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Donnerstag, 21. März 2013

Die Bulldozer sind unter uns


Also, jetzt mal eins nach dem andern.

Da wäre zum einen die Revolution. Dauert womöglich noch eine Weile. Und dann wäre da der Bank Run. Dauert auch noch, kommt aber höchstwahrscheinlich vorher. Beiden, der Revolution und dem Bank Run, ist gemeinsam: They will not be televised. Auf gar keinen Fall. Weil, die Medien werden ja nicht dafür bezahlt, dass sie die Leute auf dumme Gedanken bringen. Im Gegenteil. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die Leute von solcherart systemgefährdendem Blödsinn abhalten.

Weshalb es völlig witzlos ist, vor der Glotze zu sitzen und zu zählen, wie viele Leute inzwischen vor den Bankomaten Schlange stehen. Es werden nie mehr als vier oder fünf sein. Höchstens mal der eine oder andere Bulldozer dazwischen, wie zur Zeit in Zypern, das ist dann aber schon das Höchste der Gefühle. Weil, Bulldozer vor Banken bringen Einschaltquote, und immer nur vier oder fünf Hanseln vor einem Bankomaten zu zeigen wird ja auf Dauer auch langweilig.

Nur, vor der Glotze sitzen und drauf warten, dass der Bulldozer endlich in die Schalterhalle reinbrettert - vergiss es, Baby. Bis auf weiteres wird der Bulldozer, mattscheibenfreundlich und dekorativ, vor der Bank so statisch rumstehen wie ein Brückenpfeiler aus Beton, wie ein uriges prähistorisches Requisit aus dem ZDF-Fernsehgarten, und sich nicht von der Stelle rühren; dafür sorgen die wesentlich dynamischeren Bulldozer der sogenannten Eurogroup, allen voran der Oberbulldozersturmführer Schäuble, der händereibend frohlockt, dass in den zyprischen Banken eh kein Geld zu holen sei, jedenfalls so lange nicht, wie kein böser Russe hinterm Steuer des Bulldozers sitzt, was zuverlässig daran zu erkennen sei, wenn aus dem Bulldozerauspuff ein paar stinkende Erdgaswolken entweichen -

Cartoon: Fricca

- weshalb sich Chefbulldozer Merkel - mit der russischen Materie seit Kindesbeinen vertraut - nachdrücklich verbeten hat, dass die zyprische Regierung mit irgendjemand anderem verhandelt als mit der Troika. Irgendwie ist der Bulldozerchefin dabei aus dem Blick geraten, dass sie zwar Kanzlerin von Deutschland, aber (noch) nicht von Europa ist, aber sie übt halt fleißig, man muss ihr das nachsehen.

Jedenfalls, die Sache mit dem Bank Run. Der muss, da sind sich alle einig, auf Biegen und Brechen verhindert werden. Nur, wie? Ein erster, wichtiger Schritt ist bereits gemacht: Die Banken in Zypern bleiben einfach geschlossen, fertig. Erst mal bis übers nächste Wochenende. Und weil, günstigerweise, der Montag nach dem nächsten Wochenende ein Feiertag ist ('Griechischer Unabhängigkeitstag', meine Güte, von wem sind die unabhängig? Doch wohl nicht von der Troika?), werden die Banken bis mindestens nächsten Dienstag geschlossen bleiben. Oder noch länger. Vielleicht für immer. Was natürlich, im Sinne der Unterbindung eines Bank Run, eine extrem praktische, auf allen Seiten bulldozersparende Lösung wäre.

Immerhin ist jetzt bis Dienstag genug Zeit, dem gefürchteten Bank Run prophylaktisch entgegenzuwirken, also die bewährten Propagandageschütze anzuwerfen und die Zyprioten aus allen Rohren zu beballern, dass ihr Erspartes sicher, wirklich garantiert sicher sei, aber nur und ausschließlich dann, so lange sie es auf der Bank lassen. Vorher, da sind sich alle einig, ist es völlig sinnlos, die Banken wieder zu öffnen. Sollten die zypriotischen Bankkunden weiterhin stur bleiben und partout an ihre Kohle ran wollen, bleiben die Banken halt weiterhin geschlossen, basta.

Sollten jedoch auch künftig, trotz allen guten Zuredens, die Leute einfach nicht zur Vernunft zu bringen sein, dann muss mit härteren Bandagen vorgegangen werden. Quasi mit Handschellen. Ein neues Notgesetz, das den Bank Run bei Strafe verbietet, liegt bereits in den Schubladen. Selbstverständlich etwas geschmeidiger formuliert, etwa so: Zu Ihrem Schutz und der Sicherheit Ihrer Bankeinlagen sind Sie ab sofort gehalten, pro Tag maximal 100 Euro von Ihrem Konto abzuheben oder zu überweisen; bei Zuwiderhandlung belasten wir mit einer nach oben offenen Zwangsabgabe Ihr Guthaben so lange, bis Sie keines mehr haben.

Völlig bescheuert oder was? Keine Spur. Hätte vor nur einer Woche irgendjemand erzählt, das EU-Bulldozerteam werde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Bankguthaben der Bürger eines europäischen Landes konfiszieren - alle hätte geschrien: völlig bescheuert oder was?

Das Grauen kommt auf leisen, aber schnellen Sohlen.
In kundenfreundlicher Bulldozerlautstärke.

Sonntag, 20. November 2011

Öffentlich-rechtliche Schnüfflermentalität


Guten Morgen und herzlich willkommen in der Schönen Neuen Welt (Copyright: Aldous Huxley).

Heute nacht gut geschlafen? Etwas Nettes geträumt? Haben Sie sich geschützt und behütet gefühlt in Ihrem privaten Schlafzimmer? Geschützt vor den Übergriffen von Schnüfflern und Voyeuren, die Ihnen hinterherspionieren, weil sie unbedingt herauskriegen wollen, ob Sie wirklich in Ihrem privaten Schlafzimmer genächtigt haben oder vielleicht irgendwo anders? Ja?

Das ist schön für Sie. Denn sollten Sie das Pech haben, statt in ihrem Schlafzimmer in einem Zelt zu übernachten, dann bilden Sie sich bloß nicht ein, im Inneren Ihres Zeltes hätten Sie ein Recht auf Privatheit. Der Hessische Rundfunk ist da nämlich entschieden anderer Meinung. Der Reporter des Hessischen Rundfunks tingelt nämlich nachts durchs Camp von #occupyfrankfurt, ausgerüstet mit einer Wärmebildkamera, um zu checken, ob in den Zelten auch wirklich einer drin liegt oder ob es sich bei der ganzen Veranstaltung um eine Art Phantomcamp handelt.

Ha! Und was hat er herausgefunden, der spionierende Medien-Big-Brother vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Erwischt hat er uns! In weit über hundert Zelten haben insgesamt höchsten 50 zusammengerollte Schlafsackmumien gelegen. Womit er beweisen wollte - ja, was wollte der öffentlich-rechtliche Schnüffler eigentlich beweisen? Dass zum Zeitpunkt X in der Nacht Y nicht alle Camper sich brav in ihren Zelten aufgehalten hatten und der Schnüffler sich darum in seinen öffentlich-rechtlichen Ressentiments gegenüber einer unter freiem Himmel nächtigenden Protestbewegung bestätigt sehen durfte?

