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Samstag, 28. September 2013

Wir lieben Messerstechereien


Am Tag nach dem Mord an dem antifaschistischen Rapper Pavlos Fyssas* wurde eine junge Frau nachts von zwei Männern in schwarzen T-Shirts überfallen und mit Messerschnitten in Gesicht und Arme verletzt. Pavlos Fyssas war durch Messerstiche in Herz getötet worden.

Auf ihrem Heimweg in einem Athener Vorort kamen der Frau die beiden Männern entgegen, und ihr erster Gedanke war: Sind die von Golden Dawn? Als die Männer sich näherten, äußerten sie ihr Missfallen an dem bedruckten T-Shirt, das die Frau trug - 'Die Rap- und Hiphop-Szene kämpft gegen Faschismus'. Zu zweit zerrten die Männer die Frau in eine Seitenstraße, einer hielt ihr die Hände hinter dem Rücken fest, während der andere ihr mit einem Taschenmesser in Gesicht und Arme schnitt und dabei drohte:
"Es gibt mehr von uns als von euch - wir werden euch lehren, solche T-Shirts nicht mehr zu tragen." 
Als ein Auto vorbeigefahren kam, flüchteten die beiden Männer.




"Es gibt mehr von uns als von euch" - wieso seid ihr euch da so sicher?
Dumme Frage. Sieht man doch auf einen Blick. Eine Frau allein auf der Straße und wir zu zweit. Na?
Läuft das bei euch immer so?
Quatsch, wir können auch anders. Am Tag davor waren wir 50 Mann gegen einen Mann* - wir ganz klar in der Überzahl!
Beeindruckend. Also immer nach dem Prinzip: Viele gegen einen. Egal, ob gegen Pakistanis oder Albaner oder, wie jetzt, wo es dummerweise einen Griechen erwischt hat?
Völlig daneben. Hauptsächlich gegen Pakistanis. Wir haben aufgehört, Albaner aufzuschlitzen, denn die sind Angehörige der weißen Rasse und damit potentiell unsere Wähler.
Aha. Also 50 Mann gegen einen Pakistani?
Ich persönlich halte das ja für feige. Warum sind sie nicht hinter den drogendealenden Nigerianern her und gehen stattdessen mit 40 Mann auf fünf Pakistanis los? Weil wir feige Hühner sind. Dieser Machismus ist ein einziger Fake, 40 gegen einen, nichts als Fake. Weil, wenn du ein Mann bist und du dein Vaterland verteidigen willst, gehst du in die Ghettos und zu den Drogendealern und fackelst sie ab und gehst nicht zu den armseligen Pakistanis.
Eine Frage der Ehre, sozusagen?
Genau, Ehre! Unsere Männerehre! Wenn die mit Füßen getreten wird ...
... trittst du aus der Partei aus?
Noch nicht, aber wenn das so weitergeht ... hat man ja gesehen: Als Golden Dawn ins Parlament gekommen ist, war es vorbei mit der Ehre und es wurde Mode, zu Golden Dawn zu gehören.
Wie, Mode statt Ehre?
Ja klar, plötzlich strömten aus allen Ecken Leute in die Partei. Diese Typen kommen sich wichtig vor, bloß weil sie sich ein schwarzes T-Shirt anziehen. Drehen überall ihre Runden, tragen schwarze T-Shirts und ziehen eine Show ab als Macho-Kerle - das ist jetzt Mode.
Und davon distanzierst du dich?
Sag ich doch. Eine Frage der Ehre. Mit diesen Typen will ich nichts zu tun haben, das sind Typen ohne Persönlichkeit, die sich mithilfe der Bewegung wichtig machen, aber - eine Null wird immer eine Null bleiben.
Und du als Nichtnull willst dich von den Nullen distanzieren?
Nicht frech werden, klar? Als Frau schon mal gar nicht!
Schon gut. Hab für das Interview extra ein T-Shirt ohne Aufdruck angezogen.
Ist auch besser so. Sonst ...
... sonst?
... wie ich bereits erklärt habe: Wir alle - egal ob Nullen oder nicht - fahren total ab auf Messerstechereien.
Das hat die Frau neulich in ihrer Todesangst bestimmt gespürt.
Todesangst, was für ein heulsusiges Weibergeschwätz. Wir lieben nun mal Messerstechereien, aber nicht, um jemanden umzubringen.
Sondern?
Mit unseren Messern stechen wir die Leute nur in den Hintern.
Und ins Gesicht?
Kommt vor. 
Wenn sie das falsche T-Shirt tragen?
Oder wenn sie frech werden. Noch Fragen?
Danke für dieses Gespräch.


(Bei den Interviewantworten handelt es sich überwiegend um O-Ton-Aussagen eines "kritischen" Golden-Dawn-Insiders. Das Interview wurde in der griechischen Zeitung To Ethnos abgedruckt und von I can't Relax in Greece ins Englische übersetzt.)

Sonntag, 15. September 2013

Frankfurt Helau



Wenn Polizisten sich als Nazischläger tarnen ...

Wenn Zivilpolizisten sich für eine Kostümierung entscheiden, in der sie für Hooligans gehalten werden ...

Wenn Hausbesetzer und Sympathisanten sich von Hooligans angegriffen fühlen und zu ihrer großen Erleichterung wahrnehmen, dass kurz darauf ein Sondereinsatzkommando und dann die Polizei auftaucht ...

Wenn die von vermeintlichen Hooligans Angegriffenen die Polizei um Schutz und Hilfe bitten ...

Wenn die Polizei ihnen antwortet: "Wieso, das sind doch unsere Jungs!" ...

Wenn eine öffentliche Debatte im Rathaus ('Römer') über die Hausräumung durch die schwarz-grüne Mehrheit verhindert wird ...

... dann sind wir in Frankfurt:

Videodokumentation zur Räumung des Blauen Blocks in der Krifteler Straße, FFM from Directmedia on Vimeo.

