Dienstag, 7. Dezember 2010

Kühlwärme


Heute lief es mir kurzzeitig eiskalt den Rücken runter. Und das nicht nur, weil Dienstag der Tag des Kühlhauses (korrekt: Kühlhausputztag) ist, mithin der Tag der klammen Finger und der tiefgekühlten Laune.

An normalen Dienstagen pflegt ein quirliger, stets zu intelligenten Spässen aufgelegter Portugiese meine Laune vor dem Absturz ins Bodenlose zu retten. Immer dienstags wird nämlich der jugoslawische Getränkelieferant von einem portugiesischen Minijobber begleitet, der, wenn er mich im Kühlhaus rumoren hört, höflich an die dicke Tür klopft und fragt, wie es mir gehe. Er neigt dann immer zu makabren Scherzen rund um das Thema Kühlhaus, und genau diese situative Vorliebe fürs Makabre ist es, was meine Dienstagslaune wieder merklich über den Gefrierpunkt hebt. Normalerweise.

Heute streckte der Portugiese den Kopf ins Kühlhaus, sah mich Lammhaxen durch die Kälte wuchten und fragte liebenswürdig, ob er mich fragen dürfe, wie es mir ginge? Statt einer Antwort guckte ich knurrig, was ihn veranlasste, mir die schwere Lammhaxenkiste abzunehmen. Fand ich nett. Doch dann, als er die Kiste abgestellt und sich wieder aufgerichtet hatte, sagte er mit dem freundlichsten Gesicht der Welt etwas, was ich überhaupt nicht nett fand, nämlich: "Arbeit macht frei!"

Ich guckte ihn so böse an, wie es mir nur irgend möglich ist, worauf er erschrak und fragte, ob er etwas Falsches gesagt habe. Ich guckte noch böser. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er die drei fatalen Worte völlig arglos und ohne Hintergedanken ausgesprochen hatte. "Was hast du denn?", fragte er mich besorgt, "genau dasselbe hat heute morgen mein Chef zu mir gesagt!" Mir schwante Übles. Ich fragte ihn, was für ein Landsmann sein Chef sei. "Eine Kartoffel, was sonst", antwortete er, "warum fragst du?"

Ich wurde stinksauer. Nicht auf den Portugiesen, sondern auf seinen deutschen Vorgesetzten. "Was deine deutsche Kartoffel heute morgen zu dir gesagt hat, hat vor 70 Jahren ein gewisser Adolf Hitler gesagt", zischte ich. Er verstand sofort. Und fing an zu lachen. "Gut, dass ich das jetzt weiß", gab er zurück, "weißt du, eigentlich sagt die Kartoffel das jeden Morgen zu uns." Mir verging das Lachen. Er grinste durchtrieben. "Ab morgen", fuhr er unbekümmert fort, "weiß ich, was ich der Kartoffel antworten werde."

Ich schaute ihn neugierig an. Statt etwas zu sagen, legte der kleinwüchsige drahtige Portugiese eine effektvolle Kunstpause ein, bevor er schweigend, aber zackig die Hacken zusammenschlug, sein Kreuz durchdrückte und den rechten Arm in unmissverständlicher Pose stramm nach oben zog. Für einen Moment war es, als ob Charlie Chaplin mich im Kühlhaus besucht hätte. Trotz klammer Finger wurde mir ganz warm ums Herz.

Kommentare:

  1. Hübsche Pointe! Traurig daran finde ich nur (und nein! ich möchte die Ereignisse bis 1945 NICHT verharmlosen!!!), dass unsere Generation (und ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass auch du, Mrs.Mop, definitiv nach 1945 geboren wurdest...) immernoch kollektiv und wie ferngesteuert schuldbewusst zusammenzuckt bei der bloßen Erwähnung einer durchaus richtigen Aussage. Arbeit sollte nämlich m. E. frei machen...im Sinne von unabhängig, daran kann ich nichts Falsches sehen. Dass ausgerechnet dieser Satz so verpönt ist, nur weil er, in Metall gegossen, jedem Besucher der Gedenkstätte Buchenwald (ein Besuch lohnt sich, da kriegt man schon Gänsehaut, ich konnte danach nicht gut schlafen) in Auge und Hirn springt, zeigt doch nur, wie uns ein ewiger Schuldkomplex eingimpft wurde, von dem ich mich persönlich distanzieren möchte. Natürlich darf niemand vergessen, wozu Regierungen und Ideologien fähig sein können, aber: Ich habe Hitler NICHT gewählt, ihm NICHT zugejubelt, war NICHT in der NSDAP, BDM o.ä., bin GEGEN Arbeitslager, Volksverhetzung usw. und trotzdem der Meinung, dass Arbeit frei machen kann...wenn auch nur so frei, dass ich nicht regelmäßig beim Amt sitze und meine Lebensverhältnisse offen legen muss.
    Mrs. Mop, verzeihe mir bitte diesen Mammut-Post, aber bei dem Thema kriege ich immer, immer, immer Bauchschmerzen...

