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Samstag, 29. Dezember 2012

Weitgehend niederschlagsfrei


Ächzend schrumpft sich das Jahr seinem Ende zu, was den deutschen Einzelhandel zum Ächzen über seine schrumpfenden Umsätze veranlasst. Lief wohl nicht so dolle mit dem Weihnachtsgeschäft.
"Die tatsächlichen Abverkäufe bleiben hinter den ursprünglichen Erwartungen für Dezember zurück. ... Die Dezemberverkäufe enttäuschten, gemessen an den Zielvorgaben."
Nur Ächzen und Schrumpfen - und kein Wachstum, nirgends?

Doch, an der Front der galoppierenden Verblödung. Weil, was hat die Leute daran gehindert, ihre sauer verdienten respektive nicht vorhandenen Kröten zum Jahresende unbekümmert zu verknattern?
"... die ungünstigen Wetterbedingungen ..."
- ja freilich, es war zu warm oder zu kalt oder es hat zu viel geschneit oder zu wenig oder gar nicht oder irgendein anderer Niederschlag ist - entgegen ursprünglicher Erwartungen - nicht vom Himmel gefallen, und sei es ein wenig Hirn, mit dem der Herrgott da oben immer mehr zu geizen scheint, aber sei's drum, schlechtes Wetter kommt immer gut, und sind wir nicht alle ein bisschen Hirnschrumpf und überhaupt, war's das?

Nein, auf der nach oben offenen Jahresendverblödungs-Skala geht noch was: Neben dem unerwartet ungünstigen Wetter habe nämlich
"... die unerwartet niedrige Käuferfrequenz zu den niedrigeren Abverkäufen beigetragen."
- mit anderen Worten, die ursprünglich hohen Erwartungen wurden von der unerwartet niedrigen Käuferfrequenz enttäuscht. Mit dem Hirn werde das nichts mehr in diesem Jahr, denn, so ließ der Herrgott in seinen geschrumpften Erwartungen ächzend verlauten, die da unten seien zu blöd zum Auffangen.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Rettungskräfte


Was wurde 2012 nicht alles gerettet! Allem voran natürlich der Euro, dicht gefolgt von der Eurozone, Europa im allgemeinen und Griechenland im besonderen. Von Bankenrettungen ganz zu schweigen. Schweigen wollen wir auch von all dem, was diesen Rettungen zuliebe rettungslos über Bord geschmissen wurde (Arbeitsplätze, Arbeitsrecht, Minimallöhne, Renten, Sozialsysteme, und, und, und). Ufert ja sonst aus.

Nun neigt sich das Jahr zu Ende, und man könnte es eigentlich gut sein lassen mit der ganzen Retterei, weil, 2013 geht's in die nächste Runde, wo voraussichtlich jeder nur noch seinen eigenen Arsch retten wollen werden wird. Jedoch - irgendwie haben die Retter sich an ihre bescheuerte Rettungsrhetorik so sehr gewöhnt, dass sie kurz vor Torschluss noch eine delikate Kapriole oben drauf legen müssen:
"Weihnachten wurde gerettet!"
Huch. Hatte es nicht immer geheißen, dass ab Weihnachten der rettende Erlöser höchstpersönlich unterwegs sei? Wieso in drei Teufels Namen musste jetzt der Retter gerettet werden? Antwort, ganz einfach: Wenn einer dieser neuzeitlichen Retter von Rettung spricht, meint er in aller Regel seine eigene Kohle, und mit Weihnachten meint er: seinen Weihnachtsumsatz, sprich also: "Mein Weihnachtsumsatz wurde gerettet!" Gerettet vor was? Vor dem befürchteten Absturz. Gerettet von wem?
"Weihnachten wurde gerettet von der festlichen Stimmung."
Haben das jetzt alle? Nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: Erst drohten die Weihnachtsumsätze fürchterlich den Bach runter zu gehen, wurden dann aber, quasi in einem last-minute-Coup, von der weihnachtlichen Kaufstimmung gerettet. Klingt wie ein saisonaler Notarzteinsatz, oder? Uff, seufzt der Einzelhandel, hörbar erleichtert, da haben wir grade nochmal die Kurve gekriegt, und wem verdanken wir die umsatzrettende Notmaßnahme? Jetzt bitte anschnallen, dann weiterlesen: der Krise!
"Je tiefer wir in die Krise geraten, desto mehr gibt es Momente wie diesen, wenn die Leute zu sich selbst sagen: Scheiße, einfach mal loslassen."
Ohne Scheiß, genau das hat er gesagt, zwar nicht "Scheiße", sondern "merde", weil es ein französischer Einzelhändler war, das aber im Originalton. Immerhin wissen wir jetzt, was unter festlicher Stimmung zu verstehen ist, nämlich "Scheiße, einfach mal loslassen", nämlich sich in weihnachtlich-entspannter Vorfreude von der krisenbedingt knappen Knete zu emanzipieren.

Früher wurde dieses Phänomen Konsumdruck genannt, heute sagt man halt "festliche Stimmung"; wem da nicht warm ums Herz und - scheiß' drauf - leer im Geldbeutel wird, der ist nicht mehr zu retten.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Katastrophenalarm


Es klingt ein bisschen wie nach dem Krieg: Ärmel hochkrempeln, zupacken, aufbauen. Kaum hat die verheerende Sturmkatastrophe zugeschlagen, kommen die Ökonomen - Ratten nicht unähnlich - aus den überschwemmten Löchern gekrochen und fiepsen: alles halb so schlimm! Sturmschäden helfen der maroden Wirtschaft auf die Beine! Wer wird da verzagen?

Einer von der Zunft kroch vor ein paar Stunden behende aus der (von Überschwemmung verschont gebliebenen) University of Maryland und schätzte voller Optimismus, dass
... (der Sturm) Sandy etwa 35 bis 45 Milliarden Schäden und Verluste verursachen, jedoch gefolgt sein könnte von immerhin 36 Milliarden Wiederaufbau-Ausgaben.
Wenn das nicht rattenscharf und kostendeckend kalkuliert ist!
Sollte also jemandem ein Baum aufs Haus gefallen sein oder das Dach seines Hauses sich nicht mehr dort befinden, wo es eigentlich hingehört, sei dies "kurzfristig" zwar dumm gelaufen, "langfristig" jedoch eine Segen für die Wirtschaft, denn irgendwer müsse das Dach ja reparieren, und das schaffe Arbeitsplätze.

