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Mittwoch, 20. November 2013

Ein Wettbewerber mehr


Ich liebe Cartoons.
Weil sie mit wenigen genialen Strichen mehr sagen als tausend Worte.

wurde über Nacht angemessen visualisiert:


Die Konkurrenz schläft nicht.
Nirgends.
Der Markt wird's richten.
Wer sonst.

Dienstag, 19. November 2013

Wir tun was


Wer gedacht hat, an der Qualitäts-Bullshit-Front wäre jetzt erst mal für eine Weile Ruh', der hat falsch gedacht. Hier kommt ein Stück ausgereiften Premium-Bullshits vom Allerfeinsten, frisch serviert von der amerikanischen Firma Walmart.

Zur Erinnerung: Das Unternehmen Walmart hat einen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar und machte im letzten Jahr 17 Milliarden Dollar Profit.

Und damit zum premiumverdächtigen Bullshit des Tages - der neueste Coup jenes Lebensmittelkonzerns, der bekannt dafür ist, seinen Angestellten weniger Lohn zu bezahlen als zum Überleben erforderlich ist:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel zu spenden. 
Eine Meldung, die das Bullshit-o-Meter bereits heftig ausschlagen lässt - weil, wieso schreitet der Lebensmittel-Handels-Milliardär nicht selbst zur Tat und spendet Lebensmittel? Er hat doch wohl genug? Sowohl Lebensmittel als auch Geld, um sich eine karitative Spendenaktion im großen Stil leisten zu können? Ist das nicht Grund genug, sich tierisch aufzuregen? Nö.

Und zwar deshalb, weil es, einerseits, zwar zunächst eine ärgerliche Meldung ist, andererseits als Meldung lediglich Bullshit mediokrer Qualität repräsentiert - wozu sich über Standard-Kuhmist aufregen? Wo wir doch beschlossen haben, uns nur noch über echten Premium-Bullshit aufzuregen? Also nur noch dann, wenn die Bullshit-Tachonadel im obersten Segment zittert? Voilà:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Hey, da bebt die Tachonadel, da rockt die Kuhmist-Orgel in den höchsten Tönen! Können wir den Bullshit mal kurz rückübersetzen? Klar doch:
Walmart fordert seine unterbezahlten Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere, noch schlechter bezahlte Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Habe ich zu viel versprochen? Da lacht das Herz des high-end-Bullshit-Liebhabers! Wie, hat einer den Qualitätswitz nicht verstanden? Okay, zum Mitschreiben: Walmart, "America's real welfare queen" (wie übrigens auch McDonalds), bietet seit einiger Zeit eine firmeninterne telefonische Hotline an, wo die eigenen Mitarbeiter fachkundig beraten werden, wie sie einen Antrag auf food stamps (steuerfinanzierte Lebensmittelmarken für unter der Armutsgrenze lebende Menschen) zu stellen haben, um von ihrem Walmart-Hungerlohn nicht zu verhungern.

Und weil die Walmart-Mitarbeiter trotz food stamps und wegen Hungerlohns nicht satt werden, öffnet der Handelsgigant sein großes soziales Herz und ruft seine hungernden Mitarbeiter auf, ihren hungernden Kollegen mit einer Lebensmittelspende unter die abgemagerten Arme zu greifen. Imagekampagne, you know, à la 'Wir tun was für unsere notleidenden Mitarbeiter', also, um genau zu sein, nicht wir, nämlich der Walmart-Konzern, sondern die mittleren Walmart-Sklaven-Galeeren tun was für die armen Schlucker im untersten Sklavendeck.

Doch halt! Noch vibriert die Bullshit-Tachonadel nicht im wirklichen Premiumsegment. Da geht noch was - der saisonale Emo-Hyperbonus:

via twitter #WorkingAmerica

Thanksgiving! Das traditionelle amerikanische Familienfest Ende November, wo sich alle zum opulenten Truthahn-Dinner treffen! Wo keiner ausgeschlossen sein soll, wo alle mitfeiern, miteinander essen, trinken und für ein paar gemütliche Stunden im Familienkreis ihre Alltagssorgen vergessen sollen! Geht das ans Herz?
Bitte spendet Lebensmittel, um notleidende Kollegen in den Genuss eines Thanksgiving Dinner kommen zu lassen
Und wie das ans Herz geht. Und genau hier, Freunde des herzzerreißenden social marketing, liegt der Hund begraben, nämlich der Top-Premium-Bullshit-Faktor: Kürzlich hat nämlich der big social player Walmart entschieden, seine Filialen am Thanksgiving-Feiertag bis in die späten Abendstunden zu öffnen, damit alle, wirklich alle, selbst die schlechtestbezahlten Verkäufer im untersten Deck in den Genuss eines angemessenen Thanksgiving-Feelings kommen. 
Cold turkey, anyone?
Walmart verteidigte seine (Spenden)Aktion als einen Bestandteil seiner "Unternehmenskultur" der Nächstenliebe: "Wir sehen diese Aktion als ein Element der Unternehmenskultur, dass Kollegen sich untereinander solidarisieren und sich um diejenigen kümmern, die als extreme Härtefälle betroffen sind."
Yeah, Nächstenliebe. Sweet charity, God bless your souls.
Das war's für heute. Mehr Premium-Bullshit geht nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.

Donnerstag, 5. September 2013

Kriegsverlierer


Eine immer wieder interessante, wenn auch völlig fruchtlose Überlegung ist diese: Wo nehmen die bloß all das Geld her? Das viele Geld, das so ein Krieg (pardon: Intervention) kostet? Wächst das auf den Bäumen? Kommt es aus der Steckdose? Quatsch. Das Geld ist da. Einfach da. No need to worry. Klar? Wie ein Mitglied der Obama Administration mitteilte,
... könne eine knapp kalkulierte maßgeschneiderte Operation aus "existierenden Ressourcen des Verteidigungsministeriums" bezahlt werden.
- ließe sich also quasi aus der Kriegsportokasse finanzieren und würde "den U.S. Steuerzahler keinen Cent mehr kosten als was an Geld ohnehin bereitgestellt ist". Keinerlei zusätzliche Kosten! Ist das nicht Musik in den Ohren des amerikanischen Steuerzahlers? Hat das nicht Rhythmus, wo jeder mit muss, auf in den Krieg? Gib uns dein Jawort, Bürger, wir übernehmen die Kosten und alles weitere.

Alles weitere? Ja logisch, auch die immensen Kosten des jetzt aufflammenden, sich stündlich steigernden Propagandablitzkrieges übernehmen wir, mach dir keine Sorgen, lass dir einfach unsere unwiderstehlichen Pro-Kriegs-Argumente um die Ohren hauen, den Rest erledigen wir, denn wenn wir etwas virtuos beherrschen, dann Argumente aus dem Nichts zu zaubern, aus den Retorten unserer hochtourigen War-sells-Maschinerie, die rotiert jetzt in full swing und wehe, es meldet sich ein zaudernder Zweifler zu Wort.

Zum Beispiel so einer:
Ein anderer Bediensteter des Weißen Hauses wandte ein, ohne ein genaueres Verständnis der Operation sei es unmöglich, ein exaktes Preisschild anzubringen. 
"Who the fuck knows what it will cost? Das hängt total davon ab, was passieren wird."
What the fuck? Klingt logisch, wird aber nicht gern gehört:
"Natürlich hängt das davon ab, was wir machen werden. Aber die Mehrkosten des Krieges in Libyen waren so rund eine Milliarde, und damit sind wir ein ganzes Stück weit hingekommen. Mag sein, dass der Kongress bewilligen muss, Geld hin- und herzuschieben (innerhalb existierender Budgets), aber wirklich, da werden keine so großen Kosten auf uns zukommen."
Preisschilder.
Knapp kalkuliert.
Maßgeschneidert.
Keine Zusatzkosten.
Eventuell Mehrkosten.
Aber nicht so furchtbar doll, "wirklich", jetzt mal ganz ehrlich.
Wir werden mit dem Geld schon irgendwie hinkommen.

Und falls nicht, wozu haben wir Budgets?
Zum Hin- und Herschieben.
Zum Kürzen.
Zum Aufrüsten des Kriegs-Budgets.
Zum Herunterwirtschaften eines ganzen Landes.

Eines Landes, dessen Lebensbedingungen noch nicht "wirklich" - jetzt mal ehrlich - auf Dritte-Welt-Niveau angekommen sind. Nur auf einem guten Weg dorthin, mit klarem Kurs und voller Kraft voraus:
In ganz Amerika zerbröckeln Brücken infolge zu niedriger Reparatur-Budgets
Laut vieler Ingenieure sind Tausende von Brücken dem Zusammenbruch nahe. Das Geld, um sie zu reparieren, wird immer knapper.
Jeden Tag fahren U.S. Pendler mehr als 200 Millionen Umwege um defekte Brücken herum.
Beamte einiger Bundesländer warnen, ohne beträchtliche Bundesmittel - solche, die kürzlich im Kongress gesperrt wurden - seien sie gezwungen, viele ihrer defekten Brücken zu schließen und es damit Autos, Fahrzeugen für den Noteinsatz und Schulbussen zu verunmöglichen, komplette Stadtteile zu erreichen.
Die bankrotte amerikanische Stadt Detroit hat kein Geld mehr, um amtliche Totenscheine auszustellen. Weil sie kein Geld hat, um das Papier zu bezahlen. Und weil der Papierlieferant sich weigert, die Stadt weiterhin auf Pump zu beliefern:
Der Tod nimmt frei als Folge des Bankrotts
Nichts leichter als zu sterben im bankrotten, oft bizarren Detroit - viel schwerer ist es zu beweisen, dass du tatsächlich tot bist.
Ohne beglaubigte Kopien von Sterbeurkunden haben Hinterbliebene keinen Zugang zu Bankkonten, Lebensversicherungen oder Testamenten.
Kurz nachdem der Verwaltung das Papier ausgegangen war, teilte sie Bestattungsunternehmern mit, sie sei nicht länger imstande, an Sonntagen Leichen aus dem Leichenschauhaus freizugeben. Die Bestattungsunternehmer sind nicht erfreut. "Der Tod kennt keine Sonn- und Feiertage. Der Tod geschieht an jedem Tag der Woche und ganz besonders an Wochenenden." 
Noch eine Drehung weiter auf der tödlichen Abwärtsspirale Detroits:
Detroit geht vor die Hunde... buchstäblich
Detroit ist auf dem Weg, zur Geisterstadt zu werden, allerdings bedeutet das Verschwinden des Homo Sapiens von den Straßen nur, dass die größte amerikanische Bankrottstadt im Begriff ist, von anderen Lebewesen beherrscht zu werden - von des Menschen ehemals bestem Freund, in Gestalt Zehntausender streunender Hunde, die meisten davon eine besonders gefährliche Rasse: Pitbulls. Step aside Motown, and say hello to Dogtown.
Um die 50.000 streunende Hunde übervölkern die Straßen und leerstehenden Häuser und verdrängen Bewohner oder bedrohen Menschen, die in ihren Häusern bleiben. Hunde, die immer hungriger werden und immer weniger domestiziert:
Die Armut tobt durch Motor City, viele Hunde wurden von ihren finanziell ruinierten Besitzern zurückgelassen, um sich alleine durchzuschlagen. 
Pitbulls sowie mit ihnen vermischte Hunderassen dominieren Detroits streunende Bevölkerung -
- und vermehren sich in unkontrollierbaren Ausmaßen. Unkontrollierbar deshalb, weil das städtische Budget für Hundefänger drastisch heruntergefahren wurde. Der Südwesten Detroits wird von Postboten nur noch mit Pepperspray betreten, um sich gegen scharenweise streunende kleine, bösartige Hunde zur Wehr setzen zu können.
Die gute Nachricht: Vorläufig handelt es sich bei den Streunern um Hunde. Wie lange wird es dauern, bis Menschen sich gezwungen sehen, andere Menschen zu jagen, unter ihnen bösartige Killer, die die Straßen bevölkern werden dort, wo auch immer der nächste und größte Fall einer bankrotten Kommune auftreten wird?
So viel zu Detroit, der ersten, aber gewiss nicht letzten bankrotten Großstadt Amerikas; eher ein menetekel-artiger Mikrokosmos dessen, worauf das gesamte Land zusteuert:
Sequester-Kürzungen treffen Arme besonders hart
Essen auf Rädern, ein Programm zur Lieferung von Mahlzeiten an alte Menschen, die zu gebrechlich sind, um ihr Haus zu verlassen. Kürzlich wurden zusätzliche 11 Prozent aus den Budgets gekürzt, für den Herbst stellt man sich auf weitere Kürzungen ein.
Es ist sechs Monate her, seit die Regierung Budget-Zwangskürzungen in Höhe von 85 Milliarden Dollar verhängte, von denen am härtesten die ärmsten Amerikaner getroffen wurden.

