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Sonntag, 21. Oktober 2012

Deutsche Verschwiegenheit


Paul Jay - dessen Fan ich bin wegen seiner klugen Gedanken, seiner brillianten Analysen und seiner kompetenten Gesprächsführung - von Real News Network interviewt Costas Lapavitsas (siehe Video). Lapavitsas unterrichtet an der University of London politische Ökonomie und schreibt regelmäßig Kolumnen für die britische Tageszeitung The Guardian.

"Griechenland zerstört sich unter dem Druck von Austerität" ist der Titel des nachfolgenden Interviews (via Naked Capitalism). In einer Schlüsselpassage (siehe unten) des Gesprächs zieht der griechische Ökonom historische Parallelen zwischen der (weniger schleichenden als vielmehr rasanten) Hinwendung Deutschlands zum Faschismus und der aktuellen politischen Entwicklung in Griechenland.

Meinen aktuellen Blogbeiträgen ist sicherlich anzumerken, wie sehr mich diese Entwicklung beschäftigt und beunruhigt. Wohl am meisten beunruhigt mich das unerschütterlich träge, beharrlich schweigende Sitzfleisch, mit der die politische Klasse in Europa die griechische "Gefahr" (Paul Jay) auszusitzen gedenkt: das ignorante Schweigen, mit dem die EU die wachsende Popularität einer faschistischen Partei im Süden Europas kommentiert, während es die Politik des Friedensnobelpreisträgers EU selbst ist, die eine Renaissance des Nationalsozialismus in Griechenland heraufbeschwört und dem Erstarken faschistischen Gedankenguts samt seiner alltäglich werdenden Ausschreitungen Flügel verleiht.

Wovon kündet dieses ohrenbetäubende stoische Schweigen? Sind vielleicht diejenigen, die in Berlin und Brüssel die Hände gelassen in den Schoß legen und keinerlei Interesse zeigen an dem Monster, was im griechischen Keller sein Haupt erhebt und im Begriff ist, die oberen Stockwerke zu erklimmen, die wirklichen, die anständigen, ehrenhaften Faschisten? Wer schweigt, macht sich verdächtig. Hartnäckiges Beschweigen unliebsamer Tendenzen kann stets zweierlei bedeuten: entweder Verdrängen oder aber stillschweigendes Goutieren dessen, was sich unterm Teppich zusammenbraut. Beides, insbesondere letzteres empfinde ich als nachgerade obszön. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein.



Jay:
Vor ein paar Jahren interviewte ich Noam Chomsky, und er machte eine interessante Bemerkung, nämlich: Mit welcher Geschwindigkeit die deutsche Gesellschaft einen Hitler akzeptierte, und wie schnell sich ein avantgardistisches, libertinäres Berlin in ein faschistisches Berlin entwickelte. Welche Gefahr besteht diesbezüglich in Griechenland?
Lapavitsas:
Oh, die Gefahr ist sehr real. Die Gefahr ist sehr real. Weil die politische Mitte, die politischen Organisationen, die Griechenland vier Jahrzehnte lang regiert haben, ausgehöhlt worden sind.
Wissen Sie, die Leute missverstehen das, was in Griechenland passiert. Sie denken, der griechische Staat sei schon immer sehr schwach und ineffizient und die griechischen Politiker schon immer unfähig gewesen, und all das. Das ist Unsinn. Der griechische Staat ist ein sehr fähiger Staat gewesen und hat alle möglichen Dinge auf den Weg gebracht. Es war ein Land mit mittleren Durchschnittseinkommen und einem politischen System, das in punkto Stabilität seinesgleichen suchte in Europa. Zwei Parteien haben sich beim Regieren abgewechselt, und drei oder vier Jahrzehnte lang hat sich daran nichts geändert.
Damit ist es vorbei. Das ist zu Ende. Diese beiden Parteien sind vollkommen diskreditiert. Die Mitte ist ausgehöhlt. Parallel dazu erstarken die Parteien der Linken und die Parteien der extremen Rechten.
Das meinte ich, als ich zuvor über die Verunsicherung, die Niedergeschlagenheit und die Verärgerung der kleinen Leute sprach. Die erwarten von der politischen Mitte keine Lösungen mehr; stattdessen schauen sie auf die beiden Endpole des politischen Spektrums. Momentan ist dort die dominierende Seite die Linke. Die Leute orientieren sich nach der Linken. Sie erwarten die Lösung von der Linken, von SYRIZA.
Allerdings orientieren sich immer mehr Menschen - Menschen, die sich gewohnheitsmäßig an der Mitte-Rechts-Politik orientierten - mittlerweile an der extremen Rechten. Und das hat eine Logik. Es hat eine Logik. Wenn die rechte Mitte sich selbst diskreditiert hat, werden eine Menge Leute sich an der extremen Rechten orientieren, die das Versprechen von Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit liefert, die mit Immigranten in dem Sinne verfährt, was sie unter Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit verstehen, und all diese Dinge. Dies kann sehr schnell passieren. Das kann sehr rasant geschehen.

Von allen preisgekrönten, sich in Betonschweigen hüllenden EU-Apparatschiks empfinde ich am obszönsten und bedrohlichsten die lärmende Friedhofsruhe derer in der deutschen EU-Parteizentrale. Vielleicht ist es ja in Wirklichkeit so, dass der Exportweltmeister unter der Hand noch vieles mehr zu exportieren hat als er sich je hätte träumen lassen?

Nächstes Jahr wird in jenem Land mit der Nazivergangenheit gewählt. Die eiserne Kanzlerin mit der harten Hand, so heißt es allerorten, habe gute Chancen, denn gerade wegen ihrer harten Hand komme sie so gut an beim deutschen Volk. Gut möglich, dass die harte Hand - im Verbund mit dem hartnäckigen Schweigen der deutschen Führung zu den Vorgängen in Griechenland - ihr politisches Kapital auffetten und zu einem Siegeszug führen wird. Gut möglich, dass bis zu diesem Zeitpunkt sich der braune Mob in Griechenland fest etabliert haben und ein faschistisch gewordener griechischer Staat die deutschen Wähler nicht im geringsten an ihrer Wahlentscheidung zweifeln lassen wird.

Mir fällt kein anderes Wort ein. Ich finde das obszön.

Montag, 7. Mai 2012

Tiefer sinken


Gestern haben die Griechen gewählt und ließen die sozialdemokratische PASOK Partei krachend im tiefen Keller verschwinden.

Wer in der letzten Zeit den selbstverschuldeten Niedergang der Partei nicht verfolgt hat und sich jetzt, nach dem verheerenden Wahlergebnis, fragt, wie es dazu kommen konnte, der muss sich nur anhören, was der Parteivorsitzende, ehemalige Finanzminister und als solcher am Troika-Marionettenfaden hampelnde Evangelos Venizelos aus dem tiefen Keller rief - jetzt, nach dem verheerenden Wahlergebnis:
"Wir haben das Volk verbittert, um die Zukunft der Nation zu schützen."
Das hat Größe. Das zeigt Einsicht. Das lässt tief blicken in den tiefen Keller. Das klingt nach "Wir mussten die Lebensgrundlage des Volkes zerstören, um das Land zu retten."

Neusprech-Altmeister Orwell lässt grüßen.

"Das Volk vergisst nicht, von wem es betrogen wurde."

Freitag, 29. Juli 2011

Meine betrunkene Küche


Das mit den Brombeeren will einfach nicht aufhören, dieses Jahr. Die schwarzen Dinger wachsen nach wie Unkraut und schmecken, je später die Ernte, umso köstlicher. Nur sollte man sich halt bereits vor, spätestens während der Ernte darüber im Klaren sein, wie die Brombeeren weiter verarbeitet werden sollen, sonst steht man hernach in der Küche und guckt dumm. So wie ich heute.

