Wie der griechische Ministerpräsident sich
binnen einer Woche
Antonis Samaras,
kurz vor seiner feierlichen Inauguration
zum "Antifaschisten des Jahres"
Bild:
Carlos Latuff, brasilianischer Polit-Cartoonist
Neues vom Prekariat
Ich bin sehr erfreut, dass ihr Zyprioten mich im September gut dastehen lasst. Euer Beitrag in mein Wahlkampfsparschwein ist ein ausgesprochen fairer Deal und war auch, ehrlich gesagt, dringend notwendig. Irgendwie wart ihr mir das schuldig. Super-Rettungspaket, echt, sehr erfreut!
"Jeder, der ein Bankkonto in Zypern hat, muss auch für die Zypern(vulgo: Banken-)-Rettung zur Kasse gebeten werden, denn damit werden die Verantwortlichen mit einbezogen."
Zu der Tatsache, dass damit die kleinen Leute in Zypern als die "Verantwortlichen" der Euro-Krise auf Zypern identifiziert werden, äußerte sich Merkel nicht.
Italien weigert sich kindisch, die Realität anzuerkennenbringt - außer der Vorliebe der Deutschen für schulmeisterliches Zeigefingerwackeln - auch deren besorgniserregenden Realitätsverlust auf den Punkt. Immerhin scheint Italien das erste Land Europas zu sein, dessen Wahlbürger mit einem unmissverständlichen Vaffanculo zum Ausdruck bringen, dass sie das, was die angeblich alternativlose Realität (Wie, Austerität funktioniert nicht? Das beweist, es war zu wenig! Dann braucht ihr noch mehr davon!) von ihnen abverlangt, für unrealistisch halten. Kindisch? Kindisch ist allenfalls die starrsinnige deutsche Weigerung, die Dysfunktionalität dieser Realität anzuerkennen; und am allerkindischsten dieses trotzige, auftrumpfende Aufstampfen, dieser tobsuchtsanfallartige, reflexhafte Koller des autoritären Anschnauzens aller, die dem teutonischen Diktat sich zu beugen nicht bereit sind.
Die Italiener sind unfähig und unwillig, das tiefe Ausmaß ihrer wirtschaftlichen Misere zu begreifen, wird von deutschen Medienkommentatoren geltend gemacht.- und die Deutschen brillieren in ihrer Unfähigkeit und ihrem fehlenden Willen zu begreifen, dass die Rechnung mit der Zwangsjacke 'Austerität auf Teufel komm raus' nicht aufgeht, obwohl es immer mehr Spatzen von den Dächern pfeifen. Die Rechnung - weiß der führende deutsche Medienkommentator - geht natürlich nur deshalb nicht auf, weil die unfähigen, dummen Italiener den Spielverderber geben, weshalb das besagte Medium bereits gestern die bange Frage stellte:
"Machen sie jetzt unseren Euro kaputt?"Mal abgesehen davon, dass es immer wieder bereichernd sein kann, über das alte Thema Macht kaputt, was euch kaputt macht zu reflektieren, dürfte der chauvinistische Gebrauch des Pronomens "unseren" (vor "Euro") aus deutschem Mund bei den dummen Italienern so richtig gut ankommen und den vielbeschworenen europäischen Zusammenhalt auf eine weitere harte Probe stellen.
"Ich habe die furchterregendste Grafik in Europa gesehen."Die furchterregendste Grafik in Europa? Sollte das Unwahrscheinlichste alles Unwahrscheinlichen geschehen sein, hat etwa die Finanzwelt die furchterregenden Grafiken zur Arbeitslosigkeit in Südeuropa zur Kenntnis genommen? Und ist darüber zu Tode erschrocken? Mehr noch, fühlt sich einer "ernsten Bedrohung" ausgesetzt?
"Grillo ist ein zum Politiker gewandelter Kabarettist mit schockierend guten Chancen bei den italienischen Wahlen..."- ein Ex-Kabarettist, der zum Politiker mutiert ist - da kann es einen Finanzler mit straightem Blick aufs Weltgeschehen natürlich nur grausen, aber dann kommt er, der Hammer, der eigentliche, schockierende, furchterregende:
"... mit einem aggressiven Anti-Banken-, euroskeptischen Wahlprogramm."- weshalb der frühere Kabarettist Grillo eine "ernste Bedrohung" darstelle. Für wen oder was stellt er eine ernste Bedrohung dar?