    AntwortenLöschen
  2. ...Oh! Und ich würde gerne Mäuschen spielen bei der nächsten "Morgenansprache" der Kartoffel...die Reaktion auf die portugiesische Antwort ist sicher sehenswert ;-)

    AntwortenLöschen
  3. @crissy,
    ihre bauchschmerzen und ihre abneigung gegen das thema in allen ehren, aber ich muß da doch mal ein oder zwei einwände erheben.

    Ich entnehme ihrem posting, dass sie etwas jünger sind als ich, und ich kann ihre schuldkomplexabwehr nachvollziehen. Sie sind die dritte generation nach dem „deutschen betriebsunfall“ da mag das mit der abwehr wohl schnell gesagt sein und auch schnell gedacht sein, aber...

    Und das ist der erste einwand.
    Fragen sie mal ihre großeltern nach de zeit zwischen 1933 und 1945 und sie werden eine sehr interessante entdeckung machen.

    Entweder haben sie die zeit nur als kinder erlebt, dann werden sie hören, dass ihre eltern nie darüber gesprochen haben, oder sie haben sie so erlebt wie meine eltern, dann werden sie auch deren schweigen kennenlernen.

    Ich hatte vor kurzem eine heftige diskussion mit einer freundin, die gegen diese sprachlosigkeit und gegen dieses schweigen ihr ganzes leben lang angerannt ist. Ich habe ihr gesagt, ich habe dieses schweigen immer begriffen als eine traumatisierung, denn in der unmenschlichkeit werden nicht nur die opfer, auch die täter und mitläufer gezeichnet. Und das ist die generation die hitler erlebt hat, - gezeichnet. Sei es durch schuld oder durch die tat oder durch das schweigen über die tat.

    Ich habe hitler auch nicht gewählt, aber ich habe an einem punkt meiner biographie begriffen, das es nicht damit getan ist, dass ich zur nachgeborenen generation gehöre, sondern dass auch wir, die generation danach, durch unsere eltern mit in der schuld stehen.

    Und mein zweiter einwand: möglich dass sie hitler nicht gewählt haben damals, aber würden sie denn heute ihn *nicht* wählen? Wer nicht weiß, und wer nicht bewußt mit der vergangenheit umgeht, der ist verführbar. Und bei Lessing steht: gewalt kann man widerstehen, aber verführung ist die wahre gewalt.

    Und das ist es was ich auch meinen besuchen in Buchenwald und Auschwitz gelernt habe.

    Gruß bel.

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Chrissy,

    das sehe ich ganz genau so.

    Drei Generationen sind seit dem Krieg vergangen und die Deutschen und Deutschland haben für die Ihnen zweifach aufgebürdete Kriegsschuld bitter und teuer bezahlt. Zudem wurde die deutsche Geschichte aus Sicht der Kriegsgewinner auch bis ins Kleinste aufgearbeitet. Nicht zuletzt ist dieses Land auch ein vollkommen anderes geworden, jenseits jeder Grossmachtsattitüde.

    Niemand aus den heute lebenden Generationen muss sich daher mehr in den immer wieder geübten Versuch, eine Kollektivschuld über Generationen hinweg in das Bewußtsein der Deutschen zu pflanzen, einordnen. Wir sollten diese Art der Geschichtsschreibung hinter uns lassen UND weiterhin dafür sorgen, dass dergleichen nicht wieder geschehen kann.

    Ich bin übrigens weder rechts noch links, sondern war bestenfalls dem Realoflügel der Grünen bis vor ein paar Jahren nahe. Wäre die SPD wählbar, wäre ich am ehesten dort zu verorten. Dies nur voraus geschickt.

    Dennoch sollte man sich verdeutlichen, dass Deutschland nebst Kriegsschuld auch den Verlust von einem Drittel seines Territoriums zu konstatieren hat, jedwede Kriegsanleihe der letzten hundert Jahre bezahlt hat, gar nicht so wenige Reparationen, Ausgleichs- und Wiedergutmachungszahlungen geleistet hat, noch immer im Gegenzug zur Wiedervereinigung den Hauptzahlmeister in Europa gibt, die Aussöhnung mit Franzosen, Polen, Dänen und Russen aktiv betreibt usw. usf.. Es gibt nichts, was dieses Land und seine Bevölkerung irgend jemandem auf der Welt schulden würde.

