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Samstag, 19. Oktober 2013

Ein Hauch von Pest


Spontan neige ich ja immer zur Solidarität mit den Ausgebeuteten und Geknechteten dieser Welt. Insbesondere, wenn deren Hungerlöhne vorne und hinten nicht zum Leben reichen. Erst recht dann, wenn sie für ein bisschen mehr Geld zum Leben auf die Straße gehen. Oder gar zum Streik aufrufen.

Aber irgendwo ist Schluss mit meinen Solidaritätsgefühlen, ratzfatz Schluss, aus, vorbei. Es gibt Menschen, die sich ausgebeutet, weil unterbezahlt fühlen, denen wünsche ich nichts als die Pest an den Hals. Nämlich denen, die sich ausbeuten lassen, um ihre Mitmenschen auszubeuten, und die eine bessere Bezahlung fordern, um ihre Mitmenschen noch besser, noch effizienter, noch niederträchtiger ausbeuten zu können und für diesen Ausbeuterjob, bitteschön, angemessen entlohnt werden wollen.

Die Rede ist von den Mitarbeitern der Firma ATOS, einem französischen Unternehmen, das von der britischen Regierung unter Vertrag genommen wurde, um zu prüfen, ob behinderten, chronisch kranken und ähnlich arbeitsscheuen nutzlosen Fressern ein Anspruch auf Sozialleistungen zusteht. Oder ob letztere nur so tun, als wären sie krank oder behindert, Simulantenpack mithin, in Wirklichkeit jedoch - nach "medizinischer" Prüfung samt Expertengutachten ("work assessment") - als "fit for work" deklariert und dem Arbeitsmarkt zugeführt werden können.


Dabei verzeichnet die Firma ATOS bemerkenswerte Erfolge; einer der spektakulärsten war die Weigerung, einem im Endstadium krebskranken Mann und dessen betreuender Ehefrau staatliche Benefits auszuzahlen, weil der Dahinsiechende - nach eingehender "medizinischer" Prüfung - als rüstig genug eingestuft wurde, um fit for work zu sein. Er hätte ja bloß ein bisschen in die Hände zu spucken brauchen! Bedauerlicherweise hat sich der todkranke Mann den Wiedereingliederungsbemühungen entzogen, indem er vor wenigen Tagen verstarb,

"Hm... smartly presented... simuliert da schon wieder einer?"

- und zwar, wie die hinterbliebene Ehefrau betont, "nicht nur an Krebs, sondern an den Schikanen seitens ATOS, die ihn seiner Würde beraubt hatten".

Die Liste an Fehlentscheidungen ließe sich beliebig verlängern, denn die von ATOS-Mitarbeitern verursachten Missbrauchsfälle sind mittlerweile Legion (20 Prozent) und umfangreich dokumentiert. Ebenfalls dokumentiert sind die zunehmenden Suizide ("It isn't suicide: it's murder") bei psychisch kranken Menschen, die von ATOS-Mitarbeitern für kerngesund und arbeitsfähig erklärt werden und sich dem Stress weiterer Prüfungsverfahren entziehen, indem sie ihrem Leben ein Ende bereiten - eine besonders perfide, weil nachhaltige Simulantenstrategie.

Jedenfalls, die ATOS-Mitarbeiter wollen streiken. Für bessere Bezahlung. Kriegen bloß Mindestlohn. Fühlen sich ausgebeutet. Sind es höchstwahrscheinlich auch. Machen ja auch nur ihren Job. Von irgendwas muss man schließlich leben, nicht wahr, und sei es von so einem Knochenjob: Wir attestieren kranken Menschen die Krankheit weg und zerstören Leben. Wir lassen uns ausbeuten, um andere auszubeuten. Um für einen Hungerlohn andere Menschen in Not, Hunger und Tod zu treiben. Machen wir gerne weiterhin, aber nur, wenn wir mehr Geld dafür kriegen. Sonst streiken wir.

Wie, ihr droht mit Arbeitsniederlegung? Um für ein paar Pfund mehr noch wirkungsvoller zu treten nach jenen Menschen, denen ihr die letzten paar verbliebenen Pfund wegnehmt? Für so eine Drecksarbeit wollt ihr die Arbeit niederlegen? Und erwartet Solidarität? Die Pest an den Hals, die reine Pest und nichts als die Pest!

Andererseits.

Wenn ihr die Arbeit wirklich niederlegen und sie niemals wieder aufheben würdet, wenn ihr diese Drecksarbeit zu verrichten euch weigern würdet, kompromisslos, und sie für kein Geld der Welt wieder aufnehmen würdet, wenn ihr euch stattdessen andere Jobs suchen und keine finden würdet, wenn ihr darüber verzweifelt, krank und depressiv würdet, wenn ihr dann von einem unterbezahlten rückgratlosen Systemknecht geknechtet würdet, der euch schwarz auf weiß bescheinigt,


- dass ihr kerngesund, arbeitsfähig und halt nur zu faul zur Jobsuche wärt, und ihr, Auge in Auge mit dem Systemknecht, ihm die Pest auf den Hals wünschen würdet, die reine Pest und nichts als die Pest - dann könnten wir über Solidarität reden.

Vorher keinesfalls.

Freitag, 6. September 2013

Ask A Slave



Was Sie schon immer über Sklaverei wissen wollten. 
Und sich nie zu fragen trauten. 
Fragen Sie Lizzy Mae.
Fragen Sie sie einfach.
Lizzy hat ein großes Herz und viel Geduld.
Sie nimmt Ihnen keine Ihrer Fragen übel.
Sie antwortet einfach.
Aber wie.



Lizzy Mae, eine ehemalige Haussklavin der Herrschaften Martha und George Washington (erster Präsident von Amerika, 1789-1797), wird gespielt von der Schauspielerin Azie Mira Dungey.

Die erste Episode (oben) fand ich umwerfend.

Intelligenz gepaart mit Sarkasmus.

Die zweite (unten) - in der Lizzy mit einem selbsternannten weißen Sklavenbefreier am Küchentisch Tee trinkt - haute mich noch mehr um.

Noch intelligenter, noch sarkastischer.



Die dritte Episode (folgt diesen Sonntag) kann ich kaum erwarten.

Freitag, 26. Juli 2013

Jetzt wächst zusammen ...


Schon mal was von Antiprism gehört? Klar doch, quillt ja zur Zeit aus jeder Pore der Internets.

Halt nein, nicht aus jeder.

Aus einer ganz bestimmten Pore quillt nämlich gar nichts,
beim Suchwort "Antiprism".
Absolut nichts.
Außer Funkstille.

Halt nein, stimmt jetzt auch wieder nicht.

Zum Stichwort "Antiprism" findet sich auf besagter verstopfter Pore per Suchfunktion jetzt prominent folgendes.
Bitte anklicken.
Ist nämlich ein Link.

Well, that's a little Chinese in style ...

(via Frankfurter Gemeine Zeitung)

Update 20:58 Uhr:

Inzwischen fließt der Talg wieder reichlich aus der kurzzeitig verstopften Pore. War da was? Was soll da schon gewesen sein? Eben. Also bitte weiterhin Facebook nutzen, um am Samstag vereint gegen das Überwachungssystem zu demonstrieren. Und nicht vergessen: Immer weiterhin sich mit dem Systemagenten ins Bett legen. Ist so schön kuschelig. Und fühlt sich zugleich so kämpferisch an. Keep fighting, Leute, und immer schön weiter kuscheln. So liebt euch das System.

Samstag, 13. Juli 2013

Alle Dröhnung kommt von oben


1984 (Orwell) war gestern, und 2015 ist morgen, aber was zum Teufel ist heute?

Also, erst mal der Reihe nach:

Anfang 2011 hat ein heller Kopf sich in seinen dunkelsten Phantasien ausgemalt, wie im Jahre 2015 sich wohl die telefonische Bestellung einer Pizza gestalten würde:



Was in der 2011-Vision noch wie der Kontrollhorror in Tüten mit der Aufschrift '2015' anmutete, nähert sich bereits heute, im Jahr 2013 der Totalüberwachung, der neuen Normalität. Tja - erstens kommt es anders, und zweitens schneller als man denkt.

