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Donnerstag, 9. Mai 2013

Problemgruppe auf Rädern


Problemgruppen heißen so, weil sie Probleme machen. Wer Probleme macht, macht sich nicht besonders beliebt und gehört deshalb bestraft. Nachdem hoffnungsvolle Ansätze der Problemlösung - etwa Umerziehung mit starken Strafreizen - bereits existieren für die Problemgruppe arme Kinder, oder Kinder armer Eltern, wird es Zeit, sich einer weiteren Problemgruppe zuzuwenden.

Da wäre beispielsweise die Problemgruppe alte Menschen. Gelten alte Menschen per se als Problemgruppe? Na ja, potentiell schon, spätestens seit sich das Mantra Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen auf breiter Ebene konsensual durchgesetzt hat und alte Menschen nun mal irgendwann zum Arbeiten zu alt und darum nur noch ökonomisch nutzlose Fresser sind. Okay, okay, wollen wir mal nicht so sein, schränken wir das Problemgruppenpotential wohlwollend ein und sagen: Solange alte Menschen imstande sind, ihr Essen aus eigener Kraft zu finanzieren und zuzubereiten, drücken wir ein Auge zu. Weil, die fallen ja niemandem groß zur Last, trotz verminderter ökonomischer Nutzenstiftung, sind also allenfalls als Problemgruppe zweiter Ordnung anzusehen.

Dagegen verursacht die Problemgruppe arme alte Menschen Probleme ungeahnten Ausmaßes. Die wollen essen und nichts dafür tun! Genau wie ihre Problemkollegen am anderen Ende der demographischen Skala, nur dass die armen Kinder viel leichter in den Zwangsgriff zu bekommen sind als die armen Alten. Ein echtes Problem. Wie soll man arme alte Leute bestrafen? Geht ja irgendwie nicht, weil, wie sieht das denn aus. Ein Aufschrei der rührseligen Öffentlichkeit wäre womöglich die Folge. Also, lieber nicht bestrafen. Andererseits, es muss etwas geschehen. Denn so kann es nicht weitergehen. Schließlich ist die Problemgruppe arme alte Menschen explosionsartig am Wachsen und im Begriff, unserer tüchtigen Leistungsgesellschaft die letzten Haare vom Kopf zu fressen.

Nun hat der amerikanische Kongress eine geniale Problemlösungsstrategie aus der Tasche gezogen und auch gleich ganz schnell verabschiedet. Auf die Frage: Wie lässt sich ein Problem lösen? hat er die einzig durchschlagende Antwort gefunden: indem das Problem abgeschafft wird. Mit anderen Worten: indem die Problemgruppenangehörigen abgeschafft werden. Im Falle der problematischen armen alten Menschen geht das ganz einfach und noch dazu schön unauffällig, sodass keiner etwas mitkriegt und sich niemand echauffieren muss über drakonische Sparmaßnahmen, die wie üblich die Falschen treffen:  Man will die armen alten Menschen einfach aushungern.

Dazu wird zweckmäßigerweise der Hebel an Sozialprogrammen angesetzt. Essen auf Rädern? Viel zu teuer. Was hocken die auch alle zuhause herum - arm, alt, gebrechlich, gehbehindert - und warten gierig auf warme Mahlzeiten, Lieferung frei Haus, ohne die geringste Gegenleistung? Das kann so nicht weitergehen. Rabiates Kürzen der Zuschüsse ist das Mittel der Wahl. Im Einzelfall werden dann halt - statt bislang 1.500 - pro Tag 200 Mahlzeiten weniger ausgeliefert. Und ab 1. Mai die Zahl der Bedürftigen mit Anspruch auf Essenslieferung "eingefroren". Hungry, anybody? Pech gehabt. Dumm gelaufen.
Für euch. Wir müssen sparen, you know. An euch, you know.

Drum setzen wir euch alte, arme, nutzlose Fresser jetzt hübsch auf strenge Diät. Alles weitere erledigt sich von selbst. Passiert ja alles hinter verschlossenen Türen. Bei euch zuhause. Statt euch das Essen auf Rädern in die Wohnung reinzurollen, rollen wir euch in Kürze auf Rädern aus eurer Wohnung raus. Mit den Füßen voraus, wie man so schön sagt. Ist ja ganz normal, dass alte Menschen irgendwann mal sterben. Denkt sich keiner was dabei.