(Alles Meldungen aus den letzten Tagen, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.)


So viel zum sorglosen Hin- und Herschieben von Budgets, zum spendablen Aufrüsten des Kriegs-Budgets, zum mutwilligen Herunterwirtschaften eines Landes auf Dritte-Welt-Niveau.

Ein erstes, eher emotional gehaltenes Resümee:
Sorry, But Fuck Syria
Quer durch Amerika, in einer Stadt nach der anderen, in einem Bundesland nach dem anderen, werden die Grundlagen des täglichen Lebens (und des Todes) zerstört, nicht zuletzt durch unsere Unfähigkeit, Geld bereitzustellen für das, was für Amerikaner lebenswichtig ist, für das, was aus Amerika ein großartiges Land machen könnte. Eine Nation mit einer Stadt, die es sich nicht leisten kann, Geburts- und Sterbeurkunden auszustellen, weil ihr das Papier fehlt, ist eine Nation, die absolut kein Recht hat, Millionen, vielleicht Milliarden Dollars auszugeben, um Syrien zu bombardieren, nur weil der dortige wahnsinnige Präsident etwas Wahnsinniges angerichtet hat.
No, sorry, but fuck Syria. Sobald wir aufhören, Lehrern zu erzählen, sie müssten Gehaltskürzungen hinnehmen, und erst wenn wir den Kindern von Chicago zusichern können, dass sie nicht erschossen werden, erst dann können wir der Welt etwas über unsere moralische Autorität erzählen.
Ein zweites, kälteres Resümee, das mit dem Messer in die offene, offen zutage liegende Wunde stößt:
Wahnhaft gestört im Zeitalter der einzigen Supermacht
von Tom Engelhardt
Von Lateinamerika bis in den größeren Mittleren Osten zeigt sich das amerikanische System sichtbar geschwächt, während bei ihm zuhause Ungleichheit und Armut auf dem Vormarsch sind, die Infrastruktur zerbröckelt und die Politik des Landes in einem Zustand permanenten "Infarktes" verharrt.
Was sollen wir am Ende aus einem Planeten machen mit einer einzigen Supermacht, die keinerlei echten Feinde von Bedeutung hat und die, allem Anschein nach, gleichwohl einen permanenten globalen Krieg führt mit... nun gut, mit sich selbst - - und dabei zu verlieren scheint?
Die beste, scharfsinnigste Diagnose, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Amerika führt einen Krieg gegen sich selbst. Und wird ihn verlieren.

Mittwoch, 21. August 2013

Der Müll, die Stadt und die Not


Heute mal wieder Schnee von gestern. Ein Tässchen aufgewärmten kalten Kaffees gefällig? Bitteschön:

Mir scheint, das Lagerdenken kommt allmählich richtig in Schwung. Also, was heißt allmählich - keine Atempause!, es geht voran, und das zügig. Zwar stehen noch keine Güterzüge zum Abtransport bereit, aber die lassen sich bekanntlich schnell organisieren, sofern Handlungsbedarf besteht. Und überhaupt, was heißt Lagerdenken - es wird längst nicht mehr gedacht, es wird gehandelt. Eben weil nämlich Handlungsbedarf besteht.

Darf ich nachschenken? Bitteschön, noch ein Tässchen von dem aufgewärmten Gebräu, damals (21. Mai 2013) schrieb ich "Wohin mit dem ganzen Müll? Allmählich bahnen sich Lösungen an." Jetzt, genau drei Monate später, liegen die Lösungen fix und fertig auf dem Tisch, wurden einstimmig verabschiedet und sollen zügig in die Tat umgesetzt werden. Wegen des Handlungsbedarfs. Der ist dringend, heißt es.

Deshalb heißt das neue Endlösungsprogramm Emergency Homeless Response, was so viel bedeutet wie: obdachlose Menschen dringend raus aus der Stadt, und zwar zügig und systematisch, freilich ohne Zwang, denn die Zielgruppe hat die Alternative "Haut ab oder ihr werdet verhaftet". Und so funktioniert es:
South Carolina Columbia verabschiedet Plan zur Verbannung (to exile) seiner Obdachlosen
Die Polizei hat ab sofort den Auftrag, im Stadtzentrum zu patroullieren und dafür zu sorgen, dass obdachlose Menschen draußen bleiben.
Ja, gibt es denn in Columbia dafür überhaupt genug Polizisten? Es gibt nämlich in Columbia 1.518 obdachlose Menschen, weshalb die örtliche Polizei klagt, ihr fehle es an "Manpower", um die ihr zahlenmäßig überlegenen Menschen ohne Wohnsitz abzutransportieren, zu "exilieren", wie es ohne falsche Scheu vor epochalen historischen Vorbildern heißt. Kein Problem, die Stadtverwaltung Columbias hat an alles gedacht, sogar an die knappe Personaldecke ihrer Ordnungsbehörde:
Zur Unterstützung des Ablaufes wird eine Hotline eingerichtet werden, mithilfe derer Geschäftsleute und Anwohner die Anwesenheit eines obdachlosen Individuums der Polizei melden können, um sicher zu gehen, dass ihr keiner durch die Lappen geht.
Klingt irgendwie bekannt, oder? Wie gesagt, dringende Probleme erfordern systematische Lösungen. Irgendwo habe ich dazu den schockierten Kommentar gelesen: "Ja, haben die denn gar nichts aus der deutschen Vergangenheit gelernt?" und mir gedacht, wieso, im Gegenteil, die haben sogar sehr viel gelernt in Columbia und wenden das Gelernte jetzt eben an:

Die Polizei bittet um Ihre Mithilfe.
Melden Sie auffällige Personen.
Wir zählen auf Sie als verantwortungsbewusste, engagierte Bürger.
Helfen Sie, unsere Stadt sauber zu halten.
Lassen Sie uns gemeinsam den Müll fortschaffen.

Als adäquate Mülldeponie hat sich die Stadtverwaltung etwas ganz Besonderes ausgedacht: Ein bislang als Winter-Notunterkunft genutztes saisonales Lager am Stadtrand soll künftig ganzjährig und ganztägig den abtransportierten obdachlosen Menschen offenstehen. Also, was heißt offenstehen:
Während es obdachlosen Individuen erlaubt sein wird, in der Notunterkunft zu bleiben, wird es ihnen nicht erlaubt sein, das Grundstück wieder zu verlassen.
Fürwahr ein epochales Unterbringungskonzept - wenn das nur nicht alles so verdammt bekannt anmuten würde. Aber bitte, ich hatte eingangs ja gewarnt, von wegen aufgewärmter kalter Kaffee. Oder sagt man dazu 'alter Wein in neuen Schläuchen'? Jedenfalls wird die Stadtverwaltung Columbias auf der Straße zur Notunterkunft einen Polizeiposten einrichten, der verhindert, dass einer der Insassen zurück in die Stadt marschiert.

Was wollen diese Insassen denn auch in der Stadt, jetzt, wo ihnen ein so komfortables Quartier vor den Toren der Stadt eingerichtet wurde? Immerhin bietet das umfunktionierte Kältenotlager Platz für bis zu 240 "Gästen"; da wird es wohl mit der sechsfachen Anzahl obdachloser Menschen (1.518) locker fertig werden, irgendwie. Doppel-, Dreifach-, Vierfach-Bettenbelegung oder so. Hauptsache hinter Schloss und Riegel. Out of sight, out of mind.

Ach so, noch etwas. Fast hätte ich's vergessen. Die in Columbia angestrebte vorläufige Endlösung erfolgte aufgrund mehrfacher Beschwerden ansässiger Einzelhändler, "die (obdachlosen Menschen) machen uns das Geschäft kaputt". Ein leidiges Phänomen, auch vielfach beklagt in der Frankfurter Innenstadt:

"Geschäftsleute genervt: 
Obdachlose Großfamilie campiert nachts vor den Läden"

Über den ethnischen Hintergrund der obdachlosen Großfamilie erfahren wir auf Seite 3. "Rumänen und Bulgaren" hätte sich auf der Titelseite nicht so gut gemacht. Schließlich hat man aus der deutschen Vergangenheit gelernt, Sie wissen schon, lieber Leser. Für die Titelseite begnügen wir uns darum mit einem dezenten Hinweis auf den bedauerlichen Sittenverfall "unserer Momo", Sie wissen schon, exotisch, rassig, wenn auch nicht ganz reinrassig.

Wie gesagt, alles Schnee von gestern. Nichts als kalter Kaffee. Noch ein Tässchen? Oder lieber gleich eine Armbinde, 'O' für obdachlos, 'A' für arm, 'H' für Hartz IV, 'R' für Roma ... ach, machen Sie sich mal keine Sorgen, wir kriegen das Alphabet schon noch voll und die Stadt leer. Fröhlichen Stadtbummel!

Montag, 5. August 2013

Häuser räumen, Heime bauen


Wieder mal schlechte Nachrichten aus Griechenland.

