Wenn nicht alles täuscht, hat sich am heutigen Montag der Übergang vom Kapitalismus in den Feudalismus vollzogen. Also, jetzt mal so expressis verbis. Weil, wirklich neu ist die Erkenntnis ja nicht, dass der modernen, aufgeklärten Form von Skaverei immer mehr Reize abgewonnen werden; schließlich lässt sich mit schlecht oder gar nicht bezahlter prekärer Arbeit, gern auch unter Zwang verrichtet, ein Haufen Geld verdienen. Man muss es halt nur den unwashed masses attraktiv verkaufen, und genau dies wurde heute vollzogen, in Gestalt eines Artikels auf der ersten Seite des britischen Telegraphs.
Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson gab sich die Ehre:
Als Autor läutete er quasi offiziell den Anbruch des neuen feudalistischen Zeitalters ein, nachdem inzwischen die ollen neoliberalen Propaganda-Kamellen nicht mehr so richtig ziehen. Ab sofort, befahl Johnson den dauernörgelnden Untertanen, sei das notorische Bashing der Superreichen einzustellen:
"Die Leute müssen aufhören, auf die Superreichen einzuprügeln."So gehe das nicht weiter, befand der Bürgermeister. Völlig verkehrtes Feindbild. Die Reichen seien keine Bösewichter, sondern Helden.
What the eff, Helden? Richtig:
"Sie (die Superreichen) sind die steuerzahlenden Helden."Als solche verdienten sie Besseres als pausenlos beschimpft zu werden; vielmehr gehörten sie "bejubelt", ja "verehrt", mehr noch: Sie gehörten quasi
"... automatisch in den Adelsstand erhoben"- statt, so Johnson weiter, "wie eine unterdrückte Minderheit" behandelt zu werden. Wie, unterdrückt? Ja. Doch. Johnson findet, die schwer bedrängte Minderheit der Superreichen sei "vergleichbarem Druck ausgesetzt wie die Minderheit der Obdachlosen", die ebenfalls ständig unter bösartigen Diskrimierungen zu leiden habe. Er, "als Bürgermeister von Amts wegen Freund und Helfer aller Minderheiten", werde es darum nicht länger tolerieren, wenn die superreiche Minderheit in einer Tour wie ein Außenseiter behandelt und schlecht gemacht werde.
Eindringlich ermahnte er das undankbare Volk, sich vor den heldenhaften superreichen Wohltätern untertänigst auf die Knie zu werfen, im Staub zu kriechen und ihnen das einzige Feedback zu geben, was diese tatsächlich "verdienten":
"Demütigen, von Herzen kommenden Dank."Demut, Dank, what the effing eff? Wofür nochmal?
"... für deren unermüdliche, wollüstige Energie und schieren vermögensbildenden Tatendrang."Hat er gesagt. Genau so. Alles im O-Ton nachzulesen. Im Telegraph.
Keine Ahnung, wie das zusammengestauchte, ausgeplünderte Inselvolk auf die Standpauke von oben reagiert. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass der eine oder die andere es nicht ungern sähe, wenn aus den geschmähten wollüstigen Neo-Feudalherren tatsächlich eine unterdrückte, verfolgte Minderheit würde; die erforderliche Infrastruktur ist im Norden Englands (Northumberland) vorhanden, in gut erhaltenem Zustand.
Wie sonst sollte man auf eine derart offene Kriegserklärung angemessen reagieren? Etwa strikt sachlich? Gut, von einigen britischen Bloggern wurde der Johnson'sche Ausfall nach Strich und Faden argumentativ zerpflückt; Scriptonite Daily zum Beispiel hat den feudalistischen Neusprech einem profunden Reality Check unterzogen. Das ist verdienstvoll, trifft jedoch, scheint mir, nicht den adäquaten Ton angesichts eines propagandistischen Großangriffes, den es (meines Wissens) in dieser unverblümten Form noch nicht gegeben hat.
Mir selber blieb jedenfalls vor Abscheu die Spucke weg.
Ein anderer hat seine gefunden und dagegen gehalten:
Laut. Zornig. Derb. Unsachlich. Adäquat.
The Artist Taxi Driver:

