Donnerstag, 1. Dezember 2011

Pfft


Heute abend hat mich der Zufall in eine Fraktionssitzung der Linkspartei im Frankfurter Römer gespült: eine "informative" Einladung an uns, mal ein bisschen aus dem occupyfrankfurt-Nähkästchen zu plaudern. Wir waren zu fünft, gutgelaunt, vertilgten Unmengen von Keksen, fingen an zu plaudern, und die Fraktionslinken staunten Bauklötze über den frischen Wind, der da plötzlich durchs Parteibüro wehte.

Wie wir das bloß schafften, wollten sie wissen, innerhalb weniger Wochen so einen gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung zu bekommen - wo wir doch "irgendwie" und "eigentlich" ziemlich "unkonkret" in unserer "Zielsetzung", erst recht in unseren "Forderungen" seien. Tja. Was soll man dazu sagen? Vielleicht, brummte ich, läge es ja gerade daran, dass wir so unkonkret seien und eben keine Forderungen in die Welt posaunten. Hm, meinte die Linksfraktion, hm.

Weil, die Linkspartei leidet nämlich unter Mitgliederschwund und denkt womöglich, das habe irgendwas mit ihren Forderungen zu tun. Wir dagegen hängen einfach so vor der EZB rum, haben keine Forderungen und dafür irren Zulauf. Was ja irgendwie ungerecht ist, und wäre ich die Linkspartei, würde mich das auch wurmen. Weshalb ich ganz froh bin, nicht in der Linkspartei zu sein, sondern gutgelaunt drauflosquatschen zu können mit ein paar anderen gutgelaunten Kumpels vom Camp. Und endlich mal wieder auf eine anständige Toilette zu können.

Das Klopapier war kratzig, aber die Schokobrezeln waren gut und die Kaltgetränke gratis.

Danach hat es mich weiter gespült zur Podiumsdiskussion mit Oswald Metzger. Auch irgendwo im Frankfurter Römer, aber in einem schniekeren Department. Aalglatt, der Typ, und sehr gerissen. Muss man wohl sein, wenn man es von der SPD über die Grünen in die CDU geschafft hat. Die Occupy-Podiumstypen - mit Jackett und so - schlugen sich nicht schlecht, aber die Fragen aus dem Occupy-Publikum waren um Längen besser.


Einer forderte den Oswald auf, doch mal Stellung zu nehmen zur wachsenden Armut, was den Oswald zu langatmigem Geschwalle veranlasste über den Unterschied zwischen Einkommensgleichheit und Chancengleichheit, nach dem ihn keiner gefragt hatte. Darauf aufmerksam gemacht, schwallte der Oswald weiter über die - aus seiner Sicht - erfreulich positiven Erwerbstätigenstatistiken und die unerfreulich hohen Transferzahlungen an die Erwerbslosen. Er redete nicht über Armut, sondern über Zahlen. Schwer erträglich. Ich ging aufs Klo.

Das Klopapier war seidenweich und vierlagig, aber das Achtel Rotwein kostete 2,50 Euro und zu essen gab es nichts.

Wie ich das Ganze gefunden habe, fragte mich einer beim Rausgehen, und ich brummte: Pfft. Ich hätte nichts dagegen, brummte ich weiter, solche Typen wie den Oswald zum Podiumsgespräch einzuladen, aber nächstes Mal bitte nicht in einen sterilen, geheizten Sitzungssaal im Römer, sondern ins Camp. In unser ungeheiztes Sitzungszelt, da, wo immer die Asamblea stattfindet und allabendlich die Fetzen fliegen, weil keiner ein Blatt vor den Mund nimmt. Und wo die Occupy-Typen mit dick wattierten Anoraks in ausgefransten Sperrmüllsesseln rumhocken. Dem Oswald könnten wir ja eine warme Wolldecke anbieten, und ich, brummte ich, würde ihm sogar meine Wärmflasche ausleihen. Und dann könnten wir in aller Ruhe und Kälte mal über Armut diskutieren.

