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Dienstag, 22. Mai 2012

Schatz, wir sind uns einig


Man kann von Sozialdemokraten halten was man will, aber sie haben ein legendäres Händchen für Konsens- und Kompromissbildung, vor dem jeder gestandene Ehetherapeut neidlos den Hut ziehen muss.
"Merkel war schlecht für Europa, zu dominant, total unflexibel, getreu dem Motto: der deutsche Weg ist für alle der beste. Hollande ist pragmatischer, aber er betrachtet die EU als ein vitales Bollwerk gegenüber anderen Großmächten. Seine Sicht ist, dass Europa am besten funktioniert, wenn es einen Dialog zwischen Rechts und Links gibt. Anders kann ein vereintes Europa nicht klappen. Schau dir an, was passiert, wenn das Konzept der deutschen Austerität auf die lächerliche Spitze getrieben wird: der Aufstieg extremistischer Parteien. Hollandes Methode ist eine andere."
Klingt waschecht wischiwaschi-sozialdemokratisch. Klingt nach sozialdemokratischer Vernünftigkeit. Nach sozialdemokratischer Vernunftehe. Muss man sich so vorstellen:

"Ich bin gar nicht so sehr rechtsorientiert wie alle behaupten."
"Genauso wenig wie ich linksorientiert bin, Schätzchen."

Dienstag, 1. Mai 2012

Erster Mai



Zum Davonlaufen.

Freitag, 5. August 2011

Hoch überm Abgrund


Fault Lines, The Top 1%

Fault lines bedeutet so viel wie:

Bruchlinien, oder Gefahrenzonen, oder, in diesem Fall: der Verwerfungsgrat, auf dem die heutige Gesellschaft balanciert über einem tiefen Abgrund, ohne Netz und doppelten Boden, von "The Top 1%" abgesehen.

Das Beste, was ich bislang bei AlJazeera gefunden habe.

Mittwoch, 3. August 2011

Win-win


Liebe Bürgerinnen und Bürger,

leider müssen wir Ihnen Ihre Altersversorgung kürzen, weil, sonst können wir unseren Kriegs-, äh, Verteidigungshaushalt nicht finanzieren. Das verstehen Sie doch, oder? Man kann nun mal nicht alles haben. Auf manches muss man halt auch verzichten. Sie wissen doch, dafür haben wir in unserem Land dieses schöne Sprichwort: You can't have the cake and eat it, too.

Sehen Sie, es geht nun mal nicht beides gleichzeitig: Wir können nicht Ihre Rentenansprüche schützen und unser Kriegs-, äh, Verteidigungsbudget aufrechterhalten, mit dem wir uns in dieser gefährlichen Welt schützen müssen. Schließlich befinden wir uns im Krieg gegen islamistische Extremisten und werden dies noch für lange Zeit bleiben.

Und deshalb, liebe Bürgerinnen und Bürger, brauchen wir dringend das Geld, das Sie sich fürs Alter zusammengespart haben, für unsere Kriege, äh, Verteidigungsmaßnahmen. Das ist in unser aller Interesse, denn nur so können wir auch Sie gegen die Bedrohung des islamistischen Extremismus schützen.

PS:

Ach ja, liebe Bürgerinnen und Bürger, fast hätte ich es vergessen (bin halt schon etwas senil und daher vertrottelt, wie Sie an dem beigefügten Video unschwer feststellen können):

Selbstverständlich sind wir um Lösungsansätze bemüht, um Ihnen unnötige Härten im Alter zu ersparen. Darum arbeiten wir an einem innovativen Plan, um Sie auch im Rentenalter beschäftigt und unser Kriegs-, äh, Verteidigungsbudget in Kostengrenzen zu halten. Also: Bevor Sie uns als nutzlose Rentner auf der Tasche liegen mit Ihren Ansprüchen, ziehen wir Sie lieber in den Kriegs-, äh, Verteidigungsdienst ein, um gegen die Terroristen zu kämpfen. Sagen wir, für einen Dollar die Stunde?

Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, lässt sich unser Plan noch optimieren. Weil, am Ende sind Sie auf Ihre alten Tage genauso verpeilt wie ich und schießen womöglich dauernd daneben - das wäre schade um die teure Munition, wir müssen ja sparen. Also: Wir streichen Ihre Altersversorgung, geben das Geld unseren Truppen - die wir bekanntlich ohnehin vermehrt für die innere Sicherheit einsetzen werden -, und die sollen Sie einfach abknallen, dann wäre auch dieses Problem gelöst.

