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Montag, 11. Juni 2012

Einmal durchgewischt


Großreinemachen. Schönes deutsches Wort.
Man hört förmlich die Besen durch die Luft schwingen, die Wischmops über den Boden schmatzen und die Putzfrauen fluchen.
Alles sauber, alles fein,
porentief und besenrein,
so soll unser Haushalt sein.
Oder unsere Wirtschaft. Daher der Name Besenwirtschaft.

Attraktiv auch des englische Wort, the big clean-up:
die große Aufräumaktion, alles ausgemistet und entrümpelt,
mach mal weg
den ganzen Dreck
und es rackern rund um die Uhr
toughe Jungs von der Müllabfuhr.

Eine wortgewaltige transatlantische clean-up campaign wird derzeit vom amerikanischen mastermind of hope™ and change™ losgetreten: Ihr da drüben, räumt mal endlich euren Dreck weg und schafft Ordnung in eurem europäischen Krisen-Saustall!
Am Freitag forderte US-Präsident Obama die europäische Führungselite zu dringendem, entschiedenem Handeln auf, um die Wirtschaftskrise abzuwehren, und drängte die Griechen kurz vor den Wahlen, einen Weg zu wählen, der sie in der Eurozone zu bleiben lasse.

Während EU-Funktionäre damit beschäftigt waren, einen gigantischen Rettungsplan für Spaniens lahmende Banken auszuarbeiten, betonte Obama, er vertraue darauf, dass die europäischen Regierungen den Ernst einer Krise einzuordnen wüssten, einer Krise, die die Aussicht auf seine Wiederwahl im November schwer belaste.

"Und je schneller sie handeln und je entschiedener und konkreter ihre Maßnahmen sind, desto schneller werden Menschen und Märkte etwas Vertrauen zurückgewinnen, desto billiger werden die Kosten des Großreinemachens auf der ganzen Linie sein."
Wir lassen jetzt mal den präsidialen Hirnriss außer Acht, dass Obama die Griechen dazu aufruft, genau jene Partei-Saubermänner zu wählen, die den Krisen-Saustall zu verantworten haben, und beschränken uns auf den aktuellen Putzfimmel des POTUS; nämlich das Großreinemachen, das er möglichst kostengünstig abgewickelt wünscht ("...the cheaper the costs of clean-up will be down the road").

Banksy

Nun gehören billige Putzkräfte zwar seit jeher zu den feuchten Träumen schwerreicher Eliten, die ihre Milliarden lieber anderweitig renditebringend in den Sand setzen als ihre Putzfrauen und Müllmänner so zu bezahlen, dass die auch davon leben können. Jedoch, ungeachtet aller Appelle aus Übersee, droht neues Ungemach an der griechischen Saustallfront:

Die städtischen Putzfrauen und Müllmänner wollen nämlich streiken! Zwei volle Tage lang! Und zwar nicht irgendwann, sondern am 16. und 17. Juni, also genau zu dem Zeitpunkt, wo Griechenlands Wahllokale sich öffnen und Amerikas Mr. Hope'n'Change darauf hofft, dass sich etwas ändert, nämlich nichts. Genau dann wollen die streiken! Und zwar nicht irgendwo, sondern genau dort, wo's wehtut, nämlich landesweit in den Wahllokalen, sozusagen den (aus Obamas Sicht) gefürchteten Epizentren des künftigen Saustalls.

Kategorisch weigern sich die städtischen Reinigungskolonnen, in den Wahlzentren ihren schlechtbezahlten Dienst zu versehen, es sei denn, sie kriegen dafür eine angemessene Sonderzulage ("higher electoral pay"). Billiges Großreinemachen läuft nicht, sagen sie, nicht mit uns, und schon gar nicht, solange "die Angestellten vom Innenministerium 1.800 Euro (Wahlsonderzulage) bekommen, was dem Dreimonatslohn eines städtischen Müllarbeiters entspricht und für uns eine Provokation ist".

Tscha. Was bleibt?

Schafft die Putzfrau nicht für lau,
sieht's am Wahltag aus wie Sau.

"You are not Banksy"

Montag, 30. April 2012

Gastfeindschaft


Was ist Gastfreundschaft?

Eine Kultur zwischenmenschlicher Zivilisiertheit und Kontaktfreude. In ihr kommt zum Ausdruck der Wunsch nach einem großzügigen, freigiebigen sozialen Miteinander, das die Beteiligten unentgeltlich bereichert. Sei mein Gast - vielleicht werden wir irgendwann Freunde. Gastfreundschaft: Mein Haus ist offen für dich. Du kannst kommen und gehen, wie du möchtest.

Gastfreundschaft ist mehr als nur ein Wort. Es ist aber auch ein Wort. Als Wort eignet es sich, wie alle Worte, für Propagandazwecke; auch solche der niedersten Art. Wenn das 'offene Haus' als Synonym für Gastfreundschaft gilt, was ist dann unter "geschlossener Gastfreundschaft" zu verstehen? Etwa: Du darfst kommen, aber nicht mehr gehen? Oder: Du kommst als Gast und bleibst als Feind? Oder: Sei mein Gast, lass dich einsperren?

Bild: Katerina Komita

In Griechenland wurden auf die Schnelle 30 Internierungslager zur "Unterbringung" illegaler Immigranten eingerichtet, auf Initiative des griechischen Ministers für sogenannten Zivilschutz. Natürlich nennt der Zivilschutzminister seine Internierungslager nicht Internierungslager.

Internierung? Ach wo. "Gastfreundschaft"! Lager? Nicht doch. "Zentren"! Das klingt hilfreich, edel und gut. Vielleicht ein wenig zu hilfreich, edel und gut? Weil, es soll ja keiner die neuen "Zentren für Gastfreundschaft" mit einem offenen Haus verwechseln. Na gut. Der Minister für Zivilschutz ist um kreative Wortfindungs- beziehungsweise Wortverdrehunglösungen nicht verlegen und nennt seine Internierungslager darum:
"Geschlossene Zentren für Gastfreundschaft"
("Closed Hospitality Centers")
Natürlich sollte hospitality (Gastfreundschaft) in diesem Kontext keinesfalls verwechselt werden mit hostility (Feindseligkeit), auch wenn beides ähnlich klingt. Natürlich ist "zivil" im Kontext von "Zivilschutz" keinesfalls zu verwechseln mit 'zivilisiert', auch wenn beides ähnlich klingt. Schließlich will der Minister für Zivilschutz ja nicht den zivilisierten Umgang mit Immigranten, Flüchtlingen, Asylanten (also: Menschen) schützen, sondern dem unzivilisierten Umgang mit diesen Menschen Tür und Tor öffnen; weshalb es unter propagandistischem Aspekt als nahezu genial gelten darf, dass er seine gastfreundlichen Zentren als "geschlossen" bezeichnet. So geschlossen wie Lager nun mal sind.

Natürlich würde der Minister für Zivilschutz sich entschieden dagegen verwahren, unterstellte man ihm, bei seinen Zentren der Gastfreundschaft handele es sich um Sammelstationen für Menschenmüll. Weil, so etwas sagt man nicht, selbst wenn man es so meint.

Was der Minister für Zivilschutz allerdings meint, wenn er sagt: "Athens Innenstadt säubern" ("clean up the center"), ist unschwer zu erraten. Vollends unzweideutig und politrhetorisch kaum zu toppen ist seine zweideutige Formulierung "sweeping operations": Sweeping ist ein semantisch biegsamer Begriff - sweeping bedeutet einerseits "drastisch, weitreichend, einschneidend"; andererseits heißt sweeping nichts Eindeutigeres als "kehren". Und zwar, laut Wörterbuch, "in hohem Bogen", gern auch "im Rundumschlag".
Niedriger, fürchte ich, geht es nicht; eine Gesellschaft in tiefer Krise betrachtet ihre Mitmenschen als "Müll", und anstatt, wenn ihr "Closed Hospitality Centers" zu Ohren kommen, damit Konzentrationslager zu assoziieren, betrachtet sie diese Zentren als die Lösung. "Endlösung"?
Gestern gab der Minister für Menschenmüll die "Einweihung" des ersten "Geschlossenen Zentrums für Gastfreundschaft" bekannt; 56 Immigranten ohne Papiere wurden in das Internierungslager Amygdaleza* im Nordwesten Athens deportiert. Pardon, eingeladen.