Am Freitag, den 6. September wurde das ehemalige Sozialrathaus im Frankfurter Gallusviertel besetzt. Am folgenden Tag wurde das Haus ohne Vorankündigung durch Zivilpolizisten und ein darauf folgendes Großaufgebot uniformierter Beamter gewaltsam geräumt.
Am späten Nachmittag waren im Vorgarten etwa 40 Personen damit beschäftigt, das Essen zu schnippeln, als ein Trupp von ca. sieben Männern plötzlich auftauchte, allesamt muskelbepackte, tätowierte Schränke von hooliganhaftem Äußeren mit kurzgeschorenen Haaren. Einer trug ein bei Nazis verbreitetes T-Shirt (Marke Thor Steiner), alle waren ausgestattet mit Teleskopschlagstöcken (ein auseinanderziehbarer Schlagstock aus Stahl und Gummi).
CDU und Grüne haben mit ihrer Mehrheit verhindert, dass über die Räumung des besetzten Hauses in der Krifteler Straße 86 am Donnerstagabend im Stadtparlament diskutiert werden konnte. Dringliche Anfragen der Linken und der Piraten zum Thema muss die Stadtregierung jetzt erst innerhalb der nächsten vier Wochen beantworten - und zwar schriftlich und über Tagesordnung zwei, das heißt: nicht öffentlich im Ausschuss oder im Stadtparlament.
Der Berichterstattung über die nicht öffentliche Narrensitzung zu dem als Nazischläger-Kommando verkleideten Polizeieinsatz blicken wir mit Interesse entgegen.

Frankfurt Helau.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Vermummungsgebot


Tja, dumm gelaufen. Irgendwie. Mitunter ist es halt kein Zuckerschlecken, Mitglied der herrschenden Klasse zu sein, jedenfalls nicht überall. Zum Beispiel in Athen. Dort darf sich derzeit keiner einbilden, er würde automatisch zum Sympthieträger beim gemeinen Volk, bloß weil er so gekleidet durch die Gegend rennt:

***
- denn es könnte sich ja um ein Exemplar jener zahlreichen Troika-Platzhirsche handeln, die durch die griechische Hauptstadt promenieren, um das Land Austerität und Mores zu lehren - im universal-bürokratischen Business-Habit. 

Und weil, erstens, diese Spezies sich beim Durchschnittsgriechen nicht allzu großer Beliebtheit erfreut und sich, zweitens, Bombenanschläge auf Troika-freundliche Institutionen in Athen häufen, musste dringend etwas getan werden - zum Schutze der gefährdeten Troika-Gehilfen. Also jener Antipathieträger, die sich herzlich wenig um den Schutz der Überlebensinteressen des durch Austeritätsreglementierung gefährdeten Durchschnittsgriechen scheren.

Neueste Anweisung von ganz oben (Hauptsitz Brüssel): Ab sofort wird Tarnkleidung angelegt! Ab sofort rennt keiner von euch mehr im verdachterregenden globalen Business-Outfit durch Athen! Ab sofort kehrt ihr eure missliebige Identität unter den Teppich und betreibt verdeckte Ermittlungen! 
Wie? So:
Tragt schäbige Klamotten, vermeidet teure Krawatten und Manschettenknöpfe. Sollten eure Haare auffällig getönt sein, tragt lieber Kappen oder Filzhüte.
Banggg! Was für ein herber Schlag gegen den Berufsstolz jener Euro-Handelsreisenden, die es bis zur mittleren Managementebene der oberen Klasse geschafft haben; jener Ebene, auf der bekanntlich Kleider Leute machen, der Designerschlips den erfolgreichen Status signalisiert und die blinkenden Manschettenknöpfe das aufgepumpte Ego liebkosen. 

Das soll jetzt alles eingemottet werden? Und das stromlinienförmige Ego - Gott erbarme sich seiner! - sich schäbig einkleiden auf gammeligen Flohmärkten und in ärmlichen Second-Hand-Läden? Filzhut auf die Fönfrisur? Schäbiger Schlabberlook als Täuschungsmanöver? Arme-Leute-Camouflage im Dienste der Austeritätsdiktates? 

Tja, dumm gelaufen, irgendwie. Harte Zeiten für harte Troika-Jungs. Da müsst ihr durch, und wenn euch die Steine reihenweise aus der Krone und die Manschettenknöpfe in die Gosse fallen. 

Ansonsten wünsche ich aus tiefstem solidarischem Herzen jedem verarmten Griechen in abgetragenen Klamotten, dass er künftig nicht unfreiwillig Opfer des Brüsseler Etikettenschwindels und mit einem Undercover-Troikaner verwechselt werden möge. Die bürgerkriegsähnlichen Folgen wären unabsehbar.


*** Bildquelle: 
Die sehr empfehlenswerte Website ECONOMY, "an exhibition project that aims to generate constructive public discussion on how the economy impacts upon life. It addresses issues that range from migration, labour, sexuality and the crisis of democracy to the quest for alternative futures."
via anticap

Samstag, 20. Oktober 2012

Bürgerkrieg unter Markenschutz


"Unser Land befindet sich in einem Bürgerkrieg."
Welches Land? Griechenland.
Bürgerkrieg? Kommt auf die Definition von Bürgerkrieg an. Mir kam der Begriff schon mehr als einmal in den Sinn angesichts der brachialen Methoden, mit der das System (die Regierung, die Polizei) seine hungernden, arbeitslosen Bürger bekämpft, wenn diese ihren Protest gegen die systematische Verelendung und Ausbeutung - diktiert von der Troika, mit tatkräftiger Unterstützung der friedensnobelpreisgekrönten (und damit über jeden Verdacht der Anstiftung zum Bürgerkrieg erhabenen) EU - auf der Straße artikulieren.

Aber, wie gesagt, Bürgerkrieg ist Definitionssache und wirft die Frage nach der Definitionshoheit auf. Die hat sich jetzt mal eben im Handstreich 'Golden Dawn' unter den Nagel gerissen; das ist jene Partei mit der bizarren Wagner-Duftnote im klangvollen Namen 'Goldene Morgenröte'. Ohne zu erröten - eine physiologische Schamreaktion, zu der Faschisten noch nie besonders ausgeprägt neigten - geben die Apologeten des heraufdämmernden Faschismus die definitorische Marschrichtung vor:
"Auf der einen Seite stehen griechische Nationalisten wie wir, die ihr Land so haben wollen wie es früher war, und auf der anderen Seite die illegalen Immigranten, Anarchisten und all jene, die viele Male die Stadt Athen zerstört haben."
- wie ein Abgeordneter von Golden Dawn gegenüber dem BBC kundtat, völlig ungeniert, denn schließlich heißt die Partei ja 'Morgenröte' und nicht Schamröte.

