Dienstag, 24. August 2010

Alltag im Urlaub


Heute mache ich einen Tag Urlaub vom Urlaub.

Das klingt jetzt reichlich abgedreht, macht aber Sinn, denn mein mehrtägiges Schlafdefizit hat mich heute nacht daran erinnert, dass es mal wieder Zeit zum Chillen ist. Ich schlief tiefer, schnarchte lauter und träumte heftiger als mein Hund Blues es je getan hat. Selbst im Wachzustand tapere ich in einer Verfassung durch die Wohnung, die sich nur als neben der Kappe bezeichnen lässt. Ein umgeschmissener Kaffeefilter (voll, nass), eine am Boden zertretene Banane (barfuß) und ein Pfirsichfleck auf dem T-Shirt (weiß, frischgewaschen) geben mir recht: Es ist Zeit für eine Auszeit.

Ganz aus freien Stücken treffe ich diese Entscheidung freilich nicht. Eine meiner Lieblingsmucken wurde überraschend von heute auf morgen verschoben, und da dachte ich, heute gibst du dich hemmungslos der Faulenzerei hin. Was einerseits bedeutet, dass ich mich gleich zum zweiten Mittagsschläfchen des Tages auf den Balkon fläzen werde; andererseits der in den letzten Tagen (infolge hemmungslosen Groovens) doch arg vernachlässigte Haushalt wieder auf Vordermann gebracht werden muss.

Also all das aufräumen, was ich in den letzten Tagen (vielmehr Nächten) einfach nur stehen, liegen und fallen gelassen habe. Nicht zu vergessen ein bisschen Saubermachen hier und da - so bleibe ich in Übung und verfalle nicht völlig dem Entzug. Ganz wichtig: leere Flaschen wegbringen; ohne Flaschenboy, mit Rucksack.

Die Operation Pfandflaschen sorgte für kurzen, durchaus nicht urlaubskompatiblen Ärger bei der Firma Rewe, weil a) deren Rückgabeautomaten zu dumm sind, um die bei der Firma Rewe gekauften Flaschen als selbige zu erkennen, b) die beiden Aushilfskräfte zu ungeschult sind, um zu checken, dass der Fehler nicht bei der dummen Kundin, sondern beim dummen Automatenhirn lag, und c) die auf mein Drängen herbeigeholte Filialleiterin zu unhöflich war, um sich bei der starrköpfigen Kundin zu entschuldigen. So kam es, dass die Firma Rewe mir zwanzig Minuten meines kostbaren Urlaubes geklaut hat, was insofern weitreichende Folgen haben wird, als ich mein Lebtag nicht mehr meinen Fuß über die Schwelle eines Rewe-Geschäftes setzen werde. Wenn ich etwas sein kann, dann konsequent.

Gottlob brach während der zwanzig Minuten stumpfsinniger Warterei draußen die Sonne durch und reaktivierte beim Verlassen besagten Saftladens ruckzuck meine Urlaubslaune.

Letztere war in den frühen Morgenstunden schon einmal in ernsthafte Gefahr geraten, als ich von den Frühnachrichten geweckt und sodann von einem Interview gepeinigt wurde, in dem eine schnarrende Schnöselstimme in schneidendem Tonfall etwas herunterbetete von wegen "...nachdem der Kalte Krieg durch die glückliche Vereinigung unseres Vaterlandes beendet wurde..." - ich hielt mir die Ohren mit einem Kissen zu, aber der Schnarrschnösel drang durch - und fortfuhr mit einer Eiseskälte in der Stimme, die direkt aus einer Hochleistungstiefkühltruhe zu kommen schien "...unsere Soldaten haben nämlich gelernt zu gehorchen...", was mir augenblicklich die Frage aufdrängte, ob es in Kuba eigentlich wirklich so schlimm zugeht, wie von allen Seiten mit Nachdruck behauptet wird, oder ob unser deutsches Vaterland in Sachen rhetorisches Strammstehen den tanzenden Zuckerjungs aus der Karibik nicht längst um mehrere Nasenlängen voraus ist.

