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Montag, 26. August 2013

Einstellungsoffensive für Zombies


Fachkräftemangel und kein Ende.

Jetzt hat es eine der wachstumsstärksten Branchen erwischt. Jene Industrie, die sich unermüdlich neue Märkte erschließt, die immer mehr ihrer Produkte in immer mehr Ländern an den Mann zu bringen bestrebt ist, oder vielmehr an die Männer, an möglichst viele Männer, also, an immer mehr Männer. Sonst wäre es ja keine Wachstumsindustrie. Wobei auch Frauen und Kinder als Endabnehmer durchaus gern gesehen sind - diese Industrie ist bezüglich ihrer Zielgruppe nicht besonders wählerisch.

Das Problem ist nur: Um die Zielgruppe wirklich zu erreichen, also zu treffen, bedarf es gut ausgebildeten Fachpersonals. Und daran hapert es:
Die U.S. Luftwaffe klagt, sie könne nicht genug Piloten finden, um ihre Drohnenflotte zu betreiben.
Es ist ein Jammer. Da werden immer mehr Drohnen gebaut und bestellt, die Nachfrage bricht alle Rekorde - ein Wachstumsmarkt wie aus dem Bilderbuch ("boomendes robotergesteuertes Geschwader") -, und dann das: eklatanter Fachkräftemangel. So viele Drohnen, so wenig Piloten!

Und das, obwohl es doch weiß Gott massenweise Kids und junge Erwachsene mit ausgereiften video gaming skills gibt heutzutage! Ja, wieso ist es dann so schwierig für das Militär, diesen hervorragend qualifizierten Nachwuchs zu rekrutieren? Fehlt dem Nachwuchs etwa die Motivation zum Langstrecken-Töten, ist der Killerinstinkt für ferngesteuertes Massakrieren ungenügend ausgeprägt? Oder sind die jungen Leute von heute zu verweichlicht - sprich: nicht feige genug -, um aus vollklimatisierten, komfortablen Militärbunkern heraus per Knopfdruck unschuldige Zivilisten (Männer, Frauen, Kinder) in Stücke zu zerreißen?

Jedenfalls muss der Oberste Heeresführer, Friedensnobelpreisträger und Verwalter von (für den Drohneneinsatz erstellten) "kill lists" sich bald etwas einfallen lassen; erst recht, wo er gerade im Begriff ist, wieder mal kriegslüstern die Krallen auszufahren. Da kann die Militärindustrie noch so bombig aufgestellt sein, mit zum Platzen vollem Drohnen-Auftragsvolumen und verheißungsvoll wachsenden Märkten, hm, Einsatzgebieten - irgendein rückgratloser, desensibilisierter, auf Dehumanisierung gedrillter Soziopath muss die ferngelenkten Killermaschinen bedienen.

Und weil Soziopathen nun mal nicht auf Bäumen wachsen, muss die Drohnen-Wahrnehmungs-Industrie - vulgo: Kriegs-PR - volle Kraft angeworfen werden:
Das Militär und die corporate media befinden sich voll im Übersteuerungsmodus, um die öffentliche Wahrnehmung des U.S. Drohnenprogrammes zu verbessern und Drohnenattacken in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Ein Teil des Wortgeklingels legt nahe, dass nicht nur auf die öffentliche Meinung abgezielt wird, sondern - noch wichtiger - auf die Meinung von potentiellen Drohnenpilot-Rekruten. Drohnenpiloten werden umdefiniert zu "sensor operators". Die Drohnenindustrie fährt eine Kampagne zur Abschaffung des Wortes Drohne. Und um Drohnenpiloten zu rekrutieren, setzt die Air Force verstärkt Videospiele ein und bezeichnet diese als "militainment".
MilitainmentJoin the army. Have fun.
Spiel' das Spiel deines Lebens, knall' sie alle ab, but let's play it safe,
du selbst bleibst stets in sicherer Entfernung.

Hey, Videospielfreak, schon mal was vom "double tap" gehört? Klar hast du das, bist ja ein Kenner der Materie!
Der Begriff double tap ist eine der Regeln aus dem populären Film Zombieland, der auch als ein Videospiel verfilmt wurde. Der Film basiert auf den Abenteuern eines jungen Mannes, während er durch eine Zombie-Apokalypse navigiert. Er lernt, auf bestimmte Überlebensregeln zu setzen. Double tap - auf jeden Zombie zweimal zu schießen, selbst wenn der bereits tot aussieht - ist eine der Regeln.
Siehst du, genau so machen wir das auch mit unseren Drohnen, hm, Sensoren. Es gibt bei uns im Militär eine Drohnentechnik, die nennen wir "double tap", und die geht so:
Eine Drohnenattacke wird durchgeführt, und nur wenige Augenblicke später werden die ersten Helfer, die am Schauplatz eintreffen, um die Opfer zu retten, von einer zweiten Drohnenattacke getroffen.
 - um wirklich ganz sicher zu gehen, you know. Weil, doppelt gekillt hält besser, aber wem sagen wir das, für dich, den geübten Videospieler, ist das ja nichts Neues - come on, join the army, join us playing, fire up your double tap, shoot them zombies, sie haben es nicht besser verdient, unsere Feinde, die Terroristen, all die Männer, Frauen und Kinder, die gerade eine Hochzeit feiern oder einem Begräbnis beiwohnen oder zum falschen Zeitpunkt sich am falschen Ort aufhalten - Zombies, alles Zombies.


Worauf wartest du noch? Komm spielen! Die Army braucht dich, sucht dich händeringend, sie wartet auf dich, dein Land wartet auf dich, ja, dein Land, denn dein Land bietet dir einen zukunftssicheren Job, denn in deinem Land werden bereits Zehntausende von Drohnen hergestellt für den Hausgebrauch, für den Einsatz in deinem Land - Zombieland, you know.

Es gibt viel zu tun. 
Join us. 
We are the real Zombies.
Wir wollen doch nur spielen.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Goldman Sucks


Die Goldmanisierung™ der europäischen Politik ("Masters of the eurozone") schreitet zügig voran:

vorher...
...nachher
(zum Vergrößern auf Link klicken)

Demnächst dürfte ein Neuzugang aus dem Hause Goldman Sachs in Good Old Europe zu erwarten sein: Die Bank of England - skandalgeschunden durch die jüngsten Enthüllungen rund um LIBORgate, bei dem ihr bisheriger Gouverneur Mervyn King keine allzu gute Figur machte - braucht dringend einen repräsentablen neuen Kopf. Am besten einen unbescholtenen. Also lieber keinen aus England, weil dort womöglich jedes große Finanztier irgendwie in die LIBOR-Affäre verwickelt ist, gewesen ist, gewesen sein könnte oder sich herausstellen könnte, dass er es tatsächlich war. Ein frisches, unverbrauchtes Gesicht muss also her:
"Warum nicht einen Kopf, der global ist? Banker sind nun mal nicht besonders beliebt, da klingt ein Kanadier nach einer guten Wahl. Gut möglich, dass sie, um die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, sich nach einem Außenstehenden umschauen sollten."
Der unbescholtene Hoffnungsträger aus Kanada heißt Mark Carney, ist Gouverneur der Bank of Canada und trägt auch ansonsten eine saubere Weste, denn er war zuvor in leitender Stellung bei Goldman Sachs. Letzteres wird von der Finanzpresse allerdings weniger prominent gefeatured, schließlich geht es um Glaubwürdigkeit, nicht wahr, und da will man sich auf offener Bühne ja nicht selber in die Suppe spucken.

Apropos Bühne. Zu jeder Bühne gehört eine Kulisse, und in der warten bereits weitere Goldman-Sachs-Stammhalter auf ihren Einsatz im Tagesgeschäft der Politik; scheint's wird es denen im finanzkapitalistischen Tagesgeschäft zu langweilig, weil, immer nur Geld zählen ist ja auf Dauer auch öd. Von Tony Blairs - britischer Ex-Premierminister und derzeit Goldman-Sachs-Berater - feuchten Rückkehrträumen wurde hier bereits berichtet.

Nun scharrt seit kurzem aus demselben Großfinanz-Stall ein weiterer politisch ambitionierter Banker mit den Hufen: kein Geringerer als Lloyd Blankfein. Der ist nicht irgendwer und auch kein popeliger Goldman-Sachs-Berater mit fragwürdiger politischer Vergangenheit, der ist vielmehr quasi Mr. Goldman Sachs himself und höchstpersönlich, nämlich CEO der weltumspannenden Finanzkrake. Und streckt jetzt seinen Kraken-Fangarm nach Regierungsteilhabe aus - ihn dürstet offenbar nach (noch mehr) politischer Macht:
Mr. Blankfein schloss nicht aus, sich Regierungsgeschäften zuzuwenden, wenn seine Amtszeit als Chef bei Goldman beendet sein wird. "Ich habe Ambitionen, mich gebraucht zu fühlen. Von egal welchem Präsident; ich meine das nicht so, dass dies auf die Vereinigten Staaten beschränkt sein muss."
Noch ein Banker in einer Regierung - genau das, was der Welt gefehlt hat. Wo doch bereits quer über den Staaten Europas irgendein Goldman-Sachs-Spross mit dem Fallschirm abgesprungen ist, um die fachgerechte Abwicklung des Niederganges dieser Staaten zu managen.

Ein Blick auf die obige Graphik zeigt, wo noch Vakanzen zu besetzen wären. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy wirkt ohnehin ein wenig abgekämpft in letzter Zeit. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass es da jemanden gibt. Mit Ambitionen, sich gebraucht zu fühlen.

Dienstag, 26. Juni 2012

Kein Job? Geh' doch in Knast


Und hier der neueste Schlager aus dem Hause Orwell: Gefängnisfabriken.

Gefängnisfabriken werden es Gefangenen ermöglichen, ihre Familien draußen zu unterstützen

Neue Gefängnisfabriken werden gebaut werden, die es Gefangenen ermöglichen, Geld für ihre Familien zu verdienen und sich einen Notgroschen zurückzulegen für die Zeit nach ihrer Freilassung.
Die geplante Baumaßnahme - also Gefängnisse mit integrierten Fabrikanlagen - dient selbstverständlich dem wohlwollenden Zweck der frühzeitigen Resozialisierung von Gefangenen.

Die Anzahl der superbilligen Knast-Arbeitskräfte zum Schnäppchenpreis (Stundenlohn ca. 70 bis 80 Cents) soll sich, folgt man der optimistischen Prognose des britischen Justizministerium,
Das Justizministerium möchte die Anzahl von Gefängnis-Arbeitskräften, die innerhalb der Haftanstalt produktiv tätig sind, auf 20.000 bis 2020 verdoppeln.
- von heute bis zum Jahr 2020 verdoppeln; wie er zu dieser Planzahl kommt, verrät Justizminister Ken Clarke nicht, egal, Hauptsache, die Baumaßnahme wird sich rentieren. Wie renditeträchtig die Massen-Knastmaloche sich gestalten lässt, wird sich in Bälde zeigen,
Die Regierung kündigt bereits für dieses Jahr die erste Gefängnisfabrik an und wird führende Unternehmen einladen, um ein Angebot für Gefängnisarbeit auszuschreiben.
Beschwichtigend fügt der Autor an, dass harte, schlechtbezahlte Arbeit im Gefängnis nichts Ungewöhnliches sei, mit einem Blick nach Amerika, wo bereits
Oregon Correction Enterprises die Uniformen für McDonalds herstellt, während seine 'Prison Blues' jeans rund um die ganze Welt verkauft werden.
Endlich mal ein tragfähiges Zukunftsmodell zur flächendeckenden Absicherung eines für führende Unternehmen bezahlbaren Billiglohns! Sucht gerade jemand einen Job und findet keinen? Vergesst die Jobcenter, sind ja sowas von gestern. Werdet kreativ. Verlegt euch auf irgendeinen zünftigen Kriminal - lasst euch was einfallen - , stellt euch dabei schön blöd an, sodass ihr geschnappt und einen sicheren Arbeitsplatz hinter Gittern ergattern werdet, Kost und Logis inklusive. Fragt nicht, was der Staat für euch tun kann, fragt euch, was ihr für den Staat tun könnt. Ist schließlich viel netter, der Staat liegt euch auf der Tasche als umgekehrt.

Übrigens habe ich vergessen, jemandem zum Geburtstag zu gratulieren. Gestern vor 109 Jahren nämlich wurde George Orwell geboren.