Denn, liebe Bürgerinnen und Bürger, wir waren uns doch einig, dass "wir alle Opfer bringen müssen, um unsere Wirtschaft vor der Katastrophe zu bewahren" (hat unser Präsident Obama heute früh im Radio gesagt, haben Sie gehört?). In diesem Sinne appelliere ich an unser aller patriotisches Denken: Lasst uns alle kranken, armen und alten Leute opfern - nur so können wir der islamistischen Bedrohung die Stirn bieten und unsere nationale Wirtschaft vor der Katastrophe bewahren.

Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis.

Samstag, 9. Juli 2011

Selbstmord in Raten


Es ist noch keine zwei Wochen her, da machte ein unfrohes Wort fröhlich die Runde, wenn es um Griechenland ging. Niemand genierte sich, es auszusprechen, weil es so schön griffig-apokalyptisch zum Ausdruck brachte, dass die über Griechenland verhängten Sparmaßnahmen angeblich alternativlos seien. Das Unwort hieß fiscal suicide*, also: finanzpolitischer Selbstmord, der dem verschuldeten Land drohe, sofern das griechische Parlament nicht mehrheitlich sein Votum für jene von der Troika IMF, EZB und EU geforderten Sparmaßnahmen abgebe.

Inzwischen ist bekanntlich der griechische Haushalt aus der suizidalen Zone gerettet, das Sparpaket beschlossen, die Tränengasindustrie in den schwarzen Zahlen und es geht aufwärts. Merklich aufgehellt hat sich auch die Stimmung auf Seiten der Banker, denn Banker sind schlau und wissen, dass es sich bei dem Parlamentsvotum um ein Bailout für Banken gehandelt hat; alternativlose "Sparmaßnahmen" - das hat sich herumgesprochen - ist nur ein gefälligeres Wort für alternativloses Banken-aus-der-Klemme-hauen. Alternativlos war das Raushauen schon allein deshalb, weil aus dem Fenster springende Banker nun mal keine attraktive Schlagzeile abgeben.

Alles in bester Ordnung also, der IMF schiebt die Kohle rüber, die Banker haben gute Laune, der Haushalt läuft wie geschmiert und überhaupt, alles könnte ein so harmonisches Bild vermitteln, wenn da nicht so ein paar griechische Spassverderber unter den Sparpaket-Empfängern wären, die den Abstimmungsgewinnern, sprich Krisenprofiteuren in die Suppe spucken.

Es ist nämlich so, dass die kriseninduzierte Selbstmordrate in der griechischen Bevölkerung sprunghaft angestiegen ist. Nein, keine Sorge, nicht die armen griechischen Banker haben sich heimlich aus den Fenstern gestürzt - wozu sie ja (bislang) gar keinen Grund hätten - vielmehr beenden immer mehr verarmte griechische Bürger aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit eigenhändig ihr Leben, wie eine soeben veröffentlichte Studie der britischen Cambridge University berichtet.

Bedauernd wird von David Stuckler, dem Studienverantwortlichen, vermerkt:
"Obwohl wir erste Anzeichen einer fiskalischen Erholung aus der Krise erkennen, müssen wir leider eine menschliche Krise zur Kenntnis nehmen."
Ja, das ist in höchstem Maße bedauerlich, wo doch in letzter Minute der fiskalische Selbstmord abgewendet wurde - was müssen die fiskalisch betroffenen Leute sich ausgerechnet jetzt umbringen? Mit einfühlsamen Worten kommt Stuckler zu der Erkenntnis, dass der (vergangenen, verstanden?) Krise nun ein "Rattenschwanz" an menschlichem Leid folgen werde:
"There is likely to be a long tail of human suffering following the downturn."
- eine Formulierung (Hervorhebung von mir), die uns um die Erkenntnis reicher macht, dass es sich bei den Hand an sich legenden griechischen Bürgern eher um ein Ladenhüter-ähnliches Langzeit-Folgeproblem mit Nischencharakter handelt.

Also alles halb so wild, irgendwie. Noch hat keine Studie aufgeschlüsselt, was die bevorzugten Wege ins freigewählte Jenseits sind - Hochhausfenster? Brücken? Hungertod? - aber zu hoffen bleibt, dass auch die griechischen Hersteller von Stricken und Seilen künftig schwarze Zahlen schreiben können, um die fiskalische Selbstmordgefahr endgültig zu bannen.