Zwar zieht sich die telefonische Pizzabestellung, bis sie sämtliche abhörtechnischen Kontrollinstanzen durchlaufen hat, in die Länge und kann schon mal zu einem Fall von kontrolliertem Hungertod am Telefon führen. Dafür geht es dann mit der kontrollierten Pizzalieferung umso schneller, dank allerneuester Kontrolltechnologie, die selbstverständlich nicht zur Kontrolle des Pizzabestellers, sondern nur zu seinem Besten eingesetzt wird, was im Jahr 2013 in etwa aufs Gleiche hinausläuft.

Weil nämlich, wenn ich im Jahr 2013 nachts um halb zwölf einen dringenden Heißhunger auf Pizza nebst flankierender Sixpack-Dröhnung verspüre, aber keinesfalls die Wohnung verlassen möchte (eh viel zu gefährlich im Jahr 2013, draußen lauern nur Sicherheitsrisiken) und die telefonische Bestellpsychofolter mit knurrendem Magen, aber lebendigen Leibes überstanden habe - nur wenige Minuten später ein vertrautes Sirren und Summen über meinem Wohnblock die prompte Lieferung frei Haus ankündigt: Dröhnung per Drohne.

Vermutlich werden mir Pizza samt Bier direkt ins geöffnete Küchenfenster abgeworfen, denn die schlaue Drohne weiß längst, dass ich Pizza am liebsten in der Küche zu essen pflege, während sie mir die frischgewaschene Bettwäsche aus der Wäscherei direkt ins geöffnete Schlafzimmerfenster schleudern wird und die schlaue Drohne natürlich genau weiß, wo mein Schlafzimmerfenster sich befindet, ganz zu schweigen von dem, was sich hinter diesem Fenster abspielt, selbst wenn es geschlossen ist.



"We fly it to your house, it makes a noise, you pick it up and that's that,"
verspricht die neue Lichtgestalt der Drohnifizierung der Servicegesellschaft, ein Wäschereibetreiber namens Harout Vartanian, der eine ausgediente Drohne des Typs 'Phantom' - konzipiert für Überwachungsaufnahmen aus der Luft - in ein smartes fliegendes Liefermobil umgebastelt hat.

Convenience pur! Für alle beteiligten Seiten! Denn während die smarte Drohne mir die saubere Wäsche durchs Fenster wirft, macht die noch smartere Phantomkamera in einem Zug - wusch! summ! klick! -gleich ein paar Bilder von der schmutzigen Wäsche, die wahlweise in meinem Schlafzimmer oder - wahrscheinlicher - an meinem subversiven Küchentisch gewaschen wird; um nach Anlieferung frei Haus (der sauberen Ware) auf dem Rückflug ein paar schmutzige Informationen an die NSA, die CIA, die Polizei, Frau Merkel oder gottweißwen im international vernetzten Überwachungssystem zu liefern. Two-in-one-Produkttechnologie, oder noch effizienter, All-in-one-Kontroll-Infrastruktur - wash, rinse, repeat - nie war Marketinggeblubber zielführender als heute. Im Jahr 2013.

Apropos Effizienz. Wäre es zu viel verlangt, wenn die saubere Wäschedrohne nach erfolgter Lieferung nicht nur meine am Küchentisch metaphorisch gewaschene schmutzige Wäsche, sondern netterweise auch gleich meinen physischen Küchenmüll mit abtransportieren würde? Three-in-one, sozusagen? Wer sich jetzt empört, dass die neue alte Servicedrohne die guten alten Jungs von der Müllabfuhr arbeitslos macht, der hat den innovativen Schuss nicht gehört, der da heißt: umweltfreundlich, nachhaltig, recycelbar.

Weil. Es ließen sich ja sämtliche ausgemusterten militärischen Tötungsdrohnen in servicefreundliche Schmuseweiche-Wäsche-Drohnen mit Multikontrollfunktion recyceln - Nachhaltigkeit! Und weiter: Sämtliche ausgemusterten, weil ausgebrannten militärischen Tötungsdrohnenpiloten könnten ebenfalls recycelt und im privatwirtschaftlichen Servicebereich eingesetzt werden - Arbeitsplätze! Was glauben sie, was wir spätestens 2015 für ein Jobwunder haben werden!

Und die Jungs von der Müllabfuhr? Pah, werden umgeschult. Auf smarten Fast-Food-Entsorgerservice. Denen bringen wir bei, wie man XXL-Big-Macs punktgenau durch geöffnete Autofenster dröhnt, ähm, schießt, bevorzugtes Einsatzgebiet: Berufsverkehr in Ballungsgebieten bei Staumeldungen an Drive-Ins. Auf Wunsch wird die Doppelwhopper-Dröhnung den Leuten direkt in den geöffneten Mund geschossen.

Und für den Fall, dass das Drohnen-Phantomauge verdächtige Bewegungen aus dem Autoinneren rückmeldet oder die Leute nicht rechtzeitig ihre Autofenster öffnen - es wurde an alles gedacht, weil, warum sind Riesen-Burger so riesig? Korrekt: Es lassen sich in ihnen problemlos unauffällige ferngesteuerte Mini-Raketen verstauen. Fenster auf, Mund auf, friss und/oder stirb, Kumpel. Dabei wird zwar eine Menge frisch verschmutzter Wäsche anfallen, deren Abtransport aber für unser High-End-All-in-One-Multifunktionsdröhnchen kein Problem darstellen wird. Alles in einem Aufwasch, Sie wissen schon.
Wash, rinse, repeat.

Montag, 6. Mai 2013

Von nichts kommt nichts



Nur wer arbeitet, soll auch essen. Nichts Neues aus dem satten Mund ehemaliger deutscher Arbeiterparteien. Nutzlose Schnorrer durchzufüttern kann (will) sich dieses System nicht leisten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sonst kommt die Jugend noch auf dumme Gedanken, wenn die Eltern ungestraft auf der faulen Haut liegen.

Neu ist, dass die martialische Moralpauke den Heranwachsenden bereits im frühen Kindesalter eingebleut werden soll. Aufgepasst, Kinder: There is no free lunch (deutsch: Nichts gibt es für umsonst). Oder habt ihr etwa gedacht, wir füttern euch mit kostenlosem Schulessen durch, bloß weil eure nutzlosen armen Eltern kein Geld haben, um euch die hungrigen Mäuler zu stopfen? Nope, könnt ihr euch abschminken, because, you know, there is no free lunch, schließlich geht ihr in die Schule, um dort fürs Leben zu lernen.
"Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir die Kinder für ihr Mittagessen arbeiten lassen: den Müll raustragen, die Treppenhäuser schrubben, den Rasen mähen - bringt ihnen bei, es (das Schulessen) sich zu verdienen. Wenn sie kein Mittagessen kriegen, werden sie in jener Nachmittagsklasse eben nicht lernen zu rechnen, sie werden nicht lernen, wie man einen Satz richtig aufbaut, sondern sie werden eine viel wichtigere Lektion lernen."
- nämlich die Lektion, dass das Versorgtwerden mit "free lunches" die "Arbeitsmoral" der Kinder verderbe und ihnen suggeriere, man "könne auf die leichte Tour" durchs Leben kommen; Zucht und Ordnung halt, kennt man ja.


Sowie - ganz wichtig - die systemerhaltende Lektion: Wer arm zur Schule geht, kommt auch arm wieder aus ihr heraus, denn das Kind armer Eltern hat frühzeitig gelernt, dass die Berufsbilder Hausmeister oder Putzfrau ihm auf den Leib geschneidert, hingegen Fähigkeiten wie Rechnen oder Schreiben für seinen Lebensweg entbehrlich sind.


Überdies lernt das Kind fast spielerisch die harte Lektion des Verdrängungswettbewerbes und der Ellbogenmentalität, denn irgendjemandem nimmt das schuftende Kind ja den bezahlten Job weg - und sei es den eigenen Eltern, die bislang als Hausmeister oder Putzfrau das wenige Geld verdient haben, von welchem sie ihren Kindern nicht genug zu essen finanzieren konnten. So bleibt quasi alles in der Familie.