Gut, der ohnehin dümpelnde Einzelhandel, heißt es bedauernd, bekäme die "wirtschaftliche Wucht des Sturmes" am stärksten zu spüren, weil "die Konsumenten" nun mal leider - unwetterbedingt - zuhause sitzen blieben statt Geld auszugeben. Ist aber kein Grund, sich die Geschäftslaune verderben zu lassen, denn so ein Sturm bringe durchaus frischen Wind in die darniederliegende Konjunktur, weil nämlich:
... das Last-Minute-Horten von Lebensmitteln und Gütern zur Notversorgung einen ausgleichenden Effekt auf die ansonsten rückläufigen Verkaufszahlen hat.
Ist ja grade noch mal gut gegangen; Sandy scheint ein Gespür fürs richtige Timing zu haben. Zwar werde der Jahrhundertsturm zunächst eine - wie heißt es immer so metaphernfreudig? - Spur der Verwüstung hinterlassen, in Gestalt - na? - "instabiler Einzelhandelsumsätze" im Oktober. Ist aber alles halb so schlimm, weil, nach dem Oktober komme ja der November, und nach dem November - heißa! - folge der Dezember, ein Monat, in dem die Umsätze quasi aus guter alter Tradition von ganz alleine "wieder auf die Beine kommen", das war schließlich schon immer so und wird auch immer so bleiben.

Es gibt andere Experten, die spucken den ökonomischen Frohnaturen ein wenig realistische Miesmacherei in die optimistische Jahresendsuppe:
"Wenn die Konsumenten in diesem (vom Sturm betroffenen) Teil des Landes Hunderte und Tausende von Dollars ausgeben müssen für so Dinge wie Notstromgeneratoren oder für Aufräumarbeiten nach dem Sturm, dann wird das wahrscheinlich zu Budgetkürzungen führen, Budgets, die die Leute eigentlich für ihre Weihnachtseinkäufe geplant hatten."
- woran unschwer abzulesen ist, worin die wirklich katastrophalen Folgen der Naturkatastrophe bestehen: Dem US-Einzelhandel schwemmt es die Weihnachtsumsätze weg. Man stelle sich vor - ein evakuierter, obdachlos gewordener Santa Claus mit leerem Sack in einer Notunterkunft! Gibt es Schlimmeres?

Ja freilich: Wenn es bei einem vom Sturm wirklich Betroffenen wirklich dumm gelaufen ist und ihm der Baum nicht nur aufs Haus, sondern auf den Kopf gefallen ist. Katastrophal! Ein Konsument weniger!

Samstag, 20. Oktober 2012

Bürgerkrieg unter Markenschutz


"Unser Land befindet sich in einem Bürgerkrieg."
Welches Land? Griechenland.
Bürgerkrieg? Kommt auf die Definition von Bürgerkrieg an. Mir kam der Begriff schon mehr als einmal in den Sinn angesichts der brachialen Methoden, mit der das System (die Regierung, die Polizei) seine hungernden, arbeitslosen Bürger bekämpft, wenn diese ihren Protest gegen die systematische Verelendung und Ausbeutung - diktiert von der Troika, mit tatkräftiger Unterstützung der friedensnobelpreisgekrönten (und damit über jeden Verdacht der Anstiftung zum Bürgerkrieg erhabenen) EU - auf der Straße artikulieren.

Aber, wie gesagt, Bürgerkrieg ist Definitionssache und wirft die Frage nach der Definitionshoheit auf. Die hat sich jetzt mal eben im Handstreich 'Golden Dawn' unter den Nagel gerissen; das ist jene Partei mit der bizarren Wagner-Duftnote im klangvollen Namen 'Goldene Morgenröte'. Ohne zu erröten - eine physiologische Schamreaktion, zu der Faschisten noch nie besonders ausgeprägt neigten - geben die Apologeten des heraufdämmernden Faschismus die definitorische Marschrichtung vor:
"Auf der einen Seite stehen griechische Nationalisten wie wir, die ihr Land so haben wollen wie es früher war, und auf der anderen Seite die illegalen Immigranten, Anarchisten und all jene, die viele Male die Stadt Athen zerstört haben."
- wie ein Abgeordneter von Golden Dawn gegenüber dem BBC kundtat, völlig ungeniert, denn schließlich heißt die Partei ja 'Morgenröte' und nicht Schamröte.

Na gut, aber was hat die harmlose Einzelmeinung eines durchgeknallten, größenwahnbefallenen Neonazis mit Definitionshoheit zu tun? Dies:
Der Reporter des Senders notiert, dass Kommentare wie diese in Griechenland häufig erklingen, sie jedoch nunmehr angesichts der Tatsache offiziellen Charakter haben, dass gemäß dem Ergebnis der Parlamentswahlen im Juni 2012 Ilias Panagiotaros einer der 19 Abgeordneten der rechtsradikalen Partei ist, die in das griechische Parlament einzogen.
Übrigens betreibt der Abgeordnete Ilias Panagiotaras in Athen ein gutgehendes Ladengeschäft für Vermummungs- und Tarnartikel, Masken sowie Uniformen.

Na gut, aber warum sollte ein parlamentarischer Abgeordneter als privater Geschäftsmann keinen Karnevalseinzelhandel betreiben? Deshalb:
Viele seiner Kunden sind Polizisten, die nicht nur ihre Schlägerausrüstung, sondern Accessoires für ihre Uniform in seinem Militärladen kaufen; dort hängen reguläre Polizeihemden neben T-Shirts mit Nazigruppen-Emblemen wie Combat 18 und Chelsea Headhunters.
- und zwar mit prosperierenden Geschäftsaussichten:
"Ich denke, wir (Golden Dawn) haben jetzt mehr als 50 oder 60 Prozent Anhänger in der Polizei, vielleicht auch mehr, denn die Anhängerschaft wächst mit jedem Tag."
Na gut, aber warum muss so ein durchgeknallter Kostümverleiher dann gleich von Bürgerkrieg daherquatschen? Deshalb:
"Es ist wie ein Modephänomen - unser dress code (Kleiderordnung) ist inzwischen extrem populär, und immer mehr Leute sind davon angetan. Unser Markenname ist gleichbedeutend mit Ordnung, mit Recht und Ordnung (law and order) und mit Leistungsfähigkeit (efficiency)...Der Markenname Golden Dawn ist höchst erfolgreich."
Bürgerkrieg™ halt, wenn man so will.
Bürgerkrieg unter eingetragenem Warenzeichen.
Bürgerkrieg unter faschistischem Markenschutz.

Morgenröte lässt die Muskeln spielen.

Mittwoch, 1. August 2012

Kaffeefahrt nach Indien


Es geht doch nichts über einen starken Morgenkaffee, begleitet von einer starken Schlagzeile, die einem das Koffein in den Adern stocken lässt:
Europäer sparen sich den Kaffee
- und ich gieße mir vorsichtshalber noch einen nach, bevor es womöglich bald heißt Let them drink latte.

