Vive La France. Nachdem ich heute früh im Radio gehört hatte, dass im Nachbarland das Benzin immer weniger und der Widerstand immer mehr werden, dachte ich: Zeit für eine kleine Umfrage. Und zwar - wo sonst? - in meinem multiethnisch prekärgeprägten Berufsumfeld. Einfach so, aus Neugierde. Weil, ich persönlich finde das schon recht fesselnd, was sich zur Zeit auf der anderen Seite des Rheins abspielt.
Auf dem Fahrrad überlegte ich mir eine passende Einstiegsfrage. Was hältst du von den Franzosen? schien mir nicht schlecht, weil a. offene Frageform, b. schön allgemein gehalten und c. jeder irgendwie eine Meinung zu den Franzosen hat. Und wie das so ist, wenn man gefesselt ist von etwas, dann denkt man automatisch, die anderen wären davon auch gefesselt. Kann aber nach hinten losgehen.
Aber erst mal von vorne: Ich kehrte gerade die Hintertreppe, da fing der jugoslawische Getränkelieferant (ein Bosnier, der es vorzieht, sich als Jugoslawen zu bezeichnen) an, seine Kästen in den Keller zu wuchten. Er nennt mich seit längerem
'Mala' - ich ihn seit kurzem 'Malo', ohne einen blassen Schimmer zu haben, was beide Worte auf Jugoslawisch bedeuten. Manchmal sagt er auch 'Maletzka'. Heute rief er "Hallo Maletzka!" über den Hof, der Besen ruhte, Malo baute sich vor mir auf (Schrank von Mann) und wollte wissen, was es Neues gäbe.
Mein Einsatz. "Malo, was hältst du von den Franzosen?", fragte ich ihn mit einem gewissen Nachdruck in der Stimme. Malo schaute mich entgeistert an. Dann zog er seine Mundwinkel verächtlich nach unten, schnappte sich mit Schwung zwei volle Kästen, hievte sie auf die XXL-Schultern, beugte sich leicht vor, knurrte: "Phhh. Die Franzosen. Die haben keine Lust zu arbeiten!" und trat den Abstieg in den Keller an. Als er mit leeren Kästen die Treppe wieder hochkam, rief er: "Faul sind die!", und als er schließlich vor mir stand, mit Nachdruck in der Stimme: "Einfach faul und sonst nichts."
Von dieser Reaktion des Malo war die Maletzka einigermaßen überrascht, und nicht nur das, sondern provoziert. Ich bekam Lust, ein wenig rumzuätzen und meinte: "Alle Achtung, du hast dich ja ganz schön germanisiert." Malo grinste. "In Bosnien wäre ich auf der Straße, verstehst du?", antwortete er, und nach einer Pause: "Verstehst du, wie ich das meine? Ich wäre auf der Straße, weil ich keinen Job hätte, und deshalb wäre ich auf der Straße, um zu protestieren." Er hievte sich die nächsten zwei Kästen auf die Schultern und fügte hinzu: "Ich lebe aber nicht in Bosnien, sondern in Deutschland - ich will arbeiten, und in Deutschland habe ich Arbeit." Maletzka verstand, wenn auch widerwillig, und dann lachte Malo und sagte: "Außerdem, die Deutschen streiken nicht. Die Deutschen? Nie im Leben!"
In dem Moment erschien Frau Übermop im Treppenhaus und kommentierte lakonisch von hinten: "In Deutschland wird nicht gestreikt!" - auch sie mit einem gewissen Nachdruck in der Stimme, so als ob sie ergänzt hätte "...und das ist auch gut so". Schwerbeladen pumpte Malo an ihr vorbei und schnaubte: "Ihr Deutschen habt dauernd Angst. Angst, dass ihr eins auf den Deckel kriegt. Deshalb rührt ihr euren Arsch nicht. Für einen Jugoslawen ist es schwer zu verstehen, vor was die Deutschen eigentlich so viel Angst haben." Es klang spöttisch und ein bisschen mitleidig.
Dann fuhr der marokkanische Gemüselieferant zum Hof herein. Ich so zur Begrüßung: "Hey, was hältst du von den Franzosen?", und er, empört und mit großem Nachdruck: "Ich bin doch kein Franzose!" und weiter: "...haben die nix anderes zu tun als Chaos im Land zu machen?" und schließlich: "Die Franzosen sind ein faules Volk." Umfragen können sich vernichtend anfühlen.
Tendentiell krawallig erinnerte ich den Marokkaner daran, dass sich 'die Franzosen' zu einem erheblichen Teil aus seinen Landsleuten rekrutierten; ob er etwa glaube, die in Frankreich lebenden Marokkaner würden aus Faulheit auf die Straße gehen? Beschwörend hob er beide Hände: Marokkaner, das sei etwas ganz anderes als Franzosen, "die schuften extrem hart in Frankreich - wenn die auf die Straße gehen, haben sie einen Grund!" Ich verstand. Aber auch wieder nicht.