Seinen Ordnungsruf wollte der republikanische Abgeordnete keinesfalls als "Bestrafungs-", vielmehr als "Erziehungsmaßnahme" verstanden wissen. Sollten die schlechterzogenen, verwöhnten und verweichlichten Kinder armer Eltern auf die innovative Erziehungsmaßnahme nicht anspringen, bleibt ihnen immer noch der Lebensweg in ein - sicherlich bald wieder in Mode kommendes - Arbeitshaus offen, wo von Armut betroffene Menschen aufgenommen und damit aus der Öffentlichkeit entfernt werden.

Die Umwandlung herumziehender Bettler in wirtschaftlich verwendbare Untertanen sollte durch Methoden der Arbeitserziehung erreicht werden.
Hat der republikanische Abgeordnete so nicht gesagt.
Aber mit Sicherheit gedacht.


Freitag, 8. Februar 2013

Killer-Academy goes Greek


Lange nichts gehört von Blackwater, dem privaten Killerunternehmen eines gewissen George W. Bush, Einsatz im Kriegsgebiet Irak, gegründet von einem tief religiösen Rechtsaußen-Fanatiker.



Lange nichts gehört. Das liegt zum einen daran, dass sich Blackwater inzwischen den vertrauensbildenden, nach solider Intellektualität riechenden Namen "Academi" zu gelegt hat; sozusagen eine Akademie zum Training international disponibler Berufskiller überall dort, wo Polizei und Militär der wachsenden sozialen Unruhen nicht mehr Herr zu werden drohen.

Wieso soziale Unruhen? War Blackwater bislang mit seiner Mission als verlängerter Arm des Militärs nicht ausschließlich in Kriegsgebieten unterwegs? Ganz recht - war. Jedoch, die Bedrohungslagen haben sich verschärft. Zumindest das griechische Parlament fühlt sich immer heftiger bedroht von der es umgebenden "sozialen Instabilität", jener Instabilität, an deren Zustandekommen das griechische Parlament maßgeblich beteiligt ist.

Deshalb bedarf das griechische Parlament jetzt zusätzlichen Schutzes. Und befürchtet offenbar, dass die schlechtbezahlte, im Verbund mit der Neonazi-Partei Golden Dawn marodierende Polizei diesen Schutz nicht mehr ausreichend zu gewähren imstande ist. Und hat darum zur Aufstockung der parlamentarischen Schutzkräfte einen Vertrag mit der Killerfirma Blackwater alias Academi geschlossen. Bereits im  vergangenen Jahr.

Lange nichts davon gehört. Obwohl der ehemalige Botschafter Leonidas Chrysanthopoulos bereits im Dezember 2012 in der kanadischen Zeitschrift Millstone darüber berichtete. Aus Athen wurden Stellungnahmen verweigert, allerdings erfolgten auch kein Dementis. Nur allmählich macht der vertraglich abgesicherte Einsatz von Blackwater-Söldnern im zivilen Kampfgebiet Griechenland die Runde und ist mittlerweile auch in deutschsprachigen Medien angekommen: mit einem überaus informativen Interview, in dem Chrysanthopoulos über die aktuelle Entwicklung und bedrohliche Lage in Griechenland spricht.

Bedroht sieht der Ex-Diplomat jedoch weniger die griechischen Parlamentarier als vielmehr das griechische Volk: bedroht von den Übergriffen der Regierung, der Troika und von Blackwater.

Lesen. Lesen. Lesen. Unbedingt.

Dienstag, 7. August 2012

Was fürs Geld


"Macht 23 Euro 95. Haben Sie eine Paybackkarte?"

Nö, wieso?

"Weil, dann kriegen Sie extra Punkte."

Wie, extra Punkte?

"Na, so Bonus-Punkte, Sie wissen schon."

Bonus-Punkte, wow, wofür denn Bonus-Punkte?

"Na, das dürfen Sie sich dann aussuchen. Sie haben die Wahl."

Aha. Was haben Sie denn so im Angebot?

"Alles mögliche. Töpfe, Pfannen, Bonusmeilen, Hotelrabatte, Kosmetikgutscheine...überhaupt, Gutscheine für alles mögliche!"

Für alles mögliche, ist ja'n Ding. Echt jetzt, für alles mögliche?

"Ob Sie's glauben oder nicht. Sie haben die Wahl. Aber damit Sie dem Auswahlstress nicht erliegen, haben wir eine kleine Umfrage vorbereitet. Die Frage lautet: 'Was würden Sie für Ihre Extrapunkte am liebsten kaufen?', und wir haben gleich ein paar Antwortoptionen für Sie ausgearbeitet."

Irre cool. Was haben Sie denn da für Antwortoptionen ausgearbeitet? Jetzt bin ich ganz gespannt!

"Na ja, unsere kleine Exklusivumfrage gilt natürlich nur für Premiumkunden, Sie verstehen."

Klar verstehe ich das. Also mal angenommen, ich wäre Premiumkundin bei Ihnen, was hätten Sie mir da so zu bieten?

"Zum Beispiel so ein schnittiges Küchenmesser-Set im Holzblock."

Pfft, hören Sie auf, Küchenmesser, ist ja so was von old school, jeder Depp hat heutzutage ein Küchenmesser-Set in seiner Küche rumstehen.

"Wie wär's mit einem attraktiven Hotelrabatt?"

Uninteressant. Ich übernachte meistens bei mir zuhause.

"Vielleicht einen wertvollen Geschenkgutschein?"

Hm, ja, kommt der Sache schon näher. Was haben Sie denn so für Geschenke zur Auswahl?

"Alles mögliche, wie gesagt."

Jetzt spannen Sie mich auf die Folter. Geht's ein bisschen konkreter?

"Also, unsere kleine Exklusivumfrage lautet: 'Welche Produkte oder Dienstleistungen würden Sie in Erwägung ziehen zu kaufen für Ihre Extra-Bonus-Punkte?'"

Machen Sie's nicht so spannend. Ich will was haben für mein Geld.

"Okay. Antwortoption a) Hotelrabatte? - gut, kommt für Sie nicht in Frage, sagten Sie ja schon."

Eben. Weiter, bitte.

"Dann vielleicht Option c) Geschenkgutschein...?"

Hey, Sie haben die Antwortoption b) ausgelassen! Was zum Teufel ist mit Option b)?

"Also, Option b) ist jetzt wirklich nur für unsere Premiumkunden..."

Schon gut. Ich behalt's für mich, als Premiumkundin. Also, Option b)?

"Option b): Frauen."

Wie, Frauen? Frauen zum Kaufen?

"Ja, sicher. Für alle Premiumkunden, denen Hotel- und Allerweltsgeschenkgutscheine zu langweilig sind. Die Frauen kriegen Sie dann auf Gutschein ins Hotel geliefert."

Der Wahnsinn. Haben Sie auch Männer?

"Wie, Männer? Männer zum Kaufen?"

Zu was denn sonst? Über was reden wir hier die ganze Zeit?

"Ich glaube, Sie haben da was missverstanden. Wir sind ein seriöses Bankunternehmen mit seriösen Kunden..."

Wollen Sie damit sagen, dass...

"Genau. Bei Option b) haben wir exklusiv an unsere seriösesten Premiumkunden gedacht. Können Sie mir folgen?"

Und wie. Als Premiumkundin bin ich Ihnen schon voraus.

"Ich sehe, wir verstehen uns."

In der Tat. Gut, dass wir über alles gesprochen haben.

"Keine Ursache. Empfehlen Sie uns weiter."

Mach' ich doch glatt:


Dienstag, 22. Mai 2012

Karriere jenseits der Schmerzgrenze


Endlich.
Der Arbeitsmarkt boomt.
Es sind wieder Stellen zu besetzen.
Hey, Ganztagsjobs!
Sozialversichert!
Zukunftsträchtig!
Krisensicher!


Vergewaltiger

Jahreseinkommen: 32.000 bis zu 35.000 Euro
Hervorragende Konditionen
Flexible Einsatzgebiete

Sind Sie an einer Karriere in einem einzigartigen Berufsumfeld interessiert?

Eine Miliz-Unternehmensgruppe in Zentralafrika sucht einen erfahrenen Menschenrechtsverletzer für den Einsatz in einer inoffiziellen Hafteinrichtung.

Unser Wunschkandidat verfügt über Erfahrung in Gewaltanwendung und dem Zufügen extremen Schmerzes und Leids. Die tägliche Arbeitsroutine umfasst Schlagen, Treten, Ohrfeigen, Auspeitschen und langanhaltendes Bewegungseinschränken.