    Auch die Frage einer deutschen Kriegsschuld muss nicht unbedingt wie bekannt beantwortet werden, wenn man sich die zuvor erfolgte vierte polnische Teilung ins Gedächtnis ruft.

    Ein Vergleich mit der Aufarbeitung der Napoleonischen Krieg auf der Wiener Konferenz bringt im übrigen einige historische Ungerechtigkeiten zuungunsten unseres Landes zutage. Zunächst wurde Frankreich damals als Hauptkriegsschuldiger geächtet, doch hat man es recht schnell trotzdem wieder im Konzert der Grossmächte mitsprechen lassen. - Etwas, das Deutschland bis heute nicht zuteil wurde. Frankreich hat damals im wesentlichen auch keine Gebietsverluste gehabt - vollkommen anders, als Deutschland. Frankreich wurde so wieder her gestellt, wie es vor Ausbruch des Napoleonischen Krieges existierte. Dies war dem neuen völkerrechtlichen Prinzip geschuldet, dass alle fünf damaligen Grossmächte garantierten: Dass im Krieg durch Annexion eroberte Gebiete nicht Bestandteil des Erobererlandes werden konnten. Dieses Prinzip sicherte Europa einen Frieden, der bis auf -im Vergleich- kleinere und lokal begrenzte Konfronatationen fast genau 100 Jahre hielt.

    AntwortenLöschen
  5. Von diesem Prinzip wurde erstmals im grossen Stil als Ergebnis des ersten Weltkrieges abgewichen, als nämlich vor allem Österreich 80% der Bevölkerung und seiner Landesfläche verlor. Im Ergebnis gab es starke Bestrebungen in Österreich, sich dem Deutschen Reich anzuschliessen, wo es bereits zu Zeiten der Reichsgründung 1870/71 -also nicht ganz 50 Jahre zuvor- hin wollte, was aber von Preussen verhindert wurde.
    Die zweite grosse Abweichung von diesem Prinzip gab es im Ergebnis des zweiten Weltkrieges, als Polen zu 75% nach Westen verschoben wurde und Deutschland ein Drittel seines Territoriums verlor.

    Ostpreussen war 850 Jahre lang deutsch, Königsberg und Riga sind deutsche Gründungen. Deutschland hat diese Gebietsverluste im Zuge seiner Wiedervereinigung als Folge des zweiten Weltkrieges akzeptiert und sich gleichwohl mit Polen, Tschechen, Russen und den Baltischen Völkern ausgesöhnt. Auch die Spirale aus Verlust und Wiedereroberung um Elsass-Lothringen wurde zugunsten Frankreichs beendet.

    Man kann also das Ergebnis der beiden Weltkriege machtpolitisch auch so zusammen fassen, dass Deutschland (und sein Verbündeter Österreich) als unterlegene imperiale Macht auf ein Maß zurecht gestutzt wurden, von dem man hoffte, dass Deutschland so Amerikanern, Briten, Franzosen und Russen nicht mehr gefährlich werden kann.

    Hinsichtlich der Juden und Israels gab es und wird es auch in Zukunft eine deutsche Sonderrolle geben, dieser moralischen Verpflichtung wird man sich auf absehbare Zeit nicht entziehen.

    Die jetzt lebenden Generationen haben mit dem Krieg nicht das geringste zu tun. Deutschland muss sich keinerlei Vorhaltungen machen lassen.

    Man kann aber gern einmal zurück fragen, wo denn die Sühne und Aufarbeitung folgender Verbrechen bleibt:

    - bei den Russen: die Ausrottung der polnischen Intelligenz durch den NKWD und die Vertreibung der Polen aus den zugesprochenen Gebieten
    - bei den Briten: ihr Vorgehen in den Kolonialkriegen, das flächendeckende Bombardement der Zivilbevölkerung in Deutschland
    - bei den Franzosen: ihr Vorgehen als Kolonialmacht in Nordafrika und Indochina
    - bei den USA: der Völkermord an den Indianern und ihre imperialen Kriege seit 1945

    Wir haben wenig aufzuarbeiten - ausser vielleicht manch notwendige Richtigstellung einer Geschichtsschreibung durch die Sieger. Mit dem Aufarbeiten sollen andere erstmal da hin kommen, wo wir seit vielen Jahren sind.