Pfft.


Kommentare:

  1. Liebe Frau Mop!

    Wie soll denn das gehen? Es ist ja schon schlimm genug, daß sich die Occupanten auf nichts festlegen wollen. Eine Partei muß doch zu allen Themen Stellung beziehen können und Politik gestalten können, d.h. Gesetzesvorlagen entwerfen und verteidigen.

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  2. Ja, heil'ges Blechle, der Metzger Oswald! Da fiel mir spontan der berüchtigte Holzmichl-Ohrwurm ein, als ich das gerade las. Zahlt ihm die INSM nix mehr, dass er sich jetzt mit seinem Geschwalle als B-Promi bei der Frankfurter CDU verdingen muss? :-o

    Was die Linke vs. Occupy angeht: wer sich nicht festlegen mag, wird beliebig, und vielleicht ist es die ultimative Lehre bspw. Merkels und Guttis, dass Beliebigkeit beliebt macht. Wer sich auf Konkretes festlegt, muss damit rechnen, dass sich eben nicht mehr alle darin wiederfinden können. Wer sich dann noch aufs "Falsche" festlegt, kriegt es mit den Wadenbeißern des Medienmainstreams zu tun oder wird wahlweise totgeschwiegen. Stellt man aber keine Forderungen, wird man ziellos. Wer kein Ziel hat, wird sich verlaufen und niemals irgendwo ankommen.

    Wenn ich die Wahl habe, ziehe ich das kratzende Klopapier dem vierlagigen vor. Wenigstens kann ich hernach noch in den Spiegel schauen. :)

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  3. Der Metzger Oswald hat gestern beteuert, dass seine Tätigkeit bei der INSM "rein ehrenamtlich" sei. Harhar.

    "Stellt man aber keine Forderungen, wird man ziellos." Wenn Dein Ziel aber eine Kampfansage an das bestehende System und seine Repräsentanten ist, an wen, um aller Herrgotts willen, willst Du dann Deine Forderungen richten?

    "Wenn ich die Wahl habe, ziehe ich das kratzende Klopapier dem vierlagigen vor." D'accord. Gottseidank gibt es noch mehr Wahlmöglichkeiten außer Linkspartei und MetzgerCDU :). ("Wahl" jetzt bitte nicht im Sinne von Kreuzchenmachen zu verstehen.)

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  4. Hallo Mrs. Mop

    "Wenn Dein Ziel aber eine Kampfansage an das bestehende System und seine Repräsentanten ist, an wen, um aller Herrgotts willen, willst Du dann Deine Forderungen richten?"

    An das bestehende System und seine Repräsentanten?^^
    Wäre doch naheliegend, oder?

    Sei versichert, denen, den Du damit in die Parade fährst, die outen sich ganz schnell "als 'richtige' Empfänger".

    Wichtig ist, daß Du laut/stark genug bist, daß sie das nicht überhören können.
    Dazu müssen die Occupies aber 'Draht' nach 'draußen' haben oder kriegen - ich denke 'draußen' gibt es auch welche, die 'Draht' zu Euch kriegen wollen.

    Dazu muß man sich nicht in allem einig sein, aber auf bestimmte gemeinsame Aktionen muß man sich einigen wollen/können.

    Aus Angst an die Falschen zu geraten sich eher zurück zu halten? Nee. Garantien gibts im Leben nicht.

    Aber man kann sich auf einige Punkte in Aktionen einigen. Dann hat man den anderen nicht 'geheiratet' und darf weiter selbst für sich entscheiden.

    Ihr müßt wissen, was ihr als wichtige Punkte für Euch bis jetzt schon formulieren könnt, daran führt über kurz oder lang kein Weg vorbei.
    Ihr müßt diese Punkte/Forderungen klar formulieren, die sollten auch 'erweiterbar' sein, wenn ihr später meint mehr oder anderes zu wollen.
    Das ist schon allein für Euer eigenes 'Selbstverständnis' wichtig.
    Mit diesen Punkten dann 'Verbündete' suchen, für genau diese Punkte.