Genau das wollte er beweisen. Weshalb er in der Hessenschau vom 18. November triumphierend sein Hi-Tech-Wärmebild-Radargerät in die Kameras hielt und die Zuschauer wissen ließ, er habe das "mal prüfen" wollen. Also, die menschlichen Inhalte in all diesen Zelten wollte er "mal prüfen". Und kam auf seiner nächtlichen Spannertour zu dem sensationellen Ergebnis, dass nach Scannen aller Zelte zwei Drittel aller Zelte unbewohnt waren; sprich, er ist einem Potemkinschen Zelt-Dorf auf die Schliche gekommen. Darüber hat er sich diebisch gefreut und hält seine mediale Observierungskampagne vermutlich für ein Glanzstück an investigativem Journalismus.

Ich dagegen halte das Ausleben solcher journalistischer Bespitzelungsgelüste für übergriffig, um nicht zu sagen, gesetzeswidrig. Hallo? Wenn die Polizei mich erwischen würde, wie ich mithilfe einer Wärmebildkamera ins Innere eines Schlafzimmers, eines Autos, einer öffentlichen Toilette oder eines Zeltes dringe und damit das Recht auf Privatsphäre verletze, dann verwette ich meinen polarkälte-getesteten Schlafsack, dass ich Ärger kriegen und höchstwahrscheinlich wegen Voyeurismus verhaftet werde.

Schon mal was davon gehört, dass Zelte in aller Regel nicht aus transparenten Materialien hergestellt werden, und das aus guten Gründen? Damit nämlich nicht jeder dahergelaufene Peeping Tom ungeniert seinem Gafferwahn fröhnen kann? Nein? Kann einem sensationslüsternen Kontrollfreak vom Hessischen Rundfunk ja auch egal sein. Hauptsache, er kann mit einer geilen Schnüffelstory aufwarten und sich dabei irre originell fühlen.

Apropos originell. Der Hessenschau-Schnüffler ist noch nicht mal selbst auf die Idee mit dem nächtlichen Spähtrip gekommen. Er hat einfach die Methode kopiert, mit der ein paar Wochen zuvor bereits ein englischer Presseschnüffler das Camp von #occupylondon auskundschaften und 'entlarven' wollte. Schließlich sind preiswerte Wärmebildkameras in jedem Elektronikshop erhältlich. Da hängt er sich einfach mal dran, wird sich der hessische Möchtegern-Big-Brother gedacht haben - wird schon keiner merken.

Entgangen ist ihm aus lauter Lust am Entlarven, dass sein englischer Wärmebildkamera-Schnüffelkollege ein paar Tage später aufs Peinlichste entlarvt worden war. Es hatte sich nämlich (in der Tageszeitung Guardian) ein Militärwissenschaftler mit Spezialkenntnissen in wärmebildgebenden Verfahren zu Wort gemeldet und die verwendete Kameratechnologie mitsamt ihren, ähm, sensationellen Aufdeckungen als hausgemachten Blödsinn bezeichnet ("rubbish science").

Ist jetzt ganz dumm gelaufen, lieber Spanner vom öffentlich-rechtlichen Dienst. Oder denkst du immer noch, es wird schon keiner merken? Freu dich mal bloß nicht zu früh. Warte lieber ab, wie gesprächsbereit künftig die Camper von #occupyfrankfurt sein werden, wenn ihnen mal wieder ein Mikrofon vom Hessischen Rundfunk unter die Nase gehalten wird. Weil, auf Bespitzelungstechniken, die uns irgendwie an verdeckte Ermittlungen nach Gestapo-Manier erinnern, fahren wir ganz schlecht ab. Aus Prinzip, wenn du verstehst.


Dienstag, 18. Oktober 2011

Irgendwas mit Medien



Früher oder später holt er einen, der Lagerkoller. Bei mir kam er gestern. Er pirschte sich frühmorgens auf leisen, aber unsanften Pfoten an mich heran, als ich nach langwieriger Entmumifizierung (saukalt, die Nächte) aus meinem Zelt kroch und, noch schlaftrunken schwankend, der bullernden Wärmetonne zustrebte. Statt der gewohnten, extrem gemütlichen und entspannten Tonnenfrühbesetzung hatte irgendein Fernsehkamerateam es für eine gute Idee gehalten, dort ein längliches Interview zu filmen.

"Coole Atmo, los, wir nehmen die Tonne", hörte ich den Kameramann sagen, und so geschah es. Sie belegten die Tonne mit Beschlag, wegen der coolen Atmo. Was, im Gegenzug, für die Frühauf(und Tonnen-um-)steher zwangsläufig zu einer ziemlich uncoolen Atmo führte, weil, man darf ja dann nichts mehr reden, wenn das Fernsehen da ist, nicht wahr. "Sonst haben wir Störgeräusche in der Aufnahme", wurde uns beschieden. Wer will schon das Fernsehen stören? Da lassen wir uns doch lieber vom Fernsehen bei unserer frühen Aufwärmsession stören. Infolgedessen kriegte ich einen dezenten Hals, denn Störungen meiner liebgewonnenen morgendlichen Rituale kann ich auf den Tod nicht verknusen.

Wenn's nur das gewesen wäre - es ging aber so weiter. Das Camp #occupyfrankfurt war in einem ganztägigen Belagerungszustand der Medien. Überall bahnten sich Riesenmaschinen von Kameras ihren Weg, alle Naselang wurde ein Mikrofon vor der Nase plaziert, bald waren mehr Medialeute als Camper unterwegs, viele zogen sich genervt ins Zelt zurück oder suchten das Weite. Missmutig schaute ich dem Treiben vom Zelt aus zu, zack!, fädelte sich ein Kamerateam durch die eng stehenden Zelte, steuerte zielstrebig auf mich zu und fand, dass ich in der Zeltöffnung ein "sehr authentisches Motiv" abgebe, "wir wollen Stimmungen einfangen, wissen Sie", und wenig fehlte, und ich hätte meine momentane Stimmung explosiv in die Kamera artikuliert.

Selbstverständlich riss ich mich zusammen und beließ es bei einer höflichen Ablehnung; schließlich sind wir bei #occupyfrankfurt erstens konsequent gewaltfrei unterwegs und haben uns zweitens darauf geeinigt, auf die Instanz eines Pressesprechers zu verzichten, so dass jeder Camper den Medien Rede und Antwort steht und das erzählt, was er/sie für richtig hält. So weit, so gut, so basisdemokratisch.