Allen Nationalisten ist gemein, dass sie zwischen ähnlichen Tatsachenmustern keine Ähnlichkeiten zu erkennen imstande sind. Handlungen werden für gut oder schlecht gehalten, und zwar nicht für sich betrachtet, sondern in Bezug darauf, wer sie ausführt, und es gibt so gut wie kein Verbrechen - Folter, Geiselnahme, Zwangsarbeit, Massendeportationen, Gefängnisstrafen ohne Gerichtsprozess, Fälschung, Mord, Bomben auf Zivilbevölkerung - , das nicht seine moralische Färbung ändert, sobald es von 'unserer' Seite begangen wird.
Happy Birthday, George Orwell.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Prekärer Nebenerwerb


Lustig. War mir gar nicht klar, in welch enger Nachbarschaft die Spezies Minijobber mit der Kategorie Kleingangster lebt. Anscheinend laufen bei letzteren die Geschäfte auch nicht mehr so prosperierend, weshalb sich immer mehr Kriminelle (!) mit Schwarzarbeiten (!) durchschlagen, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Sagt jedenfalls ein jüngst erschienener Report in der Ganoven-Fachzeitschrift Crime Scene, the trade magazine for the legally challenged (auf deutsch: Fachzeitschrift für die juristisch Behinderten). Einschlägige Gesetzesbrecher wie Taschendiebe, Drogenhändler oder klassische Einbrecher, so ist zu lesen, sind neuerdings derart knapp bei Kasse, dass sie ihr schmal gewordenes Budget mit nebenberuflichen Tätigkeiten aufbessern müssen - sonst reicht's hinten und vorne nicht.

'Daran ist der konjunkturelle Abschwung schuld', bestätigte 'Mad' Mick Morgan (Einbrecher und Herausgeber der Fachzeitschrift), 'in den Häusern der Leute liegt einfach nicht mehr so viel wertvolles Zeug rum, das sich abzugreifen lohnt.'

Von einem Drogendealer wird berichtet, er arbeite nebenher schwarz bei der Feuerwehr.

'Genau genommen', sagte Phil 'The Hammer' Jones (Gangster und Kriminologe), 'ist es schwierig geworden zu unterscheiden, welche Art der Berufsausübung mehr zur Unredlichkeit verleitet - Bankgeschäfte oder Einbruchsdiebstahl, Politik oder Zuhälterei.'

'All dies übt einen schrecklichen Druck aus auf die Familien von Verbrechern', ergänzte Sir Paul 'Fingers' Stephenson (Gelegenheitsdieb und Beauftragter bei der Metropolitan Police). ***

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Phil 'The Hammer' seinem Kollegen Sir Paul 'Fingers' anlässlich dessen Amtseinführung in seinen Zweitjob gratuliert haben mit den Worten: Schuster, bleib bei deinem Leisten!


***frei übersetzt aus dem britischen Satire-Magazin NewsBiscuit

Dienstag, 21. Dezember 2010

Knochenarbeit


Seit heute früh beschäftigt mich das Thema Ambivalenzen. Oder besser: das Ertragen von Ambivalenzen.

Meine Güte, ist das schwer, Ambivalenzen zu ertragen. Will heißen, einer Sache oder einem Menschen aus vollem Herzen zuzustimmen und im nächsten Augenblick völlig über Kreuz mit ihm zu liegen; ihm trotzdem weiter zuzuhören, ohne ihn zu verdammen; nicht wegzulaufen, sondern im Dableiben den angemessenen Abstand zu finden; und bei allem kritischen Abstand ein kritisches Gefühl dafür zu bewahren, wann aus der eigenen Kritik eine Abwehrhaltung wird. Verdammt schwer finde ich das.

Fast bin ich versucht, dies eine intellektuelle Knochenarbeit zu nennen. Schuld daran ist ein Buch mit dem Titel Knochenarbeit von Frank Hertel. Dabei habe ich das Buch noch nicht mal gelesen. Ich bin nur einfach heute früh über eine Besprechung dieses Buches gestolpert (via Perlentaucher), und seither haben das Werk und sein Autor mich nicht mehr losgelassen. Er, der Autor, nennt sein Buch im Untertitel einen Frontbericht aus der Wohlstandsgesellschaft, was mir zunächst alle Haare einzeln aufstellte, weil mir solche reißerischen Metaphern (Frontbericht? Kriegsheimkehrer, oder was?) zum Zwecke der Verkaufsförderung suspekt sind.

Aber egal, nachdem der Rezensent das Buch einführte mit den Worten:
Frank Hertel hat schon als Winzerhelfer, Leiharbeiter, Volontär, Christbaumverkäufer, Möbelpacker, Literaturkritiker und Regalauffüller gearbeitet. Nun versucht er sich als Buchautor und verteidigt in Knochenarbeit körperlich anstrengende Erwerbsarbeit.
- war es um mich geschehen; ich wollte mehr wissen, lesen, hören. Weil besagte Rezension meinen Wissensdurst unbefriedigt ließ, stöberte ich mich querbeet durch alle möglichen Quellen und hörte irgendwann die Stimme des Autoren im O-Ton (im Rahmen eines Rundfunkinterviews) folgendes sagen:
"Wenn ich jetzt Kulturberichte im Radio höre und das Feuilleton der Süddeutschen lese, denke ich mir oft, wie klein, unbedeutend und ahnungslos das alles doch ist, obwohl es mir vorher viel bedeutete. Die Probleme der Mittelschicht und des Bildungsbürgertums kommen mir farblos und erfunden vor. Die Beziehungskisten der Spass- und Singlegesellschaft erscheinen mir wie eingebildete Kinderkrankheiten, gegen die nur ein hartes Wort hilft. Die Mittelschicht, zu der ich gehöre, kommt mir infantil und unreif vor."
Beim Zuhören wurde mir Satz für Satz irgendwie so déjà-vu-mäßig zumute. Hoppla, dachte ich, ein Bruder im Geiste, vielmehr im Leibe, oder vielmehr in den Knochen, wie man's nimmt. Als studierter, wenn auch arbeitsloser Soziologe, der Hertel ist, rechnet er sich der Mittelschicht zu; zumindest hinsichtlich seines Bildungsstandes - ganz gewiss jedoch nicht hinsichtlich seiner Tätigkeit am Fließband in einer Brotfabrik für acht Euro zehn die Stunde. Ich kann seine Gefühle der Entfremdung gegenüber gewissen Mittelschichtsphänomenen nachvollziehen.

