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Mittwoch, 22. Juni 2011

Was wäre wenn?


Ach ja.
Das Leben ist schön.
Die Welt ist in Ordnung.
Die Sonne scheint.
Die U-Bahn fährt.
Die Zeitung liegt im Briefkasten.
Die Brötchen sind knusprig wie immer und auch sonst läuft alles ganz normal.

Bild: flickr

Fast schon langweilig das alles.

Mir ist nach ein wenig Unterhaltung. Eben habe ich sie gefunden und mich wirklich gut amüsiert dabei. Bei der Frage nämlich: Was wäre wenn? Zum Beispiel: Was wäre, wenn die Titanic sinken würde? Was würden die Politiker, die Medien und die Experten dieser Welt dazu sagen? Immer vorausgesetzt natürlich, keiner von ihnen wäre bereit zuzugeben, dass die Titanic sinkt.

Da diese Voraussetzung als gegeben betrachtet werden kann, begeben wir uns für einen Moment nach Amerika. Ist aber egal - wir könnten genauso gut, sagen wir, in Europa bleiben; nur kommt halt gerade von der amerikanischen Titanic so eine schöne Steilvorlage, oder vielmehr Sinkvorlage. Also, die Frage lautet: Wenn die Titanic heute sinken würde, wie würden der Präsident, die Medien und Wall Street diesen Untergang den Leuten verkaufen? Immer vorausgesetzt natürlich, die Leute würden es selbst gar nicht merken, dass die Titanic untergeht.

Da diese Voraussetzung bei vielen - nicht allen, wie speziell in Südeuropa derzeit gut beobachtbar - Leuten als gegeben betrachtet werden kann, fangen wir jetzt endlich an mit unserem Was-wäre-wenn-Spielchen. Es wird lustig, versprochen. Und nicht vergessen: Genau wie die richtige Titanic gilt auch unsere Spiel-Titanic bei den Experten als unsinkbar, was eine wichtige Komponente des Spiels ist, wenn wir uns ab sofort vorstellen, dass die Titanic gerade im Begriff ist, einen veritablen Eisberg zu rammen und die Experten ihren verquirlten PR-Senf dazu geben.

Los geht's:

Die Pressesprecherin des Weißen Hauses: Dieser Eisberg wurde im Atlantik von Osama bin Laden plaziert.

Der Chef-Chemiker: Das ist kein Eisberg. Das ist lediglich ein wasserstoffreduzierter Oxyd-Festkörper.

Al Gore: Dieser Eisberg wäre nicht dort, wenn die Polarkappen nicht am Schmelzen wären.

Der Kongressabgeordnete: Schnell, wir verabschieden ein neues Gesetz, das besagt, dass Schiffe nicht sinken dürfen.

Präsident Obama: Die Titanic sinkt nicht. Sie ist lediglich in 'aquatische Aktivität' involviert.

Der ehemalige Präsident Bush: Eisberge sind Massenvernichtungswaffen, die von den Terroristen im Ozean versenkt wurden. Wir müssen uns an den Eisbergterroristen rächen!

Das Pentagon: Wir werden das Loch auf der einen Seite des Schiffes ausgleichen, indem wie auf der anderen Seite ein dazu passendes Loch reinsprengen.

Der Sicherheits-Bodycheck-Beamte: Niemand hat die Erlaubnis, ein Rettungsboot zu betreten, bevor wir nicht seine rückwärtige Körperöffnung auf explosives Material durchsucht haben.

Der Onkologe: Wir können das Loch im Schiff zwar nicht reparieren, aber mithilfe der Wunderwaffe Chemotherapie werden wir Sie einem solchen Leidensdruck aussetzen, dass Ihnen das Loch egal sein wird.

Der Wall Street Investmentbanker: Macht euch keine Sorgen, die Fed wird alles Wasser, das wir auftanken, wieder bailouten. Ihr wisst doch, die Titanic ist too big to fail.

Das Teeniegirl: Kann ich unter Wasser immer noch sms von meinem iPhone schreiben?

Otto Normalverbraucher: Ist die Schiffscafeteria noch geöffnet?

Das Gesundheitsministerium: Wir glauben, das Schiff sinkt wegen einer aus der Bordküche stammenden ehec-Infektion.

Die Seuchenbehörde: Jeder, wirklich jeder sollte geimpft werden, bevor das Schiff sinkt, für den Fall, dass sich im Wasser ein Haifischgrippevirus befindet.

Der New Age Experte: Es gibt kein Loch im Schiff, solange du nicht daran glaubst, dass es ein Loch im Schiff gibt.

Der akademische Experte: Ich habe ein Gutachten publiziert, das bestätigt, dass dieses Schiff unsinkbar ist. Möchte irgend jemand es vielleicht lesen?

Der katholische Priester: Ich finde, wir sollten als erstes alle Kinder retten. Auf welchem Rettungsboot waren nochmal die Kinder?

Der Journalist: Die Titanic hat ein Loch im Rumpf, aber von offizieller Seite wurde uns gesagt, es handle sich lediglich um eine 'aquatische Aktivität', deshalb gibt es keinen Grund zum Alarmismus. Wir halten unsere Quellen für glaubwürdig.

Die Zentralbank: Wir haben beschlossen, noch mehr Wasser ins Schiff zu pumpen, in der Hoffnung, es dadurch wieder flott zu bekommen.

Die Regierung: Hey, diese Deckstühle sehen sehr hübsch aus. Lasst sie uns neu anordnen!

Der Schiffsarzt: Bevor wir keine paar Dutzend Computertomogramme vom Schiffsrumpf anfertigen lassen und diese bei der Kasse abrechnen, haben wir keine Ahnung, was hier zu tun ist.

Der Realitätsverweigerer: Hört auf, so negativ daherzureden. Konzentriert euch auf das Positive und ihr werdet keine Rettungswesten brauchen.

Der Realist: Leute, das Schiff sinkt. Vielleicht erwägt ihr mal, euren Hintern zu bewegen, wenn ihr am Leben bleiben wollt.

Die begriffstutzigen Massen: Nur keine Panik, dieses Schiff ist unsinkbar. Selbst wenn es sinken würde, gibt es ja jede Menge Rettungsboote. Selbst wenn es nicht genügend Rettungsboote gibt, haben wir ja alle Rettungswesten. Selbst wenn wir nicht genügend Rettungswesten haben, wird ja die Regierung kommen und uns retten.
Hatte ich zu viel versprochen? Wir wünschen weiterhin gute Unterhaltung an Deck. Bordkapelle, Musik zwo drei!

Freitag, 27. Mai 2011

Der Müll, das Leben und die Not



Crane ist das Pseudonym einer amerikanischen Bloggerin. Das Wort crane hat im Englischen zwei verschiedene Bedeutungen: 'Kranich' oder 'Kran'. Die Bloggerin crane jedoch will diesen Namen explizit als beides verstanden wissen: Kranich und Kran. Unter dem Blogtitel Dumpsters 2001 schreibt crane über ihr Leben als professionelle Dumpster-Diving*-Fachfrau und firmiert dabei mit dem Nickname crane-station.

Crane ist etwa 50 Jahre alt ("I'm in good shape!"), arbeitslos, verheiratet mit einem ebenfalls arbeitslosen Mann. Dessen Arbeitslosenunterstützung lief letztes Jahr aus; seither leben die beiden von der Sozialhilfe. Um genau zu sein: Natürlich leben sie nicht von der Sozialhilfe, denn mit den Zahlungen aus der Sozialhilfe schaffen sie es gerade mal, Miete und Heizkosten zu bestreiten, die Autoversicherung, die Internetverbindung, Telefon- und laufende Rechnungen.

Für Lebensmittel bleibt so gut wie kein Geld übrig. Die monatlich bewilligten food stamps (Lebensmittelmarken) in Höhe von etwa 20 Dollar würden allenfalls reichen, um das Benzin für die Fahrten zum Lebensmitteleinkauf zu finanzieren. So beschlossen crane und ihr Ehemann im November 2010, zum Sattwerden auf Dumpster Diving umzusteigen, und zwar systematisch, gut organisiert und bis ins kleinste Detail durchgeplant - professionell eben und "with positive results".

Inzwischen hat sich das systematische Dumpster Diving der Eheleute weit über das bloße Beschaffen von Lebensmitteln hinaus entwickelt: Altmetall, Kupferdrähte, Batterien, Kartonagen, Getränkedosen, Haushaltsgegenstände und -geräte - es gibt fast nichts, was die beiden nicht schon ergattert hätten auf ihren straff und umsichtig durchgezogenen Beutezügen. Mit dem Weiterverkauf von Metallschrott finanzieren sie inzwischen ihre Benzinkosten, müssen allerdings befürchten, demnächst zur Einkommenssteuer aus diesen Transaktionen veranlagt zu werden.

Sicherlich ist Dumpster 2011 nicht das einzige Blog, das sich mit Dumpster Diving befasst. Aber mit Sicherheit ist crane-station die frechste, intelligenteste und erfrischendste unter den Müllverwertungsbloggern.
"Glauben Sie mir, die Konkurrenz auf diesem Gebiet schläft nicht. Die Konkurrenz wächst. Dumpster Diving entwickelt sich zum Mainstream. Neulich trafen wir zur gewohnt frühen Stunde bei der Autowaschanlage ein, um Getränkedosen zu sammeln und begegneten einem Mann. Wir dachten, er sei gekommen, um dort seinen Müll abzuladen. Er dachte, wir seien gekommen, um unseren Müll abzuladen. Er war scharf auf unsere Getränkedosen. Wir waren scharf auf seine Getränkedosen. Am Ende haben wir uns alle drei totgelacht."
Crane-station versteht sich wunderbar aufs Geschichtenerzählen aus der nicht immer wohlriechenden Parallelwelt der Dumpster Diver. Außerdem ist sie eine scharfe und scharfzüngige Beobachterin des wachsenden Elends in ihrem Land. Sie spart nicht mit beißender Sozial- und Systemkritik, und ihre lakonisch-sarkastischen Kommentare zum Status quo wie auch Status in spe dürften bereits den einen oder anderen, sich abgesichert wähnenden Leser nervös gemacht haben.
"Ich habe den Verdacht, dass viele Leute - mögen sie auch nicht so hart an der Schmerzgrenze leben wie wir - so etwas wie eine zehnminütige Halbwertzeit haben, was ihren Lebensstil angeht. Lass' irgend etwas Unerwartetes in ihrem Leben passieren, und diese Leute werden Müllcontainer in einem ganz neuen Licht sehen."
Es kann (fast) jeden treffen.