Die Amygdala ist ein Kerngebiet des Gehirns. Sie ist wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.

Freitag, 14. Oktober 2011

Machtprobe



Tolle Schlagzeile zum 15. Oktober:
"Indignant protests to sweep across world"
(Indignado Protestbewegungen räumen weltweit auf)
Aufräumen! Saubermachen! Weg mit dem Dreck! Cool!

Extrem uncool hingegen ist der Plan von NYC Bürgermeister Mike Bloomberg, den von#occupywallstreet besetzten Zuccotti Park im Finance District zu säubern, offizieller Start: heute früh 7 Uhr Ortszeit NYC. Des Mayors generöses Angebot, die Besetzer dürften nach erfolgter Reinigung auf den Platz zurückkehren, "sofern sie sich an das Gesetz halten", wird de facto auf eine Kraftprobe hinauslaufen:
"Diese Säuberungsmaßnahme ist als eine Art Sprengsatz zu verstehen, um die persönlichen Habseligkeiten der Camper von #occupywallstreet zu entfernen; nicht nur wird es ihnen verboten sein, (nach der 'Reinigungsaktion') ihr Hab und Gut zurückzubringen, vielmehr wird es sogar verboten sein, sich auf den Boden oder die Bänke zu legen oder eine Decke (Schlafsäcke, Planen) auf den Boden zu legen."
Klartext: Sich künftig weiterhin in Zuccotti Park aufzuhalten, ohne dabei gegen die neue "Gesetzeslage" zu verstoßen, wird zu einem Ding der Unmöglichkeit werden. Vielleicht kein zeitlicher Zufall, dass in New York einen Tag vor Beginn der weltweiten Proteste hart durchgegriffen werden soll? Den Indignados dieser Welt mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt?

Die Indignados von #ows haben verstanden: Sie rüsten sich zum Widerstand gegen das zu erwartende putzende Rollkommando.
"Come to #ows tonight at midnight to defend the occupation from eviction.
"Wenn Bloomberg tatsächlich die Sauberkeit des Parkes am Herzen läge, sollte er besser das Aufstellen von Abfallcontainern veranlassen.
Wir wissen, wo der wirkliche Schmutz sitzt: auf Wall Street. Milliardär Bloomberg fühlt sich den Bankern verbunden.
Wir lassen es nicht zu, dass Bloomberg und die NYPD unsere Occupation zwangsräumen. Dies ist eine Besetzung, kein genehmigtes Picknick."
Offenbar besteht die Taktik von #ows einerseits darin, Zuccotti Park mit Massen von Unterstützern zu überfluten - so vielen, dass die Kapazität sämtlicher Gefangenentransport-Busse New Yorks hoffnungslos überschritten sein wird.
"Direct Action committee: We have word that NYPD are showing up as early as 4am. So let's stay up all fucking night!" #occupywallstreet (@newyorkist)
Andererseits wird in Zuccotti Park seit Stunden von #ows-eigenen Reinigungskräften geputzt, dass die Schwarte kracht:


Noch vor Morgengrauen wird sich der physische Widerstand materialisieren, und zwar bewaffnet, und zwar so:
"We'll position ourselves with our brooms and mops (ha! I'm with you! - vollste transatlantische solidarische Unterstützung seitens Mrs. Mop!) in a human chain around the park, linked to the arms. If the NYPD attempts to enter, we'll peacefully/non-violently stand our ground and those who are willing will get arrested."
Das letzte Zitat stammt von live.nydailynews.com, deren Reporter über das nächtliche und morgendliche Geschehen bei #ows in Zuccotti Park live bloggen.

Übrigens ist das stürmische Herbstwetter dem nächtlichen Putz-in der Besetzer wohlgesonnen:
"Pouring rain - plus thunder and lightning - just erupted again, followed by a loud cheer from the crowd."
Na bitte. Heftige Wolkenbrüche all over the place erleichtern das feuchte Wischen ungemein.

Keep your mops grooving, folks!
Power to the people from #ows!

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Mit Hochdruck gegen Schmuddelkinder


Mike Bloomberg - der Bürgermeister von New York City und über jeden Zweifel erhaben, einer anderen als der berüchtigten "1%"-Einkommensschicht anzugehören - greift ein. Oder greift an? Der morgige Freitag wird es an den Tag bringen.

Gestern nämlich stattete der Mayor den Besetzern von #occupywallstreet einen Besuch ab. Wie immer, wenn einer ungebeten und ohne Einladung zu Besuch kommt, hielt sich auch bei #ows die Gastfreundschaft in engen Grenzen ("Gebt dem Kerl einen Teller voll Essen, damit er den Mund hält" war noch die höflichste Empfangsformel). Was undankbar ist, kam der erklärte Freund und Helfer von Wall Street doch in lauterster, um nicht zu sagen reinlichster Mission.

Zuccotti Park (= #ows location) gehöre, so Bloomberg, dringendst gesäubert, ahem, gereinigt. Weil die dauercampenden verschmuddelten Hippies "unerträglich unhygienische Zustände" geschaffen hätten. Unerträglich unhygienisch, das kommt immer gut, mag sich der New Yorker Saubermann gedacht haben; und wer denkt da nicht an Präsident Sarkozys seinerzeitige Hochdruckreiniger-Rhetorik? Schon ein paar Jahre her, aber immer noch gern in Stellung gebracht.

Es mindert den bürgermeisterlichen Putzfimmel nicht im mindesten, dass laut sämtlichen Augenzeugenberichten der besetzte Park täglich von einem #ows-Reinigungsteam penibel in Ordnung gehalten wird (Trennmüll! Papierkorbentleerung! Kooperation mit der örtlichen Müllabführ!) und sogar, seit dem segensreichen Wirken der Besetzer, die frühere Tauben- und Taubenkotplage im Park wie weggewischt ist. Nein, Multimilliardär Bloomberg - fleischgewordenes Symbol dessen, wogegen #ows protestiert - schreitet zur Generalreinigung.

Zu diesem ehrenwerten Zweck, so Bloomberg, mögen die Protester bitte den Park räumen. Tun sie es nicht, stünde einer sauberkeitsbedingten Zwangsevakuierung nichts mehr im Wege und Bloombergs Träume würden wahr. Es liegt also gewiss nicht völlig daneben, wer hinter der vorgeblichen Putzoffensive eine Ouvertüre zur ganz großen Aufräumaktion vermutet. Im klug-strategischen Vorfeld wurden vor ein paar Tagen bereits Schlafsäcke und Campingzubehör in Zuccotti Park verboten. Die Nächte werden kühl, der Winter naht - die Stadtverwaltung lässt sich allerhand einfallen, um die Besetzer wegzuschikanieren.

Wie, wegschikanieren? Aber nicht doch. Mit bändesprechendem Raubtierlächeln versprach Bloomberg den Besetzern großzügig, sie dürften nach erfolgter Säuberung in den Park zurückkehren. Natürlich nur, solange sie sich dort "gut benehmen". Ist er nicht nett, der fürsorgliche Stadtobere?