Kenntnisse in Folterpositionen, einschließlich der Anwendung von Draht und/oder Stricken zur Auseinanderdehnung von Gliedmaßen sind von Vorteil. Erfahrungen im Zufügen anderer Formen von Folter und Misshandlung werden vorausgesetzt. Von den Bewerbern wird die Fähigkeit erwartet, ein kleines, aber enthusiastisches Team anzuspornen beim Überschreiten aller Grenzen, die je für möglich gehalten wurden.
Ein Traumjobangebot, welches das Herz jedes spanischen Bereitschaftspolizisten mit einschlägigen Referenzen höher schlagen lassen müsste. Müsste. Wäre da nicht dieses Jahreseinkommen, das in Relation zum Bewerber- resp. Jobprofil letzteres wohl eher als Niedriglohnsektor ausweist. Für die paar Piepen, mag sich der karrierebewusste Durchschnitts-Mozo denken, kann er auch gleich zuhause bleiben und sein heimisches enthusiastisches Team anspornen, alle Grenzen zu überschreiten, die je für möglich gehalten wurden.

Vermutlich verdient zwar jeder spanische Durchschnittspolizist noch weniger als hier in Aussicht gestellt, aber bitte - geht es denn letztlich darum, wieviel einer verdient? Oder nicht vielmehr darum, ob ein spanischer Durchschnittspolizist seine Arbeit liebt und gern verrichtet? Wer fragt schon nach angemessenem Lohn, wenn die handgreifliche Tätigkeit an sich mit all ihren Zu- und Übergriffen bereits eine Belohnung darstellt? Bleib' im Lande und nähre dich redlich, wird sich der übergriffige Riot-Mozo sagen, wieso soll ich in das ferne Zentralafrika, wo ich doch im krisengeschüttelten Spanien einen krisensicheren Job habe.

Übrigens boomt der Jobmarkt nach allen diversifizierenden Regeln der Kunst. Die Branche sucht nicht nur nach gestandenen Vergewaltigern, sondern bittet auch erfahrene Folterer und Kidnapper um entsprechende Bewerbungsschreiben, wobei interessanterweise die Folterknechte am unteren Ende der Lohnskala dümpeln, ich würde sagen: unterm eh inexistenten gesetzlichen Mindestlohn.


Alle drei Stellenausschreibungen finden sich in den regulären Stellenangebots-Rubriken der seriösen britischen Tageszeitungen Guardian und Independent, so dass jeder seriöse Jobsuchende unweigerlich darüber stolpert. Beim Lesen fragte ich mich, welche seriöse deutsche Tageszeitung wohl den Mumm hätte, solche Stellenanzeigen zu schalten. Mir fiel keine ein.

(Wie immer bei Stellenanzeigen empfiehlt sich das Kleingedruckte zu lesen, in diesem Fall das Fettgedruckte.)


Mittwoch, 26. Oktober 2011

Einsatzfahrzeuge



So sieht sie aus, unsere fabelhafte Mitfahrzentrale bei #occupyfrankfurt.
(Zum Vergrößern Bild anklicken)

Ein Infotelefon haben wir jetzt auch:
Occupy Frankfurt
0174-405 0504

Vielleicht klappt es ja, über das Infotelefon Mitfahrwünsche abzuwickeln.

Allerdings habe ich inzwischen eine Art robustes Misstrauen entwickelt, was das Funktionieren solcher Detail-Infrastrukturen auf dem Camp betrifft, und empfehle daher, etwaige Suche-/Biete-Gebote hier auf dem Blog zu hinterlassen. Ich werde sie dann entsprechend weiterleiten bzw. einfach nachts mal einen LKW kapern oder so. Versprochen.

Samstag, 27. August 2011

Subjektive Objektbetreuung


Interaktiv ist, wenn alle mitmachen.
Show ist, wenn alle gaffen.
Kochen ist Kochen.

Fertig ist die interaktive Kochshow.

Gestern war ich den ganzen Tag als Nebendarstellerin in einer interaktiven Kochshow engagiert. Das geht so: In eine klitzekleine Fresshütte kommen 35 geladene Gäste und wollen den Koch beim Kochen begaffen. Zwischendrin wollen sie unbedingt ein langes scharfes Profimesser in der Hand halten und und sich vom Koch den Unterschied zwischen einer geschälten Zwiebel und einem abgehackten Finger erklären lassen. Das finden die Gäste aufregend, und deshalb gibt es die interaktive Kochshow.

Noch aufregender wird die interaktive Kochshow, wenn sie auf kleinster Fläche stattfindet, wo eigentlich schon 20 Anwesende ausreichen würden, um das Bedürfnis zu wecken, dem Nebenmann zur Rechten oder der Nebenfrau zur Linken das Profimesser in die Rippen zu jagen. Der Job der Nebendarstellerin besteht dann darin, überall gleichzeitig zu sein und dafür zu sorgen, dass am Ende tatsächlich geschmortes Kalbsfilet auf den Tellern liegt und nicht etwa frische Schlachtplatte mit geschmorten Rippen.

Darum bedarf eine interaktive Kochshow der wohlorganisierten interaktiven Vorbereitung. Um halb drei hatte es geheißen: "Um sechs kommen die Gäste, das schaffen wir locker", dabei den Umstand ignorierend, dass es um halb drei in der kleinen Fresshütte aussah wie bei Hempels unterm Sofa. Als es um halb fünf immer noch so aussah, als hätte ein Werwolf in die Hütte gerülpst, erlaubte ich mir die Frage, was das eigentlich für Leute seien, die um 18 Uhr in 35-Mann/Frau-Stärke anrücken würden. "Die Mitarbeiter von so einer Gebäudereinigungsfirma", hieß es. Aha. Augenblicklich erwachten meine Putzfraueninstinkte. Auf meine bis zum Haaransatz hochgezogenen Augenbrauen hieß es: "Nicht die Putzfrauen, sondern das Management." Ach so. "Also, das mittlere Management." Okay. Das mittlere Management einer Gebäudereinigungsfirma. Na dann.

Um 17 Uhr erschien, wie vom Himmel geschickt, eine weitere Nebendarstellerin in Gestalt einer Aushilfsputzfrau. Unteres Management, sozusagen. Eine blitzgescheite, sympathische, keineswegs auf den Mund gefallene, mit allen beruflichen Wassern gewaschene Kroatin. Ihr ist es zu verdanken, dass die Werwolfhütte um 18 Uhr aussah wie mit allen Wassern gewaschen. Die freche Bemerkung des Kochs an meine Adresse - "du machst dich gut als neue Frau Übermop" - ignorierte ich würdevoll.

Wenn 35 mittlere Manager einer Gebäudereinigungsfirma sich zu einer geschlossenen Gesellschaft versammeln, ist klar, dass den ganzen Abend beruflich gefachsimpelt wird. Selbstverständlich im branchenspezifisch geschlossenen Fachjargon. Da ich gewohnheitsmäßig mit den Ohren Maulaffen feilhalte, wurde ich schnell vertraut mit der Basisterminologie des mittleren Gebäudereinigungsmanagements: Objekte. Kräfte. Synergien. Objekteinheiten. Objektbetreuung. Von Subjekten, vulgo: Menschen, war nichts zu hören.

Als ich - mit Ohren so groß wie Garagentore - einem mittleren Managementsubjekt das Weißweinglas nachfüllte, glaubte ich mich dunkel zu erinnern, in grauer Vorzeit mal etwas von der 'Idee als Subjekt-Objekt-Einheit und als Bedingung der Wahrheit' gelesen zu haben. War das der olle Hegel? Keine Ahnung. Alles vergessen. Während der Weißwein ins Glas gluckerte und meine Ohren schlackerten, schoss mir impulsiv die Bedingung der Wahrheit durch den Kopf: Das, was du jetzt grade machst, ist ein klassischer Fall von Objektbetreuung. Vielleicht auch neoklassisch.