*deutsch: 'Containern', siehe Wikipedia-Artikel; wesentlich informativer ist der englische Wikipedia-Eintrag.

Montag, 25. April 2011

Aus zweiter Hand


Die Vergutscheinisierung des prekären Lebens macht gewaltige Fortschritte. Amerika hat dabei wieder mal die Nase vorn: Während hierzulande noch über Bildungsgutscheine für Arme debattiert wird, ist man drüben einen Schritt weiter (via angryblacklady).

Ein republikanischer Abgeordneter des Staates Michigan namens Bruce Caswell zeigte viel Fingerspitzengefühl und obendrein Sinn fürs Visionäre, indem er einen Haushaltsentwurf vorlegte, nach dem Pflegekinder künftig nur noch in Second-Hand-Klamottenläden (zum Beispiel jenen der sogenannten Heilsarmee) eingekleidet werden sollen.

Um zu verhindern, dass staatliche Bekleidungszuschüsse in teuren Modegeschäften (wie zum Beispiel Walmart oder H&M) verprasst werden, ist die Ausgabe von Bekleidungsgutscheinen geplant, die ausschließlich in Second-Hand-Läden einzulösen sind - endlich der angemessene Lifestyle für solche Kinder, die oft als zweitklassig betrachtet werden.

Sage niemand, die Sparmaßnahme des konservativen Politikers habe keinen erzieherischen Wert: Sollte der lokale Second-Hand-Laden gerade keine abgelaufenen Kinderschuhe in passender Größe im Sortiment führen - bitte, Thrift-Stores sind schließlich keine Luxuskaufhäuser -, geht das Kind eben barfuß zur Schule. Jawohl, geht, denn Busfahren verweichlicht und ist außerdem viel zu teuer.

Überhaupt, Stichwort abgelaufen. Visionär an dem Plan des republikanischen Sparbrötchens ist ja, dass das Secondhand-Prinzip beliebig ausgeweitet und auf andere Bereiche des täglichen Grundbedarfs angewendet werden kann. Zum Beispiel abgelaufenes Essen, warum ist da bisher noch keiner draufgekommen! Alle zwei Tage ein Gutschein für drei Tage altes Brot, das macht das Kind satt und hält seine Zähne gesund. Na gut, vielleicht noch einen Gutschein für zwei zerbeulte Konservendosen, wir wollen nicht kleinlich sein. Fleisch dagegen kommt höchstens einmal die Woche auf den Tisch, da tun es ein paar Lebensmittelmarken für anderweitig nicht mehr absetzbares Gammelfleisch.

Unbestätigten Gerüchten zufolge wird der Abgeordnete in Bälde einen neuen, diesmal bahnbrechenden Coup aus dem Ärmel ziehen: Um das kostensparende Secondhand-Versorgungsmodell zu optimieren, soll es künftig armen Familien erlaubt sein, sich ausschließlich dem - eigentlich illegalen - Dumpster Diving ("Containern") hinzugeben; selbstverständlich unter strenger staatlicher Kontrolle. Und nur gegen Vorlage eines Berechtigungsgutscheins.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Prekärer Nebenerwerb


Lustig. War mir gar nicht klar, in welch enger Nachbarschaft die Spezies Minijobber mit der Kategorie Kleingangster lebt. Anscheinend laufen bei letzteren die Geschäfte auch nicht mehr so prosperierend, weshalb sich immer mehr Kriminelle (!) mit Schwarzarbeiten (!) durchschlagen, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Sagt jedenfalls ein jüngst erschienener Report in der Ganoven-Fachzeitschrift Crime Scene, the trade magazine for the legally challenged (auf deutsch: Fachzeitschrift für die juristisch Behinderten). Einschlägige Gesetzesbrecher wie Taschendiebe, Drogenhändler oder klassische Einbrecher, so ist zu lesen, sind neuerdings derart knapp bei Kasse, dass sie ihr schmal gewordenes Budget mit nebenberuflichen Tätigkeiten aufbessern müssen - sonst reicht's hinten und vorne nicht.

'Daran ist der konjunkturelle Abschwung schuld', bestätigte 'Mad' Mick Morgan (Einbrecher und Herausgeber der Fachzeitschrift), 'in den Häusern der Leute liegt einfach nicht mehr so viel wertvolles Zeug rum, das sich abzugreifen lohnt.'

Von einem Drogendealer wird berichtet, er arbeite nebenher schwarz bei der Feuerwehr.

'Genau genommen', sagte Phil 'The Hammer' Jones (Gangster und Kriminologe), 'ist es schwierig geworden zu unterscheiden, welche Art der Berufsausübung mehr zur Unredlichkeit verleitet - Bankgeschäfte oder Einbruchsdiebstahl, Politik oder Zuhälterei.'

'All dies übt einen schrecklichen Druck aus auf die Familien von Verbrechern', ergänzte Sir Paul 'Fingers' Stephenson (Gelegenheitsdieb und Beauftragter bei der Metropolitan Police). ***

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Phil 'The Hammer' seinem Kollegen Sir Paul 'Fingers' anlässlich dessen Amtseinführung in seinen Zweitjob gratuliert haben mit den Worten: Schuster, bleib bei deinem Leisten!


***frei übersetzt aus dem britischen Satire-Magazin NewsBiscuit

Sonntag, 2. Januar 2011

Lebkuchen-Slums



Jetzt, wo allmählich der Appetit auf Stollen, Spekulatius und Co. vergangen sein dürfte,


...der Christbaum zu nadeln anfängt und die neue Digitalwaage zum Einsatz kommt,


...kann man ja mal einen Blick in die weniger appetitlichen Wohngegenden riskieren.


Freitag, 17. Dezember 2010

Schnee flog übers Kuckucksnest


Bin eingeschneit. In einem psychiatrischen Krankenhaus. Gelegen auf dem Hochplateau eines deutschen Mittelgebirges. Dabei wollte ich hier bloß einer Weihnachtsfeier beiwohnen. Die war sehr schön. Tja. Jetzt sitze ich fest. Gute Nacht allerseits.

Freitag, 3. Dezember 2010

Verschärfte Rhetorik


Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als frühmorgens wehrlos im Bett zu liegen, während die stählerne, rasiermesserscharfe Stimme der Arbeitsministerin aus dem Radio auf meinen Nerven herumsägt. Es ist diese Stimme. Eine Stimme wie aus Hartmetall geschmiedet. Noch bevor ich überhaupt weiß, auf was die Rasierklinge hinaus will, suche ich im Dunkeln nach großkalibrigen Wurfgeschossen, um das Radio in tausend Teile zu zerschießen. Diese Stimme fräst sich derart gnadenlos durchdringend in die verschlafenen Gehörgänge, dass ich - urplötzlich hellwach und hyperaktiv - gar nicht schnell genug aus den Kissen springen kann, um der Off-Taste den K.o.-Schlag zu verpassen. So stelle ich mir das Weck-Kommando im Kasernenumfeld vor: Weiterdösen unerwünscht, strammgestanden!

Die eiserne Jungfrau dozierte zu ihrem Lieblingsthema, der Knebelung von Hartz-IV-Empfängern auf der nach unten offenen Schikane-Skala. Es ging, wenn meine gemarterten Schlafplüschohren das richtig mitbekommen haben, um die Neuberechnung des Regelsatzes (nach unten, wohin sonst). Zu diesem Zweck, so die Rasierklinge, gälte es, die "Referenzgruppe" für diese Berechnung neu zu definieren. Referenzgruppe? Ich dachte immer, die sei längst definiert durch das gebetsmühlenhafte Mantra 'Der Abstand zu den untersten Lohngruppen muss gehalten werden', vulgo Lohnabstandsgebot?

Von wegen - nichts ist so weit unten, dass es nicht noch tiefergelegt werden könnte: Statt wie bisher das untere Fünftel der Arbeitnehmer als Maßstab zugrunde zu legen, sollen es künftig nur noch rasierklingenscharfe 15 Prozent sein, die als Vergleichsrahmen dienen. Wohlgemerkt, die untersten 15 Prozent der Arbeitnehmer statt der bisherigen unteren 20 Prozent. Was ja schon einen kleinen Unterschied ausmacht für all jene, die es darauf anlegen, die entsprechenden Zahlen nach unten schön oder vielmehr hässlich zu rechnen.

Trotz meines Hechtsprunges aus dem Bett hämmerte mir kurz vor Erreichen der Ausschalttaste am Radio noch der in Kruppstahl gegossene Satz "...weil sonst der Abstand zur arbeitenden Bevölkerung zu gering wird" entgegen. Dieser Satz ist mir den ganzen Tag im Ohr hängengeblieben. Ein höchst bemerkenswerter Satz, wie ich finde - oder kursiert diese Rhetorik schon länger und nur ich habe es wieder mal verpasst? Zwischen dem Abstand zu den untersten Lohngruppen einerseits und dem Abstand zur arbeitenden Bevölkerung andererseits besteht doch wohl ein, so darf man sagen, gewaltiger Abstand, und zwar beileibe kein bloß rhetorischer, vielmehr ein gewaltiger qualitativer Abstand, oder nicht?