    Es ist kein Aufruf zum Nationalismus, wenn ich sage, denkt über dieses unser Land nach, lernt über seine und von seiner Geschichte und versucht aktiv, die Rolle dieses Staates in Europa mitzudefinieren ohne euch Schuldkomplexe einreden zu lassen.

    Nur weil ein Adolf manche geflügelten Worte für sich vereinnahmt hat, heißt das noch lange nicht, dass sie falsch sein müssen oder ihre Bedeutung verloren hätten.

    AntwortenLöschen
  6. @Chrissy und bel
    Danke für eure ausführlichen Beiträge.

    Chrissy, ich verstehe genau, was du meinst: Du bist „trotzdem der Meinung, dass Arbeit frei machen kann...wenn auch nur so frei, dass ich nicht regelmäßig beim Amt sitze und meine Lebensverhältnisse offen legen muss.“

    Genau das ist einer der Gründe, weshalb ich mich mit einem Putzjob abschinde, um ein paar Kröten zu verdienen; ich hätte eine panische Angst davor, mich durch die Ämtermühle drehen zu lassen und darüber - subjektiv wie objektiv - meine kleine persönliche Freiheit („...im Sinne von unabhängig...“) zu verlieren.

    Trotzdem, spätestens seit ich Buchenwald besucht habe, ist der Satz ‚Arbeit macht frei‘ für mich auf immer kontaminiert, angesichts des Grauens, was dort und anderswo den Menschen widerfahren ist - eben im Namen und unter dem Deckmantel dieses ‚eigentlich‘ so einleuchtend erscheinenden Spruches, der de facto für das Gegenteil, nämlich Unfreiheit, Zwangsarbeit und Vernichtung stand.

    Und allerspätestens seit der Reanimierung jenes Spruches durch die INSM, CDU/CSU und andere Parteien - „Sozial ist, was Arbeit schafft“ (meines Wissens ebenfalls ein alter Nazi-Slogan) - gehen bei mir alle Alarmlampen auf rot, wenn der Satz „Arbeit macht frei“ jenseits seines deutsch-historischen Kontextes ‚in aller Unschuld‘ verwendet wird. Weshalb ich dem armen Portugiesen um ein Haar an die Gurgel gegangen wäre...;)

    @bel
    Mir ist dieses beklemmende Schweigen aus meiner eigenen Herkunftsfamilie bekannt - gut, dass du nochmal daran erinnert hast. Buchenwald hat mich auch daran erinnert, auf schmerzhafte Weise.

    „möglich dass sie hitler nicht gewählt haben damals, aber würden sie denn heute ihn *nicht* wählen? Wer nicht weiß, und wer nicht bewußt mit der vergangenheit umgeht, der ist verführbar.“ Das Fatale an den o.g. Slogans ist ja gerade das Verführungspotential, das in ihnen steckt; denn je nachdem, wie die schillernden Worte interpretiert werden, können sie ja durchaus einen individuellen Sinn ergeben (s.o.). Und genau da heißt‘s aufpassen.

    „gewalt kann man widerstehen, aber verführung ist die wahre gewalt.“

    Ja. Uneingeschränkt ja.

    AntwortenLöschen
  7. @Anonym
    Das war jetzt ein ziemlicher Rundumschlag durch die Geschichte. Um auf den ‚Stein des Anstoßes‘ zurückzukommen: „Nur weil ein Adolf manche geflügelten Worte für sich vereinnahmt hat, heißt das noch lange nicht, dass sie falsch sein müssen oder ihre Bedeutung verloren hätten.“

    Tut mir leid, da steckt mir in der Wortwahl zu viel Verharmlosendes drin (kann auch sein, dass ich es bin, die es heraushört)...“nur weil“...“ein Adolf“...“manche geflügelten Worte“...“ihre Bedeutung verloren“...: WELCHE Bedeutung? Wer gibt welchen Worten welche Bedeutung? Wer hat zu welcher Zeit die Deutungshoheit über sie? Wie gesagt (s.o.), ein jeder kann die besagten drei Worte in seinem eigenen persönlichen, individuellen Rahmen interpretieren, wie er es als richtig empfindet (mache ich ja auch); auf die deutsche Geschichte bezogen, halte ich sie - unabhängig davon, wieviel „die Deutschen“ aufgearbeitet, bezahlt oder wiedergutgemacht haben - für vergiftet.