"... für die aktuellen Reformbemühungen (die von Brüssel anerkannte - wohlgemerkt, nicht gewählte! - Regierung ist eifrig bemüht, die Wirtschaft zu liberalisieren, das Defizit zu reduzieren, den Arbeitsmarkt zu reformieren und so weiter). Die Finanzmärkte haben diese Bemühungen über die letzten Jahre geliebt, selbst wenn die Öffentlichkeit und die Realwirtschaft diese Liebe nicht teilten."- und jetzt steigt und steigt dieser dahergelaufene aggressive Anti-Banken-Ex-Comedian Grillo in der Wählergunst und droht alles zunichte zu machen, was von der Finanzwelt in liebevoller Detailarbeit aufgebaut wurde. Schon bitter. Und furchterregend. Ich persönlich finde es zwar weitaus furchterregender, wenn eine handverlesene Finanzmarionette einfach so von oben den Italienern aufs Auge gedrückt wird; jedoch, der Finanzwelt klappern vor Angst die Knochen, weil dieser komische amateurhafte Kauz namens Grillo immer mehr "Kapital" ("capitalizing")schlägt
"... aus der tiefen Frustration, die in Italien existiert, wegen der schwachen Wirtschaft und infolge der Wahrnehmung, die derzeitige Regierung sei viel zu korrupt und mauschele mit dem Bankensektor."- und das, wo doch die Finanzprofis dieser Welt die ausgewiesenen Experten fürs Kapitalisieren von allem möglichem sind, gern auch fürs Kapitalisieren von Korruption "und so weiter".
Die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds haben sich auf ein sechsmonatiges Moratorium geeinigt, während dessen sie keine neuen Austeritätsmaßnhmen von Griechenland fordern werden.Wieso eigentlich gerade sechs Monate? Wieso nicht zwei, wieso nicht zwanzig? Welches therapeutische Konzept verbirgt sich hinter dem magischen Timing von ausgerechnet sechs Monaten?
Das Ziel der Troika besteht darin, der griechischen Regierung eine Chance einzuräumen, einen Maßnahmenkatalog sowie strukturelle Reformen zu implementieren, an welche - im Austausch dafür - kontinuierliche Rettungsgelder gebunden sind ...Okay, Onkel Doktor, den Spin haben wir gerafft, du willst den Griechen also eine Galgenfrist geben, um hernach erst recht mit der Brechstange ..., wie? Keine Galgenfrist, sondern eine "Chance"? Ach so, du meinst so eine Art Verschnaufpause? Eine großzügige Chance, mal endlich zu verschnaufen, okay, aber wieso gerade eine sechsmonatige Verschnaufpause? Erklär's uns, weil, wir wollen nicht dumm sterben, und die Griechen schon gleich gar nicht, also bitte:
... wobei sie (die Troika) gleichzeitig versucht zu gewährleisten, dass Griechenland und seine Schuldenprobleme kein Thema darstellen wird im Rahmen des Wahlkampfes in Deutschland, das sich für die (Bundestags)Wahlen im September vorbereitet.Kein Thema darstellen wird? Damit meinst du also,
Die sozialen Unruhen in Griechenland auf kleiner Flamme zu kochen, bedeutet, die wirtschaftliche Krise des Landes wird nicht als Vorwahl-Kampagnenproblem für Merkel dazwischenfunken können.Gut, dass du, Onkelchen, uns - wenn auch etwas zögerlich - den therapeutischen Hintergrund der verordneten Rosskur-Unterbrechung erläuterst; wir wären von allein gar nicht drauf gekommen. Staunen aber nicht schlecht, dass du dir mittlerweile nicht mal mehr die Mühe machst zu vertuschen, um wessen "Chance" es tatsächlich geht: Angela Merkel braucht eine Verschnaufpause. Wahlkampfstrategisch gesehen.
Merkel warnt vor den Kosten des Sozialsystems
Europa werde "sehr hart arbeiten" müssen, um sein Sozialsystem - das großzügigste der ganzen Welt - aufrechtzuerhalten und global wettbewerbsfähig zu bleiben, sagte Angela Merkel, Kanzlerin von Deutschland.A-ha. Ärmel hoch, Leute, Zähne zusammen, da müsst ihr durch und keine weiteren Fragen, bitte.
Jay:
Vor ein paar Jahren interviewte ich Noam Chomsky, und er machte eine interessante Bemerkung, nämlich: Mit welcher Geschwindigkeit die deutsche Gesellschaft einen Hitler akzeptierte, und wie schnell sich ein avantgardistisches, libertinäres Berlin in ein faschistisches Berlin entwickelte. Welche Gefahr besteht diesbezüglich in Griechenland?
