Mittwoch, 4. August 2010

Bongoländer


Es ist gar nicht so leicht, seinen Blues zu pflegen, wenn man in der Gastronomie arbeitet. Geht mir jedenfalls so. Zumindest heute ließ mein Umfeld mir kaum eine Chance, mein fernwehbedingtes Trübsal zu blasen, von den ersten anderthalb Stunden mal abgesehen.

Frau Übermop hatte schon gestern gecheckt, dass mich irgendein Weltschmerz plagte, verkniff sich auch heute sämtliche Fragen und ließ mich diskret in Ruhe schrubben. Fand ich sensibel von ihr. Es gibt keine bessere Kombination als Trübsinn und Toilettenputzen; danach weiß man wenigstens, dass es schlimmer kaum geht, und erfreut sich bereits an den kleinsten Dingen, sei dies eine saubere Klobrille oder ein jugoslawischer Getränkelieferant, der sich nicht traut pinkeln zu gehen, weil der Boden noch wischfeucht ist und ich mit einem Zerberusgesicht die Toilettentür im Auge behalte, weil, den Blues zu haben und zweimal den Toilettenboden zu wischen kommt überhaupt nicht in Frage.

Der Jugoslawe hat, genau wie der Ehemann der spanischen Putzfrau, die Angewohnheit, mich "Mala" zu nennen, was mir ein böhmisches Dorf ist. Okay, wenn der Spanier "Mala" - manchmal auch "Malita" - zu mir sagt, verstehe ich das irgendwie, auch wenn ich ganz tief innen drin fest davon überzeugt bin, dass ich im Prinzip ein herzensguter Mensch bin. Aber Jugoslawisch kann ich halt nicht, und der Jugoslawe kann nur ganz wenig Deutsch, gerade so viel, dass er mich an der Toilettentür verwundert angeschaut und gefragt hat: "Mala, was ist los mit dir?"

Er tat das in diesem typisch balkanesischen, weichen Singsang, was dazu führte, dass ich auf der Stelle einen Kloß in den Hals bekam und keinen Ton herausbrachte. Er sah mich aufmerksam an, schüttelte ganz sachte den Kopf und singsangte leise "Mala, Mala...". Das gab mir den Rest. Ich schaffte es gerade noch, mit wackeliger Stimme zu sagen "Geh' endlich pinkeln!" Der Toilettenboden war mir plötzlich piepegal. Ich wollte nach Kuba, konnte kein Jugoslawisch, und überhaupt. Der Getränkelieferant blieb in der Tür stehen, lächelte mich an und hörte gar nicht mehr auf zu lächeln, lächelte immer breiter (der Boden musste längst getrocknet sein), sodass ich einfach zurücklächeln musste, obwohl mir nicht die Bohne danach zumute war, aber das Lächeln war stärker.

Frau Übermop hatte die Szene aus den Augenwinkeln beobachtet.
Sie schwieg.

Dann kam der brasilianische Sprücheklopfer und Bierlieferant. Er haute mir zur Begrüßung mit seiner klodeckelgroßen Pranke auf die Schulter und rief aufgekratzt: "Hey Chica, wann kommst du mit mir nach Brasilien Samba tanzen?" Frau Übermop ging sofort dazwischen: "Samba kannst du meinetwegen auch hier im Lokal mit ihr tanzen", aber das mit Brasilien solle er sich mal aus dem Kopf schlagen, weil, "die hat doch kein Geld, die liegt dir bloß auf der Tasche", außerdem habe sie sich jetzt endlich an mich als Kollegin gewöhnt und habe keine Lust, schon wieder eine neue Putzfrau einzuarbeiten. Das klingt rauh, war aber herzlich gemeint, wenn man Frau Übermops Abneigung gegen Komplimente im allgemeinen und ihre Vorliebe für Komplimente aus echtem Schrot und Korn kennt. Ich musste lachen, obwohl ich nicht wollte.

Als ich später mit dem Flaschenboy zu den Glascontainern schipperte, überlegte ich, dass Brasilien eigentlich auch keine schlechte Wahl wäre. Brasilien steht nämlich an zweiter Stelle meiner unerfüllten Herzenswünsche. Ich rumpelte den Flaschenboy an Ort und Stelle zurecht, dachte an Bahia und Bossa, ließ es ordentlich klirren und scheppern und - fing mir unverhofft einen Heiratsantrag ein. Von Bongo.