Die Rhetorik verschärft sich. Rasiermesserscharf.

Freitag, 5. November 2010

Außer Besen nix gewesen


Oh, wie lustig das bunte Herbstlaub durch die linden Lüfte wirbelt! Ist es nicht eine Freude? Jeden Tag lese ich eine dieser launigen Meldungen im Lokalteil über die frühlingshaften Temperaturen, dank derer die Menschen ihre eigentlich anstehende Herbstdepression noch eine Weile vor sich her schieben können (ich ja auch); extrem mild sei er, der Übergang vom Spätherbst in den Advent - wann öffnen nochmal die Weihnachtsmärkte? - egal, alle streben leichtgeschürzt in die Straßencafés, gehen spazieren wie die Weltmeister und erfreuen sich an den subtropischen Luftmassen, welche wiederum für viel frischen Wind sorgen und, siehe oben, das Laub so lustig wirbeln lassen.

Sehr lustig, dieses Laub. Noch. Denn noch hat der große Dauerregen nicht eingesetzt, den die Meteorologen ankündigen. Aber er wird kommen, und dann ist Schluss mit lustig, dann wird's pampig auf den Straßen - namentlich auf den Radwegen. Seit Tagen ist in den frühen Morgenstunden zu erleben, wie gewaltige Laubmassen von den Straßen auf die Radwege gekehrt werden, gern auch auf die Fahrradspur am Rande der Straße. Weil, irgendwo muss das ganze Zeug ja hin, sehe ich ja ein. Nur, warum es dort auch liegen bleiben muss, sehe ich weniger ein.

Mittlerweile will mir scheinen, es steckt ein Plan dahinter. Jeden Morgen pflüge ich durch feinsäuberlich aufgetürmte Laubberge, danke inständig dem Herrgott, dass er es noch nicht hat dauerregnen lassen, und jeden Mittag, wenn ich dieselbe Strecke zurückfahre, hat der stürmische Wind das zusammengefegte Laub wieder, nun ja, in alle Winde verweht. Will sagen, die Blättermassen nehmen nicht ab, sondern zu, weil das aufgehäufte Laub einfach liegen bleibt, neues Laub herabfällt, Winde kommen, Winde gehen, undsoweiterundsofort. Echt lustig, das.

Auch heute früh begegneten mir wieder ein paar laubkehrende Mitarbeiter der Stadtreinigung (ist die überhaupt noch kommunal organisiert? Oder bereits privatisiert? Teilprivatisiert? Oder in den Händen irgendeiner dubiosen sogenannten Beschäftigungsgesellschaft? Ach, man weiß so vieles nicht...). Wie jeden Morgen häuften sich die Häufchen zu Haufen. Ich - auf der Sinnsuche - bremste und fragte den netten jungen Mann mit dem Riesenbesen, was das für einen Sinn habe: Jeden Morgen Häufchen zu Haufen häufen, liegenlassen und am nächsten Morgen dasselbe Spiel von vorne. Wieso, wollte ich von ihm wissen, werde das Zusammengefegte nicht zweckmäßigerweise abtransportiert?

Weil, antwortete der nette junge Mann, "die kein Geld haben, die sind doch alle pleite". Zum Abtransport, fuhr er fort, brauche man genügend Spezialfahrzeuge, Laubgebläse und -gesauge und derlei Teures mehr, und dafür sein halt kein Geld da. Leuchtete mir ein. Wer hätte noch nie von klammen kommunalen Kassen gehört?

Nicht einleuchten wollte mir dagegen, wieso dann Geld da sei für sinnloses Laubfegen? Teure Personalkosten, für nix und wieder nix? Da lachte der junge Mann lustig - oder war es ein bisschen zynisch? - und sagte: "Wieso teuer? Die kriegen doch sogar noch was dafür!" Ich guckte begriffsstutzig - mitunter stehe ich ganz fürchterlich auf dem Schlauch -, worauf er einen Daumen senkrecht in die Höhe hob und schief grinsend erklärte: "Ein Euro, mehr is' nich'." Ach so. Subventionierte Beschäftigungsmaßnahme. Der Groschen fiel.

Das Grinsen des Ein-Euro-Jobbers wurde ein klein wenig bösartiger. "Irgendwie müssen die ja unter die versprochenen drei Millionen kommen", womit er auf die Arbeitslosenquote anspielte. Ich verstand, wenn auch unter Schmerzen in den Gehirnwindungen: Da fegen Langzeitarbeitslose Tag für Tag Laubberge zusammen, die dann vom Wind wieder auseinandergefegt und von den Beschäftigten (!) wieder zusammengefegt werden, bis der Wind die Laubberge wieder auseinanderfegt, undsoweiterundsofort - Hauptsache, sie, die Beschäftigten, sind aus der Statistik gefegt. Heiliger Strohsack.

"Heißt ab nächstem Jahr anders. Heißt ab 2011 Bürgerarbeit", setzte der nette junge Mann hinzu, "tolle Idee, was? Auf dem Mist der Arbeitsministerin gewachsen." Sarkastisch hob er beide Daumen in die Höhe.

Ich sehne den Tag herbei, an dem der Arbeitsministerin die Besen um die Ohren fliegen.



Samstag, 16. Oktober 2010

In den besten Häusern zuhause


Statusunterschiede sind ja etwas ganz Normales unter Menschen.

Die einen gehen in die Pizzeria um die Ecke, die anderen ins Vier-Sterne-Restaurant mit Parkpanorama. Die einen sitzen an nackten Holztischen, die anderen über gestärktem Damast. Und während es den einen passieren kann, dass ihnen plötzlich die Gemeine Küchenschabe übers blanke Holz huscht, dürfen die anderen mit Recht beanspruchen, dass - wenn schon, denn schon - das blütenweiß gebügelte Tischtuch nur von ausgewählten Vier-Sterne-Kakerlaken betreten werden darf.

So geschehen vor ein paar Tagen im eleganten Jean-Georges in New York City, direkt am Central Park gelegen. Gegen neun Uhr abends gellte ein Schrei durch das für seine ruhig-gediegene Atmosphäre bekannte Etablissement: Auf einem Fünf-Personen-Tisch bahnte sich eine hungrige Edelschabe ihren Weg zwischen edlen Schälchen mit Edel-Sushi-Thunfisch. Der Schrei soll eher unedel geklungen haben - gefolgt von tödlicher Stille im ganzen Restaurant.

Gut, wenn so eine Kakerlake haarscharf am Pizzateller vorbeigrätscht, geht der Wellnessfaktor temporär auch nach unten. Aber, oh my god, im 4-Sterne-Lokal! Wenn sich das herumspricht! Peinlichkeit, nimm deinen Lauf. Was tun? Da hilft nur eines: Vier-Sterne-Katastrophenmanagement.

Schritt Eins: Das Ungeziefer mithilfe einer geknüllten Damastserviette einfangen - von einem beherzten, aber ungeübten Edelkellner. Weil, wenn geübt, würde das ja schon wieder einen generalverdächtigen Eindruck machen. Da aber ungeübt, gelingt der Schabe das unversehrte Entkommen. Was die Peinlichkeit nicht etwa lindert, sondern zunächst verstärkt.

Schritt Zwei: Die schockierten Gäste schleunigst umsetzen an einen ungezieferfreien Tisch - eine Illusion, an die sich trotz der soeben entronnenen und vermutlich immer noch hungrigen Schabe alle Beteiligten verzweifelt klammern.

Schritt Drei: Die fünf Gäste ablenken. Mit Essen natürlich, womit sonst. Zum 98-Dollar-Drei-Gänge-Dinner wird ein zusätzlicher Gang gereicht, danach diverse zusätzliche Desserts. Stopfung mit System.

Schritt Vier: Die fünf Gäste so betrunken machen, dass sie sich hinterher an nichts mehr erinnern können. Schwerer Dessertwein sowie Champagner werden eingeflößt.

Schritt Fünf: Die unmittelbaren Nachbartische mit je einer Runde Gratisdrinks ebenfalls betäuben.

Schritt Sechs: Ein Stoßgebet zum lieben Gastronomengott schicken, dass der peinliche Zwischenfall im kollektiven Edelrausch ersäuft und vergessen sein möge.

So weit, so vorbildlich. Hätte da nur nicht ein New Yorker Edel-Gastrokritiker Wind von der Sache bekommen und sie im Diners' Journal Blog der New York Times genüsslich breitgetreten. Jetzt zerreißt sich, nicht minder genüsslich, die halbe Stadt den Mund - wie das halt so läuft, wenn etwas vorkommt, was selbst in den besten Häusern vorkommt. Wäre ich Pizzeriabetreiber, würde ich mir genüsslich die Hände reiben und denken: Statusunterschiede haben auch ihre Vorteile.

Montag, 4. Oktober 2010

Unter Druck


Pressure putting down on me
Pressing down on you no man ask for
Under pressure - that burns a building down
Splits a family in two
Puts people on streets.

It's the terror of knowing
What this world is about
Watching some good friends
Screaming 'Let me out'
Pray tomorrow - gets me higher
Pressure on people - people on streets

This is our last dance
This is ourselves
Under pressure
Under pressure
Pressure
(Freddy Mercury & David Bowie, 1981)



Ein arbeits- und wohnsitzloser Mann.
Zwei Handpuppen.
Ein Song.
Mehr braucht es nicht, zum Lachen und zum Heulen.

Donnerstag, 30. September 2010

Märchenstunde


Die Geschichte ist schnell erzählt:

Ein Mann, 48 Jahre alt, von Beruf Spüler in einer Restaurantküche in St. Petersburg, Florida (USA), fährt am 12. September 2010 nach Beendigung seiner Nachtschicht auf seinem Fahrrad nach Hause, wird von einem unbekannten Autofahrer gestreift und vom Rad geworfen. Das Auto hält nicht an; der Fahrer begeht Fahrerflucht und wurde bis heute nicht identifiziert. Sechs Tage später erliegt Neil Alan Smith seinen schweren Kopfverletzungen, drei Tage vor seinem 49. Geburtstag.