Tröstlich ist einstweilen, dass der Suizidsoziologe Stuckler den Blick aufs große Ganze nicht verloren hat: Während die Selbstmordrate unter Griechen (übrigens auch unter Iren) im Zuge der Krise markant gestiegen sei, sei die Zahl der (Verkehrs)Unfalltoten im Zuge der Krise relativ und absolut erfreulich gesunken, was ja, wenn ich Stucklers Ausdrucksweise richtig deute, darauf hinweist, dass alles im Lot ist, irgendwie:
"...the higher death rates from suicides appear to be balanced out by the lower fatalities on the roads, which fell substantially."
In anderen Worten (Hervorhebung von mir): Das eine wiegt das andere auf. Der Begriff 'ausbalanciert' wird gemeinhin angewendet auf Konten, Budgets und Bilanzen, und zwar immer dann, wenn jene einen beruhigend ausgeglichenen Eindruck machen. Was will man mehr?

Abschließend ließe sich noch herumsoziologisieren, ob vielleicht die weniger Unfalltoten einerseits die mehr Freitoten andererseits im Verhältnis 1:1 abbilden? Denn mit Sicherheit verdankt sich die stark gesunkene Unfalltotenrate den krisenbedingt gestiegenen Benzinpreisen sowie den krisenbedingt gesunkenen Einkommen der griechischen Bevölkerung, der die Lust am Autofahren gründlich vergangen ist.

Bezüglich der oben erwähnten Selbstmordarten darf also von der erfreulichen Hypothese ausgegangen werden, dass die Zahl der Suizidgeneigten, die mit ihrem Auto mutwillig gegen den nächsten Baum fahren, künftig deutlich sinken wird. Und das ist doch auch schon mal was.


*Der inflationäre Gebrauch des Begriffes fiscal suicide geht zurück auf eine Äußerung des Direktors der Bank of Greece, George Provopoulos gegenüber der Financial Times: "Es wäre ein Verbrechen, wenn das Parlament gegen das Sparpaket stimmen würde - das Land würde für seinen eigenen Selbstmord abstimmen."

Sonntag, 14. März 2010

Alles Zebra


Mir ist heute schon den ganzen Tag so zebramäßig zumute. So mal so, mal so. Also ziemlich kontrastreich, ständig vom Hellen ins Dunkle wechselnd und dann wieder retour. Manchmal sind das Helle und das Dunkle sogar gleichzeitig da, was mich irgendwie verwirrt. Weil, wie kann das gehen, entweder es ist dunkel oder es ist hell, beides zusammen kann ja gar nicht, aber offensichtlich doch. Wie die Existenz des Zebras beweist.

Anders kann ich mir nicht erklären, wieso mich ein kleiner Film derart in Bann gezogen hat, dass ich ihn seit heute früh bestimmt schon an die zehn Mal angeschaut habe. So: Trägst du mal den Müll runter, aber vorher guckst du nochmal schnell das Video. Oder so: Klingelt das Telefon, während du zum schätzungsweise siebten Mal das Video anschaust, und du denkst, lass klingeln, erst musst du zu Ende gucken. Ja doch, zum siebten Mal. Beim achten Mal dachte ich, komisch, wieso bist du nur so junkiehaft drauf, dass du den Finger nicht von der Replay-Taste weg kriegst? Tja. Antwort: Das Zebra-Syndrom.

via Bugsierer

Das Zebrahaus heißt so, weil in diesem Haus alles zebra ist. Alles. Konsequent bis ins letzte Detail. Sogar die Sauna namens 'Kenia', die einen Zebra-Pool beherbergt samt Zebrapolstern auf den Saunaliegen und wahrscheinlich zebragestreifter Seife aus dem zebragestreiften Seifenspender. Nein, wohnen möchte ich in dem Zebrahaus nicht; man ist ja nicht aller Tage in Zebrastimmung - wäre ja noch schöner, oder vielmehr schlimmer -, aber zauberhaft ist das Haus trotzdem. Mich bezaubert, wenn ein Mensch seinen persönlichen Vorlieben hemmungslos freien Lauf lässt und dabei zu einer ganz eigenen Gestalt und Formsprache findet. Und sich einen Teufel drum schert, ob sein Umfeld ihn schrullig oder genial findet.