Außer uns: geschafft, wieder eine Problemgruppe weniger.


Sonntag, 28. Oktober 2012

Lächeln unter Tränen


Ich hab's grade eben probiert, aber es funktioniert nicht. Beim besten Willen nicht. Mache ich irgend etwas falsch? Vielleicht kann mir jemand erklären, wie das geht: ein Messer mit den Zähnen festzuhalten und gleichzeitig zu lächeln. Bei mir fällt entweder das Messer aus dem Mund oder mir vergeht das Lächeln, aber gründlich.

Der spanische König Juan Carlos sieht das anders. Der weilt auf Staatsbesuch in Neu Delhi, und höflich, wie die Inder sind, erkundigte sich Präsident Pranab Mujerjee bei seiner Majestät nach dem Wohlergehen Spaniens. Was genau an dem Tag, an dem die offziellen spanischen Arbeitslosenzahlen die 25-Prozent-Marke geknackt haben, eine eher peinliche Frage ist, den Befragten jedoch nicht daran hinderte, sich königlich aus der Affäre zu ziehen: dass nämlich aus dem ganzen Krisenschlamassel
"... Spanien herauskommen wird mit einem Messer im Mund und einem Lächeln auf den Lippen"
und demnächst als dauergrinsender Messerwerfer-Super-Stunt bei einem zentralistisch geführten europäischen Großzirkus unter Vertrag genommen werden wird.

Immerhin verstieg sich der spanische Monarch mit Vorliebe zur Elefantenjagd zu der nicht unwahren Feststellung,
"Von innen fühlt sich Spanien zum Heulen an."
was die ergriffen lauschenden Inder zu Handreichungen des spontanen Mitgefühls veranlasste:


- was wiederum dem königlichen Besucher dazu verhalf, majestätisch seine Krokodilstränen zu unterdrücken, ihm stattdessen ein dankbares Lächeln auf die Lippen zauberte, was ihm insofern leicht fiel, als er ja kein Messer zwischen den Zähnen festhält und er auch nicht derjenige ist, dem das europäische Messer an die hungernde arbeitslose Kehle gehalten wird, obwohl,
"Es gibt Leute, die wollen uns Spaniern hart auf den Kopf schlagen."
Keine Ahnung, wen er damit gemeint hat. Vielleicht hat ihn der Anblick eines zufällig vorbeispazierenden indischen Elefanten ein bisschen durcheinandergebracht. 

Sonntag, 5. Februar 2012

Protest, eiskalt serviert


Mit minus sieben Grad war es gestern in Frankfurt bereits klirrend kalt, aber es geht noch kälter, zum Beispiel in Stockholm, Schweden: Dort herrschten am Samstag minus 20 Grad; Temperaturen, die über tausend Stockholmer nicht davon abhielten, für ihr Recht auf Meinungsfreiheit auf die bitterkalte Straße zu gehen, um der von langer Hand und hinter verschlossenen Türen geplanten Internetzensur-Gesetzgebung ACTA den Kampf anzusagen.


In ganz Schweden waren es über 10.000 Menschen, die der Kälte und dem Zensurvorhaben trotzten.
"It takes hard work, it takes tons of activism, but we know exactly what to do and how to do it, and most importantly: we know that we can win.

As the rally concluded, everybody was determined to win this fight, having heard the clear message that it takes work but is perfectly doable."
Rick Falvinge von der schwedischen Piratenpartei
Worte, die zuversichtlich stimmen für den kommenden Samstag, den 11. Februar:

"Just look at this map. I've never seen anything like it in terms of people all across Europe demanding their freedom of speech and being angry against backroom corporativist deals that steals their most basic civil liberties."
In Polen, wo die europäischen Proteste ihren Anfang nahmen, rudert Premierminister Tusk bereits beflissen zurück:
"Following the growing protests about ACTA in Europe, as well as signs of US meddling, Poland's prime minister is making it clear that Poland will not ratify ACTA for the time being, leading to speculation that the EU may not actually join ACTA."
- und wer sich fragt, wieso Tusk dem ACTA-Abkommen im Vorfeld zugestimmt hat, ihm nun jedoch plötzlich ablehnend gegenübersteht, dem liefert der wendige Pole eine windige Antwort:
"I share the opinions of those who from the beginning said that consultations were not complete", Tusk said, according to a report in Wirtualna Polska. The 54-year-old prime minister added that a Polish rejection of ACTA is now on the table, and admitted that he had previously approached the agreement from a "20th century" perspective, due to his age."
Aha. Im hohen Alter von 54 Jahren, so Tusk, sei er halt irgendwie in der Denkart des 20. Jahrhunderts hängengeblieben, habe den Schuss vor den Bug der Meinungsfreiheit nicht gehört und darum - frühvergreisungsbedingt - dem in politischen Hinterzimmern ausgemauschelten Zensur-Coup zugestimmt.

Und dabei völlig übersehen, dass man zum kritischen Denken und zum Protest - auch auf offener, bitterkalter Straße - niemals zu alt ist.
Hey, Tusk, alter Schwede!


Mittwoch, 3. August 2011

Win-win


Liebe Bürgerinnen und Bürger,

leider müssen wir Ihnen Ihre Altersversorgung kürzen, weil, sonst können wir unseren Kriegs-, äh, Verteidigungshaushalt nicht finanzieren. Das verstehen Sie doch, oder? Man kann nun mal nicht alles haben. Auf manches muss man halt auch verzichten. Sie wissen doch, dafür haben wir in unserem Land dieses schöne Sprichwort: You can't have the cake and eat it, too.

Sehen Sie, es geht nun mal nicht beides gleichzeitig: Wir können nicht Ihre Rentenansprüche schützen und unser Kriegs-, äh, Verteidigungsbudget aufrechterhalten, mit dem wir uns in dieser gefährlichen Welt schützen müssen. Schließlich befinden wir uns im Krieg gegen islamistische Extremisten und werden dies noch für lange Zeit bleiben.

Und deshalb, liebe Bürgerinnen und Bürger, brauchen wir dringend das Geld, das Sie sich fürs Alter zusammengespart haben, für unsere Kriege, äh, Verteidigungsmaßnahmen. Das ist in unser aller Interesse, denn nur so können wir auch Sie gegen die Bedrohung des islamistischen Extremismus schützen.

PS:

Ach ja, liebe Bürgerinnen und Bürger, fast hätte ich es vergessen (bin halt schon etwas senil und daher vertrottelt, wie Sie an dem beigefügten Video unschwer feststellen können):

Selbstverständlich sind wir um Lösungsansätze bemüht, um Ihnen unnötige Härten im Alter zu ersparen. Darum arbeiten wir an einem innovativen Plan, um Sie auch im Rentenalter beschäftigt und unser Kriegs-, äh, Verteidigungsbudget in Kostengrenzen zu halten. Also: Bevor Sie uns als nutzlose Rentner auf der Tasche liegen mit Ihren Ansprüchen, ziehen wir Sie lieber in den Kriegs-, äh, Verteidigungsdienst ein, um gegen die Terroristen zu kämpfen. Sagen wir, für einen Dollar die Stunde?

Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, lässt sich unser Plan noch optimieren. Weil, am Ende sind Sie auf Ihre alten Tage genauso verpeilt wie ich und schießen womöglich dauernd daneben - das wäre schade um die teure Munition, wir müssen ja sparen. Also: Wir streichen Ihre Altersversorgung, geben das Geld unseren Truppen - die wir bekanntlich ohnehin vermehrt für die innere Sicherheit einsetzen werden -, und die sollen Sie einfach abknallen, dann wäre auch dieses Problem gelöst.

Denn, liebe Bürgerinnen und Bürger, wir waren uns doch einig, dass "wir alle Opfer bringen müssen, um unsere Wirtschaft vor der Katastrophe zu bewahren" (hat unser Präsident Obama heute früh im Radio gesagt, haben Sie gehört?). In diesem Sinne appelliere ich an unser aller patriotisches Denken: Lasst uns alle kranken, armen und alten Leute opfern - nur so können wir der islamistischen Bedrohung die Stirn bieten und unsere nationale Wirtschaft vor der Katastrophe bewahren.

Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis.

Freitag, 18. März 2011

Reaktorsicherheit im italienischen Eimer


Starker Tobak. Wie aktuell zu lesen ist,
"... veranlasst die italienische Regierung die dringende Evakuierung von 120.000 minderjährigen Mädchen aus der unmitttelbaren Nachbarschaft des veralteten Reaktors Silvio Berlusconi."
Wurde auch langsam Zeit. Haben doch in jüngster Zeit die schadstoffhaltigen Emissionen des grenzwertigen italienischen Premierministers die zulässigen Grenzwerte fürs moralisch Akzeptable eindeutig überschritten.

In einer Eilmeldung via Rundfunk kündigte Italiens Innenminister Roberto Maroni Sofortmaßnahmen an:
"'Wenn Sie unter 20 Jahre alt, vollbusig, blond, naiv oder vielleicht einfach nur ein gerissenes kleines Luder sind, dann sind Sie in Gefahr! Zu Ihrer Sicherheit werden wir in den nächsten 24 Stunden Kleinbusse durchs Land schicken, um Sie einzusammeln und mindestens 150 Kilometer aus dem Umkreis von Silvio Berlusconi zu entfernen. Dabei empfehlen wir Ihnen, sich angemessen zu kleiden, Ihren Eltern Bescheid zu sagen und mit den Behörden zu kooperieren - allerdings nicht in der Weise, wie es Silvio gern hätte.'"
Wie verlautbart wurde, erschien die Evakuierungsmaßnahme dringend notwendig, seit der 75-jährige Berlusconi Anzeichen von gefährlicher Überhitzung gezeigt habe:
"'Diese alte Reaktoranlage hat sich als Potenzkraftwerk überraschend lange gehalten', sagte Maroni, 'aber in den letzten Jahren hat seine Außenfassade beträchtlichen Aufwand an teuren, jedoch letztlich wenig überzeugenden Reparaturarbeiten erfordert. Im Gegenteil, seine Instandhaltung verschlang immer größere Mengen des politisch hochgiftigen Treibstoffes Bunga Bung-A - einzig mit dem Ziel, weiterzulaufen wie bisher.'"
Es werde befürchtet, dass die erwartbare endgültige Kernschmelze von Berlusconi zu unberechenbaren Kettenreaktionen sexueller Natur führen könnte, die sich im weiteren Umkreis des Reaktorgeländes unheilvoll entladen würden.

Zur Vorbeugung habe der Innenminister bereits ein Team von hochqualifizierten Sexklempnern entsandt, um längst überfällige Kühlungsprozeduren an dem alternden Premier vorzunehmen.

Letzterer habe verstärkt im Kreuzfeuer der Kritik gestanden wegen seines armseligen Sicherheitsstandards, seiner ineffizienten Leistungen sowie seiner Neigung zu Fehlkalkulationen aller Art.

Wie der italienische Innenminister betonte, sei die momentane Reaktorsicherheit als äußerst risikobehaftet zu betrachten und des Reaktors Störungsanfälligkeit mit dem Begriff 'Restrisiko Berlusconi' nur unzulänglich umschrieben.
"Stellen Sie sich vor, Berlusconis überhitzte Brennstäbe würden nach all den Jahren schlussendlich versagen, dann würde die daraus resultierende Explosion ein riesiges Machtvakuum hinterlassen - weiß der Herrgott, wie kontaminiert wir dann enden würden! Womöglich schlimmer als nach einer seiner berüchtigten nächtlichen Kabinettsitzungen."
Mädels, steigt in den Bus.


(Quelle: Das wie üblich gut unterrichtete britische Satiremagazin NewsBiscuit)

Donnerstag, 30. September 2010

Märchenstunde


Die Geschichte ist schnell erzählt:

Ein Mann, 48 Jahre alt, von Beruf Spüler in einer Restaurantküche in St. Petersburg, Florida (USA), fährt am 12. September 2010 nach Beendigung seiner Nachtschicht auf seinem Fahrrad nach Hause, wird von einem unbekannten Autofahrer gestreift und vom Rad geworfen. Das Auto hält nicht an; der Fahrer begeht Fahrerflucht und wurde bis heute nicht identifiziert. Sechs Tage später erliegt Neil Alan Smith seinen schweren Kopfverletzungen, drei Tage vor seinem 49. Geburtstag.