Kurz nachdem der Unfall, die Fahrerflucht und der Tod des Unfallopfers auf der Website der Zeitung St. Petersburg Times gemeldet worden war, besaß ein anonymer Leser die Charaktergröße, den folgenden Kommentar zu posten:
"Ein Mann, der im Alter von 48 Jahren als Spüler bei Crab Shack (Name des Restaurants) arbeitet, ist mit Sicherheit tot besser dran als lebendig."
Tough shit
, dachte ich beim Lesen. Ob dieser Kommentator sich zu mehr Sensibilität hätte aufschwingen können, wenn der zu Tode gefahrene Spüler erst 38 oder 28 Jahre alt gewesen wäre? Was, wenn der Mann bereits 58 Jahre alt gewesen wäre? Wäre es um ihn dann weniger schade gewesen als um, sagen wir, eine totgefahrene und liegengelassene Katze? Was ist das für ein Mensch, der von seinem Computer aus die Welt wissen lässt, dass ein Niedriglohnjob schlimmer ist als der Tod?

Charakter zeigt sich darin, wie jemand sich verhält, wenn niemand zuschaut (zum Beispiel beim nächtlichen Umfahren eines Radfahrers), oder auch darin, wie jemand anonym kommentiert.

Oder darin, wie jemand reagiert auf Täter, die im Schutze der Anonymität handeln. Gestern hat die St. Petersburg Times (via MetaFilter) Charakter bewiesen: Sie veröffentlichte einen ausführlichen, feinfühligen Nachruf auf den 48-jährigen Spüler Neil Alan Smith, aus dem deutlich hervorgeht, warum es eine Reihe von Menschen gibt, die den Verstorbenen schmerzlich vermissen. Respekt vor dem Autor, vor dem Toten, vor den Hinterbliebenen.

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall", sprach der altersschwache Esel, der vom Hof verjagt wurde und auf den alten Hund traf, der fortlief von seinem Herrn, da dieser ihn wegen seiner Schwäche totschlagen wollte; dann der alten Katze begegnete, die wegen ihrer stumpfen Zähne keine Mäuse mehr fangen konnte und darum ersäuft werden sollte; dann dem alten Hahn, der für den Festtagsbraten geschlachtet werden sollte. Und so kam es zum Märchen von den vier Bremer Stadtmusikanten. Wenn sie nicht gestorben sind, überleben sie noch heute.

Freitag, 10. September 2010

Im Schwitzkasten


Wie geht das schöne Sprichwort? Aus Dummheit wird man klug. Oder so ähnlich. Ist ja auch logisch, denn es kommt kein Mensch klug auf die Welt. Vor allem in den ersten Lebensjahren machen wir ziemlich viele Dummheiten, lernen daraus und werden immer klüger. Oder so ähnlich. Irgendwann sind wir groß und klug und machen keine Dummheiten mehr, außer manchmal, wenn wir Schnupfen haben.

Zeit, um vom Plural in den selbstkritischen Singular zu wechseln. Ich ging also gestern mit blühendem Schnupfen putzen und tat dies heute erneut, weil ich unfähig war zu lernen, dass ich mir nach dem gestrigen Arbeitstag keinen Gefallen tue, wenn ich heute noch einen draufsetze. Das nenne ich dumm. Denn während ich gestern früh einen ganz normalen Schnupfen hatte, bin ich jetzt krank. Jedenfalls fühle ich mich richtig krank statt bloß verschnupft.

Lernen hätte ich zum Beispiel können, dass die typischen Bewegungsabläufe beim Putzen - das ständige Bücken - sich fatal auswirken auf den Druck im eh schon brummenden Schädel; dass die in Reinigungsmitteln enthaltenen Chemikalien und Aromastoffe die eh schon gereizten Schleimhäute zu bösartiger Blüte bringen können; dass eingeatmeter Staub den eh schon kratzenden Hals nicht beruhigt, sondern aggressiv herausfordert; kurzum, dass Putzen bei Schnupfen nicht gesünder macht, sondern kränker.

Nach zwei Tagen habe ich es gelernt. Auf die harte Tour.

Wäre ich gestern zuhause geblieben, hätte ich zwar nichts verdient (mein Arbeitsverhältnis beinhaltet keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall), wäre jedoch durch einen Tag Bettruhe und Bravsein heute wieder frontbereit gewesen. Wieso blieb ich nicht zuhause? Weil ich einem eingefleischten Reflex gefolgt bin, der besagt: Kranksein darf nicht zu Arbeits-, sprich Verdienstausfall führen - der typische Reflex des Freiberuflers, der ich ja mein Leben lang war und bin. Ein harmloser Schnupfen? Ein kratzender Hals? Waren in meinem bisherigen Selbständigendasein nie ein Thema. Da ich sowieso meist von zuhause aus operierte, weil dort meine Basisstation war, machte ich in meinem Arbeitsstil einfach weiter, zwar hustend und schniefend, aber dabei die Freiheit genießend, stetig zwischen Bett, Badewanne und Schreibtisch zu pendeln und eben irgendwann Überstunden zu machen, wenn mein Gesamtzustand dies erlaubte. Alles in allem hat das ganz gut funktioniert.

Nur, eine Kneipe ist halt kein Home Office. Und ein Feudel ist kein Manuskript, das man zum Korrekturlesen auch mal mit ins Bett nehmen kann. Und eine Putzfrau, möge sie noch so freischaffend sein, kann nicht zwischen Küche und Keller mal eben ein heißes Bad zur Entspannung nehmen. Obendrein sollte sie es vermeiden, in gemütlich ausgefransten Jogginghosen, ungebügelten Schlabber-T-Shirts und XXL-Stricksocken durch die Gegend zu schlurfen, ganz zu schweigen von rotkarierten Pyjamahosen mit blauweiß gestreiften Pyjamaoberteilen. Zuhause kann einem all das egal sein, was erheblich zur allgemeinen Entspannung beiträgt und die Leistungsfähigkeit trotz Krankheit unterstützen kann.

Leider kam von Frau Übermop statt eines moralischen Beistandes die Bemerkung, sie habe, seit sie in diesem Restaurant arbeite, "noch nie krankgemacht". Meinen Einwand, hier ginge es nicht ums Krankmachen, sondern ums Kranksein, überging sie großzügig, indem sie fortfuhr, sie habe es sich nie leisten können "krankzumachen", weil ihr das Geldverdienen stets wichtiger gewesen sei. Was ich selbstverständlich nachvollziehen kann, sonst wäre ich ja nicht gestern und heute wie niesendes Falschgeld durch Küche und Keller getapert.

Empfindlich reagierte ich erst, als ich einen gewissen heroischen Stolz aus ihren Worten heraushörte. Ich finde, es ist das eine, trotz Krankheit arbeiten zu gehen, weil man das Geld braucht, und ein gänzlich anderes, sich damit zu brüsten. Mir war in dem Moment so, als würde mir ein geballtes Stück zutiefst verinnerlichter Leistungsideologie präsentiert, und ich nahm deutlich wahr, dass diese ideologisch unterfütterte Heldenpose meiner angeschlagenen Gesundheit überhaupt nicht zuträglich war. (Übrigens, der Gesundheit von Frau Übermop genauso wenig, deren gesundheitlicher, namentlich orthopädischer Gesamtzustand sich durchaus als chronisch angeschlagen bezeichnen lässt. Deshalb bin ich ihr ja vor anderthalb Jahren zur Seite gestellt worden.)

Heute mittag habe ich einen nicht geringen Teil des Geldes, was ich gestern und heute verdient habe, investiert in eine große Flasche Eukalyptusbad, eine Familienpackung Papiertaschentücher, Nasensalbe, Brustbalsam, Halstabletten, Erkältungstee, Inhalationskonzentrat sowie eine Wärmflasche mit Kuschelbezug. Bin im Drogeriemarkt an der Kasse Schlange gestanden, hatte dabei genügend Muße, über den tieferen Zusammenhang zwischen Geldverdienen, Geldausgeben und Dummheit zu sinnieren. Lasse mir gerade eine Badewanne mit Eukalyptus einlaufen, habe die Wärmflasche ins Bett gelegt, den Tee daneben gestellt und werde mich sogleich einer ausgiebigen Schwitz- und Schlafkur unterziehen.

Übers Wochenende wird sich das Leiden schon auskurieren lassen, damit ich am Montagmorgen wieder schön gesund bin und wieder schön Geld verdienen kann. Ich glaube, eine Kneippsche Spezialkur mit Doppelaufguss wäre nicht verkehrt: als erstes die Erkältung, danach die Dummheit ausschwitzen.

Donnerstag, 5. August 2010

Kultur der Armut


Gestern abend zu (für meine Verhältnisse) später Stunde bin ich auf einen Text gestoßen, der mich umgehauen hat. Mit offenem Mund saß ich vor dem Bildschirm und war todmüde, aber elektrisiert, und blieb noch lange vor dem Bildschirm sitzen.

Da schreibt jemand über Dinge, die ich schon lange mit mir herumtrage und von denen ich noch nicht weiß, wie ich sie in Worte fassen soll; weil ich noch keine Worte gefunden habe, die verhindern, dass ich hart am Sozialkitsch vorbeischramme. Lieber halte ich den Mund. Aber hier findet einer die richtigen Worte - einfache, schmerzhaft klare Worte, mit denen er den Finger auf klaffende gesellschaftliche Wunden legt, ohne Angst, missverstanden zu werden, denn wer ihn missverstehen will, der soll es seinetwegen eben tun.