Na gut, aber was hat die harmlose Einzelmeinung eines durchgeknallten, größenwahnbefallenen Neonazis mit Definitionshoheit zu tun? Dies:
Der Reporter des Senders notiert, dass Kommentare wie diese in Griechenland häufig erklingen, sie jedoch nunmehr angesichts der Tatsache offiziellen Charakter haben, dass gemäß dem Ergebnis der Parlamentswahlen im Juni 2012 Ilias Panagiotaros einer der 19 Abgeordneten der rechtsradikalen Partei ist, die in das griechische Parlament einzogen.
Übrigens betreibt der Abgeordnete Ilias Panagiotaras in Athen ein gutgehendes Ladengeschäft für Vermummungs- und Tarnartikel, Masken sowie Uniformen.

Na gut, aber warum sollte ein parlamentarischer Abgeordneter als privater Geschäftsmann keinen Karnevalseinzelhandel betreiben? Deshalb:
Viele seiner Kunden sind Polizisten, die nicht nur ihre Schlägerausrüstung, sondern Accessoires für ihre Uniform in seinem Militärladen kaufen; dort hängen reguläre Polizeihemden neben T-Shirts mit Nazigruppen-Emblemen wie Combat 18 und Chelsea Headhunters.
- und zwar mit prosperierenden Geschäftsaussichten:
"Ich denke, wir (Golden Dawn) haben jetzt mehr als 50 oder 60 Prozent Anhänger in der Polizei, vielleicht auch mehr, denn die Anhängerschaft wächst mit jedem Tag."
Na gut, aber warum muss so ein durchgeknallter Kostümverleiher dann gleich von Bürgerkrieg daherquatschen? Deshalb:
"Es ist wie ein Modephänomen - unser dress code (Kleiderordnung) ist inzwischen extrem populär, und immer mehr Leute sind davon angetan. Unser Markenname ist gleichbedeutend mit Ordnung, mit Recht und Ordnung (law and order) und mit Leistungsfähigkeit (efficiency)...Der Markenname Golden Dawn ist höchst erfolgreich."
Bürgerkrieg™ halt, wenn man so will.
Bürgerkrieg unter eingetragenem Warenzeichen.
Bürgerkrieg unter faschistischem Markenschutz.

Morgenröte lässt die Muskeln spielen.

Dienstag, 25. September 2012

Kein Fehltritt


Und jetzt eine kleine Gutenachtgeschichte aus 1001 Nacht:

Es begab sich auf einer Straße in der nordiranischen Provinz Semnan, dass ein geistlicher Tugendwächter einer Frau begegnete, die er für "unzureichend verschleiert" hielt. Statt sich um seinen eigenen Kram zu kümmern, beging er den Fehler, die fremde Frau ob ihres - in seinen Augen - verlotterten Outfits zu verwarnen. Schließlich sei es, wie er später zu Protokoll gab, "seine religiöse Pflicht, das Richtige zu befehlen und das Falsche zu verbieten".

Dass er damit an die Falsche geraten war, hätte ihm spätestens dämmern müssen, als die Frau ihm das einzig Richtige entgegnete: Er solle gefälligst weggucken und seine Augen bedecken statt an ihrer Körperbedeckung rumzumeckern. Jedoch - wie Moralapostel nun mal so sind - der klerikale Tugendbold fühlte sich im absolutistischen Recht und wiederholte seine Warnung. Da wurde es der Frau zu dumm und sie verpasste ihm ein paar ordentliche Tritte.

Wohin sie den frommen Mann getreten hat, geht aus dem Bericht nicht hervor. Allerdings sei er von der Wucht ihrer Tritte hinterrücks auf den Boden gefallen, erzählt empört der Getretene; man kann es sich also denken. Drei Tage Krankenhaus. Wieso die freche Frevlerin noch auf freiem Fuß ist, geht aus dem Bericht nicht hervor. Man kann es sich aber denken: Trotz Lotter-Burka dürfte sie genügend Textilmassen am Leib getragen haben, was eine Identifizierung naturgemäß erschwert. So hat halt alles seine Vor- und Nachteile.
(via BoingBoing)

Hijab Lady

Montag, 3. September 2012

Hunger Games


Cesar Santander - Daisy at mirror, acrylic on canvas, 2007

Zu dick?
Zu kurze Beine?
Zu viele Kurven?

Die Lösung:

Daisy goes Designer-Barbie, 2012

Ess-Störungen ab sofort bereits im Kindergarten.

Freitag, 24. August 2012

Don't Give a Pink Shit


Während im Westen die Pinkifizierung unaufhaltsam fortschreitet und niedliche kleine Striptease-Plastik-Feen mit niedlichen kleinen push-up-bras, niedlichen kleinen high-heels-Stöckelböcken und sonst kaum einem Fetzen rosa Stoff am niedlichen kleinen Plastikleib in niedliche rosarote just-for-girls-Schokoladeneier verpackt und niedlichen kleinen Mädchen (Lieblingsfarbe: rosa) untergejubelt werden -,


- gehen im fernen, von Taliban und Kriegen gebeutelten Afghanistan kleine Mädchen in knallbunten, stoffreichen Klamotten an den Start, steigen auf Skateboards, brettern die Halfpipe rauf und runter, fallen auf den Hintern, stehen wieder auf, brettern weiter, brettern mit den Jungs durch die kaputten Straßen von Kabul, sagen so etwas Ähnliches wie "I don't give a shit", wenn sie von Passanten schief angeschaut werden, weil Skaten kein für Frauen geziemendes Hobby sei, brettern an ihnen vorbei, tragen froschgrüne, knallrote, im Einzelfall auch rosafarbene Knieschützer und machen, alles in allem, einen ziemlich glücklichen Eindruck.