Es waren bestimmt vier Kilo. Beim Nachhausefahren dachte ich noch: Brombeermarmelade, was sonst, kannst du nie genug haben, hast du noch Gelierzucker zuhause?, klar, neulich auf Vorrat gekauft, kann also nix schiefgehen. Wie immer, wenn man sich seiner Sache sicher ist, geht etwas schief. Was nützen vier Kilo Brombeeren und zwei Kilo Gelierzucker, wenn keine Gläser zum Abfüllen vorhanden sind, weil alle vorhandenen Gläser bereits mit Brombeermarmelade abgefüllt sind? Gar nichts nützt einem das. Was macht man dann? Man guckt dumm.

Wie immer, wenn etwas schiefgeht, sieht man sich zur Kreativität gezwungen. Nach verzweifelter, aber erfolgloser Suche nach leeren Gläsern im Keller stieß ich dort auf ein großes altes Goldfischglas - leer, wohlgemerkt - und wusste augenblicklich, was zu tun war: Brombeerbowle, ha!


Ein unvergleichlich labendes Gesöff bei der Sommerhitze und obendrein noch schön fürs Auge (das Grüne sind keine Goldfische, sondern Limetten). Sehr hoher Fruchtgehalt - schließlich hatte ich mehr als genug Früchte.

Es blieben aber immer noch drei von vier Kilo Früchten, die der Weiterverarbeitung harrten. Brombeerkuchen, na logo!, war mein erster Gedanke, müsste für zwei schöne Bleche reichen, dachte ich; genehmigte mir vor lauter Kuchenvorfreude noch ein Gläschen, um dann ernüchtert festzustellen, dass keine Eier im Haus waren. Tja. Wie immer, wenn etwas schief geht, geht etwas zweites auch schief. Ohne Eier kein Kuchen. Nun hätte ich zwar schnell losfahren und ein paar Eier kaufen können, hatte dazu aber keinerlei Lust. Vielmehr, ich war einfach zu faul. Na ja, oder zu betrunken. Ist ja auch egal. Jedenfalls waren keine Eier im Haus.

Im treudoofen Glauben, das Internet biete für jedes Problem eine Lösung an, durchpflügte ich mindestens 97 Koch- und Backblogs auf der verzweifelten, aber erfolglosen Suche nach einem eierlosen Kuchenteig. Fazit: ohne Eier kein Kuchen. Hatte ich ja bereits vorher gewusst, insofern nicht wirklich niederschmetternd, halt nur ernüchternd, wogegen ich gottseidank ein labendes Mittel zur Hand hatte.

Was mir aber wirklich den Rest gab, war die Entdeckung, dass heutzutage fast jedes zweite englischsprachige Kuchenrezept überschrieben ist mit, na? - erraten: "Let them eat cake!" Oh Mann. Extrem originell, und so neckisch marie-antoinette-isch, und es gäbe ja gar nichts zu meckern, wenn wenigstens die finalen Backprodukte von apart-frugaler Guillotinegestalt wären, aber nein, überall liegt der gleiche Fladen auf dem Blech herum und findet sich einzigartig witzig, nur weil oben drüber steht: "Let them eat cake!". Uröd und nur zu ertragen mit einem durchgeistigten Getränk.

Nun hat mich zwar die Internetrecherche meinem Drei-Kilo-Brombeeren-Problem keinen Schritt näher gebracht, dafür aber mit einer grandiosen Bloggerin bekannt gemacht, die ich fürderhin nicht mehr missen möchte. Sie kocht und backt und bloggt und experimentiert und improvisiert und isst und trinkt genauso gern wie ich, wobei mir scheint, sie trinkt beim Kuchenbacken ein bisschen mehr als ich, wenn man mal von Tagen wie heute absieht.


Außerdem hat sie, im Unterschied zu mir, zum Kuchenbacken Eier im Haus. Dieses Defizit ficht mich jedoch nicht länger an, denn nach längerem Aufenthalt in My Drunk Kitchen sowie in my own drunk kitchen kam mir die kulinarische Erleuchtung: It's the crumble, stupid!

Was ein Crumble ist, weiß jeder, zumindest jeder, der weder Geld noch Lust zum Eierkaufen, aber Lust auf Kuchen hat: ein Arme-Leute-Kuchenersatz, in der Not erfunden während des zweiten Weltkrieges in England, als die Rohstoffe für Kuchenteig knapp, teuer und für viele Menschen unerschwinglich wurden. Von wegen, let them eat cake. Mhm, gerade kommt mein Krümelmonster aus dem Backofen, zwei gnadenlos wohlduftende Bleche mit oben knusper und unten blutrot-brombeersüß, let me eat crumble und alles wird gut. Cheers.


Sonntag, 15. August 2010

Eins führt zum andern


Kettenreaktionen sind immer dann am schönsten, wenn man eigentlich etwas anderes, namentlich Wichtigeres zu tun hat.

Gehe ich heute früh runter in den Hof, weil es mir bei dem heftigen Sturm (ist eigentlich schon Herbst? 17 lausige Grad. Celsius!) die Wäsche vom Balkon geweht hat. Klaube die frischgewaschenen Teile wieder zusammen - da fällt mir ein, dass im Keller ein Buch sein muss, welches ich gut gebrauchen kann für meinen Text, der heute fertiggestellt werden muss.

Nun ist mein Keller seit meinem Umzug noch nicht in allerbester Ordnung; vor allem die Bücher sind viele und in keiner Weise nach Sachgebieten oder ähnlichem sortiert. Mit der Wäsche überm Arm mache ich mich auf die Suche, steige über Kisten und Kästen, remple ein Regal um, so dass eine Menge Bücher auf den Boden fallen, welche allesamt höchst interessant ausschauen und schon lange nicht mehr in meinen Putzfrauenhänden ruhten. Zwar ist das dringend gesuchte Buch nicht darunter, was ich aber in dem Augenblick vergesse, wo ein anderer vielversprechender Schmöker aufgeschlagen auf dem Kellerboden gelandet ist und ich nicht widerstehen kann, mal kurz einen Blick hineinzuwerfen.

Aus dem einen Blick werden zwei, dann drei, dann setze ich mich auf eine Kiste, polstere sie vorher ab mit der Wäsche, die sowieso noch mal in die Maschine gesteckt werden muss, fange an zu lesen und bedaure, dass es im Keller keinen Kaffee gibt. Aber das Buch erweist sich als so spannend, dass ich sogar den Kaffee vergesse. Als ich ein Kapitel gerade zu Ende habe, höre ich ein Klopfen am Lattenverschlag, so dass ich vor Schreck das Buch in eine geöffnete Kiste fallen lasse und bei der Gelegenheit sehe, dass sich in besagter Kiste ein Regalteil für die Tür meines Kühlschrankes befindet, welches ich schon lange gesucht und nirgends gefunden habe.

Hinter (oder vor, je nachdem) dem Lattenverschlag steht eine Nachbarin und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich bejahe, antworte "zumindest im Prinzip, mit Kaffee wär's gemütlicher", was die nette Nachbarin veranlasst, mich zum Frühstücken zu sich einzuladen. Plötzlich stelle ich fest, einen Bärenhunger zu haben, bin entzückt, klaube Wäsche, Buch sowie noch ein paar andere interessant aussehende Bücher (jedoch nicht das gesuchte, da nicht gefundene) mitsamt dem Kühlschranktürregalteil und dem Wäschebündel zusammen und folge der Gastgeberin. Vorher gehe ich noch schnell in meine Wohnung, stopfe die Wäsche in die Maschine und lasse sie laufen. Die Maschine, nicht die Wäsche.