Nun ist das Zebrahaus das eine, der Film darüber das andere. Das Zebrahaus steht nämlich nicht in Afrika, sondern im allerhintersten Winkel des Schweizer Emmentals. Dort herrscht tiefster Winter. Die hügelige Landschaft ist schneevermummt, überall liegen fette weiße Polster, auch auf dem Dach des Zebrahauses. Aus den weißen Polstern ragen schwarz und markant Kirchtürme, Schlote, mächtige Tannen und kahle Bäume. Zebrahaus vor Schweizer Zebra-Winterlandschaft, an einem sonnigen Wintertag gefilmt unter einem Himmel, wie er blauer in Afrika nicht sein könnte.
Nichts ist drinnen, nicht ist draußen,
Denn was innen, das ist außen,
was von Goethe, fast möchte ich es beschwören, auf diesen Film gemünzt war. Gedreht hat ihn der Bugsierer aka Christian Röthlisberger. Er muss von einer ähnlichen Liebe zum gestalterischen Detail besessen sein wie der Zebrahausbauer Erich Fankhauser: Dort, wo sich Drinnen und Draußen berühren - also an den Fenstern des Hauses - ruht sich die Kamera kurz auf den beschlagenen Scheiben mit den hellen Gardinen aus, die mit ihren dunklen Schattenwürfen das winterliche Schwarzweiß ebenso einfangen wie das helldunkle Interieur. Meisterhaft. Der Blick auf die schwarzweißgetupften Außenwände und Gehwege vor dem Haus ist grade lang genug, um den Zuschauer zu verwirren, aber zu kurz, als dass jener klar erkennen könnte: Sind das jetzt echte Fußabdrücke im Schnee von braven Menschen und wilden Tieren, oder gehören die Tupfen zum Zebra-Look? (Gut, beim fünften, sechsten Anschauen wird's klarer, aber dieses zauberhafte Verwirrtsein bleibt.)

Seine starke Sogkraft entwickelt das Video aus der Musik: zwei Akkordeonstücke, zwei grundverschiedene Stimmungen. Das Zebra-Prinzip eben.
Zuerst spielt Richard Galliano verhangen-verträumt die Gnossienne No. 1 von Erik Satie; ein wenig müde schleppt sich sein Instrument dahin, schwer atmend (oder ist es der kalte Wind?), sich manchmal an der Nähe zum Tango verschluckend, hier und da dunkel im Moll hängen bleibend.
Dann hüpft Michel Besson wild drauflos. Alle Wehmut ist wie weggeatmet. Sein 'Örgeli', wie die Schweizer dieses Verzauberungsinstrument nennen, schnauft und tanzt und will sich kaum bändigen lassen, schnappt nach Luft, überspringt mal eine Note, um sich schräg auf die nächste draufzusetzen, und man erfährt, dass der Zebrahausbesitzer ein virtuoser Akkordeonspieler und -bauer war, der sein Örgeli auch mal im Sitzen hinter den eigenen Knien gespielt hat, vor lauter Übermut.

Jetzt lass' ich mich zum elften Mal verzaubern.

Dienstag, 26. Januar 2010

Kalenderblatt


(Gerd Bucerius, 1906-1995)

Sonntag, 4. Oktober 2009

Bike Sharing


Dolles Ding, so ein Tandem.


Als Tandem bezeichnet man ein Fahrrad, das gleichzeitig von zwei hintereinander sitzenden Personen genutzt werden kann.
Steht so bei Wikipedia.

Anders verhält es sich beim sogenannten Nebeneinandem. Doch, das gibt es. Sitzen nämlich die beiden Fahrer nebeneinander, spricht man von einem Nebeneinandem. "Schatz, lass den Wagen in der Garage, wir nehmen das Nebeneinandem." Welch ein Wortungeheuer.
Beliebt ist das Nebeneinandem übrigens bei Radlern, die sich gerne während der Fahrt unterhalten. Dies macht die Nebeneinandems sehr unbeliebt bei Radlern, die sich ungern während der Fahrt unterhalten.
Gottseidank ist mir noch nie ein Nebeneinandem begegnet.

Dienstag, 22. September 2009

Netzbetrieb


Den richtigen Zeitpunkt abwarten.

Den Aufschwung lostreten.

Social Network im September.