Die griechische Regierung kündigt zum 1. Januar 2014 Zwangsräumungen an.

Zwar sind seit 2008 Zwangsräumungen von Häusern verboten, die als Hauptwohnsitz genutzt werden und einen Wert von 200.000 Euro nicht übersteigen - gewissermaßen zum Schutz der sogenannten 'kleinen Leute'. Und eigentlich war von der Troika vorgesehen, das Zwangsräumungsverbot Ende 2012 aufzuheben;  denn schließlich muss es ja vorangehen in Griechenland, dem Land, das sich laut Schäuble "auf dem richtigen Weg" befindet und dessen Weg erst dann am Ziel angelangt ist, wenn der Karren endgültig in den Dreck gefahren sein wird. Wohlgemerkt, der Karren der 'kleinen Leute'.

Doch dann zeigte sich die griechische Regierung "schockiert" angesichts der Suizidwelle, die Spanien überzog, nachdem zahlreiche Hausbesitzer - allesamt 'kleine Leute' - ihre Häuser durch Zwangsräumung verloren hatten. Die Troika - bekanntlich Freund und Helfer der 'kleinen Leute' - ließ sich von der menschlichen Tragödie erweichen und genehmigte eine Verlängerung des griechischen Zwangsräumungsverbotes. Allerdings dürfe die Gnadenfrist keinesfalls länger andauern als bis zum 31. Dezember 2013, danach müsse der menschlichen Tragödie - ergo dem Zugriff der Banken auf die geräumten Immobilien - endlich der Weg frei gemacht werden; der richtige Weg, wohlverstanden.
Aufgrund des immensen Drucks seitens der Kreditgeber des Landes - der Troika (die ihrerseits unter dem immensen Druck seitens der Banken steht) - kündigte die griechische Regierung die schrittweise Aufhebung des Verbotes von Zwangsräumungen an bei Menschen, die außerstande sind, ihre Hypothek zu bezahlen.
- also bei Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit, Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und Rentenstreichungen außerstande sind, die Hypothek auf das einzige zu bezahlen, was ihnen noch geblieben ist.

Nun steht die griechische Regierung vor der heiklen Aufgabe, jene menschliche Tragödie zu managen, die von der Troika so zielstrebig wie ergebnisorientiert eingeleitet wurde. Was tun, nachdem die Häuser geleert und die Straßen gefüllt sein werden mit immer mehr wohnungslosen Menschen, von denen wiederum immer mehr zu dem Schluss kommen, dass sich etwas Besseres als der Tod nirgends finden lässt? Noch drängender: Wie jener imageschädigenden Wirkung gegensteuern, die der heranrollenden Massenobdachlosigkeit und neuerlichen Suizidwelle auf dem Fuße folgen wird?

Mut machen in harten Zeiten, heißt die Devise. Wie macht man einem verzweifelten, von Obdachlosigkeit bedrohten, suizidgefährdeten Volk Mut? Indem man ermutigende Zeichen setzt.

Und damit zu den guten Nachrichten aus Griechenland:
Ermutigende Zeichen aus den Obdachlosenasylen Athens
Ein neues Wohlfahrtsprogramm der Stadt Athen zielt darauf ab, den Menschen zu helfen und das Image der Hauptstadt zu verbessern
Neue Heime für wohnungslose Athener werden gebaut. Die Stadt, heißt es, habe die Zeichen der Zeit erkannt. Sie gehe mutigen Schrittes voran, um die Menschen zu ermutigen und das Image der Stadt zu verbessern, indem sie die Menschen ermutige, sich von der Straße ins Obdachlosenheim zu entfernen und damit das schmuddelige Stadtbild zu verbessern. Sie nennt dies einen "Wechsel in der Philosophie der Wohlfahrtspolitik".

(Lalaounis ist das teuerste Juweliergeschäft in Athen.)

Raus aus den Häusern, weg von der Straße, rein in die Heime.
Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Namen für die philosophische Richtung, aus der der Wind weht.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Urlaub im reichsten Land der Welt


Sind Sie deutsch? Dann sind Sie urlaubsreif.

Weil, um diese Jahreszeit sind die meisten Deutschen urlaubsreif. Ist so eine Art Naturgesetz. Um diese Jahreszeit kommt man mit den meisten Deutschen am lockersten ins Gespräch, wenn man das Thema Urlaub anschneidet. Ah, Urlaub! Endlich fort von hier! Abschalten, ausspannen, Seele baumeln und fünf grade sein lassen. Nur, wohin mit der baumelsüchtigen deutschen Seele? Natürlich erst mal ins Reisebüro. Angebote vergleichen. Und, ganz wichtig, Preise vergleichen. Man will ja was kriegen für sein hart verdientes Geld. Also erst mal gucken: Wo wird was geboten?

Wie, Katalog? Ach, hörnsedochauf. Kein Bock auf stundenlang Rumblättern. Ist ja alles kostbare Zeit, die von den kostbarsten Wochen des Jahres, Sie wissen schon, abgeht. Hamsenich so was Pauschales, irgend so ein rundum-sorglos-Dingens, also, so ein Urlaubsziel, irgendwo im Süden Europas, einfach hinjetten und es sich gut gehen lassen, so wie früher halt, wissen Sie, wie damals, vor dieser Scheißkrise, die einem alle Urlaubspläne vermiesen kann, weil, verstehen Sie, wir wollen einfach nur Urlaub machen und sonst nix, und Krise und der ganze Scheiß, nee, echt, kein Bock, weil, wir haben jetzt Urlaub und deshalb wollen wir Urlaub und basta. Also, wohin?

Klaus Suttmann via Radio Kreta

Hey, cool, ja genau, so haben wir uns das vorgestellt, so wie früher halt. Arm, aber trotzdem glücklich, und immer gut im Improvisieren, diese Griechen, einfach klasse.

Hamse vielleicht noch so ein bisschen Hintergrundliteratur zu Griechenland, wissen Sie, so für Bildung und so, weil, man will ja nicht völlig unbeleckt dort einfallen, man will ja vorher bisschen was lesen, was einen so erwartet? Ah, Sie haben da schon so eine Art Dossier vorbereitet, sehr gut, zeigensemalher.

Ach du lieber Gott ... Selbstmordrate, HIV-Neuinfektionen, verhungernde Kinder ... gehnsebloßweg, also, so genau wollten wir es eigentlich nicht wissen. Weil, das mit der Armut, wie gesagt, ist ja schön und gut, aber dass die sich deshalb gleich umbringen oder verhungern? Oder dauernd in Mülltonnen nach was Essbarem suchen, also, so viel Armut will man ja im Urlaub nicht unbedingt mitansehen müssen, weil, ist ja schließlich unser Urlaub, und da wollen wir es schön haben, wenn Sie verstehen.

Hey, washamsedennda? Ist ja voll cool! Die sind ja gar nicht so arm, wie sie immer tun! Was für ein phantastischer Werbeslogan! Von wem stammt der, sagten Sie? Vom griechischen Ministerium für Tourismus?
Greece: The richest place in the world
Hey, das rockt. Eins der ärmsten Länder Europas, das sich als das reichste Land der Welt verkauft - das hat Biss, das hat Schmiss, da fahren wir hin! Die verlieren kein Wort über die Scheißkrise, die Arbeitslosigkeit, die Selbstmordrate, die Obdachlosigkeit, den Hunger und die ganze Verzweiflung - nee, die denken positiv:
"Lasst uns unsere beste Identität zeigen. Die Marke, der Name 'Griechenland' ist allmächtig. Sie durchsteht jede Krise."
Wissen Sie, um ehrlich zu sein, eigentlich wollten wir letztes Jahr schon nach Griechenland, aber irgendwie ging uns da die Muffe, weil die ja nur noch am Randalieren waren auf der Straße, bitte, da kein doch kein Mensch sich erholen, da vergeht einem ja jeder Gedanke an Urlaub:
Während der Präsentation gab sie (Olga Kefaloyianni, die griechische Tourismusministerin) sich optimistisch und sagte, dies werde ein gutes Jahr für Griechenland nach einem enttäuschenden Jahr 2012, in dem die Touristen scharenweise wegblieben wegen ständiger Medienberichte über Streiks, Proteste und Aufstände gegen Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und gestrichenen Renten.
Ein gutes Jahr für Griechenland, keine Streiks, keine Proteste, keine Krawalle! Nix wie hin! Sangsemal - nur zu unserer Sicherheit -, kann man sich da wirklich drauf verlassen, was diese Frau Olga behauptet? Dass dieses Jahr endlich Ruhe ist in Griechenland, damit wir in Ruhe Urlaub machen können? Wie, Sie können das dokumentieren?
Ein Unternehmen zur Herstellung und Lieferung von Panzerwesten für Militärpersonal und Polizeikräfte hat einen Deal in Höhe von mehr als 1,2 Millionen britischen Pfund eingeheimst, um die griechische Polizei auszurüsten.
Der kaufmännische Leiter von VestGuard, Oliver Lincoln, zeigte sich "absolut begeistert" über die Auftragsabwicklung mit der griechischen Polizei, zu einem Zeitpunkt, wo diese Ausrüstung wirklich zu Buche schlagen wird in dem Land.
Isjavollderwahnsinn, Mensch. Ichsachmalso, also, sooo arm können die ja nicht sein, wenn sie eben mal locker 1,2 Mille Pfund abdrücken können für schussichere Westen und so Zeugs für ihre Polizei, na egal, jedenfalls sind wir dann ja voll auf der sicheren Seite. Was sagen die, "zu einem Zeitpunkt, wo diese Ausrüstung wirklich zu Buche schlagen wird in dem Land"? Damit meinen die doch hoffentlich, dass im Jahr 2013 die griechische Polizei so aufgestellt sein wird, dass das auch garantiert, ähm, zu Buche schlägt? Ja? Sicher?

Okay. Griechenland ist gebucht. Nix wie hin.

Freitag, 24. Mai 2013

Gehen Sie ins Gefängnis


Begeben Sie sich direkt dorthin.
Gehen Sie nicht über Los.
Glauben Sie ja nicht, von uns kriegen Sie was zu essen.

Systemrelevant müsste man sein! Heißa, wäre das ein Lotterleben!
Auf Rosen gebettet, mit Samthandschuhen angefasst, stets hofiert wie ein rohes Ei, mit öffentlichen Geldern ebenso beworfen wie mit richterlicher Milde und niemals jenen Härten ausgesetzt, die einen systemirrelevanten Normalsterblichen zermalmen können, wenn er sich mal daneben benommen hat.

Systemrelevant heißt auf Englisch bekanntlich Too big to fail, also
zu groß zum Scheitern, genauer: zu groß um bankrott zu gehen, und bezieht sich auf global operierende Finanzinstitute, die allen möglichen betrügerischen Scheiß bauen, kriminelle Geschäfte im großen Stil betreiben, sich beim Zocken gewaltig überheben, ganze Volkswirtschaften (vulgo: Menschenleben) ruinieren und eben deshalb keinesfalls bankrott gehen dürfen, denn ein Bankrott, so heißt es gebetsmühlenhaft, zöge immensen Kollateralschaden nach sich und würde - na? - genau, ganze Volkswirtschaften ruinieren.