Mittwoch, 16. Mai 2012

Sicherheit und Schutz und Ordnung



Und hier das Neueste vom Tage:
Geschafft: Bankenviertel wieder ordentlich dereguliert
Wie, war denn das Frankfurter Bankenviertel je ordentlich reguliert?
Yo frily, jedenfalls in den letzten Tagen, als sich die Frankfurter Innenstadt mit ihren Bankentürmen in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hat.
... am Morgen fuhr rund um die Europäische Zentralbank unweit des Frankfurter Hauptbahnhofs ein mutiger Stoßtrupp im Auftrag der örtlichen Banken-Befreiungsagentur "Römer", sprich der schwarz-grünen Stadtregierung vor.
- und sorgte mit einem penibel geplanten blau-weißen Einsatzkommando dafür, dass die Banker dieser Stadt wieder frei durchatmen können. Aus etwa 100 Mannschaftswagen, abgestellt zwischen EZB, Bundesbank, Commerzbank und Deutscher Bank
... stiegen ein paar nach Art eines Afghanistan-Einsatzes ausgestattete Beamte, notdürftig eben, bei solch einem Vorhaben: die Räumung des brandgefährlichen "Occupy-Camps". Völlig ohne jeden Gewalteinsatz entfernte die kleine Polizeitruppe die Übermacht an sitzenden Besetzern aus dem Camp.


Das Viertel ist jetzt gesichert, es kann problemlos weiter getradet werden.
Könnte, muss das heißen, es könnte problemlos weiter getradet werden - wäre nicht ein Großteil der Frankfurter Trader und Banker in vorauseilender Sorge um deren Sicherheit vom Dienst befreit worden. Man mag sich gar nicht ausdenken, was das, allein am heutigen Tag, an Spekulations- und ähnlichen geldwerten Verlusten bedeutet.

Ebenfalls aus einem Anfall übersteigerten Sicherheitsdenkens kam eine der Großbanken auf die Idee, die edlen Messingschilder am Eingang vorsorglich abzumontieren. In den Führungsetagen hatte man sich große Sorgen gemacht, Farbbeutel oder ähnliche schwer schädigende Munition könnten die noblen Namensschilder und damit das noble Image der Bank ruinieren. Keine Sorge, es wurde nichts ruiniert. Erstens waren ja die Schilder entfernt, zweitens waren die Bankhäuser dermaßen weiträumig abgeschirmt, abgeschottet und isoliert von normalmenschlichen Lebewesen, dass es schon einer mit Farbe befüllten Mittelstreckenrakete bedurft hätte, um so eine Bank abzuschießen; ehm, um so ein Messingschildchen zu bekleckern,
wollte ich sagen.


Dafür haben sich die Polizisten ordentlich bekleckert, zwar nicht mit Ruhm, aber mit Farbe. Na gut, sie wurden bekleckert. Jedenfalls war es bewunderungswürdig zu erleben, wie systematisch bei der Polizei heutzutage an die Rundum-Sicherheit ihrer Einsatzkräfte gedacht und wie fix so ein professioneller Kostümwechsel unter freiem Himmel durchgezogen wird. Ganzkörper-Schutzanzüge gegen Farbkleckse! Würde den Steuerzahler ja auch teuer kommen, all die bekleckerten Uniformen chemisch reinigen zu lassen.
Es war nicht sichtbar, ob wirklich aus den oberen Etagen der umstehenden Finanzinstitute Beifall geklatscht wurde. Das ganze Viertel bleibt jedenfalls bis Sonntag gesichert, also abgeschottet von U-Bahn bis Auto, und die in den Towern arbeitenden (verbliebenen) Banker können sich nun wie in einer Festung endlich mal richtig als die "Masters of the Universe" fühlen.
Die örtliche Banken-Befreiungsagentur "Römer" darf sich nach diesem harten Tag zufrieden zurücklehnen: geschafft! Bleibt ein kleiner Wermutstropfen, denn der Verfasser dieser wunderbaren Reportage konnte es sich nicht verkneifen, dem mutigen Stoßtrupp noch ein wenig auf die Füße zu treten:
Auf meine Fragen an die Polizeibeamten vor Ort, ob denn die schwarz-grünen Anführer noch nicht die beliebten Papier-Fähnchen mit dem Logo der Deutschen Bank AG unter ihnen verteilt hätten, kam nur verlegenes Lachen zur Antwort. Dabei dienen diese Accessoires dazu, ihre erfolgreiche Finanzmarkt-Befreiungsaktion mit ein bisschen Guerilla-Marketing (gemeinsames Fähnchenschwenken der Hundertschaften bis dem Absingen der Deutschen Bank Hymne) gegenüber den anwesenden Zuschauern zu verbinden. Sollten diese armen Tröpfe etwa die Garde deutschen Unternehmertums nicht kennen?


Am Rande etwas irritierend war die Präsenz der grünen Fraktion der Banken-Befreiungsagentur in Gestalt des Parteinachwuchses, der sich - solidarisierend - zu den protestierenden Campern gestellt hatte, statt - protestierend - den sich mit den Bankern solidarisierenden Grünen im Römer ein Bein zu stellen. Aber gut. Vielleicht lernt er ja noch, die Seiten zu wechseln. Schließlich ist seine Partei dafür berühmt.

Freitag, 24. Februar 2012

Transparenz kommt von Transpirieren


Karneval war ja bekanntlich gestern, und bis zum ersten April ist noch eine ganze Weile hin, also muss wohl was dran sein an dieser Räuberpistole:
- und zwar unter der Führung des schwitzenden finnischen EU-Kommissars Olli Rehn. Der hatte zum politischen Hintergrundgespräch in die Sauna eingeladen. Konspirierendes Transpirieren, sozusagen. Thema? 'Griechenland im Schwitzkasten der Troika', sage ich jetzt mal ungeschützt, weil, ich war ja nicht dabei, wie auch, denn naturgemäß fand das Sauna-diplomatische Treffen unter Männern statt.

Okay, Politkerle unter sich beim brüderlichen Säfte-, ähm, Schweißaustausch ist jetzt noch nicht der ganz große Brüller. Schließlich hatten schon Bundeskanzler Willy Brandt und KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew in der Sauna Freundschaft geschlossen; auch Helmut Kohl und Boris Jelzin kamen sich beim freundschaftlichen Schwitzen näher.

Trotzdem.
In aller Blöße! - das dürfen wir, die wir draußenbleiben mussten, so interpretieren: in aller Transparenz. Anscheinend muss man sich erst mal eine Blöße geben, um endlich transparent Tacheles zu reden.