Irgendwie unsympathisch war mir dagegen die Sache mit dem "harten Wort". Hart schlucken musste ich auch bei der Bemerkung, man könne da unten ("Da unten ist nicht die Hölle!") durchaus glücklicher sein als jemand, der vom Staat fürs Zuhausehocken bezahlt werde. Hertel neigt zu negativen Stereotypen von Sozialgeldempfängern, findet dieses Pauschalisieren selber falsch und relativiert, tut es aber im gleichen Atemzug trotzdem. Das ist zum Teil haarsträubend und zieht mir beim Hören/Lesen die Socken aus, ist mir andererseits jedoch wohlvertraut aus Kurzgesprächen mit anderen Malochern aus dem gastronomischen Umfeld. Diese feindselige Denke ist "da unten" weitverbreitet, und es ist ihr - zumindest meiner Erfahrung nach - mit Argumenten so gut wie nicht beizukommen. Womit dann? Ich weiß es nicht.

Später landete ich bei einem weiteren Rezensenten, dem Chefenthüller und proletarisierten Intellektuellen vom Dienst Günter Wallraff, der dem unbekannten Newcomer Hertel die Leviten liest, weil letzterem bei seinem Erlebnisbericht das große strukturelle Ganze des kapitalistischen Systems aus dem Blick gerutscht sei, wobei es Wallraff aus dem Blick gerutscht zu sein scheint, dass Hertel nicht aus journalistischem Enthüllungsethos im Prekariat unterwegs war, sondern aus schnödem Geldmangel. Platzhirsch, alter.

Sympathisch wiederum, dass Wallraff für seinen Wegbeißreflex hier die Leviten gelesen bekommt:
"...das alte Frontschwein der gesellschaftskritischen Sozialreportage, Günter Wallraff ... hielt dem Autoren (Hertel) vor, die Strukturen hinter den Arbeitsbedingungen nicht ergründet zu haben. Dabei sollten wir doch alle wissen, wie das funktioniert mit den Strukturen: zuerst ergründen, dann entlarven, dann kassieren und zur nächsten lukrativen Baustelle für sozialromantische Mohrenköpfe weiterziehen. (Wir erinnern uns, im letzten Jahr hatte Wallraff sich schwarz anmalen lassen, um zwecks Ergründung des real existierenden Rassismus durch Deutschland zu wandern.)"
Sympathisch, wie gesagt.

Irgendwie mulmig wurde mir dann wieder, als ich Frank Hertel in einem weiteren Radiointerview zum Thema 'Herren und Knechte' zuhörte. Mulmig deshalb, weil seine Rede alles andere als ressentimentfrei daherkommt; andererseits aber auch wieder unmulmig, weil, ja, warum? Wohl weil ich selbst nicht frei von Ressentiments bin (und sei es nur, weil ich zur Zeit erkältet bin, darum nicht zur Arbeit gehe und darum kein Geld verdiene):
"Ich sehe im Fernsehen die Gewerkschaftsdemonstrationen, und da seh' ich praktisch die normalen deutschen Arbeiter mit ihren Fähnchen demonstrieren, und die kamen mir alle so wohlgenährt und gesund vor im Vergleich zu den Leuten, mit denen ich in meiner Fabrik gearbeitet hab'. Und ich seh' da praktisch 'nen Unterschied zwischen den prekär Beschäftigten, die diese ungesicherten Arbeiten machen - das sind für mich die Knechte.
Und dann seh' ich irgendwie die Leute, die praktisch Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Betriebskindergarten und eben in so gesicherten Positionen sind - und das sind für mich Herren...aber die Begrifflichkeit ist natürlich vielleicht ein bisschen altmodisch."
Man kann das alles zerpflücken und zerfetzen und nach Strich und Faden auseinandernehmen, um es sodann in die Tonne fürs ideologisch Schwererträgliche zu treten. Man kann aber auch einfach dieser Stimme von Frank Hertel zuhören, einer rauhen, medial ungeschliffenen Stimme mit rauhem fränkischem Dialekt und einer schleppenden, mitunter fast stammelnden, gelegentlich schweratmenden Redeweise.

An dieser Stimme und an dem, was sie sagt, kann - wer das aushält - sich stundenlang reiben. Das meine ich mit Ambivalenz.

Montag, 13. Dezember 2010

Essen


Meine Finger führen einen fast aussichtslosen Kampf mit der Tastatur. Sieben von zehn sind dick verpflastert; vier links, drei rechts. Wobei es an ein Wunder grenzt, dass überhaupt noch alle zehn Finger dran sind. Weil, es gibt Küchenmesser, die sind so scharf, dass sie derart butterzart ins Fleisch schneiden, dass man den Schnitt überhaupt nicht spürt (elend schlechter Satzbau, muss an den vielen Pflastern liegen). Womit ich sagen will, dass ich heute nicht zuhause gekocht habe, sondern an meinem Arbeitsplatz, im Restaurant.

Gegen elf Uhr las ich gemütlich die dort ausliegende Tageszeitung, trank Kaffee und war seelisch wie körperlich auf Feierabend gepolt, da klingelte das Telefon: Der Küchenchef bat mich händeringend, bei der Menüvorbereitung einzuspringen, denn die Küchenhilfe war erkrankt. Ob ich nicht einfach sitzen bleiben, Kaffee trinken und warten könne, bis er käme? Ich blieb sitzen, trank Kaffee und lernte die Tageszeitung auswendig. Dann kam der Küchenchef samt Koch und es ging rund.

Ich schälte drei mittelgroße Eimer Zwiebeln, putzte drei Großkisten Feldsalat, presste mindestens einen Zentner Zitronen aus, schnibbelte geschätzte 37 Stangen Lauch ("rautenförmig, fürs Auge!"), raspelte zwei Dutzend Möhren ("feinstiftig bitte, muss zart und luftig aussehen!"), zerkleinerte Unmengen von Staudensellerie ("kleine Halbmonde, nicht einfach so runtersäbeln!"), sparschälte 17 Salatgurken ("immer bisschen was vom Grünen dranlassen, wegen der Optik!"), bis das Blut tropfte und die Pflastervorräte zur Neige gingen.