Einen ketterauchenden Objektexperten fragte ich höflich, ob ich mal so ganz subjektiv seinen Aschenbecher leeren dürfe, was der Objektraucher irgendwie köstlich fand. Er behielt mich für den Rest des Abends im Auge. Gegen Ende - es war schon spät, der Weißwein erstklassig, das Gewitter heftig - meldete sich beim Abräumen der vollgeregneten Aschenbecher das mittelhierarchische Gebäudereinigungssubjekt zu Wort und meinte leicht schwerenöterisch zu mir: "Ihnen merkt man an, dass Ihnen die Arbeit Spass macht!", worauf ich antwortete: "Stimmt, sogar ohne Trinkgeld!", worauf das Subjekt "Oho!" rief und mir einen Zehn-Euro-Schein zusteckte, worauf mir die Arbeit doppelt Spass machte.

Was lernen wir? Dass man sein Geld nicht geschenkt bekommt; man muss schon etwas dafür tun. Am besten irgendwas Interaktives. Weil, von nix kommt nix. Man muss ja nicht gleich dem Objekt das Messer an die Rippen setzen.


Samstag, 12. März 2011

No, we can't




Vielleicht müsste es korrekt heißen: "We could."

Bloß weil sie etwas reparieren können, heißt ja noch lange nicht, dass sie es auch wollen.

Kennt man ja.

Zum Beispiel von Leuten, die irgendwann mal gesagt haben: "Yes, we can!"

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Der Hausmeister


Seit neuestem und zu meiner großen Freude gibt es einen Hausmeister. Einen Hausmeister, der einzig und allein für ein Objekt zuständig ist, nämlich für das Restaurant. 'Hausmeister' - das ist ein mindestens ebenso schöner, traditioneller, Klartext redender deutscher Begriff wie 'Putzfrau'. Jeder weiß sofort: Aha, da fühlt sich einer zuständig. Ich mag Hausmeister.

Der neue Hausmeister wohnt seit über 20 Jahren mit seiner Frau, der Aushilfsputzfrau, im ersten Stock über dem Restaurant und wird von mir aus folgenden Gründen geschätzt:

Er hat von allem Ahnung. Man kann ihn alles fragen. Er ist ein Tüftler und Improvisateur. Er ist Spanier. Seine Frau ist Spanierin. Er ist intelligent. Er hat ein Gesicht, dem anzusehen ist, dass er Sinn für Humor hat. So ein scharfgeschnittenes Gesicht mit wachen Augen, das nur darauf zu lauern scheint, ob sich eine Gelegenheit zu einem scharfen Wortwitz anbahnt. Er spricht ein gutes Deutsch, oder sagen wir mal: Er weiß sich angemessen auszudrücken; manchmal reden wir über Politik, und dann formuliert er Sätze wie diesen: "Der Seehofer ist ein bisschen weich in der Birne, oder?" Wenn was ist, geht man einfach hoch und klingelt - sofern der Hausmeister nicht eh schon im Lokal ist und einen Kaffee trinkt.

Ein Segen von einem Hausmeister.

Nun lese ich von einem jüngst stattgefundenen Streitgespräch zwischen einem traditionellen Hausmeister und einem neumodischen Facility Manager. Der Unterschied zwischen einem Hausmeister und einem Facility Manager besteht darin, dass der Facility Manager denkt, er wäre etwas Besseres. Weil er nämlich das Facility Management studiert hat (die Akademikerschwemme nimmt und nimmt kein Ende).

Sehr lesenswert, mit welch anmaßender Bugwelle der Diplom-Hausmeister gegenüber seinem unakademischen Gesprächspartner auftritt und wie schlagfertig der bodenständige Kollege ihn kontert.
(Facility Manager) In diesem Studiengang ist Kreativität gefragt, weil wir immer wieder vor die Herausforderung der Kostenersparnis gestellt werden. Viele Absolventen werden als Objektleiter eingesetzt, sie führen Teams bis zu acht Leute.

(Hausmeister) Das Berufsbild ist also nur denken und nicht anfassen. Arbeiten tut der Unterbau. Was ist daran billiger, als wenn ich einen habe, der die ganze Zeit vor Ort ist und das ganze Objekt betreut? Vielleicht sollte ich doch studieren, um das zu begreifen.
Ein Hoch auf den Hausmeister.

Mittwoch, 29. September 2010

Fünf Euro


Mit fünf Euro kommt man zur Zeit überall durch. So als Gesprächsthema, meine ich. Alle reden über fünf Euro. Sogar lieber als übers Wetter. Was man mit fünf Euro machen könnte, wofür man den Pleite-Heiermann ausgeben könnte, was man sich davon kaufen könnte. Gut, rede ich halt auch darüber.

Zum Beispiel verdammt mich ein frühmorgens entdeckter Platten am Fahrrad zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, um zu meinem Job und wieder zurück transportiert zu werden; eine Dienstleistung, deren Inanspruchnahme mich knapp fünf Euro kostet. Das ist deutlich mehr als die Hälfte eines Stundenlohnes. Das tut weh. Kommt also nicht in Frage. Es darf einfach morgens keinen Platten geben; nur so bin ich geschützt vor dummen Gedanken, die um den Sachverhalt der Beförderungserschleichung kreisen. Fünf Euro für so eine Popelfahrt - geht gar nicht.

Womit ich sagen möchte, dass ich bei der Frage des Wertes oder Gegenwertes von fünf Euro instinktiv denke: Was musst du für fünf Euro tun?, mich sodann ein leichtes Zucken befällt, was dazu führt, dass in der Mehrzahl irgendwelcher kaufrelevanter Situationen die fünf Euro in der Tasche stecken bleiben. Wo sie hingehören. Das macht mich zum Konsummuffel, was mich wiederum zur Kommunikationsbremse macht, weil man sich mit mir einfach nicht länger als eine halbe Minute darüber unterhalten kann, was man mit fünf Euro so alles machen könnte. Mir wird dann fad.

Gar nicht fad finde ich hingegen die Frage, was andere Menschen für fünf Euro zu tun bereit sind. So etwas interessiert mich brennend. Auch wenn es in Wirklichkeit nicht um fünf Euro, sondern um fünf Dollar geht, aber ist ja egal. Hier ein paar Perlen:
Ich mache für Sie eine Stadtführung durch Moskau für 5 $
Ich drucke und verteile Flyer an mindestens 30 Häuser für 5 $
Ich höre mir 15 Minuten lang via Skype deine Beziehungsprobleme an für 5 $
Ich beantworte zehn Fragen über Berlin (Deutschland) für 5 $
Ich werde jeden Song deiner Wahl als Jazz-Song singen für 5 $
Ich mache ein Design für dein Tattoo für 5 $
Ich werde eine Woche lang ein T-Shirt mit der Werbung Ihrer Firma tragen für 5 $
Ich erstelle jedes gewünschte Video in New York City für 5 $
Ich schreibe deinem Kind einen Brief vom Nikolaus für 5 $
Ich gestalte Ihnen eine Website für 5 $
Ich bringe Ihrer Katze in drei Wochen bei, wie sie sich auf Ihre Toilette setzt, für 5 $
Ich installiere Ihnen WordPress plus eine volle Woche Support für 5 $
Ich schreibe eine Rede für einen Brautvater für 5 $
Ich bringe Ihnen das Jonglieren bei für 5 $
Ich werde Sie einen Monat lang jeden Morgen telefonisch wecken für 5 $
Ich komponiere Ihnen ein italienisches Liebeslied für 5 $
Der Marktplatz, auf dem ausschließlich Fünf-Dollar-Niedriglohn-Gigs feilgeboten und nachgefragt werden, heißt Fiverr.com. Das Ganze ist kein Scherz. Obwohl die Seite einen hohen Unterhaltungswert bietet, findet hier eine rege Kleingeschäfte-Macherei statt. Manchmal bleibt beim Lesen das Lachen im Hals stecken. Weil unschwer herauszulesen ist, wie sehr den Anbietern das Wasser bis zum Hals steht.

Am besten hat mir dieses Inserat gefallen:
Ich bringe Ihnen für 5 $ bei, wie Sie mit dem, was Sie bei fiverr anbieten, doppelt so viel Geld machen können.

Samstag, 4. September 2010

Fahrradversteher


Zu den Segnungen meines Arbeitsplatzes gehört ein in der Nähe befindliches Fahrradfachgeschäft. Es ist das beste Fahrradfachgeschäft, in dem ich jemals Kundin wurde, und ich war schon in vielen Fahrradfachgeschäften Kundin, in manchen allerdings nur kurz, nämlich einmal und nicht wieder.