Tolles improvisiertes Frühstück bei der Nachbarin mit Oliven, Ziegenkäse und Rührei, wie ich es in der Qualität schon lange nicht mehr genossen habe. Danach zurück in meine Wohnung, Maschine hat sich schleudernd ausgerumpelt, Wäsche aufgehängt. Wäscheständer in der Küche aufgestellt, weil, ich bin ja nicht blöd und stelle das Ding ein zweites Mal auf den Balkon bei diesen Windböen, die da heulend um die Ecken pfeifen (Dachgeschoss, Balkon ohne Abdeckung).

Ich freue mich über das wiedergefundene Kühlschranktürregalteil und fange an, es in die Kühlschranktür reinzupfriemeln. Sagen wir, ich versuche es. Wie immer liegt die Tücke im Objekt - irgend etwas klemmt. Da ich nach dem vorzüglichen Frühstück mit der fabelhaften Nachbarin nicht in der Stimmung bin, mich geduldig mit Verklemmtheiten auseinanderzusetzen, wende ich ein wenig rohe Gewalt an, nur ein ganz klein wenig, wirklich nicht viel, aber es hat gereicht, die bereits in der Kühlschranktür befindlichen Regalteile aus den Angeln zu heben und quer durch die Küche zu schleudern.

Was nicht weiter tragisch wäre, schließlich kann man alles Heruntergefallene wieder aufheben, wie ich bereits von meiner abgestürzten Wäsche wusste, nur waren es natürlich nicht bloß die blöden Regalteile, sondern ebenso alles, was auf ihnen gestanden hatte - unter anderem ein Becher Schlagsahne (geöffnet), ein Glas selbstgekochte Brombeermarmelade sowie ein Glas Dijonsenf extrascharf, meine Lieblingssorte. Die Flugbahn der drei Objekte verlief folgendermaßen: Während der Becher Schlagsahne im Tiefflug über den Wäscheständer segelte und sich dabei partiell entleerte, landete das Glas mit der Brombeermarmelade auf dem Boden direkt neben dem Wäscheständer, wo es zerbarst. Das Senfglas fiel rücksichtsvollerweise auf den Wäscheständer, wo es zunächst ruhig und unbeschädigt liegen blieb, dann jedoch, der Schwerkraft folgend, zwischen den Wäschestangen nach unten durchrutschte und direkt unter der aufgehängten Wäsche mit einem lauten, hässlichen Knall ebenfalls zerbarst.

Brombeeren mit Schlagsahne und Senf ergeben auf heller Wäsche aparte, rorschachtest-ähnliche Klecksbilder, die meiner Phantasie augenblicklich Flügel verliehen hätten, hätte es mein Nervenkostüm nicht vorgezogen, einen barbarischen Brüll abzusondern und sodann aufs unflätigste zu fluchen ohne Rücksicht auf den Umstand, dass ich nicht allein im Wald wohne, sondern in einem urbanen Mietshaus, was die nette Nachbarin (sie wohnt links unter mir) veranlasste, über ihren Balkon besorgt zu mir hochzurufen, ob alles in Ordnung sei?

Das gab mir den Rest. Ich beugte mich übers Geländer und sagte "Nein!", mit einer von jener psychopathischen Sanftheit geprägten Stimme, die andere Leute schon hat übers Kuckucksnest fliegen lassen.

Danach ging alles von vorne los. Die nette Nachbarin meinte, ich solle mich doch erst mal bei einem zweiten starken Kaffee bei ihr erholen, welchselbiger Aufforderung ich gerne folgte, nicht ohne zuvor die verdammte Wäsche ein drittes Mal in die Waschmaschine zu stopfen und sodann die Wohnungstür hinter mir zuzuknallen.

Als ich wenig später gestärkt zurückkehrte, empfing mich ein durchdringend stechender Geruch nach Senf mit Brombeeraroma. Ich lüftete und fing an zu putzen. Danach fand ich, es sei Zeit für einen vorgezogenen Mittagsschlaf. Aus diesem bin ich soeben mit rasendem Puls erwacht, weil mir alpträumte, ich hätte heute ein Text zu schreiben über schnelldrehende Big Macs, bestrichen mit Brombeersenf und Fleckensalz.

Jetzt aber endlich an die Arbeit.

Dienstag, 27. Juli 2010

Lokalfernsehen


Das Leben schreibt Geschichten, die glaubt kein Mensch.
Sind aber wahr, ich schwöre es.

Wie ich heute früh unausgeschlafen (die gestrigen Aufwallungen haben mich senkrecht im Bett stehen lassen) aufs Restaurant zu radle, trifft mich fast der Schlag: Das Fernsehen ist da. Mit mal locker 15 bis 20 Mann (und Frau), Kameras, so weit das Auge reicht, das Lokal von außen grell von Scheinwerfern angestrahlt - bitte, um sechs Uhr morgens! -, der Wahnsinn, und zwar der helle. Es riecht nach action, so was gefällt mir immer. Ich bin wach.

Drinnen eine noch wuseligere Szenerie: Kameras, Scheinwerfer, Kabelrollen, Leinwände und Menschen, Menschen, Menschen, von denen ich nur einen einzigen kannte, nämlich Frau Übermop, und die erkannte ich sofort an ihrer wadenlangen weißen Schürze, weil beim Fernsehen offenbar konsequent schwarz getragen wird.

Beim Betreten des Restaurants steuerte mich ein wichtig aussehender TV-ler - schwarze Jeans, schwarzes Polo - an und fragte mich höflich, ob ich die Geschäftsführerin sei, was ich zu meinem Leidwesen verneinen musste, worauf er leicht schwerenöterisch weiterfragte, ob ich die Frau des Geschäftsführers sei, was ich wiederum verneinte, wenn auch nicht zu meinem Leidwesen. Daraufhin verlor das schwarze Polo das Interesse an mir. Ich strebte weiter Richtung Küche.

Auf dem Weg dorthin fing mich eine wichtig aussehende Frau mit schwarzem Jackett und schwarzer Hornbrille ab und fragte mich, ob ich die Schauspielerin sei. Da ich inzwischen, wie gesagt, hellwach war, haben mich augenblicklich meine gestrigen Bühnenphobien eingeholt und ich konnte nicht anders als zu antworten: Ja, aber ich glaube nicht die, die Sie suchen. Die Hornbrille guckte irritiert. Mir war es für einen Moment lang wurscht. Dann meinte die Hornbrille verwirrt: "Wieso, Sie sind doch genau der Typ, den wir besetzt haben", eine Bemerkung, die mir keine Spur aus meinem Hangover herausgeholfen, vielmehr mich noch tiefer in die kurze Wahnvorstellung getrieben hat, dass ja eigentlich das Fernsehen ruhig mal einen Film über eine akademische Putzfrau drehen könnte, besetzt mit einer akademischen Putzfrau.

Na ja. Lange lässt sich so eine Halluzination nicht aufrechterhalten. Ich drückte mein grundehrliches Bedauern hinsichtlich der Verwechslung aus und strebte weiter Richtung Küche. Stieg wie ein Storch über Kabelsalate. Fast hatte ich es bis zum Kücheneingang geschafft, da empfing mich hinterm Tresen eine dreiviertelwichtig aussehende Frau mit schwarzem T-Shirt, einem schwarzen Klemmbrett in der einen sowie einem - ich kann nichts dafür - schwarzen Kugelschreiber in der anderen Hand. "Sie gehören zu den Komparsen, richtig!" Richtig - sie fragte nicht, sie stellte fest.