In aller Regel zieht der Blankofreibrief Too big to fail den nicht minder ein Lotterleben versprechenden Persilschein Too big to jail nach sich, also zu groß zum Einbuchten, genauer: zu groß, um strafrechtlich verfolgt werden, und bezieht sich auf besagte verbrecherische Organisationen, deren straffällig gewordene Akteure niemals einen Knast von innen sehen werden; auch davor schützt sie ihre Systemrelevanz. Und zwar mit genau derselben Begründung: Das Verknacken von systemrelevanten Investmentbankern zöge immense Kollateralschäden nach sich und könnte ganze Volkswirtschaften ruinieren.

Woraus wir erstens lernen: Egal, ob ein systemrelevanter Banker verknackt wird oder nicht - seine verbrecherische Organisation wird ganze Volkswirtschaften ruinieren, so oder so. Und zweitens: Offenbar gehört das Ruinieren ganzer Volkswirtschaften zum Geschäftsmodell global operierender Finanzinstitute und kennzeichnet im engeren Sinne das, was unter Systemrelevanz verstanden wird.

Wo wir schon beim Reimen sind und zu fail sowie jail jeder systemirrelevante Normalsterbliche das Wort bail assoziiert: Die Logik der Systemrelevanz will es, dass all jene globalen Finanzplayer, die too big to fail und daher too big to jail sind, keineswegs als too big to bail gelten, im Gegenteil: Wer systemrelevant unterwegs ist, wird für den Scheiß, den er baut, vom Staat finanziell rausgehauen, kriegt also zur Belohnung fürs Ruinieren des Lebens anderer Leute ein Bail-out, kann somit lustig dem fail weiter frönen und dem jail entgehen, derweil der Staat die Kohle fürs bail seinen Bürgern aus der Tasche zieht, vorzugsweise denen, die eh keine Kohle in der Tasche haben, was ganz prima funktioniert über das drastische Kürzen von Sozialprogrammen, vorzugsweise denen, die eigentlich dazu gedacht waren, die Armen zu unterstützen, nun aber dringend zur Unterstützung von systemrelevanten Reichen gebraucht werden.

Potztausend, da geht noch was! Da kann noch mehr eingespart werden! Da gibt es doch dieses verschwenderische Sozialprogramm namens SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program), geschaffen, um unter der Armutsgrenze lebende Menschen mit food stamps (Lebensmittelmarken) zu unterstützen, damit sie nicht verhungern. Viel zu kostspielig, dieses Programm, hat ein amerikanischer Senat vorgestern herausgefunden - da können noch ein paar Daumenschrauben angezogen werden.

Im Visier der sparwütigen Schrauber: Menschen, die, irgendwann mal straffällig geworden (fail), rechtskräftig verurteilt in den Knast (jail) gesperrt wurden, eine jahrzehntelange Strafe abgesessen haben, längst aus der Haft entlassen wurden und es seither trotzdem nicht zum Millionär gebracht haben, vielmehr für sich und ihre Familien samt Kindern(!) auf Unterstützung (bail) angewiesen sind. Ha! Erst fail, dann jail, und dann wollen die auch noch bail? Nix da. Die gehören bestraft! Die sollen doch verhungern! Die kriegen ab sofort keine food stamps mehr! Und zwar lebenslänglich! Warum nicht? Weil, ja, eben darum, weil eben: Strafe muss sein. Findet der republikanische Senator von Louisiana. Ohne Widerrede abgenickt von seinen demokratischen Kollegen im Senat von Louisiana.

Weil, Strafe muss sein. Besonders für die Menschen, die ohnehin be- und gestraft, mithin von keinerlei Systemrelevanz sind, und das sind in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal überwiegend Afro-Amerikaner. Wozu sollten die durchgefüttert werden? Die sollen hungern! Weil, je mehr sie hungern, desto größer die Chance, dass sie irgendwann vor lauter Hunger und Armut erneut straffällig und zurück in den Knast gesperrt werden. Eigentlich hätte man sie ja gleich beim ersten Mal drin lassen können. Und zwar lebenslänglich. Auch da geht bestimmt noch was.

Erfreut über die aktuelle Sozialgesetzanpassung unter dem aparten Namen "amendment" (=Nachbesserung) dürfte sich vor allem die prosperierende amerikanische Gefängnisindustrie zeigen -
"Die private Untervertragnahme von Gefangenen zur Lohnarbeit schafft finanzielle Anreize, Menschen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Gefängnisse sind auf diese Einkommensquelle angewiesen. Großaktionäre, die an Gefangenenarbeit Geld verdienen, betreiben Lobbying für längere Haftstrafen, um ihre (billigen) Arbeitskräfte zu vermehren. Dieses System ernährt sich selbst", so eine Studie der Progressive Labor Party, die die Gefängnisindustrie beschuldigt, "eine Kopie von Nazideutschland zu sein hinsichtlich Zwangssklavenarbeit und Konzentrationslagern."
- aber nicht nur die:
Der Gefängnisindstrie-Komplex ist eine der am schnellsten wachsenden Industriebranchen der Vereinigten Staaten, und ihre Investoren sind in der Wall Street beheimatet. 
Mit anderen Worten:

Just fail.
Go to jail.
We take the bail.

Dienstag, 21. Mai 2013

Wohin mit dem ganzen Müll?


Allmählich bahnen sich Lösungen an.

Saubere, endgültige Lösungen mit einem für alle klar verständlichen, eindeutigen Schlusstrich: Lösungen, die radikal Schluss machen mit den lästigen Problemen von Armut, Alter, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit. Endlösungen eben.

Die magische Formel heißt: Macht sie alle zu Kriminellen!

Wie das gehen soll? Ganz einfach: durch neue Gesetze. Radikale Lösungen erfordern nun mal radikale Gesetzesentwürfe, und sind die erst mal in Papier gegossen, lösen sich die lästigen Probleme wie von selbst.

Der neueste Hit zur großflächigen Verbrechensbekämpfung - hier: Verfolgung antisozialer Kleinkrimineller - nennt sich Anti-Social Behaviour, Crime and Policing Bill, kommt aus Großbritannien und reißt die strafrechtliche Deutungshoheit an sich über alles, was im öffentlichen Raum so kreucht, fleucht, flucht, krakeelt und herumlungert. Vorzugsweise im Visier: auf der Straße abhängende, meist arbeitslose Jugendliche. Ganz besonders auf dem Kieker:
auf der Straße lebende, da obdachlose Menschen.

Dass es sich dabei um nichts als antisoziales Pack handelt, war eh schon die ganze Zeit klar, aber nun kann endlich juristisch reiner Tisch und die sozial auffällige Zielgruppe unschädlich gemacht werden, denn von nun an gilt per Strafgesetz die Gleichung: antisozial = kriminell. Verhaften, abführen, einbuchten, fertig. Problem gelöst. Hauptsache weg. Am besten mithilfe nächtlicher Polizeistreifen sowie geeigneter Einsatzfahrzeuge - ich stelle mir PS-starke, schußsichere Kombis vor mit großen, geräumigen fensterlosen Anhängern, so ähnlich wie die Dinger, die man von Vieh-Massentransporten kennt. Na gut, nicht bloß von Vieh-Massentransporten.

Ein großes Fassungsvermögen müssen diese Transportanhänger schon deshalb haben, weil ja die Kriminalitätsrate stetig steigt, weil ja immer mehr Menschen auf der Straße leben, weil ja immer mehr obdachlos werden, weil ja immer mehr sich die Wohnungsmieten nicht mehr leisten können, weil ja immer mehr - infolge bedroom tax und gekürzten Sozialbudgets - immer weniger Geld verfügbar und außerdem immer weniger einen Job haben. Logisch, oder? Also her mit den Viehkarren.

Wer das unlogisch findet, hat sich mit der Logik der britischen Regierung noch nicht hinlänglich vertraut gemacht. Deren Logik geht so: Im ersten Schritt schaffen wir Obdachlosigkeit, im zweiten kriminalisieren wir sie. Oder, etwas langsamer zum Mitschreiben: Im ersten Schritt besteuern wir eure Wohnungen, vertreiben euch - zweitens - so aus euren Wohnungen, zwingen euch - drittens - auf die Straße, stellen ferner - viertens - sicher, dass es keine Jobs gibt, ziehen - fünftens - ein neues Gesetz aus der Tasche, mithilfe dessen wir Obdachlosigkeit als antisozial und - siebtens - infolgedessen als illegal definieren.

Ach so, fast vergessen: Wir erklären - achtens - , das neue Endlösungsgesetz diene ausschließlich dem Schutz und der Sicherheit der Bevölkerung - also, der restlichen, noch verbliebenen, naturgemäß immer kleiner werdenden Bevölkerung, die sich aus lauter Angst vor Kriminalisierung schon nicht mehr auf die öffentlichen Plätze traut - und haben schließlich das, was uns schon immer vorschwebte: einen sauberen, sicheren, menschenleeren öffentlichen Raum. Können wir jetzt bitte endlich die erforderlichen Einsatzfahrzeuge für den Massenabtransport bestellen? Wo? Na dort, wo wir kürzlich - Stichwort: sauberer, menschenleerer öffentlicher Raum - auch diese hypermodernen Wasserwerfer bestellt und geliefert bekommen haben. Weil, dort haben sie das Knowhow, ehrlich, die wissen aus Erfahrung, wie's geht.

Wobei, muss man sagen, (im Vergleich mit den britischen) die amerikanischen Behörden mit der Kriminalisierung ihrer Obdachlosen wesentlich geschmeidiger verfahren, oder sagen wir mal: pragmatischer. The culture of the Wild West, you know. Die brauchen nicht groß irgendwelche neuen Gesetze und darum auch keine Viehkarren. Die verfrachten kurzerhand die obdachlosen Menschen von Detroit in ihre Streifenfahrzeuge, fahren sie bis weit über die Stadtgrenze, setzen sie dort aus, knöpfen ihnen sicherheitshalber vorher das eventuell vorhandene Kleingeld ab - könnten sich ja sonst in den Bus setzen und zurück in die City fahren -, haben einen Riesenspass dabei und nennen das ganze Transportunternehmen
"We take them for a ride", auf deutsch: Wir machen mit ihnen eine Spazierfahrt. So eine Gaudi! Ach ja, übrigens gibt es für We take them for a ride noch eine Slangübersetzung, die lautet: Wir verarschen sie nach Strich und Faden. Selten so gelacht auf nächtlichen Streifen in Detroit.



Okay. Das mit der Kriminalisierung der Obdachlosen wäre gebongt. Das mit dem Abtransport auch. Bis die Arbeitslosen ebenfalls per Gesetz zu Verbrechern abgestempelt und abtransportiert werden, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Weil, wenn das Gesamtkonzept erst mal greift - da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf!

Ich sage nur: Lager für die Armen und Obdachlosen, schön mit Stacheldraht und Hochspannungszaun, man muss es ja nicht KZ nennen, da fällt uns zu Tarnzwecken schon was Griffigeres ein, wie wär's mit, ähm, Sonderwohnbezirken? Asylstätten? Schutzräumen? Herbergsunterkünften? Oder vielleicht Ghettos? Na ja, Ghettos, vielleicht ein bisschen belastet der Begriff, dann doch eher so was wie Umerziehungsunterkunft. Oder Zwischeninternierung. Oder Sammellager. Oder ganz einfach: Durchgangslager! Das rockt! Durchgangslager dienen ja bekanntlich dem Zusammenstellen von Transporten von ca. 1.000 (über die Richtwerte hat man sich noch nicht geeinigt) Gefangenen. Transport wohin? Ist doch egal, Mensch, Hauptsache weg, aus den Augen, aus dem Sinn, maßgeblich sind die Vernichtungskapazitäten im Endlager, oops!, das ist uns jetzt so rausgerutscht, wollten wir eigentlich nicht so drastisch formulieren, aber gut.

Wenn da nur nicht das leidige Problem mit den Kosten wäre! Weil, so eine komfortable nationale Beherbergungsstättenkultur, die stampft man ja auch nicht von heute auf morgen aus dem Boden, das dauert seine Zeit, und dann die Kosten! Die Kosten, die so eine Infrastruktur verursacht! Jenes Land mit den hypermodernen Wasserwerfern hat es da besser, weil, also, die Infrastruktur ist ja dort vorhanden, im Prinzip jedenfalls. Gut, gegenwärtig haben die ihre ollen Lager zu Museen umdesigned, zumindest vorübergehend, aber da geht noch was, ohne Frage, denn immerhin, das ganze Schienennetz und die Straßen, alles vorhanden bei denen, also, das hat schon was.

Wie gesagt: Wir bleiben dran. Wir arbeiten konsequent an Entsorgungskonzepten für menschlichen Müll. Insbesondere denjenigen, den wir selbst produziert haben. Und sollte das mit den Lagern zu teuer kommen, bleiben uns immer noch alternative, sprich: effizientere Optionen.

Weil, vom Wasserwerferland lernen heißt siegen lernen.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Problemgruppe auf Rädern


Problemgruppen heißen so, weil sie Probleme machen. Wer Probleme macht, macht sich nicht besonders beliebt und gehört deshalb bestraft. Nachdem hoffnungsvolle Ansätze der Problemlösung - etwa Umerziehung mit starken Strafreizen - bereits existieren für die Problemgruppe arme Kinder, oder Kinder armer Eltern, wird es Zeit, sich einer weiteren Problemgruppe zuzuwenden.

Da wäre beispielsweise die Problemgruppe alte Menschen. Gelten alte Menschen per se als Problemgruppe? Na ja, potentiell schon, spätestens seit sich das Mantra Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen auf breiter Ebene konsensual durchgesetzt hat und alte Menschen nun mal irgendwann zum Arbeiten zu alt und darum nur noch ökonomisch nutzlose Fresser sind. Okay, okay, wollen wir mal nicht so sein, schränken wir das Problemgruppenpotential wohlwollend ein und sagen: Solange alte Menschen imstande sind, ihr Essen aus eigener Kraft zu finanzieren und zuzubereiten, drücken wir ein Auge zu. Weil, die fallen ja niemandem groß zur Last, trotz verminderter ökonomischer Nutzenstiftung, sind also allenfalls als Problemgruppe zweiter Ordnung anzusehen.

Dagegen verursacht die Problemgruppe arme alte Menschen Probleme ungeahnten Ausmaßes. Die wollen essen und nichts dafür tun! Genau wie ihre Problemkollegen am anderen Ende der demographischen Skala, nur dass die armen Kinder viel leichter in den Zwangsgriff zu bekommen sind als die armen Alten. Ein echtes Problem. Wie soll man arme alte Leute bestrafen? Geht ja irgendwie nicht, weil, wie sieht das denn aus. Ein Aufschrei der rührseligen Öffentlichkeit wäre womöglich die Folge. Also, lieber nicht bestrafen. Andererseits, es muss etwas geschehen. Denn so kann es nicht weitergehen. Schließlich ist die Problemgruppe arme alte Menschen explosionsartig am Wachsen und im Begriff, unserer tüchtigen Leistungsgesellschaft die letzten Haare vom Kopf zu fressen.

Nun hat der amerikanische Kongress eine geniale Problemlösungsstrategie aus der Tasche gezogen und auch gleich ganz schnell verabschiedet. Auf die Frage: Wie lässt sich ein Problem lösen? hat er die einzig durchschlagende Antwort gefunden: indem das Problem abgeschafft wird. Mit anderen Worten: indem die Problemgruppenangehörigen abgeschafft werden. Im Falle der problematischen armen alten Menschen geht das ganz einfach und noch dazu schön unauffällig, sodass keiner etwas mitkriegt und sich niemand echauffieren muss über drakonische Sparmaßnahmen, die wie üblich die Falschen treffen:  Man will die armen alten Menschen einfach aushungern.

Dazu wird zweckmäßigerweise der Hebel an Sozialprogrammen angesetzt. Essen auf Rädern? Viel zu teuer. Was hocken die auch alle zuhause herum - arm, alt, gebrechlich, gehbehindert - und warten gierig auf warme Mahlzeiten, Lieferung frei Haus, ohne die geringste Gegenleistung? Das kann so nicht weitergehen. Rabiates Kürzen der Zuschüsse ist das Mittel der Wahl. Im Einzelfall werden dann halt - statt bislang 1.500 - pro Tag 200 Mahlzeiten weniger ausgeliefert. Und ab 1. Mai die Zahl der Bedürftigen mit Anspruch auf Essenslieferung "eingefroren". Hungry, anybody? Pech gehabt. Dumm gelaufen.
Für euch. Wir müssen sparen, you know. An euch, you know.

Drum setzen wir euch alte, arme, nutzlose Fresser jetzt hübsch auf strenge Diät. Alles weitere erledigt sich von selbst. Passiert ja alles hinter verschlossenen Türen. Bei euch zuhause. Statt euch das Essen auf Rädern in die Wohnung reinzurollen, rollen wir euch in Kürze auf Rädern aus eurer Wohnung raus. Mit den Füßen voraus, wie man so schön sagt. Ist ja ganz normal, dass alte Menschen irgendwann mal sterben. Denkt sich keiner was dabei.

Außer uns: geschafft, wieder eine Problemgruppe weniger.


Montag, 6. Mai 2013

Von nichts kommt nichts



Nur wer arbeitet, soll auch essen. Nichts Neues aus dem satten Mund ehemaliger deutscher Arbeiterparteien. Nutzlose Schnorrer durchzufüttern kann (will) sich dieses System nicht leisten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sonst kommt die Jugend noch auf dumme Gedanken, wenn die Eltern ungestraft auf der faulen Haut liegen.

Neu ist, dass die martialische Moralpauke den Heranwachsenden bereits im frühen Kindesalter eingebleut werden soll. Aufgepasst, Kinder: There is no free lunch (deutsch: Nichts gibt es für umsonst). Oder habt ihr etwa gedacht, wir füttern euch mit kostenlosem Schulessen durch, bloß weil eure nutzlosen armen Eltern kein Geld haben, um euch die hungrigen Mäuler zu stopfen? Nope, könnt ihr euch abschminken, because, you know, there is no free lunch, schließlich geht ihr in die Schule, um dort fürs Leben zu lernen.
"Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir die Kinder für ihr Mittagessen arbeiten lassen: den Müll raustragen, die Treppenhäuser schrubben, den Rasen mähen - bringt ihnen bei, es (das Schulessen) sich zu verdienen. Wenn sie kein Mittagessen kriegen, werden sie in jener Nachmittagsklasse eben nicht lernen zu rechnen, sie werden nicht lernen, wie man einen Satz richtig aufbaut, sondern sie werden eine viel wichtigere Lektion lernen."
- nämlich die Lektion, dass das Versorgtwerden mit "free lunches" die "Arbeitsmoral" der Kinder verderbe und ihnen suggeriere, man "könne auf die leichte Tour" durchs Leben kommen; Zucht und Ordnung halt, kennt man ja.


Sowie - ganz wichtig - die systemerhaltende Lektion: Wer arm zur Schule geht, kommt auch arm wieder aus ihr heraus, denn das Kind armer Eltern hat frühzeitig gelernt, dass die Berufsbilder Hausmeister oder Putzfrau ihm auf den Leib geschneidert, hingegen Fähigkeiten wie Rechnen oder Schreiben für seinen Lebensweg entbehrlich sind.


Überdies lernt das Kind fast spielerisch die harte Lektion des Verdrängungswettbewerbes und der Ellbogenmentalität, denn irgendjemandem nimmt das schuftende Kind ja den bezahlten Job weg - und sei es den eigenen Eltern, die bislang als Hausmeister oder Putzfrau das wenige Geld verdient haben, von welchem sie ihren Kindern nicht genug zu essen finanzieren konnten. So bleibt quasi alles in der Familie.


Seinen Ordnungsruf wollte der republikanische Abgeordnete keinesfalls als "Bestrafungs-", vielmehr als "Erziehungsmaßnahme" verstanden wissen. Sollten die schlechterzogenen, verwöhnten und verweichlichten Kinder armer Eltern auf die innovative Erziehungsmaßnahme nicht anspringen, bleibt ihnen immer noch der Lebensweg in ein - sicherlich bald wieder in Mode kommendes - Arbeitshaus offen, wo von Armut betroffene Menschen aufgenommen und damit aus der Öffentlichkeit entfernt werden.

Die Umwandlung herumziehender Bettler in wirtschaftlich verwendbare Untertanen sollte durch Methoden der Arbeitserziehung erreicht werden.
Hat der republikanische Abgeordnete so nicht gesagt.
Aber mit Sicherheit gedacht.


Montag, 1. April 2013

Früchte des Zorns


Schauplatz:
Augusta im amerikanischen Bundesstaat Georgia.

Offizielle Armutsquote in Augusta:
31,6 Prozent

Anteil der Bevölkerung, die mit weniger als 50 Prozent des als offizielle Armutsgrenze geltenden Einkommens leben:
11,8 Prozent

Kinderarmut in Augusta:
45 Prozent

Letzte Woche ging in Augusta ein Supermarkt bankrott. Die Nachricht von der Zwangsräumung des Lebensmittelgeschäftes verbreitete sich schnell in den verarmten Nachbarschaftsvierteln; und so strömten am vergangenen Dienstag rund 300 Bewohner Augustas, die meisten mit leeren Plastiktüten in den Händen, zu dem Geschäft - in der Hoffnung, dass die Lebensmittelrestbestände unbürokratisch und gratis an Bedürftige verteilt und damit (aus der Sicht des Betreibers) kostenlos "entsorgt"würden. Sie wurden in ihrer Hoffnung enttäuscht.