    AntwortenLöschen
  8. Ich möchte hier noch auf den anderen Aspekt der "Arbeit und der Freiheit" hinweisen:

    http://ad-sinistram.blogspot.com/2010/12/nomen-non-est-omen.html

    AntwortenLöschen
  9. Ah, wundervoll. Den hätte ich fast vergessen, den Müßiggang. Danke dafür.

    AntwortenLöschen
  10. Es geht hier auch gar nicht um Beschönigung, geschweige "Verharmlosung" der Verbrechen unter Hitler, die er und die Nationalsozialisten zu verantworten hatten. Dies, der Versuch der industriellen Judenvernichtung durch einen Staat hatte eine vollkommen neue Dimension, die auch in aller Härte zu verurteilen ist.

    Es gibt an den Verbrechen der Nazis nichts zu beschönigen. (Punkt) Und das tue ich auch nicht. (Punkt)

    ABER
    ganz so, als seien Judenprogrome 1938 vom Himmel gefallen und seitdem müssten die Deutschen alle Schuld der Geschichte hinsichtlich Judenverfolgung auf sich nehmen ist es eben auch nicht.

    Überall in Europa gab es immer wieder Judenvertreibungen, über hunderte von Jahren - bis in die Neuzeit! DAS ist der Kontext, in den sich das Hitlerreich unter anderem einordnet.

    Judenvertreibungen gab es im Mittelalter in ganz Spanien (813, 1306, 1391, 1449, 1478-92), England (1189, 1290) und Frankreich (1236, 1320, 1394, 1572).

    Auch gab es grosse Pogrome in vielen Städten, darunter München (1189) und Straßburg (1348/50), viele Schweizer Städte (Luzern 1384, Bern 1427, Basel 1349, 1397) sowie auch im Rheinland (1287, 1349), in Böhmen (1290) sowie 1298 in Franken, Bayern und Österreich.

    Grossbritannien, Frankreich, Spanien und Flandern durfte von Juden hunderte Jahre lang nicht betreten werden. 813 und 1492 wurden die Juden aus Spanien vertrieben, 1181 und 1394 aus Frankreich, 1290 aus England, ca. 1300 aus Frankreich, 1495 Litauen, 1497 Portugal, 1540 Vertreibung der Juden aus Neapel, Genua und Venedig, dazwischen das Massenpogrom in Russland, Polen und der Ukraine von 1648 mit zehntausenden getöteten Juden, 1727 Vertreibung der Juden aus der Ukraine, 1744 aus Böhmen.

    Nicht umsonst ist "Pogrom" ein russisches Wort, das Verwüstung bedeutet und inzwischen für "antijüdische Ausschreitungen" steht.

    Ein paar Beispiele aus der Neuzeit:

    AntwortenLöschen
  11. 1881-84 antijüdische Progrome in ganz Russland nach Ermordung des Zaren Alexander II.
    1903 Kishinev, Bessarabien
    1905 Odessa (nach 1821, 1859, 1871, 1881, 1886)
    1905 Ekaterinoslaw
    1906 Białystok-Pogrom
    1917 antijüdische Progrome in ganz Russland (geschätzte 70.000 bis 250.000 tote jüdische Zivilisten)
    1918 Warschau (Polen, Blaue Armee)
    1919 Kiew (Weissrussen)
    1935-37 Polen, antijüdische Aufstände
    1939-41 zwischen 100.000 und 300.000 polnische Juden werden von den Russen aus Russisch-Polen deportiert
    1941 Jedwabne deutsch-polnisches Progrom (1949 Verurteilung von 12 polnischen Bürgern)
    1941 Bukarest
    WK II
    1946 Kielce / Polen

    1946 Der Internationale Untersuchungsausschluß bestätigt 1946: "Niemand will die aus den KZs entkommenen Juden aufnehmen." England läßt die aus deutschen Lagern nach Israel fahrenden Juden in Lager Zyperns einsperren.

    So viel dann mal als Geschichtsausflug. Denke jeder ein ganz klein wenig darüber nach, mit welchem Recht "die Deutschen" kollektiv an den Pranger gestellt werden.

    "Arbeit macht frei" stand über einem Tor eines Vernichtungslagers. Vielleicht bringt jeder soviel Verstand mit, dass er doch noch ein paar gefällige Unterschiede zum Jobcenter ins Feld zu führen vermag und einen solchen unsinnigen Vergleich daher ablehnt. Jobcenter und KZ in einem Satz zu nennen und in irgendeinen Zusammenhang zu stellen, sind Argumente derer, die für einen rhetorischen Sieg auch "ihre Grossmutter" verkaufen würden - statt sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das sagt aber dennoch nichts über Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Floskel.