Wie umständlich. Hätte man sich da nicht gleich in ganz normaler Kleidung in einem, sagen wir, ganz normalen Konferenzraum der Europäischen Kommission treffen können? Nee nee, dann wäre ja erstens der nackte Kick unter männlichen Politikern und Journalisten weg gewesen, und zweitens gilt besagte Sauna als ganz normaler Konferenzraum der Europäischen Kommission, weil es sich nämlich um die EU-Kommissions-eigene Sauna handelt. Kapiert? Wozu unterhält die Europäische Kommission eine eigene Sauna? "Machen Sie sich doch bitte mal transparent!" Eben. Ist doch das Normalste der Welt.

Also alles kein Aufreger. Pikant wurde es, als Saunapapst Rehn im Nachgang von dem Brüssel-Korrespondenten der italienischen Zeitung Il Corriere della Sera (selbst kein Saunierer) scheinheilig nach dem Dress Code bei derartigen "confidential briefings" (O-Ton Rehn) gefragt wurde. Eine undiplomatische Frage, die den Finnen etwas indigniert zu haben scheint, was aber nicht weiter peinlich wurde, denn ein spanischer Zeitungskollege intervenierte prompt und betonte, er wünsche mit keinerlei weiteren Details bezüglich des Outfits der schwitzenden Transparenzliebhaber behelligt zu werden. Ihm reiche es auch so schon.

Bei sich zuhause hat der Schwitz-Olli natürlich ebenfalls eine Sauna, bitte, für einen Finnen eine Selbstverständlichkeit. Laut finnischen Presseberichten hängt an der Tür zur Sauna seines Sommerhauses seit Jahrzehnten folgender Spruch:
Der Sauna-Friede ist kostbarer als die Unverletzlichkeit des häuslichen Herdes und die Waffenruhe zu Weihnachten -
- yo my, wer wollte da den schweißnassen Sieben in der Europäischen Kommissions-Sauna ihr selbstentblößendes Treiben verübeln? Bestimmt war unter ihnen kein 'befangener' Berichterstatter aus Griechenland, so dass die Unverletzlichkeit der griechischen Demokratie samt ihrer Verfassung niemandem Anlass für metaphorische Doppeldeutigkeiten geboten hätte; und dass die Waffen der Finanzmafia in Griechenland selbst über Weihnachten keine Ruhe gegeben haben, muss einen finnischen EU-Kommissar in seinem kostbaren Sauna-Frieden ja nicht groß scheren.
Schließlich handelt es sich (bei der Sauna) um einen Ort, an dem sich leicht Vertrauen einstellt und an dem sich die nackte Wahrheit einfacher sagen lässt -
- einfacher als wo? Zum Beispiel außerhalb der Sauna, auf griechischen Straßen und Plätzen, dort, wo das Volk protestiert, kämpft, hungert, friert und mit der nackten Wahrheit täglich konfrontiert ist?
Die Masken fallen, und der Austausch von Floskeln weicht einer konkreten Suche nach Lösungen.
Muss wohl so sein: Die einen gehen für so etwas in die Sauna, die anderen auf die Straße.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Systemschwäche: Humorlosigkeit


Welcome to Occupy Melbourne, Australien.

In Australien ist es gesetzlich verboten, öffentlich zu Protestzwecken zu zelten. Hingegen verbietet kein australisches Gesetz, sich als Zelt zu verkleiden und dies in aller Öffentlichkeit zu tun.

Stehen da eines Tages ein paar Zelte in einem Park von Melbourne herum. Einfach so. Obwohl es doch verboten ist. Marschiert die Polizei in Mannschaftsstärke auf. Nähert sich in gesetzeshüterischer Absicht den paar Zelten.

Fangen die Zelte plötzlich an zu wackeln, unter ihnen wachsen je zwei menschliche Füße heraus und oben zum Zeltdach ein menschlicher Kopf. Hüpfen die zweibeinigen Zelte fröhlich um die konsternierten Polizisten herum und erzeugen ratlose Gesichter, amtliches Kopfkratzen und verlegene Körpersprache.

Zieht die Polizei - irgendwie peinlich berührt - wieder ab, weil, was soll sie machen? Kein australisches Gesetz verbietet es, sich als Zelt zu verkleiden. Hüpfen die menschlichen Zelte den Polizisten hinterher und haben jede Menge Spass dabei.

Teil 1:


Teil 2:

Tags darauf rückte die Polizei erneut in Mannschaftsstärke an und demonstrierte auf martialische Weise, dass Spass so ziemlich das Letzte ist, wovon die Polizei etwas versteht. Eine Zelt'bewohnerin' wurde gewaltsam festgehalten, ihr das Zeltkostüm mithilfe eines Messers vom Leib gerissen und halbnackt am Boden kauernd zurückgelassen.


Ein System, das sich selbst so lächerlich macht, dass es Humor mit Gewalt bekämpfen muss, sollte so lange ausgelacht werden, bis es, totgelacht, zusammengekauert am Boden liegt und keinen Ton mehr von sich gibt.

Stelle ich mir unglaublich befreiend vor.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Pfft


Heute abend hat mich der Zufall in eine Fraktionssitzung der Linkspartei im Frankfurter Römer gespült: eine "informative" Einladung an uns, mal ein bisschen aus dem occupyfrankfurt-Nähkästchen zu plaudern. Wir waren zu fünft, gutgelaunt, vertilgten Unmengen von Keksen, fingen an zu plaudern, und die Fraktionslinken staunten Bauklötze über den frischen Wind, der da plötzlich durchs Parteibüro wehte.

Wie wir das bloß schafften, wollten sie wissen, innerhalb weniger Wochen so einen gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung zu bekommen - wo wir doch "irgendwie" und "eigentlich" ziemlich "unkonkret" in unserer "Zielsetzung", erst recht in unseren "Forderungen" seien. Tja. Was soll man dazu sagen? Vielleicht, brummte ich, läge es ja gerade daran, dass wir so unkonkret seien und eben keine Forderungen in die Welt posaunten. Hm, meinte die Linksfraktion, hm.