Hoppla, morgen ist Freitag, morgen ist Großputztag, da kommt die städtische Säuberungskolonne, da bringen wir den Park auf Vordermann, sorgen für Hygiene - im Interesse aller, selbstredend, besonders "im Interesse der Protester" -, hinterlassen vielleicht sicherheitshalber ein paar Spikes auf den Parkbänken, um das Sitzen zu verunmöglichen (NYC hat reichlich Erfahrung mit Maßnahmen zur Vertreibung von Wohnsitzlosen) und - man wird ja wohl noch ein bisschen phantasieren dürfen - das eine oder andere strategisch sinnvoll plazierte Abhörgerät. Und dann "dürft" ihr zurückkommen, ihr nichtsnutzigen Protester, die ihr unseren Park verschandelt (der inzwischen zur Touristenattraktion No. 1 in Downtown NYC geworden ist).

Aber nur, wenn ihr euch "gut benehmt". Weil, wir können auch anders. Ihr kennt ja bereits unsere berühmt-berüchtigten Großreinemache-Fahrzeuge.


Sonntag, 8. Mai 2011

Happy Mother's Day



Alles kommt wieder, auch die 50er Jahre. War das nicht schön damals, als Mutti noch genau wusste, wo ihr Platz war? Und das Töchterchen frühzeitig coachte, damit auch ihm beizeiten klar wurde, an welchen Platz es einmal gehören würde?

Ist das wirklich schon so lange her? Mir scheint, die 50er Jahre waren erst gestern. Ach was - heute! Diese Anzeige des Jahres 2011 verströmt den strengen Geruch längst vergangen geglaubter Zeiten. Bereits damals meinte ein aufgepumpter Fettsack männlichen Geschlechts namens Mr. Proper den properen Hausfrauen zeigen zu müssen, wo es lang geht; er tut es heute wieder.

Mit welcher Botschaft? Herr Saubermann - das heißt: die Firma Procter&Gamble - rät den Mädels, am sogenannten Muttertag doch bitte jenen Job zu verrichten, auf den es "wirklich" ankommt. Was er damit wohl meint? Fenster putzen? Boden wischen? Oder, zur Feier des Tages - nur an diesem einzigen Tag - mal keine Fenster putzen, keinen Boden wischen, einfach mal ganz Mutter sein oder was?

"Keep scrubbing, Bitch!", interpretiert der zum Sarkasmus neigende Copyranter die Werbeaussage, nennt Mr. Clean bei seinem bürgerlichen Namen, nämlich "chauvinistic asshole" und schließt seine Exegese mit der Bemerkung: "Werbung, die nach desinfiziertem Sexismus stinkt." Goldene Worte.

Aber man wird doch wohl den sogenannten Muttertag noch stilvoll abfeiern dürfen, oder? Na klar, am besten so:
"It's a day to say: Fuck you, misogynistic Mr. Clean!"

Sonntag, 27. März 2011

Verpatzt


Bin ich doch über so ein Wort gestolpert und kriegte mich nicht mehr ein. Das Wort heißt iPutz. iPutz! Was für ein Wort! Ist ja klar, dass da bei jemandem wie mir alle Glocken läuten und sich die verwegensten Assoziationen einstellen. Ich wollte auf der Stelle einen iPutz haben.

Ich imaginierte einen niedlichen kleinen Putzroboter, so auf Rädern und mit Fernbedienung, und ich sitze gemütlich auf dem Sofa und klicke dem Helferlein elektronische Befehle rüber "ei putz, iPutzi!", und das Helferlein schnurrt gigabytemäßig durch die Wohnung und alles wird gut.

Alternativ, dachte ich mir, wäre eine neue Anwendertechnologie namens iPutz keine schlechte Sache, zur Aktivierung der Selbstreinigungskräfte, sozusagen. So eine Art Putz-App, die turnusmäßig anfängt zu blinken, wenn's mal wieder Zeit wird: "I putz!", was dann so viel bedeuten würde wie "Ey, putz' mal wieder deine Hütte!"

Ich war mehr als angetan und produzierte zu dem Begriff weitere Einfälle, die sich hartnäckig im putz-assoziativen Bereich hielten. Das war ein Fehler. Denn ich begann nach dem Wort zu googeln. Vielleicht war das der Fehler. Denn ein Putz ist weder etwas Nettes noch Niedliches noch in irgendeiner Weise Hilfreiches. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat mehrere despektierliche Bedeutungen, von denen die einzig hier wiederzugebende, weil jugendfreie, diese ist: Idiot.

Putz im Sinne von Idiot wird, englisch ausgesprochen, zu Patz. Weiß man erst mal, dass ein Patz ein unguter Zeitgenosse ist, fängt es einem vor dem i schon an zu grausen. Ein i-Idiot - viel schlimmer kann es nicht kommen. Einer, der sich mords was einbildet auf seinen Besitz an Apple-Spielzeugen und denkt, er sei der Käs', bloß weil er stinkt. So jemand wird umgangssprachlich als iPutz bezeichnet:
"any nerd who claims to be cool because they own an iphone."
oder:
"anyone who waits in line anywhere for the latest Apple gadget."
Wieder was gelernt. Ich wollte kein iPutz mehr haben. Und ein iPutz sein oder so genannt werden will ich erst recht nicht. Wer will schon gerne iPutz genannt werden, selbst wenn er vielleicht einer ist? Keiner. Zumal, wie angedeutet, das semantische Umfeld des Wortes Putz alles andere als schmeichelhaft ist.

Einem ist es jetzt aber doch passiert. Und zwar nicht irgendeinem, sondern dem Präsidenten und CEO der Federal Reserve Bank, kurz Fed, in New York, Bill Dudley. Er wurde öffentlich als iPutz bezeichnet, und höchstwahrscheinlich ist er auch ein iPutz, hört das aber wohl gar nicht gern, denn es ist nun mal kein Kompliment und war in dieser Überschrift auch gewiss nicht als Kompliment gemeint.

Vor ein paar Tagen war nämlich der Fed-Chef missionarisch unterwegs gewesen im New Yorker Stadtteil Queens (ein Stadtteil mit nicht eben gutbetuchter Durchschnittsbevölkerung). Dort versuchte er einer Bürgergruppe weiszumachen, dass es derzeit in Amerika keine Inflation gäbe, beziehungweise dass die Inflation unter Kontrolle wäre, beziehungsweise dass, genau genommen, das Land sich in einer deflationären statt inflationären Entwicklung befände.

Den weniger gutbetuchten Bürgern wollte das nicht recht einleuchten. Müssen sie doch Monat für Monat tiefer in die Tasche greifen, um sich so Grundlegendes wie Lebensmittel, Heizöl, Benzin, Versicherungen und ärztliche Versorgung leisten zu können. Weil nun mal alles immer teurer wird.

Jedoch, einen Chefökonomen und ehemaligen geschäftsführenden Direktor von Goldman Sachs ficht das nicht an. Steigende Lebensmittelpreise? Peanuts. Dudley - ein Freund hedonischer Preisberücksichtigung - zog es vor, von dem unglaublich günstigen Preisleistungsverhältnis jeder neuen Generation von iPads zu schwärmen: Die würden womöglich ein bisschen mehr kosten, dafür aber eine Menge mehr Technologie fürs Geld bieten, deshalb unterm Strich sogar billiger werden und wären, so Dudley, ein sagenhaftes Schmankerlschnäppchen für jeden Technikliebhaber.

Dass man in ein iPad jedoch nicht reinbeißen kann, um seinen Hunger zu stillen, verdeutlichte der Einwurf eines vergrätzten Bürgers "Sir, wann waren Sie das letzte Mal Lebensmittel einkaufen?", was der Befragte nonchalant als rhetorische (und damit irrelevante) Frage unter den Tisch fallen ließ. Was zählte, sei die offenkundig deflationär sich entwickelnde Computertechnologie. Das müssten die Leute doch endlich kapieren. Auch solche Leute, auf deren Einkaufszettel gar kein iPad stünde.