    Jeder, der es wagt, einen Satz, den ein Nationalsozialist einmal aussprach zu benutzen, läuft noch immer Gefahr, in diese Schublade verfrachtet zu werden. Wie gesehen.

    Doch das ist Unsinn. Geflügelte Worte oder Ideen an sich sind ganz unschuldig, können nichts dafür, wer sich ihrer bedient (hat) und werden durch nichts "entwertet" oder unrichtiger, nur weil sie jemand geäussert hat, mit dem man sich nicht gemein machen will. - Es wird eben nur "anrüchig", solche Begriffe zu benutzen, auch dann, wenn der Zusammenhang -wie hier- ein ganz anderer ist.

    AntwortenLöschen
  12. Jetzt lass bitte mal gut sein mit dem ausschweifenden Geschichtsunterricht, das ist ja ein Lesekiller erster Güte. Hier hat keiner "die Deutschen kollektiv an den Pranger gestellt", also brauchst du auch nicht seitenlang darüber zu dozieren. Stattdessen lies bitte noch mal nach, was Chrissy zum Thema Amt und Freiheit geschrieben und was ich ihr darauf geantwortet habe - es ging um persönliche Erfahrungen bzw. Einstellungen, und dazu bedarf es keines oberlehrerhaften Kommentares.

    Zur Erinnerung: Im Post ging es um einen deutschen Vorgesetzten, der es für angemessen hält, seine ausländischen Arbeitskräfte allmorgendlich mit der Durchhalteparole 'Arbeit macht frei' zu motivieren. Solche Leute verfrachte ich in die genau dafür angemessene Schublade.

    AntwortenLöschen
  13. Kann schon sein, dass Du bei manchen Kommentaren an deine Kapazitätsgrenzen stösst. Dennoch wirst du es den Kommenatoren überlassen müssen, ob, wie und in welcher Form sie hier kommentieren. Anscheinend hast du Schwierigkeiten mit Meinungen, die von deiner eigenen abweichen. - Meinungsfreiheit also nur, wenn sie deine Meinung unterstützt? Vielleicht solltest du im Sinne dieser "zweckgebundenen" Meinungsfreiheit Schreibanträge, dreifacher Durchschlag, Meinungsäusserungen nur nach Imprimatur deinerseits einführen.

    Und zur Erinnerung: Da hat jemand einen Spruch benutzt, der auch in der Nazizeit benutzt wurde, der aber durchaus auch ein zeitloser Spruch ist und dessen Inhalt man durchaus auch anders verstehen kann, als nur ideologisch besetzt.

    Und du hast mit dem Menschen zwar nicht gesprochen, ihn aber aufgrund der eigenen Vorurteile sofort als Nazi abgestempelt. Bis jetzt reden wir da also nur von deiner eigenen Wahrnehmung.

    Super also, wie du verdeutlicht hast, wie man in unserem Land einfach durch Bedienen von Vorurteilen verbunden mit dem Herausholen der Nazikeule jede intellektuelle, ja selbst eine vollkommen sachliche Auseinandersetzung mit einem Thema unterbinden kann.

    AntwortenLöschen
  14. Ich werde den Kommentatoren überhaupt nichts überlassen müssen, wenn mir deren Ton missfällt. Anonym auftretenden Kommentatoren schon gleich gar nicht. Auch dafür gibt es einen „durchaus zeitlosen Spruch“: Große Klappe und nix dahinter.

    AntwortenLöschen
  15. Schwer beeindruckend solche Sprüche und Beschimpfungen, wenn das Gegenüber gerade seitenweise Argumente gebracht hat und du selber dem argumentativ nicht nur nichts entgegen zu setzen hast, sondern sogar zugegebenermaßen nichts als Schubladendenken zu bieten hast.

    Mich bringen solche Bankrotterklärungen wie deine nur zum Gähnen.

    AntwortenLöschen
  16. Also Mrs. Mop, kann der Blues sich nicht mal als Raußschmeißer betätigen?

    So gruseligen Besuch hattest du ja noch nie in deinem Wohnzimmer...

    Hab mich beim Lesen deines Artikels schon etwas verschluckt, als ich auf den besagten Satz gestoßen bin. Worte und Sätze bedeuten ja nicht per se irgendetwas, die Bedeutungen sind oft mit der Zeit gewachsen und da spielt der historische Kontext durchaus eine Rolle.