Derweil widmeten sich Küchenchef und Koch den Kernaufgaben - Wildschweingulasch, Perlhühner, Gänsekeulen, Zanderfilets - sowie den Vor- und Nachspeisen. Ich muss sagen, es macht einen Riesenspass, mit kundigen, detailverliebten Männern zu kochen, womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kochen mit kundigen, detailverliebten Frauen keinen Spass macht, aber es waren halt nun mal Männer heute in der Küche (bis hierher ein völlig überflüssiger Satz, eigentlich, ich lass' ihn trotzdem stehen, bestimmt sind auch daran die vielen Pflaster schuld), und diese Kerle hatten derart lustige Sprüche auf Lager und steigerten sich in einen so ansteckenden, teils hypernervösen, teils hochgradig albernen Kochrausch (ohne Zuhilfenahme von Rauschmitteln) hinein, dass ich meine blutenden Finger mitsamt den ständig aufweichenden Pflastern ebenso vergaß wie die blitzschnell verstreichende Zeit - fünf Stunden waren im Nu vorüber.

In der Zeit habe ich von unglaublich vielen Köstlichkeiten genascht, wenn auch ein bisschen durcheinander - pikant gewürzter Apfel-Sellerie-Salat, erfrischende Avocado-Shrimps-Creme, mördergute Mousse au Chocolat, in Speck eingewickelte vollfleischige Datteln, überbackene scharf-wie-die Sünde-Chorizowürstchen mit Madrigalkäse - ist mir aber hervorragend bekommen, erstaunlicherweise, wo doch mein Magen an derlei lukullische Vielfalt schon lange nicht mehr gewöhnt ist. Ich habe diesen Nachmittag geliebt, wiewohl er saumäßig anstrengend war.

Bevor ich gleich wie ein müder Stein ins Bett falle, gibt es noch Wildschweingulasch in Madeirasauce mit (vom Küchenchef) selbstgezwirbelten Spätzle. Mein Gott, ist Essen was Schönes.

Mittwoch, 22. September 2010

Text putzen


Heute war ein erfreulicher Tag. Denn heute nachmittag gab es einen kleinen Lektorier-Job, dem vielleicht noch weitere kleine Lektorier-Jobs folgen werden. Das erfreulichste daran war, dass der Job im Restaurant stattfand, denn bei dem Auftraggeber handelt es sich um einen der Geschäftsführer, der sich gerade ein zweites Standbein als Buchherausgeber und Verleger aufbaut. Auch er ein Multijobber, sozusagen. Wenn auch in einer etwas anderen Liga spielend als ich.

Ich schmiss also um 11:30 Uhr die roten Schuhe von den Füßen und die Schürze vom Leib, hockte mich rollenkonfliktfrei vors Laptop und wurde vom Geschäftsführer mit Speis' und Trank verwöhnt. Da dieser Geschäftsführer das Servicegeschäft leitet, weiß er, wie das geht (das mit dem Verwöhnen). Er gab den Vollprofi.

Ich aber auch. Hocherfreulich war es festzustellen, dass meine sprachfahnderischen Reflexe immer noch einwandfrei funktionieren; die Arbeit am Text ging mir leichter von der Hand denn je. Manchmal hielt ich inne, schaute zum Fenster hinaus und hatte das unbestimmte Gefühl, die nachmittägliche Leichtigkeit der Textarbeit könnte vielleicht irgend etwas zu tun haben mit der schweren körperlichen Arbeit am Vormittag. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber doch. Irgendwie jedenfalls.

Am allererfreulichsten war der Umstand, dass dieser Geschäftsführer als (verlegerischer) Auftraggeber ein pflegeleichter ist: Er zeigte sich durchweg einsichtig, fügte sich allen meinen Verbesserungsvorschlägen fast widerstandslos, und wenn ich anfing streng zu werden ("Das geht so nicht, basta!"), sagte er "okay", stand auf und kochte frischen Kaffee. Es war ein selten gemütlicher und dabei intellektuell herausfordernder Job. Als der Feinschliff am Text sich in die Länge zu ziehen begann - die Zeit drängt, die Buchmesse naht und der Flyer musste heute noch raus -, schaute er auf die Uhr und bemerkte: "Hoffentlich hast du heute nichts mehr vor", worauf ich ein vorwurfsvolles Gesicht aufsetzte und erwiderte: "Doch, ich muss noch bloggen", was sich ja auch irgendwie erfreulich anfühlt, wenn man seinem Auftraggeber gegenüber das einfach so erwähnen kann.

Interessant war es zu erleben, wie das Restaurant im Laufe des Nachmittags sein Gesicht und seine Energie verändert. Köche und Küchenhilfen werkelten lautstark in der Küche, gegen vier Uhr begann der Service zu wuseln, das Telefon ging immer öfter, der ganze Bienenstock fing an zu summen, die Zeit verstrich und aus dem Summen wurde eine Brummen, wie ein Organismus, der sich warm läuft und allmählich auf Hochtouren bringt. Auch war es interessant zu erleben, dass die weiblichen Servicekräfte und Küchenhilfen es hochinteressant fanden, dass da die Putzfrau am Laptop sitzt und dem Chef Vorträge über guten Schreibstil hält; während die männlichen Köche sich so verhielten, als komme ihnen die ganze Szenerie befremdlich und daher völlig uninteressant vor. Kann aber auch Einbildung gewesen sein. Glaube ich aber nicht. Irgendwie jedenfalls.

Doch, der Tag war gut. So ein Tag macht zufrieden.
Es könnte ruhig mehr solcher Tage geben.

Dienstag, 22. Juni 2010

Cool Vibes


Es gibt Begegnungen, die bleiben im Gedächtnis, obwohl sie nur ganz kurz waren. So, als ob eine leicht angezupfte Saite noch lange Zeit am Nachschwingen bleibt und einen feinen, angenehmen Ton hinterlässt, dem ich gerne hinterherlausche.

Klingt jetzt fast nach etwas Romantischem, war aber eine durch und durch prosaische Begegnung: Putzfrau trifft auf Heizungsgerätezählerableser, also einen Mitarbeiter jener Firma, die mit T anfängt und die alle kennen. Ich war gerade dabei, die Wohnung eines privaten Auftraggebers zu wischen, als es klingelte. Da stand der Ableser, mit dem großen Zählcomputer in der einen Hand, Stift und Klemmbrett in der anderen, und sah irgendwie intelligent aus. Ist schon merkwürdig, aber man sieht fremden Menschen auf den ersten Blick an, ob sie auf sympathische Weise intelligent sind oder strunzdoof.