Zu spät. Der Slogan hat bereits die halbe Welt erobert, den Feldzug initiiert hatte die weltgrößte Latte-Schleuder alias Starbucks mit seiner unwiderstehlichen aufgeschäumten teuren Premium-Plörre im Arsenal. Allerdings zeigt die Erfolgskurve des Kaffee-Ersatzanbieters neuerdings eine deutliche Delle:
Starbucks hat auch schon einmal bessere Zeiten gesehen. In Europa werden möglicherweise Filialen geschlossen.
- was, in Anlehnung an die gestrige Meldung, nur bedeuten kann, dass den Europäern die Plörre zu teuer geworden und ihnen darum die gute Kaffee-Kauflaune abhanden gekommen ist, was wiederum den Finanzchef der Plörre-Kette vergrätzt:
"Europa bleibt mit Abstand der herausforderndste Teil der Welt für uns", die wirtschaftliche Lage auf dem Kontinent werde sich "möglicherweise im Laufe des Quartals noch verschlechtern". Die Folge könnte sein, dass Starbucks unprofitable Standorte schließen muss.
Europa ohne Starbucks. Der Untergang des Abendlandes. Rückfall in die Steinzeit, back to Tchibo. Schnell noch eine Tasse von dem preiswerten Selbstgebrauten nachgeschenkt, weiterlesen, aufatmen: Der Rest der Welt darf sich weiterhin an Latte laben, denn mehr Latte-Wachstum gibt es "im Asien-Pazifikraum mit dem wichtigen chinesischen Markt". Und falls den Chinesen die Latte-Kauflaune vergehen sollte -
Starbucks plant, China zu seinem größten Auslandsmarkt zu machen ...
- ist dem Wachstum im fernen Osten keine Grenzen gesetzt:
... und wird außerdem noch in diesem Jahr seine ersten Kaffeehäuser in Indien eröffnen.
- was sich nur um eine aufgeschäumte Ente handeln kann, wovon die nächste starke Schlagzeile des Tages Zeugnis ablegt, denn längst gibt es in Indien das, wovon der Große Kaffeeschaumschläger träumt:

"Star...bucks in India!"

Dienstag, 31. Juli 2012

Stimmung bombig, Laune versaut


Ich bin schon den ganzen Morgen extrem gut drauf. Gefährlich gut drauf. In Bombenstimmung, möchte ich fast sagen. Und schätze, das geht nicht nur mir so, sondern vielen anderen Konsumenten (so nennt man Menschen heutzutage). Aber wie das so ist mit der gefühlten Empirie: Was letztlich zählt, sind harte Zahlen und Fakten, weil, sonst könnte ja jeder daherkommen und von sich auf andere schließen.

Nachdem erst vor wenigen Tagen von einem bundesweit anerkannten Konsumforschunginstitut eruiert wurde, dass es eine wissenschaftlich erwiesene Korrelation gibt zwischen guter "Kauflaune" und schlechter Allgemeinstimmung und ich schon am Grübeln war, ob das möglicherweise auch umgekehrt gilt, folgt heute ein ganz gemeiner Datenkracher aus Zahlen und Fakten, der sich so zusammenfassen lässt:
Der deutsche Konsumboom war und bleibt ein Propaganda-Fake.
Diese Aussage allein reicht schon, um meine Allgemeinstimmung (bei zugleich chronisch schlechter Kauflaune) signifikant anzuheben. Propaganda-Fake, ah, das geht runter wie Öl und entlarvt jenes wissenschaftliche Forschungsinstitut als das, was es ist, nämlich als Deckname einer Firma zur Produktion von Propaganda. Statt von märchenhaft guter Kauflaune ist von realiter "langanhaltender Konsumschwäche der privaten Haushalte" die Rede; und egal, mit welchen propaganda-kompatiblen Frageformulierungen die befragten deutschen Konsumenten in die behauptete Konsumeuphorie geknebelt wurden, die schnöden Zahlen der (saisonbereinigten und realen) Einzelhandelsumsätze sprechen eine andere, eben knallharte Sprache, denn sie
... zeichnen am verlässlichsten das aktuelle Konsumverhalten der privaten Haushalte nach.
- woraus wir lernen, dass Einzelhandelsumsätze und Kauflaune stets im Doppelpack in den Keller zu rauschen pflegen, weil gute Kauflaune bei schlechter Umsatzlaune nun mal nicht zu haben ist, da nützt alles gefakete Friemeln und Fummeln nichts, und sei es von noch so forschen Forschern erforscht.

Stimmungshebend, weil wohltuend Klartext statt Propagandaplapper redend, wirken auch Kommentare wie diese, bezüglich des gern nachgeplapperten deutschen "Erfolgsmodells":
... Teil des bisherigen "Erfolgsmodells" ist ja gerade die Nicht-Partizipation der Arbeitnehmer an den Produktivfortschritten in Deutschland, ein ausgeprägter Niedriglohnsektor, die u.a. die Exportorientiertheit befeuern. Da ist für Binnennachfrage und Impulse vom Konsum privater Haushalte kaum Platz.
Vermutlich warte ich auf wissenschaftliche Forschungshighlights wie
Die Kauflaune der deutschen Verbraucher ist schlecht, dennoch steigt ihre Stimmung
vergebens, obwohl bei mir persönlich diese Korrelation durchaus - zumindest punktuell - empirisch nachweisbar ist. Nur, mich fragt ja keiner.

Freitag, 20. Juli 2012

Auf den leeren Tisch gehauen


Mag der mitteleuropäische Sommer aufgrund versuppter Witterung auch ins Wasser fallen, anderswo herrscht eitel Sonnenschein.

In Amerika zum Beispiel. In der dortigen Landwirtschaft zieht die seit Wochen anhaltende Hitze- und Dürreperiode verheerende Folgen nach sich, die Farmer ächzen, das Zeug will einfach nicht wachsen, die Ernten fallen kümmerlich aus.

Kein Grund, trübselig zu werden! Immer das Positive sehen! Mögen die Äcker auch verdorren, auf den Märkten herrscht - na? - eitel Sonnenschein. Nicht trotzdem, sondern eben drum. Euphorisiert berichtet die Bank of America, die Farmer sollten mal bloß den Kopf nicht hängen lassen, denn:
Aus unserer Sicht sind die Dürre-Bedingungen faktisch ein positives Phänomen für Farmer, denn die Preise für Agrarrohstoffe steigen (infolge der schlechten Erträge) stärker als die Einbußen aufgrund sinkender Produktion.
Okey dokey? Anscheinend will der Report den Farmern weismachen, dass die Dürre ihnen bessere Erträge bescheren wird, nicht obwohl, sondern weil ihre Ernten so kümmerlich ausfallen. Oder vielleicht doch eher oakey cokey, was dem hochgestimmten BoA-Reporter da unter der Nase rausgerutscht ist?