Lapavitsas:
Oh, die Gefahr ist sehr real. Die Gefahr ist sehr real. Weil die politische Mitte, die politischen Organisationen, die Griechenland vier Jahrzehnte lang regiert haben, ausgehöhlt worden sind.
Wissen Sie, die Leute missverstehen das, was in Griechenland passiert. Sie denken, der griechische Staat sei schon immer sehr schwach und ineffizient und die griechischen Politiker schon immer unfähig gewesen, und all das. Das ist Unsinn. Der griechische Staat ist ein sehr fähiger Staat gewesen und hat alle möglichen Dinge auf den Weg gebracht. Es war ein Land mit mittleren Durchschnittseinkommen und einem politischen System, das in punkto Stabilität seinesgleichen suchte in Europa. Zwei Parteien haben sich beim Regieren abgewechselt, und drei oder vier Jahrzehnte lang hat sich daran nichts geändert.
Damit ist es vorbei. Das ist zu Ende. Diese beiden Parteien sind vollkommen diskreditiert. Die Mitte ist ausgehöhlt. Parallel dazu erstarken die Parteien der Linken und die Parteien der extremen Rechten.
Das meinte ich, als ich zuvor über die Verunsicherung, die Niedergeschlagenheit und die Verärgerung der kleinen Leute sprach. Die erwarten von der politischen Mitte keine Lösungen mehr; stattdessen schauen sie auf die beiden Endpole des politischen Spektrums. Momentan ist dort die dominierende Seite die Linke. Die Leute orientieren sich nach der Linken. Sie erwarten die Lösung von der Linken, von SYRIZA.
Allerdings orientieren sich immer mehr Menschen - Menschen, die sich gewohnheitsmäßig an der Mitte-Rechts-Politik orientierten - mittlerweile an der extremen Rechten. Und das hat eine Logik. Es hat eine Logik. Wenn die rechte Mitte sich selbst diskreditiert hat, werden eine Menge Leute sich an der extremen Rechten orientieren, die das Versprechen von Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit liefert, die mit Immigranten in dem Sinne verfährt, was sie unter Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit verstehen, und all diese Dinge. Dies kann sehr schnell passieren. Das kann sehr rasant geschehen.
"Ich bin hierher gekommen, um die Situation vor Ort zu verstehen."Verständnis. Kommt immer gut.
"Enge Kontakte führen zu einem besseren Verständnis."Besseres Verständnis kommt noch besser.
"Was der Besuch für die Griechen bedeutet, weiß ich nicht."Wie sollte sie auch. Mit denen pflegt sie ja keine engen Kontakte.
"Griechenland ist in einer schwierigen Phase, sollte aber den Weg zu Ende gehen, den es begonnen hat..."Kommt gut zuhause. Erst Verständnis, dann Härte.
"...sonst wird alles noch viel härter werden..."Eben. Härte zeigen.
"...es geht um unsere Kinder und Enkelkinder."Kommt auch gut. Erst Härte, dann ein bisschen Wischi-Waschi-Wärme. Um wessen Kinder und Enkelkinder ging es gleich nochmal? Egal, die Merkelversteher zuhause werden schon verstehen, was mit "unsere" gemeint war. Muss man denen doch nicht extra erklären, dass einem die arbeitslosen griechischen Kinder und Enkelkinder (knapp 55 Prozent) sonstwo vorbeigehen.
"Sie hat Respekt bekundet für die Opfer, die wir bringen."Respekt. Das Zauberwort schlechthin. Kommt gleich nach Verständnis. Kommt gut, kostet nix. Zwischen Respekt bekunden und Respekt haben liegen Welten, ist aber eh wurscht, so genau nimmt es der Merkelversteher zuhause nicht.
"Mit ihrem Besuch hat sie ihr Image in der internationalen Presse verbessert." (Samaras)Genau, ums Image. Hätten wir fast vergessen, vor lauter Respekt und Verständnis und Opfer und Härte. Wie, Merkel hat ein Imageproblem? Bei wem? Mit Sicherheit bei den Griechen. Muss man aber verstehen. Weil, ohne Imageproblem bei den Griechen hätte die Eiserne mit dem blutenden Herzen ein Imageproblem bei sich zuhause, bei den Merkelverstehern. Aber jetzt, wo die Griechen wie auf Knopfdruck reagiert haben und die zuhause alle sehen können, dass die da unten im Süden nicht nur faul, sondern obendrein undankbar und unverschämt sind, läuft alles wie am Schnürchen.