Mittwoch, 27. November 2013

If I had a Hammer


Eine drängende Frage, die den Kapitalismus in seiner hochentwickelten Form umtreibt, lautet: Wohin mit den Überschüssen? Namentlich den menschlichen? Wohin mit dem ganzen Pack, das nutzlos abhängt, die Sozialkassen plündert und der Gesellschaft - zu welcher besagtes Pack bekanntlich nicht gehört - ein ästhetischer Dorn im Auge ist?

Die Antwort ist so simpel wie überzeugend: Das Pack muss weg.

Nächste Frage: aber wie?

Hier scheiden sich die Entsorgungsgeister im Jahr 2013. Während die einen auf die Holzhammermethode schwören, setzen die anderen auf smartere, sprich: profitablere Lösungen.

Sagte ich Holzhammer? Unsinn, viel zu harmlos - wozu mit einem albernen Holzhammer hantieren, wo doch weitaus wirksamere, brachialere Werkzeuge zur Verfügung stehen? Ein Vorschlaghammer zum Beispiel. Mit einem Vorschlaghammer lässt sich alles ruckzuck zertrümmern, was andere Menschen zum Überleben benötigen, sofern jene zur Gattung 'unerwünschtes Pack' zählen. Zum Beispiel ein Einkaufswagen, mit dem viele obdachlose Menschen ihr kleines Hab und Gut von einer ungewissen Bleibe zur nächsten transportieren.
"Wenn ich Einkaufswagen herumstehen sehe, die ich nicht identifizieren kann, zerstöre ich sie, damit sie nicht mehr durch die Straßen geschoben werden können."
- bekundet der Mann mit dem Vorschlaghammer, der nach eigener Aussage "angewidert" ist von obdachlosen Menschen. Derart gestrichen hat er die Schnauze voll vom Anblick armer Leute ohne ein Dach über dem Kopf, dass
"... ich etwas Praktisches tun möchte, um die Straßen gründlich zu säubern."
In nur zwei Wochen hat der Praktiker es geschafft, 30 Einkaufswagen kurz und klein zu schlagen. Bislang beschränkte sich der praktisch veranlagte Schlägertyp auf herumstehende Einkaufswagen; noch hat er sich an keinem Wagen vergriffen, der gerade von jemandem geschoben wurde. Noch, wie er selbst sagt, "aber das könnte noch kommen". Noch vertreibt er Menschen, die auf den Sitzen einer Bushaltestelle schlafen, nur mit Worten wie "Setz deinen Arsch in Bewegung und verschwinde!", aber seinen Vorschlaghammer hat er immer dabei, weil ein Vorschlaghammer im Anschlag nun mal Wirkung zeige:
"Wenn du auf dem Bürgersteig entlang gehst mit einem Vorschlaghammer, gehen dir die Leute aus dem Weg."
Übrigens handelt es sich bei dem Super-Rambo keineswegs um irgendeinen wildgewordenen Nobody mit individuellem Hang zur Selbstjustiz, sondern um einen ganz normalen Abgeordneten im US-Bundesstaat Hawaii, der möchte, dass sein Beispiel - er nennt es "Kampagne" - Schule macht. Und übrigens handelt es sich bei dem Kommunalpolitiker keineswegs um einen abgefeimten Bösewicht von Republikaner, sondern um einen rechtschaffenen Demokraten.

Als Pack-Entsorgungsmaßnahme ist die Vorschlaghammer-Methode natürlich stümperhaft und spottet jeder systematischen neoliberalen Verwertungslogik. Schon allein deshalb, weil sie nur zerstört, ohne Profit abzuwerfen. Im japanischen Fukushima sind sie da weiter. Dort wird das unnütze Pack erst dann endgültig entsorgt, wenn es der maroden Atomindustrie die Kohlen aus dem Feuer, will sagen: die defekten Brennstäbe aus der verseuchten Reaktorumgebung geholt hat und danach derart verstrahlt und vergiftet ist, dass es als das, wofür es ohnehin gilt - menschlicher Abfall - auf den Endmüll geworfen werden kann.