    Und dann diese unglaublich intelligenten Totschlagargumente à la "Der andere war auch böse" und "Das kann man so interpretieren wie man will, da gibt es kein richtig und falsch" Und dann auch noch "seitenweise" - mein herzliches Beileid!

    Und schon mal "Verzeihung" im Voraus - damit habe ich bestimmt Öl ins Feuer gegossen.

    AntwortenLöschen
  17. Jadu, finde ich auch: herzliches Beileid zu deinem Publikum. Wenn du schon auf dem Trip bist, das Publikum zu bashen, wenn es nicht Beifall klatscht, bleiben eben Leute wie Amike übrig, die kein Stück über Inhalte nachdenken, aber das Ganze als etwas nehmen, wo emotionale Parteinahme erforderlich ist.

    Amike, immer schön auf das Schild warten.
    APPLAUS.

    LOL

    AntwortenLöschen
  18. Naja, Geschichte hatten wir hier genug, auch Klitterung derselben nebst Aufrechnung, Gegenrechung Abrechnung usw. *Grrrh*

    Aus meiner Sicht: Wir können heute allen dankbar sein, dass uns Nie die Frage gestellt wird (bisher wurde??): "Wo ist Dein Platz? Auf'm Wachturm oder hinter'm Stacheldraht?" Ich bin mir nich sicher ob meiner Antwort. Meine Amifreunde haben's nie verstanden, dass mir die jüngere deutsche Geschichte persönlichen "Schluckauf" verursacht.

    Jedenfalls steht fest: Der Große Diktator iss einer der besten (für mich: DER BESTE) Filme, die je gedreht wurden. Ich gugg mir den immer wieder an, besonders das EndeSchlußrede.

    AntwortenLöschen
  19. Ohje...hätte ja nicht gedacht, dass mein Kommentar hier solche Wellen auslöst. Nach Lesen der ersten Hälfte wollte ich dir, Mrs. Mop, eigentlich zum sachlichen Ton deiner Leserschaft gratulieren (auch wenn du da ja nur begrenzt Einfluss drauf hast ;-)). Naja, generell finde ich anonyme Posts irgendwie...ich weiß nicht...
    Wollte hier auch gar keine Riesendiskussion vom Zaun brechen. Ich halte mich für einigermaßen tolerant, erwarte diese Toleranz aber auch von meinem Gegenüber. Will heißen, jede Meinung ist für mich okay, solange ich nicht gezwungen werde sie zu teilen. Gerade dieses Thema ist selbstverständlich durch persönliche Betroffenheit (wenn vielleicht auch nur aus Erzählungen der Eltern, Großeltern) emotional geprägt. Soll also jeder selbst entscheiden, ob er sich schuldig fühlt, vielleicht auch als Opfer oder eben nicht.
    Um jetzt endlich mal auf das ursprüngliche Thema zurückzukommen: Mrs. Mop, es wäre traumhaft, wenn du den humorvollen Portugiesen nächste Woche nach der Reaktion vom Chef fragen könntest ;-) Bittebitte! Ich schwöre, ich werde auch nie nie nie wieder Kommentare abgeben, die möglicherweise politische, historische oder sonstwie geartete Reaktionen diesen Umfangs hervorrufen könnten!

    AntwortenLöschen
  20. @Chrissy,

    es ist schon klar, was du in deinem Beitrag ausdrücken wolltest. Wer sich auch in der Gegenwart mit den Begriffen "Arbeit" und "Freiheit" herumschlägt, ersetzt "Freiheit" einfach durch "Unabhängigkeit".
    Aber:
    Geändert sich praktisch nichts weiter, als dass der Zwangsarbeitersklave zum Lohnsklaven mutiert ist. War es zur NS-Zeit die staatliche Gewalt, ist es heutzutage das Kapital (ich weiss dass der Vergleich kräftig hinkt, aber durch Arbeit alleine ist noch keine/r frei oder reich geworden). Nicht von ungefähr sprach Marx von der "Befreiung der Arbeit", nämlich die Befreiung vom Kapital!

    AntwortenLöschen
  21. @Amike
    Ach, für so einen Job ist der olle Blues doch viel zu faul...alles muss man selber machen ;).

    @Chrissy
    "Ich schwöre, ...": Ist jetzt nicht dein Ernst, oder? ODER? Sonst müssten wir über die Sache mit der Jugendschutzbeauftragten nochmal reden, und zwar ganz ernst ;). Weil, vorauseilenender Gehorsam würde sich mit dem Schutz der Jugend schlecht vertragen, findest du nicht? Also, dranbleiben! Bitte!