Der Sympath betrat die Wohnung, stiefelte über die noch feuchten Böden und tat, was sein Job war. Während ich hinter ihm her stiefelte - der Boden war ruiniert -, fühlte ich mich durch irgendeine Bemerkung von ihm bemüßigt zu fragen, ob er das Zählerablesen hauptberuflich mache. Er lachte vergnügt, antwortete, er sei "von Beruf Beamter auf Lebenszeit" und fügte, als ich ungläubig die Augenbrauen hob, hinzu, das sei kein Witz. Er sei, erzählte er, vor langer Zeit einmal Fernmeldeingenieur gewesen bei einem Telekommunikationsunternehmen, also jener Firma, die ebenfalls mit T anfängt und die alle kennen.

Aha, dachte ich, und sofort ratterte in meinem Kopf das volle Programm durch: Der arme Kerl wurde von einer der zahlreichen Personaleinsparmaßnahmen erwischt, und jetzt geht er eben durch die Häuser und liest Zähler ab, nichts Menschliches ist mir fremd. "Nee", fuhr er freundlich fort, "nicht das, was Sie denken", obwohl ich gar nichts gesagt hatte. Vielmehr sei es so gewesen, dass er den Arbeitsvertrag damals aufgelöst habe: "Weil ich es immer unerträglicher fand, wie dort mit den Leuten umgegangen wurde, wie die Leute auf Linie getrimmt wurden, und am schlimmsten fand ich, dass die Leute es haben mit sich machen lassen. Widerspruchslos. Die fanden das sogar gut. Ich wollte so nicht werden."

Während er die abgelesenen Werte in seinen Computer tippte, sagte er beiläufig: "Irgendwann kam der Punkt, wo ich entschieden habe: lieber mit weniger Geld klar kommen, und dafür habe ich meine Ruhe." Ab da war er mir richtig sympathisch.

Außerdem, klärte er mich auf, arbeite er auch noch als Kfz-Mechaniker, und Fuhrparkleiter sei er auch schon gewesen. Er möge die Abwechslung und die Freiheit, - "na ja," ergänzte er, "die relative Freiheit", denn mit bescheideneren materiellen Ansprüchen ließe sich die Lebensführung viel freier gestalten, "das nimmt den Druck raus."

Der Kerl schaute klug und lustig aus seinem scharfgeschnittenen Gesicht heraus, betrachtete den Wischmop in meiner linken Hand und meinte dann anerkennend: "Das finde ich zum Beispiel super, was Sie da machen! Sie putzen Ihre eigene Wohnung, anstatt sich eine Putzfrau zu nehmen, das spart Geld und bringt einen auf den Boden der Tatsachen. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?" Oh Mann. Das sind Momente im Leben einer Putzfrau, die jede Seifenoper hinter sich lassen. Aber der Typ hatte recht: Putzen bringt einen auf den Boden der Tatsachen, weshalb ich, wenn ich mitten im Putzgroove bin, um eine bodenständige Antwort nie verlegen bin. Also hob ich den linken Arm mit dem Wischmop, wies mit dem rechten über den Boden und antwortete: "Das sehen Sie doch."

Jetzt war er es, der ungläubig die Augenbrauen hob. "Und wegen Ihnen", fuhr ich vorwurfsvoll fort, "muss ich jetzt die Böden nochmal wischen, ohne dass ich dafür mehr Geld kriege." Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie weit eine ganz normale Kinnlade der Schwerkraft zu folgen imstande ist. Der Typ war sprachlos, aber weil ich ihn immer noch sympathisch fand, fügte ich nett hinzu: "Im Gegensatz zu Ihnen bin ich Freiberuflerin auf Lebenszeit." Er verstand schnell. "Da sind Sie ja noch freier in der Gestaltung Ihres Lebens als ich!", sagte er mit dem breitesten Grinsen der Welt. Cooler Typ.

Als er ging, entschuldigte er sich noch für die fetten Bratzen, die seine Schuhe hinterlassen hatten. Kein Problem, sagte ich und meinte es genauso. Dann war er weg, und ich widmete mich den Tatsachen auf dem Boden.



Donnerstag, 13. Mai 2010

Tagesvorschau


So eine Dachterrasse ist eine tolle Sache, trotz Schafskälte. Man trotzt der Schafskälte, indem man sich in ein paar warme Wolldecken wickelt, fühlt sich augenblicklich wie im Luftkurort, guckt ziellos in den verhangenen Himmel und denkt über den Tag nach.

Wie war der Tag bis jetzt? Anstrengend. "Ruhe", knurrt es vom Sofa, wo eine müde Mrs. Mop alle viere von sich streckt, "ich will davon nichts hören!" (verständlich, hat Feiertagsschicht geschoben).

Wie wird der Tag noch werden? Vermutlich weniger anstrengend, dafür unterhaltsamer und interessanter als der Morgen. Auf jeden Fall interessanter. Ein Abendessen mit einem guten alten Freund steht an. Seit knapp einem Jahr haben wir uns nicht mehr gesehen. Zwei grundverschiedene Lebenswelten werden sich begegnen: Mittelgroßes Tier aus dem Verlagswesen meets Multijobberin aus dem Prekariat ('Putzfrau' wollte ich nicht aussprechen, sonst hätte das Sofa wieder geknurrt). Also auf jeden Fall interessant.

Ein Jahr ist eine lange Zeit. Da guckt man in den Himmel und fragt sich, was der andere wohl das ganze Jahr über getrieben hat? Umgekehrt ist die Frage einfacher zu beantworten, denn der andere kann ja vieles in meinem Blog lesen. Könnte. Wenn er es täte. Tut er aber nicht, sage ich zu der müden Mop, wollen wir wetten? "Jede Wette", knurrt das Sofa, "dem ist so ein kleines Blog viel zu popelig. Ist ja auch besser so." Wieso besser, frage ich. Das Sofa ächzt: "Na, stell dir vor, er würde ausnahmsweise heute nachmittag ins Blog schauen und das hier lesen - könnte Stress geben heute abend, oder?" Könnte. Wenn er es täte. Tut er aber nicht.

Vielmehr wird er mich fragen, was ich das ganze Jahr so getrieben habe. Ich werde von meinem Wohnungswechsel erzählen und er wird aus allen Wolken fallen, so als Blog-Nichtleser; erst recht wenn er erfährt, dass ich jetzt quasi bei ihm um die Ecke wohne. Und in weniger als fünf Minuten bei ihm vor der Tür stehen kann - Luxusimmobilie meets Mini-Mietwohnung.