Ein halb unsichtbarer satirischer Metallicfaden ist in das Textgewebe eingesponnen. Er schillert ein wenig ätzend und kann Gänsehaut verursachen. Der den Text gewebt hat, heißt Dmitry Orlov, ist Russe und lebt in Amerika. Er schreibt ein phantastisch gutes, mutiges, eigenwilliges Blog, in dem er sich den american way of life in der Krise vorknöpft. Seine Texte pflegt Orlov mit 'Kollapsnick' zu zeichnen; damit gibt er bereits die Richtung seiner Gedanken vor - als Russe kennt er sich hervorragend aus mit Systemabstürzen.


In seinem aktuellen Text widmet Orlov sich dem american way of life nach der Krise. Er schreibt über Armut und Glück, über Sozialhilfe, über faule Arme und faule Reiche, über Gehirnwäsche, über Lenin, über die Nazis, über das verarmte Amerika, über die Russen im allgemeinen und die Russen in Amerika im besonderen, über gesunden Hunger.

Sein Hauptthema aber ist die Kultur, genauer: die Kultur der Armut.

Das Streben nach Elend
Während ich dies schreibe, bin ich unterwegs nach Washington zu einer Konferenz - einer Konferenz (unterstützt von der Community Action Partnership) zum Thema "Die neue Realität: Wie sich das arme Amerika einstellt auf kommende härtere Zeiten". Auf dem Programm stehen Diskussionen über Erwerbstätigkeit, Ernährung, Wohnverhältnisse, Gesundheitswesen, Sicherheit, Bildung, Transportwesen, und sogar solche gefühligen (touchy-feely) Themen wie Gemeinschaftszusammenhalt (community cohesion), Kommunikation und - last but not least - vor der Cocktailpause: Kultur. Die Empfehlungen dieser Konferenz werden in einen Bericht eingearbeitet und die Schlussfolgerungen auf der jährlichen CAP-Konferenz noch diesen Monat präsentiert werden.

Das arme Amerika wird möglicherweise ein Land sein mit nur wenigen guten Jobs, mit scheußlichem Essen, mit heruntergekommenen Wohnungen, mit einem unerschwinglichen Gesundheitswesen, mit einer beklemmenden, aber dennoch unwirksamen inneren Sicherheit, mit einem Bildungsprogramm vollgestopft mit Dinosaurier reitenden Jesussen (Jesuses), mit einem Verkehrswesen bestehend aus abgetakelten Kleinlastwagen und Straßen voller Schlaglöcher, mit nicht viel mehr Gemeinschaftszusammenhalt als momentan und mit einer Kommunikation, die immer noch dominiert sein wird von den unternehmenseigenen Medien.

Aber andererseits - was wird aus diesem sonderbaren kleinen Diskussionsthema werden, welches ganz am Ende der Agenda auftaucht: die Kultur? Zwar erwarten wir künftig ein Heer von Armen, unkultiviert, ungebildet, ungehobelt; aber sollten wir darüber hinaus nicht erwarten, dass sich eine Kultur der Armut entwickeln wird als eine Anpassungsleistung ans Armsein? Für einen Anthropologen stellt Kultur einen Mechanismus der Anpassung dar, welcher sich herausbildet, um die Menschen zum Überleben zu befähigen und ihnen zum Gedeihen zu verhelfen, gemäß den sie umgebenden Bedingungen. Gut, für andere Leute mag Kultur darin bestehen, einen Freudentanz aufzuführen oder auf einem Instrument zu klimpern. Für mich ist Kultur in erster Linie eine Frage der Literatur.

Der russische Autor Eduard Limonov schrieb einmal über seine Erfahrungen mit Armut in Amerika: Zu seiner Freude hatte er festgestellt, dass er seine Einkünfte mit Mitteln aus der Sozialhilfe aufbessern konnte. Jedoch musste er alsbald feststellen, dass es ratsam war, ebendiese Freude besser geheimzuhalten; nämlich dann, wenn er (bei der Behörde) erschien, um sich sein Geld abzuholen. Kurioserweise nämlich erhalten in Amerika nur die Elenden und Geknechteten Sozialhilfe, nicht aber diejenigen, die zwar der Sozialhilfe bedürfen, aber ansonsten ein völlig zufriedenes Leben führen. Und obwohl es in Amerika - genau wie überall sonst in der Welt - durchaus möglich ist, zugleich arm und glücklich zu sein, ist man in Amerika gezwungen sich zu entscheiden: Um zu vermeiden, in alle möglichen unerfreulichen Situationen zu geraten, sollte man in diesem Land sorgsam darauf bedacht sein, entweder seine eigene Armut zu vertuschen oder aber den Umstand, dass man glücklich ist. Will man Sozialhilfe bekommen, bleibt einem nur die Wahl zu leugnen, dass man ein glücklicher Mensch ist.

Ein weiteres Kuriosum besteht darin, dass unzählige Amerikaner - egal ob reich oder arm - für ein Verhalten wie das von Limonov nichts als Verachtung übrig haben: Ein ausländischer Autor lebt in Amerika von Sozialhilfe, obwohl er doch durchaus etwas Geld verdient! Nun mag es einleuchten, dass die Reichen auf einen Limonov so reagieren; denn wenn man die Armen nicht zu Elenden machen kann, was nützt es dann überhaupt, reich zu sein? Nur - warum regen sich die Armen genauso über einen Limonov auf? Auch dies ist eine typisch amerikanische kulturelle Eigenart: Was die Leute hierzulande empört, ist nicht etwa das Verschleudern von Staatsgeldern. Erzähl' den Leuten etwas über die Billionen, die an nutzlose militärische Projekte vergeudet werden, und sie werden mit nichts als einem Gähnen reagieren - weil das schließlich business as usual sei. Aber erzähl' ihnen etwas über irgendeinen bedürftigen Menschen, der etwas umsonst bekommt (eating a free lunch), und sie werden augenblicklich vor Entrüstung schäumen. Erstaunlicherweise glauben ausgerechnet die Amerikaner felsenfest an das revolutionäre geflügelte Wort von Lenin: "Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen!" Eine der rüpelhaftesten Fragen, die man von Amerikanern gestellt bekommt, ist "Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt? (What do you do for a living?)". die einzig angemessene Antwort darauf ist "Wie bitte?", gefolgt von einem selbstzufriedenen Grinsen und einem steinernen Schweigen - weil sie dann vermuten, dass du ein unabhängiger reicher Sack bist, vor dem sie kriechen können.

Am schockierendsten ist der Umstand, dass es viele arme Amerikaner gibt, die zu stolz sind, staatliche Unterstützung zu akzeptieren, trotz ihrer augenfälligen Bedürftigkeit. Hingegen würden die Russen so eine Einstellung als absurd betrachten: Sie würden sich fragen, womit diese armen Idioten ein Problem haben - mit dem Umstand, dass es sich um Geld handelt, oder mit dem Umstand, dass es das Geld umsonst gibt? Es gibt in Amerika lebende Russen, die, weil sie sich unbedingt an die amerikanische Gesellschaft anpassen wollen, eine hohe Dosis der hier üblichen Heuchelei verinnerlicht haben; aber selbst diese Russen werden einräumen (zumindest in ihren weniger heuchlerischen Momenten), dass es geradezu töricht wäre, free money abzulehnen. Und seien Sie versichert - auch diese Russen würden das Geld bis auf den letzten Penny herausleiern. Mutter Russland hat nämlich keine Schnullerpuppen (dummies) großgezogen.

Aber wir wollen diesen Opfern nicht ihre Haltung zum Vorwurf machen. Denn was diese bedauernswerten Seelen veranlasst, frei erhältliches Geld einfach auf dem Tisch liegen zu lassen, ist ganz simpel: Sie haben eine Gehirnwäsche verpasst bekommen. Schließlich werden die Massenmedien - besonders das Fernsehen und die Werbung - bewirtschaftet von den Reichen, und die hämmern den Leuten unaufhörlich die Botschaft ein, dass harte Arbeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit tugendhaft seien, während sie die Faulen und die Armen dämonisieren. Dieselben Leute, die amerikanische Arbeitsplätze nach China und Indien ausgeliefert haben, um ihre Profite zu steigern, wollen es zum common sense machen, dass die daraus resultierende Misere ausschließlich das Versagen der Elenden ist. Und während die Rolle des Profitmotivs zwar eine maßgebliche ist, sollte keinesfalls vernachlässigt werden, die bedeutsame Tatsache zu erwähnen, dass das Produzieren von Massenarmut ein vordringliches Ziel an und für sich ist.

Sehen Sie, es sind schwierige Zeiten für reiche Leute. Früher einmal hat der Besitz von einer Million Dollars aus Ihnen einen Millionär gemacht; diese Zeiten sind vorbei! Um heutzutage ein absolut sicheres und von der ökonomischen Realität vollisoliertes Leben zu führen, brauchen sie mindestens zehn Millionen, wenn nicht noch mehr, und je mehr Sie haben, desto nervenzermürbender werden für Sie die heftigen Wellenbewegungen der Finanzmärkte und die düsteren Prognosen der Experten. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie können das Vermögen einer Person, über den Daumen gepeilt, realistisch einschätzen, wenn Sie danach gehen, wie nervös und elend diese Person aussieht.