Zwar hätten, nach dem Willen des ehemaligen (jetzt bankrotten) Pächters, die verbliebenen Lebensmittel an die Bevölkerung gespendet werden sollen. Jedoch meldete der Eigentümer der Liegenschaft - eine Bank mit dem klangvollen Namen Sun Trust Bank - als Folge des Räumungstitels Besitzanspruch auf die Lebensmittelbestände an und verfügte deren umgehende Vernichtung. Dies geschah vor den ungläubigen Augen der mit leeren Plastiktüten wartenden Menschen: Unter Polizeischutz wurden sämtliche - sowohl frische als auch konservierte - Lebensmittel auf große Abfallcontainer geworfen und abtransportiert Richtung Müll- beziehungsweise Vernichtungsanlage.

Als Begründung für die gezielte Vernichtung der Lebensmittel gab der zuständige Einsatzleiter der Polizei an, erstens, auf Anordnung des Immobilieneigentümers, zweitens, im Namen von Gesetz, Recht und Ordnung gehandelt und, drittens, angesichts der hungrig dreinschauenden Menschenmassen
"... ein extrem hohes Potential für einen Volksaufstand (riot)"
erkannt zu haben, für dessen Verhütung eine im großen Stil angelegte Lebensmittelvernichtung als das Mittel der Wahl erkannt worden sei.

Das Wort hat Adam Kokesh, dem allerdings die Worte fehlen:



Mir fehlen sie auch.

Das letzte Wort hat John Steinbeck:
Lebensmittel wegzuwerfen vor den Augen hungernder Familien ruft die Worte John Steinbecks in Erinnerung, der eine ähnliche Szene in Früchte des Zorns (1939) beschrieben hat:
"Es gibt Verbrechen hier, die nicht zu schildern sind. Es gibt hier Leid, das Tränen selbst nicht sprechen lassen können. Es gibt hier Misserfolg, der all unsere Bemühungen zunichte macht. Die fruchtbare Erde, die geraden Baumreihen, die starken Stämme und die reife Frucht. Und Kinder müssen sterben, weil die Orange ihren Profit nicht verlieren darf. Und die Leichenbeschauer müssen in den Totenschein schreiben - 'starb an Unterernährung' -, weil Nahrungsmittel verrotten müssen, weil sie zum Verrotten gezwungen werden. Die Leute kommen mit Netzen, um die Kartoffeln aus dem Fluss zu fischen, aber die Wächter verbieten es ihnen ... und sie stehen still und sehen zu, wie die Kartoffeln vorbeischwimmen ... sehen die Orangenberge zu einem Fäulnisbrei zusammensinken, und in den Augen der Menschen liegt ein Scheitern; und in den Augen der Hungernden steht ein wachsender Zorn. In den Herzen der Menschen wachsen die Früchte des Zorns und werden schwer, schwer und reif zur Ernte."

Samstag, 9. März 2013

Ölperlen vor die armen Säue


Vermutlich hat sich inzwischen - dank des konzertierten Engagements der westlichen Presse - herumgesprochen, dass es sich bei Hugo Chávez zu Lebzeiten um eine höchst verwerfliche politische Persönlichkeit gehandelt hat, um eine perfide Mischung aus populistischem Clown, bäuerlichem Großmaul und diktatorischem Monster, der es verdient, weit über seinen Tod hinaus als das wirklich Allerletzte, nämlich als der Leibhaftige schlechthin, zumindest aber als der Stalin von Lateinamerika dämonisiert zu werden.

Haben das jetzt alle? Gut.

Dann kann nun endlich reiner Tisch gemacht und ein Strich unter die Bilanz aus angeblichen Verdiensten und tatsächlichem Scheitern des GröLaRaZ (Größter Latino-Rattenfänger aller Zeiten) gezogen werden:
Chávez investierte Venezuelas Ölreichtum in soziale Programme wie staatlich betriebene Lebensmittelmärkte, Geldleistungen an arme Familien, kostenlose Gesundheitskliniken und Bildungsprogramme
Verdienste, Errungenschaften, Erfolge? Pfft, alles peanuts.
Jedoch handelt es sich um magere Verdienste, verglichen mit den spektakulären Bauprojekten, die der Ölreichtum in den glitzernden Städten des Mittleren Ostens vorangetrieben hat, einschließlich dem höchsten Gebäude der Welt in Dubai und geplanten Niederlassungen des Louvre und des Guggenheim Museums in Abu Dhabi.
Tja. Ist halt alles eine Frage von Prioritäten. Hat dieser liederliche Chávez doch tatsächlich die ganze Ölknete seines Landes verballert in: Gesundheit! Nahrung!! Bildung!!! Anstatt seinem Volk einen glitzernden Wolkenkratzer vor die Haustür zu bauen! Auf dass es, das Volk, jeden Tag aufs neue von seinem zufriedenen Stoßseufzer "Wir haben den Längsten", pardon, "den Höchsten!" pappsatt werde! Hat er aber nicht gemacht, dieser Latino-Lump mit der lausigen Bilanz.
Hat einfach das Armutsniveau drastisch nach unten gesenkt statt einen mit Erdöl viagratisierten Glitzerphallus in die Höhe zu ziehen.

Ein veritables Monster, dieser Chávez. Wir haben es gewusst.
Wollten es hiermit nur noch mal gesagt haben.

Donnerstag, 7. März 2013

Mambo Requiem


Das staatliche venezolanische Jugendorchester Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar unter der Leitung des Dirigenten Gustavo Dudamel spielt Mambo von Leonard Bernstein.

Hinreißend:



Dudamel erhielt seine musikalische Ausbildung bereits als Jugendlicher im Sistema de Orquestas Juveniles de Venezuela - kurz El Sistema genannt - , einem staatlichen Trainingsprogramm für junge Musiker in Venezuela. Mit 18 Jahren wurde er 1999 Chefdirigent des venezolanischen Jugendorchesters; inzwischen ist Dudamel auch der musikalische Direktor von El Sistema.

Das Selbstverständnis von El Sistema steht in Einklang mit der Sozialpolitik des verstorbenen Hugo Chávez, die arme Bevölkerung Venezuelas sowohl mit Fördermitteln als auch mit Förderungsmaßnahmen - in diesem Fall: frühzeitige
musikalische Förderung - zu unterstützen:
"Die Regierung sieht dies nicht als Kostenfaktor, sondern als eine der Strategien zur Überwindung von Armut."
Hugo Chávez
Mambo!

Freitag, 15. Februar 2013

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser


Uff, geschafft! Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland hat die 60-Prozentmarke geknackt. Mit rekordverdächtigen 61,7 Prozent! Aber da geht bestimmt noch was:
... angesichts der nachhaltigen Rezession, die laut den vorläufigen Daten der ELSTAT das griechische BIP im letzten Quartal 2012 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum 2011 um weitere 6 % schrumpfen ließ, kann dieser neue Höchststand der Arbeitslosigkeit jedoch keinesfalls als das "Ende der Fahnenstange" bezeichnet werden.
Doch, da geht noch was. Wäre ja gelacht. Mindestens 38,2 Prozent gehen da noch. "Wir" sind nämlich auf einem guten Weg. "Wir" sind Leute vom Schlage eines Olli Rehn, Vizepräsident der Europäischen Kommission. Der Mann mit dem putzigen Vornamen lehnte eine Neuverhandlung der griechischen Austeritäts-Zwangsjacke ab, nachdem der Zwangsjackenspzialist IMF offiziell eingestanden hatte, die verordnete Zwangsjacke falsch kalkuliert, weil mit den falschen fiskalischen Multiplikatoren berechnet zu haben.


Neuverhandlungen, nur weil der IMF mit seinem Rechenschieber ins fiskalische Klo gegriffen und ein Land, eine Gesellschaft, eine Bevölkerung in den Abgrund getrieben hat? Wäre ja gelacht, kann Olli Rehn dazu nur sagen. Weil, so ein popliger Rechenfehler kann schließlich jedem mal unterlaufen, das muss doch nicht gleich auf die Goldwaage gelegt werden, nicht wahr?

Rechenfehler? Yanis Varoufakis sieht das anders. Der griechische Ökonom - sonst ein Musterbeispiel an Diplomatie und höflichem Umgangston selbst auf kontroversem Volkswirte-Parkett - verlor die Contenance und fuhr bemerkenswert aus der Haut:
"Dieser Fehler wurde vorsätzlich begangen. Das war kein buchhaltungstechnischer Irrtum des IMF, das war eine politische Entscheidung. Sie haben die Ökonomen gezwungen zu lügen. Dieser unbedarfte, feige Unterknecht will den Irrtum nicht eingestehen, denn andernfalls wäre ein sofortiger riesiger Schuldenschnitt in Griechenland fällig."
Unterknecht ("understrapper"), starker Tobak, wie ist das gemeint?
So ist das gemeint:
"Als ein drittklassiger Unterknecht nimmt er (Rehn) seine Befehle entgegen und ist verpflichtet, den Fehler des IMF zu leugnen. Und er leugnet ihn."
Zum Leugnen gehört zu behaupten, dass "wir" auf einem guten Weg seien. Also, die Griechen. Na ja, so ein Wort wie "die Griechen" würde ein hartgesottener Unterknecht niemals in den Mund nehmen; denn seit wann spielen in den Berechnungen eines Unterknechtes solche Faktoren wie "die Menschen" eine Rolle?


Olli Rehn zieht den inflationären Gebrauch des Begriffes "Vertrauen" vor und wird dafür von Leonidas Chrysanthopoulos aufgespießt und mit deutlichen Worten auf den Grill gelegt.

In einem offenen Brief an den Unterknecht, hm, Vizepräsidenten der Europäischen Kommission geißelt Chrysanthopoulos diesen wegen seines konsequent menschen-vernachlässigenden Brüsseler Technokraten-Kauderwelsch:
"In Ihrem Brief an die ECOFIN erwähnen sie häufig das Wort Vertrauen, Rückkehr des Vertrauens, Aushöhlung des Vertrauens, Unterstützung von Vertrauen etc. Ja, aber wessen Vertrauen? Die EU hat das Vertrauen der Menschen verloren. Das Vertrauen der Märkte bleibt erhalten? Kein einziges Mal wird das Wort "Menschen" erwähnt. Alles, was Sie erwähnen, sind prozentuale Anteile am Bruttoinlandsprodukt, aber wir sind keine prozentualen Anteile am Bruttoinlandsprodukt, wir sind Menschen."
Mit "Menschen", von Mitmenschen ganz zu schweigen, stehen Unterknechte professionell auf dem Kriegsfuß.


