Montag, 20. Dezember 2010

Alles stockt


Wenn alles fließt, führt der Weg zurück ins Bett. Das schien zunächst eine gesunde Entscheidung zu sein, erwies sich jedoch nach mehrstündigem Aufenthalt in der Horizontalen als kontraproduktiv. Weil, es hörte alsbald alles auf zu fließen und begann gewaltig zu stocken. Bestimmt hat die Schnupfenwissenschaft längst herausgefunden, warum geschwollene Nasenschleimhäute im Liegen noch mehr zuschwellen und das Atmen noch beschwerlicher machen und der Hals noch mehr austrocknet und überhaupt. Jedenfalls fühlt sich Atemnot im Bett noch kranker (kränker?) an als ich tatsächlich bin. Also entnervt wieder raus aus dem Bett.

Tee trinken, heißes Bad (man sollte unbedingt mehr als zweimal täglich in ein heißes Bad steigen, das aktiviert die ins Stocken geratenen Fließkräfte), Salbei inhalieren, Hühnersuppe kochen, niesen ohne Ende, schneuzen ohn' Unterlass, aber immerhin, ich kriegte wieder Luft. Setzte mich schnaubend an den Computer, um die neuesten Weltnachrichten zu lesen - da stockte mir schon wieder der Atem.

Hat doch die schweizerische Bank UBS unlängst eine 43 Seiten umfassende Kostümierungsordnung (via CareerDiva) für ihre Mitarbeiter erlassen, und irgendwie sickerte - leakte sagt man in der Wikileaks-Ära - dieser (nur für interne Maßregelungszwecke gedachte) Klamottenerlass durch in die Medien.

Richtig gelesen - über 43(!) gedruckte Seiten hinweg erstrecken sich strenge Richtlinien von Do's and Dont's hinsichtlich Outfit, Erscheinungsbild sowie Körperpflege jener Frauen und Männer, die in der privilegierten Position sind, dem eidgenössischen Finanzunternehmen dienen zu dürfen.

Um ein paar Highlights herauszugreifen:

Die Fingernägel der männlichen Angestellten dürfen eine maximale Länge von 1,5 Millimetern nicht übersteigen.

Weibliche Mitarbeiter mögen ihr Parfum direkt nach dem Duschen auftragen, keinesfalls nach dem Mittagessen.

Tägliches Wechseln der Schuhe ist ein Muss, um ein höheres Niveau an Ruhe und Gelassenheit zu erreichen ("...shoes be changed daily to bring greater levels of 'peace and serenity'" - vielleicht fällt jemandem hierzu eine sinnvollere Übersetzung ein, ich persönlich stehe vor einem Rätsel).

Speziell bei Schuhen scheint ein verschärfter Regulierungsbedarf zu bestehen: Männer ziehen ihre Schuhe gefälligst mit einem Schuhlöffel an; Frauen unterlassen es, mit neuen Schuhen am Bankschalter zu erscheinen.

Blickdichte Strümpfe? Geht überhaupt nicht. Transparente Strumpfhosen bitte, Mädels.

Den Frauen ist das Tragen von maximal sieben Schmuckstücken erlaubt, den Männern nicht mehr als drei.

Das Tragen von Halstüchern (Damen) ist Pflicht, und zwar nicht irgendwie nach persönlichem Gusto, sondern nach vorgeschriebener Verknotungstechnik.

Die für Banker (geschlechtsübergreifend) angemessene Unterwäsche hat hautfarben und von feinster Textilqualität zu sein ("'always made of superior quality textiles'").

Spätestens bei der letzten Vorschriftsmaßnahme geriet ich in gefährliche Schnappatmung und musste erst mal am Boden nach meiner Kinnlade suchen, bevor ich mir besorgt die Frage stellte, was um alles in der Welt in den Großbanken dieser Welt so getrieben wird? Gut, 1,5 Millimeter mögen die optimale Fingernagellänge sein, um im Akkordtempo Banknoten zu zählen. Aber hautfarbene Unterwäsche aus feinster, am besten Schweizer Qualitätstrikotware? Strippen die an den Schaltern der UBS? Haben die bei der UBS einen Unterhosen-Controller, der den Mitarbeitern jeden Morgen an die Wäsche geht?