Keine Ahnung, ob die amerikanischen Farmer die getunte Kröte schlucken werden. Klar ist hingegen, dass Nahrungsmittel verknappen und deshalb teurer werden, was für Leute mit Geld kein Problem darstellt, für Leute ohne Geld schon eher, denn die müssen dann halt hungern, was für sie ein Problem darstellt, für die Märkte weniger, denn die werden davon stimuliert, was der Business Insider leicht befremdet, aber mit Contenance so kommentiert:
This is certainly a very interesting angle on the drought and its future repercussions.
- wobei ich jetzt nicht weiß, was er mit repercussions meint, aber jemand wie ich denkt dabei entweder an hungrige Menschen, viele hungrige Menschen, sehr viele hungrige Menschen, die die Contenance verlieren und zurückschlagen, oder halt an einen Tisch mit nix zu essen drauf, auf dem (vorerst) vier Menschen zu trommeln anfangen.
Eben drum:


Mittwoch, 14. September 2011

The Bank is on Fire


Es gibt nichts, was sich nicht vermarkten, sprich: zu Kohle machen ließe. Das gilt für den Kunstmarkt genau wie für alle anderen Märkte. Man - also, der Künstler - muss nur den richtigen Zeitgeist treffen, und schon rollen die Dollars.

Wie trifft einer nun den richtigen Zeitgeist? So:

(zum Vergrößern Link anklicken)

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine brennende Tankstelle, ist in Wirklichkeit eine brennende Filiale der Chase Bank in Los Angeles (Öl auf Leinwand). Also, nicht dass die Chase Bank wirklich in Brand gesetzt worden wäre - das wäre ja ein Akt des Terrorismus oder zumindest der politischen Brandstiftung; vielmehr hat der kalifornische Künstler Alex Schaefer sich eines Tages gegenüber der Chase Bank hingesetzt und angefangen zu malen. Dabei muss ihn der Götterfunke der Inspiration angefacht haben, und er fing an zu zündeln. Bis die Bank lichterloh brannte. Auf der Leinwand, versteht sich.

(zum Vergrößern Link anklicken)

Es dauerte nicht lange, da kam die Polizei, beäugte misstrauisch Schaefers verdächtiges Treiben und stellte die in solchen Momenten einzig korrekte Frage: "Sind Sie ein Terrorist?" Weil der Befragte sich nur im künstlerischen Sinne als Brandstifter verstand, antwortete er wahrheitsgmäß: "Nö." Und weil Polizisten es lieben, wenn Verdächtige die Wahrheit sprechen, ließen sie ihn in Ruhe weiter malen. Gedacht hat er sich: Wenn hier einer des Terrorismus verdächtig ist, dann ja wohl die quasi-kriminelle Bank mit ihren betrügerischen Finanzgeschäften. Gesagt hat er das natürlich nicht. Wer will sich schon unnötigen Ärger aufhalsen durch lautes Aussprechen von Wahrheiten? Dann schon lieber ein visuelles Statement in Gestalt eines Ölbildes, denn, so Schaefer, "it's a long way from painting a visual metaphor of the banks to actual terrorism".

Da auch Künstler nicht von Luft, Liebe und der Kunst leben, sondern allenfalls vom Verkauf ihrer Kunst, bot Schaefer seine brennende Bank auf Ebay feil. Und damit niemand auf die Idee käme, er sähe die Chase Bank als Einzeltäter an, stellte der schaffensfrohe Künstler bei Ebay gleich noch eine zweite Bank in Flammen ein, die Bank of America. Und war gespannt, was jetzt passieren würde.

Es passierte dies:

(zum Vergrößern Link anklicken)

In kürzester Zeit schnellten die Kaufgebote von 920 Dollar nach oben - Verkaufspreis nach beendeter Auktion: 25.200 Dollar ("Chase Burning", 28x22). Die abgefackelte "Bank of America" (8x6) brachte es nur auf 3.601 Dollar, ist aber auch viel kleinformatiger gehalten, so dass sich die Versteigerungserlöse - als Preise umgerechnet auf bemalte Quadratzentimeter - die Waage halten und der Künstler sich über seine beiden Verkaufsschlager freuen kann.

Neidlos freue ich mich mit dem geschäftstüchtigen Künstler, muss allerdings zugeben, dass ich "Chase Burning" gern bei mir an der Wand hängen hätte, mir dies aber bei solchen Mörderpreisen nicht leisten kann. Also warte ich geduldig, bis Schaefer auf den Merchandising-Trip kommt (tun sie ja früher oder später alle) und in die Kleinkunst-Produktion geht, sprich: preiswerte T-Shirts mit brennenden Banken bedruckt. Auf diese Weise könnte er - dem herrschenden Zeitgeist hinterhermalend - zum Millionär werden und ich hätte mein kleines Scherflein beigetragen.

Obwohl, wenn ich mir's recht überlege (schließlich will ich ja auch mal zu Geld kommen): Der Künstler könnte mir die Weiterbearbeitungsrechte an seinem Oeuvre abtreten, und dann nehme ich Pinsel und Ölfarbe und male in das Bild eine Menschenkette hinein, alle bewaffnet mit Wassereimern, um den Brandherd ein für allemal zu löschen. Einen Titel für das neugeschaffene Kunstwerk hätte ich bereits: 'Bail-out für Banken - die freiwillige Feuerwehr lässt grüßen'. Frühe Kaufangebote nehme ich ab sofort entgegen.

Freitag, 19. August 2011

Gehet hin und mehret euch


Er ist gekommen. Nun ist er da. Nun sage niemand, er habe keinen Sinn für die Symbolik der Location, auf der seine Erscheinung zu erscheinen beliebt; auserwählt wurde die Plaza de Cibeles in Madrid, in deren Mitte der berühmte Brunnen Fuente de Cibeles steht. Dieser Brunnen ist der griechischen Göttin Kybele gewidmet, welche sich wiederum - mythologisch gesehen - der Fruchtbarkeit widmet. Womit sich der Kreis symbolisch schließt:

Seid fruchtbar,
gehet hin und mehret euch,
mit einem Wort,
habt Spass!


Das ließ die Jugend sich nicht zweimal sagen.
Sie ging hin,
mehrte sich,
feierte und sang:
Es lebe der Papst
und die freie Liebe!

Ein paar Ewiggestrige gingen auch hin, standen herum und warteten auf eines der Wunder, für die seine Heiligkeit berühmt ist. Zum Beispiel: Frieden auf Erden. Oder: den Menschen ein Wohlgefallen. Oder: das Ende der Finanzkrise. Oder wenigstens: das Ende der Arbeitslosigkeit. Oder, in aller Bescheidenheit: etwas zu essen, sprich, etwas gegen die Armut.

Sie warteten vergeblich. Denn er kam, sah und sprach:

Retranca*

"Ich bringe euch nicht, wie üblich, Brot und Fisch,
und auch nichts Leckeres fürs Abendmahl.
Vielmehr werde ich dafür sorgen,
dass es Banknoten regnet."