Beim Thema Fahrrad und Einzelhandel bin ich schrecklich wählerisch und furchtbar leicht zu irritieren, zum Beispiel durch zwangskumpelhaftes Anbiedern, oder durch genretypisches Geschnösele ("Ich bin Extrembiker, und was bist du?"), oder durch unpersönlich-pseudoverbindlich geschultes Verkäufergetue, dem es egal ist, ob es um ein Fahrradschloss oder ein Lebkuchenherz geht, Hauptsache Umsatz; oder durch anmaßende Beratungsleistungen, die die Lösung schon im voraus kennen, noch bevor das Problem artikuliert wurde. Es gibt noch hundert weitere Marotten, die ich in einem Fahrradgeschäft partout nicht ab kann, womit klar sein dürfte, dass ich selbst eine zweibeinige Marotte bin. Wenn es ums Fahrrad geht.

Doch jetzt habe ich in meiner ganzen Marottenhaftigkeit endlich ein Geschäft gefunden, das zu mir passt, mehr noch: Es zieht mich dorthin. Ich gehe richtig gern hin. Auf dem kurzen Weg vom Restaurant zum Geschäft freue ich mich regelrecht darauf.

Meistens werde ich von Fred oder Kunze empfangen. Kunze ist ein dürrer langer Schlaks mit wirrer Haarkrause und einem Bart, von dem man nie weiß, ob Kunze ihn einfach vergessen hat zu rasieren, weil er grade wieder am Tüfteln war. Kunze ist der leidenschaftlichste Fahrradtüftler, dem ich je begegnet bin. Fred ist ein noch längerer Schlaks mit langem blondem Pferdeschwanz und sympathisch rotem T-Shirt (immer). Er ist der Kommunikator des Ladens.

Als ich gestern einen Kurz-Rant zum Thema Straßenlaternen vom Stapel ließ, lächelte Fred nur milde und erwiderte sanft: "Siehst du, deshalb will ich dir ja diese Vorderlampe aufschwatzen", worauf ich schon tief Luft holen wollte, er mir aber zuvorkam: "...damit du nie mehr mit schlechter Laune hier reinkommst." Tja, so kann man mich kriegen. Es folgte ein halbstündiges Fachgespräch über das Preisleistungsverhältnis jenes fulminanten, jedoch schweineteuren Leuchtkörpers, an dessen Ende mir die Gegenargumente ausgingen und ich nur noch eines wollte: das fette Teil an meinem Lenker haben.

Zu diesem Zweck schob ich mein Fahrrad nach hinten in die Werkstatt, wo mich Giuseppe empfing. Giuseppe ist klein, stämmig, unglaublich wendig und beweglich, und während er sich um das aufgehängte Fahrrad herumschlängelte, begann er mit ihm zu reden. Mir ging das Herz auf - ein Fremder fängt an, sich mit meinen geliebten Rad zu unterhalten, als kenne er es schon ewig! "Meine Gute", sprach Giuseppe - nicht zu mir, sondern zur Fahrradkette - "meine Gute, dich hat sie aber ganz schön aushungern lassen", und dann, vorwurfsvoll zu mir gewandt: "Die Kette spricht schon die ganze Zeit zu dir, wieso hörst du ihr nicht zu?" Die Gute hatte in letzter Zeit tatsächlich vor Hunger geklappert, aber aus reiner Faulheit hatte ich sie auf Diät gesetzt.

Während Giuseppe die Kette mit Öl benetzte und sie dabei langsam durchlaufen ließ, fuhr er fort: "Ah, das gefällt dir, nicht wahr? Die reinste Wellness - wie schön, dich zufrieden schnurren zu hören", wohlgemerkt, seine Gesprächspartnerin war die Fahrradkette. Dann griff er zu einem weichen Lappen; bevor er ihn ansetzte, sagte er: "Jetzt kommt das Allerbeste, meine Gute, jetzt kommt das Peeling", sodann wurde meine Fahrradkette hingebungsvoll von überschüssigem Öl und alten Dreckpartikeln befreit. Ich stand daneben und war hin und weg.

Die Lenkerhalterung für das neue Leuchtmittel zeigte sich zunächst widerspenstig bei der Montage - kein Problem für den Fahrradflüsterer Giuseppe. "Mein Hase", - ohne Scherz, er nannte das verzickte Leuchtenklemmdings "mein Hase"! - also, "mein Hase, nun stell' dich doch nicht so an." Und tatsächlich, der Hase wurde unter seinen Händen gefügig und passte sich genau dem Lenkerdurchmesser an, "sehr gut, mein Hase, genau dort wollte ich dich haben!" Ist schon sehr speziell. Muss man mögen, so etwas. Ich mag so etwas.

"Mein Freund, du machst mir etwas Sorgen", sprach Giuseppe schließlich zu dem Scharnier des Lenkers. Er bewegte den Lenker hin und her und fragte mich: "Hörst du das?" Ich hörte nichts. Seufzend wandte Giuseppe sich wieder dem Scharnier zu und fragte es: "Sie hört dich nicht, mein Freund, das macht dich traurig, nicht wahr?" Die Geschichte ging mir ans Herz. Giuseppe griff zu einem Schraubschlüssel, da kam Bruno zur Werkstatt herein.

Bruno ist mittelgroß, Glatze, bulliger Typ, kein Freund großer Worte und seines Zeichens Chef der Werkstatt. Er kann es nicht leiden, wenn Frauen in der Werkstatt herumstehen, aber an mich hat er sich inzwischen gewöhnt, weil er irgendwie nachvollziehen kann, dass ich mein Fahrrad ungern aus den Augen lasse. Außerdem lungere ich für mein Leben gern in Fahrradwerkstätten herum und halte Maulaffen feil, und solange ich kein dummes Zeug daherrede, toleriert Bruno mich. An guten Tagen macht er sogar Witze, aber nur seinen männlichen Kollegen gegenüber, freut sich aber heimlich ins Fäustchen, wenn ich über seine Witze lache.

"Falscher Schraubschlüssel", brummte er zu Giuseppe, "passt nicht zum Scharnier, sieht doch ein Blinder!" Theatralisch schlug sich Giuseppe die Hand vor die Stirn: "Kannste mal sehen, wir Gastarbeiterkinder, wieder mal typisch!", worauf Bruno grinsend grunzte: "Sizilianischer Klempner!" und Giuseppe sich zu dem Scharnier beugte, um es zu fragen: "Hast du das gehört, mein kleiner Freund? Klempner hat er zu mir gesagt, der Ausländerfeind!", was Fred im Verkaufsraum aufschnappte und in die Werkstatt rufen ließ: "Kannst du dich nicht endlich mal integrieren, Giuseppe?", und weil Giuseppe einer von der schlagfertigen Sorte ist, rief er klagend zurück: "Prego, Alfredo, muss ich erst fragen meine Papa!"

Ich liebe dieses Fahrradfachgeschäft. Wenn ich könnte, wie ich wöllte, würde ich mein Blog dazu benutzen, um hemmungslos und voller Herzenslust Werbung für dieses Fahrradfachgeschäft machen. Auf dass bei denen die Umsätze brummen. Aber so, wie die Dinge nun mal liegen, werde ich alles Weitere für mich behalten und mich freuen, dass ich mit meinem persönlichen Lieblingsfahrradfachgeschäft eine neue kleine Heimat gefunden habe.

Montag, 19. Juli 2010

Postzustellungswesen


Eine halbe Sekunde.
Heute hat mir jemand eine halbe Sekunde seines Lebens geschenkt.
Um korrekt zu sein, war es keine halbe, sondern nur 0,46 Sekunden.

Gegen zehn Uhr betrat schweißüberströmt der Postbote das Restaurant. Um die Zeit ist das Restaurant angenehm von Rolläden abgedunkelt, während draußen schon wieder an die 30 Grad kochen. Müde ließ sich der Postbote auf einen Stuhl fallen, seufzte langanhaltend und bat um einen Kaffee und ein Mineralwasser. Als beides vor ihm stand, griff er in seine Umhängetasche und fischte ein kleines Päckchen mit einer Produktprobe heraus: Ein neuartiges Anti-Schuppen-Shampoo von einem Hamburger Kosmetikkonzern. Die Umhängetasche quoll fast über vor lauter Anti-Schuppen-Shampoo-Produktproben.