Kurz nachdem der Unfall, die Fahrerflucht und der Tod des Unfallopfers auf der Website der Zeitung St. Petersburg Times gemeldet worden war, besaß ein anonymer Leser die Charaktergröße, den folgenden Kommentar zu posten:
"Ein Mann, der im Alter von 48 Jahren als Spüler bei Crab Shack (Name des Restaurants) arbeitet, ist mit Sicherheit tot besser dran als lebendig."
Tough shit
, dachte ich beim Lesen. Ob dieser Kommentator sich zu mehr Sensibilität hätte aufschwingen können, wenn der zu Tode gefahrene Spüler erst 38 oder 28 Jahre alt gewesen wäre? Was, wenn der Mann bereits 58 Jahre alt gewesen wäre? Wäre es um ihn dann weniger schade gewesen als um, sagen wir, eine totgefahrene und liegengelassene Katze? Was ist das für ein Mensch, der von seinem Computer aus die Welt wissen lässt, dass ein Niedriglohnjob schlimmer ist als der Tod?

Charakter zeigt sich darin, wie jemand sich verhält, wenn niemand zuschaut (zum Beispiel beim nächtlichen Umfahren eines Radfahrers), oder auch darin, wie jemand anonym kommentiert.

Oder darin, wie jemand reagiert auf Täter, die im Schutze der Anonymität handeln. Gestern hat die St. Petersburg Times (via MetaFilter) Charakter bewiesen: Sie veröffentlichte einen ausführlichen, feinfühligen Nachruf auf den 48-jährigen Spüler Neil Alan Smith, aus dem deutlich hervorgeht, warum es eine Reihe von Menschen gibt, die den Verstorbenen schmerzlich vermissen. Respekt vor dem Autor, vor dem Toten, vor den Hinterbliebenen.

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall", sprach der altersschwache Esel, der vom Hof verjagt wurde und auf den alten Hund traf, der fortlief von seinem Herrn, da dieser ihn wegen seiner Schwäche totschlagen wollte; dann der alten Katze begegnete, die wegen ihrer stumpfen Zähne keine Mäuse mehr fangen konnte und darum ersäuft werden sollte; dann dem alten Hahn, der für den Festtagsbraten geschlachtet werden sollte. Und so kam es zum Märchen von den vier Bremer Stadtmusikanten. Wenn sie nicht gestorben sind, überleben sie noch heute.

Mittwoch, 14. April 2010

Mobil bleiben


Putzen auf Rädern

Sonntag, 7. Februar 2010

Pianoforte


Ein Klavier weint.

Einer sammelt Klaviertränen.

Samstag, 12. Dezember 2009

Überalterung


Früher war alles anders. Da kam der Weihnachtsmann noch mit Schlitten und Hunden. Oder Rentieren. Oder sogar mit Schneemobil, oder per Hubschrauber! Woher ich das weiß? Von Frau Weihnachtsmann. Jawohl, Frau. Beim Deutschlandbüro des Weihnachtsmannes beantwortet Frau Weihnachtsmann einundfünfzig FAQs zu den Lebensgewohnheiten ihres Mannes, also Herrn Weihnachtsmann. Anscheinend hält Frau Weihnachtsmann den stationären Kundenservice am Laufen, während der Alte saisonbedingt auf der Piste ist.

Man darf Frau Weihnachtsmann so alltagspraktische Fragen stellen wie: Ist der Weihnachtsmann jemals im Schornstein stecken geblieben? Oder: Hat der Weihnachtsmann eine Badehose? Oder eben zur Transportlogistik: Welche Verkehrsmittel benutzt der Weihnachtsmann? Wir erfahren, dass dem Vielreisenden ursprünglich ein zünftiger Fuhrpark zur Verfügung stand - Rentierschlitten, Hundeschlitten, Auto, Flugzeug, Schneemobil, Hubschrauber.

Das waren noch Zeiten. 2009 hängt Herr Weihnachtsmann im Rollator.