Beim Kaffeetrinken fragte ich den
spanischen Hausmeister, was er von den Franzosen hielte. "Überhaupt nichts", knarzte er (mit Nachdruck!), "die sind zu faul zum Arbeiten. Franzosen eben.
Savoir vivre." Und nach kurzer Pause: "Die Franzosen werfen uns Spaniern immer vor, wir seien faul, weil wir unsere Siesta so lieben", obwohl doch, fuhr er fort, die Produktivität eines Menschen eindeutig gesteigert werde durch eine anständige Siesta, wie sich eben an den Spaniern beweisen ließe.
Trotzdem, machte er etwas gönnerhaft weiter, "...streiken können sie wirklich - die Franzosen wissen, wie's geht, das macht ihnen kein Land nach. Sie können zwar nicht arbeiten, dafür können sie richtig gut streiken." Er sagte dies teils anerkennend, teils abschätzig; etwa so, wie man über einen ausgebufften, erfolgreichen Kriminellen spricht, der einem imponiert.
Dann allerdings verspürte er ein dringendes Bedürfnis, sein Kompliment an die Franzosen zu relativieren: "Erst mal abwarten, ob sie es wirklich schaffen." Wie?, es?, was?, fragte ich ihn erstaunt. "Na, noch haben sie keinen Generalstreik geschafft!", erklärte der Spanier triumphierend, "das müssen sie erst mal beweisen! Erst dann spielen sie in der gleichen Liga wie wir. Vor ein paar Wochen war in ganz Spanien Generalstreik. Wenn die Franzosen das hinkriegen, habe ich Respekt vor ihnen."
Ach so. Die ganze Sache lässt sich natürlich auch sportlich nehmen, mit so einem olympisch angehauchten Grundgedanken. Für einen Moment verlor ich mich in Phantastereien, wie es wäre, wenn die Völker dieser Erde in einen edlen Wettstreit träten, welches von ihnen wohl am besten streike. Dass den Deutschen hierfür jeglicher patriotische Ehrgeiz abgeht, versteht sich von selbst. Es stimmt schon, die Franzosen und die Spanier haben es drauf, die Italiener sind auch nicht schlecht, und erst die Griechen! - hat man ja kürzlich gesehen. Halt wieder mal die üblichen Verdächtigen, all diese Südeuropäer. Obwohl, erst neulich haben die Iren es ordentlich krachen lassen, und waren es davor nicht die Isländer, die, vulkanähnlich, ihren geballten Zorn öffentlich entladen hatten? Es müssen ja nicht überall die Deutschen die Sieger sein - man kann sich auch ganz sportlich mit den anderen freuen. Hauptsache, es kommt Bewegung ins Hamsterrad.
Als ich gerade Feierabend machte, erschien einer der
Weinlieferanten. Ein Deutscher. Genauer gesagt, ein Pfälzer. Eigentlich machte ich mir wenig Hoffnung, dass ausgerechnet ein deutscher Weinlieferant meine Umfragewerte noch herumreißen würde können; aber da ich weiß, dass er sein Weingut direkt an der Grenze zu Frankreich hat, dachte ich, Mensch, der ist irgendwie hautnah dran, mal sehen, was er so meint.
Ich also: "Sag mal, was hältst du von den Franzosen?", und er ließ die soeben angehobene schwere Weinkiste wieder sinken, stemmte beide Fäuste in die Seiten und antwortete voller nachdenklichem Ernst: "Willst du meine ehrliche Meinung hören?", ich so: "Klar!", und er: "Ich denke, es wird allerhöchste Zeit, dass die Leute endlich aufwachen und kapieren, dass sie nach Strich und Faden verarscht worden sind und dass sie, wenn sie das nicht kapieren, in Zukunft noch schlimmer verarscht werden. Die Franzosen haben's anscheinend kapiert."
Und nach einer Pause: "Mich freut das irgendwie." Prüfend musterte er mich, dann sagte er: "Aber nicht, dass du das jetzt falsch verstehst!" Ich musste lachen und freute mich. Ich freute mich über dasselbe wie der deutsche Weinlieferant, freute mich außerdem über den Weinlieferanten sowie darüber, dass er sich über dasselbe freute wie ich.
Seltene Momente sind das im Leben, ganz seltene. Und kostbare. Und was die Umfrageergebnisse angeht - na ja, sind vielleicht nicht exakt das, was man unter fesselnd versteht, liefern aber Stoff zum Nachdenken. Ist doch schon mal was.