Nur, wenn ich dann irgendwann vor lauter Hunger das Zelt zu verlassen wage und mich wie ein Wolf über das (großartige! - es wird jeden Tag besser, danke Küchenteam!) Vormittagsbuffet hermache -


- und beim beidhändigen Beschmieren eines Brotes wehrlos einem in mein Gesicht gehaltenen Mikrofon ausgeliefert bin, es schaffe, mit einem Wahnsinnskäsebrot und einem Kaffee einen Platz an der warmen Tonne zu ergattern, mit Heißhunger am Kauen bin und dann urplötzlich aus dem Hinterhalt neben dem Käsebrot ein Mikrofon vor meinem Mund auftaucht und jemand Wildfremdes mit ins Gesicht reingeliftetem Grinsen mir die Frage aller Fragen entgegenfeuert: "Warum sind Sie hier?", dann, ja, dann kann ich nicht anders als wahrheitsgemäß zu antworten: "Weil ich Hunger habe und hier ein schönes warmes Plätzchen ist" und - da das Mikrofon vor meinem Mund sich keinen Zentimeter wegbewegt - zu ergänzen: "Darf ich bitte in Ruhe weiteressen?" Die vom Fernsehen kriegen das nämlich von alleine nicht mit, dass man sich gerade mit vollen Backen der genüsslichen Nahrungszufuhr hingibt und keinerlei Lust auf medial gewünschtes Multitasking hat.

So ging das den lieben langen Tag. In einer Tour. Dieser mediale Belagerungszustand (wir haben ihn "occupy #occupyfrankfurt" getauft) geht - mehr als Kälte und meterlange Schlangen vorm Dixi-Klo - mächtig an die Substanz. Weil die Omnipräsenz der Medienleute, samt ihren offensiven Annäherungsversuchen und der daraus resultierenden eingeschränkten Bewegungsfreiheit, irgendwann das ungute Gefühl erzeugt: Das ist nicht mehr mein Camp, nicht mehr unser Camp, sondern fühlt sich an wie im Zoo.

Denn schließlich leben wir in diesem Camp. Wir verbringen die Tage und die Nächte dort. Wir sind nicht bloß mal so auf Besuch da. Diese kleine Zeltstadt mitten in der Frankfurter Finanzzone hat innerhalb weniger Tage bei uns ein Zugehörigkeits- , ein Heimatgefühl ausgelöst, über das ich selbst grenzenlos staune. Ich gehöre dorthin, basta. Wenn ich mich vom Camp entferne und nach ein paar Stunden zurückkehre, merke ich, dass ich kurz vor Erreichen der EZB schneller radle. Weil ich es nicht erwarten kann. Ich will da hin. Ich gehöre da hin.

Nach der gestrigen Medien-Ochsentour legte ich mich nachts mit diesem grummelnden Gefühl der 'Heimatlosigkeit' schlafen und beschloss: Morgen nimmst du dir eine Camp-Auszeit. Aber dann kommt es immer anders als man denkt: Heute früh gegen sieben Uhr taperte ich verschnarcht-verschwiemelt-vergrätzt zur Tonne, sah von weitem, dass die komplette Frühschicht versammelt war,

Zeitung lesend,

Zeitung vorlesend,

Zeitung mitlesend,

und fühlte mich auf der Stelle entschnarcht, entgrätzt, entschwiemelt und wieder zuhause. Einer der Earlybirds brachte mir einen frischgekochten Kaffee. Langsam wurde es hell. Ein Polizist kam vorbeischoben, wackelte mit dem Zeigefinger und meinte, diese Tonne sei nicht ungefährlich, wenn man ihr zu nahe käme. Zur Veranschaulichung tippte er mit dem Zeigefinger gegen den Tonnenrand und verbrannte sich höllisch. Fanden wir alle sehr erheiterlich, auch der Polizist.


Überhaupt, die Tonne setzt ungeahnte Energien frei. Martina, ein temperamentvolles Frühgeschöpf mit sympathisch großer Klappe ("ey, ich hab' seit drei Tagen in keinen Spiegel mehr geguckt und wisst ihr was? - das ist ein so geiles Gefühl!") -


- hielt aus dem Stegreif eine flammende Laudatio auf #occupyfrankfurt.

Es kam, wie es kommen musste: Augenblicklich war ihr die frühmorgendliche Medienmeute auf den Fersen. "Okay, aber nicht hier an der Tonne, da stören wir nur", willigte Martina ein, und dann zog sie vor der Kamera ein Ding ab, dass den beiden TV-Damen (geschminkt&gestylt) Hören und Sehen verging.


Die Tonne (nicht im Bild) tobte vor Begeisterung.

War noch was? Ach ja:


Mittwoch, 8. Juni 2011

Überfallkommando



Unglaublich, diese Griechen. Was bilden die sich eigentlich ein? Jetzt fahren sie auch noch schwarz! Von unseren deutschen Steuergeldern! Prellen einfach die Mautgebühren auf den privatisierten griechischen Autobahnen und fahren für lau. Hat man Töne? Dem ARD-Sprecher verschlägt es fast die Sprache. Dürfen die das? Natürlich nicht. Warum tun sie es dann trotzdem? Weil sie es einfach tun und niemanden um Erlaubnis fragen. Zuallerletzt die Deutschen.

Wenn man wissen will, wie ein deutscher Indignado klingt, muss man sich die ARD-Sprecherstimme anhören. Empörung pur! "Überfallartig", heißt es, "übernehmen die Aktivisten von der Gruppe 'Ich bezahle nicht' das Kommando." Überfallartig, ganz recht, damit es schön gruselig nach Nötigung klingt. Wie es aussieht, lassen sich die griechischen Autofahrer von Herzen gern nötigen.

Ein Überfallkommando auf griechischen Autobahnen, findet die ARD, und fragt sogleich nach dem Verbleib der Polizei. Die müsste doch in so einem Fall dringend mit einem Überfallkommando anrücken, oder? Tut sie aber nicht, die griechische Polizei. Steht entspannt am Straßenrand und schaut zu, wie die Autos ohne Mautgebühr, ja, teil sogar ohne Nummernschild!, durch die Mautstelle rauschen.

"Vom Mautpersonal greift niemand ein", heißt es weiter. Ja, sind die denn jetzt alle übergeschnappt, diese Griechen? "Es ist ziviler Ungehorsam gegen den Privatisierungskurs der Regierung und überhaupt gegen die schmerzhaften Reformen", fährt der Sprecher fort, in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran lässt, dass ziviler Ungehorsam schon mal gar nicht geht, weil bekanntlich ziviler Ungehorsam gegen das Gesetz verstößt. Täte er dies nicht, wäre es allerdings kein ziviler Ungehorsam mehr, aber solche Subtilitäten scheinen den ARD-Mann zu überfordern. Jedenfalls ist ihm dieser griechische zivile Ungehorsam entschieden zu ungehorsam.

Was lernen wir? Das, was wir eh schon wussten: Griechen sind Leistungsverweigerer. Südländer sind faul. Zahlungsunwillige Bande. Kein Wunder, dass sie zahlungsunfähig sind, allesamt.

Und damit zurück ins Funkhaus. Da, wo deutsche Ordnung herrscht. Da, wo ziviler Ungehorsam ein Fremdwort ist. Ein unheimliches südliches Fremdwort. Sollte man verbieten. Auf der Stelle.


Samstag, 28. Mai 2011

Die Revolution kommt nicht im Fernsehen



Gil Scott-Heron ist tot.