Donnerstag, 13. August 2009

Wadenbeißer

Die Folgen meines gestrigen Absturzes waren unübersehbar. Wenig anmutig und mit deutlich eingeschränkter Dynamik schwang ich heute den Schrubber. Immer das linke Bein etwas nachziehend. Aber es ging. Frau Übermop konnte sich erwartungsgemäß das Kommentieren nicht verkneifen und meinte mich darauf hinweisen zu müssen, ob mir noch nie aufgefallen sei, dass längs der Kellertreppe sich ein Geländer befinde. Zum Sichfesthalten. Statt einer Antwort schwafelte ich etwas von in den Brunnen gefallenen Kindern, was aber keinen rechten Sinn ergab.
Die größte Herausforderung für meine lädierte Wadenmuskulatur ist das Treppensteigen, und zwar nach unten. Da nützt auch kein Geländer dieser Welt etwas; es ist eine Qual. Dann habe ich aber herausgefunden, dass es rückwärts sehr gut funktioniert, das heißt, rückwärts die Treppe hinabzusteigen, natürlich mit mindestens einer Hand am Geländer. Weil der Fuß dabei andersrum abrollt, klappt das einwandfrei, wenn auch recht langsam. Dass die Prozedur ziemlich merkwürdig ausschaut, steht auf einem anderen Blatt. Ein Lieferant fragte mich auf der Kellertreppe, ob das was mit Yoga zu tun hätte. Ich hielt das für einen Witz und sagte, nein, es handle sich um eine Rehamaßnahme, was er wiederum für einen Witz hielt. Von oben hörte ich eine Stimme 'Hals- und Beinbruch!' rufen. Ich könnte wetten, es war die von Frau Übermop.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Absturzgefährdet

Nichts bleibt, wie es war. Gestern genervt, heute gegafft. Heute nahm ich den Krach von gestern gar nicht mehr wahr, so gebannt stand ich am Restaurantfenster und hielt Maulaffen feil. Irgendwann hielt ich es drinnen nicht mehr aus; es zog mich mit Macht hinaus in die Gehwegnasen-Vorhölle. Mitten hinein in diese chaotisch anmutende Ausgrabungsstätte, an der - einem geheimnisvollen, für mich kaum zu erschließenden Systemprinzip folgend - das Unterste zuoberst gekehrt wird.
Schon jetzt lässt sich eindeutig feststellen, dass in puncto Gehwegnase das Restaurant die Nase vorn hat: Keine andere Straßenecke bekommt einen so ausladenden Riesenzinken; keine andere Straßenecke bietet so viel krawallige Action. Ich war nicht die einzige, die sich der Gafferfreude hingab, auch nicht die einzige, die fotografierte, halt nur die einzige mit einer weißen Schürze und einem Flaschenboy im Schlepptau. Alle starrten wie hypnotisiert auf die aggressiv gebleckten Zähne der Baggerschaufel,
auf das stete Heben und Senken, auf die permanente Suchbewegung des Schaufelarmes nach der richtigen Position, auf die Veränderung des Schaufelwinkels im entscheidenden Moment,
auf das Innehalten der schwankenden Schaufel kurz vor dem finalen Biss in den Boden, bis es schließlich hieß -
Zugriff! Für eine bange Sekunde hielten dann alle die Luft an, bevor endlich zu sehen war, was die Schaufel zutage förderte - das Richtige? Oder irgendwas Verkehrtes? Volle Ladung? Oder nur ein paar Erdkrümel? Oder womöglich gar nichts? Wenn letzteres passierte - und es passierte mehr als einmal -, war es dem Baggerführer sichtlich peinlich, weil der schaulustigen Menge unisono ein enttäuschtes 'Ooh!' entfuhr. Griff er dagegen in die Vollen, kündete ein langgezogenes 'Aaaah!' von tiefer Befriedigung infolge Spannungsabfuhr.
Bei diesem Volltreffer wurde sogar spontan Beifall geklatscht. Das Dumme war nur, dass der Betonklotz, kaum dass er auf der Schaufel balancierend nach oben schwebte, sein Gleichgewicht verlor und meteoritengleich zurück in die Tiefe stürzte. Mindestens vier der versammelten Foto-Gaffer (mich eingeschlossen) brüllten gleichzeitig 'Neiiin!'. Keineswegs aus Enttäuschung oder Schreck, sondern aus Ärger: Hatten wir doch alle abgedrückt, als der Klotz erfolgreich geborgen schien. Keiner von uns war schnell genug am Drücker gewesen, um das unerwartete Scheitern fotografisch festzuhalten - das wäre doch das symbolträchtige Motiv der Stunde gewesen. Der Absturz lauert schließlich überall. Wer wüsste das nicht in diesen unangenehmer werdenden Zeiten.