Wie nicht anders zu erwarten, haben die ewig unzufriedenen spanischen Indignados genau daran etwas zu mäkeln. Wurde im spirituellen Umfeld des Veranstalters noch frohlockt, wie anziehend der katholische Weltjugendtag sei - "Der Jugendtag des Papstes zieht eine Million an" -, stänkerten die Empörten mit Blick auf den maroden spanischen Haushalt: Der Papstbesuch zieht uns 50 Millionen Euro aus der Tasche! Ein Argument, das schwer von der Hand zu weisen scheint.

Jedoch, da haben die Indignados die Rechnung ohne die geschäftstüchtige katholische Jugend gemacht. Wie es einer der Organisatoren ausdrückte: "Wir verbreiten nicht nur die Frohe Botschaft - wir verbreiten auch Millionen Euros an Einkünften aus dem Tourismus." Womit er sagen wollte: Gehet hin und mehret euch,
oh Euros!

Wenn das keine frohe Botschaft ist. Auch ein 21-jähriger Papstfan, angereist aus Philadelphia, bewies Geschäftssinn mit seiner vorwurfsvollen Botschaft an die Adresse der Empörten Spaniens: "Was wir hier machen, kurbelt schließlich eure Wirtschaft an - ich verstehe überhaupt nicht, was ihr da zu meckern habt."

Und was sagen die Indignados dazu? Die verstehen allmählich auch nichts mehr. Jüngste Berichte aus Madrid belegen, dass die teure Papstsause Tausende, wenn nicht gar Millionen von Indignados anzieht. Sie gehen hin, mehren sich, stehen fassungslos am Straßenrand und greifen sich an den Kopf, während sie das jungdynamisch-geschäftige Treiben der katholischen Jugend verfolgen. Den meisten von ihnen hat die Große Heilige Bumfiedelei die Sprache verschlagen; nur einigen wenigen Erleuchteten dämmert, was die Stunde geschlagen hat:

"Erst die pädophilen Priester
und jetzt die altersgeilen Kinder..."


*(Cover der galizischen Satirezeitschrift Retranca im Oktober 2010 anlässlich des Papstbesuches in Galizien im November 2010. Das Titelbild fiel der Zensur zum Opfer.)

Sonntag, 28. November 2010

Gute Geschäfte


Bevor morgen - ich schwör's - von neuem die Propagandamaschine angeworfen und aus allen Rohren das fulminant (bombastisch/sensationell/rekordverdächtig) gute Weihnachtsgeschäft uns um die Ohren gehauen wird, welches am ersten Adventswochenende - wie prognostiziert - eingefahren wurde und an den nun folgenden drei Wochenenden jeweils sich selbst exponentiell übertroffen haben wird; bevor es also wieder losgeht mit dem ganzen hochtourigen Hype um die boomenden Einzelhandelsumsätze und mir von jeder zweiten Zeitungsseite die originelle Schlagzeile "Süßer die (Kassen)Glocken nicht klingen" entgegenknallt, sollte der Sachverhalt noch schnell in dürren Worten auf den Punkt gebracht werden:


Samstag, 27. November 2010

Fürchtet euch nicht


Man kann über Discounter schimpfen wie man will, aber sie haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Der Kunde wird nicht zum Opfer akustischer Belästigung gemacht.

Weder liegt mir dort ein unablässig quäkender Ladenfunk in den Ohren, der mich penetrant warmherzig daran erinnert, wie ich den ersten Advent mit Speis' und Trank "für meine Lieben zuhause" noch adventsgerechter gestalten kann, noch werde ich mit vorweihnachtlicher synthi-streicher-gesättigter Fahrstuhlmuzak ("Lustig, lustig, tralalalala, bald ist Nikola-haus-a-bend da") in die saisonal obligate Stimmung genötigt. Beides kann mir den letzten Nerv rauben, und wenn sie mich dann auch noch an der Kasse (gefühlt) bis zum dritten Advent warten lassen, während die Wiederholungsschleife mir zum fünften Male einbläut, dass es nun wirklich nicht mehr lange hin ist bis zum Nikolaustag, wo ich doch die frohe Botschaft bereits beim Warten an der Käsetheke zum dritten Male vernommen hatte, dann haben sie mich dem finalen Wahnsinn ein gutes Stück nähergebracht. Akustisch fühlt es sich an wie unter der verblödenden Dunstglocke eines gigantischen Advents-Bierzeltes, und wenn man dann endlich den Weg nach draußen geschafft hat, fragt man sich, warum in aller Welt man so blöd war, hier auch nur einen einzigen Cent seines sauer verdienten Geldes zu lassen, weil, was machen die mit meinem Geld? Stellen sie mehr Personal ein, um an einem Samstagmittag Ende November ein paar Kassen mehr zu öffnen? Nein. Sie investieren es in die nächste Zündstufe des vorweihnachtlichen Folterinstrumentekoffers. Denn in anderthalb Wochen hat es sich ausgenikolaust, das heißt neue, an den hauptweihnachtlichen Höhepunkt dynamisch angepasste Dröhnung muss besprochen, bespielt und angeschafft werden, und wer glaubt, dass die Fanfare "Wir möchten, dass Ihre Adventszeit dieses Jahr noch besinnlicher und genießerischer wird!" nicht mehr steigerungsfähig ist, den wird in den kommenden Wochen das Fürchten gelehrt werden.

Selbstverständlich muss ich im Discounter ebenfalls an der Kasse Schlange stehen, aber wenigstens habe ich dort meine Ruhe. Sage keiner, er werde dadurch weniger zur Besinnlichkeit angestiftet: Wer schon mal zehn Minuten lang neben einem kassenzonentypischen, durchaus saisonal kompatiblen Aktionswarenaufbau gewartet hat, über dem links das Schild "Frostschutzmittel" hängt und rechts direkt daneben das Schild "Glühwein", der weiß: Er erreicht alsbald einen kontemplativ-zentrierten, fast spirituell zu nennenden Status, der seinesgleichen sucht, denn irgendwann im Laufe der zehn Warteminuten beginnt die Frage an ihm zu nagen, ob nicht das eine lediglich ein anderes Wort für das andere ist, denn warum zum Teufel trinkt ein Mensch Glühwein, wenn nicht um sich vor Frost zu schützen? Erst recht, wo das eine in einer gewaltigen Kunststoffhenkelflasche mit praktischer Ausgießtülle und das andere in einem nicht minder gewaltigen Tetrapack, ebenfalls mit praktischer Ausgießtülle, verpackt ist und man zu dem Schluss kommt, für beide Produkte hätte es auch ein einziger Verpackungsmodus getan, nämlich ein standsicheres Fässchen mit Abfüllhilfe, oben drüber "Frostschutz" und basta.

Endlich draußen, empfängt mit ausgebreiteten Armen mich Väterchen Frost, bereit, meine gebeutelten Hirnwindungen durch ein gnädiges Kältekoma vor weiteren verkaufsförderungsinduzierten Trancezuständen zu schützen. Es glaubt ja keiner, wie besinnlich-genießerisch sich so ein paar mentale Frostbeulen anfühlen.