Meist sprach er, selten sang er.

Er war Poet, Musiker, sprach in Rhythmen zu Jazz und Soul, und er tat es mit einer klaren, provozierenden, oft ärgerlichen Stimme. Der Bassist Ron Carter, der Scott-Heron in dem Stück "The Revolution Will Not Be Televised" musikalisch begleitete, beschrieb die Anziehungskraft dieser Stimme so: "He wasn't a great singer, but with that voice, if he had whispered it would have been dynamic. It was a voice like you would have for Shakespeare."

Gil Scott-Heron hatte den scharfen Blick aufs große Ganze und teilte ihn wortgewaltig mit. Er tat es - wofür ich ihn liebte - nicht als Prediger von der Kanzel, sondern als sarkastischer Kommentator. In seinen Texten setzte er sich viel mit der desolaten Situation der Afroamerikaner und der Bürgerrechtsbewegung, aber auch zynisch mit deren Zaungästen und Maulhelden auseinander. Letzteren hat er sein wohl bekanntestes Stück gewidmet, "The Revolution Will not Be Televised".

Die erste Aufnahme ist ein Monolog ohne musikalische Begleitung. Sie stammt aus dem 1982 gedrehten Film "Gil Scott-Heron: Black Wax".
In der zweiten Aufnahme wird Scott-Herons Stimme von jazzigem, ungeduldigem Funk begleitet.
Die Texte beider Aufnahmen unterscheiden sich an manchen Stellen. Scott-Heron sprach stets frei und erweiterte oder veränderte seinen Vortrag, je nachdem, wozu ihn sein Publikum, seine Tageslaune oder die aktuelle politische Lage gerade inspirierte.


You will not be able to stay home, brother.
You will not be able to plug in, turn on and cop out.
You will not be able to lose yourself on scag
And skip out for beer during commercials.

Because the revolution will not be televised.

You see, a lot of times people will see
Battles and skirmishes on TV
And they say: Aha, the revolution is bein' in television!
None.
The results of the revolution are being televised.

The first revolution is when you change your mind
About how you look at things
And see that there might be another way to look at it
That you have not been shown.
What you see later on is the results of that.

But the revolution - that change that takes place -
Will not be televised.

It will not be brought to you by Xerox in 4 parts
Without commercial interruptions.
It will not be brought to you by the
Schaefer Award Theatre or Miller light,
Starring Natalie Woods and Steve McQueen,
Or Bullwinkle and Julia.

The revolution will not be televised.

The revolution will not be right back after a message about
White lightening,
White tornados,
Or white people.
You don't have to worry about
The bird in your bedroom
The tiger in your tank
The giant in your toilet bowl.
The revolution will not get rid of the nerves.

The revolution will not make you look
Like you've lost five pounds.

The revolution will not be televised.

There will be no pictures of you and Willie Mae
Pushing that shopping cart down the block
Like you did one o'times
Slide that coloured TV in a stolen ambulance.
NBC will not be able to predict
The one at 8:32 on report from 29th districts.

The revolution will not be televised.

The theme song will not be written by Jim Webb,
Or Francis Scott Key, nor sung by Tom Jones,
Glen Campbell, Johnny Cash, or Englebert Humperdinck,
Nor none of the other little Humperdincks there bein'.
The revolution will not go better with coke.

The revolution will put you in the driver's seat.

The revolution will not be televised.
Not be televised,
And be no re-run, brothers and sisters.

The revolution will be live.




Dienstag, 23. November 2010

Protestschnipsel


Je früher der Morgen, desto belebender die Fundstücke.

Es gibt Formen des öffentlichen Protestes, bei denen wird mir ganz warm ums Herz.


Sich hinter den Reporter schleichen und der Kamera kurz und bündig die Meinung sagen, während der Reporter live von der aktuellen IMF-Rettungsaktion für die irischen Banken berichtet. Und sich nicht wegschubsen lassen, sondern standhaft und mit irischer Dickköpfigkeit sein Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen.

So einfach wie wirkungsvoll. Auf die Idee muss man erst mal kommen.

Freitag, 30. Juli 2010

Textile Geschlechterforschung


Nichts ist mehr, wie es war. Kosmische Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt: Seit das Fernsehen da war, trägt Frau Übermop schwarz. Schwarz!

Ich spreche von ihrer Schürze. Eine pechschwarze Schürze hat sie sich neuerdings um den Leib gebunden und sieht darin verdammt gut aus (Länge bis Mitte Schienbein, Bistroschürzen-Look). Unglaublich, was eine Änderung der Schürzenfarbe bewirken kann - Frau Übermop verkörpert pure Noblesse. Gravitätisch stolziert sie schwarzbeschürzt durchs Lokal und strahlt dabei eine unwiderstehliche Autorität aus, welchletzteres ihr zwar mit weißer Schürze auch stets gelungen ist, aber bei weitem nicht so elegant.

Ich selber war schon vor ein paar Monaten umgestiegen auf schwarze Schürzen, sehr zum Missfallen von Frau Übermop. Ich durfte mir wochenlanges Gelästere anhören, von wegen: Zu einer Putzfrau gehört nun mal eine weiße Schürze; man merke halt, dass ich kein Profi sei; einer guten Putzfrau gingen modische Aspekte sonstwo vorbei; eine gute Putzfrau sei nicht eitel, sondern fleißig, und dafür stünde, sozusagen symbolisch, die weiße Schürze. Punktum.

Beharrlich versuchte ich ihr klar zu machen, dass die Faktoren Fleiß und Eitelkeit in keiner Weise miteinander korrelierten, und falls sie anderer Meinung sei, möge sie das bitte nachweisen, qualitativ wie quantitativ, was ihr natürlich nie gelang, sie aber nicht vom Weiterlästern abhielt. Irgendwann hatte ich nichts mehr zu meiner Verteidigung vorzubringen, trug die schwarzen Schürzen aber weiter, und zwar bevorzugt die Kurzform (Mitte Oberschenkel), was Frau Übermop ein zweiter Dorn im Auge war (also früher, bevor das Fernsehen da war): Kurze Schürzen? Hast du sie noch alle? Geht überhaupt nicht. Wie sieht das denn aus? Du bist hier nicht im Service. Zieh dir eine anständige Schürze an. - Hat alles nichts genützt. Weil ich in puncto Sturheit der Frau Übermop mal locker das Wasser reichen kann.

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Frau Übermop in den ersten Wochen meiner damals neuen Tätigkeit, da ging es um die Farbe Weiß bei Schürzen. Schon damals hatte ich nämlich ein begehrliches Auge geworfen auf die schwarzen und dunkelroten Bistroschürzen und -schürzchen, welche ich täglich nach dem Trocknen zusammenlegte. Dekorative Teile sind das - aber no way, ich wurde zu Putzfrauenweiß verdonnert.