Er schob das Probepäckchen über den Tisch zu mir hinüber. Ich freute mich, obwohl ich nicht unter Schuppen leide, aber solange ich keine Schuppen kriege von dem Shampoo, sind mir solche kleinen Aufmerksamkeiten willkommen. Wir kamen ins Plaudern. Ich erfuhr, dass für den Transfer einer Wurfsendung (zum Beispiel einer Produktprobe) an den Empfänger exakt 0,46 Sekunden vorgeschrieben sind, keine Nantelsekunde länger. Natürlich steht es dem Briefträger frei, für diesen Vorgang doppelt, dreifach oder zehn Mal so lange zu brauchen, aber das ist dann sein Problem. Bezahlt wird er für 0,46 Sekunden.

Bezahlt, das heißt vom Zeiterfassungssystem anerkannt, wird lediglich der Moment des Einwerfens oder -schiebens in den Briefkastenschlitz. Allein die Zeit, die der Briefträger braucht, um seine Hand vom Briefkastenschlitz wieder zurückzuziehen, wird nicht berechnet, also nicht bezahlt.

Mein Besucher von der Post machte eine slapstickhafte Stakkatobewegung mit dem rechten Arm und meinte, das hätte ich bestimmt schon öfter gesehen: Ein Bote stünde mit dem Körper ganz dicht gedrängt vor den Briefkästen eines Hauses, beide Hände unmittelbar vor den Schlitzen, in der linken Hand einen Stapel Zeug, mit der rechten Hand in maschineller Geschwindigkeit Objekte einwerfend - Wurfsendungen eben. "Das spart überflüssige Bewegungen", erklärte der Postler, "und ob ich das Einwerfen im Winter mit oder ohne Handschuhe mache, ist dem Zeiterfassungssystem egal. Oder wie lange ich brauche, um im Regen die Folie der einzelnen Pakete aufzureißen."

Ich hatte ziemlich zu kauen an den 0,46 Sekunden. "Für 3.000 Wurfsendungen in der Woche bekommen wir 21 Minuten vergütet", konkretisierte der Mann. Ob Mittel- oder Hinterhaus, spiele keine Rolle, berechnet werde nur der Briefkasten zur Straße hin. Muss das Postzustellungswesen zu einem Tor hinein, um an die Briefkästen zu kommen? Sein Problem. Muss es um das Haus herumgehen ("alle Briefträger hassen Einfamilienhäuser")? Sein Problem. Sind im dritten Hinterhof etwa auch noch Briefkästen? Sein Problem.

"Die meisten Leute denken ja", fuhr der Postbote fort, "diese faulen Briefträger, die sollen sich nicht so anstellen, das bisschen Papier von hier nach dort zu tragen...". Ich schwieg und überlegte, wie oft ich schon einen Postboten verflucht hatte, der mir einen Benachrichtigungszettel in den Briefkasten geworfen hatte anstatt bei mir zu klingeln (vierter Stock!). Der Mann von der Post schaute mich aufmerksam an und erriet lächelnd meine Gedanken. "Mach dir nix draus", sagte er freundlich. Ich schämte mich.

Bevor er aufbrach, ging er noch rasch zur Toilette. Die Tür hinter ihm hatte sich schon fast geschlossen, da streckte er nochmal den Kopf heraus; sein Schnauzbart verzog sich zu einem lustigen Grinsen, als er sagte: "17 Sekunden fürs Pinkeln - mehr ist nicht", und als ich ungläubig dreinschaute, setzte er sarkastisch nach, "unter Verstopfung darf man in unserem Job nicht leiden, sonst hat man noch mehr unbezahlte Überzeiten!"

Es waren höchstens zehn Minuten, die wir miteinander geplaudert hatten. Muss erwähnt werden, dass der Postbote diese kurze Pause selbstverständlich nicht bezahlt bekommt? Ich schon.

Es gibt Tage, da will es mir so vorkommen, als wäre ich noch längst nicht im Prekariat angekommen. Allenfalls an seinen Rändern.

Sonntag, 16. Mai 2010

Der Handtuchroboter


So ein Umzug zieht sich. Es irrt gewaltig, wer denkt: Tag X, Kisten rein in LKW, Kisten raus aus LKW, fertig ist der Umzug. Nix ist fertig. Chaos herrscht. Denn die Kistenware muss ja wieder ausgepackt und in die Schränke reingepackt werden. Es quellen mir unvorstellbare, nicht endende Wäsche- und Klamottenberge entgegen. Woher kommt das ganze Zeug? Von mir. Unfassbar. Noch dazu muss das meiste von dem Zeug neu zusammengelegt werden: Ich hatte es irrtümlich für eine gute Idee gehalten, zum Beispiel das Geschirr schützend in T-Shirts einzuwickeln. Jetzt ist das Geschirr heil und die T-Shirts mehr Kraut als Rüben. Also neu falten und zusammenlegen, was das Zeug hält; eine selten öde Beschäftigung. War eine schlechte Idee.

Dafür hat jemand anderes eine ausgeprochen gute Idee gehabt. Der hat einem kleinen gelenkigen Roboter Leben eingehaucht und ihn so programmiert, dass das Roböterchen Handtücher aller Art und Größe erkennt und penibel zu sauberen Rechtecken faltet. Es geht dabei durchaus sensibel zu Werke, betrachtet jedes Handtuch mit buddhistischer Geduld, dreht, wendet, dehnt es, wägt ab und entscheidet sich dann für die passgenaue Faltmethode. Ich könnte dem elektronischen Falter stundenlang zuschauen; bei ihm sieht das gar nicht öd aus. Am eindrucksvollsten finde ich das sorgfältige Glattstreichen jedes gefalteten Handtuches. Fast liebevoll und irgendwie mit Hingabe. Was ich von mir beim Falten nicht behaupten kann.

via kottke

Ach, wenn der Robot mir wenigstens meine Handtücher zusammenlegen würde. Und ich dürfte ihm dabei zuschauen. Das Leben wäre schön.

Sonntag, 18. April 2010

Die Putzfrau war's


Es ist ein Segen, dass es Putzfrauen gibt. Erstens um den ganzen Schmutz wegzumachen. Zweites um noch ganz andere Dinge verschwinden zu lassen. Fehlt plötzlich ein Brilliantarmband oder ein Stück vom Tafelsilber, dann ist es nützlich, eine Putzfrau zu haben, um sagen zu können: Die war es. So wie bekanntlich der Gärtner ein notorisch mordender ist, so ist es die Putzfrau, die in den feinen Haushalten klaut wie ein Rabe. Gäbe es keine Putzfrauen, man müsste sie erfinden. Um jederzeit einen Täter zu haben, wenn einer gebraucht wird.

So gesehen, bietet die Putzbranche einen recht krisensicheren Arbeitsplatz; schließlich gibt es kaum etwas, was sich einer Putzfrau nicht anhängen ließe. Jetzt will man bei der Oberfinanzdirektion Frankfurt den Putzkräften das Verschwinden von brisanten Steuerakten in die Schuhe schieben (via Feynsinn). Wie es heißt, seien "sensible" Daten bekennender Steuerhinterzieher bei Nacht und Nebel entsorgt worden, und zwar von der Putzfrau, jawohl. Vermutlich versehentlich, oder vielleicht war es auch Absicht; vielleicht war es gar nicht die Putzfrau, sondern jemand anderer; oder vielleicht war es die Putzfrau und ein anderer hat nachgeholfen, die steuerrelevanten Flecken aus irgendwelchen unreinen Westen zu entfernen. Aus "ermittlungstaktischen Gründen" ist vom hessischen Finanzministerium nichts Näheres zu erfahren. Da ist es kein Wunder, wenn die Phantasie ins Kraut schießt.

Wozu Putzfrauen nicht alles gut sind.