    Wie sagte @R@iner zuletzt: Ihr macht dat schon.
    Also dann mal zu und viel Kraft.


    Liebe Grüße - Wat.

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  5. ""Wenn Dein Ziel aber eine Kampfansage an das bestehende System und seine Repräsentanten ist, an wen, um aller Herrgotts willen, willst Du dann Deine Forderungen richten?"

    An das bestehende System und seine Repräsentanten?^^
    Wäre doch naheliegend, oder?"

    Ich vergaß, das "bestehende System" mit dem schmückenden Adjektiv "korrupt" zu ergänzen. Also, soll ich von den korrupten Systemrepräsentanten fordern, bitte nicht mehr so korrupt zu sein :)?

    Wobei, die Kritik an der (auch strukturellen) Korruption und der unseligen Verquickung von Geld, Wirtschaft & Politik wird ja von der globalen Occupy Bewegung (einschließlich ihrer Frankfurter Filiale) längst lauthals geäußert.

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  6. @MrsMop: Du könntest aber den Systemrepräsentanten sagen, was Du a) für korrupt hälst b) von korrupt hälst und weil nur gegen etwas sein, irgendwie selten 'zielführend' ist, wie Du meinst, daß das korrupt aufhört bzw. zu umgehen ist, also was Du c) statt dessen genau haben möchtest.

    Zugegeben, mir persönlich wäre das zu wenig, weil ich meine, daß das "korrupt" im System angelegt ist, aber es geht hier nicht darum, was ich finde - es geht darum, wie Du was findest - und das mußt Du sehr wohl deutlich machen.

    Auf 'Deiner' Welle schwimmen viele Menschen, die hoffen, daß man das hier mit etwas neuer Farbe wieder schick kriegt - das sind Deine (noch nur potentiellen) Verbündeten!

    So blöd es klingt, für die brauchst Du ein "Angebot", daß sie aus ihrem Sessel kommen. Und wenn Dich das Problem so anspricht, spricht es die anderen auch an, sie haben bestimmt nur noch keine 'Handhabe', also Idee, was man da machen könnte 'außer' protestieren.

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  7. Und MrsMop, vielleicht ist Dein "Angebot", also die aus Deiner Kritik abgeleitete Forderung ja dann eine, mit der auch ich mich verbünde ;-)

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  8. Ich hatte mir das schon mal so überlegt, falls mich mal jemand vom TV interviewen will. Wenn ich meine Meinung sagen würde, würden/dürften sie das eh nicht senden, und das, was sie senden würden, wäre nicht meine Meinung.
    Welche konkreten, umsetzbaren Forderungen aus meiner Meinung und Kritik zu extrahieren sind ist mir im Moment selber noch nicht ganz klar. Mit ein wenig Tünche ist es allerdings gewiss nicht getan ;-)

    cu
    renée

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  9. @renée: muß man bei allen Forderungen immer gleich wissen, ob diese umsetzbar sind? Ich meine, woher weißt Du denn das je ganz sicher?

    Ich denke, daß erstmal jeder für sich 'seine' Forderungen klarlegen und aufstellen muß, auch das bringt Dir nun auch noch nicht mehr, als daß Du weißt, was Du willst. Aber immerhin, denn das ist ganz schön schwer, finde ich.
    Alleine kriegste die so oder so niemals umgesetzt, da bleiben diese immer "nicht umsetzbar".

    Es kann also nur darum gehen zu gucken, was die anderen für Forderungen formulieren, ob Ihr Euch da irgendwo trefft. Und wenn es welche gibt, bei denen Ihr sogar übereinstimmt - dann sind die bitte erst dann nicht umsetzbar, wenn Ihr alles versucht habt, sie umzusetzen ;-)

    Denkt sich so - Wat.

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  10. Zum besseren Verständnis für meine Abstinenz gegenüber Forderungen bitte ich diesen Post zu lesen.