Nichts bleibt, wie es war. Gestern stand der Altglascontainer noch dort, wo jetzt der Bagger parkt. Heute mittag stand der Container dort, wo heute morgen noch das Pixiklo stand.
Gut, ein Klohäusl mitten auf der Straße, kann man verstehen, dass sie es dezent ein wenig nach hinten und dafür den Glascontainer in die erste Reihe gerückt haben. So finde ich ihn auch leichter. Denn es ist ja nicht gerade so, dass der Zugang zum Glascontainer barrierefrei wäre - was per Luftlinie nach einem Katzensprung aussieht, ist de facto ein aufwendiges Gekurve um Baulöcher und -fahrzeuge herum, immer auf der Suche nach einer abgesenkten, aber noch nicht ausgehobenen Stelle am Gehweg, die mir der tolpatschige Flaschenboy nicht allzu übel nimmt.
Ich ertappte mich bei der Phantasie, den überquellenden Flaschenboy Hals über Kopf in den Baugrund zu kippen, um dann gierig zu gaffen, wie die Baggerschaufel mit einem kraftvollen Hub denn Flaschenberg nach oben wuppt und auf die andere Seite der Straße hievt. Erstaunt hörte ich meine Stimme ein lautes, langgezogenes 'Aaaah!' machen.

Dienstag, 16. Juni 2009

Dummheit auf Rädern

Katastrophe. Der neue Flaschenboy ist da. Der alte (links) wendet sich mit Grausen.
Der neue hat den Namen Flaschenboy nicht verdient. Kein Mensch nennt ihn so, alle sagen "das Ding" zu ihm. Bei Frau Übermop heißt er "das komische Ding", für Mrs. Mop ist er "das dumme Ding". Frau Übermop findet, er sieht komisch aus. Mich interessiert die Optik weniger als die Funktion, schließlich muss ich mit dem dummen Ding durch die Gegend eiern. Anders kann man es nicht nennen. Apropos, das mit den Eierkartons zum Abdichten des (alten) Flaschenboy-Bodens ging natürlich voll in die Hose, um im Bild zu bleiben. Oder halb, um korrekt zu sein: Statt eines gleichmäßigen Rinnsals ließ der Gebrechliche nun lauter unregelmäßige Pfützchen hinter sich. Es war nicht mehr vertretbar. Er musste aufs Altenteil.
Jetzt also ein neuer. Er ist das Dümmste, was mir je über den Weg gelaufen ist. Er ist ein taumelndes Nichts. Weil er nämlich kein Eigengewicht hat. Oder so gut wie keines. Und damit keine Persönlichkeit. Klingt jetzt für Uneingeweihte vielleicht ein wenig haarsträubend, ist aber so. Ich meine, wenn ich einen (gescheiten) Flaschenboy hinter mir her ziehe, will ich sein Gewicht spüren; ich will nicht spüren, dass da nichts ist. Er kriegt einen kleinen Tritt, dadurch neigt er sein Gewicht meiner Hand entgegen und lässt sich mühelos ziehen (wir reden jetzt nicht von Vulkankratern auf der Straße). Prinzip Hackenporsche eben.
Bei dem neuen spürt man gar nichts. Als ich ihn das erste Mal unten leicht angekickt habe, fiel er einfach um. Rollte nach hinten weg und peng. Ihm fehlt jegliche Statik, oder nennt man das dann schlechte Statik? Während der alte Flaschenboy sich aus jedweder labilen Position immer wieder von selbst zurechtgeruckelt hat (gut, ich musste halt immer so lange warten, aber es hat funktioniert), reagiert das neue Ding in egal was für einer labilen Position immer nur mit einem: Es fällt um. Der alte blieb dauernd stehen, der neue fällt dauernd um. Keine gute Entwicklung.
Wozu der vielen Worte, das Bild oben sagt alles: Man betrachte (links) die breite Radachse und bekommt ein Gefühl für die Stabilität und den tiefliegenden Schwerpunkt des Good Old Boys. Seine Räder liegen weit auseinander und seitlich des Containerbodens. Bei dem neuen Ding stehen die Räder viel enger und unterhalb des Bodens. Kann ja nicht gut gehen. Von der Radqualität selbst will ich gar nicht erst anfangen - ich sage nur: Massivgummi versus irgendein obskurer Hartkunststoff. Letzterer mit null Dämpfungsvermögen beim Rollen über Stock und Stein; obendrein ein krasser Sound, so kratzig-schabend-schauerlich und irgendwie nicht von dieser Welt. Mit welcher ich für heute fertig bin. Weil aus dem bisher so fidelen Flaschen-Rumgekarre ein ganz und gar freudloses Gehampel geworden ist. Aus dem gemütlichen Haustier ein überreaktiver Fremdkörper. Ich hör ja schon auf.
Einer geht noch. Irgendwie sieht man seiner Physis
die Dummheit an, finde ich. Frau Übermop hat wieder mal recht. Architektonisch nachgerade komisch, oder? Ein Riesenkorpus auf zwei winzigen Füßchen. Unsicher auf den Beinen. Erkennbare Tendenz zur Schlagseite. Kann ja nicht gut gehen. Dummes Ding.