Samstag, 19. September 2009

Santa im September


Weihnachtsmänner im September nerven. Sofern sie aus Schokolade sind und im Supermarkt stehen. Noch nerviger sind Leute, die rumnölen, dass sie von September-Weihnachtsmännern im Supermarkt genervt sind. Also lassen wir das.
Es gibt eine zweite Kategorie von September-Weihnachtsmännern, die nicht nerven, sondern eher heiter stimmen. Auch bei ihnen handelt es sich um Hohlfiguren, jedoch nicht aus Schokolade und keinesfalls im Supermarkt anzutreffen. Dieser hier ist aus Keramik und harrt hinter einem Baum der Dinge, die noch kommen werden. Aufs Altenteil gesetzt. Der rechte Arm ist ab. Das Gewand mehr grün als rot. Abgewrackt, mit einem Wort, ohne die geringste Chance auf eine Prämie.
Zum Erbarmen, hat sich wohl der Gartenbesitzer gedacht und den altersschwachen Nikolaus so plaziert, dass er dessen Anblick nicht ertragen muss. So dass der Nikolaus jetzt immer mich anschaut, wenn ich an ihm vorbeiradle. Und wie er schaut! Aus merkwürdig wachen, leuchtend blauen Augen trifft mich ein fast durchdringender Blick. Der Typ lebt, ich schwöre es, mag er noch so abgewirtschaftet am Baum lehnen.
Als ich ihn heute von weitem erkannte, musste ich lachen, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, er habe schon auf mich gewartet. Beim Näherkommen trafen sich unsere Blicke. Ich hörte, wie ich laut zu ihm sagte: "Na?". Da hat er, glaube ich, ein bisschen gegrinst.

Sonntag, 19. Juli 2009

Durch die Blume

Womit man nicht alles seinen Sonntag verplempert. Nach einer kleinen privaten Putzattacke blieb ich vor einem knallbunten Blumensträußchen stehen, einem zehn Tage alten Geschenk. Das charakteristische Müffeln war nicht zu überriechen, dieses Angemoderte, leicht Morbide, ins Jenseits Hinüberkippende. Ich beschloss, meinen anfallartigen Putzrappel mit der Entsorgung des Stinkers zu krönen.
Statt zum Mülleimer lenkten mich jedoch meine Schritte auf den Balkon, wo dem Strauß ein Gnadenbrot zuteil wurde. Von weitem sah er immer noch hübsch aus, gemüffelt hat er nur im Nahbereich, welchen ich mied. Nette Außendeko, fand ich; dann kam nach endlos langem Regen endlich die Sonne heraus. Also Socken ausziehen, Relaxposition einnehmen, Kaffee trinken, Lesen.
Plötzlich beschlich mich das unangenehme Gefühl, angestarrt zu werden.
Ich schaute vom Buch hoch und direkt in die Augen meines neuen Balkonbewohners. Er schaute zurück, und das mit einem Blick, welcher dem Buch keine Chance mehr ließ. Ein paar Mal versuchte ich, in die Lesestrecke zurückzufinden, ging aber nicht. Dieser Blick. Irgendwie so durchdringend und erwartungsvoll. Als ob er etwas von mir wollte.
Eine ganze Zeitlang saß ich da und wir guckten einander an. Einfach so. Passiert ist weiter nichts, aber nach einer Weile fühlte es sich so an wie bei Mogli, der zu lange der Schlange Kaa in die spiraligen Augen geschaut hat. Mir wurde so trancemäßig zumute. Schwer klappten die Augendeckel zu, ich nickte ein. Aber nur kurz, vor allem unruhig.
Beim Öffnen der Augen kreuzten sich wieder unsere Blicke, jetzt guckte der bunte Aussiedler fast vorwurfsvoll, so schräg von der Seite.
Fotografieren soll ja helfen, böse Geister zu bannen. Also draufgehalten. Dann verzog sich die Sonne hinter den Wolken und ich mich vom Balkon. Was soll man auch tun, wenn weder Lesen noch Schlafen möglich sind. Bloggen könnte ich noch, dachte ich mir. Also gut. Fing eh grade wieder zu regnen an.
Eben hat der Regen aufgehört, die Balkontür stand offen, es roch schön frisch herein. Ich ging hinaus, draußen roch es überhaupt nicht frisch, sondern fortgeschritten moderig. Oh mein Gott.
Er sah mich an. Ich sah ihn an. Ich sah, dass er weinte. Er hatte genug. Er wollte nicht mehr. Es war zum Herzerweichen. Endlich verstand ich. Und erlöste ihn. Dann setzte ich mich auf den Balkon und schlug mein Buch wieder auf. Ging nicht. Mein Kopf drehte sich dauernd nach der Stelle, wo der Kleine gestanden hatte. Nicht dass ich den Blickkontakt vermissen würde. Aber irgendwas fehlt.