Montag, 8. November 2010

Kopfkrise


Pünktlich zum Start der zweiten Novemberwoche dröhnte es mir heute früh ekstatisch aus dem Radio entgegen: Der Einzelhandel sei in Festtagsstimmung. Ein offenbar völlig zugedröhnter Angehöriger der Branche gab zum Besten, dass fürs kommende Weihnachtsgeschäft "Rekordumsätze" zu erwarten seien, gemessen an den flauen Zahlen der letzten Jahre. Rekordumsätze. Und das am frühen Morgen.

Beim Kaffeekochen verbrühte ich mir die Finger, als ich hörte, wie der Handelshansel seine Zuversicht begründete: weil nämlich die "Rahmendaten" stimmten. Rahmendaten! Ist es nicht großartig, dass es so etwas wie Rahmendaten gibt? In aller Regel werden sie aus der Tasche gezogen, wenn dem gemeinen Volk mal wieder irgendeine Geschichte auf die Nase gebunden werden soll. Gut, diesmal halt eine Weihnachtsgeschichte.

Im Jahr 2010 heißt die Weihnachtsgeschichte 'Handelsbarometer'. Die im 'Handelsbarometer' befragten Händler kriegen sich offenbar gar nicht mehr ein vor lauter Vorfreude auf den "erwartbaren", alle Rekorde brechenden weihnachtlichen Konsumrausch der Verbraucher. "Erwartbar?", fragte der Rundfunkmoderator, wie das bitte zu verstehen sei? Als Antwort kam das mit den "Rahmendaten", worunter wir bitte verstehen wollen: wachsende Beschäftigungszahlen, steigende Löhne und Gehälter, allgemein gute Stimmung im Land. Hey, das rockt: geschönte Arbeitslosenzahlen, sinkende bis stagnierende Löhne und Gehälter, steigende Energie- und Krankenkassenkosten, Bombenstimmung - da wird man doch noch ein bisschen euphorisiert im Wald pfeifen dürfen.

Zwei Stunden später fragte ich den deutschen Käselieferanten (vierfacher Familienvater) nach seinem erwartbaren weihnachtlichen Konsumrausch. "Statt zwei nur noch ein Geschenk pro Kind", sagte er ohne Umschweife, "ist hart, aber sie werden sich dran gewöhnen. Es gibt Schlimmeres, zum Beispiel eine ungeheizte Wohnung." Klare Worte. Ich bohrte weiter: was er unter "positiven Rahmendaten" verstünde? Da lachte der Käsemann und antwortete: "Keine Ahnung, aber du klingst so, als ob du mir gleich einen vom Pferd erzählen willst?" Nee, erwiderte ich, nicht vom Pferd, sondern vom Wirtschaftswachstum. Fand er richtig witzig: "Läuft aufs Gleiche raus." Fand ich dann auch witzig.

Am Rande erfuhr ich noch, dass aus der Sicht des Käselieferanten die Wirtschaftskrise auch ihr Gutes habe: Seit ein, zwei Jahren, erzählte er, sei "dieser Terror mit den Markenklamotten wie weggeblasen". Drei seiner vier Kinder gingen noch zur Schule, und er kenne keine Eltern mehr, die ihrem Kind eine Jeans für achtzig oder hundert Euro kaufen würden, "weil es inzwischen bei allen klemmt". Es sei normal geworden, in ganz normalen Jeans rumzulaufen. "Mit normal meine ich die Mehrheit", fuhr er fort, "die Mehrheit der Schüler läuft in ganz normalen Klamotten rum und muss sich nicht mehr von einer Minderheit diktieren lassen, welche Marken sie zu tragen haben." Das täte seinem Haushaltsbudget außerordentlich gut, in welchem es nämlich, wie er anmerkte, "keinerlei Anzeichen von Wirtschaftswachstum" gebe.

Heute mittag beim Radiohören war das Thema schon wieder auf dem Tapet. Es steht zu befürchten, dass die frohe Konsumbotschaft in den kommenden sechs Wochen per medialer Wiederholungsschleife gnadenlos in die Köpfe der Leute gehämmert wird. "Der Einzelhandel stellt eine ausgezeichnete Konsumstimmung bei Verbrauchern fest", wurde der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE) Josef Sanktjohanser zitiert, und zwar deshalb, so Johanser, weil "die Krise in den Köpfen der Leute" endgültig überwunden sei. So viel zu den Köpfen der Leute.

Und wo bleibt bei so viel Kopf das Herz? Frag' deinen vorweihnachtlich gedopten Einzelhändler, der kennt sich aus:
"Wenn es ans Herz geht, geben die Leute gerne Geld aus."
Das geht mir jetzt wirklich ans Herz.

Mittwoch, 1. September 2010

Feine Formsache


Armut hat auch ihre positiven Seiten.

Dazu musste ich aber erst das Kleingedruckte der Steuerbehörde lesen, was ich prinzipiell ungern tue, sich im aktuellen Fall jedoch gelohnt hat, wenn auch leider erst am späten Abend.

Armut erspart nämlich beim Erstellen der Einkommenssteuererklärung die überaus lästige Einkommensüberschussrechnung (EÜR): Liegt der Steuerpflichtige mit seinen Betriebseinnahmen unterhalb eines vorgegebenen Limits, darf er mit ausdrücklicher Erlaubnis des Finanzamtes
"...anstelle des Vordruckes EÜR der Steuerklärung eine formlose Gewinnermittlung beifügen."
Das liest sich jetzt wie der staubtrockenste, pupslangweiligste Blogbeitrag, den ich je verbraten habe. In Wirklichkeit war es die aufregendste kleingedruckte Entdeckung seit langem und die entspannteste Steuererklärung meines bisherigen Lebens.

Ich bin neuerdings Expertin für formlose Gewinnermittlung. Ist das nicht eine wundervolle Wortschöpfung aus dem wiehernden Maul des Amtsschimmels? Formlose Gewinnermittlung. Ich könnte dieses Wort küssen. Es hat mich zwar nicht reicher gemacht, aber mir einen ruhigen Restabend und einen erholsamen Schlaf beschert.

Dienstag, 1. Juni 2010

Rückenschwäche


Es kam, wie es kommen musste. "Und, was sagst du zum Rücktritt vom Köhler?" Statt meine Antwort abzuwarten, sprach Frau Übermop einfach weiter, so dass wir beide gleichzeitig ihre Frage beantworteten und natürlich kein Wort verstanden von dem, was die andere sagte, außer einem einzigen Wort, welches in beiden Antworten enthalten war. Das Wort hieß Rückgrat. Wir starrten uns entgeistert an und fragten uns, wieder gleichzeitig: "Wie, Rückgrat?"