Wie eine weiße Schürze nach einer halben Stunde Monsterputz aussieht, kann sich jeder vorstellen, ohne dass Eitelkeit groß zum Thema erhoben werden müsste, weil, es gibt ja auch noch so etwas wie Ästhetik. Und genau das war der Punkt: Während ich für dunkelfarbige Schürzen plädierte, weil sie schmutzresistenter oder flecken'schluckender' sind, vertrat Frau Übermop den Standpunkt, gerade weil die Flecken auf einer dunklen Schürze weniger zu sehen sind, käme für eine Putzfrau nur eine weiße Schürze in Frage. Eben weil der Schürze anzusehen sein müsse, dass die Putzfrau bereits fleißig gewesen ist. Oh du edle Einfalt, mit welch stiller Größe du dich schürzest! Da muss man dann als Novizin erst mal durch.

Aber inzwischen, wie schon gesagt, tragen beide Bräute schwarz. Seit das Fernsehen da war. Mir entwich ein spontanes Kompliment: Steht dir echt gut, die Schürze. Darauf die Übermop, betont beiläufig: Was denn für eine Schürze? Ich so: Na, die schwarze. Frau Übermop, völlig unbeteiligt: Ach - die, die trage ich nur, weil die weißen alle noch im Trockner sind.
Was natürlich ein Witz mit Ohren ist, denn es stapeln sich in der Waschküche die weißen Schürzen bis unter die Decke, und natürlich weiß die Übermop, dass ich das weiß, und trotzdem zieht sie diese Nummer durch mit einem Pokerface, dass ich mich wundere, warum sie Putzfrau und keine Pressesprecherin geworden ist.

Das war gestern. Heute hat sie wieder eine schwarze Schürze getragen. Der Wäschetrockner ist, so weit ich informiert bin, intakt. Also bitte. Ich sag' dazu nichts mehr. Nur so viel: Das Fernsehen ist an allem schuld. Ist aber auch keine besonders neue Erkenntnis.


Mittwoch, 28. Juli 2010

Reboot


Wenn ich schon keine Hauptrolle beim Fernsehen bekommen kann, so verdanke ich dem Fernsehen heute immerhin einen freien Tag. Es wird weiter gedreht im Restaurant - wer fragt da schon nach einer sauberen Küche. Mir dann auch egal. Bleibe ich halt zuhause und putze meine eigene Küche.

Jedenfalls habe ich mir das fest vorgenommen. Aber zunächst genieße ich den zweiten Kaffee, das ungezwungene häusliche Dasein im Schlafanzug sowie das frühmorgendliche Internet und komme zu dem Schluss: erst das Vergnügen, dann die Arbeit.

Ich stolpere über The Times Literary Supplement, wo von "abenteuerlichen Träumerinnen mit hinreißenden Namen" die Rede ist, von "Women who invented the twentieth century". Von Frauen, die Voltairine (!) de Cleyre hießen, oder Elsie Clews (Knäuel!) Parsons, oder Storm (!) Jameson, oder Mary Church (!) Terrell, oder Maggie Lena Walker (these boots are made for, you know...). Schwupp, schon sitzt der Ohrwurm im Gehörgang.

Die amerikanische Anarchistin Voltairine de Cleyre (muss einen pfiffigen Vater gehabt haben, der Vorname ist echt) hat es mir besonders angetan: Voltairine
...war eine glühende Verfechterin der freien Liebe. Niemals sollte es erlaubt sein, 'die Liebe zu vulgarisieren durch die verbreitete Unanständigkeit eines fortgesetzt engen Kontaktes'...
Ist das nicht umwerfend? Mein Kaffee wird kalt. Weiter:
...behauptete sie, die auch nie besonders erpicht auf Kinder war, sich über mütterliche Instinkte mokierte und die Kinderlosen verteidigte.
Wohlgemerkt, wir sprechen vom ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Oder die britische Sozialreformerin Clementina Black, die
...erklärte, das Fahrrad würde mehr für die Unabhängigkeit der Frauen tun als alles, was explizit diesem Ziel dienen sollte. *
und zwar deshalb, weil das Fahrrad es der Fahrerin erlaubte, den damals obligaten Anstandsdamen und Dienstmädchen flugs davonzuradeln. Unnötig zu erwähnen, dass ich ein glühender Fan von Frau Black bin, erst recht von Frances E. Willard, die so vernarrt war in ihr Fahrrad, dass sie es Gladys nannte und ein Buch schrieb How I Learned To Ride The Bicycle, aus lauter Trotz, weil ihre Freunde (sie hatte die falschen) behaupteten, sie sei zu alt, um Radfahren zu lernen. Da war sie zarte 53 Jahre alt.

Das Thema schlechthin um die vorletzte Jahrhundertwende war für diese renitenten Frauen die Klamottenfrage. Die Welt zu verändern, hieß damals zuallererst den rigiden weiblichen Dresscode zu knacken: raus aus den einschnürenden Korsetts, den langen Röcken und den albernen Handschuhen - rein in die bequemen Hosen, und dann nix wie aufs Fahrrad. Das Nachsehen hatte die Gouvernante im bodenlangen Gewand mit dem rüschenverzierten Sonnenschirm. Mein Schlafanzug freut sich.

Leider gab es zur damaligen Zeit noch keine anständigen Stiefel für Frauen, wie mir mein Ohrwurm zuraunt. Sehr schade.
These boots are made for walking
And that's just what they'll do
One of these days these boots are gonna walk right over you.
Ahh, diese Bläser im Background. Und dann diese knochentrockene Bassline. Zum Stiefelanziehen. Are you ready, boots? Start walking.


*Die Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche wurden vom Perlentaucher übernommen.

Dienstag, 27. Juli 2010

Lokalfernsehen


Das Leben schreibt Geschichten, die glaubt kein Mensch.
Sind aber wahr, ich schwöre es.

Wie ich heute früh unausgeschlafen (die gestrigen Aufwallungen haben mich senkrecht im Bett stehen lassen) aufs Restaurant zu radle, trifft mich fast der Schlag: Das Fernsehen ist da. Mit mal locker 15 bis 20 Mann (und Frau), Kameras, so weit das Auge reicht, das Lokal von außen grell von Scheinwerfern angestrahlt - bitte, um sechs Uhr morgens! -, der Wahnsinn, und zwar der helle. Es riecht nach action, so was gefällt mir immer. Ich bin wach.

Drinnen eine noch wuseligere Szenerie: Kameras, Scheinwerfer, Kabelrollen, Leinwände und Menschen, Menschen, Menschen, von denen ich nur einen einzigen kannte, nämlich Frau Übermop, und die erkannte ich sofort an ihrer wadenlangen weißen Schürze, weil beim Fernsehen offenbar konsequent schwarz getragen wird.

Beim Betreten des Restaurants steuerte mich ein wichtig aussehender TV-ler - schwarze Jeans, schwarzes Polo - an und fragte mich höflich, ob ich die Geschäftsführerin sei, was ich zu meinem Leidwesen verneinen musste, worauf er leicht schwerenöterisch weiterfragte, ob ich die Frau des Geschäftsführers sei, was ich wiederum verneinte, wenn auch nicht zu meinem Leidwesen. Daraufhin verlor das schwarze Polo das Interesse an mir. Ich strebte weiter Richtung Küche.