Vielleicht waren es ja auch nur meine Ohren, die in den letzten Tagen und Nächten derart sensibilisiert worden sind auf Klänge, Klangfarben, Unter- und Zwischentöne aller Art, dass mir ein solcherart pathetisiert-zackiger deutscher Sprachgebrauch gar nicht mehr als das vorkommt, was er eigentlich ist: nämlich längst zur allseits akzeptierten Normalität geworden.

Doch wie schon gesagt, die Sonne scheint unbekümmert, mein Mittagsschlaflager auf dem Balkon ist bereitet, aus den Boxen umschmeichelt mich ein weiches, sehnsuchtsvolles Timbre und erinnert mich sanft pochend daran, wohin ich gehöre. Ich freue mich so auf morgen.


Kommentare:

  1. "Pfirsichfleck auf dem T-Shirt (weiß, frischgewaschen)"geht nich mehr raus, kannste nur noch ausschneiden und kunststopfen, hast ja jezz Zeit ;-) - oder gibt's da'n Trick, den ich noch nich kenne? Hier 'was brasilianisches für Deine Urlaubslaune: http://napalmnews.wordpress.com/2009/11/17/in-memoriam-2/
    Schönen Urlaub noch.

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  2. Na, das trifft sich ja gut, dieser brasilianische Kontrapunkt, ausgerechnet heute. Schöner Ausklang des Tages, danke.

    Vergiss nicht, ich bin durch die harte Übermopsche Fleckenentfernungsschule gegangen. Pfirsichfleck noch frisch (darf nicht antrocknen) mit Fleckensalz einreiben, wirken lassen, ab in die Kochwäsche. Weg isser.

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  3. "Die glückliche Vereinigung unseres Vaterlandes" - oh ja, das ist ein Highlight, das man am frühen Morgen (wenn Du eigentlich selig schlummern solltest) wirklich sehr gerne hört. Statt der Kissen hättest Du vielleicht den Ausschaltknopf benutzen sollen ... ;-)

    Wie schön wäre es, wenn wir solche Propagandahighlights (ebenso wie jenes bezüglich der Soldaten) einfach mit Fleckensalz und Kochwäsche verschwinden lassen könnten. Ein mit Fleckensalz bestreuter und gekochter Schnösel würde doch sicherlich keinen solchen braunen Schleim mehr absondern (können) - oder?

    In dieser zurückliegenden Nacht unterhielt ich mich mit einem Offizier der Bundeswehr. Auf meine entsetzte Reaktion auf seinen "Beruf" entgegnete er mir nur, das sei doch ein "Job wie jeder andere". In welchem Raum-Zeit-Kontinuum leben solche Menschen?

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  4. Ausschaltknopf? Ich hab' doch keine drei Meter langen Arme! Und glaubst du, ich wüsste in diesen wilden Tagen, wohin ich meine Fernbedienung verlegt habe? :)



    Du meinst also, ab in den Schnöselwaschgang mit dem Kerl? Danach hochtouriges Trockenschleudern bei 150 bpm? Und dann auf die Stacheldrahtleine hängen oder lieber gleich an den Laternenpfahl? Hey, deine Phantasien sind ja nicht grade von Pappe...;)

    

Ist schon klar, dass für einen Berufssoldaten sein Metier ein "Job wie jeder andere" ist. Sonst wäre er wahrscheinlich erst gar nicht dem Verein beigetreten. 


    (Wobei mir dazu - völlig OT natürlich - einfällt, dass ich selbst diese Antwort auch schon öfters gegeben habe, wenn Leute auf meinen, ähm, 'Beruf' mit Entsetzen reagiert haben. Wenn ich dann entgegne, "wieso, ist doch ein Job wie jeder andere", weicht das Entsetzen dem peinlichen Schweigen und ich habe es mal wieder geschafft, einen echten Konversationskiller zu landen *gg*.)