Dienstag, 16. Juni 2009

Dummheit auf Rädern

Katastrophe. Der neue Flaschenboy ist da. Der alte (links) wendet sich mit Grausen.
Der neue hat den Namen Flaschenboy nicht verdient. Kein Mensch nennt ihn so, alle sagen "das Ding" zu ihm. Bei Frau Übermop heißt er "das komische Ding", für Mrs. Mop ist er "das dumme Ding". Frau Übermop findet, er sieht komisch aus. Mich interessiert die Optik weniger als die Funktion, schließlich muss ich mit dem dummen Ding durch die Gegend eiern. Anders kann man es nicht nennen. Apropos, das mit den Eierkartons zum Abdichten des (alten) Flaschenboy-Bodens ging natürlich voll in die Hose, um im Bild zu bleiben. Oder halb, um korrekt zu sein: Statt eines gleichmäßigen Rinnsals ließ der Gebrechliche nun lauter unregelmäßige Pfützchen hinter sich. Es war nicht mehr vertretbar. Er musste aufs Altenteil.
Jetzt also ein neuer. Er ist das Dümmste, was mir je über den Weg gelaufen ist. Er ist ein taumelndes Nichts. Weil er nämlich kein Eigengewicht hat. Oder so gut wie keines. Und damit keine Persönlichkeit. Klingt jetzt für Uneingeweihte vielleicht ein wenig haarsträubend, ist aber so. Ich meine, wenn ich einen (gescheiten) Flaschenboy hinter mir her ziehe, will ich sein Gewicht spüren; ich will nicht spüren, dass da nichts ist. Er kriegt einen kleinen Tritt, dadurch neigt er sein Gewicht meiner Hand entgegen und lässt sich mühelos ziehen (wir reden jetzt nicht von Vulkankratern auf der Straße). Prinzip Hackenporsche eben.
Bei dem neuen spürt man gar nichts. Als ich ihn das erste Mal unten leicht angekickt habe, fiel er einfach um. Rollte nach hinten weg und peng. Ihm fehlt jegliche Statik, oder nennt man das dann schlechte Statik? Während der alte Flaschenboy sich aus jedweder labilen Position immer wieder von selbst zurechtgeruckelt hat (gut, ich musste halt immer so lange warten, aber es hat funktioniert), reagiert das neue Ding in egal was für einer labilen Position immer nur mit einem: Es fällt um. Der alte blieb dauernd stehen, der neue fällt dauernd um. Keine gute Entwicklung.
Wozu der vielen Worte, das Bild oben sagt alles: Man betrachte (links) die breite Radachse und bekommt ein Gefühl für die Stabilität und den tiefliegenden Schwerpunkt des Good Old Boys. Seine Räder liegen weit auseinander und seitlich des Containerbodens. Bei dem neuen Ding stehen die Räder viel enger und unterhalb des Bodens. Kann ja nicht gut gehen. Von der Radqualität selbst will ich gar nicht erst anfangen - ich sage nur: Massivgummi versus irgendein obskurer Hartkunststoff. Letzterer mit null Dämpfungsvermögen beim Rollen über Stock und Stein; obendrein ein krasser Sound, so kratzig-schabend-schauerlich und irgendwie nicht von dieser Welt. Mit welcher ich für heute fertig bin. Weil aus dem bisher so fidelen Flaschen-Rumgekarre ein ganz und gar freudloses Gehampel geworden ist. Aus dem gemütlichen Haustier ein überreaktiver Fremdkörper. Ich hör ja schon auf.
Einer geht noch. Irgendwie sieht man seiner Physis
die Dummheit an, finde ich. Frau Übermop hat wieder mal recht. Architektonisch nachgerade komisch, oder? Ein Riesenkorpus auf zwei winzigen Füßchen. Unsicher auf den Beinen. Erkennbare Tendenz zur Schlagseite. Kann ja nicht gut gehen. Dummes Ding.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Schieflagen