Auf dem Weg dorthin fing mich eine wichtig aussehende Frau mit schwarzem Jackett und schwarzer Hornbrille ab und fragte mich, ob ich die Schauspielerin sei. Da ich inzwischen, wie gesagt, hellwach war, haben mich augenblicklich meine gestrigen Bühnenphobien eingeholt und ich konnte nicht anders als zu antworten: Ja, aber ich glaube nicht die, die Sie suchen. Die Hornbrille guckte irritiert. Mir war es für einen Moment lang wurscht. Dann meinte die Hornbrille verwirrt: "Wieso, Sie sind doch genau der Typ, den wir besetzt haben", eine Bemerkung, die mir keine Spur aus meinem Hangover herausgeholfen, vielmehr mich noch tiefer in die kurze Wahnvorstellung getrieben hat, dass ja eigentlich das Fernsehen ruhig mal einen Film über eine akademische Putzfrau drehen könnte, besetzt mit einer akademischen Putzfrau.

Na ja. Lange lässt sich so eine Halluzination nicht aufrechterhalten. Ich drückte mein grundehrliches Bedauern hinsichtlich der Verwechslung aus und strebte weiter Richtung Küche. Stieg wie ein Storch über Kabelsalate. Fast hatte ich es bis zum Kücheneingang geschafft, da empfing mich hinterm Tresen eine dreiviertelwichtig aussehende Frau mit schwarzem T-Shirt, einem schwarzen Klemmbrett in der einen sowie einem - ich kann nichts dafür - schwarzen Kugelschreiber in der anderen Hand. "Sie gehören zu den Komparsen, richtig!" Richtig - sie fragte nicht, sie stellte fest.

Es half nichts, auch von dieser meiner letzten Castingchance musste ich mich verabschieden. Hach, wäre ich gern Komparse gewesen; wenigstens Komparse. Es hat nicht sollen sein. Stattdessen quetschte ich das schwarze Klemmbrett aus, was hier eigentlich abginge.

Dreharbeiten zu einem Spielfilm, erfuhr ich. Aha, deswegen waren die ganzen Brauereilogos verhängt und Sonnenschirme entfernt worden. Von wegen Schleichwerbung, Product Placement, pfui. Etwa Tatort?, fragte ich hellauf begeistert, weil, das hätte mir schon gefallen, einen regional verdichteten Krimi an meinem Arbeitsplatz zu drehen, mit so bisschen Gastrofolklore. Ich weiß von gußeisernen Pfannen, denen das Potential fliegender Untertassen nachgesagt wird.

Nein, erklärte das Klemmbrett, es handle sich um einen eher leichten Filmstoff, zwar mit Problemhintergrund, aber am Ende werde alles gut. Die Hauptfigur, eine Frau, durchlaufe ein schweres Schicksal und habe es nicht leicht im Leben (wieso ist der Stoff dann leicht?), komme am Schluss aber mit heiler Haut davon (ach so). Mehr denn je interessierte ich mich für die Rolle der Hauptdarstellerin. Hielt natürlich den Mund. Frau Übermop guckte schon, wieso die ganzen TV-ler mich anquatschten. Wahrscheinlich weil ich keine weiße Schürze trug.

Weil die Küche zu einem völlig fachfremden Kabel- und Gerätelager umfunktioniert worden war, beließ ich dort alles im Urzustand und widmete mich der Kellerreinigung. Im Keller wird man von keinem TV-ler angequatscht, kann sich vielmehr so ungestört wie methodisch dem Wahn hingeben - das entspannt.

Kurz nach acht kam der italienische Feinkostlieferant stoßatmend die Kellertreppe herunter, beladen mit dreimal so vielen Gemüsekisten wie sonst. "Muss leise sein auf der Treppe, haben die Leute vom Fernsehen gesagt", keuchte er beim Absetzen der Kisten. Kurz darauf erschien der deutsche Hähnchenmann (so nennt Frau Übermop den Geflügellieferanten), auch er ein Opfer der Lärmschutzmaßnahmen, gefolgt vom Ehemann der spanischen Putzfrau aus dem ersten Stock, der vor dem "Wahnsinnskrach dieser Fernsehleute" geflohen war. Nur wenig später kam Frau Übermop die Treppe herunter, brummte kopfschüttelnd "...die haben doch alle ein Rad ab", und hockte sich auf die unterste Kellerstufe - etwas, was Frau Übermop sonst niemals machen würde.

Der Keller füllte sich. Zehn vor neun stand die senegalesische Küchenhilfe auf der Treppe: Die Fernsehfuzzis hätten ihr gesagt, sie dürfe die nächsten zwei Stunden keine Kartoffelgratins in der Küche zubereiten, weil der Backofen dringend als Zwischenlager für Spezialkabel benötigt werde und die beiden Spülen von Ersatzstativen blockiert seien. Mit genervtem Augenaufschlag ließ sie sich längs auf der zweituntersten Kellerstufe nieder, schlug graziös die unglaublich langen Beine übereinander, stützte das Kinn in die Hand und sagte gedehnt unter schweren Lidern: "Je m'ennuie." Ich langweile mich. (Französisch ist Landessprache in Senegal.)

Ich bekam erneut einen leichten halluzinatorischen Schub und fragte sie, ob sie Marlene Dietrich kenne. Moi, je m'ennuie. Sie fragte, wer Marlene Dietrich sei. Ich antwortete: So eine wie du, bloß in weiß. Sie lachte und meinte, sie könne sich nicht vorstellen, dass "cette Marlène" sich ihr Geld mit Gemüseschneiden in einer Restaurantküche verdiene.
Da war ich wieder im richtigen Film.

Montag, 31. Mai 2010

Raab for President


Ich ahne es. Morgen früh wird Frau Übermop mich als erstes fragen, was ich vom Rücktritt des Bundespräsidenten halte, nachdem wir den des Ministerpräsidenten schon durch haben. Das Dumme ist, dass mit Köhlers Name - anders als mit dem von Koch - keine albernen Gastronomenwitze zu machen sind, es morgen also gleich zur Sache gehen wird. Zur Sache fiel mir, als ich von der Sache hörte, nichts weiter ein als Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, aber das kann ich unmöglich morgen früh bringen, weil Frau Übermop sich immer so aufregt, wenn ich so etwas sage. Sie will nämlich nicht, dass das Schiff sinkt. Ich ja eigentlich auch nicht, aber irgendwie sieht mir der Tanker doch schwer nach Schlagseite aus.

Apropos Tanker, heute früh fragte sie mich überfallartig: "Und, wie fandest du es?" Wie fand ich was? Frau Übermop war die Ungeduld in Person: "Na Mensch, was wohl, der Grongprieh natürlich!" Oha, der Grand Prix, alles klar. Der war spurlos an mir vorüber gerauscht. Frau Übermop konnte es nicht fassen: "Wie, du hast den Grongprieh nicht geguckt? Du bist ja nicht normal!" Ich wollte gerade antworten, dass da vielleicht ein Körnchen Wahrheit dran sei, da legte sie erbarmungslos nach: "Alle haben Grongprie geguckt, alle!" Außer mir, gab ich kleinlaut zu und begann mich wie ein Outcast zu fühlen. "Dann kannst du ja gar nicht mitreden", fuhr Frau Übermop fort, sichtlich frustriert, in mir keine adäquate Gesprächspartnerin gefunden zu haben.