Die griechische Unterknechts-Regierung macht dies fast täglich aufs neue unmissverständlich klar. Ihr neuester Coup:
Zensur in Griechenland: Die "verbotene" Nachricht
Seit einigen Tagen ist es in Griechenland gegen Androhung von Strafe verboten, im Fernsehen Bilder von verwahrlosten Bürgern zu zeigen. Der Medienaufsicht gemäß sollen es die Sender unterlassen, die Krisenfolgen anhand personifizierter Beispiele zu präsentieren. Dass dadurch für Medienkonsumenten ein real nicht existierendes Paralleluniversum, in dem lediglich die Parolen der Regierung vom angeblich nahenden Wirtschaftswachstum geschaffen wird, scheint dem Rundfunkrat nicht nur egal zu sein, sondern das dürfte eher beabsichtigt sein.
Aus den Augen, aus dem Sinn. Über das explosionsartig grassierende menschliche Elend im öffentlichen Raum Griechenlands wurde ein Bilderverbot verhängt - eine, in der typischen Denke eines Unterknechtes, vermutlich "vertrauens"bildende Maßnahme. Der griechische Fotograf, von dem die hier gezeigten Bilder menschlichen Elends stammen, möchte lieber namentlich nicht genannt werden, "aus Angst, dass ihm etwas passieren könnte". So viel Vertrauen war selten.


Sonntag, 3. Februar 2013

Schlafzimmerblick


Andere Länder, andere Maßnahmen, gleiche Stoßrichtung:

Schrittweise Entsorgung der armen, arbeitslosen, kranken, behinderten oder sonstwie der Gesellschaft zur Last fallenden, daher nutzlosen und eben drum überflüssigen Menschen, die zwar im offiziellen Sprachgebrauch (noch) als Menschen bezeichnet, jedoch immer unverfrorener als Untermenschen gedacht und behandelt werden.

Ihnen allen hängt derselbe Makel an: Sie kosten Geld und nehmen Platz weg. Sie nehmen viel zu viel Platz weg zum Leben. Deshalb muss ihnen der Platz weggenommen werden. Räumen sie den Platz nicht freiwillig, wird ihnen halt Geld weggenommen, weil, dann können sie sich den Platz nicht mehr leisten und hauen von allein ab, und dann ist man sie endlich los, vorerst jedenfalls.

Schauplatz Großbritannien, Tatort Schlafzimmer:

Neuester Schrei der austeritätsbesoffenen konservativen Regierung:
die sogenannte "Schlafzimmer-Steuer" (bedroom-tax). Eine Schlafzimmer-Steuer! Klingt fast pikant und ein wenig oh là là; ist aber nichts weiter als ein schnödes antisozialpolitisches Instrument, das die oben genannte Zielgruppe im Visier hat, um diese zu immer enger zusammengepferchtem Wohnen zu zwingen, zu immer weniger privatem Rückzugsraum, zu immer mehr zwischenmenschlichen Kompromissen, zu immer mehr Schlafstörungen und immer mehr Alpträumen. Genau das ist der Stoff, aus dem die Schlafzimmer-Steuer gemacht ist.

Kurz gesagt: Wer in seiner Wohnung - sie möge noch so bescheiden sein - ein Zimmer hat, von dem die Regierung der Meinung ist, es werde nicht benötigt, der wird künftig (ab April 2013) um mindestens 650 Pfund (750 Euro) seines jährlichen Wohngeldzuschusses erleichtert, sprich: bestraft werden. Wer sich das nicht leisten kann, bitte, der kann ja sein demokratisches Recht wahrnehmen und woanders hinziehen.

Wer also - nur als Beispiel - von dem überzogenen Anspruchsdenken befallen ist, zwei Schlafzimmer für zwei Kinder bereitzuhalten - ein Mädchen und ein Junge, beide unter zehn Jahre alt - dem wird von Amts wegen ein Schlafzimmer zu viel bescheinigt, will heißen: der wird mit einer Geldstrafe belegt werden. Sollte jemand so vermessen sein, ein Pflegekind in seine Familie aufzunehmen und diesem auch noch ein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung zu stellen: Geht nur bei Strafe, denn Pflegekinder zählen amtlicherseits nicht als Kinder und ein Schlafzimmer für ein Pflegekind schon gar nicht, obwohl der Nachweis eines eigenen Schlafzimmers zwingend ist, um amtlicherseits überhaupt ein Pflegekind aufnehmen zu dürfen. Lustig, oder?

Es geht noch lustiger. Wer als geschiedener Elternteil ein Schlafzimmer bereithält für sein Kind, das ihn ein paarmal die Woche besuchen kommt - vergiss es, ab April darf das Kind in der Badewanne oder auf dem Dachboden übernachten, weil es keinen Anspruch mehr auf ein Schlafzimmer haben wird. Gleiches gilt für den vielversprechenden Nachwuchs, der infolge Jobmangels bei der Armee Unterschlupf gefunden hat und nach Ablauf seiner Dienstzeit - sofern er sie überlebt - in sein altes Kinderzimmer zurückkehren will: gestrichen. Nur nicht sentimental werden, meint die Regierung, können wir uns in diesen harten Zeiten nicht leisten, oder halt nur der, der es sich leisten kann, sentimental zu sein; bei Geldstrafe, wie gesagt.

Alle anderen: umziehen, aber flott. Wohin? Keine Ahnung - kleine bezahlbare Wohnungen, auch Sozialwohnungen, sind Mangelware in Großbritannien. Ist aber nicht das Problem der Regierung. Hauptsache bestrafen und irgendwie wegschaffen, den ungewaschenen, nutzlosen Pöbel. Hauptsache weg.

Lebenspartner, die es vorziehen, in getrennten Schlafzimmern zu nächtigen? Wie bitte? Wo kommen wir da hin? Geht gar nicht. Strafe! Kranke Angehörige, die wegen Ansteckungsgefahr, Krankheitsbeschwerden, Atemnot eines eigenen Schlafzimmers bedürfen? Ha, alles Einbildung, alles verwöhntes Luxusdenken, Strafe. Gestresste pflegende Angehörige, die wenigstens nachts ein paar Ruhestunden brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen? Wie, in einem eigenen Schlafzimmer? Geht's noch? Let them eat cake and sleep on the sofa! Ein extra Schlafzimmer für ein behindertes Kind, einen behinderten Lebenspartner? So weit kommt's noch. Lachhaft. Gehört bestraft. Sofort. Spätestens ab April.

Amtlicherseits heißt die Schlafzimmersteuer übrigens 'under occupancy tax', auf deutsch: Unterbelegungsabgabe. Unterbelegt geht im vom Austeritätswahn befallenen Endkapitalismus überhaupt nicht. Unterbelegt ist ein unhaltbarer Zustand, der von nicht ausgeschöpften Kapazitäten kündet, so was hat es gar nicht gern, das marode System. Deshalb fragt das System sich ständig und systematisch, ob da nicht noch was geht? Vielleicht eine Sonderzahlung auf unterbelegte Containerbaracken? Oder auf leerstehende Viehställe?

Oder, noch besser, vielleicht eine Geldstrafe auf unterbelegte Hühnerbatterie-Käfige? Solche mit weniger als zehn Hennen pro Quadratmeter? Wo noch genügend Platz wäre für ... na ja, man wird doch mal laut denken dürfen. Weil, bei der bekannt kostenbewussten Denke von Hühnerbatterie-Käfighaltern, ich meine, die sind doch zu allem bereit, bloß nicht zur Zahlung einer Geldstrafe wegen Unterbelegung, insofern ... gut, kann man ja mal im Auge behalten.

Und wenn alle Stricke reißen und alle Kapazitäten ausgeschöpft sind, gibt es ja immer noch die Straße. Da geht noch was! In britischen Birmingham zum Beispiel, da steigt die Obdachlosenrate um 400 Prozent! Im Monat! Da sind noch Kapazitäten frei! Also bitte. Irgendwie wird sich das Problem schon lösen. Am Ende wird es so aussehen, als habe es sich von selbst gelöst. Ein paar kalte Winterperioden, und gut ist.



Donnerstag, 24. Januar 2013

Vermummungsgebot


Tja, dumm gelaufen. Irgendwie. Mitunter ist es halt kein Zuckerschlecken, Mitglied der herrschenden Klasse zu sein, jedenfalls nicht überall. Zum Beispiel in Athen. Dort darf sich derzeit keiner einbilden, er würde automatisch zum Sympthieträger beim gemeinen Volk, bloß weil er so gekleidet durch die Gegend rennt:

***
- denn es könnte sich ja um ein Exemplar jener zahlreichen Troika-Platzhirsche handeln, die durch die griechische Hauptstadt promenieren, um das Land Austerität und Mores zu lehren - im universal-bürokratischen Business-Habit. 

Und weil, erstens, diese Spezies sich beim Durchschnittsgriechen nicht allzu großer Beliebtheit erfreut und sich, zweitens, Bombenanschläge auf Troika-freundliche Institutionen in Athen häufen, musste dringend etwas getan werden - zum Schutze der gefährdeten Troika-Gehilfen. Also jener Antipathieträger, die sich herzlich wenig um den Schutz der Überlebensinteressen des durch Austeritätsreglementierung gefährdeten Durchschnittsgriechen scheren.

Neueste Anweisung von ganz oben (Hauptsitz Brüssel): Ab sofort wird Tarnkleidung angelegt! Ab sofort rennt keiner von euch mehr im verdachterregenden globalen Business-Outfit durch Athen! Ab sofort kehrt ihr eure missliebige Identität unter den Teppich und betreibt verdeckte Ermittlungen! 
Wie? So:
Tragt schäbige Klamotten, vermeidet teure Krawatten und Manschettenknöpfe. Sollten eure Haare auffällig getönt sein, tragt lieber Kappen oder Filzhüte.
Banggg! Was für ein herber Schlag gegen den Berufsstolz jener Euro-Handelsreisenden, die es bis zur mittleren Managementebene der oberen Klasse geschafft haben; jener Ebene, auf der bekanntlich Kleider Leute machen, der Designerschlips den erfolgreichen Status signalisiert und die blinkenden Manschettenknöpfe das aufgepumpte Ego liebkosen. 

Das soll jetzt alles eingemottet werden? Und das stromlinienförmige Ego - Gott erbarme sich seiner! - sich schäbig einkleiden auf gammeligen Flohmärkten und in ärmlichen Second-Hand-Läden? Filzhut auf die Fönfrisur? Schäbiger Schlabberlook als Täuschungsmanöver? Arme-Leute-Camouflage im Dienste der Austeritätsdiktates? 

Tja, dumm gelaufen, irgendwie. Harte Zeiten für harte Troika-Jungs. Da müsst ihr durch, und wenn euch die Steine reihenweise aus der Krone und die Manschettenknöpfe in die Gosse fallen. 