Neulich hatte ich Gelegenheit zu erleben, wie ebendieses Elend zur Schau gestellt wird. Wir machten eine Woche Urlaub in Cape Cod. Wir nahmen ein Segelschiff hin und zurück (den Wind gab's gratis) und ankerten (die Vertäuung wird kommunal zur Verfügung gestellt, ist also erschwinglich). Wir paddelten bis zur Küste und wieder zurück zum Schiff in unserem selbstgebauten Sperrholzboot. Dann fuhren wir mit dem Fahrrad durch die Gegend und sammelten essbare Pilze entlang des Radweges. Nun wird um die Jahreszeit dieser Teil von Massachusetts komplett überrannt von wildgewordenen Massen der allerneuesten blinkenden SUVs mit Kennzeichen aus New York und New Jersey. Sie werden gefahren von den verschiedensten Exemplaren mittelalter betuchter amerikanischer Büro-Menschenfresser (Office Ogre) - der Rechtsanwalt, der Arzt, der Zahnarzt, der Banker, der Lobbyist mitsamt dem Unternehmer - von Leuten also, die versuchen, mit ihrer gesamten geraubten Beute (loot) irgendwohin abzuhauen. Allerdings wird die hoheitliche Inszenierung irgendwie gestört von jenen griesgrämigen, missmutig dreinschauenden Menschenfressern mit ihren Reibeisenstimmen sowie ihren schlaffen, übermedikamentierten Ehefrauen mit Stimmen wie ungeölten Türscharnieren. Wenn sie nicht irrlichternd in ihren SUVs herumfahren, sitzen sie in exklusiven Restaurants der oberen Preisklasse, spielen mit ihrem Essen herum und klatschen und tratschen, dass einem angst und bange werden kann. Längst haben sie vergessen, was es bedeutet, glücklich und sorgenfrei zu sein, und ihre schwerfälligen Versuche, Freude am Genuss vorzutäuschen, sind schmerzvoll zu beobachten. Glauben Sie mir: Der Anblick von armen, aber glücklichen Leuten bringt sie zur Weißglut.

Nun ist es keineswegs so, dass ich mich daran weide. Nein, wirklich, mir tun diese armen reichen Leute leid, und ich habe sogar eine gute Nachricht für sie: Ihr Zustand ist alles andere als unheilbar. Ich kenne Leute, die sind vorzeitig ergraut, haben an Gewicht verloren und sind schon vor Schrecken schreiend aufgewacht, während sie ihre letzten 500.000 Dollar an Ersparnissen ins Nichts dahinschrumpfen sahen, begraben unter einem Haufen Schulden - aber wenn erst einmal das ganze Geld abgefackelt ist und die hartnäckigen Gläubiger sich davonmachen mit den Überbleibseln ihres Besitzes, dann haben diese Menschen ein viel, viel sorgenfreieres Leben, und das wird ihnen die Chance geben, nochmal von vorne anzufangen und zu gewichten, was im Leben wirklich wesentlich ist und was ihnen wirklich Freude bereitet. Wir sehen also: Wo Gram ist, wächst Freude nach. Darum müssen wir uns nicht übermäßig grämen über die armen reichen Leute, denn so wie die Dinge stehen, lösen sich ihre Probleme wohl ganz von selbst. Und vergessen Sie eines nicht: Verglichen mit den respektablen, oft unüberwindlichen Herausforderungen, vor denen jene stehen, die versuchen, ihrer Armut zu entkommen, fällt die sich nach unten orientierende Mobilität kinderleicht und kann mit ein bisschen Weitblick so komfortabel wie stilsicher vollzogen werden.

Für die Armen Amerikas habe ich ebenfalls gute Nachrichten. Obwohl es zwar extrem unwahrscheinlich ist, dass sie jemals um einen Deut reicher werden, sind sie bereits jetzt reich genug. Neulich hörte ich eine Story auf NPR über eine arme Familie, die auf Jagd zu gehen pflegt nach herabgesetzten Lebensmitteln, dann jedoch vor der Vorratskammer ihres eigenen privaten Minivans innehielt! Eine arme Familie also, die etwas besitzt, was in vielen Teilen der Welt auf ein komplettes Busunternehmen hinauslaufen würde! Weil, selbst wenn sie nicht genug herabgesetzte Lebensmittel auftreiben könnten, hätten sie immer noch genug, um ihre Kinder durchzufüttern, während die Erwachsenen eben eine Mahlzeit ausfallen ließen. Das ist gesund: Hunger ist symptomatisch für einen guten Appetit, und bei dem gegebenem Leibesumfang der meisten Amerikaner ist periodisches Fasten eine vernünftige Wahl. Mehr noch, diese Familie klang irgendwie ziemlich glücklich mit ihrem Lebensschicksal.

Was ich damit sagen will: Eine arme, aber sorgenfreie Zukunft mag auf sehr viele von uns warten, sowohl auf die faulen Reichen als auch auf die faulen Armen - wie eine einzige glückliche, wenn auch weitgehend verarmte Familie. Nur, um dies zu erreichen, müssen wir die Kultur verändern. Es sollte sich unbedingt herumsprechen, dass free lunch in der Tat eine sehr gute Sache ist, ganz egal, wer ihn isst und warum er das tut, und machen Sie sich nichts draus, dass Lenin einst sagte "Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen." Und wo wir gerade dabei sind, lassen Sie uns auch verzichten auf auf das abgedroschene Sprichwort von wegen "Arbeit macht frei", welches den Nazis gefiel, weshalb sie es in Schmiedeeisen gefasst oben auf die Tore ihrer Konzentrationslager plazierten. Lassen Sie uns die Kommunisten und die Faschisten und die Kapitalisten dem sprichwörtlichen Schrotthaufen der Geschichte übergeben! Lassen Sie uns stattdessen, völlig unentgeltlich, Jesus zitieren: "Sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen. Sie arbeiten nicht und sie spinnen auch nicht. Und doch, sage ich euch, Salomo in all seiner Pracht und Herrlichkeit war nicht so geschmückt wie sie. ... Darum sollt ihr nicht besorgt sein: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? oder Womit sollen wir uns kleiden? ... Daher sorget euch nicht um die Übel des morgigen Tages. Denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag hat seine eigenen Übel." Amen.

(Übersetzt von Mrs. Mop mit freundlicher Genehmigung des Autors.)




Donnerstag, 15. Juli 2010

Konstruktiv gezischt


Meine Prekarisierung schreitet unaufhaltsam fort. Genauer gesagt, die Prekarisierung meines Sprachgebrauches. Oder sagt man in dem Fall Proletarisierung? Sei's drum, ob Prole oder Preka, mein heutiges Thema heißt Selbstbehauptung.

Was war ich früher für ein diplomatischer Mensch gewesen. Immer auf gütliche Einigung bedacht, immer schön auf Ich-Botschaften geachtet, immer den anderen ausreden lassen und solche Geschichten. Gut, vielleicht gelang es mir nicht immer, aber zumindest bemüht habe ich mich meistens. Vor Urzeiten, die mir so lange her erscheinen, dass ich mich kaum mehr an sie erinnern kann, bin ich mal durch ein Stahlbad von, äh, wie hieß das noch gleich?...richtig, Konfliktmanagement hieß das, und Kommunikationstraining, und konstruktives Gesprächsverhalten und und und wie die alle geheißen haben - jedenfalls, durch so ein Stahlbad an Stuhlkreisen bin ich mal gegangen und hielt mich für einen tollen Fifi, der mit den diesbezüglichen Tricks vertraut und mit allen Wassern der Selbstbeherrschung gewaschen war.

Und heute? Mache ich kurzen Prozess. Kommt mir jemand dumm, gibt es unverzüglich einen auf die Mütze. Macht jemand Anstalten, mir die Butter vom Brot zu nehmen, haue ich ihm auf die Finger ohne Vorwarnung. Wie hieß das nochmal, Konflikte stets entemotionalisieren? Klingt heute für mich eher nach fettreduziertem Joghurt, welchen ich schon immer hasse wie die Pest. Auf De-eskalation (allein dieses Wortgebilde! wie das schon ausschaut!) bedacht sein? Nee, keine Zeit. Anbrennenlassen läuft nicht. Aufgeschoben wird nicht, und wer meint, wir müssten mal reden oder so, der kann das gleich haben, aber nicht mal, und oder so schon gar nicht. Hic Rhodos, hier wird gehüpft.

Wie ich darauf komme?

Heute hatte ich ein kleines Scharmützel (ist das nicht ein wundervolles Wort? Dagegen De-eskalation, pah!, geh mir fort) mit dem brasilianischen Bierlieferanten. Es war nicht das erste Scharmützel. Überhaupt scharmützele ich ziemlich viel mit den ganzen Lieferanten - muss sein, sonst kommt man unter die Räder. Ich bewege mich nun mal seit einiger Zeit viel in Kreisen und Schichten, wo Diplomatie als Schwäche ausgelegt wird. Das färbt ab.

Der Brasilianer ist einer, der eine große Klappe hat sowie eine Vorliebe für zotige Witze und der ständig latent auf Krawall gebürstet ist, aber auch einer, dem ich so schnell nichts übel nehme; nicht weil er Brasilianer ist, sondern weil er Bossa Nova liebt, genau wie ich (ist eh ein sonderbares Phänomen: Jemandem, der musikalisch so tickt wie ich, kann ich nicht wirklich böse sein, geht einfach nicht).

Aber heute hat der Brasilianer den Bogen überspannt. Er hatte sich den aus seiner Sicht günstigsten Moment ausgesucht - ich kam gerade mit einem Riesenberg getrockneter Wäsche in beiden Armen zur Tür herein, war also quasi wehrlos -, um mich anzuzwinkern und mir vertraulich zuzuraunen "ich muss dir was erzählen, was ganz Tolles, pass auf, gleich lachst du dich tot...". Frühzeitig roch ich den Braten. "Es waren einmal zwei süße kleine rote Kirschen...", begann er mit sprechenden Händen zu fabulieren.

Ich ließ die Pointe nicht zu und zischte ihn höflich an, ob es vielleicht sein könne, dass ihm jemand ins Hirn geschissen habe, was er weder verneinte noch bejahte, weil er zunächst damit beschäftigt war, seinen Unterkiefer wieder von unten nach oben zu bekommen. In der Zeit überlegte ich kurz, ob ich jetzt wohl ein wenig zu weit gegangen war und war auf fast alles gefasst. Auf alles, nur nicht darauf, dass der Brasilianer in ein bierbaucherschütterndes Gelächter ausbrach, den Daumen senkrecht in die Höhe hielt und anerkennend ausrief: "Bravo Chica! Du wirst erwachsen!"

