Dienstag, 17. August 2010

Urlaubsreife


Es herbstet mit Macht. Trotzdem sind wir mitten im Hochsommer, was sich vor allem daran bemerkbar macht, dass die Alltagskonversationen von zwei Fragen beherrscht werden: 1. Warst du schon im Urlaub? und/oder 2. Wo warst du in Urlaub? Nun ist mir persönlich die erste Frage lieber. Denn ich kann sie mit einem knappen Nein beantworten, um sodann den Smalltalk umzulenken auf Themen, die mich mehr interessieren und zu denen ich mehr zu sagen habe, zum Beispiel zum aktuellen Wetter - da kann ich vollkompetent mitreden.

Bei der zweiten Frage wird es komplizierter. In aller Regel wird sie gestellt von einer Person mit stark gebräuntem Gesicht und einem für die derzeitige Witterung allzu offenherzigen Outfit, der den Blick auf ein Zuviel an weiteren braungebrannten Körperteilen ermöglicht, was mich immer etwas frösteln lässt, denn, wie gesagt, es herbstet. Das Gespräch verläuft dann häufig so:
(braungebrannte Person:) Wo warst du in Urlaub?
(ich:) Ich war nicht in Urlaub.
(braungebrannte Person:) Wann fährst du in Urlaub?
(ich:) Ich fahre nicht in Urlaub.
(braungebrannte Person:) Ach.
(ich:) Ja.
(braungebrannte Person:) Ach ja?
(ich:) Ja.
An der Stelle fällt der braungebrannten Person meistens nichts mehr ein, weshalb sie irritiert die Augenbrauen hebt und mich fragend anschaut, so als ob ich ihr eine Antwort schuldig geblieben sei; dabei habe ich doch zu allen Fragen wahrheitsgemäß und lückenlos Stellung bezogen.

Für mich gibt es dann zwei Verhaltensoptionen, je nach meiner aktuellen Gemütslage:

Bin ich gerade stoisch drauf, hebe ich meinerseits die Augenbrauen, um zu signalisieren, dass nicht ich, sondern die braungebrannte Person an der Reihe ist weiterzufragen. Meistens geht das Gespräch dann so weiter:
(braungebrannte Person:) Äh, wie, du meinst...?
(ich:): Was?
(braungebrannte Person:) Ja gut, also, man muss ja auch nicht unbedingt jedes Jahr in Urlaub fahren.
(ich:) Stimmt.
(braungebrannte Person:) Wo warst du denn letztes Jahr in Urlaub?
(ich:) Letztes Jahr war ich auch nicht in Urlaub.
Spätestens etwa um diesen Dreh herum wird es der braungebrannten Person sehr unbehaglich, so dass sie sich bemüht, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, was mir willkommen ist, denn dann brauche ich das nicht zu tun. Wobei das Restgespräch meist außerordentlich kurz zu verlaufen pflegt, was mir dann auch recht ist.

Bin ich dagegen eher genervt, sei es von der Fragerei selbst oder von irgend etwas anderem, trachte ich danach, möglichst schnell auf den Punkt zu kommen, schließlich habe ich meine Zeit auch nicht gestohlen. Dann setzt sich das Gespräch wie folgt fort:
(ich:) Ich habe kein Geld, um in Urlaub zu fahren.
(braungebrannte Person:) Oh - äh, ah ja. Mhm. (Pause.) Das tut mir leid für dich.
(ich:) Muss dir nicht leid tun.
(braungebrannte Person:) Ähm, ja. (Pause.) Na ja, ich würde dir einen Urlaub schon gönnen.
(ich:) Das ist nett.
(braungebrannte Person:) Ja, also - Mensch, du, vielleicht klappts ja nächstes Jahr mit in Urlaub fahren!
(ich:) Glaub' ich eher nicht.
Spätestens etwa um diesen Dreh (meist aber schon früher) beende ich unverbindlich das Gespräch, worüber, wenn mich nicht alles täuscht, die braungebrannte Person irgendwie ziemlich erleichtert zu sein scheint. Ich auch.