Freitag, 27. November 2009

Hotline



Durst? Nachts? Notfall?
Ja! Ja! Ja!
Diese Notrufnummer hätte den gestrigen Abend gerettet. Hätte. Leider habe ich sie erst heute entdeckt: Ein Getränkekurierservice mit Lieferzeiten von 20 Uhr bis vier Uhr früh. Die Nummer steht ab heute in meinem Telefonbuch. Die runden Geburtstage können kommen.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Neues vom Campus


Bekanntlich ist ja am Dienstag dieser Woche die Prekäre Universität Berlin gegründet worden, und man wüsste zu gern, was nun, zwei Tage später, aus ihr geworden ist: Konnte sie sich halten? Wie steht sie im deutschen Hochschulranking da? Gibt es bereits Exzellenzinitiativen? Erhebt sie Studiengebühren? - und ähnliches mehr wäre interessant zu erfahren, aber es ist nichts zu erfahren; netzauf, netzab - nichts.

Nochmals die magere Faktenlage: Am Dienstag drohte die (ehemalige) Technische Universität in Berlin gebäudereinigerstreikbedingt im Dreck zu versinken; als einzig sinnvolle Rettungsmaßnahme kam eine Neugründung samt Umbenennung in Frage, weshalb die ehemalige Technische Universität in Berlin seit Dienstag - oder zumindest am Dienstag - als Prekäre Universität Berlin öffentlich auftrat. Sie wurde, wenn ich es richtig verstanden habe, des studentischen Dreckes nicht Herr.

Ganz anders die Problemlösung in Frankfurt am Main. Beim dortigen Studentenwerk hat man den Stier bei den Hörnern gepackt und am ersten Oktober eine eigene Tochtergesellschaft gegründet; das neue Unternehmen führt Reinigungsdienstleistungen durch, und zwar speziell für Einrichtungen des Studentenwerks, also Mensen, Cafeterias, Wohnhäuser. Auf dass die Studierenden nicht im Dreck versinken.
Nun ist der erste Oktober noch nicht allzu lange her, und wir erinnern uns, dass Ende September der gesetzliche Mindestlohn von 8,15 Euro in der Gebäudereinigungsbranche aufgehört hat zu existieren. Da haben sich wohl ein paar kluge Köpfe beim Studentenwerk gedacht: bloß nichts anbrennen lassen, schnell und professionell reagieren, wir machen unser eigenes Ding und machen es besser als die anderen. Die anderen, das sind die Fremdreinigungsfirmen, deren Personal bis dato für das Studentenwerk geputzt hatte. Mit denen will das Studentenwerk nicht mehr. Warum und wieso, lässt sich aus seinem programmatischen Statement herauslesen:

Die Reinigungsqualität ist insbesondere in den öffentlichen Flächen der Verpflegungsbetriebe des Studentenwerks Frankfurt am Main aufgrund von Hygienevorschriften von besonderer Bedeutung. Auch für die Wohnhäuser ist dies ein Thema von hoher Relevanz. Bisher wurde die Reinigung der Flächen von Fremdfirmen vorgenommen.

Um eine gleichbleibend hohe Qualität der Reinigungsdienstleistungen gewährleisten zu können, hat sich das Studentenwerk Frankfurt am Main entschieden, mit einer Reinigungsfirma eine gemeinsame GmbH zu gründen. Dabei hält das Studentenwerk als Hauptgesellschafter 51% der Stimmrechtsanteile.

So wird sichergestellt, dass die Angestellten zu Tariflöhnen beschäftigt werden, außerdem hat das bei der neuen GmbH angestellte Reinigungspersonal eine engere Bindung an das Studentenwerk Frankfurt am Main. Die Motivation der Angestellten, die Arbeit zuverlässig zu erledigen, soll somit gesteigert werden.

Ein Unternehmensbekenntnis zum Tariflohn ist schon mal ein dickes Plus in Zeiten prekärer Beschleunigung. Die Frankfurter Studentenwerker zahlen Tariflöhne, nicht weil sie sozialromantische Träumer sind, sondern weil sie Einsparpotentiale zu erkennen und sinnvoll zu nutzen wissen. Rechnen können sie jedenfalls beim Studentenwerk:

Aufgrund der GmbH-Gründung ergeben sich signifikante Einsparungen, da durch die gemeinsame Organschaft von Dienstleister und Studentenwerk keine Mehrwertsteuer (derzeit 19%) entrichtet werden muss. Weiteres Einsparpotenzial entsteht durch effizienteren Mitarbeitereinsatz, den wegfallenden Unternehmermargenaufschlag auf in Anspruch genommene Leistungen und den günstigeren Einkauf von Verbrauchsmaterialien.

Das Ganze klingt nach einer spannenden Initiative im universitären Umfeld; vielleicht nicht exakt das, was gemeinhin unter einer Exzellenzinitiative verstanden wird - aber eine exzellente Initiative ist es allemal. Ich bin mir fast sicher, dass die mit dem Dreck fertig werden.

Freitag, 9. Oktober 2009

Gebäudereinigerstreik


Seit heute früh streiken am Frankfurter Flughafen die Putzfrauen. Um Punkt 4:30 Uhr ging es los. Als ich wie immer um sechs Uhr anfing zu arbeiten, hatten die Kollegen am Frankfurter Flughafen längst damit aufgehört. Noch handelt es sich 'nur' um einen Warnstreik; jedoch läuft zeitgleich eine Urabstimmung unter den gewerkschaftlich organisierten Gebäudereinigern. Sollten diese sich mehrheitlich für einen Streik entscheiden,
könnten bereits ab dem 16. Oktober die Besen in weiten Teilen der Republik stillstehen,
wie die Industriegewerkschaft Bau es ausdrückte.

Jetzt mal ehrlich, das klingt ja ganz nett, Stillstand der Besen, noch dazu republikweit. Aber soll es denn nett klingen? Baut man mit stillstehenden Besen eine angemessene Drohkulisse auf, mit welch drastischen Streikfolgen (im Falle eines Streikvotums) die Republik zu rechnen hätte? Oder würde ein irgendwo in China umgefallener Reissack die Bevölkerung eher zum Ausrasten bringen? Alle Besen stehen still. Sach bloß. Dann wird's halt ein paar Tage lang auf den Flughäfen, in den Rathäusern und Schulen ein bisschen staubiger als sonst aussehen - was soll's.

Schon klar, die Gewerkschaften verstehen sich in der Tradition der Arbeiterbewegung. Deshalb wollen sie, dass es den Leuten bei stillstehenden Besen in den Ohren klingelt und sie, die Leute, wie auf Knopfdruck denken: Aha, wie ging das nochmal - genau, Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Ob jetzt Räder oder Besen, ist eh wurscht. Hauptsache, in der Tradition, irgendwie. Dein starker Arm. Weh tut das garantiert keinem.

Wie wär's damit: Im Falle eines Streikes könnten bereits ab dem 16. Oktober die öffentlichen Toiletten in weiten Teilen der Republik wegen akuter Verschmutzung nicht mehr benutzbar sein. (Gleiches gälte vermutlich für die meisten privaten Toiletten.) Das klingt doch gleich viel bedrohlicher. Dreckige Klos landauf, landab - das schmerzt. Weh tun muss es. Es ist der Dreck, der weh tut, nicht der ruhende Besen.

Nun war das heute am Frankfurter Flughafen nicht die erste Aktion dieser Art. Vorausgegangen waren bereits Warnstreiks in anderen deutschen Städten, zum Beispiel in Duisburg. Grund des Konfliktes ist das Wegbrechen des gesetzlichen Mindestlohns (8,15 Euro in der Gebäudereinigungsbranche) - seit Ende September. In einem anderen Streikvideo aus Duisburg deutet eine gelernte Glas- und Gebäudereinigerin an, wie unangenehm es für die Allgemeinheit werden könne, wenn sich keiner mehr bereit erklärt, die öffentlichen Toiletten zu putzen. Sehr unangenehm, und zwar innerhalb sehr kurzer Zeit. Sie macht nicht viel Worte, aber man bekommt ein gruseliges Gefühl, wenn man ihr zuhört.

Am Flughafen Frankfurt war heute früh von 4:30 Uhr bis 8.00 Uhr keine einzige Toilette geputzt worden. Dreieinhalb Stunden. Als Eingeweihte ist mir eins klar: Um nichts in der Welt hätte ich um kurz nach acht eine Flughafentoilette aufsuchen wollen müssen. Ich kenne mich aus. In dreieinhalb Stunden geschieht vieles auf einer öffentlichen Toilette. In drei Tagen noch sehr viel mehr. Drei Wochen wären das Inferno.