Weil, die Linkspartei leidet nämlich unter Mitgliederschwund und denkt womöglich, das habe irgendwas mit ihren Forderungen zu tun. Wir dagegen hängen einfach so vor der EZB rum, haben keine Forderungen und dafür irren Zulauf. Was ja irgendwie ungerecht ist, und wäre ich die Linkspartei, würde mich das auch wurmen. Weshalb ich ganz froh bin, nicht in der Linkspartei zu sein, sondern gutgelaunt drauflosquatschen zu können mit ein paar anderen gutgelaunten Kumpels vom Camp. Und endlich mal wieder auf eine anständige Toilette zu können.

Das Klopapier war kratzig, aber die Schokobrezeln waren gut und die Kaltgetränke gratis.

Danach hat es mich weiter gespült zur Podiumsdiskussion mit Oswald Metzger. Auch irgendwo im Frankfurter Römer, aber in einem schniekeren Department. Aalglatt, der Typ, und sehr gerissen. Muss man wohl sein, wenn man es von der SPD über die Grünen in die CDU geschafft hat. Die Occupy-Podiumstypen - mit Jackett und so - schlugen sich nicht schlecht, aber die Fragen aus dem Occupy-Publikum waren um Längen besser.


Einer forderte den Oswald auf, doch mal Stellung zu nehmen zur wachsenden Armut, was den Oswald zu langatmigem Geschwalle veranlasste über den Unterschied zwischen Einkommensgleichheit und Chancengleichheit, nach dem ihn keiner gefragt hatte. Darauf aufmerksam gemacht, schwallte der Oswald weiter über die - aus seiner Sicht - erfreulich positiven Erwerbstätigenstatistiken und die unerfreulich hohen Transferzahlungen an die Erwerbslosen. Er redete nicht über Armut, sondern über Zahlen. Schwer erträglich. Ich ging aufs Klo.

Das Klopapier war seidenweich und vierlagig, aber das Achtel Rotwein kostete 2,50 Euro und zu essen gab es nichts.

Wie ich das Ganze gefunden habe, fragte mich einer beim Rausgehen, und ich brummte: Pfft. Ich hätte nichts dagegen, brummte ich weiter, solche Typen wie den Oswald zum Podiumsgespräch einzuladen, aber nächstes Mal bitte nicht in einen sterilen, geheizten Sitzungssaal im Römer, sondern ins Camp. In unser ungeheiztes Sitzungszelt, da, wo immer die Asamblea stattfindet und allabendlich die Fetzen fliegen, weil keiner ein Blatt vor den Mund nimmt. Und wo die Occupy-Typen mit dick wattierten Anoraks in ausgefransten Sperrmüllsesseln rumhocken. Dem Oswald könnten wir ja eine warme Wolldecke anbieten, und ich, brummte ich, würde ihm sogar meine Wärmflasche ausleihen. Und dann könnten wir in aller Ruhe und Kälte mal über Armut diskutieren.

Pfft.


Donnerstag, 3. November 2011

Occupy Halloween



Rätselhaft. Ein Mitglied der New Yorker Polizei (NYPD) mit Guy-Fawkes-Maske? Oder ein Mitglied von Anonymous in NYPD-Uniform? Man weiß es nicht. Halloween halt.

Mittwoch, 21. September 2011

Regelverstöße



Es ist in den vergangenen Stunden ein wenig ungemütlich geworden in der New Yorker Wall Street - allerdings nicht für die dort residierenden Banker, sondern für die dort protestierenden Menschen. Wer gegen das verstößt, was gemeinhin als 'Recht und Ordnung' gilt, wird kurzerhand verhaftet, sprich: in Handschellen gelegt und über die Straße in Polizeiautos geschleift. Selber schuld. Was müssen die Protestler auch gegen das herrschende Recht verstoßen?

Rechtsverstöße und damit Gründe zur Verhaftung gibt es viele; am schwerwiegendsten dürfte das Ausbreiten einer Schutzplane über mitgebrachte Kommunikationsgeräte (Laptops etc.) sein. Angeblich um die Geräte gegen den Regen zu schützen, was natürlich nichts als eine dumme Ausrede ist, denn die New Yorker Polizei weiß es besser: In Wirklichkeit sind diese Schutzplanen nämlich zelt-ähnliche Gebilde, und Zelten ist auf Wall Street verboten. Klar? Klar.


Ebenfalls verboten ist auf Wall Street der Gebrauch einer Hupe oder eines hupen-ähnlichen Gerätes. Hat da so ein dahergelaufener Protestler einfach gehupt? Verhaften, und zwar sofort. Als hupen-ähnliches Gebilde ist im übrigen ein Megaphon anzusehen, dessen Gebrauch zur Verhaftung führt.

Ebenfalls verboten ist das Beschriften des Bürgersteiges mit Kreide. Vandalismus, klar? Führt zur Verhaftung.

Ebenfalls verboten ist - nicht nur auf Wall Street, sondern im ganzen Land - das Tragen einer Maske in der Öffentlichkeit, wenn es in Gruppen von mehr als zwei Personen geschieht. Deshalb ist das Tragen einer Maske auf Wall Street ein Grund zur Verhaftung. Schließlich haben wir Mitte September und nicht Ende Oktober, und Halloween ist das eine und Wall Street das andere.


Apropos "Männer in Anzügen" (siehe Bild, "men in suits"):

Der Protest #occupywallstreet ist gewiss (noch) keine Massenbewegung, was ihr gern zum Vorwurf gemacht wird von Leuten, die es gern größer, schneller, potenter und erfolgreicher hätten. Letzte Hochrechnungen haben ergeben, dass die verbliebenen paar hundert Aktivisten auf der Straße von einer zahlenmäßig weit überlegenen Protestbewegung abgehängt wurden, nämlich der im Internet hyperaktiven Bewegung #diss-occupywallstreet. Das sind Leute, denen es Freude bereitet, die Wallstreet-Demonstranten zu dissen, was die klappernde Tastatur hergibt.