Es half nichts, auch von dieser meiner letzten Castingchance musste ich mich verabschieden. Hach, wäre ich gern Komparse gewesen; wenigstens Komparse. Es hat nicht sollen sein. Stattdessen quetschte ich das schwarze Klemmbrett aus, was hier eigentlich abginge.

Dreharbeiten zu einem Spielfilm, erfuhr ich. Aha, deswegen waren die ganzen Brauereilogos verhängt und Sonnenschirme entfernt worden. Von wegen Schleichwerbung, Product Placement, pfui. Etwa Tatort?, fragte ich hellauf begeistert, weil, das hätte mir schon gefallen, einen regional verdichteten Krimi an meinem Arbeitsplatz zu drehen, mit so bisschen Gastrofolklore. Ich weiß von gußeisernen Pfannen, denen das Potential fliegender Untertassen nachgesagt wird.

Nein, erklärte das Klemmbrett, es handle sich um einen eher leichten Filmstoff, zwar mit Problemhintergrund, aber am Ende werde alles gut. Die Hauptfigur, eine Frau, durchlaufe ein schweres Schicksal und habe es nicht leicht im Leben (wieso ist der Stoff dann leicht?), komme am Schluss aber mit heiler Haut davon (ach so). Mehr denn je interessierte ich mich für die Rolle der Hauptdarstellerin. Hielt natürlich den Mund. Frau Übermop guckte schon, wieso die ganzen TV-ler mich anquatschten. Wahrscheinlich weil ich keine weiße Schürze trug.

Weil die Küche zu einem völlig fachfremden Kabel- und Gerätelager umfunktioniert worden war, beließ ich dort alles im Urzustand und widmete mich der Kellerreinigung. Im Keller wird man von keinem TV-ler angequatscht, kann sich vielmehr so ungestört wie methodisch dem Wahn hingeben - das entspannt.

Kurz nach acht kam der italienische Feinkostlieferant stoßatmend die Kellertreppe herunter, beladen mit dreimal so vielen Gemüsekisten wie sonst. "Muss leise sein auf der Treppe, haben die Leute vom Fernsehen gesagt", keuchte er beim Absetzen der Kisten. Kurz darauf erschien der deutsche Hähnchenmann (so nennt Frau Übermop den Geflügellieferanten), auch er ein Opfer der Lärmschutzmaßnahmen, gefolgt vom Ehemann der spanischen Putzfrau aus dem ersten Stock, der vor dem "Wahnsinnskrach dieser Fernsehleute" geflohen war. Nur wenig später kam Frau Übermop die Treppe herunter, brummte kopfschüttelnd "...die haben doch alle ein Rad ab", und hockte sich auf die unterste Kellerstufe - etwas, was Frau Übermop sonst niemals machen würde.

Der Keller füllte sich. Zehn vor neun stand die senegalesische Küchenhilfe auf der Treppe: Die Fernsehfuzzis hätten ihr gesagt, sie dürfe die nächsten zwei Stunden keine Kartoffelgratins in der Küche zubereiten, weil der Backofen dringend als Zwischenlager für Spezialkabel benötigt werde und die beiden Spülen von Ersatzstativen blockiert seien. Mit genervtem Augenaufschlag ließ sie sich längs auf der zweituntersten Kellerstufe nieder, schlug graziös die unglaublich langen Beine übereinander, stützte das Kinn in die Hand und sagte gedehnt unter schweren Lidern: "Je m'ennuie." Ich langweile mich. (Französisch ist Landessprache in Senegal.)

Ich bekam erneut einen leichten halluzinatorischen Schub und fragte sie, ob sie Marlene Dietrich kenne. Moi, je m'ennuie. Sie fragte, wer Marlene Dietrich sei. Ich antwortete: So eine wie du, bloß in weiß. Sie lachte und meinte, sie könne sich nicht vorstellen, dass "cette Marlène" sich ihr Geld mit Gemüseschneiden in einer Restaurantküche verdiene.
Da war ich wieder im richtigen Film.

Samstag, 3. Juli 2010

Mit und ohne Not


Mir brennt seit ein paar Tagen etwas auf den Nägeln. Es gibt da etwas, was mich wurmt, und zwar gewaltig, und überhaupt - wozu habe ich ein Blog. Also raus damit.

Vor ein paar Tagen nämlich fiel mir bei Durchsicht meines Archivs auf, dass etwa vor Jahresfrist ich in den höchsten Tönen schwelgte über die Kunst der Selbstversorgung - und sei es nur via Mirabellenkompott oder selbstgebackenem Brot. Das mit dem Brot und dem Kompott geht in Ordnung; das mache ich weiterhin, und aus meinen ersten Gehversuchen sind inzwischen Gewohnheiten geworden, und meine Brote schmecken gut wie die Hölle, und diese Woche habe ich eine Erdbeermarmelade gekocht, die den Herbst wohl nicht erleben wird.

Nur, mal ehrlich, Brotbacken (mit Muckis, ohne Gerät) bei den herrschenden Temperaturen ist die reine Schinderei, und gegenüber stundenlangem Marmeladekochen (Rühren! Rühren! Rühren!) am heißen Herd ist eine Dampfsauna ein wohltemperierter Chillroom. Ich tue es trotzdem, aber nicht aus Leidenschaft, sondern um Geld zu sparen. Ich kaufe längst keine Convenienceprodukte mehr, aber nicht weil ich sie ablehne, sondern weil sie mir zu teuer sind. Ich koche und backe weder um den Planeten zu retten noch um bewusster zu leben, sondern weil ich anders nicht über die Runden komme. Ich habe keinerlei Grund mich darüber zu beklagen, aber erst recht keinen, darüber zu schwelgen. Zwar freue ich mich über jede gelungene Brotkreation, finde es aber alles andere als witzig, aus ökonomischen Zwängen dauernd nur kleine Brötchen (so viel Metapher muss sein) backen zu können anstatt auch mal beim Konditor zuzuschlagen, wenn mir danach ist.

Wirklich Spass macht die ganze Selbstversorgerei nämlich nur, wenn man die Wahl hat. Damit komme ich endlich zum Punkt, oder vielmehr zum Wurm.

Der Wurm heißt: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Es begegnen mir immer mehr Leute, die weder Mühe noch Kosten scheuen, ihre Vorratsregale aus naturbelassenem Massivholz mit farblich aufeinander abgestimmten, selbstgefüllten Einmachgläsern vollzupflastern und diese dem staunenden Gast mit einem Aplomb vorzuführen, als hätte man soeben einen geheimen Salon betreten und nicht den Keller. Das große Einmachen hat offenbar begonnen und droht jetzt richtig modern zu werden, mit allem (teuren) Schnickschnack, der dazugehört, um aus einer Alltagstrivialität eine Lifestyle-Ideologie zu machen. Ich bin da, als Selbstversorger, anspruchsloser: Ich scheue nur die Kosten.