Nun gut. Wird ja auch allmählich Zeit.



Samstag, 3. Juli 2010

Mit und ohne Not


Mir brennt seit ein paar Tagen etwas auf den Nägeln. Es gibt da etwas, was mich wurmt, und zwar gewaltig, und überhaupt - wozu habe ich ein Blog. Also raus damit.

Vor ein paar Tagen nämlich fiel mir bei Durchsicht meines Archivs auf, dass etwa vor Jahresfrist ich in den höchsten Tönen schwelgte über die Kunst der Selbstversorgung - und sei es nur via Mirabellenkompott oder selbstgebackenem Brot. Das mit dem Brot und dem Kompott geht in Ordnung; das mache ich weiterhin, und aus meinen ersten Gehversuchen sind inzwischen Gewohnheiten geworden, und meine Brote schmecken gut wie die Hölle, und diese Woche habe ich eine Erdbeermarmelade gekocht, die den Herbst wohl nicht erleben wird.

Nur, mal ehrlich, Brotbacken (mit Muckis, ohne Gerät) bei den herrschenden Temperaturen ist die reine Schinderei, und gegenüber stundenlangem Marmeladekochen (Rühren! Rühren! Rühren!) am heißen Herd ist eine Dampfsauna ein wohltemperierter Chillroom. Ich tue es trotzdem, aber nicht aus Leidenschaft, sondern um Geld zu sparen. Ich kaufe längst keine Convenienceprodukte mehr, aber nicht weil ich sie ablehne, sondern weil sie mir zu teuer sind. Ich koche und backe weder um den Planeten zu retten noch um bewusster zu leben, sondern weil ich anders nicht über die Runden komme. Ich habe keinerlei Grund mich darüber zu beklagen, aber erst recht keinen, darüber zu schwelgen. Zwar freue ich mich über jede gelungene Brotkreation, finde es aber alles andere als witzig, aus ökonomischen Zwängen dauernd nur kleine Brötchen (so viel Metapher muss sein) backen zu können anstatt auch mal beim Konditor zuzuschlagen, wenn mir danach ist.

Wirklich Spass macht die ganze Selbstversorgerei nämlich nur, wenn man die Wahl hat. Damit komme ich endlich zum Punkt, oder vielmehr zum Wurm.

Der Wurm heißt: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Es begegnen mir immer mehr Leute, die weder Mühe noch Kosten scheuen, ihre Vorratsregale aus naturbelassenem Massivholz mit farblich aufeinander abgestimmten, selbstgefüllten Einmachgläsern vollzupflastern und diese dem staunenden Gast mit einem Aplomb vorzuführen, als hätte man soeben einen geheimen Salon betreten und nicht den Keller. Das große Einmachen hat offenbar begonnen und droht jetzt richtig modern zu werden, mit allem (teuren) Schnickschnack, der dazugehört, um aus einer Alltagstrivialität eine Lifestyle-Ideologie zu machen. Ich bin da, als Selbstversorger, anspruchsloser: Ich scheue nur die Kosten.

Seit ich das modebewusste Posieren solcher Wellness-Do-it-yourselfer erlebt habe und sie - wenn der gefühlte Trend nicht trügt - künftig wohl noch öfter erleben muss, ist mir die Lust am Schwelgen vergangen. Es reicht, wenn diese verschrobenen Einmachgläsersammler ihr Hobby mit einer Aura des Heiligen umgeben; es gibt Leute, mit denen möchte ich nicht verwechselt werden. Leute, die das Wort "Selbermachen" nur über die Lippen bringen in pathetischem Verbund mit "mein ökologischer Fußabdruck". Die, wenn sie schon nicht den Planeten retten, so doch zumindest eigenhändig und -mäulig "der Umwelt etwas Gutes tun" wollen - drunter tun sie es nicht. Die, die aus jedem popeligen selbstgebackenen Brot eine "Rückkehr zur Nachhaltigkeit" machen. Als ob Marmeladekochen eine ethische Handlung sei. Wenn man sie reden hört über eingemachte Tomaten, könnte man meinen, sie seien einem religiösen Orden beigetreten.

Sollen sie schwelgen. Ohne mich. Mich interessiert denen ihr Fußabdruck - weder der ökologische noch der rhetorische - nicht die eingemachte Bohne. Eigentlich, habe ich festgestellt, gibt es nur einen Weg, sie zum Schweigen zu bringen: Man hört sich eine Weile die edlen Motive des Premium-Selbstversorgers an, erträgt dessen moralisch überlegenen Augenaufschlag sowie den provinziellen Glamour, in dem er sich während der Kellerbegehung sonnt, und wartet auf den richtigen Moment, um sich als verarmter Prekär-Selbstversorger zu outen. Der richtige Moment ist genau dann gekommen, wenn der Edel-Frugale betont (tun sie alle über kurz oder lang), er mache das alles ja "nicht aus Kostengründen". "Ich schon", lautet dann die mit fester Stimme verabreichte Antwort, "aber ich mache es ja auch nicht als Luxushobby, sondern um zu überleben."

So etwas hören sie gar nicht gern, die Neocons am heimischen Herd im (meist) grünen Gewand. Irgendwie ist ihnen das peinlich. Irgendwie können sie damit überhaupt nicht umgehen. Irgendwie ist ihnen das zu nah dran an dem, was sie sich unter Armut vorstellen. Meist schenken sie mir dann ein Glas eingeweckte Kirschen direkt vom Regal, so als hilflos-nette Geste vom Direkterzeuger, und sagen dazu so Sachen wie "also, nicht dass du das jetzt falsch verstehst!", dicht gefolgt von Sprechblasen à la "ja, man kann dabei schon eine Menge sparen". Ich sage dann so Sachen wie "ja, aber nur wenn man nicht das Zeug aus dem Biosupermarkt kauft", und dann fällt ihnen erst mal nichts mehr ein.

Was da betrieben wird, ist die Gentrifizierung eines frugalen Lebensstiles. Man macht auf bescheiden und lässt sich das etwas kosten. Für den einen ist es Lifestyle-Getue, für mich ist es Not. Das ist der Unterschied. Es ist ein gewaltiger Unterschied.


Donnerstag, 8. April 2010

Weg mit dem Dreck


Um mal von der Gans auf den Hund zu kommen: Selbst bei ausgeschöpfter Tierliebe scheinen derzeit die bekennenden Hundehasser auf dem Vormarsch zu sein.
Das fröhliche Frühlingsgewuffe mag ja herzerwärmend sein, die vitalen Hinterlassenschaften der bellenden Vierbeiner sind es keineswegs. Und das mit dem händischen Aufklauben der Ausscheidungen hat sich wohl noch nicht so herumgesprochen unter den Hundebesitzern; jedes Fitzelchen Grünfläche legt beredtes Zeugnis davon ab. Von den Bürgersteigen wollen wir gar nicht reden. Bürger? Steigen? Bürger steigen über Hundekot.
Irgendwie will es auf dem Hundesektor nicht richtig Mode werden, dass der Dreck nach dem Verursacherprinzip beseitigt werde.
Trotz aller städtischer Marketingkampagnen und privater Initiativen bleibt die Kacke am Dampfen. Und wenn der Augenschein nicht trügt, geht der Frühling mächtig auf die Verdauung - in einer Stadt wie Berlin fallen täglich bis zu 38 Tonnen Hundekot an. Muss man sich mal vorstellen. Jemand wie ich bekommt bei einem halben Kilo schon die Vollkrise.
Jetzt hat eine Berliner Grünen-Abgeordnete zum Thema Umweltverkackung mal kurz ihr Hirn entleert, damit mal wieder etwas über sie in der Zeitung steht. Tut es hier.
"Was auf Gehwegen und an Straßen herumliegt, ist ekelig, der öffentliche Raum darf nicht länger als Kloake benutzt werden,"
findet die erklärte Tierschützerin, nach deren Meinung Hartz-IV-Empfänger zu Kotkontrolleuren umgeschult werden sollten. Langzeitarbeitslose könnten so eine neue Beschäftigung bekommen, zitiert die taz. Bis zu 20 von ihnen will die Grünenpolitikerin in jedem Berliner Bezirk einsetzen; sie sollen den Hundebesitzern hinterherspitzeln, ob die auch die Kothäufchen ihrer Lieblinge korrekt aufklauben und entsorgen.
Was, wenn der Kampfhundbesitzer - auf frischer Tat ertappt - den Kotkommissar zum Teufel jagt, mit allen ihm, dem Kampfhundbesitzer, gebotenen Mitteln? Mann, der Schiss hat Biss. Am Ende, fast ahnt man es, werden es wohl die Arbeitslosen sein, die den Hundedreck der Nichtarbeitslosen aufzulesen und zu entsorgen haben. Irgendwann, jede Wette, werden die Hundeknöllchenschreiber auf Hundehäufchensammler umgeschult werden. Vielleicht wird es der herrschenden politischen Rhetorik irgendwann gelingen, dass sich die Arbeitslosen selbst entsorgen. Bloß, wer bückt sich dann und räumt die Hundescheiße weg?


Samstag, 3. April 2010

Fair und prekär


Unter Fair Trade hat man sich bisher eigentlich etwas anderes vorgestellt - aber bitte, warum nicht. Man denkt ja dann immer gleich an ferne Länder, große Armut, gerechte Bezahlung, Menschenrechte und alles ganz weit weg. Doch sieh', das Gute ist so nah.