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  5. Aber hallo - wenn ich aus reinem Pazifismus heraus schon sonst niemanden quälen kann, dann will ich doch wenigstens dummlabernde Schnösel waschen dürfen! :-) Die Stacheldrahtleine und der Laternenpfahl entstammen aber trotzdem Deinen dunklen Fantasiegefilden, die ich mir nicht zu eigen mache. :-)

    Mir erschließt sich das Denken jenes Berufssoldaten (und gleichzeitigen Familienvaters) nicht. Irgendwie (ohne das jetzt direkt vergleichen zu wollen) erinnert mich das an die Fotos der wild feiernden KZ-Aufseher, die letztens aufgetaucht sind - die haben tatsächlich nach "Dienstschluss" Partys gefeiert und sich dabei offenbar prächtig amüsiert!

    In Deinem Fall ist das ja etwas völlig anderes. Ich kann Dir versichern: Wenn ich in einem solchen Small-Talk-Geplänkel einfach mal so in den Raum werfen würde, womit ich den Großteil meiner Brötchen verdiene, wäre nicht nur peinliches Schweigen die Folge - man würde sich sicherlich auch dezent, aber konsequent entfernen. ;-)

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  6. Ich verstehe. Also keinen Schongang für Militärschnösel. Wir sind uns einig ;).

    "Wild feiernde KZ-Aufseher...": Sie haben nicht nur wild gefeiert, sie haben die Perversion auf die Spitze getrieben, indem sie aus den jüdischen KZ-Häftlingen Musiker rekrutiert und interne Swing-Lagerbands geschaffen haben zur abendlichen Unterhaltung des Wachpersonals. (Swing war in D. seit 1936 verboten, "entartete Musik".) Es ist (und war damals!!) bekannt, dass Goebbels ein abgefahrener Swing- und Jazzfan war, was ihn nicht davon abgehalten hat, diese Musik offiziell erbittert zu bekämpfen. Hinter verschlossenen Türen hat er dagegen geswingt wie Sau.

    Es gab in Nazi-D. ein Swing-Propagandaorchester namens - halt' dich fest -"Charlie and his Orchestra", zu empfangen nur über Kurzwelle in England und Amerika. Es war der komplett in die Hose gegangene Versuch, den Feind mit den eigenen Mitteln zu bekämpfen. Aber die Musik ist klasse. Bandleader Charlie ließ sich übrigens nur deshalb breitschlagen, weil seine Mitwirkung in dieser Band ihn vor dem Russlandfeldzug bewahrte.

    http://www.youtube.com/watch?v=acra_keZD84&feature=related

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  7. Ja, das weiß ich - in jener finsteren Zeit haben es die "Herrenmenschen" wahrlich in allen Bereichen auf die Spitze der Perversion getrieben. Man darf nicht müde werden, einen der wichtigsten und ältesten Filme zu diesem Thema immer wieder hervorzuheben, nämlich die Dokumentation "Nacht und Nebel" aus dem Jahr 1955:

    http://narrenschiffsbruecke.blogspot.com/2010/03/nacht-und-nebel.html

    Mit Swing kann ich indes wenig anfangen, egal ob es nun amerikanischer, englischer oder propagandistisch-deutscher Swing ist. Von diesem Namensvetter wusste ich bislang nichts und ich habe wohl auch nicht viel mit ihm gemein. ;-) Es wird Dich sicher ernüchtern (und ist an dieser Stelle vollkommen OT), dass mein Nickname auf die völlig zu Unrecht vergessene englische Rockband CHARLIE (http://www.charlie-music.com/ ) zurückgeht ...

    http://www.youtube.com/watch?v=rF_7doA1kE0&feature=related

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  8. Kein Mensch muss Swing/Jazz mögen. Solange er ihn nicht für 'entartet' hält, geht das völlig in Ordnung. Sollte er allerdings letzteres durchblicken lassen, würde ich ihn bis aufs Messer bekämpfen.

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