Seit ich das modebewusste Posieren solcher Wellness-Do-it-yourselfer erlebt habe und sie - wenn der gefühlte Trend nicht trügt - künftig wohl noch öfter erleben muss, ist mir die Lust am Schwelgen vergangen. Es reicht, wenn diese verschrobenen Einmachgläsersammler ihr Hobby mit einer Aura des Heiligen umgeben; es gibt Leute, mit denen möchte ich nicht verwechselt werden. Leute, die das Wort "Selbermachen" nur über die Lippen bringen in pathetischem Verbund mit "mein ökologischer Fußabdruck". Die, wenn sie schon nicht den Planeten retten, so doch zumindest eigenhändig und -mäulig "der Umwelt etwas Gutes tun" wollen - drunter tun sie es nicht. Die, die aus jedem popeligen selbstgebackenen Brot eine "Rückkehr zur Nachhaltigkeit" machen. Als ob Marmeladekochen eine ethische Handlung sei. Wenn man sie reden hört über eingemachte Tomaten, könnte man meinen, sie seien einem religiösen Orden beigetreten.

Sollen sie schwelgen. Ohne mich. Mich interessiert denen ihr Fußabdruck - weder der ökologische noch der rhetorische - nicht die eingemachte Bohne. Eigentlich, habe ich festgestellt, gibt es nur einen Weg, sie zum Schweigen zu bringen: Man hört sich eine Weile die edlen Motive des Premium-Selbstversorgers an, erträgt dessen moralisch überlegenen Augenaufschlag sowie den provinziellen Glamour, in dem er sich während der Kellerbegehung sonnt, und wartet auf den richtigen Moment, um sich als verarmter Prekär-Selbstversorger zu outen. Der richtige Moment ist genau dann gekommen, wenn der Edel-Frugale betont (tun sie alle über kurz oder lang), er mache das alles ja "nicht aus Kostengründen". "Ich schon", lautet dann die mit fester Stimme verabreichte Antwort, "aber ich mache es ja auch nicht als Luxushobby, sondern um zu überleben."

So etwas hören sie gar nicht gern, die Neocons am heimischen Herd im (meist) grünen Gewand. Irgendwie ist ihnen das peinlich. Irgendwie können sie damit überhaupt nicht umgehen. Irgendwie ist ihnen das zu nah dran an dem, was sie sich unter Armut vorstellen. Meist schenken sie mir dann ein Glas eingeweckte Kirschen direkt vom Regal, so als hilflos-nette Geste vom Direkterzeuger, und sagen dazu so Sachen wie "also, nicht dass du das jetzt falsch verstehst!", dicht gefolgt von Sprechblasen à la "ja, man kann dabei schon eine Menge sparen". Ich sage dann so Sachen wie "ja, aber nur wenn man nicht das Zeug aus dem Biosupermarkt kauft", und dann fällt ihnen erst mal nichts mehr ein.

Was da betrieben wird, ist die Gentrifizierung eines frugalen Lebensstiles. Man macht auf bescheiden und lässt sich das etwas kosten. Für den einen ist es Lifestyle-Getue, für mich ist es Not. Das ist der Unterschied. Es ist ein gewaltiger Unterschied.


Dienstag, 29. Juni 2010

Heiß und kalt


Nach gelungenem Auftakt wurde der Tag immer cooler.

Nachdem ich vor der ersten Hitzewelle des Tages ins Kühlhaus geflohen war, hörte ich die Lieferanten im Keller rumoren. Zur Zeit ist der Keller ein beliebter (weil kühler) Austragungsort für Meinungsverschiedenheiten betreffs Fußball-WM; bei einem multiethnischen Lieferantenkreis ein durchaus heftiger Schlagabtausch. Der Gemüse-Marokkaner war Feuer und Flamme für Ghana ("Ich bin Afrikaner!"), der Getränke-Pole verteidigte Deutschland bis aufs Messer ("Schließlich lebe ich in Deutschland!"), worauf der deutschstämmige brasilianische Bierlieferant die Nase rümpfte und seinen Favoriten - nein, nicht Brasilien - Argentinien ins Feld führte ("...sind die einzigen mit einem gescheiten Torwart!").

Meine inzwischen bekannte persönliche Vorliebe für Ghana fand der Marokkaner zwar sympathisch, aber unverständlich ("Da machst du dir keine Freunde unter den Deutschen!"). Der Pole und der Brasilianer schüttelten nur mitleidig den Kopf und meinten "typisch Frau", was immer sie damit meinten.

Richtig hitzig wurde es erst, als Frau Übermop sich einschaltete und stimmgewaltig verkündete: "Madonna ist das Allerletzte!" Nun genießt Frau Übermop als Fußballexpertin allergrößten Respekt bei den Lieferanten, denn beim tagtäglichen Fachsimpeln kann ihr keiner das Wasser reichen, selbst wenn ihr dabei gern der eine oder andere Versprecher entrutscht. Madonna also, befand Frau Übermop im Brustton der Überzeugung, sei das Allerletzte.

Der Pole schaute den Marokkaner an, der Marokkaner schaute mich an, und alle schauten wir den Brasilianer an. Keiner von uns verzog eine Miene, obwohl uns das Lachen bis zum Halse stand. "So, so", antwortete der Brasilianer endlich, indem er sich vor Frau Übermop aufbaute, "das Allerletzte, findest du?" "Das Hintervorletzte", schnaubte sie zurück, "schau ihn dir doch an. Wie kann man sich nur so gehen lassen!" Der Brasilianer bekam gefährlich verengte Augenschlitze und eine etwas rötere Gesichtsfarbe. "Argentinien wird gewinnen", stieß er fast drohend aus, "einfach weil die Argentinier gut sind, verstehst du, so gut wie die Argentinier ist keine andere Mannschaft." Frau Übermop musterte ihn von oben bis unten und sagte schließlich versöhnlich: "Du hast recht. So gut im Foulspiel wie Argentinien ist keine andere Mannschaft."

Worauf der Brasilianer die Augen nach nach oben verdrehte und empathisch "Madonna!!" ausrief. Man wusste nicht so recht, ob es ein Fluch oder ein Gebet oder die Anrufung des argentinischen Trainers war. Er verlangte nach einem kalten Getränk. "Man sollte sich bei dem Wetter nicht allzu sehr aufregen", meinte Frau Übermop freundlich, als sie ihm eine große kalte Cola hinstellte.



Dienstag, 23. März 2010

Doremifasolatido


Woran erkennt man, dass Frühling ist? Daran, dass die Vögel zwitschern. Woran noch? Daran, dass die italienischen Lieferanten singen. Die anderen singen nicht. Weder die deutschen noch die marokkanischen noch die griechischen Lieferanten singen. Gut, die Griechen haben zur Zeit vielleicht nicht so furchtbar viel Grund zu singen - nur, woran erkennt man die Italiener? Daran, dass sie singen, ohne einen Grund zu haben. Bis auf den Frühling halt.

Ansteckend ist das, und wie. Bestimmt fünfmal flitzte heute der kleine Feinkostitaliener die Kellertreppe runter, jedes Mal schwer beladen mit Kisten voll frischem Rucola, Brunnenkresse und Austernpilzen (die Salatsaison ist eröffnet). Er schleppte sich halbtot und erleichterte sich durch geräuschvolles Ausatmen auf dem Weg nach unten. Weil er ein lustiger Vogel ist und gut bei Stimme, tat er dies jeweils in drei Intervallen, fing auf den obersten Stufen an laut zu schnaufen, stöhnte noch einmal, lauter, in der Mitte der Treppe und endete mit einem kolossalen, lang anhaltenden Brüller beim dritten Mal, unten angekommen, wo er seine Ware absetzte und seiner Anstrengung lustvoll Luft machte.

