Montag, 13. Dezember 2010

Essen


Meine Finger führen einen fast aussichtslosen Kampf mit der Tastatur. Sieben von zehn sind dick verpflastert; vier links, drei rechts. Wobei es an ein Wunder grenzt, dass überhaupt noch alle zehn Finger dran sind. Weil, es gibt Küchenmesser, die sind so scharf, dass sie derart butterzart ins Fleisch schneiden, dass man den Schnitt überhaupt nicht spürt (elend schlechter Satzbau, muss an den vielen Pflastern liegen). Womit ich sagen will, dass ich heute nicht zuhause gekocht habe, sondern an meinem Arbeitsplatz, im Restaurant.

Gegen elf Uhr las ich gemütlich die dort ausliegende Tageszeitung, trank Kaffee und war seelisch wie körperlich auf Feierabend gepolt, da klingelte das Telefon: Der Küchenchef bat mich händeringend, bei der Menüvorbereitung einzuspringen, denn die Küchenhilfe war erkrankt. Ob ich nicht einfach sitzen bleiben, Kaffee trinken und warten könne, bis er käme? Ich blieb sitzen, trank Kaffee und lernte die Tageszeitung auswendig. Dann kam der Küchenchef samt Koch und es ging rund.

Ich schälte drei mittelgroße Eimer Zwiebeln, putzte drei Großkisten Feldsalat, presste mindestens einen Zentner Zitronen aus, schnibbelte geschätzte 37 Stangen Lauch ("rautenförmig, fürs Auge!"), raspelte zwei Dutzend Möhren ("feinstiftig bitte, muss zart und luftig aussehen!"), zerkleinerte Unmengen von Staudensellerie ("kleine Halbmonde, nicht einfach so runtersäbeln!"), sparschälte 17 Salatgurken ("immer bisschen was vom Grünen dranlassen, wegen der Optik!"), bis das Blut tropfte und die Pflastervorräte zur Neige gingen.

Derweil widmeten sich Küchenchef und Koch den Kernaufgaben - Wildschweingulasch, Perlhühner, Gänsekeulen, Zanderfilets - sowie den Vor- und Nachspeisen. Ich muss sagen, es macht einen Riesenspass, mit kundigen, detailverliebten Männern zu kochen, womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kochen mit kundigen, detailverliebten Frauen keinen Spass macht, aber es waren halt nun mal Männer heute in der Küche (bis hierher ein völlig überflüssiger Satz, eigentlich, ich lass' ihn trotzdem stehen, bestimmt sind auch daran die vielen Pflaster schuld), und diese Kerle hatten derart lustige Sprüche auf Lager und steigerten sich in einen so ansteckenden, teils hypernervösen, teils hochgradig albernen Kochrausch (ohne Zuhilfenahme von Rauschmitteln) hinein, dass ich meine blutenden Finger mitsamt den ständig aufweichenden Pflastern ebenso vergaß wie die blitzschnell verstreichende Zeit - fünf Stunden waren im Nu vorüber.

In der Zeit habe ich von unglaublich vielen Köstlichkeiten genascht, wenn auch ein bisschen durcheinander - pikant gewürzter Apfel-Sellerie-Salat, erfrischende Avocado-Shrimps-Creme, mördergute Mousse au Chocolat, in Speck eingewickelte vollfleischige Datteln, überbackene scharf-wie-die Sünde-Chorizowürstchen mit Madrigalkäse - ist mir aber hervorragend bekommen, erstaunlicherweise, wo doch mein Magen an derlei lukullische Vielfalt schon lange nicht mehr gewöhnt ist. Ich habe diesen Nachmittag geliebt, wiewohl er saumäßig anstrengend war.

Bevor ich gleich wie ein müder Stein ins Bett falle, gibt es noch Wildschweingulasch in Madeirasauce mit (vom Küchenchef) selbstgezwirbelten Spätzle. Mein Gott, ist Essen was Schönes.

Kommentare:

  1. Hach, den letzten Satz unterschreibe ich (gern auch mit vollverpflasterten Fingern) und hebe Ihn als Antwort für alle 'was, Du kochst abends noch?' Frager auf.

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  2. [Falls dess jezz 'ne Duplette wird: Du weißt, was Du zu tun hast, gugg auf die Uhrzeit! ;) Danke]

    "Mein Gott, ist Essen was Schönes." D'acord! Gibt (eigentlich) wenig wichtigeres als Gutes Essen (& selber kochen) und gute Musik (& selber machen - jeder kann etwas davon!)

    Abschließend will isch abber noch ebbes wisse: Wie wor dess "Maghreb-Hendel"? Krisch isch kein Andwordd, verrad isch Dir ach nedd wie "Ente mit Maronen und Kürbis" geht! So!! [unser/mein Weihnachtsschmaus]

    Apropos Musik (und Jahreszeit):Bisschen Scheegestöber gefällg? (Das nächste Stück dort iss auch ganz gut passend - und noch das hier (2 Teile).

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  3. Beyleyd.
    Dass die Spacken dir nicht gezeigt haben, wie man schneidet, ohne sich verstümmeln, ist ziemlich großes Kino. Aber sie haben in dir ja ein williges Blutopfer ;-)

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  4. @Vogel
    Maghreb-Hendl war DER Wurf! Auf Empfehlung des Marokkaners habe ich obendrauf Kartoffelschnitze (wie deutsch!) mitgaren lassen, die haben sich mit dem scharfen Sud vollgesogen und schmeckten gut wie Hölle.

    @flatter
    Blutopfer, genau. Wie ich heute erfahren habe, kam der mit Chorizo-Pilz-Ragout gefüllte Kaninchenrücken bei den Gästen besonders gut an (Chorizo häuten = zwei Finger).

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  5. [wo war nochmal das rezept vom hendl??! *rumsuch]

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  6. Das mit den Kartoffelschnitzen, das iss die Idee!! (Kannte ich nur im Zushang mit Lammkeule unn so) Wird beim nä. Mal umgesetzt. Gruß an den Sohn des Atlas - und männie Thx.

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