Der Typ bringt mich auf Ideen: Ich streiche einfach von meinem Einkaufszettel so triviales Zeugs wie Brot, Butter und Bananen, schreibe stattdessen ein iPad drauf und zack!, geht meine ebenso gefühlte wie erlebte Inflationsrate in den Keller.

Fortan lebte sie in Saus und Braus, umgab sich mit iPads, wurde zum iPutz, und wenn sie nicht verhungert ist, dann lebt sie noch heute.

Dienstag, 16. November 2010

Wisch und weg



Mop unter Pantoffel

Dienstag, 9. November 2010

Lebenslänglich


Das ist jetzt KEINE Werbung.
Obwohl es natürlich eine Werbung ist.
Ist mir aber schnurzegal.


thanks, copyranter

Dienstag, 12. Oktober 2010

Entflammt


So'n Ding hätte ich gern:


Für alle Lebenslagen des Angriffes und der Selbstverteidigung.
Hier wird das formschöne Haushaltsgerät in Anschlag gebracht von einer Art Desperate Stuttgart Housewife, die in schwäbischer Gründlichkeit zum Äußersten entschlossen ist. Meine latente pyromanische Veranlagung schlägt Funken. Ich will das Ding haben.

Da ich ohnehin nicht zu den Menschen gehöre, die keiner Fliege etwas zu Leide tun, stünde einer zivilen Nutzung des Gerätes im Restaurantbereich nichts im Weg. Stichwort Fruchtfliegenbekämpfung. Fruchtfliegen im Herbst, zur Zeit Topthema in der Gastronomie! Manchmal schaue ich zur Decke hoch und denke: könnte mal wieder einen neuen Anstrich vertragen - dabei handelt es sich um anthrazitfarbene Fruchtfliegenkolonien, was einen höchst lästigen, nervigen, umständlichen Staubsaugereinsatz mit gefühlt zehn Meter langem Teleskoprohr zur Folge hat. Hinterher ist man kreuzlahm. Ich hasse es. Ich will auf der Stelle so ein Ding haben.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Druck der Straße


Würde ich gefragt, was ich im Rahmen meiner Lohnschrubberei am liebsten mache, antwortete ich ohne Zögern: Fenster putzen. Klarer Fall. Gerade an Tagen wie heute mit weichem, wärmendem Herbstlicht und viel Bewegung in den Bäumen wie auf der Straße. Das Tolle am Job des Fensterputzers ist, dass er so kommunikativ ist - fast jeder, der vorbeiläuft, grinst, hat einen Spruch auf Lager oder bleibt einfach stehen und schaut eine Weile zu. Ich mag das.

Komischerweise verhalten sich die Passanten nicht halb so kommunikativ, wenn ich den Hof oder den Gehweg kehre. Oder wenn ich gar einen Eimer Putzwasser in den Rinnstein kippe - da guckt keiner zu, da gucken alle weg. Je bodennaher die Tätigkeit, desto wegguck. Stehe ich dagegen oben auf dem Fenstersims und mache mich lang nach allen Seiten, wird gern geguckt. Es ist, als ob die Leute gern hinaufschauen, aber gar nicht gern hinunter.

Heute war der Extrembär los. Als ich mich gerade nach den Oberlichtern (außen) längte, bog die flottengroße Besatzung eines Kindergartens um die Ecke. Das Zwergenrudel blieb mit offenem Mund vor dem Fenster stehen und war von keiner Betreuerin der Welt (zwei) zum Weiterlaufen zu bewegen. Sie standen festgegossen wie Brückenpfeiler und staunten. Ein kleiner Knirps sagte mit großer Inbrunst "So was mach' ich auch mal!", worauf ihm ein größerer Knirps konterte, das sei doch noch gar nichts, er würde "so was" mal an richtigen Hochhäusern machen, "mit tausend Stockwerken und immer weiter höher hoch", und als ich ihn fragte, ob er denn schwindelfrei sei, überlegte er einen Moment mit offenem Mund, bevor er mich zurückfragte: "Meinst du jetzt, ob ich lügen tu'?" Vor Begeisterung trat ich in die Herbstastern.

"Verdienst du viel Geld?", fragte fast ehrfürchtig ein kleines Mädchen. Oh Kindermund. Weil mir keine pädagogisch wertvolle Antwort einfiel, fragte ich sie retourkutschenmäßig, wieviel "viel Geld" sei? "Dass du uns jetzt allen gleich ein Eis kaufen kannst!", rief es prompt zurück. Die Horde grölte. An die fünfzehn Zwerge hüpften besessen auf und ab und schrien: "Wir wolln Eis! Wir wolln Eis!" So druckvoll kann nur der Druck der Straße klingen.

Frau Übermop guckte streng. Hat nichts genutzt. Bisschen Action muss sein im grauen Alltag. Natürlich gab es kein Eis, ich habe ja nicht im Lotto gewonnen; dafür Karamelkekse für alle. Solche, die die Restaurantgäste zum Kaffee auf die Untertasse gelegt bekommen. Vom Fenstersims hoch oben einzeln in die Zwergenschar geworfen - vergessen war das Eis, umworben der Gebäudereinigernachwuchs, gemacht der Tag.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Underdogs Lieblingsjob


Das Jobwunder nimmt seinen Lauf. Unaufhaltsam. Darum setzen wir heute unsere beliebte Reihe 'Jobs, die keiner machen will' fort mit der aktuellen Episode 'Poop Pick up - oder: Suche Jobs, die sonst keiner machen will':
Haben Sie es satt, hinter Ihrem Hund aufzuklauben? Dann sollten Sie diese Anzeige lesen! Ich komme gerne zu Ihnen nach Hause, um die ganze Hundekacke auf Ihrem Hof wegzuputzen und sie anschließend zu entsorgen. Auch kann ich Ihren Hund jederzeit ausführen, wann immer es Ihnen recht ist. Außerdem kann ich Ihren Hof/Garten von Müll oder Bauschutt entrümpeln. Sollten Sie einen Keller besitzen, dem es an Sauberkeit und Ordnung mangelt, rufen Sie mich an! Ich suche grundsätzlich nach solchen Jobs, die sonst keiner machen will. Kein Job ist mir zu groß oder zu klein!

Das Job-Inserat wurde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufgegeben*, könnte aber auch hierzulande für ein exponentielles Weiterwuchern des Jobwunders sorgen. Hat doch schon vor einem halben Jahr eine deutsche Grünenpolitikerin den Boden bereitet, den sie künftig am liebsten hundekackefrei sehen würde. Jobs, die kein Hundebesitzer machen will? Kein Problem, wofür haben wir unsere Spezis aus der Abteilung Leistungsempfänger. Langt in die Scheiße, Leute.

Wenn ich es mir recht überlege, wäre da ein zusätzlicher Nebenverdienst für mich drin. Denn keiner der zahlreichen Hundebesitzer, die mir noch vor der Morgendämmerung - also im Schutze der Dunkelheit - begegnen, denkt auch nur im Halbschlaf daran, die Exkremente seines Lieblings zu beseitigen. Da käme ein ordentlicher Haufen zusammen. Ich wittere den Aufschwung: der Jobklassiker für den Underdog.

*in Craigslist, dem weltweit größten Online-Netzwerk für Jobsuche und -angebote

Freitag, 1. Oktober 2010

Von der Rolle


Sitzen zwei Putzfrauen am Ende einer Rolltreppe und haben keinen Bock auf Putzen.
Dachte ich zuerst.
Fand ich gut.
Aber die sitzen da tatsächlich und putzen.
Im Sitzen.
Fand ich auch gut.