Wie sich herausstellte, hätten unsere Vorstellungen von Rückgrat unterschiedlicher nicht sein können. Sie fand, dieser Rücktritt zeuge von Rückgrat und nicht etwa von dessen Fehlen und verdiene darum Respekt; ich war in allen drei Punkten gegensätzlicher Ansicht. Wir gerieten uns ordentlich in die Putzwolle. Damit nichts eskalierte, griff ich zum Flaschenboy, schob ab und pfefferte mit hohem Klirrfaktor geschätzte 57 leere Flaschen in den Container, jede einzelne dem Rückgetretenen hinterher. Bei meiner Rückkehr meinte ich versöhnlich, ob wir uns nicht auf Raab for President einigen könnten, was die beiden anwesenden Getränkelieferanten wesentlich lustiger fanden als Frau Übermop.


PS: War sonst noch was? Nein. Doch. Wer mir auch nur einen, nur einen einzigen Gastronomen nennen kann, der zur Zeit nicht gefährlich übersäuert durch die Gegend läuft, dem spendiere ich eine Palette Zitronen. Ja, ja, ich weiß, das schlechte Wetter. Sagen alle. Sogar die ohne Biergarten.


Donnerstag, 1. April 2010

Bienenzucht


Lustig summt es im Bienenstock. Die taz schaut ein wenig hinter die Fassade der sich antikapitalistisch aufführenden Unternehmer; also derjenigen, die sich aus angeblicher Überzeugung einer guten Sache verschrieben haben, denen das Prinzip der Profitorientierung - pfui! - völlig fremd ist und die mit einer solcherart vorgetragenen Firmenideologie ("sinnvoll für Mensch und Natur") einen guten Schnitt machen. Im Falle des "Ökokapitalisten" (taz) Alnatura 18 Prozent Umsatzsteigerung.

Statt Tariflöhnen bekommen die Mitarbeiter von Alnatura Yoga-Kurse, "der Chef meint, das genüge", schreibt die taz und zitiert Firmenchef Götz Rehn:
"'Wir haben eine Bieneninitiative. Wir haben Theatergruppen. Wir haben einen Chor. Wir haben die Yoga-Gruppe. Wir haben Winterseminare. Das bedeutet ja alles eine Erhöhung des Gehalts.'"
Kann man so sehen - wenn man sich brennend für Bienen und Yoga interessiert. Wobei ich mir schlecht vorstellen kann, dass hinter jedem der deutschlandweit 55 Alnatura-Supermärkte ein Bienenstock für die Mitarbeiter steht, oder dass in jeder der 55 Filialen ein Ruheraum mit Yogamatten vorhanden ist. Aber okay, was zählt, ist der gute Wille des Chefs oder jedenfalls sein öffentlich geäußerter guter Wille. Weil, Yoga klingt ja schon mal nach was Gesundem, wenn auch nicht nach mehr Geld. Andererseits, wer braucht schon Geld, wenn er nach der Arbeit mit Bienen spielen darf? Er kann ja, in Ermangelung von Mäusen oder Möpsen, seine Miete mit Bienen bezahlen.

Nun haben wir heute den ersten April und es hoffentlich nicht mit einem Aprilscherz zu tun, wenn die taz vermeldet:
"Ökokapitalist gibt nach - Alnatura will Tarif zahlen

Die von der taz ausgelöste Medienkritik am Lohndumping bei Deutschlands größter Bio-Supermarktkette Alnatura zeigt Wirkung: Das hessische Unternehmen hat angekündigt, künftig allen Mitarbeitern Gehälter mindestens in Tarifhöhe zu zahlen."
...wie sich das gehört, möchte man ergänzen, für ein Unternehmen, das sich auf die Werbefahnen geschrieben hat, "fair mit unseren Partnern in Produktion und Handel" umzugehen, aber vor lauter öffentlichkeitswirksamem Kampf gegen weltweite Kinderarbeit die eigenen Mitarbeiter unterbezahlt und keinen Betriebsrat duldet. Auf seiner Website wendet sich gestern Firmengründer und -chef Götz Rehn persönlich an die Öffentlichkeit und spricht diese mit folgenden Worten an:
"Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Kundinnen und Kunden,"
und schon wieder vergisst er seine Mitarbeiter; ich zumindest hätte es passend gefunden, wenn er daran gedacht hätte, auch an seine Mitarbeiter zu adressieren. Gerade an seine Mitarbeiter. Weil, um die geht es ja schließlich. Dachte ich.

Zum Entspannen legen wir uns jetzt auf die Yogamatte und summen ein lustiges Lied.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Kehraus



So. Das Jahr ist fertig. Der Weihnachtsmann ist auch fertig, aber endgültig. Fertig gemacht hat ihn die letzte Nacht - es ging hoch her. Es war nämlich die letzte Nacht des gastronomischen Jahres; heute an Silvester bleibt das Restaurant aus alter Tradition geschlossen. Deshalb hat es sich über die Jahre eingebürgert, die Nacht vom 30. auf den 31. Dezember als gigantischen Kehraus zu feiern. Jessas, haben die gefeiert.

Augenzeugen berichten, noch um vier Uhr in der Frühe habe qualvolle Enge und ausgelassenes Treiben geherrscht. Nicht ausgeschlossen, dass Frau Übermop bei Arbeitsbeginn (fünf Uhr) auf unerwartete Gesellschaft getroffen ist; aber da ist sie die Diskretion in Person. Als Mrs. Mop um sechs Uhr loslegte, herrschte Ruhe an Bord. Trügerische Ruhe - bis geschätzte 783 leere Proseccoflaschen einen Höllenlärm machten beim Entsorgen. Flaschen, so weit das Auge reichte, und ein am Klavier versumpfter Weihnachtsmann. Man fragt sich, ob es der Rotwein war, für welchen er hier übrigens keine Werbung macht, oder ob er besoffen ist von den rekordverdächtigen Abverkaufszahlen des Buches. Jetzt schläft er erst mal seinen wohlverdienten Rausch aus. Bis zum nächsten Jahr. Hicks.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Verkaufsförderung


Gut platziert ist halb verkauft. Alte Werberweisheit. Gibt es einen besseren Platz für Werbung als die Wand in einer Männertoilette, Abteilung Stehplätze?

Langer Blickkontakt auf Augenhöhe, entspannte Körperhaltung, hoher Aufmerksamkeitsfaktor, keine Reizüberflutung, keine Ablenkung. Kein Entkommen. Wer hier gepinkelt hat, der weiß, dass es am Tresen ein fabelhaftes Last-Minute-Weihnachtsgeschenk zu kaufen gibt. Wie man hört, läuft der Absatz reißend. Die Käufer sind vorwiegend männlichen Geschlechts, quer durch alle Altersgruppen. Na bitte. Wer braucht da noch Marktforschung.