Sonntag, 14. Juni 2009

Neues vom Prekariat

Man sollte es sich gut überlegen, bevor man seinen ungeliebten Fernseher der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. 
Es könnte einem etwas unerwartet Qualitätsvolles entgehen. Am 10.06. gab es eine Reportage über drei Menschen: einen studierten Historiker, eine gelernte Bürokauffrau und einen gelernten Heizungsmonteur. Alle drei führen ein Dasein als sogenannte Multijobber. Wenn ich richtig mitgezählt habe, waren es insgesamt zwölf Jobs, welche von diesen drei Menschen ausgeübt werden: Tagesmutter, Fußballtrainer, Fahrradkurier, Gärtner, Messehostess, Segellehrer, Pfandflaschensammler, Blumenausfahrerin, Schiffsüberführer, Übersetzer, Aktmodell, Obdachlosenzeitungsverkäufer. Titel der Sendung war "Drei Jobs und trotzdem arm".
Der Pfandflaschensammler sagt von sich, er komme sich als Obdachloser oft vor "wie ein gehetztes Tier". Regelmäßig geht er zum Hamburger Flughafen, weil dort die Flaschenquote besonders hoch sei, bis zu zehn Flaschen die Stunde. An guten Tagen macht er sogar einen noch besseren Schnitt, "dann verdiene ich mehr in der Stunde als ein Kurierfahrer".
Der Kurierfahrer meint, infolge der Krise liefen die Geschäfte nur schleppend, denn "wenn die Zeiten härter werden, gibt es extreme Konkurrenz". Seine Erfahrung lehrt ihn, "man kann nicht mit nur einem Standbein überleben; eines wackelt schnell, dann bleibt einem die Luft weg." Neben seinen drei weiteren Jobs hat er soeben für einen fünften angeheuert - Kletterer für die Wartung von Industriefassaden und Hochhausfenster, "das ist viel krisensicherer als der Kurierdienst".
Gegen Ende des Films gibt der Pfandflaschensammler (er hat die meisten Jobs von allen drei porträtierten Menschen) eine düstere Prognose: "Das Dramatische ist, dass in Zukunft noch viel, viel mehr Leute sich so durchs Leben werden schlagen müssen. Für viele wird das den Zusammenbruch bedeuten, weil diese Leute sich nicht vorstellen können, dass das Leben trotzdem weitergeht".
Ein überaus anregender Film für Existenzen an der Schwelle zum Prekariat.

Samstag, 13. Juni 2009

Danksagung

Es gibt Tage, da werde ich ganz demütig. Das sind Tage, an denen selbst die versteckteste Form von Selbstmitleid keine Chance hat. An solchen Tagen beobachte ich beispielsweise solche Menschen:
Gut, Putzfrau ist kein Traumberuf. Wer räumt schon gerne anderer Leute Müll weg. Ob es sich dabei um Tankstellenkunden oder Restaurantgäste handelt, ist eigentlich unerheblich. Müll ist Müll. Aber Putzfrau ist nicht gleich Putzfrau, schoss es mir durch den Kopf: Voller Erstaunen bemerkte ich, wie ein spontane Welle von Dankbarkeit mich erfasste, während ich die junge Dame beobachtete und ihren Putzjob mit meinem verglich. Dankbar wofür? Dafür:
dass ich keine potthässliche neongrüne Polyesterberufsuniform tragen muss, in der auch die ausgeschlafenste Putzfrau einen Teint hat wie frisch aus dem Müll gezogen,
dass ich eine verkrumpelte weiße Schürze aus Baumwolleinen tragen darf, die ich so binden und schürzen kann, wie es mir passt,
dass kein Mensch meckert, wenn ich meine, eine Pause verdient zu haben,
dass in der italienischen Gastrokaffeemaschine der beste Kaffee der Welt gebrüht wird, von dem ich so viel trinken darf, wie ich mag,
dass ich in einen gastronomischen Mikrokosmos eingebunden bin, in dem es lebendig, wuselig und urmenschlich zugeht,
dass meine Laune, egal wie ich gerade drauf bin,  jeden Morgen von sprücheklopfenden Lieferanten aufgehellt wird,
dass hinter den Kulissen der Gastronomie ein rauher, aber herzlicher Umgangston gepflegt wird (Frau Übermop lässt grüßen),
dass ich zur Dreckbeseitigung eingestellt wurde, aber nicht wie der letzte Dreck behandelt werde.
Habe ich was vergessen? Ja. In diesem Augenblick bin ich sogar dankbar dafür, so etwas wie Dankbarkeit empfinden zu können. Das verstehe ich unter Demut.