Fairer Handel vor der eigenen Haustür. Ein geschlossenes Warenwirtschaftssystem, bestechend in seiner Einfachheit und Transparenz. Kurze Transportwege, wenig logistische Herausforderungen, integrierte Lagerhaltung im Wareneingangsbereich. Die einen schmeißen die Klamotten weg und in den Container rein, die anderen holen sie aus dem Container raus und bringen sie wieder unter die Leute; die Leute kaufen die Klamotten, tragen sie und schmeißen sie wieder in den Container, die anderen holen sie...und so geht das weiter, bis wenn sie nicht gestorben sind. Perfektes Recycling.

Ob das nun wirklich ein fairer Deal ist oder nicht, ist schwer zu beurteilen, weil nicht ersichtlich ist, wer in der Wertschöpfungskette dieses postmodernen Idylls wieviel verdient und wer draufzahlt. Da fehlt es noch an Transparenz. Aber so als Modellversuch in strengeren Zeiten - warum nicht.

Donnerstag, 1. April 2010

Bienenzucht


Lustig summt es im Bienenstock. Die taz schaut ein wenig hinter die Fassade der sich antikapitalistisch aufführenden Unternehmer; also derjenigen, die sich aus angeblicher Überzeugung einer guten Sache verschrieben haben, denen das Prinzip der Profitorientierung - pfui! - völlig fremd ist und die mit einer solcherart vorgetragenen Firmenideologie ("sinnvoll für Mensch und Natur") einen guten Schnitt machen. Im Falle des "Ökokapitalisten" (taz) Alnatura 18 Prozent Umsatzsteigerung.

Statt Tariflöhnen bekommen die Mitarbeiter von Alnatura Yoga-Kurse, "der Chef meint, das genüge", schreibt die taz und zitiert Firmenchef Götz Rehn:
"'Wir haben eine Bieneninitiative. Wir haben Theatergruppen. Wir haben einen Chor. Wir haben die Yoga-Gruppe. Wir haben Winterseminare. Das bedeutet ja alles eine Erhöhung des Gehalts.'"
Kann man so sehen - wenn man sich brennend für Bienen und Yoga interessiert. Wobei ich mir schlecht vorstellen kann, dass hinter jedem der deutschlandweit 55 Alnatura-Supermärkte ein Bienenstock für die Mitarbeiter steht, oder dass in jeder der 55 Filialen ein Ruheraum mit Yogamatten vorhanden ist. Aber okay, was zählt, ist der gute Wille des Chefs oder jedenfalls sein öffentlich geäußerter guter Wille. Weil, Yoga klingt ja schon mal nach was Gesundem, wenn auch nicht nach mehr Geld. Andererseits, wer braucht schon Geld, wenn er nach der Arbeit mit Bienen spielen darf? Er kann ja, in Ermangelung von Mäusen oder Möpsen, seine Miete mit Bienen bezahlen.

Nun haben wir heute den ersten April und es hoffentlich nicht mit einem Aprilscherz zu tun, wenn die taz vermeldet:
"Ökokapitalist gibt nach - Alnatura will Tarif zahlen

Die von der taz ausgelöste Medienkritik am Lohndumping bei Deutschlands größter Bio-Supermarktkette Alnatura zeigt Wirkung: Das hessische Unternehmen hat angekündigt, künftig allen Mitarbeitern Gehälter mindestens in Tarifhöhe zu zahlen."
...wie sich das gehört, möchte man ergänzen, für ein Unternehmen, das sich auf die Werbefahnen geschrieben hat, "fair mit unseren Partnern in Produktion und Handel" umzugehen, aber vor lauter öffentlichkeitswirksamem Kampf gegen weltweite Kinderarbeit die eigenen Mitarbeiter unterbezahlt und keinen Betriebsrat duldet. Auf seiner Website wendet sich gestern Firmengründer und -chef Götz Rehn persönlich an die Öffentlichkeit und spricht diese mit folgenden Worten an:
"Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Kundinnen und Kunden,"
und schon wieder vergisst er seine Mitarbeiter; ich zumindest hätte es passend gefunden, wenn er daran gedacht hätte, auch an seine Mitarbeiter zu adressieren. Gerade an seine Mitarbeiter. Weil, um die geht es ja schließlich. Dachte ich.

Zum Entspannen legen wir uns jetzt auf die Yogamatte und summen ein lustiges Lied.

Mittwoch, 17. März 2010

Märzschmerz


Heute früh um zehn vor sechs war der Himmel noch ein wenig blauer als gestern, was kein Wunder ist, denn die Morgendämmerung beginnt ja jeden Tag zwei bis drei Minuten früher. Zwei bis drei Minuten früher, das sind täglich Riesensprünge, wenn man bedenkt, dass es im Januar gerade mal eine schwache halbe Minute pro Tag war. Außerdem wird die Gesamtdauer der Morgendämmerung immer kürzer werden (zur Zeit 33 Minuten), aber nur noch wenige Tage lang, nämlich bis zur Tagnachtgleiche am 21. März (Ende April wird die Dämmerungszeit bereits 37 Minuten betragen).
So weit, so trocken.

Ich hätte nie gedacht, dass so etwas wie ein Sonnenstandrechner mich jemals auch nur die Bohne interessieren könnte. Aber das war zu Zeiten gewesen, als ich mich morgens um halb sechs für anderes zu interessieren pflegte als für die Frage, wann es beginnt hell zu werden. Ob der Himmel nun um 5:50 Uhr oder um 5:47 Uhr anfängt blau anzulaufen, geht dem Schlafenden ja völlig an der Bettwurst vorbei. Der frühe Wachmensch dagegen lädt sich einen Sonnenstandrechner herunter und vertieft sich in die Märzdaten. Weil er, der Wachmensch, gar nicht genug bekommen kann von dem blauen Morgenhimmel, welcher jeden Tag hoch über ihm, dem Wachmenschen, ein paar Minuten früher aufbricht. Nach Datenlage müsste der 29. März eigentlich der Tag sein, an dem ich um 5:18 Uhr aufs Rad steige und zeitgleich der Himmel blau wird. Nur noch wenige Tage also. Das könnten stimmungshebende Aussichten sein, wenn...

...tja, wenn der Konjunktiv nicht wäre. Als mein Finger die kommenden Märztage herunterscrollt, stelle ich mit Entsetzen fest, dass Ende des Monats wieder alles stockdunkel sein wird: die verfluchte Sommerzeit. Augenblicklich beginne ich sie zu hassen; ihretwegen gibt es blauen Himmel um 5:18 Uhr erst wieder am 26. April. Ihretwegen geht das öde Strampeln im Dunkeln also von vorne los. Meine himmelblauen Frühlingsgefühle gehen schnurstracks in den allerschwärzesten Keller.

Wie ich mich so meinem sommerzeitbedingten Frust hingebe, bemerke ich, dass selbiger mir irgendwie bekannt vorkommt. War da nicht was? Doch, da war was. Den Jahreskalender 2009 aufgeklappt, den März runtergescrollt, und siehe da, der 24. März 2009 bringt es an den Tag, an welchem ich zum ersten Mal um 5:20 Uhr aufs Rad gestiegen bin, um meiner neuen prekären Beschäftigung nachzugehen. Ich erinnere mich noch gut, wie grauenhaft ich Uhrzeit und Dunkelheit empfand; an den darauffolgenden Tage ebenso. Damals war ich völlig außerstande, Nuancen in der Dunkelheit wahrzunehmen, Blautöne, Aufhellungen, Veränderungen. Ich sah nur schwarz.

Dann kam der 29. März 2009 und mit ihm die Umstellung auf Sommerzeit, und am Montagmorgen, den 30. März, wurde mir schlagartig und schmerzhaft klar, wie sich wirkliche Dunkelheit anfühlt. Erst im Nachhinein wurde mir an jenem Montagmorgen bewusst, dass ich in den Tagen davor ein paar wundervolle tiefblaue Stunden ignoriert hatte. So etwas wird mir im Jahr 2010 nicht wieder passieren - bis zum 28. März werde ich täglich blaue Wolken zählen, sie mir von allen Seiten anschauen, abmessen und dann die kleinste von ihnen vom Himmel klauen, in meinen Rucksack packen, davonfahren, und wenn mit der Sommerzeit die Dunkelheit zurückkommt (ist das nicht pervers?), wird die blaue Wolke in den schwarzen Himmel gebeamt und dort bleibt sie dann und wird die Stellung halten, bis die anderen blauen Wolken endlich zurückkommen werden, und die dumme Sommerzeit, die kann uns dann mal.

Dienstag, 5. Januar 2010

Schwarzes Wildschwein auf leeren Magen


The Recess Ends ist ein Dokumentarfilm über die Rezession in Amerika und wie die Menschen sich durchschlagen angesichts leergeräumter Häuser, leerer Konten und leerer Mägen.

Der Film beginnt martialisch mit der Jagd auf ein schwarzes Wildschwein. Das Tier wird im Dickicht von ein paar kräftigen Männern gefangen und von Hand erlegt, an allen vieren fortgetragen, an einen Baum gehängt und fachmännisch gehäutet und zerteilt. Dabei kommentiert der Schlachter - kein Profi, sondern einer, der Hunger hat und bei dem jeder Handgriff sitzt - sein Tun trocken mit "Was soll man machen, wenn die Wirtschaft nichts mehr hergibt?"

Und dann geht es durch alle fünfzig Staaten Amerikas. Die Filmreise hat mich erschüttert, verstört, bewegt und an vielen witzigen kleinen Stellen zum Lachen gebracht. Not gebiert Sinn für Komik. Und schafft Klarheit im Denken: Eine Bewohnerin Detroits sagt den folgenden, lange nachklingenden Satz,
"The American revolution is gonna be different from other revolutions. Because it's gonna require us giving up things rather than acquiring more things."
Und dann der Schluss. Man denkt ja immer, mit dem Abspann sei ein Film zu Ende. Von wegen. Da geht's erst richtig los mit dem schwarzen Wildschwein. Phantastisch gut.