Eins muss man den Großbankern lassen: Regulieren können sie, wenn auch vielleicht nicht an genau jenen Hebeln, wo man es sich gewünscht hätte bei anhaltender weltumspannender Finanzkrise. Offenbar agiert die interne Regulierungswut gegenüber den Mitarbeitern umso strikter, je schwächer sich die Wirtschaft zeigt:
"Die Bekleidungsvorschriften werden immer rigider", sagt Dick Lerner, Autor des Buches Dress Like The Big Fish, "Was von der Rezession in den meisten Unternehmen hängen bleibt, ist das Prinzip 'doing more with less'. Für sie ist es zur Überlebensfrage geworden, den Gürtel immer enger zu schnallen, daher achten die Firmen auf sämtliche Bereiche ihres Geschäftes, und das bedeutet nun mal: Wer wird seinen Job behalten und wer nicht? ... Saloppe Bekleidung am Arbeitsplatz gehört der Vergangenheit an. Die Unternehmen können sich weder saloppe Bekleidung noch saloppe Arbeit noch saloppe Mitarbeiterhaltungen leisten."
Oder, in den Worten des UBS-Managements, das von seinen Angestellten erwartet, nach außen hin ein stimmiges, das heißt präzise wie ein Schweizer Uhrwerk funktionierendes Unternehmensimage zu verkörpern:
"Wahrheit, Klarheit ... Respekt ... unsere Werte, unsere Kultur"
Oder aber, in den Worten der amerikanischen Beraterin Michelle Randall, die in dem rezessionsbedingt einengenden Klamottenkorsett nichts anderes erkennt als "faules Management":
"Diese Kleiderordnungen für Mitarbeiter laufen darauf hinaus, jegliche Individualität auszumerzen und sind zu bewerten als physischer Reflex eines Managements, das unfähig ist, eine lebendige, bewegliche Organisation zu führen. Kleiderordnungen senden an Mitarbeiter die Botschaft, sie mögen ihre Persönlichkeit und ihre Individualität für den Job preisgeben. In gewisser Weise kastriert dies den Arbeitsplatz und höhlt ihn bis zur Geistlosigkeit aus."
Oder aber, in meinen bescheidenen Worten: außen hui, innen pfui.

Kommentare:

  1. Das ist doch bitte nicht deren Ernst. Einige der Regeln verstehe ich nichtmal, beispielsweise die keine-neuen-Schuhe-Regel. Wozu das denn?! Oder warum gerade drei und sieben Schmuckstücke? Sehen ein Mann mit drei und eine Frau mit sieben Schmuckstücken nicht ohnehin schon aus wie Zuhälter und Nutte?! Hier erschließt sich mir so einiges nicht! :/

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  2. Ich fürchte, die UBS reiht sich in jene Tradition ein, wo Regeln nicht verstanden, sondern nur befolgt werden müssen.

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  3. was bin ich dankbar für meinen arbeitgeber, der sicherlich [trotz klischeehafter verwaltungs-abteilung!] einer der flexibelsten ist, den ich kenne; sei es, was kleiderordnung oder auch arbeitsbeginn und anwesenheitspflicht angeht!! ... wirklich unglaublich.

    ... vielleicht ist das mit den neuen schuhen als 'schutz' für die mitarbeiterin gedacht, weil die sonst drücken könnten? *kratz-am-kopf

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  4. Mit 'Schutz' der Mitarbeiter dürften diese Maßnahmen zuallerletzt was zu tun haben. Schon eher mit...wie heißt das andere Wort, das auch mit Sch anfängt? hm...richtig, Schikane war's.

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  5. Gerade lese ich in der Süddeutschen Zeitung: Das mit dem 'Schutz' stimmt tatsächlich, allerdings geht es nicht etwa darum, die Mitarbeiterin zu schützen als vielmehr die Kunden:

    "Frauen sollten nie 'neue Schuhe tragen, die Schmerzen bereiten, was Ihre Zuvorkommenheit den Kunden gegenüber schmälern könnte'."

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  6. so meinte ich meinen kommentar - ehrlich! 'ist ja unbequem, dann kann man nicht entspannt und höflich bedienen/verkaufen.' ... glaubste mir das?

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  7. Ha, da kann ich mich doch über meine Arbeitskleidung richtig freuen, mit der sehe ich aus wie ein verhinderter Gangsterrapper. Bei uns ist die Devise "Wir sind hier Pflegefachkräfte, keine Pflegemodels!"

    Aber mal ernsthaft, dieses ganze Ding mit Corporate Design und Corporate Identity zielt doch nur darauf ab, die arbeitenden Menschen zu gesichtslosen Kostenposten zu machen, identisch, austauschbar. Braucht mir keiner zu erzählen, dass das irgendwie das Arbeitsklima positiv beeinflusst.

    Gute Besserung übrigens Mrs. Mop :)

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  8. "...gesichtslosen Kostenpfosten...", habe ich gelesen. Auch nicht verkehrt ;).

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  9. Unter genau diesen Gesichtspunkten darf ruhig auch die Uniformierung vieler Mitarbeiter z.B. im Einzelhandel betrachtet werden. Die dann mit häßlichen bedruckten T-Shirts durch den Laden rennen müssen.

    Oder "noch besser": Mitarbeiter, die allmorgentlich irgendwelche seltsamen Rituale über sich ergehen lassen müssen, so ganz in TSCHAKKA-Manier. Ich nenne es "Ringelpietz mit Anfassen". :-))) Nein, das ist kein Scherz, so etwas wird wirklich bei einigen Firmen in D praktiziert! Im-Kreis-aufstellen und dann einige abstruse Losungen enthusiastisch zusammen herausschreien.

    Der Mensch als Objekt. So sieht sie aus, die "große Freiheit".

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  10. War es nicht Walmart, der diese merkwürdige Sitte hier eingeführt hat, dass die Mitarbeiter sich jeden Morgen zum Affen machen müssen? Auf dass das letzte Restchen Individualität flöten gehe.

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  11. Ich glaube mich zu erinnern, dass Walmart hier damit angefangen hat. Aber inzwischen gibt es da so einige Nachahmer. Ein elendiges Kasperletheater.

    Ein freundliches Doodle-li-Boop für Dich. :-)))

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  12. Wird Zeit, dass da mal die böse Hexe dazwischenfährt...ooomphh! :)

    Danke.

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