatisch abgezogen und nicht ausbezahlt, wie das in Deutschland auch der Fall ist. Selbständige haben wie in Deutschland die Möglichkeit zu tricksen - wer von beiden es besser kann bliebe noch die Frage.
    Fünftens: wenn ich mich an die kürzlich (auch noch halbswegs am Gesetz vorbei) erworbene Steuer CD des Landes NRW aus der Schweiz erinnere, dann haben die Deutschen das auch mit den Auslandskonten und dem Nicht-Deklarieren. Nur dass dort a) die Mittelschicht, die es hier nicht mehr gibt und die hier nie so gross war, schon beim Geldverstecken mitgespielt hat, während es hier die von Rang, Namen und Einfluß waren. Warum? Weil in Deutschland die Mittelklasse schon um die 2-3000 Euro verdient, hier ein Lehrer mit unter 1000 Euro monatlich brutto nach Hause geht - davon kann er so viel gar nicht ins Ausland schaffen, schon gar nicht, wenn er 500 Euro Miete bezahlt und eine Familie vom Rest ernähren muss.

    Ich finde Ihre Ausführungen billigste Polemik unterster Schublade, die allerdings recht deutlich das reflektiert, was die Bildzeitung seit langem beklagt: das mangelnde Wissen und Bildung im Ländle.

    Als Deutsche in Griechenland schäme ich mich für solche Aussagen meiner Landsleute.

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    1. *seufz* ...ach ja, der strafende Finger, mit dem von Deutschland aus so notorisch gerne auf andere Länder und Völker gezeigt wird:

      "Deutschland versagt beim Kampf gegen Korruption"

      - ist heute ein Artikel im Spiegel überschrieben, wo wir Deutschen doch immer dachten, Griechenland sei die Brutstätte aller Korruption. Dabei geht es in D korruptionstechnisch richtig hoch her -

      "Im Kampf gegen Abgeordnetenbestechung und illegale Parteienfinanzierung macht die Bundesregierung keine Fortschritte - und kassiert einen Rüffel aus Straßburg. Die Korruptionswächter des Europarats rügen den mangelnden Reformwillen."

      Werden die in Berlin jetzt etwa vor Scham rot? Ach was...

      "Doch Berlin sieht keinen Handlungsbedarf."

      Warum auch - deutsche Politiker sind nicht bestechlich, basta. Sie unterhalten lediglich ausgezeichnete Beziehungen zu Industrie und Banken. Und möchten, bitteschön, weiter an Griechenland herumnörgeln und Griechen maßregeln, und das mit blütenweißer, von keinem Korruptionsverdacht befleckter Weste.

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    2. Link vergessen. Lesenswert, grade im gegebenen Zusammenhang!

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