Aber wie ich so im Sitzen den beiden beim Putzen im Sitzen zuschaue, denke ich, irgendwas läuft da doch verkehrt. Erst wird der Schmutz mit dem Besen gesammelt, dann fällt er auf die nächste hochrollende Stufe, dort wird der Schmutz wieder gesammelt, um wieder auf die nächste Stufe zu fallen, wo der Schmutz erneut gesammelt und auf die nächste Stufe fallen gelassen wird - im Prinzip bleibt also der Schmutz an Ort und Stelle. Nur jeweils auf höherer Stufe. Phänomenal.

Wenn man erst einmal anfängt, über die richtige Richtung beim Rolltreppeputzen nachzudenken, kann einem ganz schwindelig im Kopf werden. Irgendwie ist das nämlich verzwickt, und noch ist mir keine Patentlösung dazu eingefallen, nur der vage Verdacht, dass es kein richtiges Putzen im falschen Putzen geben kann.

Finde ich auch gut.

Mittwoch, 22. September 2010

Text putzen


Heute war ein erfreulicher Tag. Denn heute nachmittag gab es einen kleinen Lektorier-Job, dem vielleicht noch weitere kleine Lektorier-Jobs folgen werden. Das erfreulichste daran war, dass der Job im Restaurant stattfand, denn bei dem Auftraggeber handelt es sich um einen der Geschäftsführer, der sich gerade ein zweites Standbein als Buchherausgeber und Verleger aufbaut. Auch er ein Multijobber, sozusagen. Wenn auch in einer etwas anderen Liga spielend als ich.

Ich schmiss also um 11:30 Uhr die roten Schuhe von den Füßen und die Schürze vom Leib, hockte mich rollenkonfliktfrei vors Laptop und wurde vom Geschäftsführer mit Speis' und Trank verwöhnt. Da dieser Geschäftsführer das Servicegeschäft leitet, weiß er, wie das geht (das mit dem Verwöhnen). Er gab den Vollprofi.

Ich aber auch. Hocherfreulich war es festzustellen, dass meine sprachfahnderischen Reflexe immer noch einwandfrei funktionieren; die Arbeit am Text ging mir leichter von der Hand denn je. Manchmal hielt ich inne, schaute zum Fenster hinaus und hatte das unbestimmte Gefühl, die nachmittägliche Leichtigkeit der Textarbeit könnte vielleicht irgend etwas zu tun haben mit der schweren körperlichen Arbeit am Vormittag. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber doch. Irgendwie jedenfalls.

Am allererfreulichsten war der Umstand, dass dieser Geschäftsführer als (verlegerischer) Auftraggeber ein pflegeleichter ist: Er zeigte sich durchweg einsichtig, fügte sich allen meinen Verbesserungsvorschlägen fast widerstandslos, und wenn ich anfing streng zu werden ("Das geht so nicht, basta!"), sagte er "okay", stand auf und kochte frischen Kaffee. Es war ein selten gemütlicher und dabei intellektuell herausfordernder Job. Als der Feinschliff am Text sich in die Länge zu ziehen begann - die Zeit drängt, die Buchmesse naht und der Flyer musste heute noch raus -, schaute er auf die Uhr und bemerkte: "Hoffentlich hast du heute nichts mehr vor", worauf ich ein vorwurfsvolles Gesicht aufsetzte und erwiderte: "Doch, ich muss noch bloggen", was sich ja auch irgendwie erfreulich anfühlt, wenn man seinem Auftraggeber gegenüber das einfach so erwähnen kann.

Interessant war es zu erleben, wie das Restaurant im Laufe des Nachmittags sein Gesicht und seine Energie verändert. Köche und Küchenhilfen werkelten lautstark in der Küche, gegen vier Uhr begann der Service zu wuseln, das Telefon ging immer öfter, der ganze Bienenstock fing an zu summen, die Zeit verstrich und aus dem Summen wurde eine Brummen, wie ein Organismus, der sich warm läuft und allmählich auf Hochtouren bringt. Auch war es interessant zu erleben, dass die weiblichen Servicekräfte und Küchenhilfen es hochinteressant fanden, dass da die Putzfrau am Laptop sitzt und dem Chef Vorträge über guten Schreibstil hält; während die männlichen Köche sich so verhielten, als komme ihnen die ganze Szenerie befremdlich und daher völlig uninteressant vor. Kann aber auch Einbildung gewesen sein. Glaube ich aber nicht. Irgendwie jedenfalls.

Doch, der Tag war gut. So ein Tag macht zufrieden.
Es könnte ruhig mehr solcher Tage geben.

Sonntag, 15. August 2010

Eins führt zum andern


Kettenreaktionen sind immer dann am schönsten, wenn man eigentlich etwas anderes, namentlich Wichtigeres zu tun hat.

Gehe ich heute früh runter in den Hof, weil es mir bei dem heftigen Sturm (ist eigentlich schon Herbst? 17 lausige Grad. Celsius!) die Wäsche vom Balkon geweht hat. Klaube die frischgewaschenen Teile wieder zusammen - da fällt mir ein, dass im Keller ein Buch sein muss, welches ich gut gebrauchen kann für meinen Text, der heute fertiggestellt werden muss.

Nun ist mein Keller seit meinem Umzug noch nicht in allerbester Ordnung; vor allem die Bücher sind viele und in keiner Weise nach Sachgebieten oder ähnlichem sortiert. Mit der Wäsche überm Arm mache ich mich auf die Suche, steige über Kisten und Kästen, remple ein Regal um, so dass eine Menge Bücher auf den Boden fallen, welche allesamt höchst interessant ausschauen und schon lange nicht mehr in meinen Putzfrauenhänden ruhten. Zwar ist das dringend gesuchte Buch nicht darunter, was ich aber in dem Augenblick vergesse, wo ein anderer vielversprechender Schmöker aufgeschlagen auf dem Kellerboden gelandet ist und ich nicht widerstehen kann, mal kurz einen Blick hineinzuwerfen.

Aus dem einen Blick werden zwei, dann drei, dann setze ich mich auf eine Kiste, polstere sie vorher ab mit der Wäsche, die sowieso noch mal in die Maschine gesteckt werden muss, fange an zu lesen und bedaure, dass es im Keller keinen Kaffee gibt. Aber das Buch erweist sich als so spannend, dass ich sogar den Kaffee vergesse. Als ich ein Kapitel gerade zu Ende habe, höre ich ein Klopfen am Lattenverschlag, so dass ich vor Schreck das Buch in eine geöffnete Kiste fallen lasse und bei der Gelegenheit sehe, dass sich in besagter Kiste ein Regalteil für die Tür meines Kühlschrankes befindet, welches ich schon lange gesucht und nirgends gefunden habe.

Hinter (oder vor, je nachdem) dem Lattenverschlag steht eine Nachbarin und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich bejahe, antworte "zumindest im Prinzip, mit Kaffee wär's gemütlicher", was die nette Nachbarin veranlasst, mich zum Frühstücken zu sich einzuladen. Plötzlich stelle ich fest, einen Bärenhunger zu haben, bin entzückt, klaube Wäsche, Buch sowie noch ein paar andere interessant aussehende Bücher (jedoch nicht das gesuchte, da nicht gefundene) mitsamt dem Kühlschranktürregalteil und dem Wäschebündel zusammen und folge der Gastgeberin. Vorher gehe ich noch schnell in meine Wohnung, stopfe die Wäsche in die Maschine und lasse sie laufen. Die Maschine, nicht die Wäsche.

Tolles improvisiertes Frühstück bei der Nachbarin mit Oliven, Ziegenkäse und Rührei, wie ich es in der Qualität schon lange nicht mehr genossen habe. Danach zurück in meine Wohnung, Maschine hat sich schleudernd ausgerumpelt, Wäsche aufgehängt. Wäscheständer in der Küche aufgestellt, weil, ich bin ja nicht blöd und stelle das Ding ein zweites Mal auf den Balkon bei diesen Windböen, die da heulend um die Ecken pfeifen (Dachgeschoss, Balkon ohne Abdeckung).