Sie kam dann aber doch ins Erzählen, lästerte eloquent über irgendwelche "Dumpfbacken aus Russland", über "viel zu viel Nebel, man sieht ja gar nix", und überschlug sich vor Begeisterung für Impresario Stefan Raab, "wie der das Ganze gedeichselt hat, dass das was wird". Vielleicht ist es keine schlechte Idee, morgen früh den Leistungsträger Raab ins Gespräch zu bringen, als Nachfolger für den plötzlich abgegangenen Bundespräsidenten, und das mit dem sinkenden Schiff außen vor zu lassen. Am Ende gibt es womöglich doch noch einen, der das Ganze deichselt, dass das was wird.


Sonntag, 13. September 2009

Zum Schießen


"Kommst du heute abend zum Duell-Gucken?", wurde ich am Telefon eingeladen, "es gibt Schnittchen und Bier." Alle Welt scheint dem TV-Politgeharke entgegenzufiebern, Stullen werden geschmiert, Salate kreiert, Bier kaltgestellt. Morgen wird alle Welt darüber diskutieren wollen, und wer da nicht mithalten kann, ist selbst schuld, weil er am Abend davor die Simpsons geguckt hat statt dem staatstragenden Showdown beizuwohnen. "Danke", lehnte ich höflich ab, "aber bei mir gibt's heute abend eine Simpsons-Session mit Pflaumenmus und Mirabellenkompott, jemand bringt Vanilleeis mit." Ich erntete Unverständnis - womöglich wegen des fehlenden Bieres? -, aber das macht nichts.
Und selbst wenn die gesamte Nation sich heute um 20:15 Uhr ums Lagerfeuer setzt, um Wahlkrampf live zu erleben: Spätestens um halb neun werden die ersten abwandern zu dem, glaube ich, einzigen großen Sender, der programmatisch aus der Reihe tanzt. Weil sie bei Steinmeiermerkel eingeschlafene Füße bekommen haben. So gegen neun werden die Schnittchen zu Ende sein, nicht jedoch die endlose Schwadronade der beiden Duellanten; ab dann wird sich die verzweifelte Wanderbewegung auf die Einschaltquote der Simpsons nachhaltig auswirken. Möchte ich drauf wetten.
Umgekehrt glaube ich kaum, dass eine nennenswerte Wanderung weg von den Simpsons stattfinden wird, warum sollten die Leute auch. In meinem Fall wäre ein Umschalten aufs Duell schon deshalb unverantwortlich, weil die Gefahr viel zu groß wäre, dass eine ärgergesteuerte Ladung Pflaumenmus auf den Bildschirm träfe. Trüfe? Egal. Jedenfalls ist mir mein selbstgemachtes Pflaumenmus dafür zu schade. Mein oller Fernseher ebenfalls.

Wenn, dann müssten die Berliner Darsteller - am besten live und ungeschützt - mit etwas Effektivem beschossen werden, worauf der Schütze selbst leichten Herzens verzichten kann. Was könnte man da nehmen? Mir fiel nichts ein, zumindest nichts Jugendfreies. Ich las dann ein wenig Zeitung im Netz, um auf andere Gedanken zu kommen. Mit dem Ergebnis, dass ich immerfort nur noch an das eine dachte. Weil nämlich der Sänger Funny van Dannen sich ebenfalls einschlägige Gedanken gemacht hat zur Praxistauglichkeit von Munitionen, abgefeuert auf
das ganze unsympathische Personal, das sich in der Wirtschaft und Politik tummelt.
Diese Unsympathen, lässt van Dannen uns in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau wissen, sollten am wirkungsvollsten mithilfe einer Katzenpissepistole niedergestreckt werden. Ganz richtig, Katzen-pisse-pistole. Sagt Funny van Dannen. Sagt er nicht nur, singt sogar ein Lied drüber. Mit so ganz sanfter Stimme und musikalisch entspannt, fast schläfrig dahinplätschernd - aber der Text, oh la la, ich meine, auf Katzenpisse als Kampfstoff muss man erst mal kommen. Grandios, die Idee.
Überhaupt hat der Mann interessante Ansichten. Vor Jahren gab es einen Song von ihm mit dem aussagestarken Titel Ich will den Kapitalismus lieben, aber ich schaffe es einfach nicht. Auch so ganz verträumt dahingeträllert, aber ein Bolzen von Text. Gegen Ende des Interviews antwortet er auf die Frage, ob er als Liedermacher die Krise spüre:
Vielleicht gibt es bald Liedermacher-Konzerne mit angestellten Textern und Komponisten, die dann für Hunderte von Liedermachern Texte und Melodien schreiben.
Ich kann mir förmlich seine sanfte, unaufgeregte Stimme vorstellen, mit der er dieses Inferno ausmalte.

Ach ja: Auf van Dannens neuer CD fand sich ein Song mit dem Titel Simpsonsplakat. Potzdonnerdreifachtausend. Zufälle gibt's. Gesungen wieder mit dieser melancholisch-beiläufigen, fast schüchternen Stimme. Er singt davon, wie er seine Freundin mit einem Simpsonsplakat als Geschenk überraschen will und sie beim Fremdgehen erwischt. Oh je. Wenn ich könnte, wie ich wöllte, täte ich den Funny van Dannen am liebsten anrufen und ihn fragen: "Kommst du heute abend zum Simpsons-Gucken? Es gibt Vanilleeis mit Pflaumenmus."

Donnerstag, 10. September 2009

Bauchentscheidung

Schweinebauch war gestern. Seit heute macht sich knatschgelbe homerische Leibesfülle zwischen all den drögen Politpappen breit; urplötzlich ein Flair von Heiterkeit inmitten der täglich anschwellenden Tristesse.


Nur noch drei Tage, dann wird die Sonntagsfrage lauten: Was guckst du? Das TV-Duell der, ehm, Politgiganten? Oder den Film Die Simpsons? Mein Votum steht: etwas Gutes für den Bauch. Da hat auch der Kopf etwas davon. Die Simpsons kommen.

Donnerstag, 3. September 2009

Over the Rainbow


Vor einer Stunde habe ich einen phantastischen Regenbogen kommen und gehen sehen. Ich saß da mit offenem Mund und kriegte pathetische Gedanken. Nicht nur ich. Neben mir seufzte es tief und vernehmlich, die dazugehörige Stimme hauchte ergriffen: "Ein Regenbogen ist immer so etwas Einmaliges!" Unter normalen Umständen hätte es mir vor so viel Verbalparadox die Socken ausgezogen, jedoch, unterm Einfluss des Regenbogens empfand ich nichts als tiefes Einvernehmen. Wieso ist man beim Anblick eines Regenbogens eigentlich so geneigt, auf höchstem Pathosniveau zu sinnieren?
Weil es dafür eine höchst pragmatische Erklärung gibt:
Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an.
Johann Wolfgang von Goethe

Freitag, 3. Juli 2009

Beschattung


Zur Zeit sehnt man sich ja durchaus nach Alternativen zur Sonnenseite des Daseins. Ab fünf Uhr nachmittags, wenn der Kopf schwer und der Hitze müde wird, verwandelt sich mein neu entdecktes Lieblingsplätzchen in eine meditative Oase des Schattens. Über was da so meditiert wird? Na, über die Schattenseiten des Daseins. Geht gut von da oben aus. Nach einer Stunde Beschattung war ich wieder klar im Kopf.