Freitag, 5. Juni 2009

Jemand sieht rot

Das Kamillenfeld hat aufgehört zu duften, aber es ist noch da. 
Die schon etwas struppige Kamille hat vorübergehend Gesellschaft bekommen, eine wilde, flüchtige, wunderschöne. Der Anblick lässt mich jene helle Aufregung vergessen, welche heute früh am Tatort Küche herrschte. Es war der Teufel los. Mir sitzt der Schreck noch in den Gliedern. Zum Tathergang morgen mehr. 

Mittwoch, 3. Juni 2009

Schieflagen

Um den Flaschenboy in Bewegung zu versetzen, muss man ihm unten einen kleinen Tritt geben. Dadurch kippt er nach vorne in Schräglage, so dass er sich ohne großen Kraftaufwand ziehen lässt, selbst dann, wenn er randvoll mit leeren Flaschen ist. Randvoll ist er so gut wie immer. Also ist er sauschwer. Aber er macht es mir nicht schwer. 
Fester Griff oben, kleiner Tritt unten und ab geht die Luzie. Hebelwirkung vom Feinsten. Den Rest besorgen die zwei fetten Gummiräder. Allerdings nur solange sie auf einem einigermaßen glatten Untergrund rollen. Nun ist unser gemeinsamer Morgengang zum Altglascontainer zwar kurz, dafür gepflastert mit Schikanen aller Art - Asphaltlöchern auf der Straße, holprigen Bürgersteigen, krummen Bordsteinschwellen. Von Rollen kann also keine Rede sein, höchstens von Rumpeln. Denn der Flaschenboy muss ja auf diese Unebenheiten ständig mit ruckartigen Eigenbewegungen reagieren, sonst würde er seine Balance verlieren. In solchen Momenten ist weder mir noch Außenstehenden wirklich klar, wer hier eigentlich an wem zieht. Aber irgendwie schaffen wir das. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob ich ein störrisches, aber im Prinzip gutartiges Riesenhaustier hinter mir her bugsiere: Manchmal hat das Viech keine Lust und bleibt einfach stehen. Ich dann auch, was soll ich machen, in puncto Body mass index ist es mir haushoch überlegen. Gut zureden hilft meistens. Einmal habe ich meine Stimme sagen hören "Mann, stell dich nicht so an!", danach ging's wieder.
Auf dem Rückweg vom Container verhält sich der Flaschenboy immer ganz handzahm, kein Wunder, da muss er nur noch sein Eigengewicht tragen. Er wackelt und tänzelt dann so rum, bleibt aber im Großen und Ganzen fügsam. Gutgelaunt halt irgendwie, genau wie ich auf dem Rückweg.

So, das war die lange Einleitung zum eigentlichen, aktuellen, traurigen Thema dieses Posts. Seit heute sieht es nämlich so aus, als ob die Tage 
des betagten Flaschenboys gezählt sind: Sein Boden ist durchgerostet. Infolgedessen ist er undicht geworden. Infolgedessen lässt er auf dem Weg zum Container eine feuchte Spur hinter sich (Flüssigkeitsreste aus Leerflaschen). Infolgedessen muss er aus dem Verkehr gezogen werden. Sagen alle. Gut, ich seh's natürlich ein, weil, wie schaut das auch aus, wenn Mrs. Mop jeden Morgen mit einem inkontinenten Flaschenboy durchs Viertel tingelt. Darum habe ich heute, als Erste-Hilfe-Maßnahme, den maroden Boden von innen mit einem dieser quadratischen Eierkartons ausgekleidet.
Ob auch abgedichtet, wird sich morgen zeigen. Jedenfalls laufen Verhandlungen mit der Stadtreinigung wegen Bereitstellung eines neuen Flaschencontainers. Am Telefon drohten die von der Stadtreinigung bereits mit "neuartigen, viel handlicheren Modellen". Ich weiß gar nicht, was die wollen, der - mein - Flaschenboy ist doch nicht unhandlich. Bisschen schwerfällig, ja, bisschen altersschwach, gut, aber ansonsten ein grundsolider gemütlicher alter Brummer, an den ich mich irgendwie gewöhnt habe, und das nicht ungern. Wie gut, dass gerade heute der große halbwelke Restaurantblumenstrauß entsorgt werden musste.