Ich freue mich über das wiedergefundene Kühlschranktürregalteil und fange an, es in die Kühlschranktür reinzupfriemeln. Sagen wir, ich versuche es. Wie immer liegt die Tücke im Objekt - irgend etwas klemmt. Da ich nach dem vorzüglichen Frühstück mit der fabelhaften Nachbarin nicht in der Stimmung bin, mich geduldig mit Verklemmtheiten auseinanderzusetzen, wende ich ein wenig rohe Gewalt an, nur ein ganz klein wenig, wirklich nicht viel, aber es hat gereicht, die bereits in der Kühlschranktür befindlichen Regalteile aus den Angeln zu heben und quer durch die Küche zu schleudern.

Was nicht weiter tragisch wäre, schließlich kann man alles Heruntergefallene wieder aufheben, wie ich bereits von meiner abgestürzten Wäsche wusste, nur waren es natürlich nicht bloß die blöden Regalteile, sondern ebenso alles, was auf ihnen gestanden hatte - unter anderem ein Becher Schlagsahne (geöffnet), ein Glas selbstgekochte Brombeermarmelade sowie ein Glas Dijonsenf extrascharf, meine Lieblingssorte. Die Flugbahn der drei Objekte verlief folgendermaßen: Während der Becher Schlagsahne im Tiefflug über den Wäscheständer segelte und sich dabei partiell entleerte, landete das Glas mit der Brombeermarmelade auf dem Boden direkt neben dem Wäscheständer, wo es zerbarst. Das Senfglas fiel rücksichtsvollerweise auf den Wäscheständer, wo es zunächst ruhig und unbeschädigt liegen blieb, dann jedoch, der Schwerkraft folgend, zwischen den Wäschestangen nach unten durchrutschte und direkt unter der aufgehängten Wäsche mit einem lauten, hässlichen Knall ebenfalls zerbarst.

Brombeeren mit Schlagsahne und Senf ergeben auf heller Wäsche aparte, rorschachtest-ähnliche Klecksbilder, die meiner Phantasie augenblicklich Flügel verliehen hätten, hätte es mein Nervenkostüm nicht vorgezogen, einen barbarischen Brüll abzusondern und sodann aufs unflätigste zu fluchen ohne Rücksicht auf den Umstand, dass ich nicht allein im Wald wohne, sondern in einem urbanen Mietshaus, was die nette Nachbarin (sie wohnt links unter mir) veranlasste, über ihren Balkon besorgt zu mir hochzurufen, ob alles in Ordnung sei?

Das gab mir den Rest. Ich beugte mich übers Geländer und sagte "Nein!", mit einer von jener psychopathischen Sanftheit geprägten Stimme, die andere Leute schon hat übers Kuckucksnest fliegen lassen.

Danach ging alles von vorne los. Die nette Nachbarin meinte, ich solle mich doch erst mal bei einem zweiten starken Kaffee bei ihr erholen, welchselbiger Aufforderung ich gerne folgte, nicht ohne zuvor die verdammte Wäsche ein drittes Mal in die Waschmaschine zu stopfen und sodann die Wohnungstür hinter mir zuzuknallen.

Als ich wenig später gestärkt zurückkehrte, empfing mich ein durchdringend stechender Geruch nach Senf mit Brombeeraroma. Ich lüftete und fing an zu putzen. Danach fand ich, es sei Zeit für einen vorgezogenen Mittagsschlaf. Aus diesem bin ich soeben mit rasendem Puls erwacht, weil mir alpträumte, ich hätte heute ein Text zu schreiben über schnelldrehende Big Macs, bestrichen mit Brombeersenf und Fleckensalz.

Jetzt aber endlich an die Arbeit.

Montag, 5. Juli 2010

Auf den Putz gehauen


In der heutigen TAZ findet sich ein interessantes Porträt. Es besteht fast ausschließlich nur aus Originaltönen, verzichtet auf jedwedes interpretatorische Brimborium und macht dadurch die von sich erzählende Person äußerst lebendig. Dieses interessante Porträt einer interessanten Frau trägt den Titel "Drecksarbeit - zu Gast bei einer renitenten Putzfrau", und falls jetzt jemand denkt, die TAZ war zu Besuch bei mir, der irrt. Die TAZ war vielmehr in Gelsenkirchen bei der Putzfrau Susanne Neumann, die seit 30 Jahren für ein Gebäudereinigungsunternehmen putzt.

Frau Neumann kämpft für die Interessen der in Deutschland arbeitenden Putzfrauen, und wenn ich sage 'kämpft', dann meine ich das genauso und nicht etwa 'vertritt deren Interessen'. Im (medial völlig unterbelichteten) Gebäudereinigerstreik im Herbst 2009 riskierte die Rebellin aus dem Ruhrpott eine erfreulich dicke Lippe (das erste der dort verlinkten Videos); im TAZ-Interview ebenso:
Wenn du so einen Arbeitskampf hast, dann brauchst du Wut, Stärke, Hass und auch List. Die Weiber haben sich amüsiert über die Doofheit der Arbeitgeber, haben sich auch gegenseitig mitgezogen, wenn eine ängstlich war, grade bei den Befristeten. Das war wie so 'ne Welle. Das war ein Arbeitskampf der Frauen. 90 bis 95 Prozent waren Frauen. Also die haben die Arbeitgeber richtig vorgeführt. Du machst dir kein Bild da drüber.
Leider, muss man hinzufügen, konnte man sich nur schwer ein Bild machen, denn wie gesagt, verfuhr die öffentliche Berichterstattung über diesen Streik eher nach dem Motto: Wie können wir das Ding am besten hinten runter fallen lassen? Ich finde, Susanne Neumanns Idee mit dem Klobürstenweitwurf-Mehrkampf ("500, 600 Putzfrauen, du musst dir vorstellen, auf einmal war alles Ängstliche weg, alle waren selbstbewusst und haben gelacht") hätte es in die Tagesschau verdient gehabt.

Weiter im Klartext:
Du bist 'ne Ware und wirst verkauft! ... oder auch die Lohnbezuschussung für Arbeitslose, 50 Prozent kriegen die Firmen für die Eingliederung eines Langzeitarbeitslosen. Aber sie gliedern ihn nicht ein. Nach einem Jahr holen sie sich einen Neuen zum 'Eingliedern'. Das sind alles diese Schindludersysteme. Besonders übel ist die Sache mit der Leiharbeit ... Leiharbeit ist die größte Schweinerei, die's gibt.
Beim Thema Leiharbeit kommt Susanne Neumann richtig in Fahrt, knöpft sich einen Hartz-IV-Protagonisten aus der Rot-Grün-Ära vor und nimmt kein Blatt vor den Mund:
Mein schönstes Erlebnis war, als ich eingeladen war zur Polit-Talk-Show von Maybrit Illner. Da habe ich diesem arroganten Schweinepriester Clement ein paar vor den Bug geschossen. Nach der Sendung hat er zu Illner gesagt, das lass ich mir nicht bieten, in Ihre Sendung komme ich nicht noch mal. Und sie hat gesagt: Ach wissen Sie, Herr Clement, Sie sind ja jetzt aus dem politischen Geschehen raus, wir hatten gar nicht vor, Sie noch mal einzuladen. Der ist fast geplatzt, hat seine vier Leibwächter gerufen, damit sie seinen Mantel holen, und ist abgerauscht. Dieser feine Herr, der hat als Superminister unter Rot-Grün die Leihsklaverei als sogenannte 'Zeitarbeit' gesellschaftsfähig gemacht und sie auch noch als Bestandteil von Hartz IV reingedrückt! Was der für ein Lobbyist war, der Schweinepriester, das hat er gezeigt nach seinem Ausscheiden aus dem Amt. Er hat sich, wie Schröder und wie viele, als Politiker sein Standbein für die Zukunft geschaffen. Jetzt sitzt er bei Adecco, einer der größten Leiharbeitsfirmen der Welt, in der obersten Etage im Aufsichtsrat. Die haben 500.000 Leiharbeitskräfte täglich im Angebot. Er leitet für die irgendein Institut für Arbeitsforschung und macht da so richtig Knete.
Sie erzählt, dass in ihrer Firma viele ältere Frauen arbeiten, die eigentlich Ansprüche hätten
...auf diese Dingsbumsrente da, die Grundsicherung-Sozialhilfe. Die wollen nicht, die schämen sich! Es wird ja auch überall Stimmung gemacht, wer Hartz IV bezieht, ist eine faule Sau. Das ist die Masche. Nee, so nicht, so kann's einfach nicht weitergehen!
Irgendwann knurrt der Hund und dann wird er bissig.*

*(Könnte von mir sein, der letzte Satz, stammt aber von der kampflustigen Politputzfrau aus dem Pott. Ehre, wem Ehre gebührt.)