    Mir ging es genau wie dir, nach dem Lesen deines und bels Kommentares. Tja, zu früh gefreut ;).

    AntwortenLöschen
  22. @Vogel
    Leider werde ich das dumpfe Gefühl nicht los, dass die von dir genannte heikle Frage bereits im Raum steht (natürlich in anderer Formulierung). Die Ungeniertheit, mit der man (= quer durch die Parteien) sich jener INSM-Parole (s.o.) bereits seit geraumer Zeit bedient, lässt nichts Gutes erwarten.

    AntwortenLöschen
  23. Oha.

    Zu dieser Behauptung, der Spruch "Arbeit macht frei" sei aus den Reihen der INSM benutzt worden, hätte ich gern einen Nachweislink.

    Danke schonmal vorab.

    AntwortenLöschen
  24. @Anonym:
    Es geht um "Sozial ist, was Arbeit schafft", nicht "Arbeit macht frei". Auch wenn ich den Brüdern der INSM das zutraue, aber so verkommen sind die (noch) nicht.
    ---------------------
    http://insmwatchblog.wordpress.com/2007/05/17/nachtrag-zu-sozial-ist-was-arbeit-schafft/

    AntwortenLöschen
  25. *japs*... Mrs. Mop, du musst mir ganz dringend wieder mein ATMEN!-Schild hochhalten!

    AntwortenLöschen
  26. Ja, ich weiß, dass deren Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" ist. Das las sich bei MrsMop sllerdings anders.

    Und an diesem Satz ist wiederum nichts falsch - ausser natürlich in der Wahrnehmung von MrsMop, die behauptet, es sei "ungeniert" ihn zu benutzen, aber nicht erklärt, in welcher Weise er denn angeblich genant (=genierenswert) sein soll.

    Denn wir haben ja hier "gelernt", dass der Sinnspruch "Arbeit macht frei" nur von pösenpösen Nationalsozialisten benutzt wird und nicht von linken Gutmenschen.

    Wenn das INSM und sein Slogan dann obendrein auf diese Weise in die Nähe der Nazis gerückt wird ohne dass dafür auch nur ansatzweise ein Beleg kommt, macht sich MadameMop nur endgültig lächerlich.

    AntwortenLöschen
  27. Du redest wirres Zeug. Such dir einen anderen Wirkungskreis, hier bist du unerwünscht.

    AntwortenLöschen
  28. Ah so, wenn du über deinen eigenen Unfug stolperst, dir jemand das argumentativ verdeutlicht und du dem nichts als Vorurteile und Beschimpfungen entgegen zu setzen hast - sind die Anderen es, die wirr reden.

    Janeeisklar.

    AntwortenLöschen
  29. Ach und noch was: So sperrig, wie du dich hier darstellst, mit kruden Ideen bis zur Halskrause belastet, auf unbequeme Argumente stets emotional reagierend und damit Argumenten in keiner Weise zugänglich kann man dir klar bescheinigen, dass es in deinem speziellen Fall nicht die Gesellschaft ist, wegen der du keine Arbeit im Beruf findest, sondern deine eigenen speziellen menschlichen Defizite. Nicht die Anderen - DU! Fängst du an deinen Defiziten zu arbeiten, kannst du dich auch in die Gesellschaft einfügen.

    AntwortenLöschen
  30. "Leider werde ich das dumpfe Gefühl nicht los, […]", just als es raus war, war's raus;) - anders gesagt: Wenn's 'ne Korrekturfunktion gäb, hätt' ich in Deinem Sinne nachgebessert, kurz: Seh' ich auch so!
    "Du redest wirres Zeug. Such […]" seh' ich anners! Die Struller gehen mir auch auf'n Senkel, aber zur Abrundung/Bestätigung des Menschenbilds ("durchschnittlich einssiebzig …") sinn die W***er unerlässlich (Merke: Niemand iss überflüssig, erkann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen)! Gelle? ;-)

    AntwortenLöschen
  31. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen
  32. Wer meint, hier im Schutze der Anonymität randalieren zu müssen, fliegt raus.

    AntwortenLöschen
  33. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen
  34. ----zyniymus an----
    also da muß ich doch den armen anonymus in schutz nehmen, der hat doch recht, seit wir wieder galeeren auf'm rhein fahren haben, ist doch keiner mehr arbeitslos,- alle sitzen im selben boot, einige rudern, andere werden gerudert... ist doch voll i-n-soziale-m leistunggerecht, oder?
    ----zyniymus aus----
    bel kann das auch!

    AntwortenLöschen