Freitag, 26. Juni 2009

Spiel mir das Lied vom Abstieg

Der gestrige Fernsehabend hat sich gelohnt. Nicht wegen der putzenden Penélope, sondern wegen des (sogenannten) Docu-Musicals 'Prekär, frei und Spass dabei'. Ich hatte Spass dabei. Und Ernst. Toller Film. Er lässt prekäre Lebensweisen in allen möglichen Farben schillern, von schräg über bescheiden-maßvoll bis ganz am Ende. Ganz am Ende des Films sucht eine Musikerin - selbst bekennende Prekärlebende - eine Einrichtung für Obdachlose auf; sie hat dort einen Bettlerchor gegründet. Nun geht sie daran, mit den singenden Obdachlosen eine Bettleroper einzustudieren. Ein Teilnehmer fortgeschrittenen Alters legt einen Solo-Rap über den Chorgesang hin: Er sei von Beruf nicht irgendein, sondern ein Aldi-Bettler. Er sammle auf einem Aldi-Parkplatz den halbgerauchten Zigarettenabfall, den die Leute mit den teuren Autos dort hinterließen. Der Chor singt fast trancehaft das Wort Abstieg wie in einer endlosen Wiederholungsschleife, dazu verweilt der Film auf den Gesichtern der einzelnen Sänger. Man muss das gesehen haben. Mich hat es umgehauen.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Unterschichtsfernsehen

Das Bloggen kurz vor dem Schlafengehen hat sich zu einer lieben Gewohnheit entwickelt, mit der ich heute abend brechen werde. Heute wird nicht gebloggt, sondern geglotzt. Zumal bei ARD und Arte um die Wette geklotzt wird. Arte legt los um 22:20 Uhr mit einem Stück namens 'Prekär, frei und Spass dabei?' Klingt irgendwie nach Ranschmeiße an eine Zielgruppe, der sich Mrs. Mop zugehörig fühlt. Ich werde dabei sein, ob mit oder ohne Spass. Laut der reichlich verschwurbelt geschriebenen Vorschau handelt es sich um "das erste kulturpolitische Docu-Musical".
Sollte die Sendung sich zügig als kulturpolitische oder musikalische Flachlandschaft offenbaren, schalte ich um 22:45 Uhr ins Erste und gebe mir Pedro Almodóvars 'Volver - Zurückkehren'. Penélope Cruz als Putzfrau auf dem Madrider Flughafen. Cómo no.

Freitag, 19. Juni 2009

Auftrieb

Nein, von keiner wundersamen Wirtschaftsblüte ist die Rede, sondern von einem Fundstück. Heute auf der Rückfahrt habe ich einen Umweg über die Äcker genommen. Mir war so nach mal was anderem. Das Geholpere über ein paar Feldwege hat sich gelohnt.
Was für ein Prachtstück! Irgendwie eine kühne Konstruktion, verglichen mit sonstigen Hochständen. Oder Hochsitzen? Der Hochstand, der Hochsitz, wie heißt das nun. Ich neige zu Hochsitz, denn mich überzeugte sofort die ergonomische Formgebung; von unten war mit einem Blick zu erkennen, dass es sich oben äußerst komfortabel sitzen ließe. Zudem an einem windgeschützten Plätzchen mit freiem Blick in drei Himmelsrichtungen. Es wäre untertrieben zu sagen, der Hochsitz habe zum Verweilen eingeladen; er hat auf mich gewartet. Brotzeit ausgepackt. Füße hoch. Majestätischer Fernblick über die Stadt. Nie mehr hier weg wollen.
Dann ging alles plötzlich ganz schnell und fühlte sich deutlich weniger majestätisch an.
Eigentlich ist so ein Hochsitz ja doch ein Hochstand, denn er eignet sich prima als Unterstand. Ich blieb im Trockenen, während es rundherum prasselte. Einziger Schönheitsfehler: Der Akku der Kamera war dann leer. Leider gab es keine Steckdose in der Nähe. Aber toll war's trotzdem.

Donnerstag, 18. Juni 2009

An die Wand


Da fiel Mrs. Mop doch heute fast vom Fahrrad.

Sonntag, 14. Juni 2009

Neues vom Prekariat

Man sollte es sich gut überlegen, bevor man seinen ungeliebten Fernseher der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. 
Es könnte einem etwas unerwartet Qualitätsvolles entgehen. Am 10.06. gab es eine Reportage über drei Menschen: einen studierten Historiker, eine gelernte Bürokauffrau und einen gelernten Heizungsmonteur. Alle drei führen ein Dasein als sogenannte Multijobber. Wenn ich richtig mitgezählt habe, waren es insgesamt zwölf Jobs, welche von diesen drei Menschen ausgeübt werden: Tagesmutter, Fußballtrainer, Fahrradkurier, Gärtner, Messehostess, Segellehrer, Pfandflaschensammler, Blumenausfahrerin, Schiffsüberführer, Übersetzer, Aktmodell, Obdachlosenzeitungsverkäufer. Titel der Sendung war "Drei Jobs und trotzdem arm".
Der Pfandflaschensammler sagt von sich, er komme sich als Obdachloser oft vor "wie ein gehetztes Tier". Regelmäßig geht er zum Hamburger Flughafen, weil dort die Flaschenquote besonders hoch sei, bis zu zehn Flaschen die Stunde. An guten Tagen macht er sogar einen noch besseren Schnitt, "dann verdiene ich mehr in der Stunde als ein Kurierfahrer".
Der Kurierfahrer meint, infolge der Krise liefen die Geschäfte nur schleppend, denn "wenn die Zeiten härter werden, gibt es extreme Konkurrenz". Seine Erfahrung lehrt ihn, "man kann nicht mit nur einem Standbein überleben; eines wackelt schnell, dann bleibt einem die Luft weg." Neben seinen drei weiteren Jobs hat er soeben für einen fünften angeheuert - Kletterer für die Wartung von Industriefassaden und Hochhausfenster, "das ist viel krisensicherer als der Kurierdienst".
Gegen Ende des Films gibt der Pfandflaschensammler (er hat die meisten Jobs von allen drei porträtierten Menschen) eine düstere Prognose: "Das Dramatische ist, dass in Zukunft noch viel, viel mehr Leute sich so durchs Leben werden schlagen müssen. Für viele wird das den Zusammenbruch bedeuten, weil diese Leute sich nicht vorstellen können, dass das Leben trotzdem weitergeht".
Ein überaus anregender Film für Existenzen an der Schwelle zum Prekariat.