Dienstag, 22. Juni 2010

Cool Vibes


Es gibt Begegnungen, die bleiben im Gedächtnis, obwohl sie nur ganz kurz waren. So, als ob eine leicht angezupfte Saite noch lange Zeit am Nachschwingen bleibt und einen feinen, angenehmen Ton hinterlässt, dem ich gerne hinterherlausche.

Klingt jetzt fast nach etwas Romantischem, war aber eine durch und durch prosaische Begegnung: Putzfrau trifft auf Heizungsgerätezählerableser, also einen Mitarbeiter jener Firma, die mit T anfängt und die alle kennen. Ich war gerade dabei, die Wohnung eines privaten Auftraggebers zu wischen, als es klingelte. Da stand der Ableser, mit dem großen Zählcomputer in der einen Hand, Stift und Klemmbrett in der anderen, und sah irgendwie intelligent aus. Ist schon merkwürdig, aber man sieht fremden Menschen auf den ersten Blick an, ob sie auf sympathische Weise intelligent sind oder strunzdoof.

Der Sympath betrat die Wohnung, stiefelte über die noch feuchten Böden und tat, was sein Job war. Während ich hinter ihm her stiefelte - der Boden war ruiniert -, fühlte ich mich durch irgendeine Bemerkung von ihm bemüßigt zu fragen, ob er das Zählerablesen hauptberuflich mache. Er lachte vergnügt, antwortete, er sei "von Beruf Beamter auf Lebenszeit" und fügte, als ich ungläubig die Augenbrauen hob, hinzu, das sei kein Witz. Er sei, erzählte er, vor langer Zeit einmal Fernmeldeingenieur gewesen bei einem Telekommunikationsunternehmen, also jener Firma, die ebenfalls mit T anfängt und die alle kennen.

Aha, dachte ich, und sofort ratterte in meinem Kopf das volle Programm durch: Der arme Kerl wurde von einer der zahlreichen Personaleinsparmaßnahmen erwischt, und jetzt geht er eben durch die Häuser und liest Zähler ab, nichts Menschliches ist mir fremd. "Nee", fuhr er freundlich fort, "nicht das, was Sie denken", obwohl ich gar nichts gesagt hatte. Vielmehr sei es so gewesen, dass er den Arbeitsvertrag damals aufgelöst habe: "Weil ich es immer unerträglicher fand, wie dort mit den Leuten umgegangen wurde, wie die Leute auf Linie getrimmt wurden, und am schlimmsten fand ich, dass die Leute es haben mit sich machen lassen. Widerspruchslos. Die fanden das sogar gut. Ich wollte so nicht werden."

Während er die abgelesenen Werte in seinen Computer tippte, sagte er beiläufig: "Irgendwann kam der Punkt, wo ich entschieden habe: lieber mit weniger Geld klar kommen, und dafür habe ich meine Ruhe." Ab da war er mir richtig sympathisch.

Außerdem, klärte er mich auf, arbeite er auch noch als Kfz-Mechaniker, und Fuhrparkleiter sei er auch schon gewesen. Er möge die Abwechslung und die Freiheit, - "na ja," ergänzte er, "die relative Freiheit", denn mit bescheideneren materiellen Ansprüchen ließe sich die Lebensführung viel freier gestalten, "das nimmt den Druck raus."

Der Kerl schaute klug und lustig aus seinem scharfgeschnittenen Gesicht heraus, betrachtete den Wischmop in meiner linken Hand und meinte dann anerkennend: "Das finde ich zum Beispiel super, was Sie da machen! Sie putzen Ihre eigene Wohnung, anstatt sich eine Putzfrau zu nehmen, das spart Geld und bringt einen auf den Boden der Tatsachen. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?" Oh Mann. Das sind Momente im Leben einer Putzfrau, die jede Seifenoper hinter sich lassen. Aber der Typ hatte recht: Putzen bringt einen auf den Boden der Tatsachen, weshalb ich, wenn ich mitten im Putzgroove bin, um eine bodenständige Antwort nie verlegen bin. Also hob ich den linken Arm mit dem Wischmop, wies mit dem rechten über den Boden und antwortete: "Das sehen Sie doch."

Jetzt war er es, der ungläubig die Augenbrauen hob. "Und wegen Ihnen", fuhr ich vorwurfsvoll fort, "muss ich jetzt die Böden nochmal wischen, ohne dass ich dafür mehr Geld kriege." Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie weit eine ganz normale Kinnlade der Schwerkraft zu folgen imstande ist. Der Typ war sprachlos, aber weil ich ihn immer noch sympathisch fand, fügte ich nett hinzu: "Im Gegensatz zu Ihnen bin ich Freiberuflerin auf Lebenszeit." Er verstand schnell. "Da sind Sie ja noch freier in der Gestaltung Ihres Lebens als ich!", sagte er mit dem breitesten Grinsen der Welt. Cooler Typ.

Als er ging, entschuldigte er sich noch für die fetten Bratzen, die seine Schuhe hinterlassen hatten. Kein Problem, sagte ich und meinte es genauso. Dann war er weg, und ich widmete mich den Tatsachen auf dem Boden.



Sonntag, 6. Juni 2010

Mit fremden Federn putzen


Wer umzieht, hat mehr vom Leben. Der bekommt sogar Gratis-Putztipps vom Nachsendeservice der Deutschen Post. Vorausgesetzt, er hat vorher 15,20 Euro hingelegt für den Nachsendeservice; dann erhält er zwei Wochen später einen dicken großen Umschlag von der Post, in welchem sich allerlei Reklame, Rabattcoupons und sonstiger Trullala befinden, darunter besagte Putztipps.
Großes Putz-Workout
heißt es vielversprechend auf dem Cover der beigelegten Zeitschrift Neues Zuhause (Leserzielgruppe: frisch Umgezogene), herausgegeben von der Deutschen Post AG.

Putz-Workout - klingt modern, klingt sportlich, wird gelesen. Auf Seite 58 lese ich die Überschrift
Energie und Haushalt
39 Tipps - statt Mutti zu fragen
und komme ins Stutzen, denn WER hat nicht schon einmal, wenn er in Nöten war, statt Mutti zu fragen bei frag-mutti gefragt? Aus meiner Erfahrung ist frag-mutti.de eine der hilfreichsten Anlaufstellen, wenn schneller haushaltstechnischer Rat gebraucht wird, vorzugsweise pragmatischer Natur. Jetzt also auch in Print, dachte ich zunächst beim Lesen, frag-mutti geht offline, wie lustig, warum auch nicht. Es findet sich jedoch nirgendwo im Heft ein Link oder Hinweis auf das 'Original' frag-mutti. Also doch nicht frag-mutti. Klingt halt nur so. Zufall, oder was.