Um den Flaschenboy in Bewegung zu versetzen, muss man ihm unten einen kleinen Tritt geben. Dadurch kippt er nach vorne in Schräglage, so dass er sich ohne großen Kraftaufwand ziehen lässt, selbst dann, wenn er randvoll mit leeren Flaschen ist. Randvoll ist er so gut wie immer. Also ist er sauschwer. Aber er macht es mir nicht schwer. 
Fester Griff oben, kleiner Tritt unten und ab geht die Luzie. Hebelwirkung vom Feinsten. Den Rest besorgen die zwei fetten Gummiräder. Allerdings nur solange sie auf einem einigermaßen glatten Untergrund rollen. Nun ist unser gemeinsamer Morgengang zum Altglascontainer zwar kurz, dafür gepflastert mit Schikanen aller Art - Asphaltlöchern auf der Straße, holprigen Bürgersteigen, krummen Bordsteinschwellen. Von Rollen kann also keine Rede sein, höchstens von Rumpeln. Denn der Flaschenboy muss ja auf diese Unebenheiten ständig mit ruckartigen Eigenbewegungen reagieren, sonst würde er seine Balance verlieren. In solchen Momenten ist weder mir noch Außenstehenden wirklich klar, wer hier eigentlich an wem zieht. Aber irgendwie schaffen wir das. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob ich ein störrisches, aber im Prinzip gutartiges Riesenhaustier hinter mir her bugsiere: Manchmal hat das Viech keine Lust und bleibt einfach stehen. Ich dann auch, was soll ich machen, in puncto Body mass index ist es mir haushoch überlegen. Gut zureden hilft meistens. Einmal habe ich meine Stimme sagen hören "Mann, stell dich nicht so an!", danach ging's wieder.
Auf dem Rückweg vom Container verhält sich der Flaschenboy immer ganz handzahm, kein Wunder, da muss er nur noch sein Eigengewicht tragen. Er wackelt und tänzelt dann so rum, bleibt aber im Großen und Ganzen fügsam. Gutgelaunt halt irgendwie, genau wie ich auf dem Rückweg.

So, das war die lange Einleitung zum eigentlichen, aktuellen, traurigen Thema dieses Posts. Seit heute sieht es nämlich so aus, als ob die Tage 
des betagten Flaschenboys gezählt sind: Sein Boden ist durchgerostet. Infolgedessen ist er undicht geworden. Infolgedessen lässt er auf dem Weg zum Container eine feuchte Spur hinter sich (Flüssigkeitsreste aus Leerflaschen). Infolgedessen muss er aus dem Verkehr gezogen werden. Sagen alle. Gut, ich seh's natürlich ein, weil, wie schaut das auch aus, wenn Mrs. Mop jeden Morgen mit einem inkontinenten Flaschenboy durchs Viertel tingelt. Darum habe ich heute, als Erste-Hilfe-Maßnahme, den maroden Boden von innen mit einem dieser quadratischen Eierkartons ausgekleidet.
Ob auch abgedichtet, wird sich morgen zeigen. Jedenfalls laufen Verhandlungen mit der Stadtreinigung wegen Bereitstellung eines neuen Flaschencontainers. Am Telefon drohten die von der Stadtreinigung bereits mit "neuartigen, viel handlicheren Modellen". Ich weiß gar nicht, was die wollen, der - mein - Flaschenboy ist doch nicht unhandlich. Bisschen schwerfällig, ja, bisschen altersschwach, gut, aber ansonsten ein grundsolider gemütlicher alter Brummer, an den ich mich irgendwie gewöhnt habe, und das nicht ungern. Wie gut, dass gerade heute der große halbwelke Restaurantblumenstrauß entsorgt werden musste.