Irgendwann wird er mich fragen, ob ich noch blogge, und ich werde antworten, na klar, kennst mich doch, was ich anfange, ziehe ich durch. Fände er großartig, wird er sagen, vermutlich ohne je eine gebloggte Zeile von mir gelesen zu haben. Hast du heute schon gebloggt?, wird er dann fragen, und ich werde antworten, na klar, kennst mich doch, so ein interessantes Abendtreffen wie mit dir lasse ich mir nicht durch die Lappen gehen. Darauf wird er mich vielleicht ein wenig schräg anschauen und dann mit ernstem Gesicht fragen: Und WAS bitte hast du darüber gebloggt? Ich werde freundlich schweigen, worauf er ziemlich flott aufstehen und dabei murmeln wird: Moment, ich geh' mal mein Laptop holen.

Ich bin mir fast sicher, dass ich diesen Moment still genießen werde. Stress wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen geben, infolge bereits fortgeschrittener Entspannung und einem erwartbar guten Rotwein. Doch, ich bin sicher, der Abend wird interessant und unterhaltsam werden. Sogar die auf dem Sofa knurrende Mrs. Mop kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Man muss sie nur bei Laune halten.

Samstag, 30. Januar 2010

Rausch und Geräusche


Es hat seine Reize, anderen Leuten beim Schneeschippen zuzuschauen. Weil, man lernt ja nie aus. Wie schaufelt man am besten eine große rechteckige Fläche frei? Wie lässt sich am schnellsten der Schnee von einem schmalen Weg wegschippen? Ohne dass hinter dem Schippenden heimtückisch die Schneeberge zurück auf den Weg fallen? Ach, und erst diese Treppen, die schneebedeckten - immer wieder eine Herausforderung für den herumstümpernden Anfänger.


Da reizt es, einem Könner bei der Arbeit zuzuschauen. Einem, dessen Job es (unter anderem) ist, Schnee zu schippen. Obwohl er dafür kein Geld bekommt. Vielmehr darf er fürs Schneeschippen (und Putzen) mietfrei wohnen. Eine Zeitlang.

Schaufelnd und schippend setzt er beträchtliche Mengen an Endorphin frei, steigert sich schließlich in einen veritablen Schaufelrausch hinein und nennt darum sein Video Shovelmania. Grandios. Musikalisch perfekt untermalt und mit den druntergemixten (echten) Schippgeräuschen ein extrem cooler Soundtrack: Man möchte sofort anfangen Schnee zu schippen.

Der Shovelmaniac heißt Jason Paul, ist 22 und arbeitslos. Nach einem Bachelor-Abschluss in Kommunikationswissenschaften, 180 erfolglosen Bewerbungen und mehreren schlechtbezahlten Praktika bei diversen amerikanischen Zeitungen hatte er genug von dem Frust; er beschloss auf die Walz zu gehen. Und darüber zu bloggen. Ehrlich und voller Leidenschaft, mitunter rauschhaft. Täte man es nicht bereits - man möchte sofort anfangen zu bloggen.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Konjunkturpaket


Vier Uhr dreißig, normale Uhrzeit, aber kein normaler Tag. Denn heute setze ich mich nicht aufs Rad, sondern in den Zug. Vier Tage lang Ortswechsel. Auf der Suche nach Einkommen. Wird Zeit, dass ich mir ein Konjunkturpaket schnüre.

Eine Reise ins Ungewisse. Komisches Gefühl, das Fahrrad zuhause stehen zu lassen. Und die roten Schuhe. Am ungewissesten ist die Frage, ob ich am Ort meiner Unterkunft einen funktionierenden Internetzugang haben werde.

Los geht's.

Samstag, 25. Juli 2009

Wischmop

Heute ist Samstag. Samstag ist kein Putztag, mithin ein Schanigarten-berichterstattungsfreier Tag. Es passiert auch so genug auf der Welt. Wechseln wir mal vom Land, in dem vor langer Zeit der Schanigarten erfunden wurde, in jenes Land, welches erst kürzlich den sogenannten Rüeblimob erfunden hat, in die Schweiz also. Der Rüeblimob - wiederum eine Worterfindung von Ugugu, der Rest der Schweiz hält sich an die internationale Sprachregelung 'Carrotmob' - funktioniert so:
Die Idee ist einfach erklärt: Wir erledigen alle unsere zu erledigenden Einkäufe am selben Tag und im gleichen Laden. Einen mit dem Besitzer zuvor verhandelter Anteil des Umsatzes, der dadurch in kurzer Zeit entsteht, wird von ihm in Renovationsmaßnahmen gesteckt, welche die Energieeffizienz steigern und die Umwelt schonen. Das Ziel des Mobs also: Einkäufe erledigen und damit den Laden CO2-neutral machen.
Klingt aller Ehren wert, vielleicht eine Spur trockener als es sein müsste. Gottlob gibt es dieses Video aus San Francisco zum gleichen Thema, bei dem ich Tränen gelacht habe, obwohl die Idee zur Action durchaus ernstzunehmend ist. Am 7. August soll nun in Basel ein Gemüseladen "gestürmt" werden. Daumendrücken für die Rüeblimobber.

Nun zur eigentlichen Neuigkeit des Tages. Ich habe einen neuen Job. Oder Zusatzjob. Nebenjob. Zweitjob. Drittjob. Multijob. Was auch immer, ein neuer privater Putzauftrag steht ins Haus. Diesmal handelt es sich um die Wohnung eines Bankers. Ins Gespräch gekommen war ich mit ihm bei dieser Veranstaltung, wo er mich nach längerem Plaudern und mehreren Getränken gefragt hatte: 'Könntest du mal bei mir wischen?', darauf ich: 'Du meinst putzen?', darauf er: 'Nein, nicht putzen, sondern wischen. Bei mir ist geputzt!'
So eine Aussage kann eine gestandene Putzfrau ins Staunen bringen. Zu was braucht er dann eine Putzfrau, wenn alles geputzt ist? Putzen heißt immer all inclusive. Bei mir.
'Du sollst ja auch nicht zum Putzen kommen, sondern zum Wischen.' Da, schon wieder. Ich bat ihn konkret zu werden. Also: Bodenfliesen, Wandfliesen, Spiegel - 'alles wischen. Und die Fenster. Und den Staub. Alles wischen.' Aha, bin im Vollcheck. Wischen eben. Erklärend fügte er hinzu: 'Du wirst sehen, bei mir ist es nicht schmutzig, es muss einfach nur gewischt werden.' Klingt gut. Klingt nach höherem Wellnessfaktor als bei einem Gastronomieküchenboden.
Der Banker hob sein Glas und schaute mich fragend an, was ich von der Sache halte. Mir fiel auf einmal jener frühe Blogbeitrag ein mit der intuitiven Überschrift Banknote. Auch ich hob mein Glas und sagte, 'Good Bank, auf jeden Fall', was den Banker mehr als erheiterte. Er spendierte ein weiteres Getränk, während dessen Konsum er seufzend gestand, dass es schwierig geworden sei mit einem Beruf wie dem seinen; das Berufsbild Banker genieße im sozialen Leben nicht mehr das allerbeste Image. Ich konnte ihn trösten. Dem Berufsbild Putzfrau ergeht es nicht viel besser. Wir verstanden uns.
Die Anzahl der Getränke ließ mich in den darauffolgenden Tagen in Erwägung ziehen, ob die informelle Auftragsvergabe eventuell doch nicht ganz ernst gemeint war? Der Anruf heute morgen stellte jedoch klar: Es war alles ernst gemeint, Mrs. Mop wird dringend zum Wischen gebraucht. Dienstag nachmittag Schlüsselübergabe, Kaffee trinken und Wohnung zeigen. Schon wieder so ein Italo-Edel-Kaffeekochmöbel wird mich erwarten, 'trink so viel du willst'. Damit kann man mich kriegen. Und mit einem Wischmop statt eines Schrubbers.

Sonntag, 12. Juli 2009

Eigenbrötler

Vielleicht hatte Frau Übermop ja doch recht neulich mit ihrem Plädoyer für das Selbstversorgungsprinzip. Sie hatte ja kassandrahaft prophezeit, dass die Leute in kommenden Zeiten gut daran täten, die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse verstärkt selbst zu organisieren. Und falls sie, die Leute, dazu nicht in der Lage seien, müssten sie es eben lernen. Und falls die Leute nicht in der Lage seien, es zu lernen, blickten sie härteren Zeiten entgegen. Noch härter nämlich als die ohnehin sich ankündigenden harten Zeiten für alle anderen. Mehr hatte Frau Übermop dazu nicht aus dem Sack gelassen, aber es hat gereicht, mich heute ihrer Worte zu erinnern:
Gartengrundstück zum Kauf oder zur Pacht gesucht.

Vielleicht handelt es sich bei dem Interessenten ja um einen Zeitungsleser, dem vor zwei Tagen dieser Artikel in die Hände gefallen ist. Dort wird berichtet von einem Kleinbauern im südlichen Niedersachsen, der auf seiner Stalltür stehen hat: Ich bleibe auf dem Land / und ernähre mich, wie ich kann. 'Auf dem Hof gibt es kein Fließwasser, also auch kein Klo, nur einen Blecheimer.' Mit den Fäkalien wird die Wiese gedüngt, 'so will es der Kreislauf'. Es gibt Kühe, Schafe, Hühner, eine Ziege und noch viel mehr Getier. Es gibt vor allem viel Arbeit. Sein Wasser bezieht der Landwirt aus einer nicht allzu nahen Quelle, welche er mit den Worten lobt "falls der Aldi einmal nicht mehr aufmacht".
Ein hartes Leben. Aber es gibt mit Sicherheit härtere Leben. Im Keller 'lagern seine Vorräte, 200 Einmachgläser: Gurken, Kürbis, Apfelmus, eingekochtes Fleisch, Birnen, Kartoffeln. Brennholz, Sellerie, Rote Beete. Im Regal reifen einige Käse, und weitere 30 trocknen für den Winter draußen in der Sonne. Der Selbstversorger lebt im Überfluss.' Warum sie den Artikel dennoch überschrieben haben mit 'Gottfried, der Habenichts', bleibt mir ein Rätsel. Ach ja, und Gottfrieds große Leidenschaft ist Tango tanzen. Jeden Donnerstagabend.

(Memo: Artikel ausdrucken und morgen Frau Übermop mitbringen)

Samstag, 20. Juni 2009

Andere arbeiten lassen

Auch eine Art, mit dem Fahrrad von hier nach dort zu kommen.

Sonntag, 14. Juni 2009

Neues vom Prekariat

Man sollte es sich gut überlegen, bevor man seinen ungeliebten Fernseher der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. 
Es könnte einem etwas unerwartet Qualitätsvolles entgehen. Am 10.06. gab es eine Reportage über drei Menschen: einen studierten Historiker, eine gelernte Bürokauffrau und einen gelernten Heizungsmonteur. Alle drei führen ein Dasein als sogenannte Multijobber. Wenn ich richtig mitgezählt habe, waren es insgesamt zwölf Jobs, welche von diesen drei Menschen ausgeübt werden: Tagesmutter, Fußballtrainer, Fahrradkurier, Gärtner, Messehostess, Segellehrer, Pfandflaschensammler, Blumenausfahrerin, Schiffsüberführer, Übersetzer, Aktmodell, Obdachlosenzeitungsverkäufer. Titel der Sendung war "Drei Jobs und trotzdem arm".
Der Pfandflaschensammler sagt von sich, er komme sich als Obdachloser oft vor "wie ein gehetztes Tier". Regelmäßig geht er zum Hamburger Flughafen, weil dort die Flaschenquote besonders hoch sei, bis zu zehn Flaschen die Stunde. An guten Tagen macht er sogar einen noch besseren Schnitt, "dann verdiene ich mehr in der Stunde als ein Kurierfahrer".
Der Kurierfahrer meint, infolge der Krise liefen die Geschäfte nur schleppend, denn "wenn die Zeiten härter werden, gibt es extreme Konkurrenz". Seine Erfahrung lehrt ihn, "man kann nicht mit nur einem Standbein überleben; eines wackelt schnell, dann bleibt einem die Luft weg." Neben seinen drei weiteren Jobs hat er soeben für einen fünften angeheuert - Kletterer für die Wartung von Industriefassaden und Hochhausfenster, "das ist viel krisensicherer als der Kurierdienst".
Gegen Ende des Films gibt der Pfandflaschensammler (er hat die meisten Jobs von allen drei porträtierten Menschen) eine düstere Prognose: "Das Dramatische ist, dass in Zukunft noch viel, viel mehr Leute sich so durchs Leben werden schlagen müssen. Für viele wird das den Zusammenbruch bedeuten, weil diese Leute sich nicht vorstellen können, dass das Leben trotzdem weitergeht".
Ein überaus anregender Film für Existenzen an der Schwelle zum Prekariat.