Obdachlos? Arbeitslos? Psychisch krank?

Jobwunder Fukushima:

Offiziellen Zahlen zufolge gibt es dort sagenhafte 25 Prozent mehr Stellenausschreibungen als Stellenbewerber. Mut zur Lücke, sagte sich Tepco: Jobs, die niemand haben will? - die Chance schlechthin auf Reintegration der Zielgruppe 'Steck das Pack in den Sack und weg damit'! Arbeitslose, obdachlose und psychisch kranke Menschen dürfen - oder müssen, denn es ist von Zwangsarbeitsmaßnahmen die Rede - die Drecksarbeit des "clean-up" verrichten. Teils ohne Schutzkleidung, teils ohne Bezahlung, ohne Strahlenmessgeräte, ohne Krankenversicherung, ohne Aufklärung über die Risiken des Arbeitens in verstrahlter Umgebung.
"Wir wurden behandelt wie ein Nichts, wie Wegwerfware - sie versprachen uns alles mögliche, und nachdem wir hohe Strahlendosen abbekommen hatten, schmissen sie uns raus."
Es wurde sogar schon ein Name kreiert für den billigen Einweg-Menschenmüll von Fukushima: "nuclear gypsies". Typischerweise existieren keine genauen Zahlen, wie viele nuclear gypsies bislang bei den cleanup operations eingesetzt wurden. Grobe Schätzungen gehen von bis zu 125.000 - wegen grenzwertiger Strahlenbelastung nach nur wenigen Tagen wieder ausgemusterten - nuclear gypsies aus.

Also innerhalb von nur zweieinhalb Jahren eine Viertelmillion verschlissene, nach zwangsweiser Zwischenlagerung im Katastrophenreaktor zur finalen Entsorgung freigegebene arbeitslose, obdachlose, psychisch kranke Menschen. Hey, das rechnet sich für die Betreiber! Und erst für die Gesellschaft - wann ist man so kostengünstig in so kurzer Zeit so viele nutzlose, unästhetische Randexistenzen losgeworden? Aber da geht noch mehr.

Wir rechnen jetzt ein bisschen hoch: Nach Experteneinschätzung wird es mindestens weitere 40 Jahre dauern, bis "die Nachfolgen des Desasters von Fukushima abgewickelt sein werden". Ja, da kommen wir, mit nur wenig Kopfrechnen, auf locker zwei, vielleicht sogar auf 2,5 Millionen - hey, 2,5 Millionen! - profitabel abgewickelter Einweg-Wegwerf-Menschenware. Wenn das kein effizientes Geschäftsmodell ist! Und da protzt dieser Schlägertyp aus Hawaii mit 30 kaputtgeschlagenen Obdachlosen-Einkaufswagen in zwei Wochen. Amateur. Lachhaft.

Wie es heißt, wird in Hawaii derzeit mit Hochdruck an einer neuen, smarteren Lösung des dortigen Obdachlosenproblems gearbeitet. Einer Lösung, die sich auch unter humanitärem Gesichtspunkt viel besser - womöglich sogar international - verkaufen ließe als die grobschlächtige Haudrauf-Methode des demokratischen sledgehammer guy: Im Gespräch ist eine spendable Sozialmaßnahme großen Stils, nämlich ein one way ticket für alle Menschen ohne festen Wohnsitz in Hawaii. Gratis, selbstredend. Ein paar Wochen bezahlter Urlaub.
In Fukushima, wo sonst.

Kommentare:

  1. Ach ja ... die kleinen Randnotizen, die man hierzulande dann nicht mehr mitbekommt ... und ich hab mich schon die ganze Zeit gefragt, wieso das so komisch ruhig um diese katastrophal havarierte Anlage und ihre auf Jahrzehnte vergiftete Umgebung geworden ist. Schlafende Hunde! Danke für die Info!

    Aber 125.000 sind ein Achtel, kein Viertel einer Million.

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  2. Erschreckend. Hut ab Mrs. Mop, sie sind eine sehr begnadete Schreiberin, ich lese sehr gern hier, auch wenn mir davon oft schlecht wird.
    Viele Grüße

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