Der Mann geht also nach getanem Geschäft zum Tresen, schiebt einen Zehner rüber und bekommt dafür ein Buch. Oder zwei oder drei, weil er denkt: wie praktisch, gleich mehrere Weihnachtsgeschenke auf einen Schlag. Frauen, denkt er, müssen dafür mindestens einen halben Tag durch die Stadt stiefeln, er dagegen braucht nur aufs Klo zu gehen und hat danach ein paar Sorgen weniger. Oder er verehrt das erstandene Buch gleich seiner Tischpartnerin im Restaurant. Und dann lesen die zwei in dem Buch und gackern und lachen, und irgendwann gackert der Nebentisch mit und schon wird noch ein Buch gekauft. Oder zwei oder drei. Warme Semmeln sind nichts dagegen.

Welches Buch jetzt? Jenes. Das große Buch der Zapfhahnblüten.

Freitag, 14. August 2009

Nase vorn

Das Wetter ist monstermäßig gut, die Saison läuft auf Hochtouren, das Wochenende naht, die Außenumsätze warten. Die großen Sonnenschirme warteten ebenfalls. Darauf, dass sich jemand ihrer erbarmt und sie dorthin schafft, wo sie hingehören, um den erwarteten Gästescharen Schatten zu spenden. Die Schirme sind groß. Die Schirme sind schwer. Die Sonne schien heiß. Der Schweiß rann. Die Schirme rührten sich nicht vom Fleck.
Irgendwie machten sie dann so einen Deal mit dem Baggerführer, gewitzt wie sie sind, die Gastronomen. Und oops, up, down, schon wuppte der Bagger mal eben die tonnenschweren Riesensonnenschirme von hier nach dort.
Der Rest war ein Kinderspiel. Fast, sagen wir mal so, weil, vier Männer und ein Sonnenschirm, das wäre doch gelacht.
Aufregende Zeiten sind das. Seit heute also ist die Gehwegnase vor dem Restaurant fertiggestellt und somit schanigarten-tauglich. Nach ihrer verkehrstechnischen Funktion fragt inzwischen keiner mehr, nachdem selbst Väter von Blogleserinnen mit ihrer Expertise ins Boot geholt wurden und bestätigt haben, was alle ahnten: Seit heute hat das Restaurant die Nase endgültig vorn.


Freitag, 24. Juli 2009

Hofhund

Hab ich's nicht gestern prophezeit? Dass die Schanigärten bald das ganze Viertel überwuchern werden? Nun, es scheint so weit zu sein: Die gastronomische Außenstelle auf der Straße wird durch eine zweite bereichert, nämlich einen Mini-Schanigarten im Hof. Um genau zu sein, in der Hofeinfahrt. Da, wo vormittags die Lieferanten ein- und ausfahren und momentan noch allerlei herumsteht.
Letzteres muss sich bis Montag ändern. Dann kann das fast idyllisch werden.
Es wird also einen Straßenschanigarten und einen Hofschanigarten geben. Es wird brummen, ich schwöre es. Hat jemand was von Krise gesagt? Gürtel enger schnallen und so? Nicht an diesem umsatzgesegneten Ort der Einkehr; hier wird jedes freie aushäusige Fleckchen auf seine Schanigartentauglichkeit untersucht.
Kann man das lesen? 'Hund' steht da auf der weißen Schale. Es ist an alles gedacht worden. Das wäre dann quasi der dritte provisorische Schanigarten.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Nase im Wind

Wenn der Amtsschimmel einmal zu wiehern angefangen hat, hört er nicht mehr auf. Erst kürzlich hat das Ordnungsamt einige Unordnung in den Gemütern hinterlassen. Nun haben sich gerade die Wallungen gelegt, da kommt der nächste Aufreger zur Tür herein.
Diesmal sind es die Amtsträger von der Verkehrsplanung. Das Restaurant, so ist zu erfahren, liege im sogenannten baulichen "Umgestaltungsbereich" eines Straßenabschnittes. Der Straßenabschnitt ist eigentlich ganz nett, so wie er ist: relativ wenig Verkehr, viele große alte Bäume, im Schatten ein paar Bänke zum Sitzen. Jetzt soll der Straßenabschnitt aber zu einem sogenannten "Begegnungsraum" umgestaltet werden. Genau. Ein Begegnungsraum. Als ob es den nicht bereits gäbe in Gestalt des Restaurants mit seinem überaus regen Garten- bzw. Straßenbetrieb. Eben diesem droht jetzt der Würgegriff durch die erforderlichen Baumaßnahmen auf den Bürgersteigen. Die Invasion erfolgte amtlicherseits wie aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung oder -info. Kein Wunder, dass die Nerven schon wieder blank liegen. Zumal, meteorologisch gesehen, ein stabiles Hoch in der Luft liegt und gute Freiluftumsätze verspricht. Baubeginn ist nächste Woche.
Ich habe dann einen Blick in das amtliche Begleitschreiben geworfen, in welchem wundersame Dinge geschrieben standen. Angekündigt werden diverse Objektinstallationen auf verkehrsberuhigten Straßen und Bürgersteigen; die Rede ist von "Sitzbubbles", "farbigen Betonwürfeln" sowie "Sitzauflagen aus Gummigranulat". Das klingt alles schwer postmodern und lässt sogleich die Suchmaschine rotieren. Die Sitzblasen interessieren mich am meisten; die ersten Suchergebnisse führen zu einem 'WC-Sitz Bubble 3D' (39,99 Euro) sowie zu dem premiumverdächtigen 'WC-Sitz Cool Bubble' (77 Euro). Wieso lande ich eigentlich immer bei WC-Sitzen, egal wonach ich im Netz suche? Erst wenn man tapfer die ganzen Klodeckel nach unten scrollt, wird offenkundig, dass es sich bei einer Sitzbubble keineswegs um ein Meditationskissen zum Aussitzen der Kreditblase handelt, sondern um so etwas. Eine Art futuristischer Flachsitzer. Mal sehen, wer künftig auf der baumbeschatteten Bank Platz nimmt und wer auf einer frei herumstehenden Sitzblase.
Betonwürfel muss ich nicht groß guhgeln, das werden Würfel aus Beton sein zum Schienbeinaufschlagen. Gummigranulat ist bestimmt etwas Praktisches, Wasserabweisendes, klingt halt irgendwie unsinnlich.
Aber dann stoße ich auf ein Wort, das mich augenblicklich fasziniert: die sogenannte "Gehwegnase". Steht da wirklich. Gehwegnase wie 'Geh weg, Nase!'. Alle Straßenecken rund ums Restaurant, heißt es in dem Schreiben, sollen zu Gehwegnasen umgebaut werden. Finde ich fabelhaft, bei all den dubiosen Gerüchen, die mich beim Arbeiten umgeben. Das heißt, immer wenn meiner Nase zum Davonlaufen zumute ist, renne ich kurz zum Restaurant raus, bleibe an der nächsten Nasenecke, ähm, Straßenecke stehen, hole ein paar Mal tief Luft und kehre gestärkt zurück. Gehwegnase besiegt Küchengully. Nie mehr sage ich etwas Despektierliches über kommunale Verkehrsplanung.