Und weil er ein lustiger Vogel ist, der gern singt, trat er den unbeschwerten Rückgang nach oben trällernd an. Was liegt auf einer Kellertreppe näher, als die Tonleiter nach oben zu singen? Do-re-mi-fa-so-la-ti-do. Sang er. Und freute sich an der guten Akustik im alten Kellergewölbe. Erst sang er, dann schmetterte er. Jede Treppenstufe bekam eine Tonsilbe. Nun hat die Kellertreppe nicht acht, sondern elf Stufen, was den Tenor dazu veranlasste, das letzte Do auf den obersten drei Stufen jeweils lang zu halten: do-re-mi-fa-so-la-ti-dooo. Göttlich. Vergiss das Opernabo.

Später kamen die Getränkelieferanten, ein eingespieltes Duo bestehend aus einem Deutschen und einem Polen. Dieser polnische Mann ist ungeheuer groß, also, riesengroß und ungeheuer riesenbreitschultrig. Er sieht ein bisschen aus wie einer der Klitschko-Brüder; welcher von beiden, könnte ich im Moment nicht sagen. Also ein ziemlich bulliger Typ. Stets freundlich und mit hintersinnigem Witz ausgestattet, aber ruhig und zurückhaltend im Auftreten. Was soll ich sagen? Der Pole sang. In den höchsten Tönen. Die Kellertreppe rauf und runter, egal ob er einen vollen oder leeren Getränkekasten trug. Volare sang er, jenen uralten Italohit, zauberhaft. Dabei schmetterte er das 'Oh-Oh' nach jedem 'Volare...' in die Tiefe des Kellergewölbes hinein, das 'Oh-Oh-Oh-Oh' nach jedem 'Cantare...' klang, als ob ihm gerade jemand einen guten Witz erzählt. Er kannte den italienischen Text des Liedes auswendig.

Derweil räumte Mrs. Mop im Gemüsekeller und wurde vom Ohrwurm voll erwischt - obwohl in den Gemüsekeller keine Sonne scheint, außer an wenigen Tagen im Jahr. Selbst als der singende Pole und sein schweigender Kollege längst wieder weg waren, schmetterte sie noch Volare durch den Keller. Schmettern bei Kellerakustik ist einzigartig. Am liebsten mochte ich die Stelle mit dem 'Oh-Oh'.

Dann kam der andere italienische Feinkostlieferant, der mit den Scampi und den gefüllten Tomaten. Ich war gerade dabei, ein besonders schmalziges 'Volare... Oh-Oh' rauszuschmettern, da stand er plötzlich vor mir mit der gefüllten Tomatenkiste und schmetterte zurück: "Cantare... Oh-Oh-Oh-Oh". Und kannte - selbstredend - den Text auswendig. Die Kellerwände wackelten.

Cantare. Lauthals. Einfach so. Doremi. Weil Frühling ist. Oh-Oh.


Donnerstag, 13. August 2009

Wadenbeißer

Die Folgen meines gestrigen Absturzes waren unübersehbar. Wenig anmutig und mit deutlich eingeschränkter Dynamik schwang ich heute den Schrubber. Immer das linke Bein etwas nachziehend. Aber es ging. Frau Übermop konnte sich erwartungsgemäß das Kommentieren nicht verkneifen und meinte mich darauf hinweisen zu müssen, ob mir noch nie aufgefallen sei, dass längs der Kellertreppe sich ein Geländer befinde. Zum Sichfesthalten. Statt einer Antwort schwafelte ich etwas von in den Brunnen gefallenen Kindern, was aber keinen rechten Sinn ergab.
Die größte Herausforderung für meine lädierte Wadenmuskulatur ist das Treppensteigen, und zwar nach unten. Da nützt auch kein Geländer dieser Welt etwas; es ist eine Qual. Dann habe ich aber herausgefunden, dass es rückwärts sehr gut funktioniert, das heißt, rückwärts die Treppe hinabzusteigen, natürlich mit mindestens einer Hand am Geländer. Weil der Fuß dabei andersrum abrollt, klappt das einwandfrei, wenn auch recht langsam. Dass die Prozedur ziemlich merkwürdig ausschaut, steht auf einem anderen Blatt. Ein Lieferant fragte mich auf der Kellertreppe, ob das was mit Yoga zu tun hätte. Ich hielt das für einen Witz und sagte, nein, es handle sich um eine Rehamaßnahme, was er wiederum für einen Witz hielt. Von oben hörte ich eine Stimme 'Hals- und Beinbruch!' rufen. Ich könnte wetten, es war die von Frau Übermop.

Mittwoch, 12. August 2009

Freier Fall

Bekanntlich lauert der Absturz überall. Nicht nur in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, nein, auch physisch-motorisch will der Alltag bewältigt sein. Kein Mensch fällt gern auf die Schnauze. Mich ereilte der Absturz heute ungesichert auf der Kellertreppe. Gut, es waren nur die letzten beiden Stufen, aber die nahm ich im Fluge. Gottseidank einigermaßen sicher gelandet; nur die linke Wadenmuskulatur ist erheblich am Maulen. Fuß abrollen? War gestern. Fest auftreten? Vergiss es. Beine hochlegen und gar nichts tun? Aah, wundervoll.
Womöglich bin ich morgen früh ein Fall fürs Fahrradtaxi.