Wer jetzt denkt, ich könne einem schönen Urlaub nichts abgewinnen, der irrt. Ende Juli habe ich nämlich spontan beschlossen, im August eine Woche Urlaub von der Putzerei zu machen und dies der Frau Übermop mitgeteilt. Das Gespräch verlief so:
(Frau Übermop:) Wo fährst du denn hin in Urlaub?
(Mrs. Mop:) Ich fahre nicht in Urlaub, ich bleibe zuhause.
(Frau Übermop:) Wie, du bleibst zuhause? Ich denke, du willst Urlaub machen?
(Mrs. Mop:) Will ich auch. Wer sagt, dass ich irgendwohin fahren muss, um Urlaub zu machen?
(Frau Übermop:) Du spinnst.
(Mrs. Mop:) Wieso?
(Frau Übermop:) Dann kannst du ja gleich hier weiterarbeiten, wenn du gar nicht wegfahren willst.
(Mrs. Mop:) Aber ich will doch Urlaub machen!
(Frau Übermop:) Kapier' ich nicht.
(Mrs. Mop:) Ich schon.
(Frau Übermop:) Du spinnst.
(Mrs. Mop:) In dem Fall nicht.
(Frau Übermop:) Doch.

Heute war, wie jeden Dienstag um 11:30 Uhr, Jour fixe für die große Besprechung von Geschäftsführung und Service. Normalerweise bin ich schon weg, wenn die ersten Teilnehmer erscheinen (frühestens um 11:45 Uhr); heute war ich ausnahmsweise noch im Restaurant und gerade im Begriff, meine Sachen zusammenzupacken. Einer der Geschäftsführer kommt mit strahlend braungebranntem Lächeln auf mich zu und ruft mit Begeisterung in der Stimme:
(Geschäftsführer:) Mensch, Mrs. Mop, du siehst ja richtig gut aus!
(Mrs. Mop:) Danke, mir geht's zur Zeit auch richtig gut.
Man ist ja dann auch blöd und lässt sich das Kompliment runtergehen wie Öl, ohne zu merken, dass von ferne eine Nachtigall angetrapst kommt.
(Geschäftsführer:) Ich habe gehört, du willst jetzt eine Woche Urlaub machen?
(Mrs. Mop:) Ja! Endlich mal!
(Geschäftsführer:) Wo fährst du denn hin in Urlaub?
(Mrs. Mop:) Ich fahre nicht in Urlaub, ich bleibe zuhause.
(Geschäftsführer:) Wie, du bleibst zuhause? Ich denke, du willst Urlaub machen?
(Mrs. Mop:) Will ich auch. Wer sagt, dass ich irgendwohin fahren muss, um Urlaub zu machen?
(Geschäftsführer:) Äh, ja - also, ich meine, dabei siehst du so gut aus - überhaupt nicht urlaubsreif!
Da hörte sogar ich die Nachtigall elefantengleich trampeln. Schnelles Reagieren war gefragt.
(Mrs. Mop:) Pass nur auf, wie gut ich erst aussehen werde, wenn ich aus dem Urlaub zurück komme!
(Geschäftsführer:) Äh, na ja, wahrscheinlich werden wir alle vor Neid erblassen. Sag' mal, äh, wenn du gar nicht wegfährst in Urlaub, könntest du dann nicht nächste Woche ein bisschen einspringen, weil, ausgerechnet nächste Woche wird es wohl ein wenig eng...
(Mrs. Mop:) Vergiss es.
(Geschäftsführer:) Aber warum denn?
(Mrs. Mop:) Ich mache Urlaub.
(Geschäftsführer:) Mein Gott, bist du stur. Man wird ja wohl noch fragen dürfen.
(Mrs. Mop:) Klar. Man wird ja wohl noch Urlaub machen dürfen.
(Geschäftsführer:) Aber warum denn ausgerechnet nächste Woche?
(Mrs. Mop:) Weil das mein Urlaub ist.
(Geschäftsführer:) Dabei siehst du so gut aus, als ob du gerade aus dem Urlaub kommst.
(Mrs. Mop:) Das kommt daher, weil ich mich so auf meinen Urlaub freue.
(Geschäftsführer:) (seufzend) Was haben wir uns bloß mit dir eingehandelt.
(Mrs. Mop:) Eine Putzfrau, die seit anderthalb Jahren keinen Urlaub gemacht hat.
(Geschäftsführer:) Mach doch, was du willst.
(Mrs. Mop:) Eben.
(Geschäftsführer:) Musst du immer das letzte Wort haben?
(Mrs. Mop:) In dem Fall schon.