Und nein, das sind keine bösen Republikaner, sondern rechtschaffene Liberale und Linke, deren kollektive Stänkerei auf das immer gleiche Credo hinausläuft: "Es sind die falschen Leute, die gegen das Richtige protestieren!" Die falschen Leute? Was ist an den überwiegend jungen Aktivisten falsch? Eben das. Dass sie so jung sind. Und so naiv. So unbedarft. So idealistisch und politisch unerfahren. Und so schrecklich amateurhaft, dass es einem ganz peinlich wird. Verpeilte Kiddies halt. Vor allem aber - wie die schon aussehen! So hippiemäßig gestylt. Alle im Freizeitlook. Kann ja keiner ernst nehmen! Und sich dann beschweren über das Blackout in den Medien! Selber schuld! Was müssen Protestler auch gegen die herrschende Kleiderordnung verstoßen? Zieht euch erst mal was Ordentliches an, dann werdet ihr auch ernstgenommen!

Ja, so war es schon immer - Kleider machen Leute. Im Blog der britischen Tageszeitung Guardian wurde über #occupywallstreet berichtet unter der Überschrift "Over-educated, under-employed and angry"; also die jungen, gut Ausgebildeten mit den schlechten Arbeitsmarktchancen, die wütend sind und deshalb auf Wall Street protestieren. In Freizeitklamotten. Nee, ihr Kiddies, so wird das nix - geht nach Hause und schmeißt euch erst mal in Schale, am besten in euren guten Anzug, ihr wisst schon, den ihr immer bei euren erfolglosen Bewerbungsgesprächen tragt. Weil, sonst kommt eure message einfach nicht rüber.

Wie, ihr seid der Meinung, eine message bedürfe keines dress codes? Ach Kiddies, ihr müsst noch viel lernen. Es ist nämlich so: Um gegen den Kapitalismus zu protestieren, müsst ihr euch als erstes seiner Logik und seiner Kleiderordnung unterwerfen. Nur so verschafft ihr euch Respekt. Bestimmt wird euch dann auch keiner mehr von der Straße weg verhaften. Eigentlich ist alles ganz einfach, Kids: Ihr müsst euch nur an die Spielregeln halten.


(Bildquelle: 1, 2, 3: Tim O'Reilly, 4: John Stuttle, Guardian)

Montag, 29. August 2011

Gerüstet, nicht gerüscht



Tolles Blog entdeckt.
Über kampflustige Frauen in kampftauglichen Outfits.
Ohne High Heels, Latex, Silikon
und aufgesextes Fantasy-Rumgetue.
Echte Kriegerinnen.

"You have enemies? Good.
That means you've stood up for something,
sometime in your life."
(Winston Churchill)

Donnerstag, 23. Juni 2011

Give Me a T


Der keltische Tiger setzt zum Sprung an. Ihm wird offenbar bei den aktuellen griechischen Umtrieben angst und bange; zumindest scheint ihn eine gewisse Nervosität zu befallen.

Anders lässt sich kaum erklären, dass der irische Finanzminister Michael Noonan heute zu einem nationalistischen Marketingtrick gegriffen hat, um die Ehre seines krisengeschüttelten Landes zu retten. Gut, man könnte sagen, Not macht erfinderisch - aber nicht immer sind es die brilliantesten Ideen, die aus der Not geboren werden. Manchmal produziert eine Notlage auch ausgesprochen dämliche Einfälle. Wie eben den Einfall des irischen Finanzministers, T-Shirts zu drucken, auf denen steht: "Ireland is not Greece!"

Wo Chauvinismus zur Waffe wird, muss die Not am größten sein. Tatsächlich steht Noonan unter gewaltigem Druck, an die IMF-Geldtöpfe ranzukommen. So versuchte er heute, vor einem Bankergremium Bella Figura zu machen, indem er mit seiner T-Shirt-Idee hausieren ging; in der Hoffnung, dies würde die Investoren von dem - natürlich völlig aus der Luft gegriffenen - Verdacht ablenken, Irland stünde ähnlich abgebrannt da wie Griechenland.

Nun muss man hinzufügen, dass die kämpferischen Griechen den Iren bereits vor gut einem Jahr ans nationalistische Bein gepinkelt haben. Damals spielte sich nämlich auf Athens Straßen folgendes ab:


"Griechenland revoltiert - Irland wird erwähnt"

Schon damals zeigten die Griechen den Iren, was eine Harke ist, mit Sprechgesängen wie: "This is Greece, not Ireland - we the workers will resist!" Eine griechische Demonstrantin bemerkte in einem süffisanten Seitenhieb auf Irland, dass sie keineswegs beabsichtige, angesichts des Ausblutens ihres Landes zuhause auf dem Sofa sitzen zu bleiben.

Womöglich hat die Stichelei der Griechen dem irischen Finanzminister bis heute keine Ruhe gelassen - jetzt schlägt er zurück: Um sich von dem bösen Buben Griechenland zu distanzieren, gibt er den irischen Musterknaben und bedruckt streberhaft anmutende T-Shirts, und zwar "across the front and back of them", also auf der Vorder- und Rückseite des Textils.

Noch kann ich mir nur schwer vorstellen, dass die T-Shirts reißenden Absatz bei den Iren finden, aber man weiß ja nie, welch skurrile Blüten der Nationalstolz treiben kann. Wobei ich finde, der Finanzminister hätte ruhig die Rückseite der T-Shirts unbedruckt lassen können, um den Trägern ein wenig kreativen Spielraum zu lassen, hinten ihren eigenen Senf zu dem Slogan "Ireland is not Greece!" zu geben.

In dem Fall würde ich, wäre ich irische Bürgerin, mit dem Noonan-T-Shirt selbstbewusst durch die Gegend spazieren, frontal Flagge zeigend mit "Irland ist nicht Griechenland!", und von hinten wäre auf meinem T-Shirt zu lesen "Schade eigentlich."

Für solche Tage, an denen das T-Shirt in der Wäsche und mir auf meinem Sofa zu langweilig wäre, hätte ich ein zweites Noonan-T-Shirt in Reserve, wo auf der Rückseite stünde: "Noch nicht!"

Montag, 25. April 2011

Aus zweiter Hand


Die Vergutscheinisierung des prekären Lebens macht gewaltige Fortschritte. Amerika hat dabei wieder mal die Nase vorn: Während hierzulande noch über Bildungsgutscheine für Arme debattiert wird, ist man drüben einen Schritt weiter (via angryblacklady).