Die 39 Tipps, die sich die Deutsche Post AG aus den (eigenen) Fingern gesogen haben will, sind fast durchweg alltagstauglich; fast, denn auf einen Geheimtipp (Nr. 30, "Krümeln vorbeugen") wie
Je mehr Sie vermeiden, Dreck zu machen, desto weniger müssen Sie putzen,
hat die Welt vermutlich nicht gewartet, sondern sich längst eine Serviette in den Hemdkragen gesteckt. Aber die meisten anderen Tipps sind teils einfach nur gut, teils brilliant in ihrer schlichten Bodenständigkeit: zum Beispiel einen Joghurtbecher voll Essig um den Wasserhahn binden, um die verkalkte Düse ohne großes Geschraube zu reinigen. Steht aber auch genauso bei frag-mutti. Stand, muss man betonen, denn der geniale Tipp stand bei frag-mutti schon, als es Neues Zuhause (Onlineausgabe hier) noch gar nicht gab. Um genau zu sein, ist der Originaltipp noch eine Schippe genialer, denn bei frag-mutti wird empfohlen, den Essig in einem Luftballon um den Wasserhahn zu binden.

Könnte einem bis hierher alles wurschtegal sein, war es mir auch, bis ich einen nach dem anderen der 39 Tipps der Deutschen Post AG bei frag-mutti gegen'recherchierte' und fast alle dort wiederfand. Ok, ok, den Tipp Nr. 8 "Tropfender Wasserhahn" fand ich bei frag-vati wieder; bleibt aber quasi in der Familie. Das große gelbe Unternehmen hat also erst bei frag-mutti gefragt und rät dann seinen Lesern, lieber nicht Mutti zu fragen, sondern die besten Tipps gleich bei der Deutschen Post (Impressum: "Neues Zuhause - eine Idee von Deutsche Post AG") abzurufen und nicht etwa bei der Originalquelle. Liebe Deutsche Post AG, ich finde das keine gute Idee, weil Ideenklau zwar modern ist, aber extrem unsportlich und ziemlich doof. Weil fremde Federn nun mal doof sind.

Sonntag, 23. Mai 2010

Pappelpalaver


Wieder was gelernt. Man hält sich ja für botanisch schlauer als man tatsächlich ist. Ich zum Beispiel war bis heute früh felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei den derzeit marodierenden Wattemassen um Birkenpollen handelt. Keineswegs, klärte mich die Frau auf, deren neue Etagennachbarin ich bin: Es war die Pappel und nicht die Birke. "Wenn es aussieht wie fliegende Baumwolle, ist es die Pappel." Nun ist mir schleierhaft, wo all die vielen Pappelbäume stehen sollen, deren Absonderungen mich massiv heimsuchen; ich habe in meiner neuen Umgebung noch keine einzige Pappel gesichtet. Wo also kommt der ganze Pappelpollen her?

Ein Lob dem Treppenhausschwatz. Mit Pappelpollen würde ich wiederum danebenliegen, antwortete die Kennerin (bekommt seit langem um diese Jahreszeit ihre Terrasse vollgepappelt), vielmehr handele es sich um Pappelsamen. Und mit seinen feinen Pappelsamenhärchen könne der Pappelsamen ausgezeichnet fliegen und komme eben gut herum. Ein Langstreckenspezialist, sozusagen.

Kurzstrecken beherrscht der Pappelsamen sowieso mühelos, und wenn ich sage beherrscht, dann meine ich das wirklich. Das weiße Fluffi-Zeug beherrscht meine Wohnung. Kleine Wohnung, kurze Strecken. Unzählige Plätze zur Zwischenlandung hält der Pappelsamen besetzt; für die Endlagerung sucht er sich die am schwersten zugänglichen Winkel. Von draußen schwärmen stets neue Pappelsamengeschwader herein. Es gibt kaum eine sinnentleertere Tätigkeit als Pappelbaumwollmäusen hinterherzuputzen. Ich glaube, irgendwie so fühlt sich feindliche Übernahme an.

Hinzu kommt, dass die Baumwollmäuse innerhalb kürzester Zeit sich mit den gemeinen Hauswollmäusen heimtückisch paaren zum Zwecke unkontrollierbarer Nachwuchsproduktion. Heraus kommen dabei kindskopfgoße Staub-Watte-Mutanten, die, hat man mal einen von ihnen am Boden mit dem längsten Staubsaugerrohr ergattert, sich rächen mit verstärkter Flockenberieselung von oben herab, auf dass die Kaninchen erblassen vor Neid ob solch unbändiger Fortpflanzungslust.

Man zählt die kleinen Bastarde übrigens, botanisch-zoologisch betrachtet, zur Gattung der sogenannten Baumhaus-Wollmäuse, deren geheime Kommandozentrale sich in einem Garten ganz in meiner Nähe befindet:
Mich wundert nichts mehr.

Mittwoch, 28. April 2010

Putzstelle


Eine leergeräumte Wohnung mag deprimierend sein, hat aber auch ihre unschätzbaren Vorteile: Nichts kann ablenken von dem, was man gerade tut - sei dies Trübsal blasen, sei dies putzen. Ich habe mich fürs Putzen entschieden. Dabei mache ich eine erstaunliche Entdeckung: Ich schaue mir selbst höchst überrascht dabei zu, wie ich das Ding professionell, systematisch, unaufgeregt und ohne Widerwillen durchziehe. Und zwischendrin gemütlich bloggen kann.

Das hätte es früher nicht gegeben. Früher hätte ich ein Putzchaos veranstaltet und einen Riesenakt daraus gemacht. Und mir womöglich noch eingeredet, das hätte etwas mit Spontaneität zu tun. Ich hätte das Ding zwar irgendwie durchgezogen, wäre am Ende aber fix und fertig gewesen. An so etwas wie Zwischendurchbloggen wäre nicht zu denken gewesen. Aber ans Bloggen habe ich früher ja eh nicht gedacht. Früher war ich ja auch keine Putzfrau.
Passt schon.


Sonntag, 18. April 2010

Die Putzfrau war's


Es ist ein Segen, dass es Putzfrauen gibt. Erstens um den ganzen Schmutz wegzumachen. Zweites um noch ganz andere Dinge verschwinden zu lassen. Fehlt plötzlich ein Brilliantarmband oder ein Stück vom Tafelsilber, dann ist es nützlich, eine Putzfrau zu haben, um sagen zu können: Die war es. So wie bekanntlich der Gärtner ein notorisch mordender ist, so ist es die Putzfrau, die in den feinen Haushalten klaut wie ein Rabe. Gäbe es keine Putzfrauen, man müsste sie erfinden. Um jederzeit einen Täter zu haben, wenn einer gebraucht wird.

So gesehen, bietet die Putzbranche einen recht krisensicheren Arbeitsplatz; schließlich gibt es kaum etwas, was sich einer Putzfrau nicht anhängen ließe. Jetzt will man bei der Oberfinanzdirektion Frankfurt den Putzkräften das Verschwinden von brisanten Steuerakten in die Schuhe schieben (via Feynsinn). Wie es heißt, seien "sensible" Daten bekennender Steuerhinterzieher bei Nacht und Nebel entsorgt worden, und zwar von der Putzfrau, jawohl. Vermutlich versehentlich, oder vielleicht war es auch Absicht; vielleicht war es gar nicht die Putzfrau, sondern jemand anderer; oder vielleicht war es die Putzfrau und ein anderer hat nachgeholfen, die steuerrelevanten Flecken aus irgendwelchen unreinen Westen zu entfernen. Aus "ermittlungstaktischen Gründen" ist vom hessischen Finanzministerium nichts Näheres zu erfahren. Da ist es kein Wunder, wenn die Phantasie ins Kraut schießt.

Wozu Putzfrauen nicht alles gut sind.