Seit heute zähle ich die Tage bis nächste Woche und hol' jetzt schon mal meinen großen alten Koffer aus dem Keller. Weil, ich fahre zwar nicht in Urlaub, aber irgendwie eben doch, so unter uns. Wohin? Na, ist doch wohl klar. Psst, nicht weitersagen.


Kommentare:

  1. Hach ja. Eine schöne Geschichte, die mich doch sehr an eigene Erlebnisse erinnert ... - Ich hoffe, Du bleibst standhaft und genießt Deinen Aufenthalt auf Kuba. :-)

    Zur Abwechslung auch mal etwas Technisches: Es wäre hilfreich, wenn Du eigebundene Videos auf die Breite Deiner Textspalte (das müssten bei Dir, genau wie bei mir, 400 px sein) herunterskalierst. Im obigen Beispiel wäre das also eine Objektgröße von 400 x 321, anstelle der Originalgröße von 480 x 385. :-) Dann ist nämlich das ganze Video zu sehen und man kann es auch auf Vollbild stellen, wenn man es auf Deiner Seite ansieht.

    AntwortenLöschen
  2. Danke für den Techniktip. Werde ich mir in Muße nach Feierabend zu Gemüte führen. Nicht etwa, dass ich im Augenblick zu müde dafür wäre, im Gegenteil:

    Bin gerade um 4 Uhr hellwach und mit Rolle vorwärts aus dem Bett gefallen, Frühnachrichten: Die Bundesregierung will eine Kommission einsetzen, die herausfinden soll, wie es komme, dass immer mehr Senioren (sagen sie ja immer gern, "Senioren") trotz lebenslanger Vollzeitarbeit im Rentenalter (oder kurz davor) sich mit Geringlohnjobs über Wasser halten müssen und darum, wie die hellsichtige Kommission bereits feststellte, sich in zehn Jahren ein Ausmaß an Altersarmut breitmachen werde, das die öffentlichen Kassen in unvertretbarem Maße belasten würde.

    Ja Mensch, wie kommt das wohl? Oh Mann. Und dafür wollen die nun eine Kommission einsetzen. Wieviele Kommissionen sind im Vorfeld eingesetzt worden, um ebendiesen Status quo der Altersarmut überhaupt erst möglich zu machen?

    Hey, manchmal brauche ich morgens keinen Wecker und keinen Kaffee, da hängt mein Adrenalinspiegel von ganz allein unter der Decke (der Schlafzimmerdecke, nicht der Bettdecke). Vielleicht sollte ich gegen solche Frühzustände mal eine Kommission einsetzen...

    Ich sag' dir, im Rentenalter schnapp' ich mir meine nicht vorhandene Rente (KSK, kennst du wohl auch?), fahre per Anhalter nach Kuba und haue dort die paar Kröten auf den Kopp. Lieber arm in Kuba und gut drauf, statt arm und altersdepressiv in dieser Irrenanstalt namens Schland.

    Jetzt brauch' ich 'nen Kaffee.

    AntwortenLöschen
  3. Tja, dieses Polittheater ist eben nur noch unter größten Schmerzen zu ertragen, das ist ja nichts Neues. Erst privatisieren sie alles, kürzen die Renten, wo sie nur können, und dann wundern sie sich über Altersarmut ... - Und Du weißt bestimmt auch jetzt schon, was diese "Kommission" herausfinden wird, oder? Genau: Die dummen Menschen haben zu wenig privat vorgesorgt, weshalb die "Anreize" verbessert werden müssen, dies zu tun - notfalls auch per gesetzlichem Zwang. Ist doch egal, dass viele das mangels Geld gar nicht können. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass in dieser "Kommission" wieder viele Lobbyisten der Versicherungswirtschaft sitzen ...