Dienstag, 14. Juli 2009

Jäger und Sammler

Heute früh kurz bei Plopp & Plutsch vorbeigeschaut - desaströs. Infolge des nächtlichen Dauerregens gab es statt fester, frischer Kullerchen nur noch Mirabellenkompott. Zwar von einwandfreier biologisch-organischer Qualität, aber ein derart intensiv naturbelassenes Aroma verströmend, dass ich von meinem Erntevorhaben Abstand nahm.
Während der zwanzig Meter Fahrt durch Mutter Naturs Gär- und Waschküche (feuchtwarme Luft, 23 Grad schon um halb sechs) beschloss ich, künftig diese öffentliche Wegstrecke als mein privates Krisengartengrundstück zu nutzen, frei nach der Devise: Ernten ohne selbst anzubauen. Einfach mitnehmen, was die Scholle so hergibt. Okay, klingt jetzt vielleicht ein bisschen konsumistisch, so nach take away food - Habenwollen ohne Hand anzulegen, genau von diesem Anspruchsdenken will einen ja das Selbstversorgungsprinzip runterholen: kein Einverleiben ohne sich zu verausgaben. Aber bitte, immerhin bücke ich mich pausenlos, also, tun tue ich schon etwas, meinetwegen ist es Selbstversorgung light. Bei den Mirabellen ist noch längst nicht aller Tage Abend, da kommt noch einiges runter.
Schräg gegenüber vom Mirabellenbaum steht ein Birnbaum, den ich gottlob daran erkenne, dass er bereits kleine grasgrüne birnenförmige Früchte trägt. Noch sind sie unfotogen. Weitere Erntepotentiale werde ich die nächsten Tage eruieren. Für den Anfang nicht schlecht: Birnen einlagern über den Winter, Mirabellenmarmelade kochen und im Keller bunkern.
Ist ja überhaupt etwas Tolles, wie sich aus roher Natur etwas Gutes zum Essen verstoffwechseln lässt. Als ich heute morgen den Keller wischte, kam ein Fleischlieferant die Treppe herabgestiegen, auf der rechten Schulter einen schweren Karton tragend. Laut rief er: "Es gibt leider nur drei Kaninchen, statt sechs bestellten." Er erblickte mich im Keller und fügte erklärend hinzu, es bestünde derzeit ein Lieferengpass für Kaninchen. Schnaufend verschwand er mit Karton im Kühlhaus. Nun habe ich ja mit der Bestellabwicklung rein gar nichts zu tun, fand aber das mit dem Lieferengpass doch bemerkenswert. Wie kann das sein? Die Kaninchen springen, wie schon erwähnt, zu Hunderten in freier Wildbahn herum, man spricht von einer großstädtischen Plage, und der Kaninchenlieferant hat was? Einen Engpass. Sachen gibt's. Kaninchen-Butterberge, sozusagen.
Ich trug gerade meinen Wassereimer die Kellertreppe hoch, als der Kaninchenbringer hinter mir wieder auftauchte. Interessehalber fragte ich ihn, ob es sich um Keulen oder Rücken vom Tier handele, und er antwortete, nein, das seien komplette, unzerlegte Kaninchen, die erst von den Köchen auseinandergenommen werden. Fand ich zumindest ungewöhnlich; es werden ja schließlich auch keine unzerlegten Kühe angeliefert. So könne man das nicht sehen, meinte der Mann mit einem gutmütigen Grinsen, bei Kaninchen sei das etwas anderes als bei Kühen. Während er den Kopf schräg legte und überlegte, wie er sagen sollte, was er sagen wollte, ertönte vom oberen Ende der Kellertreppe die Stimme von Frau Übermop: "Damit man sieht, dass es keine Katze ist."
Fast schmoss es mich rückwärts die Kellertreppe runter vor Lachen. Ich weiß nicht, was mich mehr erheiterte - das mit der Katze oder der Übermop-Tonfall. Der Halbsatz 'damit man sieht, dass es keine Katze ist' kam beiläufig-belanglos daher als handele es sich um eine Marginalie, etwa wie 'an Spiegeleier gehören Salz und Pfeffer'. Im Krieg, so erfuhr ich, seien tatsächlich Katzen als Kaninchen vertickt worden, also musste man sich vorsehen als Käufer.
Ich raste sofort ins Kühlhaus um nachzuschauen, ob sich auch kein falscher Hase unter den dreien befand. Ich tippe auf dreimal Kaninchen, obwohl, beschwören könnte ich es nicht. Und wenn man erstmal ins Nachdenken kommt...kennt man ja.
Aug' in Aug' mit den drei küchenfertigen Häschen wuchsen meiner morgendlichen Krisengrundstücksvision Flügel. Dort purzeln nämlich nicht bloß Mirabellen und bald auch Birnen durch die Gegend, sondern ganze Kaninchengeschwader. Ich weiß, dass auf Kaninchen nicht geschossen werden darf, jedenfalls vermute ich es, aber ich sage ja auch nicht, dass ich auf Kaninchen schießen will, ich sage nur, Schrotflinte lernen wäre schon mal nicht schlecht, so krisentechnisch gesehen.
Vielleicht steige ich auch in die Destillierbranche ein, denn auf dem Rückweg ploppte und plutschte es wieder aus allen Rohren; frische Ware lag abholbereit. Warum nicht in Mirabellengeist machen? Warum nicht dereinst, wenn die Krise uns das letzte Hemd ausziehen wird, sich an Kaninchenbraten mit in Senf geschmorten Mirabellen stärken?
Warum in die Ferne schweifen? Jetzt wird erst mal Mirabellenkompott gekocht.


Sonntag, 12. Juli 2009

Eigenbrötler

Vielleicht hatte Frau Übermop ja doch recht neulich mit ihrem Plädoyer für das Selbstversorgungsprinzip. Sie hatte ja kassandrahaft prophezeit, dass die Leute in kommenden Zeiten gut daran täten, die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse verstärkt selbst zu organisieren. Und falls sie, die Leute, dazu nicht in der Lage seien, müssten sie es eben lernen. Und falls die Leute nicht in der Lage seien, es zu lernen, blickten sie härteren Zeiten entgegen. Noch härter nämlich als die ohnehin sich ankündigenden harten Zeiten für alle anderen. Mehr hatte Frau Übermop dazu nicht aus dem Sack gelassen, aber es hat gereicht, mich heute ihrer Worte zu erinnern:
Gartengrundstück zum Kauf oder zur Pacht gesucht.

Vielleicht handelt es sich bei dem Interessenten ja um einen Zeitungsleser, dem vor zwei Tagen dieser Artikel in die Hände gefallen ist. Dort wird berichtet von einem Kleinbauern im südlichen Niedersachsen, der auf seiner Stalltür stehen hat: Ich bleibe auf dem Land / und ernähre mich, wie ich kann. 'Auf dem Hof gibt es kein Fließwasser, also auch kein Klo, nur einen Blecheimer.' Mit den Fäkalien wird die Wiese gedüngt, 'so will es der Kreislauf'. Es gibt Kühe, Schafe, Hühner, eine Ziege und noch viel mehr Getier. Es gibt vor allem viel Arbeit. Sein Wasser bezieht der Landwirt aus einer nicht allzu nahen Quelle, welche er mit den Worten lobt "falls der Aldi einmal nicht mehr aufmacht".
Ein hartes Leben. Aber es gibt mit Sicherheit härtere Leben. Im Keller 'lagern seine Vorräte, 200 Einmachgläser: Gurken, Kürbis, Apfelmus, eingekochtes Fleisch, Birnen, Kartoffeln. Brennholz, Sellerie, Rote Beete. Im Regal reifen einige Käse, und weitere 30 trocknen für den Winter draußen in der Sonne. Der Selbstversorger lebt im Überfluss.' Warum sie den Artikel dennoch überschrieben haben mit 'Gottfried, der Habenichts', bleibt mir ein Rätsel. Ach ja, und Gottfrieds große Leidenschaft ist Tango tanzen. Jeden Donnerstagabend.

(Memo: Artikel ausdrucken und morgen Frau Übermop mitbringen)