Ein republikanischer Abgeordneter des Staates Michigan namens Bruce Caswell zeigte viel Fingerspitzengefühl und obendrein Sinn fürs Visionäre, indem er einen Haushaltsentwurf vorlegte, nach dem Pflegekinder künftig nur noch in Second-Hand-Klamottenläden (zum Beispiel jenen der sogenannten Heilsarmee) eingekleidet werden sollen.

Um zu verhindern, dass staatliche Bekleidungszuschüsse in teuren Modegeschäften (wie zum Beispiel Walmart oder H&M) verprasst werden, ist die Ausgabe von Bekleidungsgutscheinen geplant, die ausschließlich in Second-Hand-Läden einzulösen sind - endlich der angemessene Lifestyle für solche Kinder, die oft als zweitklassig betrachtet werden.

Sage niemand, die Sparmaßnahme des konservativen Politikers habe keinen erzieherischen Wert: Sollte der lokale Second-Hand-Laden gerade keine abgelaufenen Kinderschuhe in passender Größe im Sortiment führen - bitte, Thrift-Stores sind schließlich keine Luxuskaufhäuser -, geht das Kind eben barfuß zur Schule. Jawohl, geht, denn Busfahren verweichlicht und ist außerdem viel zu teuer.

Überhaupt, Stichwort abgelaufen. Visionär an dem Plan des republikanischen Sparbrötchens ist ja, dass das Secondhand-Prinzip beliebig ausgeweitet und auf andere Bereiche des täglichen Grundbedarfs angewendet werden kann. Zum Beispiel abgelaufenes Essen, warum ist da bisher noch keiner draufgekommen! Alle zwei Tage ein Gutschein für drei Tage altes Brot, das macht das Kind satt und hält seine Zähne gesund. Na gut, vielleicht noch einen Gutschein für zwei zerbeulte Konservendosen, wir wollen nicht kleinlich sein. Fleisch dagegen kommt höchstens einmal die Woche auf den Tisch, da tun es ein paar Lebensmittelmarken für anderweitig nicht mehr absetzbares Gammelfleisch.

Unbestätigten Gerüchten zufolge wird der Abgeordnete in Bälde einen neuen, diesmal bahnbrechenden Coup aus dem Ärmel ziehen: Um das kostensparende Secondhand-Versorgungsmodell zu optimieren, soll es künftig armen Familien erlaubt sein, sich ausschließlich dem - eigentlich illegalen - Dumpster Diving ("Containern") hinzugeben; selbstverständlich unter strenger staatlicher Kontrolle. Und nur gegen Vorlage eines Berechtigungsgutscheins.

Montag, 4. April 2011

Ladies




Ein paar groovige, sehr vitale alte Damen drehen ihr eigenes Ding und zeigen, was Mode ist: das, was jede einzelne darunter versteht; das, was jede einzelne daraus macht; das, worauf jede einzelne gerade Lust hat. Ob das nun - je nach Tageslaune - traktorradgroße Brillengestelle oder orangefarbene Wimpern sind, oder Marily-Monroe-bedruckte Ärmel im Warhol-Look.

Sie tun es einfach. Gutgelaunt. Unangestrengt. Souverän. Die Filmemacherin nennt es "Advanced Style". Sie nennen es "Anti-fashion fashion".
"If somebody doesn't like what I'm wearing - I don't give a shit!"
Zum Verlieben.

Freitag, 11. März 2011

Kick it like Barbie


Unaufhaltsam rollt auf Deutschland ein neues Sommermärchen zu, die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011. Die Entwicklung des Frauenfußballs ist nicht zu stoppen:

"Alle Frauen haben das Recht, Fußball zu spielen."
FIFA-Präsident Joseph Blatter

Wenn einer wie Blatter das sagt, dann muss es wohl stimmen. Blatter war es auch, der sich bereits im Jahr 2004 visionär dahingehend äußerte, dass die Sportkleidung von Fußballspielerinnen "femininer" gestaltet werden solle - diese Maßnahme sollte neue Geldgeber, etwa aus der Kosmetik- und Modeindustrie anlocken. Von Spielerinnen- und Frauenverbänden bekam er dafür gewaltig einen auf die Mütze.

Das ficht einen wie Blatter nicht an. Wie zu lesen ist, ist der 79-jährige zum wiederholten Male auf Brautschau. Vielleicht ist unter den elf rosafarbenen Püppchen ja etwas Passendes dabei.


Mittwoch, 9. März 2011

Brav bleiben


Ich muss unbedingt meine Jugendmedienschutzbeauftragte Juschi ein wenig besänftigen. Die Juschi scannt nämlich das Blog nach jugendgefährdenden Inhalten, vor denen sie die Jugend bewahren möchte. Das ist löblich und ganz in meinem Sinne.

Nur manchmal gehen dabei unsere Meinungen etwas auseinander. Zum Beispiel gestern meinte die Juschi, es sei vielleicht keine so gute Idee, die Jugend zum zivilen Ungehorsam aufzurufen, während ich fand, dass das vielleicht schon keine ganz schlechte Idee ist.


Um die Juschi versöhnlich zu stimmen, stelle ich heute ein T-Shirt mit absolut jugendfreiem Motiv ins Blog: Gehorche, sei fügsam und widersprich keinem Erwachsenen, der dich auf Linie bringen will, und vor allem: Hör' auf keinen Erwachsenen, der dir etwas von Ungehorsam erzählt. Sei still und bleib' brav.

Nicht verschweigen möchte ich allerdings, dass die künstlerische Vorlage für das brave T-Shirt eher aufsässig rüberkommt. Vorsicht, jugendgefährdender Link.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Olé


Neulich an Weihnachten ist ja in einer Nacht- und Nebelaktion der New Yorker Wallstreetbulle mit buntem Neongarn behäkelt worden und präsentierte sich etwa zwei Stunden lang in einem etwas, hm, entmännlicht wirkenden Look. Wer das Vieh in derselben Nacht wieder entblättert hat, ist bis heute ungeklärt.

Dafür gibt es nun ein Video der in New York lebenden polnischen Straßenkünstlerin Agata Oleksiak (alias "Crocheted Olek", soviel wie "Häkel-Olek"). Es zeigt - in Kurzform - die etwa zweistündige nächtliche Verkleidungsprozedur des charging bull. Olé.