    Lass Dir die gute Laune trotzdem nicht verderben und erkläre mir "KSK". :-) "Killt die Senioren, Kinder!"? "Knast für Senioren und Kranke"? "Kaufen, Saufen und Krepieren"? ;-)

    AntwortenLöschen
  4. Sehr schöne Story, und so wirklichkeitsnah. Gut, Du willst also *flüster*dahin*flüster* fahren, in Urlaub, nach Jahren, schön. Du könntest aber noch umdisponieren, z. B. hierhin: http://www.youtube.com/watch?v=RUAPf_ccobc

    PS.: Leider kann ich nich: Sorry! sagen, bin selber kein großer Wegfahrer '98 3 w, 03 5 d, 08 12 d, das hat mir gereicht - ansonsten: Balkonien (wg. Goethe :-))

    AntwortenLöschen
  5. @Charlie
    Wahnsinn, dein Abkürzungsrausch :)! Kaufen, Saufen und Krepieren, vorher noch einen kurzen Knast-, gern auch Lageraufenthalt, aber nur, sofern die nutzlosen ollen Mitfresser (bestimmt gibt es bald eine Zweitinterpretation des beliebten Bildes vom "Schmarotzer") nicht bereits zuvor anderweitig ratzfatz entsorgt wurden.

    Hier des Rätsel Lösung:
    http://www.kuenstlersozialkasse.de/

    AntwortenLöschen
  6. @Vogel
    Bin sofort dabei, falls der olle Castro Zicken bei meiner Einreise machen sollte. Wunderschön. Grace Jones lässt grüßen ;).

    Kryptische Kürzel sind das weiter unten. Dachte erst, das sind deine Kinder (3 w), kann aber wohl nicht sein?

    AntwortenLöschen
  7. d = day = Tag, w = ? (dachte: bekannt, sry)

    Grace Jones: Super take - aber: Wer hat's erfunden? Nein, nich die Schweizer ;-)

    Hatte das Riesenvergnügen 1986 A.P. mit seiner damaligen Truppe live zu hören. Hier noch 'ne Variante, der es auch an Grace Jones mangelt, aber trotzdem sehr appart iss: http://www.youtube.com/watch?v=RDCVqJSARm8&feature=related - was meinste?

    AntwortenLöschen
  8. Was für ein Koloss von Oboe...und da kommt so ein zarter Klang raus...

    Hier ist noch was für dich...Vorhang zu, alle Fragen offen?
    http://dierotenschuhe.blogspot.com/2010/08/fraktionszwang.html#comments

    AntwortenLöschen
  9. piazzolla ist generell toll - bzw. kenne ich bisher nur adios nonino, das gefällt mir aber auch sehr gut.. :)

    [bin ich auch ein krümel? dann wäre ich schon still ^^]

    AntwortenLöschen
  10. Das mit dem Krümel musst du den Chefkuchen Vogel entscheiden lassen - der ist halt leider manchmal ein bisschen schludrig beim Kommentarelesen, so dass ihm gelegentlich der eine oder andere Krümel durch die Lappen geht...sei nachsichtig mit ihm ;).

    AntwortenLöschen
  11. Oh, das Bandoneon! Das menschlichste, atmendste aller Instrumente! Wie ich es liebe. Es öffnet frühmorgens alle Fasern des Gewebes. Danke dafür, Rebhuhn!

    AntwortenLöschen
  12. @all
    KEINER ISS 'N KRÜMEL - außer ironisch, zum Spaß!!

    @rebhuhn
    Adios nonino - das Stück hat (fast) alles, von Schmackes bis Herz, gell? Auf jeden Fall: Super!

    @Mrs. Mop
    zu: Bandoneon - sehr assoziativ aber okee
    zu: Oboe - naja, äh, also: Die große "Oboe" heißt Fagott (engl.: bassoon) - Du kannst aber auch an der Farbe unterscheiden: Die großen "Oboen" ;-) sind zu 98% braun, sind Fagotte - die kleinen "Fagotte" :-D sind zu 99% schwarz, sind Oboen ... :-D

    PS.: Die ganz große "Oboe" heißt Kontrafagott - deshalb Ravel Daphnis & Chloe "Lever de jour" unbedingt auf 'ner Anlage hören, die diesen geilen Sound bringt (in der verlinkten Aufnahme am Anfang ab 30' - geht leider in den Kontrabässen etwas unter). Noch Fragen?

    AntwortenLöschen
  13. @Vogel
    *g schee.

    @Mrs. Mop
    wer hätte das gedacht ;)?

    AntwortenLöschen