    "vielleicht ist Dein "Angebot", also die aus Deiner Kritik abgeleitete Forderung ja dann eine, mit der auch ich mich verbünde ;-)":

    Auf die Gefahr hin, dass ich Dich als Verbündete verliere - es finden sich täglich im und außerhalb des Camps derart viele Verbündete, die es schätzen, dass gerade nicht um irgendwelche Forderungen gefeilscht wird, sondern die sich eingeladen fühlen, an einem offenen Austausch in einer offenen Bewegung teilzunehmen, dass ich bei meiner obigen (der Linkspartei gegenüber geäußerten) Aussage bleibe.

    Selbstverständlich gibt es bei #occupyfrankfurt einige Leute, die ganz heiß darauf sind, an Forderungen zu schmieden - ich gehöre halt nicht dazu. Weil ich die Notwendigkeit nicht sehe, jedenfalls nicht zum jetzigen Zeitpunkt, wo die Bewegung Fuß fasst und noch mehr wachsen will und dies auch tut, gerade weil sie eine offene Plattform darstellt für alle, die ihre (je ganz unterschiedliche, von der eigenen Biografie geprägte) Kritik am Kapitalismus (und eben nicht: Forderungen) einbringen wollen.

    Einen - in genau diesem Sinne - sehr anregenden Link zu Richard Wolff hat neulich @spinne hier hinterlassen. Ich empfehle die Lektüre von R. Wolff wärmstens allen, die sich dafür interessieren, was bei der Occupy Bewegung eigentlich passiert und welche Dynamik von ihr losgetreten wird.

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  11. @Mrs Mop

    Mir ging es nicht darum, irgendeine Forderung 'zu fordern', die nach meinem Geschmack ist.
    Im Leben nicht.

    Den Link/die Links von @Spinne zu Wolff kenne ich nur zu gut, ist es doch so etwas, was ich wollen würde...

    Das 'ginge' aber nur, wenn jeder für sich wenigstens weiß, was er selbst möchte.

    Darin zu versuchen, daß das jeder (erstmal nur) für sich selbst versucht zu formulieren, sich selbst etwas klarer wird - nur darum gings mir und kann und darf(!) es mir auch nur gehen, wenn ich irgendwie auf der 'Wellenlänge' won Richard Wolff sein möchte.
    Sei versichert, ich für mich bin das.

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  12. @ Wat, Mrs Mop, Pippilotta - liebe Frauen und Männer, Kinder und Kindeskinder, Omas u. Ohopapas:meinen Senf dazu, habe ich hier kurz zusammengefasst:

    http://lonesomespider.wordpress.com/2011/12/04/ich-bin-der-leeren-slogans-und-schlagworte-so-mude/

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  13. Danke @spinne.

    Das setzt aber voraus, daß sich jemand überhaupt mit diesen Zusammenhängen auseinandersetzen möchte.
    Im Moment dringt nach draußen: "Ich bin dagegen."

    Gut, wenigstens was.

    Aber daraus muß auch mal ein: "Ich (für mich) bin dafür - und da und darum." werden.

    Ist schwer, erst recht, wenn sich die, die da bei Antworten helfen könnteteteten, als arrogante Kotzbrocken daher kommen, die eh immer schon alles wußten.

    Nur, den Willen selbst nach Antworten wenigstens erst mal für sich zu suchen, den kann niemand einem anderen abnehmen oder oktoyieren.

    Wenn ich einmal selbst bestimmen will, dann muß ich auch wissen, was mich selbst ausmacht.

    Solange ich davon ausgehe, daß mir irgendwer schon die richtige Entscheidung fällt, komme ich nicht einmal auf die Idee, da selbst Position einnehmen zu müssen, die die Entscheidung von anderen hinfällig macht.

    Wenn ich wiederum nicht möchte, daß da andere für mich entscheiden, dann muß ich das halt selbst tun...

    Schwere Nummer.

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