Donnerstag, 2. Juli 2009

Soziale Kälte, revisited

Heute früh empfing Frau Übermop mich mit diesem gewissen Blick, den ich mittlerweile gut kenne an ihr. Sie schaut dann ganz ernst drein, schließlich will sie mir gleich etwas ganz Ernstes sagen. Aber irgendwo in den Augen blitzt ein versteckter Schalk: Sie grinst dann, sozusagen, ganz leicht aus den Augenwinkeln, obwohl ihre Mundwinkel keinerlei Anstalten machen zu lächeln. Ich wusste also heute morgen, aha, da ist ein Geschoss im Anflug. Es kam zunächst ganz harmlos daher in Gestalt einer Feststellung: "Du hast am Dienstag was vergessen!" Gemeint war: Im Rahmen meiner Putzaufgaben habe ich am Dienstag etwas vergessen zu tun.
Fieberhaft rekapitulierte ich gedanklich, was am Dienstag alles war, es wollte mir nicht gleich einfallen, kein Wunder, es war ja schon wieder 28 Grad warm, und beim Spüren der 28 Grad Wärme erinnerte ich mich, dass es am Dienstagmorgen auch verdammt warm war, und dass in meinem Blog am Dienstag etwas steht von wegen großer Schwüle, beziehungsweise Kälte, und dann fiel mir endlich das Kühlhaus ein und ich fragte: "War was mit dem Kühlhaus?" (So ein Blog ist wirklich prima gegen Ausfallserscheinungen im Kurzzeitgedächtnis.)
Frau Übermop schüttelte den Kopf und ließ mich noch ein Weilchen vergeblich raten. Sichtlich genoss sie es, die Katze nicht vorschnell aus dem Sack zu lassen. Dann kam das Projektil angeschossen: "Vor lauter Schäkern mit den Lieferanten im Keller hast du vergessen, den Haupthahn zum Wasserschlauch zuzudrehen." Sagte ich Geschoss? Bei mir kam es an wie eine Mittelstreckenrakete. Auf der Stelle wurde mir siedend heiß (bei 28 Grad, bitte). Mein erster, mein einziger, mein alles beherrschender Gedanke war: Frau Übermop liest in meinem Blog mit! Zwar ist in jenem Dienstagspost keine Rede von Schäkern, und was sich faktisch am Dienstag im Kühlhaus abgespielt hatte, war gewiss kein Schäkern, sondern eine kurze gemeinsame Auszeit von der unerträglichen Hitze; gewissermaßen eine kleine Flucht in die soziale Kälte (um diesen Begriff endlich einmal positiv zu besetzen). Aber bekanntlich entsteht ein Bild nicht im Text, sondern im Kopf des Lesers. Und Frau Übermop hat ja durchaus ihren eigenen Kopf. Mir wurde immer heißer. Ich wollte für den Rest meines Lebens nur noch ins Kühlhaus. Die liest in meinem Blog mit!
Tut sie natürlich nicht. Sie hat lediglich eine faktische (Wasserhahn) mit einer fiktiven (Schäkern) Aussage verknüpft, anders gesagt, sie hat spasseshalber mal so ein krummes Ding ausgelegt, um zu schauen, wie ich reagiere. Inzwischen lachten auch die Übermop-Mundwinkel breit. Das musste an meiner gesunden roten Gesichtsfarbe liegen. Reichlich lahm fragte ich, welchen Lieferanten sie jetzt meine? Und da war er schon wieder, dieser Blick, passend zur Antwort: "Na, es waren ja genug hier am Dienstag!" Da hat sie nun auch wieder recht. Die Getränkelieferanten gaben sich die Klinke in die Hand, klar, bei dem Wetter. Es wurde eine Unmenge, was sage ich, ganze Flotten von Getränkekästen in den Keller hinunter, Leergutkästen aus dem Keller nach oben geschleppt. Nicht nur die Kellertreppe war dauernd blockiert von schleppenden Kerlen, sondern der gesamte Kellergang sowie der Getränkekeller selbst. Eine herumwischende Putzfrau macht sich da nur unbeliebt.
Also blieb der Putzfrau gar nicht anderes übrig als sich zwischendurch immer wieder entspannt auf ihren Schrubber zu stützen, um die Dinge oder die Kerle an sich vorbeiziehen zu lassen, und dabei fiel natürlich das eine oder andere Wort. Man ist ja in keinem Stummfilm, weder als Putzfrau noch als Getränkelieferant. Und dass man bei solcherart fraktalem Arbeiten auch mal einen Wasserhahn aus den Augen verliert...hm ja, kann zwar vorkommen, sollte aber besser keinesfalls vorkommen. Ich entschuldigte mich angemessen. Meine Erleichterung darüber, dass Frau Übermop sich eindeutig auf die Getränkelieferanten bezog und nicht auf mein Blog, war so groß, dass ich alles zugab und nichts abstritt. Ich meine, wenn sie die schleppenden Flaschenboys nicht erwähnt hätte, würde ich jetzt noch mit rotem Kopf vor dem Computer sitzen. Weil ich ja denken würde, Frau Übermop liest jetzt grade mit. Jessas.


Dienstag, 30. Juni 2009

Cooldown

Dienstag ist Kühlhausputztag. Das bedeutet, dienstags geht es nach einer Küchenkurzreinigung um sieben Uhr in den Keller, wo sich die beiden Kühlräume befinden. Einer für Fleisch, einer für Gemüse. Der Kühlraum für Fleisch ist besonders ungemütlich, da temperaturmäßig unter vier Grad. Celsius. Danach den Gemüsekühlraum zu betreten fühlt sich an wie Frühling nach einem langen Winter. Obwohl das Gemüse höchstens zwei, drei Grad höher gekühlt wird.
Ich erinnere mich gut an meinen Kühlhausschock, als ich im März den neuen Job an- und den Fleischraum zum ersten Mal betrat. Meine Nase rebellierte sofort. Sie wollte das nicht. Nach zwei Minuten in der Kälte wurde ich stocksteif (physisch), nach vier Minuten war mein Hirn komplett entleert, nach dreißig Minuten war ich fertig, aber wie. Fluchtartig verließ ich das Kühlhaus, die wohlige Wärme des alten Kellergewölbes umhüllte mich wie Omas Federplumeau, mein Blut kehrte allmählich wieder zurück, bloß mit dem Denken funktionierte es noch nicht so recht. Mir war alles egal. Ich wollte nichts als mich ins warme Lokal setzen, einen heißen Kaffee trinken und von niemandem angesprochen werden. Nichts leichter als die Erfüllung der ersten beiden Wünsche; das dritte Bedürfnis, meine antisozialen Anwandlungen, blieb ungestillt. Während der Kaffee durchlief, schaute Frau Übermop mit großerstaunten Augen auf ihre Armbanduhr und fragte, wieso ich schon wieder da sei? In einer halben Stunde das komplette Kühlhaus geputzt? "Das hat vor dir noch keine geschafft", meinte sie, "nicht mal ich schaffe das." Es klang weniger anerkennend als es sich vielleicht liest, es klang eher so nach 'da kann doch was nicht stimmen!'. Ich stammelte etwas von "nur Fleisch"; zu differenzierterer Sprachäußerung war ich außerstande, mein Oberstübchen lief allenfalls auf Notaggregat. Frau Übermop verstand sofort (Sätze ohne Prädikat und Objekt sind eine Spezialität von ihr), außerdem war mein Zähneklappern wohl unüberhörbar. "Ach so", gab sie zurück, "du hast den Gemüsekühlraum noch gar nicht gemacht. Ja, beim ersten Mal friert man sich den Hintern ab. Das gibt sich mit der Zeit." Was stimmt. Ich habe dazugelernt. Es ist alles nur eine Frage der richtigen Technik.
Am heutigen Dienstag, dem letzten Tag im Juni, betrat ich das Kühlhaus, ein tiefer Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner Brust, und ich dachte: Nie mehr will ich hier wieder raus, ich bleibe bis heute abend bei den Hasenrücken und Rumpsteaks, egal wie sie riechen. Plötzlich waren sie meine Freunde geworden, dank der Außentemperaturen von schwülen 26 Grad, Tendenz steigend.
Ich freute mich geradezu auf das Arbeiten in der Kälte und machte mich beschwingt und frisch ans Werk.
Bald öffnete sich von außen ruckartig die schwere Stahltür: Der italienische Feinkostlieferant stand auf der Schwelle, schweißüberströmt, schwer atmend, schwer schleppend an einem großen Karton Lammkeule. Mit Hüfte, ohne Knochen. Stand drauf. Er ließ den Karton sinken, atmete ein paar Mal tief durch, wischte sich mit einem bereits klatschnassen stöffernen Riesentaschentuch Gesicht und Arme ab, sah mein frisches Begrüßungslächeln, erkannte die Ursache, weil er sie spürte, die fabelhafte Kälte nämlich, bückte sich wortlos nach dem Lammkeulenkarton, drehte ihn um, ließ sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung darauf nieder und sah mir beim Regalewischen zu. Nach längerem Schweigen meinte er tiefsinnig: "Heute haben Sie den besseren Job!" Ich lud ihn ein, doch dienstags mal wieder auf einen Chill vorbeizuschauen, ähnlich schwüle Außentemperaturen vorausgesetzt. "Cool", antwortete er und schaute sich im Raum um, "wirklich sehr cool." Bester Laune wechselten wir zum Akklimatisieren in den Gemüsekühlraum. Es fühlte sich an wie das Betreten eines subtropischen Gewächshauses.