Dienstag, 19. November 2013

Wir tun was


Wer gedacht hat, an der Qualitäts-Bullshit-Front wäre jetzt erst mal für eine Weile Ruh', der hat falsch gedacht. Hier kommt ein Stück ausgereiften Premium-Bullshits vom Allerfeinsten, frisch serviert von der amerikanischen Firma Walmart.

Zur Erinnerung: Das Unternehmen Walmart hat einen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar und machte im letzten Jahr 17 Milliarden Dollar Profit.

Und damit zum premiumverdächtigen Bullshit des Tages - der neueste Coup jenes Lebensmittelkonzerns, der bekannt dafür ist, seinen Angestellten weniger Lohn zu bezahlen als zum Überleben erforderlich ist:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel zu spenden. 
Eine Meldung, die das Bullshit-o-Meter bereits heftig ausschlagen lässt - weil, wieso schreitet der Lebensmittel-Handels-Milliardär nicht selbst zur Tat und spendet Lebensmittel? Er hat doch wohl genug? Sowohl Lebensmittel als auch Geld, um sich eine karitative Spendenaktion im großen Stil leisten zu können? Ist das nicht Grund genug, sich tierisch aufzuregen? Nö.

Und zwar deshalb, weil es, einerseits, zwar zunächst eine ärgerliche Meldung ist, andererseits als Meldung lediglich Bullshit mediokrer Qualität repräsentiert - wozu sich über Standard-Kuhmist aufregen? Wo wir doch beschlossen haben, uns nur noch über echten Premium-Bullshit aufzuregen? Also nur noch dann, wenn die Bullshit-Tachonadel im obersten Segment zittert? Voilà:
Walmart fordert seine Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Hey, da bebt die Tachonadel, da rockt die Kuhmist-Orgel in den höchsten Tönen! Können wir den Bullshit mal kurz rückübersetzen? Klar doch:
Walmart fordert seine unterbezahlten Mitarbeiter auf, Lebensmittel an andere, noch schlechter bezahlte Walmart-Mitarbeiter zu spenden.
Habe ich zu viel versprochen? Da lacht das Herz des high-end-Bullshit-Liebhabers! Wie, hat einer den Qualitätswitz nicht verstanden? Okay, zum Mitschreiben: Walmart, "America's real welfare queen" (wie übrigens auch McDonalds), bietet seit einiger Zeit eine firmeninterne telefonische Hotline an, wo die eigenen Mitarbeiter fachkundig beraten werden, wie sie einen Antrag auf food stamps (steuerfinanzierte Lebensmittelmarken für unter der Armutsgrenze lebende Menschen) zu stellen haben, um von ihrem Walmart-Hungerlohn nicht zu verhungern.

Und weil die Walmart-Mitarbeiter trotz food stamps und wegen Hungerlohns nicht satt werden, öffnet der Handelsgigant sein großes soziales Herz und ruft seine hungernden Mitarbeiter auf, ihren hungernden Kollegen mit einer Lebensmittelspende unter die abgemagerten Arme zu greifen. Imagekampagne, you know, à la 'Wir tun was für unsere notleidenden Mitarbeiter', also, um genau zu sein, nicht wir, nämlich der Walmart-Konzern, sondern die mittleren Walmart-Sklaven-Galeeren tun was für die armen Schlucker im untersten Sklavendeck.

Doch halt! Noch vibriert die Bullshit-Tachonadel nicht im wirklichen Premiumsegment. Da geht noch was - der saisonale Emo-Hyperbonus:

via twitter #WorkingAmerica

Thanksgiving! Das traditionelle amerikanische Familienfest Ende November, wo sich alle zum opulenten Truthahn-Dinner treffen! Wo keiner ausgeschlossen sein soll, wo alle mitfeiern, miteinander essen, trinken und für ein paar gemütliche Stunden im Familienkreis ihre Alltagssorgen vergessen sollen! Geht das ans Herz?
Bitte spendet Lebensmittel, um notleidende Kollegen in den Genuss eines Thanksgiving Dinner kommen zu lassen
Und wie das ans Herz geht. Und genau hier, Freunde des herzzerreißenden social marketing, liegt der Hund begraben, nämlich der Top-Premium-Bullshit-Faktor: Kürzlich hat nämlich der big social player Walmart entschieden, seine Filialen am Thanksgiving-Feiertag bis in die späten Abendstunden zu öffnen, damit alle, wirklich alle, selbst die schlechtestbezahlten Verkäufer im untersten Deck in den Genuss eines angemessenen Thanksgiving-Feelings kommen. 
Cold turkey, anyone?
Walmart verteidigte seine (Spenden)Aktion als einen Bestandteil seiner "Unternehmenskultur" der Nächstenliebe: "Wir sehen diese Aktion als ein Element der Unternehmenskultur, dass Kollegen sich untereinander solidarisieren und sich um diejenigen kümmern, die als extreme Härtefälle betroffen sind."
Yeah, Nächstenliebe. Sweet charity, God bless your souls.
Das war's für heute. Mehr Premium-Bullshit geht nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.

Kommentare:

  1. Jetzt kann ich sagen: Mensch was gehts mir doch gut! Gehts mir auch. Aber verdammt noch mal ich will, dass es gefälligst allen gut geht.

    Also endlich weg mit diesem Bullshit. Wer hält den Gestank eigentlich noch aus?

    AntwortenLöschen
  2. Das Aberwitzige an der Sache ist, dass man, so traurig es auch ist, in schallendes Gelächter ausbricht, allein aufgrund der Tatsache, dass es einfach nur noch grotesk ist, was hier - global besehen - abläuft.

    AntwortenLöschen