Bongo ist bei der städtischen Müllabfuhr und heißt wirklich Bongo. Nach eigenen Angaben stammt Bongo aus - wie könnte es anders sein - "Bongoland". In Bongos Fall ist Bongoland nicht Afrika, sondern Jamaika. Wenn Bongo einen guten Tag hat, haut er immer ein paar mal mit den flachen Händen auf die geleerten Mülltonnen drauf; das ist dann sozusagen die Buschtrommel, mit der er mich begrüßt. So auch heute; nur dass ich halt gerade heute keinen besonders guten Tag hatte.

Ob ich nicht mit ihm nach Bongoland kommen wolle, fragte er. Ich dachte an Calypso und Reggae und fand das erst mal nicht schlecht, also, mal rein so an und für sich. Bongo interpretierte mein Zögern falsch und schob rasch hinterher: "Wir können ja vorher heiraten!" Oder, fuhr er fort, am besten gleich in Jamaika heiraten, dort seien Hochzeitsfeiern immer eine sehr lustige Angelegenheit. An letzterem habe ich nicht den geringsten Zweifel; trotzdem bat ich mir Bedenkzeit aus. Bongo grinste und stieg auf sein volles Müllauto. Ich gondelte mit dem leeren Flaschenboy zurück zum Restaurant.

Frau Übermop hatte die Szene vom Fenster aus beobachtet. Sie stemmte beide Fäuste auf die Hüften und sagte: "Jetzt reicht's dann aber!" Was, fragte ich. "Was wollte der Müllmann von dir? Will er dich nach Afrika mitnehmen?" Nein, nach Jamaika, antwortete ich. "Ob Afrika oder Jamaika, ist mir wurscht - du bleibst hier!" Ich schaute sie mit runden Augen an. Herausfordernd fragte sie mich: "Ist das klar?" Ich gab ihr mein Jawort.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich intensiv über Bongoländer und Scheinehen nach. Immerhin ist Jamaika gleich um die Ecke von Kuba, und falls die Reggaefreaks anfangen sollten, mich mit ihrem pseudopolitischen Hardliner-Gedöns, das sie neuerdings gern an den Tag legen, zu nerven, dann wäre es nur ein Katzensprung bis zur nächsten Insel und ich endlich am Ziel meiner Träume. Auf jeden Fall tat sich plötzlich ein zuversichtlich stimmender bunter Strauß an Optionen auf.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, empfing mich sattes Schnarchen unterm Sofa. Vielleicht war der Hund einfach nur eifersüchtig gewesen, weil er gedacht hat, ich haue ohne ihn ab nach Kuba? Dummer Hund. Wie könnte ich. Ich gehe nirgendwo hin ohne meinen Blues.

Kommentare:

  1. Nee nee, bleib mal lieber hier und schreib weiter so schöne Texte gegen den Blues. Gegen meinen helfen sie immer und wenn das auch nicht reicht, gehe ich in meinen Keller und schlage afrobrasilianische Rhythmen auf meine Trommeln. Spätestens dann gehts wieder aufwärts...

    AntwortenLöschen
  2. OK, ich bleib' hier. Für nichts habe ich mehr Verständnis als wenn sich jemand den Blues aus dem Leib trommelt ;).

    AntwortenLöschen
  3. Noch viel Freude mit Deinem Blues. Guggst Du hier: http://napalmnews.wordpress.com/2009/12/12/ich-bin-in-trauer/
    Das steht mir innerhalb der nächsten 6-8 Monate noch'mal bevor!

    *Seufz*

    AntwortenLöschen
  4. Danke. Wunderschön.
    Hast du DAS gesehen?
    http://napalmnews.wordpress.com/2010/05/30/jonathan-richman-egyptian-reggae/
    *schmeißtsichweg*

    (Deinen letzten Satz hab' ich nicht verstanden??)

    AntwortenLöschen
  5. ...ahhhhh....Groschen gefallen. Es geht doch nix über systematisches Durchklicken :)

    AntwortenLöschen
  6. "... Durchklicken :)" Du klickst in eine Vergangenheit ... iss zu stressig, wenn man's ernst meint.

    Aufwecker, für Dich morgen, wenn Blues noch schnarcht: http://napalmnews.wordpress.com/2009/11/25/guten-morgen/

    Für heute: Gut's Nächtle

    AntwortenLöschen
  7. Oh. Wie zauberhaft.

    Kaffee. Sunrise. Kühle Morgenluft. Ravel.

    So müssen Tage anfangen.

    AntwortenLöschen