Ansonsten wünsche ich aus tiefstem solidarischem Herzen jedem verarmten Griechen in abgetragenen Klamotten, dass er künftig nicht unfreiwillig Opfer des Brüsseler Etikettenschwindels und mit einem Undercover-Troikaner verwechselt werden möge. Die bürgerkriegsähnlichen Folgen wären unabsehbar.


*** Bildquelle: 
Die sehr empfehlenswerte Website ECONOMY, "an exhibition project that aims to generate constructive public discussion on how the economy impacts upon life. It addresses issues that range from migration, labour, sexuality and the crisis of democracy to the quest for alternative futures."
via anticap

Freitag, 4. Januar 2013

Jenseits des Swimmingpools


Schatz, wie war dein Jahr?
Bombig, einfach bombig. Alles super gelaufen.
Wow. Wer kann das schon von sich behaupten, heutzutage?
Nicht jeder, wohl wahr. Weil, wenn das jeder von sich behaupten könnte, wäre unser Jahr ja nicht so bombig gelaufen.
Stimmt auch wieder. Von nichts kommt nichts.
Eben, eben. Irgendwoher müssen wir das ja nehmen, was wir haben.
Verstehe. Wie heißt es so schön: Woher nehmen, wenn nicht stehlen.
Ha ha, guter Witz. Wobei, wirklich stehlen tun wir ja nicht. Wir holen uns einfach nur, dort, wo es etwas zu holen gibt.
Wer ist denn "wir"?
Wir, das sind die hundert reichsten Leute auf der ganzen Welt, also die Leute, für die eigens der Bloomberg Billionaires Index geschaffen wurde.
Beeindruckend. Der Rest der Welt ist am Jammern, dass die Menschen immer ärmer werden, und ihr - habe ich das richtig verstanden? - seid 2012 im Gegenzug immer reicher geworden?
So ist es. Natürlich. Anders würde das ja gar nicht funktionieren. Nur so ist es uns gelungen, im Jahr 2012 unser Reinvermögen um zusätzlich 241 Milliarden Dollar anzuhäufen.
Dass ihr eure Zuwächse so ungeniert offenlegt - Respekt!
Warum auch nicht? Sollen wir uns etwa hinter unserem Angescheffelten verstecken? Uns gar dafür schämen? Wo wir doch so stolz darauf sind? Das muss der Rest der Welt doch wissen, dass wir vor Zaster kaum noch laufen können.
Daher die Redewendung "im Geld schwimmen".
Da ist was dran. Deshalb konnte es ja unser Frontpfeffersack kaum erwarten und hat direkt von seinem Swimmingpool aus - Bahamas, you know - die Jubelmeldung an Bloomberg gemailt - BlackBerry, you know - und die hieß: 
"Das vergangene Jahr war großartig für die Milliardäre dieser Welt."
Was macht ihr eigentlich so mit eurer Kohle, wenn ihr nicht grade drin schwimmt?
Na, investieren natürlich!
Investieren in was?
Na ja, sagen wir mal so: 2012 haben wir überwiegend "traditionelles Investment" betrieben.
Traditionelles Investment?
Ja, das bedeutet, 
"Die Schwervermögenden fokussierten auf Dinge, die sie kontrollieren konnten: auf ihren Lifestyle und ihre Bediensteten, auf das Management ihrer Kunstsammlungen und auf die Sicherheit - security, you know - ihrer Familien". 
Diese Art des Investments stößt natürlich irgendwann an seine Grenzen.
Logisch. Wer braucht schon bis an die Zähne bewaffnetes Security-Personal zur Bewachung seines Swimmingpools auf den Bahamas?
Eben, das ist ja, genau genommen, rausgeschmissenes Geld. Kommt ja letzten Endes nichts bei rüber. Und wir haben uns ja vorgenommen, in diesem Jahr noch reicher zu werden als im letzten.
Klingt aufregend. Darf man mehr erfahren?
Warum nicht? Wir machen ja kein Hehl draus. Bloomberg tat uns den Gefallen, eine maßgeschneiderte Schlagzeile zu liefern: 
"Milliardäre mit einem Reinvermögen von 1,9 Billionen wollen aus 2013 mehr Profite ziehen." 
Mit anderen Worten: 
"Wir sehen nach vorne und haben jetzt größeren Appetit auf Anlagechancen jenseits traditioneller Investments und auf gesteigertes globales Engagement".
Ah ja, Appetit auf Anlagechancen jenseits eures Swimmingpooles...
Und sonst, Schätzchen, wie läuft's bei euch so?
Wir haben uns vorgenommen, in diesem Jahr noch ärmer zu werden.
Passt schon.

Street Art by Banksy

Sonntag, 23. Dezember 2012

Vom Geben und Nehmen


Friede auf Erden, im Einzelhandel und den Satten ein Wohlgefallen.

Vor ein paar Tagen verhagelte der britische Fernsehsender BBC die allseits friedlich-besinnliche Weihnachtsstimmung mit einer besorgniserregenden Meldung: Laut Aussagen der Polizei schieße die Anzahl der Ladendiebstähle in die Höhe, weil immer mehr verarmte Menschen sich - "infolge des wirtschaftlichen Abschwunges in Großbritannien" - nicht anders zu helfen wüssten, um an Essbares zu gelangen.

Nachdem der Reporter von Müttern berichtet hatte, die beim Klauen von Babynahrung und Milchpulver erwischt wurden, fragte er zunächst einen Mann auf der Straße, ob er wirklich glaube, die Leute klauten "aus Verzweiflung" oder nicht vielleicht doch eher "aus Gier"? Sodann ließ er einen Vertreter des Einzelhandels zu Wort kommen, der beklagte, seine darbende Branche müsse jetzt Sicherheitsetiketten sogar auf solchen Produkten des täglichen Bedarfs anbringen, bei denen es völlig "unrentabel" sei, solche teuren elektronischen Anti-Diebstahl-Tags anzubringen.

Wer soll das bezahlen, fragte mit wachsender Besorgnis der Reporter und kam zu dem Schluss, der Ladendiebstahl - also die Ladendiebe - seien schuld an all den Preiserhöhungen, die von den Nichtladendieben bezahlt werden müssten. Und er ermahnte die Schuldigen, es gebe doch "eine Alternative" zu derart verantwortungslosem Handeln, nämlich die vielen wohltätigen Tafeln und "charity foodbanks", wo die verzweifelten Armen sich ihre gierigen Mäuler stopfen lassen könnten.

Weil, gerade an Weinachten solle keiner hungern müssen, und man müsse nur feste an den Weihnachtsmann glauben, dann werde alles gut und alle satt.

Dazu passen aktuelle Umfrageergebnisse, dass immer mehr verarmte Menschen glauben, beim Weihnachtsmann handele es sich in Wahrheit um einen dicken alten Kommunisten, der die frohe Botschaft verbreite, Reichtum gehöre angemessen verteilt, und wem davon nicht gegeben werde, der müsse sich halt, in Gottes Namen, nehmen.


Mittwoch, 14. November 2012

Ohne Grenzen


Rockaways, Queens (New York City)

Ärzte ohne Grenzen - wer denkt da nicht an Dritte-Welt-Länder? An wirtschaftlich unterentwickelte Staaten? An medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten? Wo war die nochmal, die sogenannte Dritte Welt? Richtig, in den industriell hoch entwickelten Industriestaaten der sogenannten Ersten Welt. Der hoch entwickelte Kapitalismus schafft es nämlich nicht mehr, in seinen eigenen Krisengebieten die humanitäre Nothilfe samt erforderlicher Koordination und Logistik bereit zu stellen. Vielleicht will er es auch gar nicht schaffen. Vielleicht scheren ihn humanitäre Notstände auf eigenem Boden noch weniger, als man bislang dachte. Jedenfalls fühlt er sich überfordert.
Im Gefolge des Hurrikans Sandy haben 'Ärzte ohne Grenzen' ihr erstes Krankenhaus in den Vereinigten Staaten errichtet. Eine Woche, nachdem Sandy über New York gestürmt war und Elektrizität und öffentlichen Nahverkehr lahmgelegt hatte, eröffneten 'Ärzte ohne Grenzen' befristete Notkliniken in den Rockaways - ein abgelegener Teil von (New Yorker Stadtteil) Queens am Atlantischen Ozean -, um sich um Bewohner von Hochhäusern zu kümmern, die immer noch ohne Strom und Heizung leben und von dem Sturm isoliert wurden.
Vom Sturm isoliert wurden? Seit der Sturm die Halbinsel verwüstet hatte, wurden die Bewohner Rockaways nicht vom Sturm, sondern von jeglicher Hilfe isoliert:
Die Situation in Far Rockaways ist entsetzlich und völlig außer Kontrolle. Ans Haus gebundene alte Menschen können ihre Wohnungen nicht verlassen, weil sie keine Treppen steigen können. Sie brauchen Medikamente und ärztliche Versorgung, zusätzlich zu Essen und Wasser. Aus einem der Gebäude wurde gestern ein Leichensack gezogen. Es gibt dort keine National Guard, kein Rotes Kreuz oder sonst irgendeine Organisation für Katastrophenhilfe.
- und wer es noch nicht erraten hat, der kann es sich - mithilfe seiner Desasterkapitalismus-gestählten Phantasie - fast denken: Bei den zuerst vom Sturm, dann von offizieller Hilfe isolierten Bewohnern von Rockaways handelt es sich überwiegend um arme, alte, gebrechliche oder kranke, jedenfalls hilfsbedürftige Menschen. Was soll's, um alles und alle kann er sich nun mal nicht kümmern, der hoch entwickelte Kapitalismus. Ärzte ohne Grenzen, übernehmen Sie.

Obwohl. Andererseits ist der Desasterkapitalismus US-amerikanischer Prägung um grenzwertige "einzigartige Lösungen" zur Behebung von katastrophenbedingten Notständen nicht verlegen. Allein in Staten Island (New York) haben über 5.200 Menschen infolge des Sturmes kein Dach mehr über dem Kopf. Nur rund zwei Dutzend von ihnen konnte bislang mit einer Notunterkunft geholfen werden. Wohin mit dem lästigen Rest?


Antwort: Ab in den Knast. Zu irgendeiner Zweitverwertung müssen stillgelegte Gefängnisse ja gut sein, im Kapitalismus, auch wenn diese heruntergekommen, "mit deaktivierter Infrastruktur", also ohne funktionierendes Abwassersystem und Heizung vor sich hin gammeln. Könnte sich um ein zukunftsweisendes Konzept zur "Lösung" des im hoch entwickelten Kapitalismus um sich greifenden Obdachlosenproblems handeln: endlich alle unter einem Dach. Schlecht versorgt, aber unter Kontrolle. Und, nötigenfalls, hinter Schloss und Riegel.

Was will man mehr? Musik, bitte:


Redman's Hurricane Sandy Relief Freestyle